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http://www.arcliive.org/details/allgemeinegeschi02eber
ALLGEMEINE GESCHICHTE
DER
LITERATUR DES MITTELALTERS
IM mmmm
f
VON
ADOLF EBBET.
ZWEITER BA^sD.
LEIPZIG,
VERLAG VON F. C. W. VOGEL.
18S0.
JUN 1 5 1933
Si 7f
Die
Lateinische Literatur
vom Zeitalter Karls des Grossen bis zum Tode
Karls des Kahlen.
Das Recht der Uebersetzimgen ist vorbehalten.
Vorrede.
Der vorliegende Band, den früher zu vollenden ich durch
manche Störung meiner Gesundheit behindert ward, führt in
zwei Büchern, dem vierten und fünften, nur die Geschichte der
lateinischen Literatur des Mittelalters bis zum Tode Karls
des Kahlen; dem folgenden Bande ist es vorbehalten, im sechsten
Buche die Geschichte der Nationalliteraturen des Abendlands,
d. h. hier allein der germanischen, von ihren Anfängen bis zu
demselben Zeitpunkt zu erzählen, worauf das siebente die karo-
lingische Literatur auf beiden Gebieten, dem der lateinischen wie
dem der Nationalliteraturen, unter welchen dann auch die roma-
nischen vertreten erscheinen, zusammen bis zu Ende behandeln
wird. Dass mit den letzten Decennien des neunten Jahrhunderts
in der lateinischen Literatur eine Wendung eintritt und man
daher mit dem Tode Karls des Kahlen füglich eine Periode
derselben abschliessen kann, jedesfalls um diese Zeit einen
Zeitabschnitt zu machen hat, wird die Fortsetzung des Werkes
lehren. In dem siebenten Buche werde ich auch erst bei einer
allgemeinen Betrachtung der liturgischen Poesie, die durch das
Aufkommen der Sequenzen einen neuen Impuls erhält, die Hym-
nendichtung des neunten und der Anfänge des zehnten Jahr-
hunderts im Zusammenhange behandeln, denn die Abfassungs-
zeit der meisten dieser Gedichte lässt sich nur nach Jahrhun-
derten bestimmen.
Die Ueberwindung der mannichfachen Schwierigkeiten,
welche die Ausführung meiner Arbeit bot, wurde nicht nur
durch manche tüchtige, namentlich historische Monographien,
die ihres Orts genannt sind, erleichtert, sondern auch durch einige
allgemeinere Werke von Bedeutung, welche hier besonders her-
vorgehoben zu werden verdienen. Ich nenne einmal zwei vor-
1^^
VI VORREDE.
treffliche Gesehichtswerke, Simsons Jahrbücher des fränkischen
Reichs unter Ludwig dem Froramen und Dümmlers Ge-
schichte des ostfränkischen Reichs. Der letztere hat sich auch
um die karolingische Literatur und ihre Geschichte besondere
Verdienste erworben durch die Herausgabe vieler unedirten Ge-
dichte, durch welche er die bald zu erwartende Sammlung der
Poetae lutini aevi Carolini ') in den Monumenten der deutschen
Geschichte vorbereitete, dann nicht minder durch die im 4. Band
des Neuen Archivs der Gesellschaft ftir ältere deutsche Ge-
schichtskunde 1879 erschienene Abhandlung: Die handschrift-
liche Ueberlieferung der lateinischen Dichtungen aus der Zeit
der Karolinger.-) Zu besonderem Dank bin ich noch dem all-
gemein anerkannten Buche von Wattenbach : Deutschlands Ge-
schichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahr-
hunderts verbunden. In bibliographischer Beziehung war mir
auch Bährs Geschichte der römischen Literatur im karolingischen
Zeitalter, Carlsruhe 1840 (3. Supplementband der Gesch. der
röm. Lit.) von einigem Nutzen.
Noch habe ich — wegen der Angabe der Seitenzahl — zu
bemerken, dass die von mir angeführte Ausgabe der Acta S. S.
ord. S. Benedicti Mabillons die in Venedig 1733 erschienene ist.
1) Diese Sammlung, von welcher der erste Band schon im nächsten
Winter erscheinen soll , wird die von uns hier behandelten Gedichte ver-
eint und mit allem textkritischen Apparat bringen.
2) Da ich diese Arbeit so häufig zu citiren hatte, habe ich mich auf
die Abkürzung: Dümmler, N. A. stets beschränkt.
Leipzig im Juni 1880.
A. Ebert.
Inhalt.
Viertes Buch: Die lateinische Literatur im Zeit-
alter Karls des Grossen.
Seite
Einleitung 3
I. Kapitel. Alcuiu 12
II. ,. Paulus Diaconus 36
III. „ Epische Dichtung: Hibernicus exul, Angilbert ... 56
IV. „ Eklogen : Naso, Conflictus veris et hiemis .... 64
V. „ Theodulf 70
VI. „ Ethelwulf 85
Vn. „ Volksmässige weltliche Dichtung. Paulin von Aquileja 86
VlII. „ Einhard. Reichsannalen 92
IX. „ Heiligenleben: Eigil, Liudger 104
X. „ Smaragdus 108
Fünftes Buch : Die lateinische Literatur vom Tode
Karls des Grossen bis zum Tode Karls des
Kahlen.
Einleitung 115
I. Kapitel. Raban 120
IL „ Walahfrid Strabo 145
III. „ Gottschalk 166
IV. „ Ermoldus Nigellus 170
V. „ Ermenrich von Ellwangen 179
VI. ^ Lothringen: Wandalbert, Sedulius Scotus .... 185
VII. . Westfrancien : Lupus 203
VIII
Inhalt.
Seite
VIII. Kapitel. Publicistik. Agobard 209
IX. „ Claudius und seine Gegner Dungalus und Jonas . 222
X. „ Paschasius Radbert. Ratramnus 230
XI. „ Hincmar von Reims 247
Xn. „ Johannes Scotus Erigena 257
XIII. „ Prudentius. Florus. Audradus 267
XIV. ,. MUo. Heiric 277
XV. ' V Eklogen und Elegien: Agius, Ildericus, Bertharius 292
XVI. „ Eulogius. Alvarus 299
XVII. „ Volksmässige rythmische Dichtung 311
XVni. „ Historiographie. Heiligenleben und Translationen
Ostfrancieus 328
XIX. „ Heiligenleben und Translationen Westfranciens . . 344
XX. „ Weltliche Biographien: Vitae Ludovici .... 358
XXI. „ Reichsannalen. Nithard 365
XXII. „ Geschichten von Bisthümern und Klöstern . . . 374
XXIII. „ VV^eltchronik : Frechulf, Ado 380
XXIV. ,. Nationalgeschichte: Nennius, Erchanbei-t .... 387
XXV. „ Geographie: Dicuil, Bernard 392
Viertes Buch.
Die lateinische Literatiu* im Zeitalter Karls des Grossen.
Ebert, Literatur des Mittelalters II.
EINLEITUNG.
Ein neuer Aufschwung, ja eine Wiederherstellung der Welt-
literatur beginnt mit und durch Karl den Grossen. Am Ende
der vorigen Periode fanden wir eine literarische Kultur im
Abendlande nur noch im Norden und Südosten, in Britannien
und Italien, aber wirklich productiv bei den Angelsachsen allein,
welche die Bildungsmittel der Italiener wie der Iren sich an-
geeignet, um sie schöpferisch zu verwerthen. Das Herz des
Abendlandes, das Frankeureich, das grösste und mächtigste der
neuen Reiche, welches die christliche Bildung mit dem Schwert
gegen den anstürmenden Islam geschirmt hatte, war seit den
Tagen des Fortunatus aller literarischen Kultur entfremdet. Karl
führt sie dorthin zurück, ja er macht es zum Hauptsitze der-
selben, und selbst für das ganze Mittelalter, indem er von hier
aus das neue germanisch-romanische Weltreich gründete. Mit
der Hei-stellung desselben geht die Restauration der Weltlite-
ratur Hand in Hand. Dieselben historischen Momente erschei-
nen bei der einen wie bei der andern wirksam: die nahe Be-
ziehung des Pippinschen Königshauses zu den Angelsachsen und
die Eroberung des langobardischen Reiches. Die Christianisi-
rung von Deutschland durch Bonifatius und seine Schüler und
Schülerinnen war die erste Voraussetzung des neuen Weltreichs,
dessen Schwerpunkt im Germanenthum ruhte, und zugleich die
erste Bedingung der literarischen Kultur diesseits des Rheines,
welche selbst bereits von jenen angelsächsischen Missionen hier
angepflanzt ward. Von nicht geringerer Bedeutung aber war
4 Einleitung
für das neue Iraperium der Zukunft die Einfügung der deut-
schen Kirche durch Bonifatius in den Organismus der allge-
meinen katholischen, wodurch zugleich die Beziehungen der
Arnulfingen zu dem Papstthum wesentlich verstärkt wurden.
Ein Angelsachse ist es auch, der, von Karl dem Grossen be-
rufen, dessen Hof zum Mittelpunkt der Gelehrsamkeit und zur
Wiege elnei; neuen literarischen Bewegung im Abendlande
macht: der Schüler Egberts, eines Schülers von Beda, Alcuin;
in ihm reicht diese Literaturperiode der vorausgehenden die
Hand. ')
Alcuin aber wurde erst fünf Jahre nach der vollen Unter-
werfung der Langobarden, in Italien selbst von Karl berufen
(781). Wie die Eroberung des Langobardenreichs wahrhaft den
Grund zu dem neuen Imperium legte, da sie die thatsächliche
Herrschaft über Rom zur Folge hatte, so hat sie auch erst das
Bildungsbedürfniss , das die acht germanische, universell an-
gelegte Natur Karls erfüllte und durch das ganze Leben be-
seelte, ihm zum vollen Bewusstsein gebracht. Die feine Civili-
sation der lango bardischen Grossen (wesentlich eine Frucht der
in jenem Lande conservirt'en grammatischen Schulen), die nahen
Beziehungen zu der Curie, die Begegnung mit angesehenen Ge-
lehrten, Italienern wie Fremden, der gewaltige Eindruck der
Denkmäler der antiken Architektur und Skulptur — all das
musste in Italien dahin wirken, Karl die grossen Lücken seiner
eigenen Bildung und den geringen Stand der seines Volkes er-
kennen zu lassen. Und indem die Verhältnisse von selbst in
dem „Könige Germaniens, Galliens und Italiens", wie Alcuin
einmal in einem Briefe v. J. 796 -) Karl anredet , das wenn
auch anfangs nur dunkle Streben nach der Wiederherstellung
des abendländischen Kaiserthums erwecken mussten, musste
auch der Wunsch Karls, sich in den Vollbesitz der überliefer-
ten christlich-römischen Bildung zu setzen, immer mehr sich
steigern, wie andrerseits wieder die Aneignung dieser Bildung
erst jenes Streben zu einem bewussten machte und ihm eise
ideale Weihe gab. So konnte erst die Civitas dei Augustins,
1) Der Monachus Sangallensis macht üb. I, cap. 2 Alcuin geradezu
zum Schüler des Beda.
2) Alcuini Epistolae in : Monumenta Alcuiniana a Ph. Jaffeo praeparata
ediderunt Wattenbach et Duemmler. Berlin 1S73. Ep. 6" (p. 307).
zum vierten Buch. 5
seine spätere Lieblingslectüre , Karl die christliche Bedeutung
des Imperium vollkommen erschliessen.
Karl begnügte sich aber nicht mit der Berufung des aus-
gezeichneten angelsächsischen Lehrers, welcher in Begleitung
von drei Schülern als seinen Gehülfen, Wizo, Fridugis und Sigulf,
7S2 an Karls Hofe erschien; er zog zugleich auch ein paar
Gelehrte Italiens an denselben, den schon bejahrten Gramma-
tiker Petrus von Pisa und den Langobarden Paulus, den Diacon.
Alcuin und Petrus wurden Karls eigene Lehrer, namentlich der
erstere, den er auch als seinen Magister y.ca' lioyj^v bezeichnet,
während des andern Unterricht, der specifisch italienischen Bil-
dung entsprechend, sich nur auf die Grammatik beschränkte.
Alcuin ward zugleich Vorstand der Hofschule, die er durchaus
restaurirte, im Geist und nach dem Vorbild des angelsächsischen
Schulwesens. Die Angelsachsen aber verstanden sich auch auf
den Laienunterricht und selbst in den höchsten Kreisen: ihre
bedeutendsten Lehrmeister waren ja selbst aus den vornehm-
sten Ständen hervorgegangen, ein Aldhelm wie Egbert waren
von königlichem Geschlechte. Je ärger nun die Verwahrlosung
der Studien an dem fränkischen Hofe gewesen war — vermoch-
ten doch die Pippiniden nicht mehr, wie selbst noch die letz-
ten Merowinger, ihren Namen zu schreiben — ,' desto grösser
und allgemeiner war jetzt dort die Lernbegierde: auch die
Frauen nahmen au dem Unterrichte Theil, die Töchter Karls,
seine Schwester, seine Base, indem auch hierin das Vorbild der
Angelsachsen wirksam gewesen sein mag. ^)
Nur um so leichter wurde das literarische Interesse hier
aus der Schule in die Gesellschaft übertragen. Und so bildete
sich allmählich ein engerer der Wissenschaft ergebner Hofkreis,
den man mit einer Akademie verglichen und also benannt hat.
Alcuin selbst nennt einmal Karls gelehrten Hofstaat oro^ew/c/.-)
Die von dem gleichen Streben nach weiterer geistiger Ausbil-
dung beseelten Schüler und Freunde Alcuins traten durch dieses
in einen vertraulicheren Verkehr, der sie über die Schranken
des Standes und Lebensberufs hinwegsehen Hess, indem sie sich
gegenseitig mit besonderen Beinamen nannten als Merkmal und
1) S. Bd. I, S. 5S7 u. 615.
2) Ep. 241 (p. 775): evangelicas quaestiones achademicis ve-
stris a nobis enucleandas inquiritis.
G ' Einleitung
Zeugniss jenes gemeinsamen Strebens, das ein Band von freund-
schaftlichem Charakter werden musste ; so schieden sie zugleich
sich von den Uneingeweihten. Alcuin, der offenbar diese Sitte
dort eingeführt, welche auch nur eine Ueberlieferung der Angel-
sachsen war 1), gibt selbst die „Familiarität'' als den Grund der-
selben an.-) Für den Charakter der neuen literarischen Bewegung,
die von diesen Männern ausgeht, ist aber die Wahl der Namen
höchst bezeichnend, sie sind nämlich ebensowohl dem klassi-
schen Alterthum als der Bibel, namentlich dem alten Testament,
entlehnt : wie Alcuin nach Horaz Flaccus, so heisst Karl selbst
nach dem königlichen Sänger und Krieger des alten Bundes Da-
vid, wie Karls Schwiegersohn Angilbert Homer, so Einhard Bese-
leel nach dem kunstreichen Ausschmücker der Stiftshütte, so füh-
ren andre die Namen Naso und Aaron ; selbst den Belogen Virgils
sind solche Beinamen, und nicht selten, entnommen, wie Menal-
cas, Thyrsis, Damoetas. Andre sind allerdings, wie bei den
späteren Humanisten, nichts weiter als lateinische Ueberti*a-
gungen, so wenn Wizo Candidus, Arno Aquila genannt wird.
Aber auch Frauen dieses Kreises führen solche vertrauliche
Namen, wie Karls Schwester, die Aebtissiu Gisela, die Alcuin
wegen ihrer Hochschätzung der Bücher rühmt, Lucia, und
Gundrad, die gelehrte Base des Kaisers, Eulalia, sowie seine
Tochter Rotrude Columba heissen. Man ersieht hieraus schon
den ganz gesellschaftlichen Charakter dieser Sitte. 3)
Dieser engere wissenschaftlich gebildete Hofkreis Karls
schmückte und hob die Unterhaltung durch Kunst und Wissen-
schaft: so wurden bei und nach der Tafel Räthsel aufgegeben,
musicirt, Gedichte vorgelesen und receusirt, aber auch specu-
lative Fragen behandelt und Kapitel der Civitas dei, dieses so
tief und vielseitig anregenden Werkes, vorgetragen. Karl war
überall der belebende Mittelpunkt, da seine Wünsche ja mass-
gebend waren, Alcuin aber auch hier seine rechte Hand; in
1) So gibt schon Aldhelm seinem Schüler, dem König Alfred vonNorthum-
brien den Namen Acircius in dem ihm gewidmeten Werke. S. Bd. I, S. 590.
2) Ep. 199 (p. 6S6): Saepe familiaritas nominis immutationem solet
facere: sicut ipse Dominus Simonem mutavit in Petrum. et filios Zebedei
filios nominavit tonitrui. Quod et iam antiquis vel his novellis diebus pro-
bare poteris.
3) Eine sorgfältige Zusammenstellung aUer der Namen s. in Dümmlers
Artikel: Alcuin, in der Allgem. Deutschen Biographie Bd. 1, S. 345.
ziim \-ierten Buch. 7
diesem Hofkreis war in der That wieder eine „Gesellschaft"
geschaffen, in welcher die Wissenschaft, in so beschränktem
Masse dies auch der Fall sein mochte, in allgemeine humane
Bildung umgesetzt erscheint. — Aber die sogenannte Akademie
bedeutete doch noch mehr für den König. So sehr auch Karl
durch den Unterricht des Petrus wie des Alcuin seine Kennt-
nisse vermehrt hatte, sein Wissensdurst war hierdurch nur ver-
stärkt worden; er bedurfte gleichsam eines gelehrten Hofstaats,
um auf alle seine wissbegierigen Fragen, welche die verschie-
densten Wissenschaften, wie Theologie, Grammatik und Astro-
nomie, betrafen, alsbald eingehende und ausführliche Antwort
zu erhalten — ein Bedürfniss das sich noch mehr geltend
machte, als Alcuin den Hof verlassen hatte und nach Tours
übergesiedelt war. Dieselben Gelehrten haben denn auch, und
vornehmlich die jüngeren, die wissenschaftliche Correspondenz
des Königs, namentlich mit seinem ,Magister', nach seinen An-
gaben oder Dictaten geführt. 0
Die Literatur aber, die aus diesem gelehrten Hof kreise
Karls hervorgeht, reiht sich, so eigenartig sie auch zum Theil
ist, doch an die lateinische der Angelsachsen sowie an die
Dichtung des letzten Poeten von Bedeutung im Frankenreiche,
des merowingischen Hofdichters Fortunatus an, welcher zugleich
die Schulpoesie seiner Keimath Italien vertritt, so also gleich-
sam als Vorfahr des Petrus von Pisa und des Paulus Diaconus
erscheint. Wie die angelsächsische Literatur und die Dichtung
des Fortunatus, geht die karoliugische Literatur, ganz im Gegen-
satz zu der älteren christlich-lateinischen, nicht von der Kirche,
sondern von der Schule aus ; wenn auch diese Schule noch
eng mit der Kirche verknüpft war, doch ein sehr wesentlicher
Unterschied! So werden auch die klassisch-lateinischen Auto-
ren und namentlich die Dichter, vor allen Virgil und Ovid,
ihre Vorbilder, zunächst in formeller Beziehung, aber indem
die gelehrte Bildung hier zuerst im Mittelalter in epochemachen-
der Weise auf den Boden der Gesellschaft tritt, auch in Bezug
auf den Inhalt. In dieser Rücksicht wirkt zugleich auf das
bedeutendste der Gedanke der Wiederherstellung des abendlän-
1) S. Ale. Ep. 112 (p. 4.59): Vestra — so schreibt Alcuin an Karl —
vero auctoritas palatinos erudiat pueros, ut elegantissime proferant, quic-
quid vestri sensus lucidissima dictaverit eloquentia, ut ubique regalis no-
minis carta decurrens regalis sapientiae nobilitatem ostendat.
8 Einleitung
disclien Imperium ein: man sieht in Karl einen zweiten Augii-
stus. Und so entstellt eine weltliche, auch von Laien gepflegte
Dichtung wieder, so zeigen sich bereits die Anfänge einer Hof-
poesie und einer nationalen Epik, die auch der politischen Ten-
denzen nicht ermangeln. Dies wird die folgende Darstellung
der Literatur im einzelnen veranschaulichen.
Ging mm die Initiative zu der Erneuerung der literarischen
Kultur im Frankenreiche — die, gleichwie dieses zum Welt-
reich, zur Erneuerung der Weltliteratur wurde — von Karl dem
Grossen aus, so sorgte er nicht minder auch für die Verbrei-
tung derselben, indem er zunächst bemüht war die Bildung der
Geistlichen, der Lehrer des Volkes, dann durch Errichtung und
Verbesserung der Schulen dieses selbst zu heben. Hierzu trieb
Karl schon sein eignes Bildungsbedürfniss, noch mehr dann das
lebhafteste Gefühl von der Verpflichtung des christlichen Herr-
schers, die Bürger seines Keichs für den Gottesstaat zu erziehen,
eine Verpflichtung, die sich ihm um so mehr aufdrängte, je
souveräner er gleich einem andern Constantin über die Kirche
gebot und je mehr er zum Imperator, zum Weltherrscher sich
berufen fühlte. Jene Fürsorge Karls bekundete sich in ver-
schiedenen Verordnungen.
So richtete Karl im Jahre 787 ein Rundschreiben ') an alle
Bischöfe und Klöster, worin er sie auf das eindringlichste er-
mahnt, die studia litierarnim zu pflegen, indem er dem rechten
Leben das rechte Reden als Gott gleich wohlgefällig zur Seite
stellt 2), und darauf hinweist, dass erst diese Studien die Be-
fähigung verliehen, in den tiefern Sinn der Bibel einzudringen.
Er wünscht die Geistlichen ebenso gelehrt als fromm, dann wür-
den sie erst die Religion würdig vertreten. Diese Encyclica hatte
eine bestimmte Veranlassung, es waren die vielen fehlerhaften
Schreiben, die von Klöstern an den König in den letzten Jahren
gerichtet waren. In einer andern Encyclica 3) an den Klerus
1) Monumenta Germaniae bistor. Leges I, p. 52. — Monum. Carolina
ed. Jaffe. Berlin 1867. p. 343.
2) qualiter, sicut regularis norma honestatem morum, ita quoque
docendi et discendi instantia ordinet et ornet seriem verborum, ut qui Deo
placerp appetunt recte vivendo, ei etiam placere non neglegant recte lo-
quendo.
3) Monum. Germ. hist. 1. 1. p. 44. S- über die Zeit des Erlasses Dahn
{Paulus Diaconus I, S. 52 if.), der ihn nicht mit Unrecht erst nach 786 setzt.
zum vierteil Buch. 9
erklärt er, seinen Dank für die ihm im Kriege wie im Frieden
bewährte göttliche Gnade durch eine Besserung des Zustandes
der Kirchen bezeigen zu wollen, und zwar indem er die ver-
gessene Werkstätte der Wissenschaft wiederherstelle und durch
sein eignes Beispiel zum Studium der freien Künste auffordere.
So habe er schon früher den durch die Unwissenheit der Schrei-
ber entstellten Bibeltext bessern lassen. Jetzt aber habe er
nach dem Beispiel seines Vaters, der die Kirchen mit dem römi-
schen Gesänge geschmückt, für eine andre Verbesserung des
Kultus Sorge getragen, indem er durch Paulus Diaconus aus
den Werken der katholischen Väter eine Blumenlese von Homi-
lien habe ausziehen lassen, um an der Stelle der bisher beim
Abendgottesdienst gebrauchten Lectionen, welche durch eine
Unzahl von Sprachfehlern entstellt wären, zu dienen. In dem
berühmten Capitulare vom Jahr 789 verlangt Karl die Verbin-
dung von Schulen mit allen Episcopalkirchen und Klöstern,
wo nicht bloss Kinder von Leibeigenen (aus welchen der Klerus
sich gewöhnlich ergänzte), sondern auch von Freien, Edlen
(ingenui) unterrichtet werden sollen, und zwar in den Psalmen,
Noten, Gesang, Computus und Grammatik, und er dringt darauf,
dass die geistlichen Bücher wohl emendirt sind. Evangelium,
Psalterium und Missale sollen deshalb nur Erwachsene abschrei-
ben und mit aller Sorgfalt, i) Sind auch diese Schulen zunächst zur
Ausbildung des Klerus bestimmt gewesen, wie auch in dem Capi-
tulare ausdrücklich angezeigt wird -), so sollten sie doch darauf
sich nicht beschränken: wird doch in einem späceren Capitulare
von 802 geradezu gefordert, dass ein jeder seinen Sohn zur Erler-
nung des Lesens in die Schule schicke und ihn bis zur VolL
endung des Uutemchts dort verweilen lasse. 3) — Auch die
1) Monum. Gemi. bist. 1. 1. p. 65. Cap. Xo. 71. — Auf die Anwendung
der ganz ausser Gebrauch gekommenen Interpunction drang Alcuin bei dem
Kaiser in dem oben S. 7 Anm. 1 citLrten Briefe : Punctorum vere distinetiones
vel subdistinctiones licet omatun} faciant pulcherrimum in sententüs. tarnen
usus illorum propter rusticitatem pene recessit a scriptoribus. Sed sicut
totius sapientiae decus et salutaris eruditionis ornatus per vestrae nobili-
tatis industriam renovari incipit, ita et horum usus in manibus scribentium
redintegrandus esse optirae videtur.
2) A. a. 0.: Et ut scolae legentium puerorum fiant — sonst auch
scholae lectonim genannt, im Gegensatz zu der Sängerschule, s. z. B. Mo-
num. Carolina ed. Jaffe, p. 421.
3) Ut unusquisque filium suum litteras ad discendum mittat et
10 Einleitung
Pflege des von Pippin eingeführten römischen Kirchengesangs
wird in dem erstgenannten Capitulare den Geistlichen von neuem
in Erinnerung gebracht, i) Karl Hess sich auch zu diesem Zweck
zwei Singlehrer vom Papste senden. — Am wirksamsten aber
war für die Verbreitung der wissenschaftlichen Bildung die
Uebertragung der angesehensten Bisthümer und Abteien an die
in der Hofschule und in der durch Alcuin gegründeten Muster-
klosterschule von Tours gebildeten"-) oder von auswärts berufe-
nen ausgezeichneten Gelehrten. Auf die Laien aber musste das
Beispiel des Kaisers, auf das er selbst auch hinzuweisen
pflegte, von dem grössten Einfluss sein.
Und in der That durfte Karl auf sein Beispiel sich berufen.
Ihm hatten die unermüdlich betriebenen Studien, das stetig fort-
dauernde universelle Interesse an der Wissenschaft die Frucht
wahrer Bildung gezeitigt. Mit Recht erhoben die Zeitgenossen
seine Weisheit. Ihm hat Gott, meint Alcuin, auch schon um
die Weisheit zu zieren, die Kaiserkrone gegeben. 3) Die Forde-
rung Plato's dass die Philosophen herrschen sollen, sieht er
durch ihn erfüllt. 4) Alcuin selbst aber, und dies ist dessen
grösstes Verdienst, hat Karl die Wege der Wissenschaft geführt
und ihm das Ziel stets vor Augen gehalten. Nichts ist zum
Regieren uothwendiger als die Weisheit : wie oft spricht er dies
direct und indirect in seinen Briefen an Karl aus.^) — Die Auf-
klärung Karls, die er namentlich auch seinem Sinn für Mathe-
matik und Astronomie verdankte, gibt sich auch in seiner ge-
setzgeberischen Thätigkeit kund. So bekämpft er in dem zu-
erst erwähnten Capitulare mancherlei Aberglauben des Volkes,
der nur zu oft von den Geistlichen unterstützt, ja gepflegt wurde,
wie das Taufen der Glocken, den Hagelschutz durch an Ruthen
aufgehängte Papiere, die wohl Beschwörungsformeln enthielten,
das Befragen der Bibel durch Aufschlagen aufs Geradewohl
um die Zukunft zu erfahren, sowie andre Weissagungen. Karls
religiöse Aufklärung zeigt sich aber vornehmlich in der Stellung,
ibi cum omni sollecitucline permaneat usqne dum bene instructus perveniat.
Monum. Germ. bist. 1. 1. p. 107.
1) 1. 1. p. 60, No. 79.
2) Monachus Sangallensis, Kb. I, cap. 9 init.
3) Ep. 241 (p. 775).
4) Ep. 170 (p. 613).
5) Vgl. Ep. 78 (p. 347).
zum vierten Buch. 11
welche er zu dem von Byzanz angefachten Bilderstreite ein-
nahm. Nicht allein in der Verwerfung einer jeglichen Adora-
tion der heiligen Bilder, sondern mehr noch in der rationellen
Begründung dieses Beschlusses der Frankfurter Synode, der nur
der Ausdruck der Willensmeinung Karls war, offenbart sich
recht seine gesunde, durch die romanische Bildung nur geläu-
terte germanische Natur. Von der romanischen Bigotterie war
ihm nichts eigen. Das beweisen auch recht manche Anekdoten
der Folgezeit, die von Geistlichen erzählt des grossen Kaisers
Frömmigkeit verdächtigen. Auch ein Zeugniss seiner allge-
meinen Bildung, das ihn über seine Zeit erhebt, ist das natio-
nale Interesse, das er nach Einhard an der Sprache und Poesie
seines Volkes nahm, jene grammatisch behandelt, diese gesam-
melt und aufgezeichnet zu sehu.^
1) Eeuter, Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittelalter. Bd. I.
Berlin IS" 5. — Kettberg, Kirchengeschichte Deutschlands. Göttingen lS4t] —
4S. 2 Bde. — Lorentz. Karls des grossen Privat- und Hofleben. In: Eaumers
histor. Taschenbuch Bd. III. 1S32. — Phillips, Karl der Grosse im Kreise
der Gelehrten. In: ALmanach der kais. Akademie der Wissensch. in Wien
1S56. — Oebeke, De academia Caroli Magni. Gymn. Progr. von Achen
1847. — Büdinger, Yon den Anfängen des Schulzwangs. Festrede. Zürich
1865. — Ebert, Die literarische Bewegung zur Zeit Karls des Grossen. In:
Deutsche Rundschau. Bd. XI. IST".
ERSTES KAPITEL.
ALCUIN.
An der Spitze der Autoren dieser neuen Periode der Weltlite-
ratur, welche der schöpferische Genius Karls ins Leben rief, in-
dem er den Boden bereitete und bestellte, auf dem sie erwuchs,
steht mit Recht der Mann, dem er selbst hauptsächlich seine
wissenschaftliche Bildung verdankte, und der das Hauptwerk-
zeug für die Ausführung seiner Absichten war — Alcuin. 0
Niemand konnte dazu mehr berufen sein, als dieser Vertreter
des in der literarischen Kultur damals am meisten fortgeschritte-
nen rein germanischen Stammes. Die nationale Verwandt-
schaft machte Alcnin erst zum wahren Organ Karls, sie machte
erst jene vollkommene geistige Wechselwirkung zwischen bei-
den möglich , sie Hess zugleich mit der politischen Weltherr-
schaft jetzt auch die literarische für die karolingische Zeit auf
die Germanen übergehn, denn die bedeutendsten Autoren der-
1) B. Flacci Albini seu Alcuini opera cura et stud. Frobenii. 2 Tom.
in 4 Voll. Regensburg 1777. — *Moüumenta AIcuiniana a Ph. Jaffe prae-
parata edid. Wattenbach et Duemmler (Bd. YI der Bibl. rer. german. Jaffe's),
Berlin 1S73. (Darin: Vita Willibrordi, De patr. reg. et sanctis Euboricae
und Epistolae). — *Disputatio de rhetoi-ica et de virtutibus sap. reg. Karli
et Albini magistri, in: Rhetores latini minores ed. Halm. Leipzig 1S63. —
*Disputatio Pippini cum Albino scholastico herausgeg. von W. Wilmanns
in Zeitschr. f. deutsch. Alterthum. N. F. Bd. II. (IS69). S. 530 ff.
Lorentz, Alcuins Leben, ein Beitrag zur Staats-, lüi-chen- und Cultur-
geschichte der karolingischen Zeit. Halle 1S29. — Monnier, Alcuin et Charle-
magne avec des fragments d'un commentaire iuedit d'Alcuin etc. 2e ed.
Paris 1S63. — Dümmler, Alkuin, in der Allgemeinen Deutschen Biographie.
Bd. I. Leipzig 1S75. — Zeissberg, Alcuin und Arno, in: Zeitschrift f. österr.
Gymnas. 13. Jahrg. 1S62. — Sickel, Alcuinstudien in: Sitzungsber. der phil.
bist. Cl. der Wiener Akad. Bd. LXXIX, 1S75. — Dümmler, N. A. S. llSff.
Alcuin. Leben. 13
selben sind fast alle, wie schon ihre Namen zeigen, germani-
scher Abkunft.
Alcuin, der als Schriftsteller auch Albinus ') gern sich nannte,
war, von edlem Geschlecht, um d. J. 735 in York geboren. Wie
sein Verwandter, der berühmte Missionarbischof Willibrord und
wie einst Beda, war er schon als kleines Kind dem dortigen
Kloster übergeben. In der Domschule, deren Vorstand der Erz-
bischof Egbert war, erhielt er seine Bildung. Mehr noch als
Egbert war sein Lehrer ein Verw^andter desselben, Aelbert, der
eigentliche Magister der Schule. Ihn zeichnete eine seltene
Universalität des Wissens und ein ebenso grosser Lehreifer aus,
die bald die Schule weithin berühmt machten, so dass selbst
Ausländer sie bezogen. Alcuin, der schon als Kind das grösste
Interesse an den Studien zeigte und namentlich von Virgil ent-
zückt war, gehörte bald zu den besten Schülern und so beglei-
tete er denn auch seinen Lehrer Aelbert auf einer der wissen-
schaftlichen Reisen, die dieser unternahm, um, wie Alcuin selbst
sagt, „etwas Neues von Büchern oder Studien zu finden."-)
Diese Fahrt ging nach Rom, dem Hauptziel solcher Reisen.
Alcuin wurde dann aus dem Schüler der Gehülfe Aelberts, na-
mentlich als dieser nach Egberts Tod 766 Erzbischof wurde.
Als Aelbert aber 12 Jahre später resignirte, theilte er seine
Aemter unter seine zwei Lieblingsschüler: Eanbald erhielt das
Erzbisthum, Alcuin dagegen, der zum Diacon geweiht war, die
Schule und die reiche Bibliothek zur Verwaltung. Xach Aelberts
Tod 780 begab sich Alcuin, um für Eanbald das Pallium zu
holen, nach Rom. Auf der Rückkehr von dort im folgenden
Jahre war es, wo er in Parma mit Karl dem Grossen zusam-
mentraf — den er bereits früher bei Gelegenheit einer Sen-
dung von seinem Lehrer Tvennen gelernt — und die Berufung
empfing.
1) Den Namen mehr latiiiisirend. Derselbe erscheint auch in Verbin-
dung mit Flaccus: Flaccus Albinus, z. B. Ep. 4 u. TS. — Vgl. auch Ep. 155
(p. 582).
2) Xon semel externas peregrino tramite terras
lam peragrant ovans, sophiae deductus amore:
Si quid forte novi librorum seu studiorum,
Quod secum ferret, terris reperiret in illis.
De sanctis Euboricae urbis v. 1454 ff. Es erinnert dies ganz an die
Entdeckungsreisen der Humanisten der späteren Zeit.
14 Alcuin.
Von Karl mit den Abteien von Ferrieres und Troyes aus-
gestattet, verweilte Alcuin an dessen Hofe zunächst acht Jahre,
indem in diesen Zeitraum seine Hauptthätigkeit an der Hof-
schule und für die Ausbildung Karls selbst fällt. Alcuin wirkte
aber dort nicht bloss als vortrefflicher Lehrer — welche Wirk-
samkeit die Betrachtung seiner Werke genauer darlegen wird
— sondern auch durch seinen geistig anregenden Umgang. Al-
cuin war kein Pedant, er zechte fröhlich mit beim heitern Kö-
nigsmahle, er gerade amüsirte die Gesellschaft in echt angel-
sächsischer Weise mit Räthselaufgaben, die niemand besser als
Karl selbst zu lösen verstand, er neckte gern durch scherz-
hafte Epigramme die jungen Freunde, wennschon mit der Ab-
sicht ihre Fehler zu bessern, aber er lenkte auch das Gespräch
auf die ernstesten Gegenstände des Glaubens und des Wissens.
Zugleich war Alcuin offenbar auch damals schon der Rathgeber
Karls bei seinen den Kultus und den Unterricht betreffenden
Verordnungen.
Gegen 790 aber ging er, wie es scheint von Heimweh ge-
trieben, zumal er nur zeitweilig von seinem Erzbischof und
König beurlaubt war, nach England zurück, jedoch nur auf ein
paar Jahre, denn 793 finden wir ihn bereits im Frankenreich
wieder. Zur Rückkunft nach diesem bewogen ihn ebensowohl
die traurigen öffentlichen Verhältnisse seines Vaterlandes als
der dringende Wunsch Karls, der seiner Gelehrsamkeit damals
bei der Bekämpfung der von Spanien eingewanderten Häresie
des Adoptianismus wie der durch das zweite Nicäische Concil
beschlossenen Bilderverehrung besonders bedurfte. Alcuin aber
glaubte gerade vor allem berufen zu sein, für die Reinheit des
Glaubens in die Schranken zu treten, wozu schon sein Lehrer
Aelbert ihn ausersehen hatte. So nahm er in der Eigenschaft
eines Vertreters der englischen Kirche an dem Concil zu Frank-
furt 79-1 Theil, wo unter seinem massgebenden Einfluss im Sinne
Karls in jenen beiden kirchlichen Fragen die Entscheidung ge-
troffen wurde. In beiden trat er auch als polemischer Schrift-
steller auf. Im J. 796, wo in Folge der Ermordung seines ihm
so theuern Königs Ethelred Alcuin jeden Gedanken an eine
Heimkehr aufgab, wurde ihm auch sein, jetzt durch das Alter
doppelt gerechtfertigter Wunsch, aus der unmittelbaren Zer-
streuung des Hof- und Staatslebens sich zurückziehen zu dür-
fen, von Karl erfüllt, indem er die gerade damals erledigte
Leben. 15
Abtei Yon Tours erhielt. Das berühmte Kloster und seine Schule
waren sehr herabgekommen, Aleuiu stellte sie wieder her, ja
er schuf hier, wie dies Karl gewünscht 0, eine Musterunterrichts-
anstalt, ein zweites York, wo die oft aus weiter Ferne hin-
gekommenen Schüler zu Lehrern des Frankenreichs ausgebildet
wurden. Die literarischen Hülfsmittel Hess er sich aus England
holen. — Zugleich setzte Alcuin aber auch dort seine Thätig-
keit als Kultusminister Karls, wenn man so sagen darf, fort,
er gab ihm nicht bloss brieflich seineu Rath, sondern er war
auch unermüdlich , Häresien , namentlich den Adoptiauismus,
durch Sendschreiben wie durch ganze Werke zu bekämpfen.
Ja er nahm auch von dort, auf Karls Wunsch, an der Synode
von Achen den bedeutendsten Antheil. Durch den ausgedehn-
testen Briefwechsel blieb er mit der gelehrten Welt im Franken-
reiche, namentlich auch am Hofe, wie mit seinen Freunden in
England in steter Verbindung. So hat dieser bedeutende Mann
eine höchst maunichfache und lebhafte geistige Thätigkeit bis
zu seinem Tode S04 bewahrt, indem er, wie er einmal sagt-),
den Samen des Wissens am Abend des Lebens ebenso in Fran-
cien ausstreute, als am Morgen in Britannien.
Alcuins Werke sind theils in Prosa, theils in Versen ver-
fasst. Die einen wie die andern sind von nicht geringem Ein-
fluss gewesen. Die ersteren aber haben am nachhaltigsten ge-
wirkt: sind sie auch zu einem guten Theil für die allgemeine
Literatur nur von indirecter Bedeutung, so ist diese doch eine
grosse gewesen. Dies gilt namentlich von den Lehrbüchern
Alcuins, welche für den wissenschaftlichen Unterricht im Franken-
reiche nicht bloss in ihrer Zeit, sondern auch noch lange nach-
her massgebend gewesen sind. Wie Alcuin zunächst und vor
allem ein vortrefflicher Schullehrer war, so verdienen sie auch
1) Ale. Ep. TS (p. 345): Ego vero — schreibt Alcuin an Karl — Flaccus
vester secundiun exhortationem et bonam voluntatem vestram aJiis per tecta
sancti Martini sanetarum meUa scripturarum ministrare satago, alios vetere
antiquarum disciplinarum mero inebriare studeo, alios grammaticae subtiH-
tatis enutrire pomis incipiam, quosdam stellarum ordine — ceu pictor ciu-
libet magniticare domus ciümina — inluminare gestio, plurima plurimis
factus, ut plurimos ad profectum sanctae Dei ecclesiae et ad decorem im-
perialis regni vestri erudiam.
2) Ep. 1. (p. 347).
16 Alcuin.
vor allen seinen andern Schriften hier den Vortritt, zumal sie
uns zugleich ein Bild von seinem Unterricht in der Hofschule
geben. Es sind einmal drei Compendien, der Grammatik, der
Rhetorik und der Dialektik. Dem Inhalt nach sind sie zwar
noch weniger originell, als sich von Büchern dieser Art schon
von vornherein erwarten lässt, wohl aber sind sie ihrer Form
nach eigenthümlich, wenn auch diese Eigenthttmlichkeit keine
Erfindung des Alcuin ist, vielmehr auf angelsächsischer Ueber-
lieferuug beruht. Sie sind nämlich in dialogischer Form verfasst,
katechismusartig, iudess so, dass in der Regel der Lernende
fragt, der Lehrende antwortet. Aldhelm, der erste bedeutende
nationale Lehrer der Angelsachsen, hat bei diesen davon auch
das erste Beispiel in seiner an Alfred von Northumbrien ge-
richteten Metrik gegeben,') Er motivirt dort die Anwendung
dieser Form damit, dass sie die Klarheit der Auseinandersetzung
fördere, Alcuin gibt dagegen einmal in seiner Grammatik als
Grund Erleichterung des Gedächtnisses an -) ; beide Motive
werden wohl zugleich gewirkt haben. In der Art aber, wie
Alcuin diese Form anzuwenden, dem Unterricht am Hofe ge-
schickt anzupassen versteht, indem er ihr einen Zug dramati-
scher Lebendigkeit verleiht, zeigt er eine gewisse Originalität.
Wie mit der Grammatik der Unterricht begonnen wurde,
so schickt ihrem Compendium Alcuin eine kurze Einleitung in
das wissenschaftliche Studium überhaupt voraus, deren Haupt-
gedanken ihn und seine Zeit charakterisiren. Das Licht der
Weisheit, heisst es hier, ist dem menschlichen Geiste angeboren,
aber es ruht in ihm verborgen, wie der Funke im Feuerstein,
es muss durch wiederholten Unterricht geweckt werden. Die
Weisheit ist nur um Gottes, der Tugend oder ihrer selbst willen,
nicht wegen irdischer Vortheile zu lieben; die Zierde, die sie
verleiht, ist unvergänglich, wie die Seele, der sie angehört.
So wird der Werth der Wissenschaft gegenüber den äusseren
1) S. Bd. I, S. 591. Die Bezugnahme auf Augustin und Isidor zeigt, dass
er bei den Angelsachsen hierin keine Vorgänger hatte. Aldh. opp. ed. Giles
p. 233.
2) Fuerunt in schola Albini Magistri duo pueri , unus Franco , alter
Saxo, qui nuperrime spineta grammaticae densitatis irruperunt. Quapropter
placuit Ulis paucis literulis [Froben emend. : paucas literalis] scientiae re-
gulas memoriae causa per interrogationes et responsiones excerpere.
Opp. T. II, p. 26S.
Grammatik. 17
vergänglichen Gütern von Alciiin gezeigt. Der Gipfel der Wis-
senschaft aber ist die Theologie, das Yerständuiss der heiligen
Schrift; sieben Stufen führen zu ihm empor, es sind die 7 freien
Künste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geome-
trie, Musik und Astrologie, welche den 7 Säulen des Hauses
der Weisheit bei Salomo ') gleichen; wie sie die Philosophen,
ja Consuln und Könige berühmt gemacht, so haben auch die
Gelehrten des Christenthums durch sie den Sieg über die Ketzer
davon getragen. So wird die religiöse Weihe den Studien ge-
geben, die auch hier zunächst für den Klerus bestimmt er-
scheinen.
Schon diese Einleitung ist in ein Zwiegespräch von „Schülern"
und dem „Magister" gekleidet, ebenso die folgende Grammatik,
nur "sverden hier die Schüler genauer bezeichnet und spielen
hier auch eine andere Rolle. Es sind ihrer zwei, ein fünfzehn-
jähriger Sachse, versteht sich ein Angelsachse, und ein vier-
zehnjähriger Franke. Dieser, der jüngere, weniger gebildete,
fragt, der ältere, der Sachse antwortet: die Vertheilung der
Rollen ist bezeichnend. Der Magister redet nur ausnahmsweise,
er hilft nur in schwierigeren Fällen aus, namentlich wo die
Grammatik in das Gebiet der Dialektik hinüberstreift, bei Be-
griffsbestimmungen, wie er z. B. im Eingang res, intellectus und
vox definirt, mit welchen dreien jede Disputation ausgeführt
werde. Der an sich so trockenen wissenschaftlichen Couver-
sation wird aber ein gewisser dramatischer Reiz verliehn, der
sicherlich nach dem Leben copirt die freiere Bewegung der
Hofschule abspiegelt, indem Scherze der Schüler eingeflochten
werden, durch welche selbst die Unterrichtsmethode ironisirt
wird. 2) — Was den Inhalt angeht, so werden nach den Buch-
staben und Silben_die einzelnen Redetheile behandelt. Bei den
Silben werden Accent und Quantität nur kurz, und zwar vom
Magister selber berührt, weil sie zur Metrik gehörten und dort
erst zu lernen wären. '^j Die Metrik erscheint also als beson-
dere Disciplin und als besonderer Unterrichtsgegenstand für ge-
1) Proverb. c. IX, v. l.
2) So z. B. S. Ecce, France, de appellativis speciebus habes abunde, ut
reor, licet nullus tuae aviditati possit satisfacere. Fr. Non siim tarn avidus,
quam tu invidus, qui nulla vis aperire, iiisi interrogatione coactus. 1. 1. p. 273.
3) 1. Lp. 270.
Ebert, literatur des Mittelalters II. 2
18 Alcuin.
reiftere Schüler.') Uebrigens ist der Inhalt des Compendiiim
aus älteren Grammatiken, von denen auch die des Douat und
Priscian citirt werden, und was die Definitionen angeht, aus
Isidors Etymologien entlehnt.
Wurde diese Grammatik, wie die Einkleidung zeigt, direct
für die Hofschule von Alcuin verfasst, so sind dagegen seine
Rhetorik und Dialektik zunächst für Karl den Groesen selbst
geschrieben, wie denn auch in ihnen der Dialog von „König
Karl" und seinem „Magister Albinus'^ geführt wird. Und zwar
wurden sie, wie ich aus dem Eingang der Rhetorik schliesse,
zum Zweck der Repetition des vorausgegangenen mündlichen
Unterrichts , auf welchen auch dort hingewiesen wird -) , und
zugleich wohl zu einer weiteren S3^stematischen Ausführung
desselben verfasst. Auch scheint die Rhetorik wenigstens
erst nach der Wiederkehr Alcuius aus England, und zwar bald
danach, verfasst worden zu sein. 3) Auch in diesem Lehrbuch
zeigt der Dialog einen gewissen individuellen Charakter. Al-
cuin beobachtet in seinen Antworten dieselben höfischen For-
men als in seinen Briefen an Karl. Er gibt sich sogar den
Anschein, als könne er dem König eigentlich nichts sagen, was
dieser nicht schon selbst wisse, als antworte er nur aus Gehor-
sam. Karl will aber die Rhetorik lernen wegen ihrer Bedeu-
tung für die „civiles quaestiones" — also die Bedeutung, die sie
1) So nennt sie auch Raban unter den Disciplinen, die er bei Alcuin
in Tours studirte. S. weiter unten Rabans Biographie.
2) Verum ex quo mihi paucis tuis responsionibus ianuas rhetoricae
artis vel dialecticae subtilitatis claustra partim aperuisti, valde mihi in eas
rationes fecisti intentum. maxime quia me in cellaria arithmeticae discipli-
nae pridie sagaciter induxisti vel astrologiae splendore inluminasti. So
sagt Karl im Eingang der Rhetorik 1. Lp. 525. Man sieht hiei'aus zugleich,
dass der systematische Unterricht in den mathematischen Disciplinen voraus-
gegangen war. — Auch die dem Buch vorausgeschickten Distichen, in wel-
chen dasselbe als das gemeinsame Werk Karls und Alcuins bezeichnet
wird, sprechen für meine Ansicht, die auch in der Natur der Sache be-
gründet erscheint.
3) Sie beginnt mit den "Worten Karls : Quia te, venerande magister Al-
bine, Dens adduxit et reduxit, quaeso ut liceat mihi te de^rhetoricae
rationis praeceptis parumper interrogare ; nam te olimmeminidixisse,
totam eins artis vim in civilibus versari quaestionibus. A. a. 0. I\Iit dem
letzten Satz scheint auch auf den früheren vor der Reise stattgehabten
mündlichen Unterricht hingewiesen zu werden. Vielleicht hatte gerade die
längere Abwesenheit Alcuins Karl das Bedürfniss eines solchen Lehrbuchs
empfinden lassen.
Rhetorik. Dialektik. De orthographia. 19
im Alterthum hatte. Und in der That wird hier auch nur die
aus dem Alterthum überlieferte Rhetorik geboten, bloss etwas
christlieh zugestutzt. Die stoffliche Grundlage bildet Cicero's
Werk De invenlione, auf das auch direct hingewiesen wird,
nur werden neben den dort entlehnten Beispielen aus der alten
Geschichte auch Beispiele aus der Bibel gegeben, ähnlich wie
dies Ambrosius in seiner Bearbeitung der Ofiicien that. ') Neben
Cicero ist hauptsächlich Julius Victor benutzt, und zwar sind
aus beiden lange Stellen wörtlich aufgenommen.
Diesem Compendium ist noch ein kleiner Anhang über die
Tugenden augefügt, weshalb auch das ganze Werk Disputatio
de rhetorica et de virtiitibus in den Handschriften betitelt ist.
Dieser Anhang ist mit der Rhetorik nur äiisserlich verknüpft,
indem er als üebung in derselben^betrachtet wird.-) Nach der
Definition von virtiis werden als deren vier Theile die Cardinal-
tugenden bezeichnet, darauf von diesen wieder die partes ge-
geben (wie z. B. die drei der Prudentia : Memona, Intelligentia,
Providentia) und alle definirt. Zu einem schönen Schwung er-
hebt sich die Rede Alcuins als er gegen das Ende den Reiz
der Tugend, ihren hohen Werth schildert.
Auch die Dialektik, in welcher die Form des Dialogs
von unbedeutenderer Ausführung ist, ist bloss eine möglichst
wörtliche Compilation, namentlich aus Isidors oben genanntem
Werk, wie auch aus der pseudoaugustiuischen Schrift über die
10 Kategorien und aus Boetius' De differentiis topicis.
Als eine Ergänzung der Grammatik lässt sich ein Schrift-
chen Alcuins De orthographia betrachten, in welchem, nach
dem Vorbild, und unter Benutzung einer gleichnamigen Schrift
Beda's, nach dem Anfangsbuchstaben geordnet eine Reihe von
Wörtern aufgeführt werden, welche zu orthographischen Fehlern
leicht Veranlassung boten, um vor diesen hier zu warnen. Dies
Schriftcheu ist nicht uninteressant für die Keuntniss der Aus-
sprache des Lateinischen damals und nicht ohne Werth für die
Kritik der Texte jener Zeit.
Noch ein merkwürdiges kleines Lehrbuch Alcuins ist zu
erwähnen, das recht als eine Frucht seiner Thätigkeit an der
1) S.Bd.I, S. 152.
2) Dass er aber von Alcuin selbst lainzugefügt wurde, zeigt nicht bloss
sein Eingang und Schluss, sondern auch die Rückbeziehung bei der Tempe-
rantia auf das Ende der Rhetorik: Ne quid nimis.
2*
20 Alciiin.
Hofscliiüe erscheint, wie es denn auch zunächst für Karls
Sohn Pippin verfasst ist. Ich meine die Disputaiio Pippini cum
Albino scholastico. Es ist dies ein Handbüchlein für „Denk-
übung", zur Schulung des Scharfsinnes und Witzes, auch in
dialogischer Form. Es lassen sich zwei Abschnitte darin unter-
scheiden : im ersten fragt der Schüler, im zweiten der Magister.
In jenem wird in der Kegel von verschiedenen dem Menschen
sehr nahe liegenden Objecten und Begriffen eine Definition ver-
laugt und in witziger Weise durch ein Bild oder eine Metapher
gegeben, so von dem Körper und seinen Gliedmassen, dem Leben
und Tod, den Elementen, den Gestirnen, den Jahreszeiten u. s. w.
Z, B. „Was ist die Zunge? Eine Geissei der Luft." „Was
ist der Nebel? Die Nacht am Tage, die Mühe der Augen."
Oder: „Was ist der Tag? Die Anregung zur Arbeit." Wie
nun manche dieser Antworten, als Frage gegeben, Käthseln
gleichen würden, so werden denn in dem zweiten Abschnitt
solche in der That von dem Lehrer dem Schüler aufgegeben,
welcher durch die Antworten des ersten Abschnittes in das
Wesen des Räthsels eingeführt, gleichsam zur Lösung geschult,
diese selbst jetzt, und zwar oft wieder in einer räthselhaften
Form gibt.i) Dieser letztere Zug, der ganz originell ist, zeigt
recht in welchem Grade das Räthsel bei den Angelsachsen
gepflegt ward. Und wenn auch bei der Abfassung des Büch-
leins eine aus dem Alterthum stammende Schrift Alcuin den
Weg gewiesen und er ihr und andern das Material zu einem
guten Theile verdankte '-), so ist doch diese Art der Verwerthung
zum Schulunterricht acht angelsächsisch-national. Bei keinem
Volke ist das Räthsel je beliebter gewesen.'') Und Alcuin
theilte diese Vorliebe in hohem Grade.
Endlich schliessen sich an die Lehrthätigkeit Alcuins, und
insbesondere in der Pfalz, seine von Tours aus an Karl gerich-
1) Z. B. No. 94 : A. Quis est quem videre non potes nisi clausis ocu-
lis? P. Qiii stertit. tibi ostendit illum. Es ist eben somnus gemeint, und
es ist die Frage dem Vers 3 des Räthsels Somnus des Symphosius (No. 99
bei Riese, Anthol. lat. I, p. 207) entlehnt: Sed me nemo uidet, nisi qui
sua lumina claudit.
2) S. darüber Wilmanns a. a. 0.
3) S. meinen Aufsatz über die Räthselpoesie der Angelsachsen, insbe-
sondere die Aenigmata des Tatwine imd Eusebius in den Berichten über
die Verhandl. der k. sächs. Ges. d. Wissensch. Bd. XXIX, 1877. S. 20 ff.
Disputatio Pippini. Theologische Werke. 21
teten astrouomischen Abhandlungen De saltu lunae und De
bisse.vto, sowie ein paar Kalenderfragen betreffende Briefe.
Von den übrigen wissensebaftliehen Arbeiten unseres Autors
treten durch ihre Zahl wie durch das Ansehen, das sie in ihrem
Zeitalter hatten, die theologischen in den Vordergrund;
aber wir haben hier um so weniger genauer auf sie einzugehen,
als sie inhaltlich von keiner Originalität sind. Die meisten sind
Erklärungen der Bibel, von welchen das umfangreichste
und geschätzteste Werk der auf den Wunsch der Gisela und
Rotrud verfasste Commentar zum Evangelium Johannis ist. Auch
er ist, gleich den andern, nur eine Compilation aus älteren be-
rühmten Werken, welche theils wörtlich, theils nur dem Sinne
nach excerpirt sind; dies bemerkt Alcuin selbst in der Wid-
mung, wo er zugleich als seine Hauptquellen Augustins Erklä-
rung, des Ambrosius Schriften, sowie Gregors und Beda's Ho-
milien nennt. Diese Art der Erklärung durch eine „Blüth'en-
lese" von Citaten aus den Kirchenvätern wurde aber ein Muster
für die Folgezeit, die durch die directen und indirecteu Schüler
Alcuins, wie wir sehen werden, darin noch Grösseres leistete.
Bemerkenswerth ist noch die mit seinen mathematischen Studien
wohl zusammenhängende Vorliebe Alcuins für Zahlenmvstik,
die hier, wie auch sonst bei ihm, sich in recht auffallender
Weise zeigt. — Ein gewisses historisches Interesse haben diese
Commentare in ihrer Beziehung zu den Personen, denen sie
gewidmet sind; dies gilt namentlich auch von dem Commentar
zu dem Prediger, welchen Alcuin zunächst für seine Schüler
Onias, Candidus und Fredegisus geschrieben hat, um ihnen,
„nachdem sie aus dem Neste väterlicher fürsorgender Liebe in
die freien Lüfte weltlicher Geschäfte entflogen", als Handbuch
christlicher Moral zu dienen, welches vor der Eitelkeit der Welt
sie warnen soll. — Sein bedeutendstes theologisches Werk aber,
das diesem Zeitalter auch am meisten imponirte, waren die Karl
dem Grossen als Kaiser gewidmeten drei Bücher De ßde Trini-
tatis, womit Alcuin auch von dem Nutzen des Unterrichts, den
er Karl in der Dialektik gegeben, die welche daran zweifelten,
überzeugen wollte.') Die kulturgeschichtliche Bedeutung des
1) S. die Widmung, Monum. Alcuin. p. 673: ut convincerem eos, qui
minus utile aestimabant, vestram nobüissimam intentionem dialecticae dis-
cere velle rationes, quas beatus Augustinus in libris de sancta Trinitate
adprime necessarias esse putavit.
22 Alcuin.
Werkes liegt in der Tbat darin, dass dies neue System der
Dogmatik, so nnvollkommen es war und so wenig originell,
da es durchaus auf Augustinisclier Grundlage rulite, zu specu-
lativem Nachdenken wieder aufforderte und die Nothwendigkeit
einer philosophischen Vorbildung zeigte.
Unmittelbarer iuteressiren uns hier zwei philosophisch-mo-
ralische Schriften Alcuins, welche auch in den ersten Jahren
des neunten Jahrhunderts verfasst sind, und auch auf den Wunsch
von Laien. Die eine, De vwtiitibus et vüiis betitelt, ist für den
Grafen der Bretagne, Wido geschrieben, ein Laieubrevier, mit
besonderer Rücksicht auf das Amt des Grafen. Nach den Wor-
ten der Widmung soll dies Buch Wido überall begleiten, auch
auf seinen Kriegszügen, „damit er sich darin betrachte", alle
Zeit „was er zu thun und wovor er sich zu hüten" wisse, um
so zum Gipfel der Vollkommenheit zu gelangen, der — was
sehr zu beachten — wie Alcuin sagt, auch dem Laien erreich-
bar sei, da vor Gott kein Unterschied zwischen dem Laien und
Kleriker bestehe, vielmehr von ihm ein Jeder nur nach seinem
Verdienst belohnt werde. Als Handbuch ist es absichtlich kurz
gefasst, und des leichteren Studiums wegen jeder Tugend und
jedem Laster ein besonderes Kapitel gewidmet. Trotzdem ver-
misst man eine vollkommene Ordnung in dem Buche, das uns
aber offenbar auch in einem schlechten Zustand überliefert ist.
Wie in der Behandlung der Tugenden einzelnes an Lactanz'
Institutionen erinnert, so in der der Laster an Prudenz, obgleich
im Allgemeinen Alcuin hier Cassian, beziehungsweise Aldhelm i)
folgt. Ganz eigenthümlich ist ihm aber die besondere Berück-
sichtigung des Richterstandes, da ja gerade durch Karl den
Grossen die Gerichtsbarkeit vorzugsweise in die Hände der
Grafen gelegt war. So werden von dem Richter insbesondere
Gerechtigkeit, Mitleiden und Unbestechlichkeit gefordert; auch
der Pflichten der Zeugen wird speciell gedacht.
Gleichen praktischen Sinn und Geschick in der Verwerthung
der Studien zeigt Alcuin in der andern, kleinereu Schrift De t^a-
tione animae. Sie ist auf den Wunsch der Gundrad, welcher durch
Gespräche, die sie mit Alcuin das Jahr zuvor gehabt, veranlasst
war, geschrieben und zwar in der Form eines Briefes.-) Wie die
1) S. Bd. I,p. 334uncl5S9.
2) Ep.243 beiJaffe.
De \irtutibus et vitiis. De ratione animae. 23
"Wahl dieser Form hier eine passende ist, so zeigt Alcuin auch in
dem Inhalt, dass er Frauen für philosophische Betrachtung zu in-
teressireu versteht. Das moralische Moment lässt er die Darstel-
lung beherrschen, in welcher das yerhältniss der Seele zu Gott
durchaus den Schwerpunkt bildet. Erst indem er dieses schil-
dert, geht er auf ihr Wesen ein. Zwei Gedichte schliessen sich an
die Erörterung an, von welchen das erste in Distichen das Lob
der menschlichen Seele singt und dabei die Gedanken der Ab-
handlung recapitulirt ; das zweite fordert die Gundrad zum Preise
Gottes in adonischen Versen auf, die zu 6 sechszeiligen Stro-
phen verbunden sind. Die Bedeutung der Sechszahl, die in
ihren Theilen vollkommen sei, fügt Alcuin hinzu, möge ihr der
Kaiser selbst erklären, der unter so vielen Sorgen des Palastes
und der Regierungsgeschäfte die Geheimnisse der Philosophen
vollständig zu wissen sich bemühe, wie kaum ein Anderer, der
nichts von der Welt zu thun habe. Ruht auch dieses Schrift-
chen nur auf überlieferten Ansichten, so ist doch die dem Zweck
entsprechende Anlage und die leichtverständliche Ausdrucks-
weise zu rühmen, und beweist wieder recht, wie Alcuin der
Mann war, wissenschaftliche Bildung in weiteren Kreisen zu
verbreiten.
Von historischen Prosaschriften hat Alcuin nur ein paar
Heiligenleben aufzuweisen, von welchen aber zwei blosse
stilistische Bearbeitungen sind, das eine von der Vita des h.
Richarius, das andere von der des h. Vedastus, jene auf den
Wunsch des Augilbert, diese auf den des Rado unternommen,
welche beide Aebte von Klöstern waren, die diesen Heiligen
gewidmet. Solche Renovationen älterer Vitae werden nun
immer mehr IMode, ein Zeugniss fortschreitender ästhetischer
Bildung, so wenig geschmackvoll auch noch ihre Ausführung
in der Regel ist. — Ein drittes Heiligenleben Alcuins ist Ori-
ginalwerk: es ist die Vita des h. Willibrord, des Apostels der
Friesen und Vorläufers des Bonifatius, welcher der erste Bischof
von Utrecht war. Er war ein Xorthumbrier, aber in Irland ge-
bildet, wohin er sich zu dem Zweck nach dem Beispiel anderer
bedeutender Kleriker Englands begeben.*) Zwölf Jahre ver-
weilte er dort. Dann ging er als Missionar nach Friesland
1) peregrinatioiiis amore instigatus. Et quia in Hibernia sco-
lasticam eruditionem vi^uisse audivit etc. c. 4.
24 Alcuin.
(690) ; da er dort aber damals keine Erfolge erzielte, so begab
er sich nach dem Frankeureich. Von Pippin begünstigt, wurde
er im J. 695 von Papst Sergius zum Missionsbischof ordinirt,
und predigte dann wieder bei den Friesen, den Dänen und
selbst auf Helgoland. Nach der Eroberung Frieslands durch
Karl Martell erhielt er das Utrechter Bisthum.
Willibrord hatte auch das Kloster Epternach gegründet.
Von dem Abte dieses Klosters, Beonrad war Alcuin gebeten
worden die 17/0, Mores und Miracida des Heiligen zu schrei-
ben, und obgleich der vielbeschäftigte die Zeit dazu Nachts
sich abstehlen musste, entsprach er doch der Bitte und im voll-
sten Masse — wohl um so mehr, als Willibrord sein Verwandter
war. Alcuin verfasste nämlich das Heiligenleben in doppelter
Gestalt, zuerst in Prosa, dann in Versen, indem das erstere
zur öffentlichen Vorlesung in der Kirche vor den Mönchen be-
stimmt sein sollte, das andere dagegen zur Privatlectüre der
Gelehrten unter denselben, und er fügte dem ersteren oben-
drein noch eine kurze Homilie für das Volk zur Predigt an
den Natalitien des Heiligen hinzu. 0 Was nun zunächst die
prosaische Vita betrifft, so hat sie natürlich gemäss der ihr
gestellten Aufgabe eine erbauliche Tendenz, Alcuin schreibt
hier nicht als Historiker; trotzdem kann man mit Eecht ihm
vorwerfen, mit den geschichtlichen Vorstudien es sich zu be-
quem gemacht zu haben, zumal bei einem Helden, der kein
Heiliger gewöhnlichen Schlags, sondern ein kulturgeschichtlich
bedeutender Missionar war. Auch die Anordnung des Stoffes
ist keine strenge; zu loben bleibt nur, dass im Gegensatz zu
anderen Vitae jener Zeit, namentlich auch der von Alcuin selbst
bearbeiteten Vita Ricliarii, der Stil von Schwulst sich frei hält,
wenn er auch einer bildlichen Ausdrucksweise darum nicht ganz
entsagt. Dies gilt auch von der metrischen Vita (in Hexa-
metern), die übrigens nichts weiter als eine Versitication der
prosaischen, selbst unter Beibehaltung von Worten und Kede-
wendungen, ist, aber mit manchen nicht unwesentlichen Aus-
lassungen, wie denn auch darin auf die Prosa zur Ergänzung
verwiesen wird.-) Wie dieser metrischen Vita eine Praefatio
1) Alcuin gibt selbst diese Bestimmung der drei Arbeiten in der Zu-
schrift an den Abt Beonrad, der zugleich Erzbischof von Sens war, an.
2) S. Absatz 13, Monum. Alcuin. p. 69.
Vita Wülibrordi. De patr.. reg. et sanct. Euboricae. 25
in Distichen vorausgeht, so folgt ihr in demselben Yersmass
ein offenbar viel später hinzugefügter Epilog über den Vater
des Heiligen, in welchem zugleich nachträglich die Geburt und
Erziehung des Willibrord, auf Grund der ersten Kapitel der
Prosa erzählt werden.')
Mit diesem Werk sind wir schon auf das Feld der Dichtun-
genAlcuins übergetreten. Die grösste, bedeutendste und auch
wohl die älteste der uns erhaltenen, die wohl noch in York,
sicher in jüngeren Jahren von ihm verfasst ist, führte den Titel:
De patribus, regibiis et sanctis Euboricae. wie ihr Schluss mit
Sicherheit zeigt."-} Mit diesem Titel wird zugleich der Inhalt
genauer bezeichnet, sowie der Charakter der Dichtung ange-
deutet. Er ist kein bloss geistlicher wie in dem versificirten
Heiligenleben, das sonst in mancher Beziehung an diese Dich-
tung erinnert. Wenn auch in ihr Alcuin die Geschichte des
Erzbisthums York gibt, so beschränkt er sich doch keineswegs
darauf. Nicht ein kirchliches, sondern ein nationales Interesse
hat ihn zunächst zu dem Werke getrieben: wie er selbst im
Eingang sagt (v. 16 ff.), will er den Ruhm des Vaterlandes und
der Vaterstadt verherrlichen. Nun kann ihm freilich dieser
Ruhm nur ein christlicher sein. Und so beginnt er denn nach
kurzen historischen Yorbemerkuna-eu mit der Christianisiruug
Xorthumbriens unter König Edwin, dem ersten Oberherrscher
der Angelsachsen, 627 seine Geschichte, und führt sie dann an
der Hand der Nachfolger desselben bis auf Aklfrid fort, mit
dessen Tod 705, wie Lappenberg sagt 3), der Lichtpunkt der
Geschichte Northumbriens zu verbleichen beginnt: erst von hier
ab liefert die Reihe der Erzbischöfe, an der Stelle der Könige,
1) Die metrische Yita hebt nämlich sogleich mit dem Erscheinen des
Heiligen in Francien an, -was vom ästhetischen Gesichtspunkt anzuerkennen
ist. Dass die Schlussdistichen (was Jaffe und Wattenbach nicht bemerk-
ten) viel später hiiizugefügt sind, trotzdem üu'er in dem Widmungsschreiben
gedacht -wird, zeigen sie selbst, s. v. 3: iit dudum cecini, und v. 49: cuius
vita etc., camenis olim fuit praetitulata meis. Die Erwähnung üi der Dedi-
cation muss also ein späterer Zusatz sein.
2) Haec idcirco cui isc. Euboricae) proprüs de patribus atque Regi-
bus et sanctis ruralia carmina scripsi. v. 1653 f. Daher sind die bisher
dem Gedicht gegebenen Titel: De ponliflcihus et sanctis, oder bloss De
sanctis ecclesiae Eboracensis unrichtig. In diesem Falle ist aber der Titel,
wie man oben sieht, von besonderer Bedeutung.
3) Geschichte von England Bd. I, S. 205.
26 Alcuin.
den leitenden Faden der Erzählung 0 , die auch nun erst von
weltlichen Dingen absieht. In dem vorausgehenden Theile da-
gegen werden zwar auch vorzugsweise die für die christliche
Kirche wichtigen Ereignisse erzählt, aber der Dichter beschränkt
sich doch nicht darauf, so Avenig wie Beda in seiner Kirchen-
geschichte, die ihm hier durchaus den Stoff liefert; und selbst
unter jenen Ereignissen treten die Kriege mit den heidnischen
Königen des Landes ganz in den Vordergrund, und sie gerade
bieten Alcuin die Gelegenheit zu den ausführlichsten und leben-
digsten poetischen Schilderungen. Alcuin führt aber seine Er-
zählung bis zum Tode seines Lehrers, des Erzbischofs Aelbert,
dem er einen rührenden Nachruf widmet: nur erzählt er noch,
und zwar, wie er anzeigt (v. 1596 f.), anhangsweise, ein später
erfolgtes Mirakel, die Vision eines seiner eigenen Schüler, die
er nicht gern der Nachwelt vorenthalten wollte. In diesem
zweiten Theile seiner Dichtung konnte Alcuin nur im Anfang
noch Beda's Werk benutzen, das ja mit dem Jahre 731 ab-
schliesst, und so erzählt er denn hier hauptsächlich auf Grund
mündlicher Tradition und namentlich eigener Erfahrung. So
wird in diesem Theile sein Werk zu einer vornehmlich in kultur-
geschichtlicher Beziehung wichtigen Quelle. Hier lernen wir
den Stand der Schule von York sowie selbst den Umfang ihrer
Bibliothek (v. 1535 ff.) kennen, hier wird uns die in der Lebens-
skizze von uns verwerthete Auskunft über die Ausbildung Al-
cuins und über seine Lehrer gegeben.
Aber die in 1657 Hexametern verfasste Dichtung zieht auch
formell an: sie ist mit einer gewissen jugendlichen Frische
und Lebendigkeit geschrieben und hält sich von unnützer Weit-
schweifigkeit im Ganzen frei; der Schüler Virgils gibt sich in
manchen Reminiscenzen kund, aber auch in dem trotz einzelner
prosodischer Fehler wohl gebauten Verse, sowie nicht minder
in einigen kräftig gezeichneten historischen Porträts und in den
mit Lust und Liebe ausgemalten Kampfbildern. Die Freude
an diesen ist ein acht nationaler Charakterzug der Angelsachsen
und ihrer Dichtung, wie wir später sehen werden. — Von christ-
lich-lateinischen Dichtern aber ist der begabteste, Prudentius
nicht ohne Einfluss gewesen.-)
1) Dies wird geradezu von dem Dichter gesagt v. 1078: seriemque re-
linquere regum.
2) S. z. B. V. 158 ff.
De clacle Lindisfarnensis monasterü. 27
Die bisher verkannte literaturgeschichtliche Bedeutung dieses
Gedichtes „von den Königen und den Bischöfen von York" liegt
eben darin, dass es bereits die Dichtung auf das weltliche Ge-
biet hinüberführt, dass es wie der erste VorUüifer jener dem
Epos so nahe verwandten Reimchronik des späteren Mittelalters
erscheint, die ja auch zuweilen die kirchlichen Verhältnisse in
den Vordergrund treten lässt.
Noch ein grösseres Gedicht hat Alcuin verfasst, eine Elegie
von 120 Distichen: De clade Lindisfay^iiensis inojiasten'iA) Es
ist ein Gelegenheitsgedicht, zum Tröste der Mönche des be-
rühmten Klosters von Northumbrien verfasst, mit welchen Al-
cuin schon länger bekannt war und mit deren Abt und Bischof,
Higbald er auch in Frankreich in Correspondenz blieb. Dies
Kloster sammt der Kirche des h. Cuthbert wurde im Juni 793
von den Dänen verwüstet, wobei auch Mönche getödtet wurden.
Da der Ort, wie Alcuin sagt 2), ehrwürdiger als irgend einer in
Britannien, so machte das Ereig'niss das grösste Aufsehen, es
erschien als ein Gericht Gottes, wenigstens unserm Autor, der
davon Anlass nahm, an den König von Northumbrien und die
Grossen seines Reichs zwei Sendschreiben (ep. 22 u. 23) zu
richten, worin er sie zur Frömmigkeit und guten Regierung
ermahnt. Aus demselben Grunde schrieb er auch an Higbald
und seine Mönche zwei mit Ermahnungen verbundene Trost-
briefe (ep. 24 u. 25). Diesen Hess er hernach die Elegie fol-
gen, in welcher sich einzelne in den beiden Episteln ausgespro-
chene Gedanken und angeführte Beispiele wiederfinden. Der
Dichter führt in ihr zunächst aus, wie seit dem Sündeufall auf
der Welt nichts beständiges sei, und also kein beständiges Glück,
vielmehr ein steter Wechsel, wie in der Natur, so im Menschen-
leben, und wie namentlich das Grosse nicht selten von plötz-
lichem Unfall betroffen werde: nachdem hier der Dichter des
Untergangs grosser Reiche in der Vergangenheit gedacht, ver-
weist er für die Gegenwart auf die Herrschaft der Ungläubigen
im Morgenland und in Spanien. Daher ist statt der irdischen
die himmlische Heimath zu lieben, die Christus den geprüften
1) Der herkömmUche weitläufige Titel: De rerum humanarnra vicissi-
tudine et clade Lindisf. monasterü stammt von Froben. In denHandschr.
ist das Gedicht ohne Ueberschrift. Vgl. Dümmlcr. X. Arch. S. 121.
2) Ep. 22 (p. 181).
28 Alcuin.
Gerechten aufbewahrt. Der Dichter ruft dann noch den Mön-
chen die Kraft des Grebets in Erinnerung, die sich nicht bloss
den jüdischen Patriarchen, sondern auch ihren eigenen Bischöfen,
wie durch Beispiele gelehrt wird, bewährte. Der Schluss ist
an Higbald selbst gerichtet. — Bis auf wenige Stellen entbehrt
diese Elegie des Schwungs und poetischen Reizes, wohl um so
eher, als Alcuin auf eine Schilderung der Zerstörung des Klo-
sters in einem an die Augenzeugen selbst gerichteten Gedicht
verzichten musste.
Wie dies Gedicht durch einen äussern Anlass hervorgerufen
ist, so sind auch die meisten übrigen Gedichte des Alcuin mehr
oder weniger reine Gelegenheitspoesie, theils Epigramme, theils
Episteln, in Distichen oder Hexametern. Alcuin schliesst sich
hierin ganz an Fortunat an, der auch vorzüglich diese Dich-
tungsarten kultivirte.
Die Epigramme sind einmal und vornehmlich wirk-
liche Inschriften, Inscriptiones, so auf Codices, namentlich die
Bibel, wie er ja auch solche den eigenen Werken vorausgehen
oder folgen lässt (wie der Grammatik, Rhetorik u. s. w.), sie
können sich selbst zu längeren Inhaltsangaben erweitern *) ;
ferner auf Kirchen, Oratorien, Altäre, Kirchthliren , Gräber-),
also auch Epitaphien. Solche Inschriften hat Alcuin namentlich
auf Bitten Anderer gemacht (wie uns auch seine Briefe zeigen,
so ep. 224), z. B. für die durch den ihm befreundeten Abt Rado
restaurirte Klosterkirche des h. Vedastus, oder für die von St.
Amand, von welchem Kloster sein innigster Freund Arno Abt
war und in dessen Nähe Alcuin selbst ein Gut besass; so im
Namen Karls des Grossen das noch als Inschrift erhaltene Epi-
taphium Papst Hadrians. Auch finden sich unter seinen Ge-
dichten Inschriften für verschiedene Klosterlocalitäten — von
welchen freilich keineswegs überall die Authentie gesichert er-
scheint — so für das Schulzimmer, die Bibliothek, in welcher
auch die Bücherabschreiber arbeiteten, denen das Epigramm
(c. 67) Sorgfalt, namentlich auch in Betretf der Interpunction
einschärft, die ja erst durch Alcuins Bemühung damals wieder
1) S. Opp. T. II, p. 20:5fl'. Von einzelnen dieser Inscriptiones erscheint
allerdings Alcuins Autorschaft nicht genügend beglaubigt.
•2) So auch eine ungedruckte Grabschrift auf Aelbert. S. Dümmler,
N. Arch. S. 120.
Epigramme. Epistelpoesie. 29
eingeführt wurde, i) Einige dieser Inseriptioues sind nicht ohne
Esprit und von leichter ansprechender Darstellung, die meisten
dagegen blosse Fabrikarbeit.
Der andern Epigramme sind wenige, von welchen ein
witziges auf die kleine Hausthür des kleinen Eiuhard hervorzu-
heben ist-); von ihnen bilden einzelne den Uebergang zu der
Epistelpoesie, die nicht allein durch längere Gedichte, son-
dern auch durch kurze, Billets in Versen gleichsam, vertreten
ist (z. B. c. 227 von 5 Distichen), ähnlich wie bei Fortunat^^),
ja Alcuin pflegte nicht selten mit einem oder mehreren Disti-
chen auch seine prosaischen Briefe zu schliessen, indem er in
Versen Lebewohl sagt. Aber es finden sich jenen auch ganze
Gedichte angehängt, so dass der prosaischen eine poetische
Epistel angeschlossen ist, oder jene in diese ausläuft (s. z. B.
ep. 24S).^) Diese poetischen Episteln sind zum Theil von nicht
geringem historischen "Werth, schon durch die Bedeutung der
Adressaten. So sind vor allem eine ganze Anzahl und darunter
die interessantesten an den „süssen geliebten David, die Liebe
des Flaccus'^ gerichtet. In der einen (c. 22S) erkundigt sich Al-
cuin bei Karl nach der Hofschule, indem er scherzend das ge-
lehrte Treiben in der Pfalz überhaupt schildert, so wird hier
auch der Schüler des Hippokrates wie der Ausbildung der
Priester gedacht, über den kleinen Schreiblehrer Zachaeus ge-
spottet, und der astronomischen Studien einer Schülerin (wohl
Gisela)^) erwähnt, aber auch des eifrigen Dienstes des Ober-
ktichenmeisters wie des Mundschenks nicht vergessen. In einer
andern Epistel (c. 230) bittet der Dichter den König ihn gegen
unliebsame Kritiken in Schutz zu nehmen. Die wichtigste aber
ist zugleich die längste, von 43 Distichen (c. 232), welche, an
Karl bei seinem Römerzuge im J. 800 gerichtet, wie in der
Vorahnung des grossen Ereignisses der "Wiederherstellung des
1) S. oben S. 9. Anm. 1.
2) S. Jaffe, Monum. Carolina p. 492.
3) S. Bd. I, S. 503.
4) Und dies vird auch von manchen in der Sammlung der Carmina
enthaltenen zu gelten haben, bei denen die Prosabriefe, als deren Annex
sie verfasst oder wenigstens abgesandt waren, verloren gegangen sind.
5) Diese möchte man im Hinblick auf das Epigramm c. 256 (v. 5) ver-
muthen.
30 Alcuin.
abendländischen Kaiserthums durch Karl, geschrieben ist. Wird
er hier auch noch König betitelt, so ist doch von seiner Herr-
schaft bereits als wie von einer Weltherrschaft die Rede. ') Al-
cuin fordert ihn auf, Rom, dem Haupte der Welt, den inneren
Frieden zu geben, und die Schäden der ,Welt' zu verbessern.
Als Rector ecclesiae soll er namentlich die Simonie abstellen. —
Weit unbedeutender sind dagegen die au Papst Leo gerich-
teten Episteln, die nur Glückwünsche sagen oder Trost spen-
den. Auch an Mitglieder der Familie Karls wie an Freunde
und Schüler, als Angilbert, Arno, Candidus (gelegentlich seiner
Abreise nach Rom), Paulin von Aquileja, Benedict von Aniane,
und selbst an ferner Stehende sind solche Gedichte geschrieben
— darunter auch ein scherzhaftes, in räthselhaftem Ausdruck
spielendes an Beonrad, den Alcuin vertraulich Samuel nennt.-)
Hervorzuheben sind noch zwei Episteln. Die eine ist von
England aus, als Alcuin dorthin 790 zurückgekehrt war, an
seine Freunde auf dem Continent, namentlich in der Rhein-
gegend und an dem Hof, der sich damals ebendort befand, ge-
richtet, indem dem Brief der Weg, den er zu nehmen hat, vorge-
zeichnet und die Grüsse und Aufträge, die er an die Freunde
einzeln ausrichten soll, mitgetheilt werden — ein anmuthiges
mit Humor und gutmüthiger Satire ausgestattetes Gedicht.^)
Die andere Epistel (c. 260) ist an die Yorkischen , Brüder',
seine alten Schüler gesandt. Mit einer Schilderung des Früh-
jahrs beginnend fordert sie dieselben auf, ,das Plectrum des
Maro' zu ergreifen, aber geistliche Lieder zu singen, und damit
den alten Lehrer zu beschenken, der jetzt den König Karl
unterrichte. Eine Ermahnung an die Jugend, durch die Stu-
dien vor dem Bacchus und dem cretensischen Knaben sich zu
schützen, schliesst sich daran.
An die zuletzt erwähnte Epistel erinnert etwas eine Elegie
von halb bukolischem Charakter, die offenbar im Anschluss
1) Auch den Worten nach: Talia compescat tua, Rex! veneranda po-
testas; Rectorem regni te Deus instituit. — Hier kann regni nur
im Sinne von Weltreich genommen werden. Siehe auch die zunächst fol-
genden Verse.
2) S. bei Hagen, Carmina medii acvi. Bern 1877, No. 77, p. 12S.
3) Opp. n, p. 449. Auch kulturgeschichtlich ist das Gedicht mehr-
fach interessant.
Elegien. 31
an einen prosaischen Brief abgesandt wurde'): es ist c. 277
De Cuculo. In diesem Gedicht fordert Alcuin in scherzen-
der Weise einen seiner Schüler, Daphnis (an den ep. 259 ge-
richtet), sowie Meualcas — den ästhetisirenden Oberküchen-'
meister der Pfalz — auf, zugleich mit ihm selbst den Kuckuk
zu beklagen, einen jungen Säuger, der nur kurze Zeit ein Schü-
ler Alcuins gewesen, jetzt von ihm entfernt, in den Wellen
des Bacchus unterzugehen drohe. Der Frühling sei da, der
Kuckuk solle aus seinem Schlafe erwachen und zurückkehren,
um mit ihnen selbst seine Unfälle zu beklagen! Dieser junge,
allzu lebensfrohe Poet des Alcuiuschen Kreises hiess Dodo."-)
Von ähnlicher Tendenz und bukolischer Färbung ist eine an-
dere Elegie (c. 263), auch an einen Schüler gerichtet, der ein
tüchtiger Gelehrter und vortrefflicher Dichter geworden war,
dessen Zunge jetzt aber schläft, wie er selbst vom Bacchus
eingeschläfert. Er hat sich in dem guten Leben der Pfalz ver-
loren, und des Albinus wie seiner selbst vergessen. Alcuin
nennt ihn in dem Gedicht Corydon: es ist wahrscheinlich der
weiter unten betrachtete Eklogeudichter Naso.-^)
Noch findet sich unter den Poesien Alcuins im elegischen
Versmass ein Gedicht auf die Nachtigall (c. 276), welche den
Schöpfer mit ihrem süssen Lied besingend, den Menschen ein
Vorbild sein soll.
Auch in andern Dichtungsarten und -Formen hat sich Al-
cuin versucht, wenn uns auch davon nur wenige Gedichte er-
halten sind. Dies gilt namentlich von der Lyrik, welche er
sogar, möchte man annehmen, mit besonderer Vorliebe gepflegt
haben muss, denn dieser verdankt er doch wohl seinen akade-
mischen Namen ; auch wissen Avir, dass unter musikalischer Be-
1) Es ist der an Dodo gerichtete Brief Alcuins (ep. 2S6): dieser Brief
erklärt nämlich erst Einzelheiten des Gedichts, die ohne das unverständ-
lich sind; so im zweiten Vers : Quem subito rapuit saeva novercasuis;
diese noverca wird allein durch den folgenden Satz des Briefes , im Ein-
gang desselben, verständlich: Inmitiorque noverca tam tenerum de
paterno gremio per Ubidinum vortices caro rapuit. Der Brief ist übri-
gens ein ernsthaftes Vermahnungsschreiben Alcuins.
2) S. über ihn Sickel, Alcuinstudien I, a. a. 0. S. 52.5 f., und vgl. weiter
unteii die Anm. zu dem Gedicht ,Conflictus veris et hiemis.'
3) S. meinen Aufsatz : Naso, Angilbert etc. in derZeitschr. für deutsch.
Alterth. N. F. X, S. 329.
32 Alcuin.
gleitung seine Carmina bei Hofe gesungen wurden. ') Wir haben
indess nur eine geistliche sapphische Ode (c. 1) — ein Abend-
gebet — und ein zierliches Gedicht in adonischen Versen (c. 264)
unter seinem Namen. — Ferner sind zu erwähnen ein paar
Acrosticha, die zugleich Bildergedichte sind, indem auch
hierin wieder Alcuin an Fortunat erinnert'-); das eine auf das
Kreuz Christi — was im Hinblick auf Alcuins Schüler, Raban,
wie wir sehen werden, besonders bemerkenswerth ist — das
andere auf Karl den Grossen als Kaiser, wie er denn hier Fla-
vius Anicius Carlus genannt wird.^)
Auch einige Räthsel in Hexametern, namentlich Logo-
griphen, haben sich erhalten (c. 273 if.), sowie eine Fabel
vom Hahn und Wolf mit christlicher Anwendung (c. 278).
Noch eines besonderen, und zwar ebenso wichtigen als
anziehenden Theils der Werke Alcuins ist zu gedenken, der
von Haus aus, der Tendenz der Abfassung nach, nicht als lite-
rarisches Product zu betrachten ist und daher hier erst, anhangs-
weise, behandelt wird: ich meine seine Briefe, von denen die
meisten doch einen rein privaten Charakter haben, andere aller-
dings schon sogleich mehr oder weniger für weitere Kreise be-
stimmt waren. (Die bloss in Briefform edirten Abhandlungen
rechne ich gar nicht hierher). Indem aber schon frühe Samm-
lungen von ihnen veranstaltet wurden, und zwar auch, ob-
schon keineswegs ausschliesslich, zu dem Zweck als Muster
des Briefstils zu dienen, so treten diese Briefe damit auch schon
im Ganzen sehr bald in den Kreis der Literatur ein. Alcuin
führte, wie früher bemerkt, eine ausgedehnte Correspondenz,
auch darin den späteren Humanisten gleichend: und obwohl
eine grosse Anzahl seiner Briefe verloren gegangen ist ■*) , so
haben sich doch gegen 300 erhalten, die fast alle aus der Zeit
seines Aufenthaltes im Frankenreiche stammen; die meisten sind
aber in Tours geschrieben. Die grosse Bedeutung dieses Mannes,
wie er die fortschreitende Bewegung der Kultur überall anregt,
oder beeinflusst, tritt uns aus dieser Briefsammlung am lebhaf-
1) Theodulf, Carmina 1. III, c. 3.
2) S. Bd. I. S. 511.
3) Beide Acrosticha zuerst publicirt von Hagen a. a. 0. S. 115 u. 123,
und vgl. S. 215 u. 220.
4) S. Sickel, Alcuinstudien I, a. a. 0. S. 466.
Briefe. 33
testen entgegen, und man sieht wie dieser Einfluss auf das ganze
Abendland sich erstreckt, wie denn seine Correspondenz nicht
bloss bis an die äussersten Grenzen des Frankenreiches, son-
dern noch darüber hinaus geht. Seine Rathschläge und Er-
mahnungen sind an Könige wie an den Papst, an Bischöfe und
Mönche wie au Hof- und Staatsbeamte, an Freunde wie an
Fremde gerichtet. Sie betreifen bald kirchliche und geistliche,
bald selbst politische Angelegenheiten, bald wissenschaftliche
Fragen der verschiedensten Art, wie auch das Schulwesen;
oder es sind die Briefe an die nächsten Freunde gerichtet, rein
vertraulicher Natur, um den mündlichen Verkehr zu ersetzen,
oder es spricht auch in ihnen zu den Schülern der sittlich
bessernde Mentor.
In der Menge dieser Briefe, die kulturgeschichtlich fast alle,
wenn auch die einen mehr, die andern weniger, von Werth
sind, lassen sich schon bei flüchtigem Ueberblick drei Haupt-
gruppen leicht unterscheiden. Eine solche bildet einmal die
nicht geringe Zahl der in die Heimath England gesandten, sie
gehören vorzugsweise zu den älteren der Sammlung, indem sie
meist aus der Zeit stammen, wo Alcuin noch am Hofe Karls
weilte. Sie haben angelsächsische Interessen zum Gegenstand,
und zeigen die warme Heimaths- und Vaterlandsliebe, die Al-
cuin sich bewahrte, sowie andrerseits das hohe Ansehen, das
er bei seinen Landsleuten hatte. Er spielt in diesen Briefen
mitunter die Eolle des Gildas, den er selbst auch ein paar
Mal citirt ') , indem er die Fürsten und Grossen zur Eintracht
den feindlichen Dänen gegenüber, und sie sowohl als den Kle-
rus zu einem tugendhaften Leben und sittlicher Erziehung des
Volks ermahnt, um ein Strafgericht Gottes abzuwenden, wie
dies der Kelte Gildas einst bei seinen von den Angelsachsen be-
drängten Landsleuten, freilich erfolglos, gethan. Namentlich
eifert Alcuin wiederholt in diesen Briefen gegen das ange-
stammte Laster der Trunksucht, aber auch gegen andere Fehler,
wie den Kleiderluxus des angelsächsischen Klerus -), ein Fehler,
1) S. Ep. 2S (p. 206), und Ep. SO (p. 371) wo er schreibt: Discite
Gyldum Brittonem sapientissimum ; et videte, ex quibus causis parentes
Brittonum perdiderunt regnum et patriam; et considerate vosmet ipsos,
et in vobis pene similia invenietis. j
2) S. z. B. Ep. .34 (p. 251).
Ebert, Literatur des Mittelalters II. 3
34 Alcuin.
von dem er sieli selbst, wie es scheint, auch nicht ganz frei
zu erhalten wusste. ') Hervorgehoben werde hier noch ein
Glückwunschschreiben (Ep. 72) an den eben inthronisirten Erz-
bischof von York Eaubald IL, einen Schüler Alcuins, worin er
demselben ein ganzes Programm seiner neuen Amtspflichten
entwirft und dabei auch die Pflege der Schule besonders aus
Herz legt, ihm den Beistand seines Rathes zusichernd. Ein-
zelne dieser Briefe zeigen uns Alcuin auch als diplomatischen
Vermitteler zwischen seiner alten und seiner neuen Heimath.
Eine andre, noch wichtigere Briefgruppe bildet die Corre-
spondenz mit Karl dem Grossen, aus welcher wir am besten
das innige vertrauliche Verhältniss beider Männer kennen ler-
nen, wie namentlich Alcuin mit wahrer Liebe an seinem gros-
sen Schüler hängt, dessen Wisseuseifer, dessen umfassende Bil-
dung er immer von neuem bewundert, ohne zum Schmeichler
zu werden, wenn er sich auch in höfischen Formen ausdrückt.
Er hat nicht Unrecht, wenn er Karl rühmt, dass er durch Be-
lohnungen und Ehren zur Pflege der Wissenschaft anfeuere und
zu diesem Zweck ihre Freunde aus den verschiedensten Thei-
len der Welt um sich versammele (Ep. 170), wenn er ihn wegen
seines Strebens, das Volk zu bessern und zu heben und das
Christenthum auszubreiten, preist (Ep. 78), oder ihm das Lob
des Satzes zollt : sapienter interrogare docere est (Ep. 24 1 ). Vor-
nehmlich ist die Correspondenz mit Karl wissenschaftlicher Na-
tur, sie setzt gewissermassen den mündlichen Unterricht Al-
cuins fort , nachdem er den Hof verlassen. Karl richtet Fragen
aus den verschiedensten Wissenschaften, namentlich aber aus
der Astronomie , an Alcuin und zwar über solche Punkte haupt-
sächlich , worüber seine gelehrte Umgebung ihm nicht befrie-
digende Auskunft gab oder anderer Ansicht als sein alter Lehrer
war. Dieser bildet gleichsam die höchste gelehrte Instanz für
Karl, auch wenn Andere an ihn oder seine Hofschule gelehrte
Fragen stellten (s. z. B. Ep. 239). Aber Alcuin behandelt auch
wichtige kirchlich-politische Angelegenheiten in seinen Briefen
an den König, wie die Art der Bekehrung der überwundenen
Avaren, die Lage des Papstes Leo, das neue Kaiserthum.
Eine dritte Hauptgruppe bilden die Briefe an den Erz-
bischof Arno von Salzburg, den innigsten Freund Alcuins, einst
1) Ep. 189 (p. G6S).
Briefe. 35
seinen Schüler. Es sind zwischen 30 und 40 uns erhalten , alle
bis auf einen aus der letzten Lebenszeit Alcuins vom Jahre
796-S04. Diese Briefe sind die vertraulichsten. Hier gibt
öfters Alcuin seiner Zärtlichkeit für diesen Busenfreund einen
biblisch schwungvollen, selbst schwülstigen Ausdruck, der recht
zeigt, wie viel seinem Herzen eine solche brüderliche Freund-
schaft war (s. namentlich Ep. 134)'). Er steht in diesen Brie-
fen Arno als treuer Berather bei allen wichtigen Angelegen-
heiten zur Seite, so bei seinem bischöflichen Missionarberuf,
so als Vorstand des Klosters, wie bei dogmatischen und litur-
gischen Fragen, auf welche Alcuins Antworten selbst zu klei-
nen Abhandlungen anwachsen ; er unterstützt ihn mit Büchern,
er wechselt mit ihm Geschenke , trotz der grossen Entfernung.
Arno war zugleich der Vermittler des freundschaftlichen Ver-
kehrs Alcuins mit dem noch entfernteren Paulin von Aquileja. —
Neben diesen drei Hauptgruppen der Briefe finden sich noch
kleinere, sowie einzelne Briefe, denn die Zahl der Adressaten
ist keine geringe. Im allgemeinen sind die Briefe Alcuins
gut geschrieben, insofern der Ausdruck klar und natürlich ist,
von Schwulst und Prätension sich freihält, am besten stilisirt
sind wie bei den poetischen Episteln die an Karl gerichteten.
Man sieht da, wie Alcuin schreiben konnte, wenn er sich
Mühe gab.
Hat auch Alcuin durch seinen persönlichen Einfluss, wel-
chen gerade seine Briefe vor allem bezeugen, zu dem neuen
Aufschwung, welchen die Weltliteratur nahm, noch mehr bei-
getragen als durch seine literarischen Leistungen, so haben
doch auch diese denselben nicht wenig gefördert oder in seiner
ferneren Entwickelung bestimmt. Alcuin hat nicht bloss, wie
bemerkt, durch seine philosophischen und dogmatischen Ar-
beiten angeregt und in seinen Bibelcommentaren ein Muster für
die Folgezeit geliefert, das seine Einflüsse selbst auf die Natio-
nalliteratureu erstreckt, sondern er hat auch durch seine Dich-
tung, und hier noch bedeutender eingewirkt, trotzdem er kein
1) Dieser Brief beginnt : AquUae inter omnes Alpine celsitudinis aves
carissimo Albinus salutem. 0 si mihi translatio Abacuc esset coucessa ad
te: quam tenacibus tua colla strinxissem, 0 dulcissime fili, amplexibus: nee
me longitudo aestivi diei fessum efficeret, quin minus premerem pectus pec-
tore, OS ori adiungerem, donec singulos cori^oris artus dulcissimis oscularer
salutationibus.
•6*
^6 Paulus Diaconus.
poetischer Genius war, denn er hat in seiner epistolographischen
und epigrammatischen Gelegenheitspoesie, wie in seinen bu-
kolischen Elegien, und zum Theil auch in seinem vaterländi-
schen epischen Gedichte Beispiele einer rein weltlichen Dich-
tung gegeben, welche auf die lateinischen Klassiker, namentlich
Virgil und daneben Ovid, als ihre Vorbilder unmittelbar hinwies.
ZWEITES KAPITEL.
PAULUS DIACONUS.
Die Emancipation der Literatur von der geistlichen Herr-
schaft, wodurch ganz wesentlich ihr neuer Aufschwung be-
dingt ward, tritt uns aber an Karls Hofe gleichzeitig noch
von einer anderen Seite entgegen, die auch von der Schule,
aber nicht von der der Angelsachsen, sondern von der der
Italiener ausgeht ; dennoch ist auch ihr Hauptrepräsentant sei-
ner Abstammung nach ein Germane. Es ist der berühmte Ge-
schichtschreiber der Langobarden, Paulus, nach seinem Stande
gewöhnlich Paulus Diaconus i) genannt. Derselbe war , ein
I) Pauli historia Langobardorum in: Monumenta Germ. bist. Script,
rerum langobard. et Italic. Saec. VI— IX. 4. (Praef.) (auch in usum Scho-
lar.) Hannover 1878. ^ Historia romana in: Monum. Germ. hist. Auetor. anti-
quissimor. Tom. II: Eutropi bx-eviarium cum version. graecis et Pauli
Landolfique addidamentis rec. et annot. H. Droysen. Berlin 1879. (Praef.)
— Gesta episcoporum Mettensium in: Mon. Germ. hist. Script. T. II. p. 260.
— Vita S. Gregorii M. in : Mabillon, Acta S. S. ord. Bened. Saec. I. — Homi-
liaein: Martene et Durand, Veterum scriptor. coUectio Tom. IX. u. in: Tosti,
Storia di Monte Casino. — Gedichte, einzeln edirt, s. M'eiter unten. — —
Bethmann, Paulus Diaconus' Leben u. Schriften, und Die Geschichtschrei-
bung der Langobarden, beides in Pertz' Archiv der Gesellsch. für ältere
deutsche Geschichtskunde Bd. X. Hannover 1851. — Dahn, Paulus Dia-
conus. I. Abtheilung. Leipzig 1876. — Hartel, Eutropius und Paulus
Diac. in: Sitzungsber. der ijhil. hist. Gl. der Wiener Akad. Bd. LXXI. 1872.
— Bauch, Ueber die Historia romana des Paul. Diac, eine Quellen Unter-
suchung. Göttingen 1873 (Dissert.). — Droysen, Die Zusammensetzung der
Historia rom. des Paul. Diac. in: Forschungen zur deutschen Geschiclite
Bd. XV. — Jacobi, Die Quellen der Langobardengeschichte des Paul. Diac.
Halle 1877. — Mommsen, Die Quellen der Langobardengeschichte des Paul.
Diac. im Neuen Archiv der Gesellsch. f. ältere Geschichtskunde Bd. V,
S. 51 ff. — Dümmler, N. A. S. 102 ff.
Leben. 37
Sohn des Warnefricl, im dritten Decennium des 8. Jahrhunderts
geboren, also jedenfalls etwas älter als Aleiiin. Er stammte
aus Friaul und von edlem langobardischem Geschlechte. Dem
gemäss wurde er auch am königlichen Hofe zu Pavia erzogen.
Flavianus war sein Hauptlehrer. Wie seine Werke zeigen, war
seine Ausbildung eine für jene Zeit vortreffliche, namentlich
erlernte er auch die griechische Sprache. Paulus, der wohl
schon unter König Ratchis (744 — 49) und durch den Einfluss
desselben') — welcher selbst vom Thron in das Kloster sich
zurückzog — den Laienstand mit dem geistlichen vertauscht
hatte, trat zu dem Königshaus des Desiderius (756 — 774) in
nahe Beziehung ; namentlich wurde er der Lehrer der Tochter
desselben, Adelperga, der Gemalin des Herzogs von Bene-
vent, Arichis, dem er eine gleiche Anhänglichkeit widmete,
vielleicht um so mehr als dessen Geschlecht auch aus Friaul
stammte. An ihrem Hofe fand er, zumal nach dem Untergang
des Reichs von Pavia, eine zweite Heimath, indem er diesem
hochgebildeten Fürstenpaar auch mit seiner literarischen Thätig-
keit diente. Trotzdem zog er sich, vielleicht in Folge jenes
dem Patrioten so schmerzlichen Ereignisses"-), in das berühmte
Kloster von Montecasino zurück. Aber ein besonderer Anlass
rief ihn noch einmal und auf mehrere Jahre in die Welt wieder
und brachte ihn zugleich in die nahe Beziehung zu Karl dem
Grossen. An einem Aufstand gegen die Franken in Friaul im
Jahr 776 hatte sich, wie es scheint, auch der Bruder des
Paulus, Arichis betheiligt; er war wenigstens von ihnen ge-
fangen fortgeführt und sein und der ganzen Familie Vermögen
confiscirt worden'^). Als nun Karl bei seiner Rückkehr nach
1) Das scheint wohl angezeigt durch die Verse der auf Paulus verfass-
ten Grabschrift;
Omnia sophiae caqjisti culmina sacrae,
Rege monente pio Ratchis, penetrare decenter.
2) Wie dies Dahn S. 23 annimmt.
3) Ohne Frage der angestammte Grundbesitz. Denn dass nicht bloss
von dem Vermögen des Arichis die Rede sein kann , wie man ganz allge-
mein annimmt, zeigt offenbar die Art, wie sich Paulus in der poetischen
Supplik ausdrückt:
Coniunx est fratris rebus exclusa paternis,
lamque sumus servis rusticitate pares,
Nobilitas perüt miseris, accessit egestas.
38 Paulus Diaconus.
Italien im Jahre 781 sieh gegen die Langobarden gnädig ge-
zeigt hatte, so wagte es Paulus im folgenden Jahre, den König
um Freilassung seines Bruders, sowie um Restitution des Ver-
mögens der Familie zu bitten, in einer Supplik, die in Form
einer Elegie verfasst war. Karl erfüllte zwar die Bitte , wenig-
stens was die Freilassung betrifft, nicht alsbald, aber er fes-
selte Paulus an seinen Hof, so dass dieser dort von 782 an
die folgenden Jahre bis spätestens 786 verweilte'), auch noch
für andere gefangene Landsleute sich verwendend. Nicht bloss
wirkte er als Hofdichter dort zur ästhetischen Unterhaltung
Karls in Gemeinschaft mit dem anderen Italiener, Petrus von
Pisa , sondern er war auch sonst als Schriftsteller für den König
thätig, wenn er auch die schon erwähnte Homiliensammlung
erst in seinem Kloster vollendet hat, 2) Zugleich wirkte er
als Lehrer im Griechischen am Hofe, namentlich unterrichtete
er darin die Geistlichen, welche die 781 mit dem byzantini-
schen Kronprinzen verlobte Tochter Karls Eotrude später nach
Konstantinopel begleiten sollten. — Aber Paulus sehnte sich stets
nach der beschaulichen Ruhe seiner Klosterzelle zurück, immer
schweiften seine Gedanken dorthin : und so finden wir ihn denn
im Jahre 787 wieder in Montecasino, wo er hochangesehen
war wegen seiner Frömmigkeit, Liebenswürdigkeit und Gelehr-
samkeit, welche letztere auch manche ausgezeichnete Schüler
dort bildete.^) Seine literarische Thätigkeit, in der er nicht
ermüdete, widmete er jetzt zum Theil dem Kloster selbst, in-
dem er eine Erläuterung der Regel des h. Benedict, sowie Ho-
milien verfasste; zugleich aber schrieb er jetzt dort sein be-
rühmtestes Werk, die Geschichte seines Volkes ; inmitten dieser
Arbeit überraschte den Hochbetagten der Tod, wahrscheinlich
noch in den letzten Jahren des achten Jahrhunderts.
Die Werke des Paulus lassen sich in drei Klassen thei-
len: 1) historische, 2) praktisch-theologische, 3) poetische. Am
wichtigsten ist die erste , die auch das älteste der Prosawerke
1) 787 befand sich Paulus sicher in Italien wieder (s. Dahn S. 55); im
November 7S6 aber zog schon Karl der Grosse selbst dorthin. S. Abel,
Jahrbücher des fränk. Reichs unter Karl d. Gr. Berlin IS66. I, S. 4ül.
2) S. oben S. 9.
3) S. Bethmann S. 270 f. — Von ihr legt recht Zeugniss ab der Aus-
zug des Festus, der jetzt Paulus Diaconus gewiss mit Recht zugeschrieben
wird. S. darüber Mommsen a. a. 0. S. 55.
Historia romana. 39
des Paulus iu sich schliesst. Es ist dies die durch Paulus'
Beziehungen zu dem Hofe von Benevent veranlasste , noch vor
seiner Reise nach Frankreich, etwa um 770') verfasste Be-
arbeitung, d. h. Erweiterung und Fortsetzung des Eutrop,
welche den Titel Historia romanu führt. Sie ist seiner Schüle-
rin Adelperga gewidmet, ja für sie verfasst. Wie das Wid-
mungsschreiben besagt, liebte die Herzogin nicht bloss der
Philosophen goldene Worte und der Dichtung Perlen ihrem
Gedächtniss einzuprägen, sondern auch die Geschichte, und
zwar sowohl die weltliche als die des Reiches Gottes, eifrig
zu studiren. Paulus hatte ihr deshalb den Eutrop zur Leetüre
gegeben."-) Dieser aber befriedigte sie nicht, sowohl wegen
seiner übertriebenen Kürze , als weil der Heide der Geschichte
der christlichen -Religion und Kirche gar nicht gedachte. Adel-
perga hatte deshalb Paulus aufgefordert, diese Mängel zu er-
gänzen. Derselbe entsprach nun nicht bloss diesem Wunsche,
sondern setzte auch das Werk, das bekanntlich nur bis Valens
reicht, bis auf die Zeiten des Justinian — und zwar bis kurz
vor dem Einfall der Langobarden in Italien fort , indem er den
zehn Büchern des Eutrop noch sechs neue hinzufügte. Für
die Erweiterung des Eutropischen Textes, dem Paulus auch
eine kurze Vorgeschichte Italiens (vor Roms Gründung) vor-
ausschickt, hat derselbe, was die profane Geschichte betrifft,
namentlich Hieronymus und Orosius , dann auch die Orifjo tjen-
tis romanae^), Aurelius Victor und Jordanis' Weltchronik, was
die sacrale Geschichte aber anlangt, die übrigens hier nur sehr
wenig bedacht wird, die beiden erst genannten benutzt. Die
Zusätze, bald längere, bald kürzere, sind möglichst wörtliche
1) S. Dahn a. a. 0. S. 15.
2) Cum ad imitationem excellentissimi comparis. qiii nostra aetate so-
lus paene principum sapientiae palmam teilet, ipsa quoque subtili iiigenio
et sagacissimo studio prudentium arcana rimeris, ita ut philosophorum
aiirata eloquia poetarumque gemmea dicta tibi in promptu sint, historiis
etiam seu commentis tarn divinis inhaereas quam muiidanis, ipse qui ele-
gantiae tuae studiis semper faiitor extiti, legendam tibi Eutropii historiam
tripudiaiis obtuli. Diese Stelle beleuchtet ziigleicli recht das Verhältiiiss
des Paulus zu dem herzoglichen Ehepaar.
.3) Die nach Mommsen (im Hermes Bd. XIIl in einer vollständigeren
Gestalt ihm vorlag. — S. über die Quellen und ihre Behandlung des Pau-
lus Droysens Schrift und das Prooemium seiner Ausg. p. XXXVIII ff.
40 Paulus Diaconus.
Excerpte'), bei deren Einschaltung so wenig als nur möglich
die Erzählung des Eutrop berührt wird, so dass nicht einmal
persönliche Bemerkungen dieses Autors von Paulus geändert
wurden; die Verknüpfung geschieht deshalb in ganz äusser-
licher Weise durch ein igitur, siquidem, circa haec tempora
u. dergl. Dagegen hat Paulus in sprachlicher Beziehung ein-
zelnes geändert, indem er ungewöhnlichere Formen und Con-
structionen corrigirte. Die Fortsetzung des Eutrop aber, die
sechs letzten von Paulus selbst verfassten Bücher, ist auch
bloss eine Compilation, zunächst (bis ins dreizehnte Buch) noch
aus denselben Hauptquellen, indem von ihnen Orosius den
Leitfaden liefert; dann, als diese versiegen, ausser aus Jor-
danis' Werken, deren Benutzung jetzt ganz in den Vordergrund
tritt, vornehmlich aus Prospers und Beda's Weltchroniken,
wozu noch einige andere weniger benutzte, zum Theil selbst
noch unbekannte Vorlagen kommen. Paulus scheint in der
Regel eine Zeitlang allemal einer Hauptquelle gefolgt zu sein,
zwisch'en deren Excerpte er dann die anderen einschaltete.
Leider ist er bei seiner compilirenden Arbeit nicht mit der
nöthigen Sorgfalt und Treue verfahren, was namentlich auch
von der Chronologie gilt.
Die H/storia rojymna wurde später von einem Andern noch
um ein Buch vermehrt, welches ein Auszug aus der Lango-
bardengeschichte des Paulus ist, indem sein Verfasser wohl
das von Paulus in der Widmung gegebene Versprechen, das
Werk bis auf seine Zeit fortzuführen, erfüllen wollte.'^) Eine
andre Fortsetzung, die zugleich eine Bearbeitung in derselben
Art ist als sie Eutrop durch Paulus erfahren ^), fand das Werk
Ende des folgenden, oder Anfang des zehnten Jahrhunderts
durch einen gewissen Land olfus Sagax. Dieses Werk, wel-
ches man später Histoj^ia miscel/a betitelt hat, führt die Ge-
schichte bis zum J. 813 fort, namentlich auf Grund der 872
verfassten Kirchengeschichte des Anastasius. Die Historia ro-
mana wie ihre Fortsetzung genossen im Mittelalter grosses An-
sehen und ausserordentliche Verbreitung.
1) Nur der weitläufigere Orosius wurde wesentlich gekürzt.
2) S. Bethmann S. 310. — Dies Buch findet sich im Appendix der
Ausg. von Droysen p. 396 ff.
3) Indem sich der Bearbeiter auch fast derselben Quellen als Paulus
bediente. S. d. Ausg. von Droysen p. LXV.
Gesta episcoijorum Mettensium. 41
Während seines Aufenthaltes im Frankeureich, wahrschein-
lich im J. 784'), verfasste Paulus, auf den Wunsch des Bi-
schofs von Metz, Angilram nach dem Muster der Gesta fonti-
ßcum Romanonim die Gesta episcoporum Mettensium, eine kurze
Geschichte der Bischöfe von Metz, von dem ersten Verkünder
des Evangeliums dort, dem heil. Clemens, welchen Petrus selbst
noch gesandt haben sollte, bis auf Angilram. Diese Geschichte
gibt aber zu einem guten Theil nichts weiter als ein Verzeich-
niss von Namen, denen kurze Notizen aus der Tradition bei-
gefügt sind; nur ein paar Bischöfe sind auf Grund schrift-
licher Quellen ausführlicher behandelt, wie Auetor zur Zeit
Attila's nach Gregor von Tours und Fredegar, und der Stamm-
vater der Arnulfingen. Aus seinem Leben erzählt Paulus zwar
nur die bekannte Anekdote von dem King 2), welche er von
Karl dem Grossen selbst gehört hatte, und die Sage von dem
Segen, welchen Arnulf seinem jüngeren Sohn ertheilte, aber
er gedenkt dann auch der Nachkommen des letzteren, bis auf
Karl selbst und seine Familie, indem er in einer kurzen Cha-
rakteristik derselben zeigt, wie sich an ihnen jener Segen er-
füllte. Die Grösse Karls erkennt Paulus da mit beredten Wor-
ten an^), wie er zugleich seine Milde gegen die Langobarden
rühmt. Hier hat denn auch Paulus die Epitaphien eingeschal-
tet, die er auf Befehl Karls auf d i e Mitglieder seiner Familie,
welche im Oratorium Arnulfs in Metz bestattet worden, ver-
fasst hat: es sind zwei Schwestern Karls, seine zweite Ge-
malin Hildegarde und zwei Töchter derselben. Am Schluss
wird noch des unmittelbaren Vorgängers Angilrams, Chrode-
gang, ausführlicher gedacht, von dem hier unter anderm ge-
rühmt wird, dass er ebenso beredt in der Muttersprache als
im Lateinischen gewesen sei.^)
Dem Gegenstand nach etwas verwandt ist eine andre kleine
kirchengeschichtliche Schrift des Paulus, die zu Rom und wohl
1) S. Pertz, Praef.
2) Vgl. Bd. I, S. 579, Arnn. 3.
3) De quo viro nescias, utrum virtutem in eo bellicam, an sapientiae
claritatem omniumque liberalium artinm magis admireris peritiam. 1. 1.
p. 265.
4) Fuit autem eloquio facundissimus, tara patrio quamque etiam
latino sennone imbutus. 1. 1. p. 267.
42 Paulus Diaconus.
bald nacli seiner Rückkehr aus dem Frankeureiche verfasst ist ') :
das Leben Gregors des Grossen, das Paulus selbst in
seiner Langobardengeschichte anführt. Es ist aber fast ganz
eine blosse Compilation aus dem langen, diesem Papst gewid-
meten Abschnitte der Kirchengeschichte Beda's -) und den Wer-
ken Gregors selbst. Und Paulus zeigt in der Behandlung sei-
nes Gegenstandes keinen Blick für das geschichtlich Bedeu-
tende, denn gerade die wichtigsten Seiten der Thätigkeit dieses
grossen Papstes werden von ihm nicht einmal berührt, seine
politische Wirksamkeit, welche die Unabhängigkeit Roms von
Byzanz begründete, wie seine Reform der Liturgie; qs wird
gleichsam bloss sein Privatleben gegeben: nur ist bemerkens-
werth, dass Paulus nicht der Wunder Gregors gedenkt'^), ja so-
gar keine solchen von ihm annimmt, indem er sagt, Gregor
hätte wohl Wunder thun können, es aber nicht gewollt.^)
Weit bedeutender und wichtiger als diese früheren histo-
rischen Schriften, ja die wahre Grundlage des Ruhms unsers
Autors ist seine HistoHa Lamjobardornm , von der er sechs
Bücher in Montecasino nach seiner Rückkehr vollendete. Denn
das Werk ist, wie eine Stelle im letzten Kapitel zeigt, wo er
etwas später Geschehenes an seinem Orte erzählen zu wollen
bemerkt, nicht beendet, wie denn auch Vorrede sowohl als
Schluss fehlen — ein Schluss nämlich für das Ganze, denn
das sechste Buch ist offenbar beendet, indem dasselbe mit dem
Tode Liutprauds, eines der bedeutendsten Könige, (744) einen
passenden Abschluss findet. Auch die nicht verbesserten Sprach-
fehler legen für die Nichtvollendung des Ganzen Zeugniss ab.')
Die Vertheilung des Stoffs auf die sechs Bücher ist die
folgende. Das erste umfasst die Geschichte der Langobarden
1) S. Dahn S. 56 f.
2) S. Bd. LS. 597.
3) Denn, wie Bethmann nachgewiesen S. 305, ist der sie behandelnde
Abschnitt der Ausgaben wie der meisten Handschriften eine Interpolation,
die mit der oben gegebenen Erklärung des Paulus in vollem Widerspruche
steht.
4) lam vero utrum aliquibus vir iste tanti meriti miraculis claruei'it,
superfluo quaeritur, quod luce clarius constat quod is qui virtutum signa
suis meritis valuit aliis quoque Christo largiente acquirere, si exegisset op-
portunitas, facilius poterat haec etiam ipse promereri.
5) S. Waitz, Praef. p. 27.
Y. Gregorii. Ilistoria Langobardorum. 43
Y^or ihrem Einfall in Italien, indem liier zunächst von ihren
ältesten Sitzen in Skandinavien, dann von ihrem Auszug von
dort, ihren Wanderungen und Kämpfen bis auf die Zerstörung
des Gepidenreichs durch Alboin gehandelt wird; ausserdem
sind noch vor dem letzten (27.) Kapitel zwei aus dem Gebiet
der allgemeinen Geschichte eingeschaltet, das eine (c. 26) offen-
bar aus persönlichem Interesse des Autors: es ist nämlich dem
heil. Benedict gewidmet, der „in jenen Tagen durch seine Tu-
genden glänzte", und der Gründung des Klosters Montecasino
durch ihn ; zwei Gedichte des Paulus , die seine AYunder be-
singen, werden hier mitgetheilt. In dem andern Kapitel (25)
aber wird vornehmlich des Kaisers Justinian gedacht, der so-
wohl wegen der durch Belisar, namentlich auch über germa-
nische Völker, erfochtenen Siege, wie als Gesetzgeber geprie-
sen wird. — Das zweite Buch wird eingeleitet durch die
Darlegung der früheren Beziehungen des Narses zu den Lango-
barden, welche seine Foederati im Krieg mit den Gothen waren,
die Eroberung Italiens durch ihn und die von ihm an Alboin
ergangene Einladung, sich dieses Landes zu bemächtigen (c. 5).
Hierauf wird denn die Einnahme Oberitaliens durch Alboin
und die Geschichte seiner Regierung sowie seines ersten Nach-
folgers dort, Cleph erzählt. Noch wird im letzten Kapitel des
zehnjährigen Interregnums gedacht, das nach dem Tode des
Cleph eintrat. Auch in diesem Buche linden sich ein paar
Episoden, eine längere c. 15 — 24, worin eine kurze Beschrei-
bung der Provinzen Italiens gegeben wird'), und eine kürzere
c. 13, die dem Dichter Fortunatus gewidmet ist. — Den In-
halt des dritten Buches bildet die Geschichte des Interreg-
nums und der Regierung des Authari, des Sohnes Clephs: die
Beziehungen zu dem Frankenreiche wie Byzanz, meist freilich
feindlicher Natur, führen hier auch zu einer weiteren Berück-
sichtigung dieser Reiche, die mehrfach aber einen rein epi-
sodischen Charakter hat. — Das vierte Buch behandelt die Re-
gierung einer ganzen Anzahl von Königen , die sich zum Theil
rasch folgten, von Agilulf au, welchen Authari's Wittwe, Theu-
delinde, wie schon das letzte Kapitel des vorigen Buchs be-
richtet, sich zum Gemal erkiest, bis auf die Söhne Ariperts,
1) S. über dies Verzeichniss der italischen Provinzen und seine Quelle
Mommsen S. S4 ff.
44 ' Paulus Diaconus.
Perctarit und Godepert, deren Zwietracht das Reich von Pavia
in die Hände des Herzogs von Benevent Grimuald bringt, wie
noch am Schlüsse erzählt wird. Neben einigen Mittheilungen
aus der allgemeinen Geschichte findet sich hier auch eine in-
teressante Abschweifung rein persönlicher Natur über das Ge-
schlecht und namentlich den Urgrossvater des Autors, Leu-
pichis, der allein von seiner Familie aus der Gefongenschaft
der Avaren entflieht und unter grossen Gefahren nach Italien
zurückkehrt (c. 37). — Das fünfte Buch hebt mit der Re-
gierung Grimualds an; nach seinem Tode gewinnt Perctarit
wieder den Thron, und ihm folgt sein Sohn Cunincpert; die
Geschichte des letzteren wird aber hier nur bis zu seinem
Siege über den Usurpator Alahis erzählt. Der Schluss der-
selben wird im Anfang des letzten Buches gegeben, welches
dann vornehmlich die Geschichte des Aripert, eines Enkels
des Godepert, und die des Liutprand zum Gegenstand hat,
mit dessen Ende das ganze Werk schliesst.
Diese Disposition des Stoffes ist mit Ueberlegung und Ver-
ständuiss gemacht , sie ist weder eine willkürliche , noch durch
Aeusserlichkeiten bestimmte ; vielmehr sind es mehr oder weni-
ger Epoche machende Ereignisse, welche die Einschnitte bilden,
so zwischen dem ersten unfl zweiten Buch der Einfall in Ita-
lien, zwischen dem zweiten und dritten das Interregnum, zwi-
schen dem dritten und vierten der Tod des Königs Authari
— das Erlöschen der Dynastie des Cleph , zwischen dem vier-
ten und fünften der Uebergang des Thrones an den Herzog
von Benevent, der also die ganze langobardische Macht im
Süd wie im Nord vereinigt. Dass endlich mit Liutprand ein
Buch (das letzte) schliesst , ist auch durch die Bedeutung dieses
Königs vollkommen gerechtfertigt. Fraglich kann nur sein,
weshalb der Sieg des Cunincpert über Alahis Epoche macht,
das fünfte Buch beendend : ich vermuthe , dass Alahis , der als
Verächter der Geistlichkeit von Paulus mit den schwärzesten
Farben geschildert wird, der letzte der arianischen Könige war.
Der Klerus — und nach der Art, wie er von Paulus gerühmt
wird, kann es nur der orthodoxe sein — nimmt in jenem Kriege
auf das thätigste für Cunincpert Partei'). Weniger als die
1) Paulus selbst äussert sich allerdings über die Confession des Alabis
nicht, aber dies geschieht überhaupt, irr' ich nicht, nur einmal bei einem
Historia Langobardorum. 45
Composition des Ganzen ist die Ordnung des Stoffes innerhalb
der einzelnen BUclier zu rühmen; der Faden der Erzählung-
wird nicht selten, wie angedeutet, durch Einschaltungen von
Anekdoten, Sagen, geographischen Excursen oder Mittheilun-
geu aus der allgemeinen Geschichte unterbrochen, welche letz-
teren allerdings nur die Völker betreffen, die mit Italien zu
der Zeit gerade in Beziehung stehen, denn die Langobarden-
geschichte erweitert sich dem Paulus zu einer Geschichte von
Italien, schon indem er den Sitz des Papstthums, Rom, be-
sonders berücksichtigt')- Die Chronologie, worin Beda sein
Führer ist, bildet offenbar allein das leitende Princip bei der
Anordnung und Einreihung der Ereignisse, Paulus nimmt es
aber leider auch in diesem Werke mit ihr selir wenig genau,
wie er denn auch mit sehr seltenen Ausnahmen nur ganz un-
bestimmte Zeitangaben macht, wie „um diese Zeit", „nach
einigen Jahren" und dergl. Die oft so lose und geringe Ver-
bindung der einzelnen Abschnitte seiner Erzählung erklärt sich
aber aus der Art seiner Arbeit. Auch dies Werk des Paulus
ist eine Compilation aus sehr verschiedenen Büchern, die er
mitunter wörtlich ausgezogen hat; mit diesen Auszügen hat er
aber auch der mündlichen Tradition entlehnte Mittheilungen
verbunden, und sie geben gerade zugleich mit dem aus heute
verlorenen Werken Geschöpften seinem Buche den stofflichen
Werth. Zu den letztern gehört eine seiner bedeutendsten Vor-
lagen , eine kurz gefasste kleine Langobardengeschichte , welche
Könige in seinem Buche, bei dem Gesetzgeber Rothari (1. IV, c. 42); wohl
aber spricht für meine Annahme die ausserordentliche, bei Paulus ganz
ungewöhnliche Gehässigkeit, womit Alahis von ihm behandelt wird, viel-
leicht auch allein schon der Ausdruck ßüus iaiquitatis (1. V, c. 36 init.),
ein Ausdruck der genau so auf Ai'ius selbst angewandt sich findet.
1 ) Darum ist man aber noch nicht berechtigt, die Langobardengeschichte
des Paulus als eine Fortsetzung der Historia rouiana zu betrachten, wie
Mommsen thut S. 77, und von einer „Geschichte Italiens (des Paulus) von
der Gründung Roms bis zum Begimie der Karolinger Zeit" zu reden (S. 53),
,, deren erste sechszehn Bücher als Historia rom., die letzten sechs als Hist.
Lanfjoh. betitelt wären", schon aus dem einen sehr einfachen Grunde, weil
die Historia romana nicht eine Geschichte Italiens, sondern des römischen
Reichs ist. Aussei'dem ist die Langobardengeschichte von einem ganz an-
dern Standpunkt geschrieben, und wie die von mir dargelegte Composition
zeigt, die Eintheilung des Stoffes nicht durch das Schicksal Italiens, son-
dern durch das des Langobardenreichs bestimmt.
46. Paulus Diaconus.
Secundus von TrieDt, wie uns dies Paulus selbst mittheilt'),
bis auf seine Zeit verfasste; er starb 612. Wichtiger war für
ihn noch eine andere, uns noch erhaltene langobardische Quelle
aus dem Ende des siebenten Jahrhunderts, die kleine Schrift
über die Herkunft des Langobarden- Volkes (Orüjo gent/s Lam/o-
bardorum)^ welche dem Edict Rothari's später vorgesetzt wurde-) :
es ist ein ganz kurzer Leitfaden der langobardischen Geschichte
bis auf diesen König, und gerade als solchen hat Paulus auch
das Büchlein zugleich benutzt, so dass es ihm doppelten Dienst
leistete. Als Stoffquelle aber hat es ihm namentlich auch in-
teressante Sagen geliefert. Von fremden Historikern hat Pau-
lus vorzugsweise Gregor von Tours, Beda und die (jcsta poiitl-
ßnim Romaiwrum benutzt, ferner in zweiter Reihe besonders
die Schriften Gregors des Grossen und des Isidor^).
Auch eine strenge Ausscheidung des geschichtlich Bedeu-
tenden darf man von diesem Werke ebenso wenig erwarten,
als eine kritische Untersuchung der historischen Wahrheit, von
der sich nur schwache Anfänge finden, so viel Wahrheitsliebe
der Verfasser offenbar auch besitzt : und dennoch zeigt sich in
diesem Werk ein Fortschritt der Historiographie dem ver-
wandten des Gregor von Tours gegenüber-*) in der Einschrän-
kung des kirchlichen und geistlichen Elements, welches hier
1) qui usque ad sua tempora succinctam de Langobardorum
gestis conposuit liistoriolam. 1. IV, c. 40. Hiernach kann das Buch
nur ein sehr kleines gewesen sein, was wohl bei der Frage zu berücksich-
tigen ist, wie viel Paulus dem Secundus entlehnt haben kann. Jacobi
scheint dem nicht Rechnung getragen zu haben; Mommsen ebenso wenig,
indem er (S. 74) es für evident erklärt, dass die Orif/o tjenl. Langob. (von
der sogar eine weit ausführlichere Recension Paulus vorgelegen haben soll)
nichts sei als ein mit einer kurzen Fortsetzung versehener Auszug aus
der Schrift des Secundus! — Es konnte kein Auszug aus einer succincta
hislorlola das Buch sein, aus welchem Paulus nach Mommsen so viel ge-
schöpft haben soll.
2) Abgedruckt in der oben citirten Ausg. der Scriptores rer. Laitgobard.
p. 1 ff. Nach Mommsen S. 5S if. hat, wie schon bemerkt, Paulus diese
Schrift in einer ausführlicheren Gestalt vorgelegen.
3) S. darüber ausser Jacobi Waitz Praef. p. 26 und vgl. Mommsen
S. 77 ff., der als eine Hauptquelle des Paulus „verlorene im byzantinischen
Italien verfasste Annalen" annimmt, aus der Isidor und Beda selbst auch
geschöpft hätten.
4) Vgl. Bd. I, S. 544,
Theologische Arbeiten. 47
keineswegs mehr clominirt, uoeb der Exponent der Geschichte
ist, und zwar zum Theil gewiss in Folge des Arianismus der
Langobarden, die an der Geschichte der katholischen Kirche
lange Zeit nur einen negativen Antheil haben. An die Stelle
der Herrschaft des kirchlichen Interesses tritt die des patrio-
tischen, wie schon in der Gothengeschichte des Cassiodor-Jor-
dauis, obwohl es sich da mit einem rein politischen mischt').
Nicht als Kleriker hat Paulus seine Geschichte geschrieben,
wenn ihm auch Rom mehr als das Germanenthum zu gelten
scheint; vielmehr, obgleich er ein guter Katholik ist und in
abgeschiedener Klosterzelle schreibt, liebt er es doch, im
Gegensatz zu Gregor, statt der Wunder der Heiligen die sagen-
haften Thaten und Missethaten seiner Natioualhelden zu erzäh-
len; und diese Erzählungen, welche ohne allen rhetorischen
Aufputz oder moralische Salbung, schlicht und treuherzig be-
richten und oft durch eine reiche Ausführung im einzelnen
aufs lebendigste veranschaulichen, bilden den grössten Reiz
seiner acht germanischen Nationalgeschichte. In diesem po-
etischen und zugleich volksthümlichen Sinn für die Sagen und
Mythen der Vorzeit seines Stammes zeigt sich die weder durch
seine romanische Bildung, noch durch seineu geistlichen Stand
zerstörte germanische Natur unsers Autors aufs beste. — Wel-
chen Beifall das Werk im Mittelalter fand, beweisen schon
mehr als fünfzehn Auszüge und zehn Fortsetzungen desselben.
Von den theologischen Arbeiten des Paulus ist die
mehrfach erwähnte Ho milien Sammlung nicht bloss für ihre
Zeit eine dem Zweck entsprechende , geschickt gemachte An-
thologie gewesen, wie die lang dauernde Anerkennung zeigt,
die sie fand-); die Erklärung der Regel des h. Bene-
dict liegt ausser dem Kreis unserer Darstellung, so dass wir
auch von der Frage, ob sie uns in einer Handschrift von
Montecasino erhalten-^, hier absehen können; hier interessiren
1) An Jordanis erinnert Paulus auch in der Anlage seines "Werkes in-
sofern als jener Avie dieser mit der Darlegung der ältesten Sitze seines
Volks, die auch in Skandinavien, beginnt, ganz im Gegensatz zu Gregor,
der sein Werk vielmehr mit der Schöpfung anhebt. Dem Paulus wies aber
da schon die Origo den Weg.
2) Sie blieb zehn Jahrhunderte im Gebrauch der katholischen Kirche.
Dahn S. 52.
3) S. darüber Bethmann S. 290 und Dahn S. (32.
48 Paulus Diaconus.
uns mir die Homilien, die unter Paulus' Namen eben dort sich
gefunden haben; es sind vier, von denen aber nur eine von
Bedeutung ist. Sie knüpft an den Bibeltext über Martha und
Maria an, indem sie in jener das thätige, in dieser das con-
templative Leben dargestellt sieht und nun sieh über beide
verbreitet. Die Art, wie hier die goldene Mittelstrasse em-
pfohlen wird, das eine Leben mit dem andern zu verbinden,
ist sehr bezeichnend für den Charakter unseres Autors, der,
obgleich Mönch, vielmehr als ein Mann der Praxis, denn der
Speculation sich bekundet und dabei eine milde tolerante Na-
tur war.
Die Gedichte des Paulus, die uns erhalten sind — und
es sind immerhin deren noch mehr als bei manchen andern
Autoren jener Zeit — sind auch grossentheils Gelegenheits-
poesien, wie die Gedichte des Alcuin, aber zum Theil von
eigenthümlicher Art. Ich meine damit die an Karls Hofe ent-
standenen, von dem König selbst direct oder indirect veran-
lassten Gedichte, die uns recht in das auf wissenschaftlichem
Grund erwachsene ästhetische Leben und Treiben dieses
Hofes einführen, dem die Dichtung schon zur Unterhaltung
und zum Schmucke diente. Es sind Antworten auf Gedichte
und poetische Episteln des Petrus von Pisa, welche derselbe
zum Theil direct im Namen Karls an Paulus gerichtet hat.
Als Einleitung zu dieser poetischen Correspoudenz erscheint
gleichsam jene oben erwähnte Elegie von vierzehn Distichen i),
worin Paulus in warmen rührenden Worten Karl um Freilas-
sung des schon sechs Jahre gefangenen Bruders bittet, indem
er in wenigen einfachen, aber acht poetischen Zügen die Noth
der Familie desselben schildert, die einst wohlhabend und an-
gesehen, jetzt ihr Brod auf den Strassen betteln muss.-) Wohl
noch der ersten Zeit seines Aufenthaltes au Karls Hofe gehört
ein poetisches Duett des Paulus mit Petrus^) in dem bekann-
ten trochäischen Hymnenversmass an, das aber hier durchaus
rythmisch und nicht quantitativ ausgeführt ist — ich komme
1) Verba tui famuli etc. in Waitz' Praef. p. 15.
2) Z. B. Illius in patria coniux miseranda per omnes
Mendicat plateas ore tremente cibos.
3) Bei Waitz 1. 1. p. 17 ff. Kos dicamus Christo etc. und Sensi cuius
verba.
Poetische Corresponclenz mit Petrus von Pisa. 49
auf die Form weiter unten, im folgenden Buclie, bei einer zu-
sammenfassenden Betrachtung der rvthmischen Verse dieses
und des folgenden Zeitalters genauer zurück. Hier schreibt
Petrus im Namen Karls: derselbe danke dem Himmel, der
ihm in Paulus den gelehrtesten der Dichter sandte, welcher
durch seine Kenntuiss verschiedener Sprachen glänze, der ein
Homer im Griechischen, ein Virgil im Lateinischen, im Hebräi-
schen ein Philo sei. Als Dichter vergleicht ihn Karl noch mit
Horaz und Tibull. Er hofft, dass Paulus im Felde seiner
Liebe Wurzel gefasst habe, und sein Herz sich nicht mehr
nach den alten Schlupfwinkeln (latibula) sehne. Er sagt ihm
grossen Dank besonders für den Unterricht, den er — ein
früher von Karl nicht gehoffter Ruhm! — im Griechischen
vielen 0 ertheile, und namentlich den Klerikern , welche seine
Tochter nach Byzanz begleiten sollten.-) Er hofft sogar, dass
Paulus auch im Hebräischen die Gelehrten unterrichten werde.
— Paulus lehnt in seiner Autwort das — allerdings scherzhaft
übertriebene — Lob, welches er nur für „Ironie" nehmen
könne , in humoristischer Weise nicht minder übertreibend ab :
er will verderben, wenn er wünsche jenen alten Heiden, mit
denen er verglichen ward, ähnlich zu sein, die er selbst lie-
ber mit Hunden vergliche; griechisch und hebräisch versteht
er nicht, bis auf ein paar Silben, die er in der Schule ein-
geheimst, und wenn jene Kleriker nicht mehr griechisch in
Byzanz hervorbringen können, als sie von ihm gelernt, so
werden sie dort als stumme Statuen verspottet werden. In-
dess, um zu zeigen, dass er der Sprachen nicht ganz unkun-
dig, theilt er am Schlüsse ein griechisches Epigramm in latei-
nischer Uebersetzuug mit. (Das Epigramm war wohl zugleich
im Original beigefügt.) Der scherzhafte Ton des Gedichts
stimmt gut zu dem populären Versmaass.
1) Credimus post Graecam, multis quam ostemlis, regulam
Dies multis ist, was nicht überall geschehen, wohl zu beachten;
ebenso auch die folgende, oben angedeutete Stelle :
Qui cupis Graeco susceptos erudire tramite :
Quam non ante sperabamus, nunc surrexit gloria.
Hieraus ergibt sich, dass Paulus zuerst zu dem Studium des Grie-
chischen, das besonders hochgeschätzt ward, am Hofe Karls und zwar in
weiteren Kreisen anregte.
2) S. oben S. 3S.
Ebert, Literatur des Mittelalters II. *
50 Paulus Diaconus.
Ein andres Beispiel dieser poetischen Correspondenz des
Paulus mit dem König-, das sich erhalten, ist aus späterer
Zeit. Karl, der auch hier durch das Organ seines Gramma-
tikers spricht, bezieht sich in seiner Epistel (25 Hexameter)^)
auf ein an ihn gerichtetes (nicht mehr erhaltenes) Gedicht des
Paulus, worin dieser frohlocke, von ihm zu Ehren angenom-
men worden zu sein, und Christus und Gott durch erhabene
Gesänge feiere, weil sie ihn nach der Finsterniss das Licht
schauen Hessen. Paulus bete darin für den König; er sage,
es wäre für ihn (Paulus) der Sorge genug gewesen, jetzt liege
der hässliche Kummer hinter ihm. — Auch ich kann, wie
schon Bethmann (S. 262), nur annehmen, dass das von Karl
angezogene Gedicht des Paulus eine Danksagung für die end-
liche Gewährung seiner Bitte, die Freilassung des Bruders und
die Rückgabe des Vermögens der Familie, enthielt. — Aber,
fährt der König in seiner poetischen Epistel fort, Paulus sei
ihm noch die Autwort auf dreierlei schuldig geblieben: ob er
lieber wolle mit Ketten belastet sein, oder in einem furcht-
baren Kerker liegen, oder vor das Angesicht des wilden Dä-
nenkönigs Sigfrid treten , um ihn zu taufen. — Wahrscheinlich
hatte Karl im Scherz bei der Begnadigung Paulus die Wahl
zwischen diesen drei Bussen gelassen.-) — Am Schluss des
Gedichts fügt Karl aber auch noch ein Räthsel zur Lösung bei.
Paulus antwortet auf diese Epistel mit siebenundzwanzig
Distichen^), worin er auf den Scherz des Königs eingehend,
mit Humor und wahrhaft fein erwidert: „Gefängniss und Ban-
den sind unnöthig, gefesselt bin ich schon durch meines Kö-
nigs und Herren Liebe"; Paulus liebt ihn so heiss, wie Petrus
Christus, nachdem dieser ihm nach der Verläug;nung seine
Schuld erlassen. Das grimmige Angesicht des Sigfrid aber zu
sehen, verspreche kaum einigen Nutzen, sie würden sich ja
nicht verstehen. Ja man würde ihn, den Paulus — in seiner
Mönchstracht — für einen Affen oder ein Borstenthier halten
und sein — kahles — Haupt verspotten. Sigfrid aber, den
1) Paulo sab umbroso etc. S. Gedichte aus dem Hofkreise Karls d.
Gr. herausgeg. v. Dümmler in: Ztschr. f. deutsch. Alterth. Bd. XII, S. 452.
2) Nicht sowohl als Stellvertreter des Bruders, glaub' ich, als viel-
mehr der Familie sollte er die Busse leisten.
3) Sic ego suscepi etc. a. a. 0. S. 452 ff.
Poetische Con-cspondenz mit Petrus von Pisa. 51
Paulus mit einem struppigen Bocke verg-leiclit, werde nicht
wagen, nur mit dem kleinen Finger ihn zu berühren, so
fürchte er Karls Namen und Waffen. Er werde noch entweder
freiwillig sich Karl unterwerfen, oder mit gebundeneu Händen
vor ihm erscheinen, ohne dass Thonar und Wodan ihm helfen
könnten. — Zum Schluss gibt Paulus eine Auflösung des ßäth-
sels, die, wenn sie nicht die rechte, woran er selbst zweifelt,
doch eine für den König schmeichelhafte war.
Petrus correspondirte aber auch im eigenen Namen mit
Paulus, wenn auch vielleicht selbst hierbei zugleich im Auf-
trag des Königs, so sendet er in einem Gedichte (Lumine
purpureo etc. 45 Hexam.) ') dem Paulus ein Käthsel, das wäh-
rend der Mittagszeit, die der Dichter im Eingang, an Virgils
Eklogen erinnernd, schildert, ein schöner junger Mann (iuvenis),
den er höchlichst rühmt, der alle an Geist und höchstem
Namen übertrifft, ihm selbst aufgegeben. War dieser Iuvenis
nicht Karl selbst, wie Dahn vermuthet -), so kam er doch ge-
wiss in seinem Auftrag. Da die Lösung des Räthsels Peti'us
Kräfte übersteige, sendet er es dem ,büchergewaltigen* Bruder,
nur solle er ihn nicht deshalb noch mehr verspotten, vielmehr,
wenn er dazu geneigt, eines Dactylus gedenken. So folgt hier-
mit ein zweites Eäthsel. Letzteres löst Paulus in dem klei-
nen Gedicht in Distichen: lam puto etc.^) — der Dactylus ist
desme — ; das andre Eäthsel aber, das dem Petrus zu schwer
war, in einem längeren Gedicht von 47 Hexametern (Candide
lumbifido)^), in welchem er am Schlüsse selbst seinem Lands-
mann ein Räthsel aufgibt. So haben wir also auf die eine
Epistel des Petrus zwei Antworten des Paulus. Ein andres
Gedicht des letzteren (Cinthius occiduas etc., 24 Hexam.) ^0, das
auch auf jene Epistel Bezug nimmt, weist auf andre poetische
1) A. a. 0. S. 454.
2) S. 43 ; wenn man aber zu dem Iuvenis noch den Vers : de cuius
niveo florehat harbula mento in Betracht zieht, so möchte man doch
eher an einen kaum zum Jüngling Herangereiften derfken, der den Namen
Karl führte. Karls gleichnamiger Sohn lässt sich freilich, weil noch zu
jung, nicht annehmen.
3) A. a. 0. S. 455 f.
4) In: Lebeuf, Dissertations sur l'histoire de Paris I, p. 411. Bei
Dahn S. 86.
5) Dümmler a. a. 0. S. 456.
4*
52 Paulus Diaconus.
Wettkämpfe satirischer Art zwischen beiden, offenbar nahe be-
freundeten Gelehrten hin, Wettkämpfe, die sie zur ästhetischen
Unterhaltung des Königs ausführten. Es ist, wie man sieht,
eine Poesie des Hofs, der Gesellschaft.
Neben solchen Dichtungen hat Paulus bei seinem Aufent-
halte in Francien auch Epitaphien in Versen verfasst, die sich
zum Theil weit über andre jener Zeit, auch die des Alcuin,
erheben; so hat er eins für das Grab des Fortuuat bei seinem
Besuche desselben auf den Wunsch des Abtes von St. Hilaire
gedichtet ^), und wie oben (S. 41) bemerkt, eine Anzahl für
Gräber der königlichen Familie in Metz. Unter diesen Epita-
phien findet sich ein vortreffliches, es ist das schöne Lob-
gedicht von IS Distichen auf die Königin Hildegard. Nach
ihrem Stamme rühmt hier Paulus zuerst die Anmuth ihrer zar-
ten blühenden Schönheit, der Lilien mit Rosen gemischt kaum
gleichkamen ; übertroffen aber wurde diese noch von den Vor-
zügen des Herzens und Geistes, ihrer Sanftmuth und Klugheit,
ihrem Fleiss und Frohsinn ; aber, ruft der Dichter aus, was ist
weiter zu sagen nöthig, da es kein grösseres Lob für dich gibt,
als einem so grossen Manne gefallen zu haben! Sie theilte seinen
weltbeherrschenden Scepter, und so beweinen sie denn alle Na-
tionen; die starken Herzen der Männer sind zu Thränen ge-
rührt, die zwischen den Schilden und Schwertern herabfallen.
— Man sieht, das Gedicht ist alsbald nach dem Tode Hilde-
gardens verfasst. Die Königin hatte offenbar auch das Herz
unsers Paulus gewonnen.
Wie viel er als Dichter zu leisten vermochte, wo sein Ge-
müth tief ergriffen war, zeigt noch ein andres Epitaphium, das er
später in Italien seinem Freund und Gönner, dem Herzog Ari-
chis gewidmet hat. 2) Dies Gedicht hat einen noch elegische-
ren Charakter durch die innige Theilnahme an dem Schmerze
1) Von Paulus selbst in seiner Hist. Langob. 1. II, c. 13 mitgetheUt.
2) An der Verfasserschaft des Paulus ist um so weniger zu zweifeln,
als dies Epitapli an das der Hildegard gewidmete erinnert, so findet sich
hier namentlich der ..Romuleusque Tibris" am Ende eines Distichon wie dort.
— Das Gedicht ist überliefert durch das Chronicon Salernitanum I, 20:
auch bei Dahn S. 95. — Ein historisch interessantes, ästhetisch nicht un-
bedeutendes Epitaph auf Adelperga's Mutter, die Königin Ans a wird auch
Paulus nicht ohne Grund beigelegt. S. dasselbe bei Waitz, Script, rer.
lang. p. 191 und vgl. darüber Dahn S. 67 f.
Epitaphien. 53
der Wittwe, der Paulus hier einen rührenden Ausdruck gibt.
Von Arichis rühmt er vor allem die gelehrte Bildung und die
Bauten, namentlich die hohen Mauern, womit er das Vaterland
schmückte : sie würden sein Lob verewigen. 0 Eben dieselben
gaben ihm auch schon bei Lebzeiten des Herzogs die Veran-
lassung zu einem Gedicht (von 32 Hexam.), worin er Arichis
auch zugleich in der andern Beziehung rühmt.-) — Aber auch
der „frommen Adelperga'^ hat Paulus' Muse gedient. Dies be-
zeugt wenigstens ein Gedicht, das älteste Werk überhaupt, das
sich von ihm erhalten (A principio etc.), welches in mancher
Beziehung recht bemerkeuswerth ist. "Wie wir aus ihm selbst
erfahren, ist es im J. 763 verfasst; es gibt nämlich die Haupt-
epochen der Weltchrouologie — zum Theil in eigeuthümlicher
Art '^) — wie zum Auswendiglernen für den Unterricht imd in
dem oben erwähnten, auch später noch von Paulus angewandten
populären Versmass des rythmischen trochäischen Tetrameter,
1) Oniasti patriam doctrinis. moenibus altis:
Hinc in perpetiumi laus tua semper erit.
Und einige Verse danach:
Nee minus excelsis nuperque condite muris
Structorem, orbe, tuum, clare Salerne, gemis.
2) Das Gedicht beginnt:
Aemula Komuleis consurgunt moenia templis,
Ampla procul fessis visenda per aequora nautis,
da heisst es denn auch von Arichis v. 15ff. :
Omnia componens quem sie sapientia compsit,
Redderet ut variis satis artibus esse potentem,
Quo merito Latiae dicatur gloria gentis,
Bardorum et culmen
(Bardorum für Langobardorum). — Das Gedicht ist zuerst herausgegeben
von Dümmler in der Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. IX, S. 471. Die
Uebereinstimmung im Inhalt wie im Ausdruck mit dem vorher erwähnten
lässt nicht daran zweifeln, dass beide Gedichte denselben Verfasser haben.
3) Diese Epochen sind: 1) von Anfang der Welt bis zur Siindfluth 2242
Jahre, 2) von da bis Abraham 942, .3) bis zur Gesetzgebimg Mosis 50.5,
4) bis zur Weihe des Tempels durch Salomo 450, 5) bis zur babylonischen
Gefangenschaft 512, 6) bis zur Geburt Christi 5 IS, 7) bis auf des Dichters
Zeit 763. Von diesen sieben Epochen entsprechen 1 und 2 den beiden
ersten Weltaltem, ebenso 6 und 7 den beiden letzten; dagegen geht das
dritte Weltalter bis auf David, so dass es noch etwas mehi" als die 3. und
4. Epoche umfasste; das vierte Weltalter erstreckt sich dann auch bis zur
babylonischen Gefangenschaft. Vgl. Bd. I, S. 224 ft". — Das Gedicht findet
sich bei Waitz, Praef. p. 13 f. und bei Dahn S. 76.
54 Paulus Diaconus.
von dem hier zwölf clreizeilige Strophen das Acrosticlion „Adel-
perga pia" bilden. So beurkundet das Gedicht auch die
Stellung, welche Paulus als Lehrer zu der Herzogin einnahm.
Noch ein elegisches Gedicht von Bedeutung wird dem Pau-
lus nicht mit Unrecht beigelegt, ein Lobgedicht auf den Comer-
see in 15 reciproken Distichen. ') Hier begegnen wir einmal, was
selten im älteren Mittelalter, einem Landschaftsgemälde, indem
der Dichter den ewigen Frühling, den grünen Easen, und die
das Ufer umsäumenden „lachenden Gärten" mit ihren Oelbäu-
men, Granaten, Myrthen, Pfirsichen und Citronen rühmt. Der
Schluss hat einen etwas geistlichen predigerhaften, obschon da-
mit nicht unpoetischen Anstrich, wenn der Dichter den See er-
mahnt, sich vor dem Verbrechen zu hüten, in seinen zitternden
Wellen die Nachen mit Menschen zu verschlingen, um so sein
Lob sich zu erhalten.
Sehr wahrscheinlich hat Paulus auch drei Fabeln ver-
fasst, die in einem Collectivcodex mitten unter authentischen
Gedichten desselben überliefert worden sind. Sie sind für die
Geschichte der Thierfabel höchst merkwürdig, und zeigen im
Verein mit der von Alcuin uns erhaltenen Fabel-), wie auch
diese Dichtungsart an dem ästhetischen Hofe Karls gepflegt
wurde, denn eine von den dreien des Paulus scheint direct
au Karl adressirt zu sein. 3) In ihnen bekundet sich auch das
anmuthige Erzählungstalent unseres Autors zugleich mit dem
humoristisch-ironischen Zuge, der ihm eigenthümlich. In der
That sind diese drei in Distichen verfassten Fabeln, zumal für
jene Zeit, in der Ausführung vortrefflich. In der einen. De
vitulo et ciconia 4), brüllt das hungrige Kälbchen und der Storch
sagt ihm zum Trost, dass er selbst schon seit drei Jahren ent-
1) Ordiar unde tuas etc. Herausgeg. von Dümmler. Zeitsclir. f. deutsch.
Alterth. XII, p. 451 und in H. MüUer's Symbolae ad emendand. Script,
lat. Berlin 1876.
2) S. oben S. 32.
3) Es ist die von uns zuletzt aufgeführte : sie schliesst :
Servulus ecce tuus depromit hos tibi versus,
Fabula quid possit ista, require valens.
Es wird hierdurch meines Erachtens die Autorschaft des Paulus unter-
stützt.
4) Herausgegeben zugleich mit der folgenden von Müllenhoff in der
Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. I. S. 319 f.
Fabeln. Geistliche Gedichte. 55
wöhut sei. „Deine Beine zeigen es auch, womit du clieli ge-
nährt'": erhält er zur zornigen Antwort. In der zweiten Fabel
treten das Podagra und der Floh auf. Beide machten schlechte
Geschäfte, als das erstere den Armen, der Floh den Reichen
heimsuchte; sie vertauschen die Rollen und so ist ihnen beiden
geholfen. Die dritte behandelt die Heilung des kranken Löwen, i)
Originell ist hier im Unterschied von der äsopischen Fabel, dass
der Bär der Ankläger des Fuchses ist und sein Fell lassen muss
an der Stelle des Wolfes und der witzige Zug, dass der Fuchs
vor dem Könige mit vielem zerrissenen Schuhwerk auf dem
Rücken erscheint, zum Zeugniss, wie viel und wie weit er ge-
laufen um den Arzt aufzufinden, der dem Könige helfen kann
und das Bärenfell als Arznei verordnet.
Die geistliche Poesie des Paulus tritt hinter seiner welt-
lichen entschieden zurück. Die uns bekannte und erhaltene ist
vornehmlich seinem heil. Benedict gewidmet. Es sind einmal
zwei Gedichte auf ihn, die Paulus selbst in seiner Langobarden-
geschichte (1. I, c. 26) mittheilt. Das eine ist eine Elegie von
66 reciproken Distichen, in welcher auf Grund der Dialoge
Gregors-) eine panegyrische Verherrlichung des Lebens und
der Wunder des Heiligen gegeben wird, indem in der Regel
einem jeden der letzteren, wie Paulus selbst auch anzeigt, ein
Distichon gewidmet ist.-^) So sind die Wunder nur ange-
deutet, und das Gedicht setzt ihre Kenntniss voraus, da es
ohne dieselbe oft gar nicht zu verstehen ist. *) Dasselbe gilt
auch von dem andern Gedicht, einer für den Festtag, des Heili-
gen verfassten Hymne in iambischen Dimetern, in der auch
1) Der Schluss (von v. -11 an) wurde zuerst puhlicirt, von Dümmler in
der Zeitschr. f. deutsch. Alterth. XII, S. 459 nach der St. Galler Handschr.
des 10. Jahrh., wo der Anfang fehlt (ans ihr sind auch die beiden andern
Fabeln edirt) ; die Ergänzung lieferte "Weiland in derselben Zeitschr. N. F.
IT, S. 497 f. auf Grund einer Fuldaer Handschr. des 15. Jahrh., die offen-
bar auf den St. Galler Codex zurückgeht, wenn auch vielleicht nicht un-
mittelbar. — S. über diese Fabel MüUenhoff. Zeitschr. f. d. A. N. F.
VI, S. 3.
2) S. Bd. I, S. 521.
3) Nur findet sich daneben auch eine Erwähnung anderer Thatsachen
aus Benedicts Leben, s. z. B. v. I3ff. : die Schilderung seines Einsiedler-
lebens.
4) Vielleicht hatte das Gedicht den Zweck, die Reihenfolge der Wun-
der dem Gedächtniss einzuprägen.
56 Epische Dichtung.
seine Wunder den Inhalt bilden. Mit einiger Wahrscheinlich-
keit ist Paulus auch als Verfasser eines Gedichts auf die Schwe-
ster des h. Benedict, die h. Scholastica ') zu betrachten, welche
ein Nonnenkloster in der Nähe von Montecasino gegründet
hatte. Dies Gedicht, ganz in demselben Metrum als die er-
wähnte Elegie auf den heil. Benedict, bildet zu dieser ein Pen-
dant gleichsam. Es ist für das Fest der Heiligen geschrieben,
und erzählt hauptsächlich das Wunder, dass bei einem Besuche
ihres Bruders am Tage vor ihrem Tod Gott auf das Gebet der
Heiligen ein Unwetter sendet, um Benedict die Nacht bei ihr
bleiben zu lassen, was er selbst ihren Bitten verweigert hatte.
Dies Gedicht (40 recipr. Distichen), das in der Schilderung der
geschwisterlichen Liebe der beiden Heiligen einen eigenthüm-
lichen Reiz besitzt, ist, zumal bei seinem klaren gewandten Aus-
druck, viel ansprechender als sein Seitenstück.-)
DRITTES KAPITEL.
EPISCHE DICHTUNG: HIBERNICUS EXUL, ANGILBERT.
Während nun Karl der Grosse durch die an seinen Hof
von ihm selbst verpflanzte grammatisch-ästhetische Bildung eine
weltliche höfische Lyrik ins Leben rief, die namentlich auch
1) In: Mabillon, Acta S. S. ord. S. Benecl. Saec. I, p. 42. — Dümmler
vermuthet als Verfasser den Alberich von Montecasino (Ende des 11. Jahrh.),
s. N. A. IV, S. 103.
2) Beigelegt wird dem Paulus u. a. noch (zuerst im 12. Jahrh.) die be-
rühmte Hymne auf Johannes den Täufer in sapphischen Strophen, von
welchen die erste in den Anfangssilben der ersten sechs Halbverse ut, re,
mi, fa, sol, la dem Guido von Arezzo die Namen seiner Noten lieferte. S.
die Hymne bei Daniel, Thosaur. hymnolog. I, p. 208 und Dahn a. a. 0.
S. 98. Ferner werden ihm noch in neuerer Zeit zugeschrieben 62 Hexameter
(bei Maurisse, Hist. de Metz), worin eine Liste der Bischöfe von Metz bis
auf Angilram , der zu des Verfassers Zeit „die Heerde weidete", gegeben
wird. Der Verf. würzt die trockene Aufzählung durch eine Spielerei mit
der Etymologie der Namen, z. B. Sambatus octavus bene mystica Sabbata
servat. Das Gedicht, dessen Handschrift noch aus der Zeit Karls d. Gr.
sein soll, ist allerdings höchst wahrscheinlich auf Grund der Schrift des
Paulus verfasst, aber sicherlich nicht von ihm. Eher könnte noch der
Hymnus auf Johannes ihn zum Verfasser haben.
Hibernicus exul. 57
ZU seiner eigenen Unterhaltung- diente, erweckten andrerseits
seine Thaten schon in den Zeitgenossen selbst, und auch in seiner
eigenen Umgebung, den wenigstens auf dem Continent in der
Kunstpoesie schon lange entschlummerten epischen Geist. So
sind uns Fragmente von zwei Dichtungen in Hexametern er-
halten, welche Thaten Karls, unmittelbar den Ereignissen fol-
gend, besangen. Die ältere ist das Werk eines hibernicus exul
(wie der Verfasser in der Ueberschrift genannt wird) '), also
eines jener gelehrten Iren, welche schon seit Columbans Zei-
ten nach dem Festland auszuwandern pflegten, um dort als
Missionäre zuerst des Glaubens, dann der Wissenschaft eine
reichere Wirksamkeit als in der Heimath zu finden. Dieser
,Irische Auswanderer' hat den unblutigen Sieg Karls im J. 7S7
über den abgefallenen Tassilo von Baiern besungen, und dies
Gedicht als Vasallen-Jahresgeschenk dem König dargebracht,
offenbar in dem folgenden Frühjahre, denn später würde der
Dichter nicht gewagt haben, in einem Karl selbst gewidmeten
Gedichte den Baiernherzog zu entschuldigen, der schon Ende
Juni 7SS entsetzt wurde.
Ein Gespräch des Autors mit der Muse eröffnet das Ge-
dicht ; sie beruhigt ihn über den Werth ihrer Gaben gegenüber
dem Silber und Gold, den Perlen und Purpurgewändern, den
stolzen Bossen, welche die Grossen dem Könige darbringen.
„Durch der Musen Geschenke glänzen die herrlichen Thaten
der alten Könige, und werden die der gegenwärtigen den zu-
künftigen Jahrhunderten erzählt, ja durch sie wird selbst der
Schöpfer der Welt gepriesen." Der Dichter geht dann zu sei-
nem Gegenstand mit der Frage über: ,, welche Pest den in
allem getreuen Dienstmann (servus) befallen, dass er den
finstern Blick seines -Herrn verdient hatte?" Das Gift des
Satan selbst ist es gewesen, der überall Streit säet. Dieser
trägt die Schuld an dem Friedeusbruch: er hat das Gerücht
von Tassilo's Abfall verbreitet. Karl wollte es nicht glauben;
aber das Gerücht schwoll immer mehr an, so miisste er, der
gerechteste Held, der öffentlichen Stimme Gehör geben. Er
versammelt ein Heer, das er auf Schiffen über den Rhein setzt;
er redet seine Grossen an: 0 königliches Geschlecht, bervor-
1) Hibernici exulis versus ad Karolum imperatorem. In: Mai, Classi-
corum auctorum e Yaticanis codd. editoriim Tomas V, p. 405 ff.
58 Epische Dichtung.
gegangen aus den hohen Mauern von Troja, denn unsre Väter
führte der Richter der Welt an diese Küsten und tibergab ihnen
diese Gefilde, und unterwarf die Völker den gerechten Gesetzen
der Franken '), — — aber neulich erhob sich ein Feind in
unsern Fluren, ihn hatte der neidische Drache vielleicht
Hier bricht mitten in der Anrede das Hauptfragment (93 Hexam.)
ab, und es folgen nur noch zehn Verse des Schlusses, worin
die Aussöhnung und das neue Gelöbniss der Vasallentreue,
welches der Herzog dem Könige darbringt, berichtet wird.
Das Gedicht ist in einem Stil, der des Schwungs nicht
entbehrt, aber von Schwulst sich freihält, und in einem kräf-
tigen Verse geschrieben. — Noch ein paar andre Gedichte sind
uns von demselben Autor in derselben Handschrift aufbewahrt,
die auch an Karl, aber als Kaiser, gerichtet sind, zum Theil
auch als Geschenk oder als Glückwunsch. Eins davon, das
noch in Hexametern (No. 2 bei Mai), ist merkwürdig durch
die Art, wie es das monarchische Princip verherrlicht: wie ein
Gott im Himmel, soll auch auf Erden nur ein Herrscher sein,
und auch nur ein Glaube. Diesem Gedichte ist in ein paar
Distichen ein Geleit an Gundrad, Karls gelehrte Base, beige-
fügt, welcher der Dichter offenbar näher stand. Das letzte der
Gedichte ist in metrischer Beziehung sehr beachtenswerth, wie
ich weiter unten 2) genauer zeigen werde : es ist in gereimten
rythmischen trochäischen Langzeilen verfasst.
Bedeutender und noch interessanter ist das andere epische
Fragment^), wie es scheint das dritte Buch einer grösseren
Dichtung, deren Held Karl der Grosse ist. Im Eingang näm-
1) 0 gens regalis profecta a moenibus altis
Troiae, nam patres nostros his appulit oris,
Tradiclit atque illis hos agros ai'biter orbis,
Subclidit et populos Francorum legibus aeqiiis
In der Dichtung wohl die erste Erwähnung der Trojasage der Fran-
ken. Vgl. Bd. I, S. 572 und 575.
2) Im folgenden Buch bei einer allgemeinen Betrachtung der rythmi-
schen Verse.
3) Helperici sive, ut alii arbitrantur, Angilberti Carolus magnus et
Leo ni. Emend. OreUius. Zürich 1832. — In: Monumenta German. hi-
storica Script. T. II. Simson, Ueber das Gedicht von der Zusammen-
kunft Karls des Gr. und Papst Leo III. in Paderborn. In: Forschungen
zur deutschen Geschichte. Bd. XII, S. 567 ff.
Carmen de Carole magno. 59
lieh vergleicht sich der Autor mit einem Schiffer, der wieder
den Anker lichtet zur Fortsetzung der Fahrt, nachdem er schon
zwei Stürme überstanden: dies Bild ist aber entlehnt der epi-
schen Dichtung des Fortunat auf den heiligen Martin, wo es
zum Eingang aller vier Bücher verwerthet wird, nach dem Bei-
spiel der denselben Heiligen besingenden Dichtung des Pauli-
nus von Perigueux. ') Wie aber Fortunat gewiss im Hinblick
auf dies Bild seinen Helden den gallischen Pharus nennt, so
unser Dichter Karl den Leuchtthurm Europas. Aber nicht bloss
diese christliche Dichtung ist unserm Autor ein Vorbild ge-
wesen, dem er auch manche Einzelheiten in seiner poetischen
Malerei und manche Künste des Ausdrucks entlehnt hat, son-
dern ebenso die klassische des Virgil, dessen Helden, den ersten
Gründer des römischen Reichs, Aeneas hier der Erneuerer des-
selben, Karl entspricht, Karl der „die zweite Roma", Achen
ausbaut.
Der Inhalt des Gesanges ist aber dieser. Den Eiugangs-
versen folgt ein langer im Stile Fortunats verfasster Panegyri-
eus auf Karl, welcher an das Bild vom Leuchtthurm sich an-
schliesst, das selbst wieder zu einer Yergleichung „Davids"
(des Kaisers nämlich) mit der Sonne führt: sein Glanz über-
trifft aber den ihren, da ihn nie Wolken verhüllen. Der Dich-
ter rühmt namentlich den Charakter Karls und seine umfassende
Bildung. Dann schildert er mit poetischer Freiheit -), im Hin-
blick auf den von Virgil erzählten Bau von Karthago, wie der
der „zweiten Roma", der ,, zukünftigen", unter der Leitung Karls
sich erhebt. Hieran schliesst sich eine hübsche idyllische Schil-
derung des Waldes und Parkes von Achen, wo Karl mit der
Jagd sich zu vergnügen pflegt. Eine solche wird dann vom
Aufbruch am frühen Morgen an mit den lebendigsten Farben
beschrieben, und bei dieser Gelegenheit die Familie Karls vor-
geführt, denn Gemalin, Söhne und Töchter nehmen an dem
Jagdvergnügen Theil. Ihre äussere Erscheinung, hoch zu Ross,
t) S. Bd. I, S. 512.
2) Wie er sich selbst die zukünftige Hauptstadt der Welt ausmalt.
Eine solche poetische Freiheit räumt ihm allerdings sein scharfer Ki'itiker,
Simson nicht ein, der ihm auch die Benutzung des „Ammenmärchens" von
der Verstümmelung und wunderbaren Heilung des Papstes zum Vorwurf
macht. Simson vergisst eben, dass er kein Werk der Annalistik, sondern
ein Gedicht kritisirt.
60 Epische Dichtung.
namentlich ihr prächtiges Kostüm wird mit allem Glänze aus-
gemalt; eine Charakterschilderung findet sich aber nur bei
zweien, dem kriegerischen Helden Pippin (v. 200 ff.) und der
männlich gesinnten, dem Vater im Charakter wie im Aeussern
ähnlichen Berta (v. 220 ff.). Die Reiter umstellen den Wald,
ein Eber wird von den Hunden aufgespürt. Karl selbst er-
legt ihn. So beginnt die Jagd; nach ihrer Beendigung wird
die Beute unter die Grossen vertheilt, und im Schatten des
Parks unter Zelten ein heiteres Mahl eingenommen. — In der
folgenden Nacht aber hat Karl ein Traumgesicht: der Papst
(Leo) erscheint ihm klagend, furchtbar verwundet mit blut-
besudelten Augen und der Zunge beraubt. Karl sendet als-
bald Boten nach Rom, um die Wahrheit zu erkunden, während
er selbst nach Sachsen aufbricht, das rebellische Volk zu züch-
tigen. Die Boten vernehmen auch in Rom die Wahrheit des
Attentats, das — ein Werk des Satan >) — hier ausführlich
geschildert wird (v. 344 ff.), ebenso die wunderbare Heilung,
wie sie die Sage alsbald erfand. Der Papst ist schon nach
Spoleto geflüchtet, dorthin beruft er die Boten, und beschwört
sie, ihn zu Karl zu geleiten, der in seiner, des Papstes, Sache
richten, ihn rächen und wieder aufrichten solle. Die Gesandten
nehmen den Papst mit; seine Reise wird zu einem Triumph-
zug, denn das Volk strömt überall auf dem Wege zusammen,
das Wunder ,der neuen Augen und Zunge' zu schauen und zu
preisen. Karl ist indessen mit seinem wohlgewappneten Heere,
das die Erde erdröhnen macht, bis Paderborn gelaugt. Vom
Herannahen des Papstes benachrichtigt, sendet er ihm Pippin
entgegen. Dann aber zieht er selbst mit dem ganzen Heere
aus ihn zu begrüssen, dreimal beugt es die Knie, um dreimal
den Segen zu empfangen. Der König, „der Vater Europas",
und ,,der höchste Hirt auf dem Erdkreis" umarmen sich. Sie
gehen vereint in die Kirche , wo der Papst die Messe feiert,
dann aber in den Palast zum fröhlichen Mahle, nach welchem
Leo reich beschenkt wird. Der König zieht sich darauf in seine
Gemächer zurück, und der Papst in das Lager der Seinen. Und
der Gesang schliesst: „Mit solcher Ehre wurde von Karl Leo
aufgenommen, der vor den Römern flüchtige, aus seinem eige-
nen Lande vertriebene".
1) Dies erinnert an das ep. Gedicht des Hibernicus exul, s. oben S. 57.
Carmen de Carolo magno. 61
Der Gesang hat damit einen Yollständig-en Abselihiss, das
ganze Werk aber schwerlich : man möchte vielmehr glauben,
dass in einem folgenden vierten Buche — zählt doch auch die
Dichtung des Fortunat vier Bücher — die Wiedereinsetzung des
Papstes, das von ihm begehrte Gericht Karls in seiner Sache
(s. oben) und die mit alle dem unmittelbar zusammenhängende
Krönung desselben als Kaiser erzählt wäre. Dann wäre die
Dichtung zur Verherrlichung des neuen Imperium verfasst wor-
den, und hiermit stünde die Gründung der neuen Roma, wie
sie der erhaltene Gesang erzählt, im vollen Einklang. Dann
aber ist die Dichtung erst, jedoch bald, nach der Kaiserkrö-
nung verfasst worden; denn später als 801 möchte ihre Ab-
fassung überhaupt nicht zu setzen sein, da in einer weiter
unten betrachteten Ekloge, die spätestens 805 gedichtet er-
scheint , auf unsern Gesang als schon längere Zeit ') verfasst
hingewiesen wird. Jedenfalls folgt auch hier die Epik den von
ihr besungenen Begebenheiten alsbald nach. Hiermit hängt
zusammen ein gewisser panegyrischer Zug, der ihr inwohnt,
wie sich dies ja auch sonst in solchen Fällen, z. B. in den
Gedichten des Claudian, welche Ereignisse der Gegenwart be-
singen, findet.
Nicht bloss einen Fortschritt in der literarischen Bewegung,
wie ihn schon Alcuin in seiner Dichtung von den Bischöfen
und Königen von York gemacht, nein eine Wendung zeigen
diese epischen Versuche an, und am auffallendsten der zuletzt
betrachtete im Hinblick auf sein Vorbild, das Werk Fortunats :
an der Stelle eines Heiligen wird jetzt ein weltlicher Held be-
sungen — dessen Grossthaten bald in der That gleich Mira-
keln auf eine noch immer sehr wundersüchtige Zeit wirken
sollten, die sie der Nachwelt durch den Volksmund auch in
der Phantasiegestalt von solchen überlieferte, um dann noch
einmal wieder, in dem romanischen Westfrancien, die Epik und
zwar in volksthümlicher Form zu einem frischen Leben zu er-
wecken. Zunächst aber wirkt dieser neue, weltliche Heroen-
kultus auf die Schulpoesie erfrischend, namentlich begeistert
der Gedanke der Wiederherstellung des abendländischen Im-
perium die Schüler Virgils, des Sängers des römischen Welt-
1) Mit den Worten: iam dudwu. Naso, lib. II, v. US. S. weiter unten,
im folgenden Kapitel die ganze Stelle.
62 Angilbert.
reichs. Ein frischer weltliclier Zug- geht durch jenen Gesang
von der Zusammenkunft Karls und Leos, trotzdem der Dichter
nicht müde wird bis zur Langweiligkeit das Wunder der Her-
stellung des Papstes wieder und wieder zu glorificiren ; einen
reichen lebhaften Sinn für das Malerische der Schilderung, so-
wie für die Musik des Verses zeigt der Dichter darin mit glück-
lichem Erfolge: wenn auch das glänzende Mosaik seiner Ge-
mälde zu einem guten Theil aus Reminiscenzen aus Virgil und
Fortunat zusammengesetzt ist, es ist keine verstandesmässige
mechanische Arbeit des Gelehrten gewesen, sondern das Werk
eines Künstlers, der in dem Spiel der Phantasie einen Genuss
sucht. In der Schilderung der schönen geschmückten Frauen,
bei welcher der Dichter mit Vorliebe verweilt, zeigt sich schon
eine sinnlich romantische Neigung, die weit abliegt von der
Askese der Heiligenpoesie, hingegen einen höfischen Charak-
ter hat.
Manche Anzeigen ^) scheinen dafür zu sprechen , dass der
ungenannte Verfasser der eben betrachteten Dichtung der „ Ho-
merus" des ästhetischen Kreises Karls gewesen ist, Angilbert.-)
In ihm ist wieder ein andrer germanischer Stamm, und zwar
der der Franken selbst vertreten. Von vornehmem Geschlecht,
war Angilbert an dem fränkischen Hofe selbst aufgewachsen
und so schon frühe zu der königlichen Familie in eine nähere
Beziehung gekommen, die mit der Zeit eine noch engere wurde.
Die Lehrer Karls, Petrus und Alcuin waren auch die seinen.
In der königliche Capelle angestellt, wurde er einer der ver-
trautesten Käthe Karls, der ihm die wichtigsten politischen Auf-
träge ertheilte: so leitete er eine Zeitlang bei dem jungen Pip-
pin die Regierung Italiens, so wurde er mehrmals in wichtigen
Angelegenheiten nach Rom gesandt. 790 erhielt er für seine
Dienste die Abtei S. Riquier, die er zit einem so prächtigen
geistlichen Sitze umgestaltete, dass er dort später als Heiliger
verehrt ward. Seine geistliche Stellung hielt ihn jedoch nicht
ab, mit einer Tochter Karls, Bertha einen geheimen ehelichen
1) S. darüber meinen Aufsatz : Naso, Angilbert etc. in: Zeitschrift f. d.
Deutsche Alterthum N. F. X, S. 331 f.
2) Carmina ed. Migne, Patrol. lat. Bd. 99 nach Froben's Ausg. der
Werke Alcuins T. II (Addenda) und Duchesne, Historiae Francor. scriptor.
T. II. — Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen. 4. Aufl. Bd. I.S. 140 ff.
— Dümmler N. A. S. UOff.
Gedichte. 63
Bund zu schliessen, von dem zwei Söhne die Frucht waren,
der eine von ihnen der Historiker Nithard. Vielmehr Staats-
mann als Priester, hatte Angilbert eine durchaus weltliche Ge-
sinnung, welche sich auch, und zugleich wohl mit einem sinn-
lich ästhetischen Interesse, in einer von Alcuin wiederholt ge-
tadelten Vorliebe für die Aufführungen der Histrionen bekun-
dete, deren Fortdauer also bezeugt wird. ') Dass Angilbert als
Dichter in dem Kreise Karls sehr hoch geschätzt wurde, be-
weist nicht bloss sein akademischer Beiname, sondern auch das
gelegentliche Urtheil von Zeitgenossen, das ihn mit Theodulf
auf eine Linie stellt.-) Er starb nicht lange nach seinem Freunde,
dem Kaiser S14.
Nur ein paar grössere Gedichte aber haben sich von ihm
erhalten, in denen er selbst sich als Verfasser nennt, und von
diesen sind auch nur zwei von einiger Bedeutung. Das eine,
34 Distichen, begrüsst den aus dem Avarenfeldzug siegreich
zurückkehrenden Pippin, als ihm Angilbert auf seiner Eeise
nach Italien 796 in Langres begegnet: der Dichter schildert
ihm, mit welcher Sehnsucht Pippin vom Hofe, namentlich vom
Vater imd von seinem älteren Bruder Karl erwartet werde,
und wie Ludwig den letzteren durch einen Traum getröstet
habe, in dem ihm Pippin selbst seine nahe Ankunft verkün-
dete; er malt ihm dann ferner noch den zärtlichen Empfang
aus, der ihn von der ganzen königlichen Familie erwarte, bei
dem nicht gegenwärtig zu sein Angilbert schmerzlich bedauert.
Das schöne deutsche Familienleben an Karls Hofe zur Zeit
der Königin Luitgard spiegelt sich in dieser gemüthvolleu
Darstellung ab. — Dieselbe Gesinnung des Autors gibt sich
auch in dem andern, in Hexametern verfassten Gedichte
kund, in dem die Formen der Ekloge und der Epistel com-
binirt erscheinen. Der Kern des Gedichts ist ein Loblied auf
Karl und die Lieben (cari) des Dichters in einer dem Wett-
gesang der achten Ekloge des Virgil nachgebildeten Form,
indem Refrainverse, gewöhnlich nach drei Zeilen, wiederkehren,
1) Alcuini Epp. ed. 1. p. 479 u. 627 f.
2) S. Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. V, S. 143, die ,Yersus Fidu-
ciae', V 17: hier wird er zugleich mit Theodulf als divinus poeta bezeich-
net. — Ebendort hat Dümmler eine kleine Epistel Angilberts an seinen
Magister Petrus publicirt.
64 Eklogen.
worin der Dichter seine Hirtenpfeife zum Gesäuge auffordert,
oder auch andere Verse wiederholt.*) Karl -David wird na-
mentlich als Freund der Sänger und als Gönner der Wissen-
schaft gepriesen, der die Weisheit der Alten wieder erneut.
Aber es wird auch des Dombaus gedacht, zu dessen Voll-
endung der Beistand des Himmels erfleht wird. Die „Lieben"
aber, die einzeln gefeiert werden, sind des Kaisers Sohn, Karl
— der, ausser Pippin, dem Angilbert besonders theuer ge-
wesen zu sein scheint — , Gisela, Rotrud, Bertha, „der seine
Lieder gefallen mögen", und die Freunde, der Primicerius
Aaron (Hildebald), Thyrsis und Menalcas. Hierauf wird aber
vom Dichter der „Brief" (cartula) aufgefordert, nach der Pfalz
sich zu begeben und die Lieder und Grüsse auszurichten,
dann aber die reizenden Gärten zu durchwandern, wo Ko-
merus (der Dichter) mit seinen Knaben zu wohnen pflegte,
welche Haus und Hof ihm wohl hüten sollen bis zu seiner
Rückkehr. — Mau sieht wie der Abt in der Nähe einer der
Pfalzen ein Heim sich gegründet, wo er die Freuden des
Familienlebens genoss, das er so hoch zu schätzen weiss.
VIERTES KAPITEL.
erlogen: naso, conflictus veris et hiemis.
Wir haben schon mehrfach gesehen, wie die Ekloge
Virgils, diese acht höfische Dichtung, in dem grammatisch-
ästhetischen Kreise Karls beliebt war und auf die neue Hof-
1) So beginnt das Gedicht:
Siu'ge, meo Domno dulces fac, fistiüa. versus:
David amat versus, surge et fac, fistula, versus.
David amat vates, vatorum est gloria David,
Quapropter vates cuncti concurrite in unum
Atque meo David dulces cantate camoenas.
David amat vates, vatorum est gloria David.
Dulcis amor David inspirat corda canentum,
Cordibus in nostris faciat amor ipsius odas:
Yatis Hörnern s amat David, fac, östula, versus.
David amat vates, vatorum est gloria David.
Alcuini opp. ed. Froben IL p. 614.
Naso. 65
poesie einwirkte. Ich erinnere nur an die diesen Einfluss
recht charakterisirende Thatsache, dass jenen Eklogen mehrere
der akademischen Namen entlehnt waren und gerade von
Hofbeamten Karls. ') Dieser Einfluss wuchs noch, als der
Frankenkönig das römische Imperium im Abendlande wieder-
herstellend, als ein anderer Augustus jenem Kreise erschien,
der in Virgil den ersten der Dichter verehrte. Um so weniger
kann es uns hiemach Wunder nehmen, wenn mau jetzt auch
versuchte selber Eklogen nach dem Muster der Virgilischeu zu
dichten. Einer solchen begegnen wir -in einem Karl gewid-
meten, auch seinem Inhalte nach merkwürdigen Gedichte, das
manche Beziehung zu jenem dem Angilbert beigelegten epi-
schen Gesänge enthält. Die in Hexametern verfasste und in
zwei libelli getheilte Ekloge hat einen kurzen Prolog wie Epilog
in Distichen, welche beide an Karl gerichtet sind. Hier er-
fahren wir, wie auch in dem Gedichte selbst (I, v. 62) den,
natürlich akademischen Namen des Verfassers : Naso -) , sowie
dass er ein noch junger und armer Poet war, der erst noch
die dauernde Gunst des Kaisers, deren so manche andere
Dichter sich erfreuten, sich zu erwerben hatte. Er war, wie
es scheint, ein angelsächsischer Presbyter, Schüler des Alcuin^),
und gehörte zu Karls Capelle. Zu Angilbert stand er, wie
sich ferner aus dem Gedicht selbst ergibt, in jedem Fall in
einer näheren Beziehung. — Der Autor hat aber nicht bloss
Virgil, sondern auch einen antiken Nachfolger desselben,
Calpurnius sich zum Muster genommen, an dessen erste Ekloge
namentlich er in dem zweiten libellus sich unmittelbar an-
schliesst.
Wie bei einzelnen Eklogen des Virgil und auch des Cal-
purnius besteht das Gedicht nur aus einem Wechselgesang.
Das erste Büchlein (95 Hexam.) bildet eine Einleitung gleich-
sam. Die beiden Hirtensäuger sind ein junger Anfänger, „puer" ^),
1) S. oben S. 6. So hiess der Oberküchenmeistei* Menalcas, der
Kämmerer Thyrsis.
2) Gedichte des Naso herausgeg. von Dümmler in: Zeitsehr. f. deutsch.
Alterth. N. F. VI. S. 58 ff. — S. meinen oben S. 62 Amu. 1 angeführten
Aufsatz. — Dümmler N. A. S. 142.
3) S. oben S. 31.
4) Dies Wort hat damals die Bedeutung von Jüngling.
Ebert, Literatur des Mittelalters II. ^
66 Eklogen.
welcher den Dichter selbst vorstellt, und ein alter, ruhmge-
krönter Veteran der Dichtung, der nach einem Hirten des Virgil,
welcher auch bei Calpurnius wiederkehrt, Micon heisst. i)
Jener fordert diesen zum Gesang mit ihm auf, er hofft auch
die Gunst Davids — des Kaisers — zu gewinnen, der schon
von ihm poetische Gaben huldvoll aufgenommen. Er, ihr
Palaemon, schaue von der hohen Burg der „ neuen Roma " alle
Reiche seinem „ Imperium " unterAvorfen, die Welt sei, verwan-
delt, zu den alten Sitten zurückgekehrt; das goldene Rom werde
wiederum erneuert dem Erdkreis wiedergeboren. -) — Palae-
mon nennt der Puer aber hier den Kaiser nach einem Hirten
der dritten Ekloge des Virgil, der dort zum Schiedsrichter in
einem Gesangswettstreit erkoren wird : so soll bei ihrem Wett-
gesang Karl richten. — Der Alte theilt nicht die Hoffnungen
des Jünglings, er meint im Gegentheil, Karl verachte die
Gedichte desselben, ja er erinnert ihn an das Schicksal seines
antiken Pathen — des Ovid. Der junge Sänger weist da-
gegen auf die Belohnungen hin, die einem Virgil, Lucan und
Ennius im Alterthum geworden: und fände nicht dasselbe in
ihrer Zeit statt V Homer (Angilbert), Flaccus (Alcuin), Theo-
dulf und Einhard bezeugen reich belohnt, dass Karl die Dich-
tung liebe. 3)
1) Bei Calpurnius Ecl. V ist er der Lehrer des Canthus. mit welchem
er dort zusammen auftritt, er der senior mit dem tuvenis ; vielleicht hat
Naso ein gleiches Verhältniss im Sinne gehabt, wenigstens steht ihm als
puer Micon als scnex (senior) gegenüber. Bei Virgil aber wird ein Micon
namentlich in Ecl. III angeführt, die noch einen andern näheren Bezug
zu unserm Gedicht hat. S. weiter unten.
2) Kursus in antiquos mutataque secula mores;
Aurea Roma iterum renovata renascitur orbi.
1. I, V. 26. Hier findet sich also selbst der Ausdruck: Renaissance.
3) Sic iterum haec etiam nostro nunc tempore cerne:
Non mens ecce solet magno facundus Homer us
Carminibus Carolo studiosis semper placere.
Ni Flaccus calamo modulari carmina nosset,
Non tot praesentis tenuisset praemia vitae.
Theudulfus gracili iamdudum lusit avena:
Plurima cantando meruit commercia rerum.
. . omsa vide solitus recitare camenas,
Nardus ovans summo pi-aesenti pollet honore.
1. I, V. 84 ff.
Naso. 67
Das zweite Büchlein (121 Hexam.) enthält nun den Wett-
geeang, denn der Alte venveigert ihn nicht mehr, er fordert
jetzt den Jungen dazu auf, indem er mit lebendigen Farben
die mittägliche Sonnengluth malt, in der die Bienen fröhlich
summen, das Vieh aber des Waldes Schatten aufsucht. Er
ladet dann den Genossen ein, in den nahen kühlen Hain mit
ihm einzutreten. — Dieser antwortet und preist den Alten
glücklich, dessen Liedern die Thiere lauschend folgten, das
wilde zum zahmen in Frieden gesellt, durch seine Flöte ge-
sänftigt. So scheint sich schon zu erfüllen, was man mit
göttlichem Messer auf einer Buche Binde eingeschnitten liest,
und die Gesträuche und der ganze Hain rufen: Friede den
Ländern, es fliehe weit der grausame Krieg. — Die Inschrift
sagt die Wahrheit, erwidert der Alte: in der That kündigt
eine göttliche Hand einen ewigen Frieden den Ländern au.
Eine goldene Sonne leuchtet glänzend in der Mitte des Erd-
kreises, nach allen Himmelsrichtungen ihre Strahlen aus-
breitend ; durch keine Wolken verdunkelt, verscheucht sie die
Stürme. Ihrer erfreuen sich Saone, Rhone, Loire, Maas und
Rhein. Dieses goldene Licht, vom Himmel der Welt gesandt,
unterwirft sich die wilden Völker und zügelt durch Gesetze
unzählige Stämme, ihm beugt sich der ganze Erdkreis. Der
ruchlose Aufruhr flieht, die Waffen ruhen, Bellona knirscht
gefesselt in ohnmächtiger Wuth. Eine goldene Regierungszeit
ersteht den sorglosen Lateinern, das hohe Rom sieht schon
seine Trophäen wiederkehren. — Hieran reiht sich eine Schil-
derung des goldenen Zeitalters im Hinblick auf Virgil (Ecl. IV i,
Calpurnius (Ecl. I) und Ovid (Metam. 1. I). Im kaiserlichen
Schutz hält Karl die ganze Erde, die seinem frommen Im-
perium gehorchen wird. Ihn hat Micon schon einmal unter
dem Namen der Sonne gefeiert. 0 — In dem Epilog bittet der
Dichter Karl um huldvolle Aufnahme seines Werkes, indem er
in diesem Falle verspricht alle Thaten des Kaiserszu besingen.
Dies Gedicht, das also die Wiederherstellung des Welt-
reichs im Abendlande durch Karl feiert und die grossen Hoff-
1) Hiinc ego ianidudum memini sub nomine solis,
Qui nitet in totum claro vibramine mundiim :
1. II, V. llSf. sagt Micon. Hiermit wird er als Verfasser des dem Angil-
bert beigelegten epischen Gedichts bezeichnet. Vgl. oben S. 59.
68 Eklogen.
nungen zeigt, die man davon liegte, ist niclit lange nach dem
Ereigniss, aber erst nach dem Jahre 80-41), wahrscheinlich 805
verfasst, nachdem die Sachsenkriege ihren Abschluss gefunden,
worauf der Dichter vielleicht mit der Flucht des ruchlosen
Aufruhrs hindeutet. Jetzt erst konnte Friede und Eintracht
des neuen Imperium gesichert erscheinen.
Aus derselben Zeit stammt, und wahrscheinlich aus dem
Kreise Alcuins , vielleicht ein Werk seines Schülers D o d o -)
eine andere merkwürdige Ekloge, die man früher entweder
Beda oder Milo beigelegt hat. Sie ist ConJUctiis veris et hiemis'^)
betitelt, besser aber wäre statt Conflictus Certamen zu sagen,
ein auch in den antiken Eklogen gebrauchter Ausdruck. Dies
Certamen ist wohl das älteste bekannte der, später auch in
den Nationalliteraturen beliebten Streitgedichte, die sich also
aus der der antiken nachgebildeten Ekloge, oder mindestens
unter ihrem Einfluss entwickelt haben. Das Gedicht besteht
aus 55 Hexametern.
Im Eingang, den ersten neun Versen, erzählt der Dichter,
dass plötzlich von den hohen Bergen herab sämmtliche Hirten
zusammenkommen bei der Frühlingssonne unter dem Baumes-
schatten, um ein fröhliches Lied zu singen, ein Loblied dem
Kuckuk, unter ihnen auch der junge Daphnis und der alte
Palaemon. Da kommt auch der Frühling mit einer Blumen-
krone, und der kalte Winter, der struppige mit starren Haaren :
sie hatten einen grossen Streit (certamen) über das Kuckuks-
lied; und der Frühling begann. Nun folgt der „Streit", indem
ein jeder von beiden allemal ^) drei Verse singt. Die Dar-
stellung ist von da an ganz dramatisch, da die verbindende
Erzählung fast durchaus aufhört, ja selbst am Schlüsse kaum
wiederkehrt.
1) Denn, wie schon Dümmler a. a. 0. bemerkte, wird 1. I. v. 87 f. (s.
oben S. 66 Anm. 3) des Alcuin wie eines Verstorbenen gedacht.
2) Dieser von mii' aufgestellten Hj-pothese tritt Dümmler in dem in
der folgenden Anm. angeführten Aufsatz entgegen, indem er das Gedicht
nur an Dodo gerichtet glaubt. Vgl. über diesen oben S. 31.
3) In: Anthologia latina. P. I. rec. Eiese, Fase. 2, Nr. 6S7. Meui
oben S. 62 Anm. 1 angeführter Aufsatz. — Dümmler, Ueber die Gedichte
De Cuculo in: Zeitschi-, f. d. Alterth. N. F. Bd. XI, S. 67 ff.
4) Mit einer einzigen Ausnahme.
Couflictus veris et hiemis. 69
Der Frühling wünscht, dass der Kuckuk kommt, der liebste
Vogel, allen der willkommenste Gast, welcher gute Lieder mit
seinem rothen Schnabel anstimmt; er soll die Kälte vertreiben,
dieser stete Begleiter der Sonne ; er bringt die Blumen wieder
und den Honig, er kleidet die Fluren und sänftigt die Wellen.
— Der Winter wünscht nicht seine Ankunft, weil er Arbeiten
hervorruft imd die geliebte Ruhe zerstört, ja den Hunger im
Gefolge hatJ) Der Winter freut sich seiner Reichthümer, die
Schätze in den Truhen zu zählen, der fröhlichen Mahlzeiten
und der süssen Ruhe am warmen Herde. — Woher hätte
aber der Winter seine Schätze, wendet der Frühling ein, wenn
nicht er und der Sommer für ihn arbeiteten. Sehr wahr, ant-
wortet der Winter, eben deshalb sind sie meine Knechte. —
Du bist nicht ihr Herr, denn du bist arm und hülflos, erwi-
dert der Frühling. Du kannst dich nicht selbst erhalten,
wenn nicht der Kuckuk kommt und dir Nahrung leiht. —
Darauf aber spricht Palaemon „vom erhabenen Sitze", Daphuis
und die Schaar der frommen Hirten: „Lass das weitere,
Winter, du Verschwender, du trotziger. Es soll kommen der
Kuckuk, der Hirten holder Freund." Grün soll es werden auf
den Hügeln, Futter für das Vieh geben, und die Vögel sollen
mit ihrem verschiedenen Gesang die Sonne begrüssen. Schnell
komme darum der Kuckuk. „ Alles erwartet dich, Meer, Erde
und Himmel. Salve, dulce decus , cuculus; per saecula salve! ^
Der Kuckuk wird in dieser Ekloge also nach germanischer
Sitte als Verkünder des Frühlings betrachtet und gefeiert 2),
der dem Stil der antiken Ekloge ganz gemässe Wettgesang
des Frühlings und Winters beruht auch auf alter germanischer
Ueberlieferung eines Kampfes dieser Jahreszeiten 3), die hier
als germanische, zumal der Winter, nirgends sich verläugnen:
so verschmilzt nationaler Inhalt mit antiker Form, wodurch
hier allerdings auch die letztere berührt wird, insofern als
die das Certamen Führenden Personificationeu sind. Auch hier
heisst aber der Schiedsrichter Palaemon, und nach dem „er-
habenen Sitz" möchte man fast glauben, dass der Dichter
1) Offenbar, da die Wintervorrätlie im Beginn des Frühjahrs aufge-
zehrt sind.
2) S. Grimm. Deutsche Mj-thologie 4. Ausg. S. 563. •
3) Grinun, a. a. 0. S. 650.
70 Theodulf.
auch dieser Ekloge dabei an den Kaiser gedacht habe. — In
Sprache und Vers erscheint das Gedicht aber weit correcter
als das des Naso.
FÜNFTES KAPITEL.
THEODULF.
Noch einen Dichter aus der Zeit und dem Kreise Karls
des Grossen haben wir zu betrachten, von dem uns Poesien,
und sogar in grösserer Zahl, überliefert sind, obgleich auch
von ihm manches verloren ist ; es ist der Bischof von Orleans,
Theodulf. ') In ihm ist wieder ein anderer germanischer
Stamm vertreten, denn er war ein Gothe, als welchen er
selbst sich in seinen Gedichten bezeichnet.-) Welches Land
aber seine Heimath war, lässt sich nicht mit voller Sicherheit
bestimmen, doch kann nur zwischen Septimanien und Spanien
die Wahl sein. Ich habe mich für das letztere entschieden. 3)
Auch Theodulf hatte offenbar durch seine ausgezeichnete
Bildung sich Karl empfohlen. Den weiten Kreis seiner Studien
bezeugen seine Gedichte, namentlich eines (1. IV, c. 1), worin
er die Autoren, welche seine Lieblingslectüre bildeten, aufführt:
da gedenkt er denn neben den grossen Kirchenvätern und
dem Encyclopädisten Isidor auch der Schriften der heidnischen
Philosophen, die leider nicht mit Namen genannt sind, und
1) Theodulfi Aiu'elianensis episcopi opera, J. Sirmondi cura et studio
edita notisque illustrata. Paris 1646. 8". Daraus, aber vermehrt, in: *Sii'-
mondi opera, Tom. 11. Paris 1696. fol. — Mabillon, Vetera Analecta. Paris
1675. T. I. p. 386 ff. — — Haur^au, Singularites historiques et litteraires.
Paris 1861. — Rzehulka, Theodulf, Bischof von Orleans. (Dissert.) Breslau
1875. — Ebert, Kleine Beiträge zur Geschichte der karolingischen Lite-
ratur 1 u. 2. In: Berichte über die Verhandl. der königl. sächs. Ges. d.
Wiss. 1878. IL S. 95 ff. — Dümmler, N. A. S. 242 ff.
2) Opp. 1. III, c. 1 und 3.
3) Mit Haureau p. 37 ff. und Simson , Jahrb. des fränk. Reichs unter
Ludwig d. Fr. I, S. 114. — S. meine Motivirung a. a. 0. S. 95 ff. Dass
von Italien als Heimath gar nicht die Rede sein kann, habe ich doit auch
gezeigt.
Leben. 7 1
neben den angesehensten christlichen Dichtern'), unter welchen
Prudentins, der metrische Künstler ^j, einen hervorragenden
Platz erhält, der Grammatiker Pompeius und Donatus, sowie
der Dichter Virgil und Ovid. Obgleich in den Versen der
letzteren vieles Frivole (frivola) sich linde, so sei doch auch
sehr viel Wahres darin, unter falscher Hülle verborgen. Theodulf
meint damit namentlich die Mythen, deren wahre Bedeutung
erst die Philosophen aufgewiesen, nämlich durch die allego-
rische Erklärung, von der er dann Beispiele gibt. So weiss
sich Theodulf nach dem Vorgang des Fulgentius '^) mit dem
heidnischen Elemente der antiken Dichtung abzufinden. Und
in der That verdankt er der letzteren nicht wenig. In ihm
haben die klassischen Studien eine wahrhaft ästhetische Bil-
dung gereift. Dies zeigt sich namentlich auch in seinem Sinn
für die bildende Kunst. So Hess er eine prachtvolle Kirche
nach dem Muster der Achener Basilika zu Germiguy bauen
und auf das kostbarste im Innern ausschmücken, sowie andre
restauriren; so Hess er Handschriften der Bibel verfertigen,
die noch heute als kalligraphische Musterstücke bewundert
werden, imd sie mit Bildern verzieren.^) Aber dieser Kunst-
sinn erscheint nicht bloss im Dienste der Religion; der Bi-
schof schmückte auch seine Tafel durch Aufsätze kunstvoller
Werke, im symbolisch -allegorischen Stil der spätrömischen
Zeit, um dem Geiste ebenso wie dem Leibe Kahrung zu
spenden, wie er selbst in der Beschreibung eines solchen
Tafelaufsatzes (der auch mit einem Tellurium verbunden war)
sagt. Wie er antike Kunstwerke zu schätzen wusste, zeigt
eine andre seiner Dichtungen. ">}
1) Es sind Arator, Avitus. Fortunat, Juveucus, Paulin, Sediilius und
„Rutilus", die Form des letzten Namens ist durch den Vers geschützt;
an Rutilius Kumat. zu denken, verbietet schon der Umstand, dass der-
selbe nicht nur kein Christ war, sondern sogar als Feind der Christen in
seinem Gedichte sich bekundet.
2) Diversoque potens prudenter promere plura
Metro, 0 Prudenti, noster et ipse parens.
3) S. Bd. I. S. 453.
4) S. Delisle, Les Bibles de Theodulfe in der Bibliotheque de rficole
des chartes XL. 1^79, p. 5 ft'.
b) S. weiter unten S. 76.
72 Thcodulf.
Ein Mann von solcher Bildung und solchen Neigungen
musste leicht Karl nahe treten. Von seinem Leben haben wir
nur sehr lückenhafte Kunde. Dass er am Hofe Karls ver-
•kehrte, kann bei seiner genauen Kenntniss desselben nicht
bezweifelt werden. Mindestens seit d. J. 788 ') stand er dem
Bisthum von Orleans und der Abtei von Fleury — wozu noch
die von St. Aignau kam — vor, um zum Nutzen der Kirche
und des Staats eine bedeutende Wirksamkeit zu entfalten, und
zwar ganz in dem Sinne der Bestrebungen Karls, die Sitt-
lichkeit und Bildung des Klerus wie des Volks zu heben.
Davon legt recht Zeugniss ab ein an die Presbyter seiner
Parochie erlassenes Capitulare. -) Hier wird unter anderm
den Geistlichen geboten die Predigt zur Belehrung des Volkes
nicht zu vernachlässigen (cap. 28), und in Dörfern und Weilern (per
villas et vicos) Schule zu halten und mit Liebe und unentgeltlich,
was besonders eingeschärft wird, die Kinder zu unterrichten
(cap. 20). Auch die Klöster seiner Diöcese zu reformiren war er
bemüht: so berief er zu dem Zweck nach Mici Mönche von
Aniane, wo Benedict Wittiza damals eine Wiederherstellung
des gesunkenen Mönchthums in Westfrancien mit Erfolg unter-
nahm.^)
Eine solche öffentliche Wirksamkeit sowie oifenbar auch
der strenge Rechtssinn Theodulfs — der sich später auch in
einer Aufsehen machenden Streitigkeit mit Alcuin bekundete
— fanden eine besondere Anerkennung, als ihm i. J. 798 ein
Amt des höchsten Vertrauens, das des Missus domiuicus über-
tragen wurde. Auch wurde Theodulf von Karl berufen in
dem Process des Papstes Leo und seiner Feinde in Rom 800
mit zu Gericht zu sitzen. Von dort brachte er dann das
Pallium mit. Nach dem Tode Alcuins wurde er auch einer
der ersten theologischen Beiräthe des Kaisers, wie er denn in
einer denselben lebhaft beschäftigenden dogmatischen Streit-
frage, über den Ausgang des h. Geistes, auf Befehl des Kai-
sers das Material zu ihrer Entscheidung aus den Kirchenvätern
sammelte (in der Schrift De spiritu sancto). Selbständiger
1) Dümmler a. a. 0. S. 241.
2) Bei Sirmond 1. 1. p. 921 ff.
3) S. über Benedict weiter unten im 5. Buche, wo die Vita desselben
behandelt wird.
Leben. 73
abgefasst ist von ihm eine andere, auch durch den Kaiser
veranlasste theologische Gelegenheitsschrift: De ordine baptismi,
welche aber ausserhalb des Bereichs unserer Aufgabe liegt.
Auch bei Ludwig dem Frommen stand Theodulf im An-
fang der Regierung desselben in hohem Ansehen. So sandte
ihn Ludwig 816 dem Papste Stephan V., als dieser zur Krö-
nung kam, entgegen. Aber dies gute Verhältniss änderte sich
bald vollkommen. Theodulf wurde der Theilnahme an der
Verschwörung Bernhards von Italien angeklagt und Ostern 818
aller seiner Würden entsetzt und nach Angers in ein Kloster
verbannt. Theodulf läugnete bis zu seinem Ende seine Schuld,
obwohl er mit einem blossen Geständniss Begnadigung er-
kaufen konnte. Jene lässt sich allerdings weder mit seinem
früheren Leben, noch mit seinen politischen Grundsätzen ver-
einen. 1) So starb er 821 in der Gefangenschaft.
In formeller Beziehung, sowohl was den sprachlichen
Ausdruck als die Versbildung betrifft, nimmt Theodulf unter
den Dichtern jener Zeit wohl die erste Stelle ein. "-) Mau
sieht an ihm von neuem die besondere Befähigung des go-
thischen Stammes unter den Germanen, die romanische d. i.
die überlieferte christlich - lateinische Bildung sich anzueignen.
In seinen Gedichten finden wir nicht mehr jene wörtlichen
Entlehnungen, jene gehäuften Reminiscenzen aus den antiken
Vorbildern, welche an die grammatische Schule erinnern.
Freilich ein poetisches Genie ist auch Theodulf nicht, aber er
besitzt ein Talent zu schildern, das, unterstützt von seiner
formalen Begabung, manche hübsche lebendige Gemälde in
seinen Versen entworfen hat. — Auch seine Dichtung schliesst
sich zum grössten Theil an die des Fortunat an, wie sie denn
auch gleich dieser fast durchaus in Distichen verfasst ist^); in
jüngeren Jahren aber hat sich Theodulf auch den Prudentius
zum Muster genommen. Dies war namentlich der Fall in
einer grösseren didactischen Dichtung, von der sich aber nur
1) Vgl. Simsou, Jahrb. I, S. 114 f., 122, und 169 f. — S. auch weiter
unten.
2) Wie hoch er in diesen Beziehungen geschätzt, und wie ei' noch im
10. Jahrh. als Autorität in Betreff der Quantität betrachtet wurde, zeigt
Dümmler a. a. 0. S. 241 f.
3) Wo im Folgenden das Metrum nicht angegeben ist, sind daher
immer Distichen anzunehmen.
74 Theodulf.
zwei Bruchstücke, das eine wie es scheint ein vollständiger
Gesang, erhalten haben. Derselbe'), eine Ermahnung an die
Priester, insonderheit die Bischöfe, bezeichnet sich selbst als
viertes Buch, und deutet im Eingang, wenn auch nur dunkel,
den Inhalt der drei vorausgehenden an, die an alle Welt
gerichtet sein sollten: danach scheint das erste Buch von der
Oifenbarung und den Thaten Christi'-), das zweite von den
Strafen und den Belohnungen der Ewigkeit gehandelt zu
haben, indem Himmel und Hölle sich da beschrieben fanden,
während dagegen „das dritte den Krieg mit dem furchtbaren
Volke zu führen lehrt und die Genossen mit dem möglichen
Beistand ausrüstet." Hier scheint der Kampf mit den Lastern
gemeint zu sein, den wir in dem längeren Bruchstücke eines
andern Gesanges Theodulfs^) (1. V, c. 2) in der That wieder-
finden. Derselbe behandelte, wie sich aus einem Rückblick
darin (v. 364flf. i ergibt, die sieben Laster: gula, moechia,fraus,
avantia, invid/a, tristitiu und ira, und als ihren Anführer die
superbia , wie ja auch zugleich mit der letztern acht bei den
Asketen unterschieden werden^j; aber das erhaltene Bruchstück
beginnt erst mit der tristüia. Gegen diese Feinde, durch
welche Satan das Menschengeschlecht sich unterwirft, hat
Gott aber diesem in den entgegengesetzten Tugenden Waffen
gegeben, gleich einem weisen Arzte der durch das Gegentheil
heilt; diese Tugenden sind: ieiunia, pudicitia; der avaritiu
gegenüber operatio dandi; ferner dilectio dommi et fratruvi'.
1) Liber V, Carmen 3. Die Eintheilung der Gedichte Theodulfs in
H Bücher (sowie auch gewiss grösstentheils die Anordnung derselben) ist
ein AVerk Sirmonds wie er in der ersten Anmerkung zu diesem Gedichte
1. 1. p. 1101 selbst sagt. Die Verszählung Sirmonds, sei hierbei erwähnt,
bezieht sich immer auf das Buch, nicht auf das einzelne Carmen.
2) Auf dieses Buch bezieht sich wohl das in den Versus Fiduciae
(Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. V, S. 143) dem Theodulf gezollte Lob:
Teudulfus rutilat mire de arte luvend.
3) Ich sage „Gesanges" d. i. Theils einer grösseren Dichtung, dafür
spricht das letzte Distichon (u. vgl. v. 362 f.). Ging auch in der Hand-
schrift, wie man vermuthen möchte, dies Carmen dem vorher betrachteten
voraus, so würde dies die auch schon von Sirmond aufgestellte Ansicht
dass wir in demselben das 3. Buch der erwähnten Dichtung besitzen, wohl
zur Gewissheit erheben.
4) So bei Cassian Coenob. instit., s. Bd. I. S. 334, nur erscheinen hier
statt fraus und invidia acedia und cenodoxia.
Didactische Dichtungen. 75
die iristitia bekämpft brüderlicher Zuspruch , Gebet und die
Bibel, ira patlentia, supe/'bia das Beispiel Christi, die Furcht
vor der Strafe und die hehre Liebe. Das Mittel gegen die
fraus aber fehlt. Der Einfluss der Psychomachie des Prudeu-
tius ist leicht zu erkennen, aber er erstreckt sich weniger auf
Einzelheiten. Obgleich diese Dichtung ein Jugendwerk Theo-
dulfs ist, das er noch als Diacou verfasste^), zeigt er doch
darin schon seine Begabung, so ist u. a. die sehr eingehende
Schilderung der sündhaften tristitia vortrefflich.-)
Eine andre grössere didactische Dichtung Theodulfs, welche
956 Verse in Distichen zählend das ganze erste Buch der Sir-
mondschen Ausgabe einnimmt, gehört zu den bedeutendsten
und bekanntesten Werken desselben. Sie ist als eine Frucht
seiner Thätigkeit als Missus i. J. 79S zu betrachten, wie denn
auch dieser Mission darin ausführlich gedacht wird, nur hat
die Dichtung dieselbe keineswegs allein zum Gegenstand:
vielmehr ist sie eine Ermahnung an die Richter überhaupt und
daher nicht mit Unrecht : Faroenesis ad iudices vom ersten Her-
ausgeber betitelt worden.-^) Nach einigen allgemeinen Ermahn-
ungen der Richter zur Gerechtigkeit, Milde und Unbestech-
lichkeit, wobei denn auf Vorbilder und Aussprüche des Alten
Testamentes hingewiesen wird, berührt der Dichter die Hab-
gier, die er oft an den Richtern zu tadeln Veranlassung fand
(v. STff.): da möge dann mancher von ihnen, meint er, den-
selben Fehler ihm zugetraut haben. (Man sieht daraus recht
wie allgemein verbreitet er damals war). Aber von diesem
1) S. 1. Y c. 3 V. 450 ff und vgl. Haureau 1. 1. p. 45.
2) Trotz mancher Schwächen des Ausdrucks. S. z. B. v. 134 tf.
Est et ei (tristitiae) sine clade dolor, sine nomine moeror,
Intima sed cordis nubilus error habet.
Hanc modo somnus habet, modo tarda silentia prensant :
Ambulat et stertit. murmurat atque tacet.
Somniat hie ocuUs residens ignavus apertis.
Nilque loquens sese dicere multa putat.
Actus hebes, secessus iners. obUvia pigra
Sunt, et nil lixum mente vel ore vehit.
üt ratis in pelago, cui non est navita, certa
Ad loca nulla volat, sed vaga oberrat aquas.
3) Nämlich von Petrus Daniel (Paris 159S) dem dann Sirmond folgte.
Der Titel : Contra iuiiices, den zwei Codd. bieten, entspricht dem Charakter
der Dichtung weniger.
76 Theodulf.
wenigstens wisse er sich frei: und hier (v. 99) fügt denn der
Dichter die Erzählung von seiner Sendung als Missus ein, die
also die damals herrschende Bestechlichkeit der Richter und
die eigene Unbestechlichkeit erhärten soll. Diese Erzählung,
welche bis zu v. 291 sich erstreckt, bildet die interessanteste
Partie des Gedichts. In Gemeinschaft mit dem „zukünftigen"
Bischof von Lj^on, Laidrad als CoUegen wird von Theodulf
die Fahrt unternommen, deren Aufgabe und Gebiet kurz be-
zeichnet werden. Narbonne, Arles, Marseille bilden die Haupt-
stationen. Vornehmlich wird erzählt, welche Versuche sie zu
bestechen gemacht wurden, von den Geringen Avie von den
Grossen; denn keiner glaubt etwas zu erreichen, wenn er
nicht gibt (v. 254). Kulturgeschichtlich sehr beachtenswerth sind
die Geschenke, die man verspricht oder anbietet. Sie zeigen
unter anderm den regen Handelsverkehr Südfrankreichs mit
dem moslemischen Spanien. Nicht bloss arabische Gold-
münzen, sondern auch Tücher (pallia) und Cordovanisches
Leder werden namentlich aufgeführt. Aber bei den gelehr-
ten Prälaten versuchte man sein Glück auch mit Antiqui-
täten. Eine prachtvolle Vase, die Theodulf ausführlich mit
dem Interesse des Kenners beschreibt (v. 179 flf.), wird ihnen
heimlich durch Vermittlung ihres Dieners angeboten. — Nach
dieser Digression — und als solche bezeichnet Theodulf selbst
die Erzählung von seiner Sendung ') — kehrt er dann zu
seiner Ermahnung der Richter zurück. Die Unbestechlichkeit
soll ihnen auch nicht erlauben für gerechtes Urtheil Ge-
schenke zu nehmen. Das Recht soll nicht verkauft werden.
Der Dichter lässt die Vernunft selbst an die habgierigen Rich-
ter eine Standrede halten (v. 338 ff.). Darauf gibt er specielle
Vorschriften, wie der Richter um recht zu urth eilen verfahren
soll : so soll er durch Gebet sich vorbereiten, frühe am Morgen
in gehöriger Nüchternheit seine Thätigkeit beginnen u. s. w.
Er warnt ihn vor der Superbia, die er unter dem Bilde Lucifers
malt (v. 459 flF.) -) und ermahnt ihn zur Leutseligkeit, zur be-
sonderen Berücksichtigung der Armen, Wittwen und Waisen.
1) V. 291 f.: Quae errabunda raeos paulo est dujressu per actus.
Ad coeptum redeat nostra Camoena melos.
2) Torva oculis. horrenda manu, foedissima rictu,
Vipereumque caput corpus et omne tumens,
Didactische Dichtungen. 77
Aber nicht bloss Humanität, auch Salomonische Weisheit und
Menschenkenntniss soll der Richter besitzen, wie für einzelne
Fälle gezeigt wird. Noch wird ron der üeberwachung der
Anwälte und der eigenen Beisitzer, von der Zeugenvernehmung,
dem Eide, sowie der Yerhängung der Strafen, wobei vor
Grausamkeit gewarnt und zur Milde ermahnt wird, gehandelt.
So wird ein lebendiges Bild des damaligen Gerichtswesens
mit vielen merkwürdigen Einzelheiten i) gegeben, welches zu-
gleich die humane Gesinnung und Bildung unseres Dichters
im hellsten Lichte erscheinen lässt. Auch der Schluss der
Dichtung bekundet dieselbe: anhangsweise nämlich (v. S91 ff.)
legt der Dichter noch ein beredtes Wort für die Armen imd
Bedrückten überhaupt ein, indem er die Reichen und Mäch-
tigen daran erinnert, dass jene gleich ihnen Menschen und
ihre „Nächsten" sind.
Wir besitzen noch ein kleineres didactisch-beschreibendes
Gedicht Theodulfs (von 114 V,), das inhaltlich von besonderem
Interesse ist (1. IV, c. 2). Es wird darin ein Bild, welches
die sieben freien Künste darstellte, beschrieben, wohl das älteste
von dem wir aus dem Mittelalter Nachricht haben. '-) Ein
Baum war dargestellt: an seiner Wurzel sitzt die Gramma-
tik, also „andeutend dass sie ihn erzeugte und halte.'' Von
ihr geht der ganze Baum der Wissenschaft aus. Sie hält in
der Linken eine Geissei, die Trägen anzutreiben, in der Rech-
ten ein Messer, um die Fehler auszuradiren. Den Kopf aber
schmückt ein „Diadem". Sensus bonus und Opinatio stehen
ihr zur Seite. Von dem graden Stamme des Baumes gehen
Aeste aus: den rechten haben Rhetorik und Dialektik
Mens tumefacta cui. le^is actio, turgida vox est,
Cui cibus et potus atra venena manent.
Pro gressii saltus, pro plantis pinna volucris.
Remige quo labi quivit ab axe poli,
Et memor antiqid sceleris super aethera facti,
Utens arte sua qua petit ima Stygis :
Qua te sublimem, qua celsum sibUet intus,
Plebibus ut misci dedecuisse gutes etc.
1) S. z. B. V. 420 flf.
2) Ein späteres BUd von andrer Composition und Ausführung ist uns
aus dem Hortus deliciarum der Herrad von Landsperg erhalten; s. bei
Engelhardt, Herrad v. Landsp. Stuttgart ISIS. Tafel THI.
78 Theodulf.
inne. Die erstere hat ein geflügeltes Löwenhaupt, um die
Macht der Beredsamkeit und den leichten Flug der Worte zu
bezeichnen; auf der ausgestreckten Rechten trägt sie eine ge-
thürmte Stadt. Während die Rhetorik aber redend steht,
sitzt die Dialektik, nicht weit von ihr, lesend, eine Schlange
umwindet ihren Leib. Logik und Ethik, die nicht weiter be-
schrieben sind, folgen dann auf dieser Seite, der letzteren
schliesseu sich die vier Cardinaltugenden an, Prudentia mit einem
Buche, Fortitudo als gewappneter Krieger, Justitia mit Schwert
und Palme , Wage und Krone , und Temperies, welche Zügel
und Geissei führt. Weiter hinauf auf dem Baume, wahr-
scheinlich auf der andern Seite, befanden sich Arithmetik ')?
Musik die Lyra spielend, Geometrie mit Radius und Ro-
tula^), und hoch über allen Astrologie, die einen Himmels-
kreis mit Sternbildern über ihr Haupt erhebt.
Kleinere moralisirende Gedichte, namentlich im Anschluss
an Bibelsprüche, hat Theodulf nicht wenige verfasst (s. vor-
nehmlich 1. VL), auch ein längeres Gedicht (1. II, c. 1, 1250 V.)
über den Inhalt und Werth der Bibel, das er einer noch er-
haltenen kostbaren Abschrift derselben, die er anfertigen liess,
voraussandte: auf diese Gedichte hier näher einzugehen haben
wir aber keine Veranlassung. •') Interessanter sind einige rein
beschreibende oder erzählende Gedichte: so jenes (1. IV, c. 3),
das den Tafelaufsatz beschreibt, welchen Theodulf selbst hatte
anfertigen lassen ; ferner drei Gedichte, die er in der Gefangen-
schaft verfasst und an Bischof Modoin gesandt hat, welche
merkwürdige Naturerscheinungen zum Gegenstand haben. Das
eine (1. IV, c. 6) erzählt in recht launiger Weise das plötzliche
1) Bei ihr wird auch der Physik gedacht, aber in einer mir unver-
ständlichen Weise:
Arboris at magnae sursum tendebat imago,
Ibat et in celsum stips bene rectus ei,
Quem numerorum ulnis ars amplexata tenebat:
Stare videbantur ramo in utroque pedes.
Ista manus numeros retinebat, et illa volumen,
Quam constat matrem, Physica, inesse tuam. (?) v. 125 ff.
2) Et radius teretem metitur comminus orbera,
Aetherias zonas et rota quinque tenet. v. 139 f.
:3) Eins (I. VI, c. 5) zeigt die für jene Zeit grossen geographischen
Kenntnisse unsers Autors.
Epistelpoesie. 79
Aush'ocknen der Sarte bei Le Mans im Februar S20 — ein
ähnliches Thema hat auch einmal Fortunat behandelt'); die
beiden andern Gedichte (IV, c. 7 u. S) schildern zwei Schlachten,
die sich Heere von Vögeln lieferten (für welche Erzählungen
Theodulf selbst seine Gewährsmänner anführt). Die eine soll
im Gebiet von Toulouse stattgefunden haben; nachdem viele
Vögel getödtet, sei das eine Heer nach Norden zurückge-
gangen: die andre begab sich an den Ufern der Saoue und
Rhone, wo Habichte und Kapphähue als Vorkämpfer er-
scheinen ; hier erinnert der Dichter au die Bürgerkriege Eoms,
und ahnt in diesen wunderbaren Kämpfen Vorzeichen der Zu-
kunft. Die Schilderung ist treflFlich, leicht und lebendig."-)
Die Persönlichkeit Theodulfs und zum Theil auch seine
dichterische Begabung tritt uns aber am bedeutendsten in seiner
Epistelpoesie entgegen, die auch er gleich den andern Dich-
tem jener Zeit mit Vorliebe gepflegt hat. Unter diesen Epi-
steln sind einige seiner anziehendsten und schönsten Gedichte,
die auch neue Seiten seines Talents und seines Charakters
zeigen. Den Vorrang verdient ein längeres Gedicht an Karl
den Grossen (1. IE, c. 1, 244 V.), welches uns auf das leben-
digste mitten in die Gesellschaft seines Hofes einführt, zu der
Zeit als diesem ein besonderer Glanz noch verliehen wurde durch
die eben dort eingetroffene reiche Beute des Avareukriegs 796.
Der damals abwesende Dichter schildert hier das Leben in
der Pfalz, wie er es sich im Geiste nach seinen Erinnerungen
aus früherer Zeit ausmalt. Mit einem schwungvollen Triumph-
gesang auf Karl, der nun auch die Hunnen unterworfen, hebt
die Dichtung an. Sein Lob, das der ganze Erdkreis singt,
ist unermesslich. Die neue Eroberung ist dem Dichter eine
Erweiterung des Reiches Gottes, und wie die Avaren zu dem
Christenthum bekehrt werden sollen, so auch die Araber, die,
nicht minder grausam und trotzig, von Karl einst noch besiegt
vor ihm sich beugen sollen; auch Cordoba soll seine seit
lange gesammelten Schätze ihm zu Füssen legen. So werden die
schon ein Jahr danach beginnenden spanischen Feldzüge vor-
1) S. Bd. L S. 505.
2) Hier sei angemerkt, dass 1. in. c. 10 ein kleines Fragment eines
Itinerar (30 Hexameter) sich findet. Ob wirküch von TheodulfV Die Reise
berührt hier Limoges und Perigueux.
80 Theodulf.
ausgesagt, welche schliesslich die Eroberung von Barcelona
krönte. — Der Dichter erzählt dann in allem Detail, wie nach
Beendigung des Käthes und des Gottesdienstes zum festlichen
Mahle in der Hofburg geschritten wird, wie dem Könige die
Söhne Mantel, Handschuhe und Schwert abnehmen, und die
Töchter unter Küssen Blumensträusse überreichen. An sie
schliesst ,sich Liutgarde, die zukünftige Gemalin Karls an,
deren Schönheit, Leutseligkeit, Freigebigkeit, sowie gelehrte
Bildung hier hoch gerühmt werden. Auch die fromme Schwe-
ster Karls, Gisela wird bei seinem Empfange erwähnt. Nach-
dem dann der Ankunft der Grossen, der Geschäftigkeit des
Hofmarschalls, des Tischgebets des Erzcapellans gedacht ist,
werden uns die bedeutendsten Persönlichkeiten der Tafelrunde
Karls vorgeführt, vor allem die Gelehrten, an ihrer Spitze
Alcuin, der auch hier, wie schon früher erwähnt 0, den Ton
angibt, dann der gelehrte Kanzler Erchanbald, darauf der
„ Schotte " (vielleicht der Grammatiker Clemens), den mit beissen-
dem Spott Theodulf auch sonst verfolgt, und ein Gegner desselben,
der geschäftige kleine, aber grosssinnige Einhard.'^) Alle werden
mit Witz und Laune geschildert. Am Schlüsse der Tafel, bei
welcher Wein und Bier nicht gespart wird, werden Gedichte
Theodulfs selbst vorgelesen, die ein starkknochiger Kriegs-
mann, dem das Haupt schon schwer ist, verwünscht, der bos-
hafte Schotte aber, über den der Dichter hier einen ganzen
Hagel von Sarkasmen ergiesst, bald hierhin bald dorthin sich
wendend, recensirt.
Noch eine Epistel Theodulfs au Karl besitzen wir (1. HI,
c. 6), welche den „König" als den Schirm und Trost des
Klerus preist, durch ihn besitzen die Bischöfe die geheiligten
Rechte, wie dies der Papst Leo selbst erfahren: und hiermit
geht Theodulf auf -das bekannte Attentat ein. Die bedeutende
Stellung, die Karl der Kirche gegenüber einnahm, tritt recht
offen in diesem Gedichte hervor: wie Petrus die Schlüssel
1) S. oben S. 14.
2) Fein und schön ausgedrückt, v. 155 ff.:
Nardulus huc illuc discurrat perpete gressu,
Ut formica, tuus pes redit itque frequens;
Cuius parva domus habitatur hospite magno,
Res magna et parvi pectoris antra colit.
Epistelpoesie. 81
des Himmels, so soll Karl, sagt Theodulf, die der Kirche führen.
Auch an die Königin Liutgard (1. III, c. 5) und an Karls Sohn,
Karl (1. VI, c. 25) finden sich Episteln, die aber nicht von
Bedeutung sind, sowie an Ludwig den Frommen (1. VI, c. 26),
worin der Dichter ihn als Kaiser begrüsst. i) Interessanter sind
eine an Benedict von Aniane (1. II, c. 6)-), worin Theodulf um
eine zweite Sendung von Mönchen nach Mici bittet, und eine
andre an seine „Brüder", welche für ihm dargebrachte Gedichte
dankt und zu weiteren Studien die Jünglinge (pueri) auffordert
(1. II, c. 13).-^) Auch ein Begleitbrief zu einem Hochzeitsge-
schenk, einem kostbaren Psalter, an eine „ Tochter" (offenbar
im geistlichen Sinne ^)) Gisla, der ihr die Pflichten einer guten
Hausfrau einschärft, ist bemerkenswerth (1. III, c. 4).
Von besonderem literargeschichtlichem Werth sind dagegen
inhaltlich wie formell die folgenden Episteln. Eine (1. III, c. 3)
bezieht sich auf den Dichterhof Karls und ist fast durchaus
satirisch, leider wegen der mannichfachen persönlichen An-
spielungen, auch einzelner sonst nicht bekannter Versteck-
namen grossentheils im verständlich. Theodulf verspottet zu-
nächst hier die vielen Dichterlinge unter dem Bilde von Vögeln,
und das ganze Gedicht ist, wie der Schluss zeigt, an einen
jungen „Raben" gerichtet^), was vielleicht zu dem Bilde die
Veranlassung gab: denn dieser corvulus, der schliesslich Cor-
vhnnnus genannt wird, kann wohl niemand anders als Alcuins
1) Dies Gedicht ist in Sirmonds Ausg. mit Um-echt: „Ad CaroUim
imperatorem" überschrieben, wohl von dem Herausgeber selbst. — Das
„Caesar fortissime nate" des \iertletzten Verses zeigt klar, dass es an
Ludwig und zwar als Mitregenten seines Vaters gerichtet, vielleicht zur
Beglückwünschung seiner Ernennung zum Mitkaiser verfasst ist. üebrigens
findet sich auch die richtige Adresse in dem Cod. Harleian. S. Zeitschr.
f. deutsch. Alterth. N. F. IX, S. 84 (letzte Zeile).
2) Unrichtig Ad moriachos S. Benedicti überschrieben.
3) In diesem Gedicht (das zu mancher Frage auffordert) wird auch
des Grammatikers von Orleans, Wulfin, als Lehrers der Pueri in der
Metrik gedacht.
4) Obgleich man meist das Gegentheil angenommen hat. 'S. darüber
Rzehulka S. 1 1 ff .
.5) Das Gedicht ist ganz mit Unrecht: Ad AngUhertum überschrieben.
Das ..vatis Homere" im sechsten Vers ist nur ein rhetorischer Imperativ,
wie ihn Theodulf gar nicht selten gebraucht.
Ebert, Literatur d<»s Mittelalters ü. "
82 Theodulf.
Schüler, Rabau sein. ') Auch hier wird mit Ehren der Töch-
ter Karls, namentlich ihrer musikalischen Talente gedacht
(v. 313 tf.), mid andrerseits wieder der Scotus als soltiis und
cottus verhöhnt (v. 341 fif.). Doch auch viele andre trifft hier
der Witz unseres Dichters, welcher auch in dem leichten
spielenden Ausdruck dieses Gedichts seine geistige Ueber-
legenheit und die Höhe seiner formalen Bildung zeigt. — Einen
ganz andern, aber nicht minder bedeutenden Eindruck machen
ein paar Episteln, die Theodulf im Gefängniss verfasst hat.
Die eine (1. IV, c. 4) ist an den Erzbischof von Bourges, Aiulf
gerichtet, der, wie es nach diesem Schreiben scheint, Theodulfs
Schüler gewesen war. Unser Dichter rühmt ihn zunächst,
dass er die Verheissungen der Jugend erfülle; seine gelehrten
Studien würden ihm jetzt als Bischof auch zu statten kommen,
namentlich für die Predigt; andre gute Lehren für die Ver-
waltung seines hohen Amtes — das ihm wohl noch nicht lange
übertragen — knüpft er daran. Dann aber bittet er ihn,
seines, des Theodulf, Unglücks zu gedenken, und im Gebet
ihm beizustehen, indem der Dichter unter Berufung auf Gott
und sein Gericht sich unschuldig des Verbrechens des Hoch-
verraths in ausdrücklichster Form erklärt. -) Ergreifender noch
malt seine traurige Lage der Gefangene in dem andern Schrei-
ben (1. IV, c. 5), das an den damals so einflussreichen, ge-
lehrten Bischof von Autun, Modo in, der selbst den Musen
huldigte, gerichtet ist: es scheint deshalb auch mit besonderer
Kunst ausgearbeitet zu sein. Der hübsche Eingang des Ge-
dichts erinnert an den der ersten Elegie der Ovidschen Tri-
stien. Seiner Muse, die er bald Thalia, bald Erato nennt.
t) S. meine oben S. 70 Anra. 1 citirten Kl. Beiträge zur caroling.
Lit. 2. — Vielleicht ist unter dem Psittacus, von dem es v. 6 heisst:
varias imitatur voce camoenas, Commaculans musas, vatis Homere, tuas —
Na so zu verstehen.
2) Non regi aut proli, non eins, crede, iugali
Peccavi, ut meritis haec mala tanta veham.
Crede meis verbis, frater sanctissime, crede,
Me obiecti haud quaquam criminis esse reiim.
Perderet ut sceptrum, vitam propriumque nepotem:
Haec tria sum nnmquam consiliatus ego.
Addimus et quartum: mihi non fuit illa volnntas
V. 303 ff. Vgl. Simson a. a. 0. I, S. 115.
Epigramme. 83
befiehlt der Dichter, sich schleunigst zu der Wohnung des
Modoin zu begeben, und vor ihm niederkniend, schweigend
die befreundeten Hände zu küssen. Wenn er sie aber frage,
wer sie sei und wem sie gehöre, dann soll sie sprechen, dass
sie aus dem Kerker Theodulfs komme, den unbegrenzte Liebe
zu ihm erfülle, der dort verbannt, hülflos, arm, traurig, angst-
voll, bekümmert und verachtet weilt, ein Leben schlimmer als
der Tod. Darauf soll sie ihre Botschaft ausrichten; und nun
redet der Dichter in eigener Person weiter, indem er den
„liebenden Bruder" beschwört, seiner zu gedenken. Die brüder-
liche Liebe vergehe ja nicht wie die dunstigen Freuden dieser
Welt. Seine Sache sei die aller Bischöfe; was ihm heute ge-
schehen, könne jeden andern morgen treffen. Jeder wird
nach seinem Gesetze gerichtet, nur nicht der Bischof; und
wer andern Recht sprechen musste, verliert selbst das Recht.
Kein Zeuge sei da und kein competenter Richter. Er habe
nichts gestanden und sei doch verurtheilt worden. Und selbst
wenn er es gethan, so hätte nur der Papst, der ihm das
Pallium verliehen, ihn richten können.')
Dass der Distichendichter Theodulf auch Epigramme
verfasst hat, lässt sich von selbst erwarten; doch sind uns im
ganzen nicht sehr viele, und darunter wenige bedeutende
überliefert. Einzelne sind wirkliche Inschriften, so Grabin-
schriften, wovon die auf den Pfalzgrafen Helmeiigald (1. VI, c. 19)
die beste, die auf die Königin Fastrade (1. II, c. 11) die un-
bedeutendste ist. Unter den anderen Epigrammen sind be-
merkenswerth ein ganz scherzhaftes (1. VI, c. 22) ; eins das gegen
die Romfahrten gerichtet ist (1. V, c. 4) : nicht der Weg der Füsse,
sondera des Charakters führe zum Himmel; und am meisten
ein längeres (1. IH, c. 10) von politischem Inhalt, worin Theo-
dulf gegen eine Theilung der Herrschaft unter Brüder, insbe-
sondere gegen ein dreiköpfiges Regiment, wie es Geryon in
1) Mit diesem Brief sandte Theodulf die oben erwähnten drei Gedichte.
Wir besitzen auch die Antwort, die Modoin darauf, auch in Distichen gab.
Sie findet sich in Sinnonds Ausg. Theodulfs I. IV, c. 9. Die Antwort,
als Gedicht unbedeutend, gibt den Rath die Forderung Ludwigs zu erfüllen,
und ein Schuldbekenntniss abzulegen, um Begnadigung zu ei-laugen , ob-
gleich Modoin selbst vorher Theodulf als ,. unschuldig •* bezeichnet, und
seinen Sturz seinen Neidern Schuld gibt. — Vgl. auch Rzehulka 1. 1.
S. 55 f.
6*
84 Theodulf. Lyrik.
sich darstellte, mit speeiellem Hinblick auf seine Zeit entschie-
den sich erklärt. 0
Als L\Tiker hat sich Theodulf nur gelegentlich versucht.
Und doch hat grade ein Gedicht, das nur zum Theil einen
lyrischen Charakter hat, durch diesen am längsten die Er-
innerung an Theodulf in weiteren Kreisen erhalten. Es ist ein
auch in Distichen in der Gefangenschaft zu Angers verfasstes
Gedicht auf den Palmsonntag (1. III, c. 2j. Es beginnt mit
einem schönen Lob Christi, worin die Palmenträger sich mit
den hebräischen Knaben, die Christus einst Hosianna singend,
entgegenzogen, vergleichen; daran reiht sich dann eine Schil-
derung des Festes in Angers, zu dem aus weiter Umgegend
die frommen Schaaren herbeiziehen. Der schwimgvolle Ein-
gang des Gedichtes, der Preis Christi, wurde nun als Hymne,
zunächst in Angers selbst, dann in der Kirche überhaupt, so-
gar noch von den Protestanten des 16. Jahrhunderts-), an
jenem Festtag gesungen; und an diesen Hymnus knüpfte sich
selbst die Sage, dass Theodulf seine Befreiung ihm verdankt
habe. 3) Ein anderes, auch in Angers^) verfasstes Gedicht, eine
sapphische Ode an Kaiser Ludwig, der darin zum Besuche
der Stadt aufgefordert wird, ein Gedicht, das sich bei andern
des Theodulf gefunden, kann ihn wohl zum Verfasser haben,
obwohl es wenig bedeutend ist."") Sicherer aber ist ihm bei-
zulegen eine andere sapphische Ode an denselben Kaiser zu
seiner Begrüssung, als er Orleans 814 besuchte. Sie ist in
einem kräftigen, des Theodulf würdigen Stile gehalten, so
dass sie seine Befähigung auch für diese Dichtungsart wohl
belegt. Sie bekundet zugleich von neuem die Vielseitigkeit
seines poetischen Talentes und seine für jene Zeit zu bewun-
dernde formale Bildung und Gewandtheit.
1) Es beweist dies auch gegen die Schuld des Theodulf.
2) S. Daniel, Thesaur. hjTnnolog. I, p. 217.
3) S. Simson a. a. 0. I, S. 169 f.
4) Wie der heil. Albinus in der vorletzten Strophe zeigt.
5) Mabillon hat es zuerst, zugleich mit dem folgenden, aus einem Co-
dex des Klosters Vito (S. Vannes in Verdun) herausgegeben in seinen
Vetera Analecta T. I, danach auch bei Sirmond 1. 1. im Anhang p. 1127 f.
Ist es von Theodulf, so wii-d es im October SIS, wo Ludwig die Stadt
besuchte, verfasst sein. — Die andre Ode findet sich auch bei Sirmond 1.
1. p. II 2(;. .
Ethelwulf. "85
SECHSTES KAPITEL.
ETHELWULF.
Höchst wahrscheinlicli gehört noch diesem Abschnitt un-
serer Geschichte die erzählende Dichtung eines Angelsachsen
Ethel%^t:lf ') an, welche dem Bischof Egbert von Lindisfarne
gewidmet ist, der diese "Würde von S02 — 819 bekleidete. So
fällt die Abfassung in diesen Zeitraum. Der Dichter war ein
Mönch eines von Lindisfarne abhängigen Stiftes"-) und berichtet
hier in Hexametern die Geschichte desselben, wie der Edle
Eandmund, durch König Osred von Northumbrien zum Mönche
geschoren, das Kloster gründete und wie dasselbe unter ihm
und seinen Nachfolgern aufblühte bis auf die Zeit des Autors.
Er gedenkt dabei nicht bloss der Vorstände des Klosters,
deren Tugenden rühmend, sondern auch einzelner Mönche,
welche durch besondere Begabung oder wnmderbare Begna-
digung ein Gedächtniss sich stifteten. So eines schottischen
Presbyter Ultan, dem niemand in der Schreibkunst gleichkam
(cap. S), und ebenso eines Mönchs, der als Schmied sich aus-
zeichnete (cap. 10), während von einem anderen Bruder wieder
eine Vision erzählt wird (cap. 11). Auch seiner Lehrer Higlac
und Godfridus vergisst er nicht, die er in einem Gesicht im
Dome des Himmels wiedersieht (c. '21} ; des ersteren hatte er
schon vordem kurz gedacht in einem Gedicht, in welchem er
einige Frauen aus dem Volke der Anglen besangt) — ein Gedicht
das sich nicht erhalten. — In formaler Beziehung ist das vor-
liegende Werk sehr mangelhaft — soweit sich nach der höchst
erbärmlichen Ausgabe Mabillons urtheilen lässt und gereicht
den Angelsachsen nicht zum Ruhme.
1) In: Mabillon Acta S. S. ord. Bened., Saec. IV pars 2 (Praef.), p. 317 ff.
— — Th. "Wright. Biographia britannica literaria. Anglo-saxon period.
London 1S42. p. 370 tt. — Dümmler N. A. S. 253 f.
2) Nicht von Lindisfarne selbst, wie dies MabiUon (Praef.) sicher er-
wiesen.
3) De quo iam diidum perstrinxi pauca relatu,
Anglorum de gente pios dum carmine quosdam
Iam cecini indoctus vilisque per omnia scriptor. c. 10.
86 Yolksmässige weltliche Dichtung
SIEBENTES KAPITEL.
YOLKSMÄSSIGE WELTLICHE DICHTUNG. — PAULIN VON AQUILE.IA.
Neben der Kunstpoesie des Zeitalters Karls des Grossen,
die in Hinsicht der Form ihren Höhepunkt wohl in Theodulfs
Werken zeigt, findet sich aber auch eine volksmässige weltliche
Dichtung in rythmischen Versen, wie wir auch schon zu be-
merken Gelegenheit hatten. Und die grossen Thaten jener Zeit
erfüllen auch sie mit dem epischen Geist und lassen so eine
volksmässige lyrisch-epische, wie episch-hTische Dichtung ent-
stehen. Freilich sind uns aus der Zeit Karls nur wenige Bei-
spiele erhalten, von denen drei merkwürdiger Weise in mehr
oder weniger naher Beziehung zu dem Avarenkrieg stehen.')
Das älteste ist ein Gedicht'-) auf den Sieg Pippins, des Sohnes
Karls, über die Avaren i. J. 796, oder genauer gesagt auf die
vollständige Unterwerfung derselben, ein Triumph- und Dank-
lied, das mit einem Gloria für Gott den Vater und den Sohn
schliesst. Denn dieser Sieg wird als ein Sieg über das
Heidenthum gefeiert, über die Feinde der christlichen Kirche,
als welche die Avaren gleich im Eingang geschildert werden.
Diese Kirchenräuber und -Schänder, diese Zerstörer der Gottes-
tempel und Klöster werden mit Hülfe des heiligen Petrus, des
Fürsten der Apostel, den Gott selbst dem Heere zum Begleiter ge-
sandt, von Pippin, „dem katholischen König", besiegt und unter-
worfen. Durch die göttliche Gnade ist es, wie der Dichter sagt,
geschehen. So hat das Gedicht ein geistliches Kolorit und ist
1) Ausser ihnen ist nur noch ein rythmisches Gedicht aus dieser Zeit
zu erwähnen: ein Lob der Stadt Verona, verfasst während der Regierung
König Pippins von Italien (7S1 — 810), die es in der vorletzten Strophe rühmt.
Es ist in rjthmischen trochäischen Tetrametern geschrieben, aber ohne
allen poetischen W^erth. Nachdem das Aeussere der Stadt beschrieben,
deren merkwürdige Bauten sie dem heidnischen Alterthum verdanke, wird
ihrer Chi-istianisirung , ihrer Bischöfe und der Reliquien gedacht, die ihr
einen besonders hohen AVerth verleihen. (S. Dümraler N. A. S. 148.) Es
schliesst sich das Gedicht an ein ähnliches auf JNlailand abgefasstes, von
gleichem Versmass, an, das zwischen 721 u. 736 geschrieben ist (s. Dümm-
1er N. A. S. 1.53). Beide gedruckt bei Muratori, Script, rer. it. II, 2.
2) Zuerst herausgegeben von Pertz im Anhang von Einhard: Vita
Karoli magni in usum scbolarum. 2. Auss;. Hannover 1845.
in rythmischen Versen. 87
offenbar von einem Geistlichen, der vielleicht den Kriegszug
mitgemacht, bald nach dem Ereigniss verfasst worden, obschon
nicht immittelbar, da auch der Bekehrung der Besiegten schon
gedacht wird.') Die Darstellung erhält durch eingeflochteue
Reden eine dramatische Lebendigkeit, welche die Aehnlichkeit
dieses in rythmischen trochäischen Tetrametern verfassten Ge-
dichtes mit den späteren Romanzen wesentlich erhöht. Den
volksthiimlichen Charakter zeigt auch die Sprache in phouo-
logischer wie in syntaktischer Beziehung.-)
Das zweite dieser Gedichte, das nicht lange nach dem ersten,
und zwar in rythmischen iambischen Trimetern verfasst ist*),
ist ein Klagelied auf den Tod des Helden, den man als den
eigentlichen Besieger der Avaren zu betrachten hat, des Mark-
grafen von Friaul Erich, eines der tüchtigsten Feldherren
Karls überhaupt, dessen Verlust denselben aufs schwerste traf.^)
Er fiel 799 in Dalmatien durch einen Hinterhalt der Einwohner.
Dieser tief empfundene Flcmctus, wohl der erste seiner Art,
der sich erhalten, ist trotz mancher Mängel und Härten des
Ausdrucks das Werk eines wahren poetischen Gemüths. Der
Dichter beginnt, indem er die neun Flüsse des Gebietes des
Markgrafen auffordert ihn zu beweinen, und die neun Hauptorte
ihn zu beklagen, vor allen aber seine Vaterstadt, die ihren
„berühmten Bürger" verloren, Strassburg, welche er aus
Liebe zu dem holden Freund mit ihrem alten süss tönenden
Namen „urbs Argentea" nennt. Nun folgt das Lob des Helden,
der freigebig gegen die Kirche, ein Vater der Armen, ein
Trost der Wittwen war, sanft und doch ein gewaltiger Kriegs-
mann, den Priestern theuer und von feinem Geiste. Dann
1) Avares quos convertisti ultimis temporibus v. 6.
2) So Verschleifung der Yocale und Krasis (so Dei bald zweisilbig
bald einsilbig), so andrerseits de an der Stelle des Genetivs : vestem de ara,
so adpropinquat occupare u. s. w.
3) In: Catalogus codiciim mss. bibliothecae Bernensis cur. Sinncr, Bern
1760. T. I, p. 146 ff. (mit erklärenden Noten). —Du Meril, Poesies popu-
laires latines anterieures au 12. siecle. Paris 1S43, p. 241 ff. — *Pertz'
Schulausg. der Vita Karoli Einhards, im Anhang, s. S. S6 Anm. 2.
4) Nicht bloss beweist dies der ..tristis nuntius de Geroldi et Erici iu-
teritu-* in den Königsannalen (799), sondern viel mehr noch das lange
Trostschreiben, das Alcuin deshalb an Karl zu richten sich veranlasst sah.
S. Alcuini Epp. ed. Jaffe No. 124 (p. .^01).
88 Volksmässige weltliche Dichtung.
werden seine Thaten kurz aufgezählt. Hierauf aber spricht
der Dichter seinen Fluch über die Gegend aus, wo Erich ge-
tödtet wurde: kein Thau, kein Regen soll sie benetzen, keine
Blume noch Frucht soll sie erzeugen, i) Nun schildert er
seinen Heldentod und welchen gewaltigen Eindruck die Trauer-
kunde in seiner Hauptstadt hervorrief, wie Väter, Mütter und
Kinder, wie Herren und Knechte, Laien und Priester laut
weinten und klagten. Mit einem Gebet an Gott, dem Helden
die Freuden des Paradieses zu gewähren, schliesst das Gedicht,
das tiberall in der Ausführung ergreifend, in der That als das
Werk eines Freundes sich kundgibt.
Das dritte Gedicht, in rythmischen iambischen Trimetern-),
hat nur eine entfernte Beziehung zu den Avaren, den „Hunnen"
jener Zeit, indem es ein Klagelied auf die Zerstörung des
alten Aquileja durch Attila ist. Der Dichter stellt den Unter-
gang der Stadt als ein Gericht Gottes hin, das sie, die präch-
tige, reiche und üppige, durch ihren Hochmuth herausgefordert.
Er schildert dann, wie der grausame Attila sie erobert und bis
auf den Grund zerstört, wie die Einwohner von den Flammen
und dem Schwert hingerafft und die von diesen verschonten in
die Gefangenschaft geschleppt werden, wie die Wuth der Heiden
die heiligen Schriften verbrannte und die geweihten Gefässe
raubte. Nun liegt die stolze da verachtet, unnütz, in Trümmern,
nie mehr wiederherzustellen; die einst eine Stadt der Könige
war, jetzt eine Höhle für Arme; in den Ruinen ihrer Kirchen
suchen Füchse und Schlangen eine Zuflucht, und selbst die
Ruhe der Gräber bleibt nicht verschont, da ihr Marmor abge-
brochen wird, um verkauft zu werden. Ein Gebet an Christus,
solches Unheil von seinen Dienern abzuwenden, schliesst das
Gedicht, das durch Energie des Ausdrucks und Lebendigkeit
der Schilderung dem vorher erwähnten sich würdig zur Seite
stellt. Beide Gedichte werden, und wie sich zeigen wird,
1) Uhnus nee vitem gemmato cum pampino
Sustentet. uvas nee in ramis pendeat,
Frondeat ficus sicco semper stipite,
Ferat nee rubus malagranis punica,
Promat irsutus nee globus castaneas.
2) In : Catalogus codicum philologicor. latinor. bibliothecae palatinae
Vindobonensis digessit St. Endlicher. Wien 1^36. pag. 298 f. — Du Meril,
Poes, popul. (s. S. 87, Anm. 3) pag. 234 ff.
Paulinus von Aquileja. Leben. 89
wohl nicht mit Unrecht demselben Autor beigelegt, der anch
einer der gebildetsten Männer der Zeit Karls und ein Freund
Alcuins war, Paulinus von Aquileja.
Paulinus 1), aus Friaul gebürtig, war einer der Gelehrten,
die sich am frühsten der Gunst Karls erfreuten; als „Magister
der grammatischen Wissenschaft" hatte er dem Könige solche
Dienste geleistet, dass dieser 776 nach der Unterdrückung des
Aufstandes der Langobarden in Friaul ihn mit mehreren Re-
bellengütern beschenkte, später aber sogar zum Patriarchen
von Aquileja machte.-) Wie er dem König treu verbunden
blieb — offenbar eine wesentliche Stütze der fränkischen Herr-
schaft in jenem Hauptsitze der alten Langobardenmacht — so
ti'at er auch zu dem ersten geistlichen Berather desselben,
Aleuin in nahe freundschaftliche Beziehung. Alcuin achtete
ihn zugleich sehr hoch, nicht bloss wegen seiner angesehenen
kirchlichen Würde, sondern nicht minder wegen seiner theo-
logischen Gelehrsamkeit und formalen Bildung. 0 Auf seine
Anregung*) und Karls Aufforderung verfasste Paulin sein be-
deutendstes theologisches Werk, die 3 Bücher gegen Felix,
den spanischen Häretiker. An den wichtigsten Synoden des
fränkischen Reichs unter Karl nahm er hervorragenden Antheil.
Am einfiussreichsten aber war wohl seine Wirksamkeit bei der
Christianisiruug des eroberten Avarenlandes, wofür er Hand in
Hand mit seinem und Alcuins gemeinschaftlichen Freunde,
dem Erzbischof von Salzburg, Arno thätig war. Auf Alcuins
Anregung gab er ein ausführliches Votum über die Art, wie
die Bekehrung und Taufe auszuführen sei, ab."*) Er schliesst
sich darin den für jene Zeit durchaus humanen und verstän-
digen Grundsätzen seines Freundes Alcuin an.
Schon durch ihre Stellung mussten der höchste geistliche
und der höchste weltliche Würdenträger Friauls sich nahe
1) S. Paulini patriarchae Aquileieusis opera, ex editis ineditisque pri-
mum collegit, notis et dissertationibus ühistravit J. Fr. Madrisius. Venetüs
1737. fol. Büdinger, Oesterreichische Geschichte bis zum Ausgang
des 13. Jahrh. Bd. I. Leipzig 1858. S. 141—147. — Dümmler N. A. S.USff.
2) Nach Jafte, Monum. Alcuin. p. 162, erst 787.
3) Wie die an ihn gerichteten Briefe und Gedichte Alcuins bezeugen.
4) S. Alcuins Ep. 94 ed. 1.
5) In Monum. Alcuin. p. 311 ü"., u. vgl. Alcuins Epp. 56 u. 67.
90 Paulinus von Aquileja.
kommen, zumal beide in der Liebe und Treue zum König sich
gleichstanden und der tapfere Markgraf oder, wie er gewöhnlich
betitelt wird, Herzog') Erich viel Sinn für geistliche Bildung
hatte. Für diesen Freund schrieb Paulin den Liber exhortatiojiis
auf dessen Bitte, zu welcher derselbe wie es scheint durch Alcuin
veranlasst worden war. '-) Dies ist das einzige von Paulins
prosaischen Werken, welches in den Kreis unserer Darstellung
lallt, aber es erfüllt keineswegs die Erwartungen, die man von
ihm hegen mag, schon weil es zum Theil eine blosse Com-
pilation, namentlich aus dem Werk des Pomerius über das
beschauliche Leben ist.^) Es ist dies „Buch der Ermahnung"
eine Sammlung von einzelnen Vorschriften für ein tugendhaftes
christliches Leben, die in lose oder auch gar nicht verbun-
deneu Kapiteln behandelt, zu einem wenig geordneten Ganzen
vereint sind. Das Laienthum des zu Ermahnenden wird aller-
dings, seine besondere Lebensstellung aber wenig berücksich-
tigt.^) So steht das Buch gegen das viel praktischer angelegte
des Alcuin an den Grafen Wido zurück. Zu rühmen ist vor-
nehmlich der Stil, der klare, einfache, nirgends überladene
Ausdruck: in dieser Beziehung unterscheidet sich das Buch
sehr vortheilhaft von andern Paulins, namentlich auch von
seinen Büchern gegen Felix, worin die „flores dictionum",
welche selbst Alcuin imponirten^), in einer oft ganz widerwär-
tigen Häufung sich finden. Da will der alte Grammatiker
seine rhetorischen Künste zeigen; trotzdem lässt dieser blu-
mige Stil in seinen Bildern eine gewisse poetische Anlage er-
kennen. Und so besitzen wir denn auch von Paulin ein Ge-
dicht De refju/a fidei in 152 Hexametern, worin der Verfasser
1) S. über diesen Titel Erichs Büdinger S. 142, Anra. 3.
2) S. Alcuins Ep. 55 an Erich.
3) Capp. 10—20. — Capp. 20 — 45 finden sich, nach einer Anmerkung
Madrisi's p. 30, in einer Admonitio ad ßliimi spintitale/ii wieder, welche
als Uebersetzung eines Werkes Basilius' des Grossen angesehen wurde, von
dem das Original aber nicht existirt. Madrisi hält mit andern Gelehrten
die Schrift für keine Uebersetzung, sondern für ein Plagiat aus Paulins Buch.
4) Hauptsächlich nur in der Wahl der Räthe cap. 6, wo vor Schmeich-
lern gewarnt wird; auf Erichs militärische Stellung könnte c. 20 gehn;
was von den Untergebenen c. 29 gesagt wird, bezieht sich nur auf die des
Hauses.
5) S. Alcuins Epp. ed. 1. p. 562.
Liber exhortationis. Geistliche Gedichte. 91
seineu Glauljen an die Dreieinigkeit und die Fleischwerdung
Christi bekennt. Daran scWiesst sich eine Schilderung der
Blumeufluren des Paradieses, in welche Petrus die Lämmer
einlässt, und eine Verdammung der Hauptketzer, deren Eeihe
Cerinthus beginnt und Sabellius beendet. Ein Gedicht ohne
poetischen Werth, aber sicher, schon durch seinen Stil, authen-
tisch, wofür auch seine Ueberlieferung spricht, i) Das letztere
lässt sich von mehreren Paulin beigelegten Hymnen nicht be-
haupten"-); nur eine rythmische Hymne über die Geburt Christi,
welche im selben Versmass als das Gedicht auf die Zerstörung
von Aquileja verfasst ist, scheint ihm sicher anzugehören, wie
sie denn auch in der Handschrift mit seinem Namen bezeich-
net ist. Dieses 156 Verse lange Gedicht hat einen lyrisch-
epischeu Charakter, indem es auch die auf die Geburt folgen-
den biblischen Begebenheiten bis zum bethlemitischen Kinder-
mord erzählt. So erinnert es auch im Stil an das Gedicht
auf Aquileja, das selbst auch einem Paulinus, wenn auch
Diaconus, in der Handschrift zugeschrieben wird. Um so eher
dürfen wir hiernach das Gedicht auf Erichs Tod als ein Werk
des Paulin betrachten, als welches selbst der Schreiber einer
Handschrift es bezeichnet. '0 Dass nur ein Gelehrter diese
Gedichte verfasst haben kann, bekundet Inhalt und Darstellung,
wie denn bei dem letzt erwähnten gleich im Beginn eine Re-
miniscenz aus Virgil sich findet. Andrerseits musste gerade
Paulin solche rythmische Gedichte zu verfassen geneigt sein,
da er trotz seines früheren Magisterberufs selbst in Beti'efif der
quantitativen Verse vor der Prosodie keinen besonderen Ee-
spect zeigt. ^) — Paulin starb S02.
1) Im Anschluss an die Schrift gegen Felix. S. Dümmler a. a. 0. S. 114.
2) Alcuin dankt für ihm zugesandte „Camiina sacra" des Paulin in einem
Gedicht an denselben, No. 239 bei Froben. Dass Paulin als Hymnendichter
bekannt war, zeigt Walahfrid De exord. et increm. rar. eccles. c. 24.
3) S. Dümmler S. 115.
4) Dies gibt er offen zu erkennen in einem in scherzhaftem Tone ge-
haltenen Kachwort an den Leser seines Carmen De refßtla fidei. Diese
Entschuldigung, die ein Anderer damals nicht für nöthig gehalten, ist in-
dess als solche für den früheren Magister bezeichnend.
92 Einhard.
ACHTES KAPITEL.
EINHARD. REICHSANNALEN.
Der grosse Fortschritt, den auch die Prosa im Zeitalter
Karls und im Frankenreiche selber machte, zeigt sich auf
keinem Gebiete der Literatur so auffallend wie auf dem der
Geschichtschreibung, als deren bedeutendster Vertreter der
Ostfranke Einhard') erscheint, welcher Autor allerdings gleich
Theodulf, und noch weiter als dieser, in die Zeit Ludwig des
Frommen hineinreicht. Einhard, von edlem Geschlechte, war
um d. J. 770 im Maingau geboren. Seine erste Ausbildung
erhielt er in dem Kloster des h. Bonifatius in Fulda, welches
schon damals eine angesehene Schule besass. Die grosse
wissenschaftliche Begabung, welche Einhard zeigte, veranlasste
den Abt Baugulf, den Nachfolger Sturms, des Gefährten des
Bonifatius, ihn an Karls Hof zu senden (in der ersten Hälfte
der neunziger Jahre), nicht bloss in seinem, sondern auch in des
Königs Interesse, der ja alle bedeutenden Talente dort zu ver-
sammeln suchte. Einhard empfahl sich dort leicht schon durch
die Mannichfaltigkeit seiner Anlagen, da er ebenso sehr tech-
nisch-künstlerische Geschicklichkeit als Sinn und Neigung für
die humanen Wissenschaften besass, wie er denn auch der
Dichtkunst huldigte-); dazu kam aber noch sein liebenswür-
diger Charakter, sein gefälliges und bescheidenes Wesen •^): so
wurde der junge Franke trotz seiner zwerghaften Gestalt bald
t) Oeuvres completes d'Eginard, reunies pour la premiere fois et tra-
duites en fran^ais, par A. Teulet. Paris 1840—43. 2 Vol. — Einharti
Epistolae und Vita Caroli in : * Monumenta Carolina ed. Jatfe. Jaff'e's
Einleitung zu der V. C. — Wattenbach, Deutschi. Geschichtsquellen I,
S. 147 ff.
2) S. das Zeugniss Alcuins c. 228:
Quid faciet Beleel Hiliacis doctus in odis,
und des Naso , das wir oben S. 6ö Anm. 3 erwähnten. Auch eine Stelle,
in Theodulfs Gedichten, 1. III, c. 3 (v. 331 ff.), zeigt uns jedenfalls Ein-
hard („Beselel") unter den Dichtern des Hofes, wie sie auch ihrem Zu-
sammenhange nach aufgefasst werden mag.
3) So schreibt Lupus, Ep. 1 : — — Ita vehementer aestuanti (sc. mihi)
facilis et modesta et quae sane philosophiam decet, animi
vestri natura tantae rei obtinendae spem tribuit.
Leben. 93
allgemein beliebt; man schätzte den grossen Geist in dem
kleinen Körper mir um so mehr, wie uns Gedichte von Alcuin,
Theodulf) und Walahfrid zeigen. Mit den Söhnen Karls
wurde er eng befreundet, dem Kaiser selbst aber trat er mit
der Zeit so nahe, dass er sein vertrautester Rath in den wich-
tigsten Staatsgeschäften wurde; so war er es der die Bestä-
tigung des Testaments Karls über die Reichstheilung S06 vom
Papste einholte, und die Annahme Ludwigs zum Mitregenten
813 bewirkt haben soll. Insbesondere verwerthete er auch
seine technischen, namentlich architektonischen Kenntnisse,
die ihm den akademischen Namen Beseleel — wie wir schon
oben (Seite 6) bemerkten — eintrugen, im Dienste des Kaisers,
der ihm die oberste Leitung seiner Bauten übertrug. Einhard,
zunächst durchaus Laie, wie er denn auch die weltliche Lite-
ratur mit besonderem Eifer studirte und eine schöne Bibliothek
der Klassiker besass-), vermählte sich mit einem Mädchen von
edler Familie, Imma, mit der er in der glücklichsten Ehe lebte ;
ihre selbst die Mehrzahl der Männer beschämende Klugheit
sowie ihr Charakter werden von Zeitgenossen hoch gerühmt.'^)
Nach Karls Tode stand Einhard auch bei Ludwig dem
Frommen im höchsten Ansehn, und wurde selbst, wie es
scheint, von ihm seinem Sohne Lothar, als dieser Mitregent
ward, zum Mentor gegeben.^) Er suchte denn auch zwischen
Vater und Sohn immer versöhnend zu vermitteln, und selbst
beim Ausbruch der Empörung 830 nahm er eine so unpar-
teiische Stellung mit solcher Klugheit ein, dass er weder die
Gunst des Vaters noch der Söhne verscherzte. Indessen hatte
er sich damals schon längere Zeit von den Staatsgeschäften,
soweit ihm dies möglich war, zurückgezogen, wenn er auch
immer noch den "Winter am Hofe zu Achen zuzubringen pflegte :
er war ja offenbar überhaupt keine thatkräftige Natur. Durch
1) S. oben S. SO Aiim. 2.
2) Lupus, Ep. 1 : taceo quidem saecularium litterarum de amicitia sen-
tentias, ne, quoniam eis adprime incubuistis. etc.
3) S. Lupus Ep. 4.
4) Wenn der Brief an Lothar bei Jaffe, 1. 1. Nr. 7, p. 445 von Ein-
hard ist, woran aber meines Erachtens kaum zu zweifeln: da heisst es:
postquam (pater vester) vos in societatem nominis et regni — — adsumsit
meaeque panitati praecepit , ut vestri curam gererem ac vos de raoribus
oorrigendis et honestis atque utilibus sectandis sodulo coraraonerem.
94 Einhard.
die Gnade des Kaisers Ludwig schon seit 815 in den Be-
sitz mehrerer Klöster gekommen — es gab ja damals auch
weltliche Aebte — schlug er allmählich immer mehr eine
geistliche Richtung ein, indem er sich gern aus der Welt in
die Einsamkeit, namentlich seines abgelegenen, und deshalb
gerade von ihm geliebten Michelstadt im Odenwalde zurück-
zog, wo er Häuser und eine Kirche baute, für welche die
Reliquien der heil. Marcellin und Petrus, die sein Notar Rat-
leik aus Rom ihm brachte (827), zunächst bestimmt waren.
Aber ein Jahr später führte Einhard dieselben nach seiner
nicht weit davon nördlich gelegenen Besitzung Mulinheim,
später Seligenstadt genannt, wo er eine prächtige Kirche baute
und ein Kloster stiftete, welche durch die von den Reliquien
ausgehenden Wunder rasch berühmt wurden. Dort nahm er
dann selbst seit d. J. 830 seinen ständigen Aufenthalt. Sechs
Jahre später starb Imma, mit der er jetzt nur in einem ge-
schwisterlichen Verhältniss gelebt'), ein Tod der ihn um so
mehr erschütterte, je sicherer er auf die Hülfe seiner Heiligen
gebaut hatte. Weder der Trost seiner Freunde, der oft aller-
dings recht ungeschickt war-), noch des Kaisers Ludwig, der
selbst zu ihm eilte, vermochte seinen Schmerz zu lindern. Nur
vier Jahre tiberlebte er sein Weib. Er starb den 14. März 840.
Das bedeutendste Werk Einhards, das auch ganz unbe-
stritten sein eigen ist, ist allerdings erst nach dem Tode Karls
des Grossen verfasst worden, wenn auch alsbald danach; aber
es gehört um so mehr in diesen Abschnitt unserer Geschichte,
als dasselbe so recht als die reifste Frucht dieser ersten Re-
naissance erscheint, der Wiedergeburt humaner weltlicher Bil-
dung, welche Karl hervorgerufen, dass es gleichsam sein Ge-
bäude krönt. Dieses Werk ist — es konnte für solchen Zweck
keinen besseren Inhalt haben — das Leben Karls selbst, in
seiner formellen Vollendung das schönste Denkmal seiner Ver-
dienste um die wissenschaftliche Bildung. Es bezeichnet, ins-
1) Lupus Epp. 3: Einhards Antwort an Lupus: Omnia mihi studia
omnesque curas tarn ad meas quam amicorum causas pertinentes exemit
et excussit dolor quem ex morte olim fidissimae coniugis, iam nunc
carissimae sororis ac sociae gravissimum cepi.
2) S. Einhards eigene Klage darüber in seinem eben citirten Brief an
Lupus.
Vita Caroli. 95
besondere in der Prosa, durch seinen sprachlichen Ausdruck
den Höhepunkt der klassischen Studien jener Zeit. Ranke
hat die Arbeit durchaus treffend charakterisirt, indem er sagt:
,Einhard hat gleichsam die Masse und Verhältnisse nach dem
Muster der Antike eingerichtet, wie in seinen Bauwerken (bei
welchen Vitruv sein Lehrer war, fügen wir hinzu) ; aber damit
noch nicht zufrieden, wendet er wie in diesen auch sogar
antike Werkstücke an."') Karl wird hier nämlich als der neue
Augustus, als welchen ihn ja der Kreis seiner Gelehrten und
Poeten schon lange gefeiert hatte, abgeschildert und so sein
Lebensbild in der Form der Vita des Augustus von Sueton
entworfen, dergestalt dass dieser die Composition der Vita
Caroli zum grössten Theil nicht bloss in den äusseren Um-
rissen, sondern, soweit dies bei der Verschiedenheit der Zeiten
und der Helden möglich war, auch im Detail entlehnt ist,
während zugleich aber oft auch die Formen des Ausdrucks,
Worte und Wendungen, dem römischen Vorbild entnommen
sind. So wird zuerst hier wie dort von den Vorfahren und
der Jugend des Helden und darauf von seinen Ki'iegszügen
gehandelt; während dann aber Sueton (c. 26) der Aemter ge-
denkt, die Augustus bekleidet, führt Einhard (c. 16) die Freund-
schaftsbündnisse Karls mit andern Königen und Völkern, wo-
durch er den Ruhm seiner Regierung vermehrte, auf. Dann
begegnen sich beide Autoren wieder, indem Sueton 'c. 2Sff.)
den prächtigen Umbau Roms durch Augustus, Einhard ic. 17)
die Werke, die Karl zum Schmuck und Xutzen des Reiches,
wie zu seinem Schutze ausführen Hess, berichtet. Hierauf
geht Einhard (c. IS ff.) sogleich zur Schilderung des „inneren
und häuslichen Lebens " und des Charakters, sowie der ganzen
Persönlichkeit Karls über, indem er sich über seine Familie,
seine Erziehung der Kinder, sein Benehmen gegen Fremde,
sein Aeusseres, Kleidung, Lebensweise, Studien, Religion und
Verhältniss zur Kirche, sowie gesetzgeberische Thätigkeit-j —
letzteres in aller Kürze — verbreitet; Sueton dagegen bringt
erst einen langen Abschnitt über die Vei"waltung des Augustus,
1) Zur Kritik frilnkiscli- deutscher Reichsannalisten (s. ^s•eiter unten)
S. 416.
2) Hier (c. 29) wird denn auch der Sorge Karls für die Nationaldichtung
und -Sprache gedacht.
96 Einhard.
wie er bei Einhard sieb iiicbt findet, ebe er (c. 61) zur rita
intcrior nc famüiaris desselben übergebt, wo dann aber fast
dieselben Punkte in ziemlich derselben Reihenfolge in Betracht
gezogen sind. Den Schlussabschnitt bildet bei beiden Autoren
das „Ende" der Helden fSueton c. 97fiF., Einhard c. 30 ff.),
ihr Tod, die Vorzeichen desselben, die Bestattung und das
Testament: nur ist bei Einhard noch vorher (c. 30) der Krö-
nung des Nachfolgers durch den von Krankheit und Alter hin-
siechenden Kaiser gedacht.
Ranke hat zwar vollkommen Recht, wenn er behauptet,
dass bei einer solchen Nachahmung die ganze Originalität der
Erscheinung Karls nicht wiedergegeben werden konnte; ich
möchte sagen, die Unmittelbarkeit der Wiedergabe fehlt, das
Bild erscheint in einer reflectirten Beleuchtung: andrerseits
aber hat Jaffe nicht minder Recht, wenn er geltend macht,
dass gerade durch den genannten Hinblick auf sein Vorbild
Einhard veranlasst ward, manche feine Züge mitzutheilen, die
wir sonst entbehren würden '), denn bei seinem Streben ein
vollkommen wahres Bild von seinem Helden zu zeichnen, hat
er die geringsten Abweichungen von seinem Vorbild sorgfältig
im Ausdruck wiedergegeben, deren Bedeutung gerade durch
eine Vergleichung mit Sueton recht ins Licht tritt. 2) Kein
andres Werk jener Zeit trägt so sehr das volle Gepräge der
Renaissance. Hier zeigt sich auch die Wechselbeziehung der
Wiederherstellung der klassischen Studien und der des römischen
Weltreichs am innigsten und am auffallendsten. Es ist nach so
vielen Heiligenleben die erste weltliche Biographie wieder,
das Lebensbild des grössten Laien seiner Zeit und so vieler
folgenden, der kein Heiliger war noch es sein wollte, entworfen
von einem Laien nach dem Muster einer heidnisch -antiken
Vita. Hier ist denn auch nicht mehr der panegyrische Ton,
1) Z. B. Sueton c. 78: Post cibum meridianum ita ut vestitus cal-
ciatusque erat, retectis pedibus paulisper conquiescebat. Ein-
hard c. 24: Aestate post cibum meridianum depositis vestibus
et calciamentis, velut noctu solitus erat, duabus aut tribns horis
quiescebat.
2) Z. B. Sueton c. (i6: Amicitias neque facile admisit et con-
stantissime retinuit Einhard c. 19: Erat enim in amicitiis op-
time temperatus, ut eas et facile admitteret et constantissime
retineret
Vita Caroli. 97
der jenen so eigenthümlicb, wenn auch der Autor seinen Hel-
den im besten Lichte zeigt, jedoch so wie er ihm selbst er-
schien, der durch dieses Buch auch, wie er in dem Vorwort
sagt, seinem dominus und imtritor den Tribut der Dankbarkeit
darbrachte. Aber nicht bloss das Gefühl dieser Verpflichtung
Hess ihn das Werk unternehmen, vielmehr auch das Bewusst-
sein, wie er ebendort sagt, dass niemand getreuer als er
darstellen könnte, wovon er selbst Augenzeuge gewesen. Und
in der That stand dem Kaiser in den späteren Jahren keiner
aus seiner Umgebung näher als Einhard.
Das Buch Einhards fand, wie schon die grosse Zahl der
erhaltenen Abschriften zeigt, einen ausserordentlichen Beifall,
der nicht nur dem Inhalt, sondern ebenso sehr der Form galt^),
und so vermochte es, wie kein andres jener Zeit, zu den
klassischen Studien anzuregen: fürwahr also ein würdiges
Denkmal des grossen Kaisers.
Ist die Autorschaft Einhards bei diesem Buche nicht zu
bezweifeln, so ist sie um so mehr bestritten in Beti'eff seines
Antheils an einem grössern historischen Werke, das einer
andern Gattung der Geschichtschreibung angehört, welche auch
in dem Zeitalter Karls erst zu einer höheren Entwickelung
gelangte. Ich meine die Annali st ik.^) Sie hat sehr be-
scheidene Anfänge gehabt. Die Annalen gingen aus den spär-
1) So schreibt Lupus ep. 1 an Einhard: — — cum deinde auctorum
voluminibus spatiari aliquantulum coepissem, et dictatus nostra aetate con-
fccti displicerent propterea quod ab illa TuUiana ceterorumque gravitate,
quam insignes quoque Christianae religionis viri aemiüati sunt, aberrarent,
venit in manus meas opus vestrum, quo memorati imperatoris clarissima
gesta (liceat mihi absque suspicione adulationis dicere) clarissime litteris
allegastis. Ibi elegantiam sensuum, ibi raritatem coniunctionum, quam in
auctoribus notaveram, ibidemque non longissimis periodis impeditas et im-
plicitas ac modus absolutas spatiis sententias inveniens. amplexus sum.
2) S. Wattenbach. Deutschlands Geschichtsquellen I, S. !14if. u. 156 ff.
— Ranke, Zur Ki-itik fränkisch-deutscher Reichsannalen in den Abhandl.
der Berliner Akad. aus d. J. 1854. — Giesebrecht, die fränkischen Königs-
annalen und ihr Ursprung im Münchner histor. Jahrbuch für IS65. —
Ebrard, Reichsannalen 741 — 829 und ihre Umarbeitung in: Forschungen
zur Deutschen Geschichte Bd. XIU. — Dünzelmann. Beiträge zur Kritik
der karolingischen Annalen im Neuen Archiv Bd. IL — v. Sybel, Die ka-
roling. Annalen in der Histor. Zeitschrift N. F. Bd. VL — Simson, Zur
Frage nach der Entstehung der sog. Annales Laurissenses maiorcs in
Forschungen zur d. Gesch. Bd. XX. Hierauf Replik Sybels a. a. 0. Bd. VH.
Ebert, Literatur des Mittelalters II. *
98 Einhard.
liehen Notizen der Mönche am Rande der Ostertafel hervor;
solche Notizen stellte man dann in den Klöstern den Jahren
folgend zusammen, und führte darauf dieses Grundwerk, nun
Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse aufzeichnend, weiter;
auch schloss sich eine solche Aufzeichnung wohl an bekannte
chronistische Werke, die sich in der Klosterbibliothek befan-
den, wie an die des Beda an. Unter diesen Klosterannaien
finden sich aber solche, welche durchaus frei von localer Be-
schränkung, nur das allgemeine Interesse des Reiches im Auge
haben, indem ja nicht selten an der Spitze der Klöster Männer
standen, die am öffentlichen Leben einen bedeutenden Antheil
hatten. Solche Klosterannaien können als Vorläufer von Reichs-
annalen officiellen Charakters betrachtet werden, wie man sie
schon unter Karls des Grossen Regierung in den sogen. Anna-
les Laurissejises maiores zu finden glaubt, i) (Man hat ihnen
diesen Namen gegeben, weil die älteste und vollständigste
Handschrift in dem Kloster Lorsch sich gefunden.) Diese
Lorscher Annalen^) erstrecken sich vom Jahr 741, dem Beginne
der Regierung des Vaters Karls des Grossen, Pippin, bis zum
Jahr 829: auf Grund der Art der Abfassung wie des Stils
lassen sich aber 3 Hauptabschnitte in ihnen unterscheiden, von
denen der erste nach der gewöhnlichen Annahme bis zum
Jahr 788 reicht, und um dieses Jahr im Zusammenhang ab-
gefasst, also nicht wie die folgenden Abschnitte gleichzeitig
mit den Ereignissen aufgeschrieben ist; der zweite aber geht
bis zum Jahr 796, von wo an die meisten einen neuen Ver-
fasser annehmen, dem also der letzte Hauptabschnitt beigelegt
wird, und in ihm wollen sie Einhard erkennen. Diese Jahr-
bücher erhielten aber eine nicht bloss stilistische, sondern auch
redactionelle Ueberarbeitung , die bis zum J. 801, bald mehr,
bald weniger bedeutend, sich erstreckt; auch diese Ueberar-
beitung wird von manchen Historikern Einhard zugeschrieben,
und auch' von solchen, die seinen Antheil an der Abfassung
selbst sehr beschränken, während andere, die in dieser Be-
ziehung grosse Zugeständnisse machen, jene ihm absprechen. ^^)
1) Diese Ansicht bestreitet Sybel, dem Simson entgegentritt.
2) In: Monum. Germ, histor. Scriptores T. I, ed. Pertz.
3) So schreibt Dünzelmann Einhard die Abfassung (von 797 an) nur bis
Mitte 801, dagegen die Ueberarbeitung zu, während Ebrard letztere Ein-
Reich sannalen. 99
Was Darstellung und sprachlichen Ausdruck anbetrifft, so
erscheint die Ueberarbeitung dieser Aunaleu, die man früher
keinen Anstand nahm als Annales Einhardi zu bezeichnen, wie
der letzte Hauptabschnitt überhaupt des Verfassers der Vita
Caroli im allgemeinen wohl würdig. In diesen Lorscher Jahr-
büchern tritt die Annalistik zuerst im Mittelalter in den Kreis
der literarischen Production ein, während die älteren Annalen
in ihren von Jahr zu Jahr aufgezeichneten kurzen Xotizen als
literarische Erzeugnisse nicht beti'achtet werden und deshalb
in einer Geschichte der Literatur auch keine Stelle bean-
spruchen können. Also hat in dem Zeitalter Karls des Grossen
auch ein bedeutender Fortschritt der Historiographie stattge-
funden, und gewiss auch unter dem Einfluss des grossen
Fürsten, der nach Einhards Bericht auch sonst so viel geschicht-
lichen Sinn zeigte.
Ebenso sicher als die Lebensgeschichte Karls gehört Ein-
hard noch ein Buch an : die ausführliche Erzählung von der oben
erwähnten Uebertragung der Gebeine des Petrus und
Marcellinus (zweier Priester, die unter Diocletian in Rom
Märtyrer geworden) nach Seligenstadt, und der Wunder, die von
ihnen ausgingen. i) Wie solche „Translationen" aufkamen, und
wie sie im Anschluss, dann im Gefolge der „Passionen" zu
erzählen Sitte wurde, haben wir früher angedeutet.-) Der
Schwerpunkt des Interesses des Autors wie des Lesers lag
hier wie bei den Heiligenleben überhaupt zunächst in den
Wundern, die bei den Translationen aber nur von den Reliquien
ausgehen. Die Verehrung der Reliquien und der Glaube an ihre
Wunderkräfte war aber kaum zu irgend einer Zeit grösser, als zu
der Einhards, wie auch recht dieses Buch zeigt, zumal sein
Verfasser einer der gebildetsten Männer damals und ein Hi-
storiker war. Auch er hat, wie er selbst im Vorwort erklärt,
in frommer Absicht das Buch geschrieben, es soll — nämlich
durch den Bericht von den Wundern seiner Reliquien — „den
hard abspricht , aber seine Verfasserschaft bis zum Jahr S29 erstreckt.
Auf diese Streitfragen genauer einzugehen liegt der Aufgabe dieses Buches
zu fem.
1) Translatio SS. Petri et Marcellini ed. Henschen in: Acta SS. lun.
Tom. I, p. 181 ff.
2) S. Bd. I, S. 293 u. 577.
7*
100 Einhard.
Sinn des Lesers zum Lobe seines Schöpfers erheben", der
Allmacht Gottes, welcher ja der eigentliche Wunderthäter ist.
Die besondere Versicherung dieser Absicht möchte aber den
Glauben erwecken, dass sie nicht allein Einhard bestimmt hat;
es scheint auch etwas Eitelkeit im Spiele gewesen zu sein,
die auch allein seine Urtheilskraft so verdunkeln konnte, dass
er selbst die unglaublichsten Dinge, welche von der Heilkraft
seiner Reliquien ihm berichtet wurden, ohne Anstand weiter
erzählt.') Mit dem Besitze solcher wunderthätigen Kostbar-
keiten, die den Kirchen, wo sie aufbewahrt wurden, den
höchsten Ruf verliehen, machte man sozusagen Staat. Daher
erklärt sich denn auch der persönliche subjective Charakter
der Erzählung Einhards, in welcher der Autor von Anfang an
in den Vordergrund tritt, so dass sie im Stile von Memoiren
verfasst erscheint; und hierdurch hat schon diese Erzählung
ein ganz anderes, grösseres Interesse als die gewöhnlichen
Translationen; dies wird aber noch durch manche kulturge-
schichtlich merkwürdigen Züge vermehrt, wie die folgende
Skizze des Inhalts zeigen wird.
Einhard erzählt im Eingang, wie er nach dem Bau seiner
Kirche in Michelstadt im Zweifel gewesen sei, welchem Hei-
ligen er sie widmen sollte — und zu solcher Widmung ge-
hörten wo möglich Reliquien des Heiligen — : da sei er am
Hofe zu Achen mit einem römischen Diacon Deusdona zu-
sammengetroffen, und die Rede auf die vielen in Rom befind-
lichen und vernachlässigten Gräber der Märtyrer gekommen.
Da gedenkt denn Einhard seiner neuen Basilika und fragt, wie
er wohl „ etwas von den ächten Reliquien " dieser Heiligen er-
langen könnte. Der schlaue Römer theilt ihm nun nach einigem
Bedenken mit, dass er selbst solche in grosser Zahl besitze,
und, wenn er ihm zur Rückkehr nach Rom behülflich wäre,
sie ihm senden wolle. Einhard geht gern auf den Antrag
ein, er gibt ihm ein Maulthier und ein Viaticum, und sendet
seinen Notar Ratleik sammt einem Diener mit. Sie reisen über
Soissons, und dort verspricht Deusdona auch dem Abt Hilduin
den Leib des heil. Tiburtius, worauf ihm dieser auch einen
1) So heisst es von einem Geheilten c. 68: ita sanus ab oratione
surrexit, ut nee tumor in facie, nee dolor in dentibus, nee gibbus, quo
premebatur, remaneret in dorso.
8T. MICMAEL'S "^
C
Translatio SS. Petri et Marcellini. 101
Begleiter Namens Hun mitgibt. Als sie nun aber in Rom an-
gelangt sind, macht der Diacon alle möglichen Ausflüchte, und
die Begleiter merken gar bald, dass sie von ihm betrogen
sind — dem Diener Ratleiks war es selbst schon unterwegs,
während er fieberkrank war, durch eine Vision eröffnet wor-
den: sie beschliessen darauf durch Diebstahl sich in den Be-
sitz von Reliquien zu setzen, bei welchem Unternehmen der
Diacon schliesslich doch noch Beihülfe leistet. Freilich der
feste Sarkophag des Tiburtius spottet ihrer Anstrengungen,
wohl aber gelingt es ihnen das benachbarte Grab der heil.
Marcellin und Petrus zu öffnen, worauf zunächst die Reste
des ersteren, und dann, damit die, welche zusammen die Passion
erlitten, auch ferner in ihren Reliquien zusammenblieben, auch
die des Petrus von Ratleik entwandt werden. Hun erhielt zu
seinem Tröste auch von dem Petrus einigen Ascheustaub, von
dem man, weil er abgesondert lag, sich überredete, dass er
dem Tiburtius hätte angehören können! Dieser fromme Raub
wird indessen, wie billig, erst nach dreitägigem Fasten und
nach Anrufung Gottes, Jesu und der Märtyrer selbst aus-
geführt.
Unter Vorkehrung der grössten Vorsichtsmassregeln, eine
Entdeckung zu verhüten, wird dann der kostbare Schatz heim-
lich bis nach St. Moriz gebracht. Dort erst werden die Re-
liquien in einen Sarg gelegt und nun offen „ transferirt ", indem
überall Schaaren des Volkes Hymnen singend sie geleiten. So
gelangen sie nach Michelstadt, wohin nun auch Einhard, der
gerade auf einer Reise war, eilends sich begibt. — Aber schon
im Anfang des folgenden Jahres (828) wurden die Reliquien
nach Mulinheim, das danach Seligenstadt genannt wurde,
übertragen, da in Träumen und Visionen, die verschiedene
Personen gehabt haben wollten, die Märtyrer erklärten, in
Michelstadt nicht bleiben zu wollen. Der wahre Grund der
weitern Translation war vermuthlich, dass jener Ort in seiner
Abgelegenheit zu wenig geeignet war, die Verehrung der Re-
liquien in Zug zu bringen. 0
Indessen hatte sich der Presbyter Hun mit dem Bisschen
ihm geschenkter Asche nicht begnügen mögen, und durch Be-
stechung des Dieners Ratleiks noch in Rom in den Besitz
1) S. Jaffe, 1. 1. p. 4i»(j, Anm. 7.
102 Einhard.
eines ganzen Kruges von dem Staube des heil. Marcellin ge-
setzt. Einliard erfährt dies in Achen von Hilduin selbst und
reclamirt mit Erfolg das Entwandte. Dies wird in allem Detail
erzählt, ebenso die neue Translation dieser entwandten Reli-
quien nach Mulinheim. Hierauf folgt dann eine ausführliche
Erzählung von den Wundern, die von den Reliquien ausgingen,
welche zwei Drittheile des Buches einnimmt. Es sind dies
im allgemeinen die gewöhnlichen Krankenheilungen der Reli-
quien, die Einhard zum Theil selbst mit angesehen haben will. ^)
Besonders erwähuenswerth ist aber eins dieser Mirakel, welches
sich in seiner Abwesenheit zutrug, so dass ihm ein schriftlicher
Bericht darüber erstattet wurde (c. 49 ff.) Darin wird die
Heilung eines von einem Dämon besesseneu Mädchens erzählt.
Merkwürdig sind nämlich die Aussagen, welche derselbe durch
den Mund des Mädchens gemacht haben soll, da sie eine
schneidende Kritik der sittlichen Zustände jener Zeit enthalten.
Der Dämon, lange schon Thürhüter der Hölle, hat, wie er sagt,
mit elf Genossen das Frankenreich verwüstet, indem er die
Früchte vernichtete und über Menschen und Vieh Krankheiten
brachte. Auf die Frage des beschwörenden Presbyter warum
er das gethan, entwirft er nun ein Bild von der Unsittlichkeit
jener Zeit — die sei das Motiv gewesen — in welchem er die
Grossen noch weniger als das Volk verschont. Einhard aber
fügt dem Berichte die Worte hinzu: wie weit ist es mit dem
Elend unsrer Zeit gekommen, wenn statt guter Menschen böse
Dämonen ihre Lehrer sind, an unsere Besserung uns mahnen
müssen!"-)
Wir besitzen aus derselben Zeit etwa eine Passio der bei-
den Märtyrer in 353 rythmischen trochäischen Tetrametern,
welche allein durch die Anwendung dieses Versmasses —
1) Namentlich Heilung von Stummen. Tauben, Gelähmten, Epileptischen
und Besessenen.
2) Zu derselben Zeit (82S) empfing Einhard (c. 47 f.) eine andre Schrift
von Mulinheira, welche eine Offenbarung, die einem Blinden dort vom
Engel Gabriel geworden, und von Ratleik aufgezeichnet war, enthielt. Sie
war ausdrücklich für den Kaiser Ludwig bestimmt, und wurde ihm auch
von Einhard übergeben. Man sieht aus alle dem, wie von dem nahe
herandrohenden Unheil der schwachen Regierung schon eine Ahnung durch
das Volk ging.
Passio SS. Petri et Marcelliui. Briefe. 103
worauf ich weiter unten zurückkomme — merkwürdig ist^;
sie ist in einer Handschrift dem Einhard beigelegt'-). Einhard
hat sich nun allerdings auch als Dichter bekannt gemacht,
wie wir oben sahen^), obgleich kein Werk seiner Muse sonst
uns erhalten ist: aber in Betreff dieser Dichtung ist seine
Autorschaft doch zu wenig beglaubigt; dazu kommt, dass ob-
schon trotz der klassischen Bildung Einhards die Annahme
wohl zulässig erscheint, er habe in einem solchen volksmässigen
rythmischen Versmass seine Heiligen besungen, es dagegen
im höchsten Grade unwahrscheinlich ist, dass er in dem Ge-
dicht gar nicht der Translation gedacht haben sollte, durch
welche ja erst die Heiligen sein wurden.
Noch sind uns eine Anzahl Brief e Einhards erhalten, na-
mentlich in einer Mustersammlung des Briefstils, wie sie die
Mönche für Lehr- und Lernzwecke anzulegen pflegten, welche
aus dem Einhard angehörigen Kloster St. Bavo in Gent stammt.^)
Diese Briefe, die fast nur Geschäftsbriefe sind, obgleich auch
an die Kaiser Ludwig und Lothar einzelne sich finden, liefern
zwar nur wenige, aber doch recht schätzbare Beiträge zur
Lebensgeschichte und Charakteristik des Verfassers. Kament-
lich bezeugen sie auch die grosse Gutmüthigkeit Einhards,
der gern bereit ist auf Bitten andrer zu vermitteln oder Für-
sprache einzulegen, andrerseits freilich im Alter auch so dem
Kultus seiner Heiligen ergeben war, dass er jedem, der bei ihnen
Schutz suchte, ohne alle weitere Rücksicht, seinen Beistand
gewährte.^) In stilistischer Beziehung aber zeigen die Briefe
wie die Translatio einen grossen Unterschied von der Vita
Caroli; an der Stelle einer eleganten klassisch gefärbten Dic-
tion finden wir hier gewöhnlich eine incorrecte nachlässig be-
queme Ausdrucksweise, in den Briefen noch mehr als in der
Translatio: dieser Unterschied ist aber keineswegs besonders
1) S. Acta SS. lun. Tom. I. p. 174 ff.
2) Des 10. Jahrh., während in andern, und darunter einer des 9. Jahrb.,
kein Verfasser genannt wird. S. darüber Dümmler, N. A. S. 262 f.
3) S. Seite 92.
4) Ausserdem besitzen wir noch den schönen Brief Einhards an Lupus,
dessen wir schon gedachten.
5) S. z. B. Epp. 37, 43 u. 44.
UU Eigil.
schwierig zu erklären.') Die Diction der Briefe wie der im
Memoirenstil geschriebenen Translatio entspricht offenbar der
damals üblichen lateinischen Umgangs- und Verkehrssprache,
die gleich den sich entwickelnden modernen Sprachen auch in
der Satzbildung einen mehr analytischen Charakter liebte ; war
dies doch im Alterthume selbst wenigstens bei den weniger
Gebildeten der Fall.
Endlich sei noch erwähnt, dass Einhard in den letzten
Lebensjahren um 836 auch eine geistliche Schrift: De adoranda
cruce verfasst hat, welche er Lupus widmete'-); sie ist aber
verloren. Die Nachricht beweist jedoch von neuem, wie Ein-
hard jetzt ganz der geistlichen Richtung sich hingegeben.
NEUNTES KAPITEL.
HEILIGENLEBEN: EIGIL, LIUDGER.
Als Vertreter der Historiographie dieses Zeitalters sind
auch zwei Heiligenleben zu nennen, die aber im Gegensatz zu
dem Charakter der älteren keine Wunderthäter, sondern zwei
um die Kultur sehr verdiente Männer zu ihren Helden haben.
Das eine ist das Leben des ersten Abtes von Fulda, Sturmi,
verfasst von einem seiner Nachfolger Eigil 3) , dem Vorgänger
des Raban, in dessen Biographie ich auf ihn zurückkomme.
Eigil, der 822 starb, war mehr als 20 Jahre Sturms Schüler
gewesen, indem er, ein Verwandter von ihm, schon als Kind
dem Kloster Fulda des Unterrichts wegen tibergeben worden
war: so hat er die noch im achten Jahrhundert verfasste Vita
zum Theil auf Grund eigener Erfahrungen geschrieben. Dies
sagt Eigil selbst in der Widmung an die Nonne Angildruth,
welche ihn zu dem Buche aufgefordert indem sie ihn bat, das
1) Wie Dünzelmann a. a. 0. S. 499 glaubt.
2) S. Lupus Ep. 4.
3) In: Monum. Gerraaiiiae histor. ed. Pertz, Script. T. II, p. 365 ff. —
— Rettberg, Kirchengesch. Deutschlands Bd. I, S. 371, G09 fF. — Schwartz,
Bemerkungen zu Eigils Nachrichten über die Gründung und Urgeschichte
des Klosters Fulda. Progr. zur Feier tausendjähriger Erinnerung an
Hrabanus Maurus. Fulda 1856.
Vita S. Stui-mi. 105
Leben des Heiligen und die Anfänge des Klosters Fulda zu
erzählen.!) Schon durch die letztere Aufgabe, zu der freilich
diese Lebensgeschichte von selbst aufforderte, erhielt dieselbe
einen höheren allgemeinern Gesichtspunkt, der sie über die ge-
wöhnlichen Vitae Sanctorum emporheben musste. Und so
handelt es sich denn in der That in ihr vornehmlich um die
Gründung jenes Klosters, welches der erste Sitz wissenschaft-
licher Kultur im Inneren Deutschlands werden sollte.
Sturm, von edler Herkunft, stammte aus Baieni; er war
in seiner Jugend dem Bonifatius bei seiner dortigen zweiten
Anwesenheit zur geistlichen Ausbildung übergeben und von
ihm dem Presbyter, späteren Abte, Wigbert in Fritzlar anver-
traut worden, bei welchem er die Psalmen auswendig und die
Bibel lesen und auslegen lernte. Er wurde dann Presbyter,
aber nach ein paar Jahren verlangte es ihn sich ganz der
Askese zu widmen, als Eremit zu leben. Bonifaz, der seinem
Wunsche Beifall zollte, sandte ihn darauf mit zwei Begleitern,
um eine solche Niederlassung zu gründen, in das einsame
Waldrevier Buchonia. Sie erbauen sich darauf zuerst in der
Gegend von Hersfeld, da wo später das Kloster stand, Hütten
imd verweilten dort auch längere Zeit."-) Da erklärte aber
Bonifaz diesen Ort, weil zu nahe der sächsischen Grenze, für
zu gefährdet, und befahl ihnen tiefer in den Wald einzudringen.
In sehr anziehender lebendiger Weise wird nun diese Fahrt,
offenbar auf Grund der eigenen ]\Iittheilungen Sturms, erzählt.
Da ein Eindringen zu Nachen auf der Fulda stromaufwärts
resultatlos bleibt, versucht es Sturm, von neuem von Bonifatius
ermuntert, allein auf dem Lande, indem er zu Esel reist. Es
ist eine wahre Entdeckungsreise wie in einem Urwald^) mit
1) Poscebas enim — heisst es in der Widmung — ut initia et vitam
sancti ac venerabilis abbatis Sturmi tibi exponerem, ac primordia mo-
nasterii sancti Salvatoris quod ab eo fundatum atque constitutum est,
quodque alio nomine appellatur Fulda, conscriberem, causas quoque eius-
dem coenobii, quas res visu vel auditu didicerim, sincere narrarem.
2) Manseruntque illic tempus non modicum. c. 4. S. über die Streit-
frage der Zeit des Aufenthalts, welche eine andre Stelle c. 11 anregt, na-
mentlich Schwartz S. 29 if.
3) Sicque vir Dei per horrendum solus pergens desertum praeter
bestias, quarum ingens in eo fuit abundantia, et avium volatum et ingen-
tes arbores nihil cernens — — c. S. Et tunc quando alicubi noc-
106 Liudger.
manchen kleinen Abenteuern, wie einer Begegnung mit baden-
den Slaven (cap. 7), die uocli Heiden, den frommen Pilger
verhöhnten. Endlich wird die geeignete Stelle für die Nieder-
lassung, wie Sturm glaubt durch eine göttliche Inspiration,
von ihm gefunden. Bonifatius billigt den ausgewählten Ort,
erwirbt den Grund und Boden, und erscheint darauf selbst
die Urbarmachung des Landes und die ersten Vorbereitungen
zum Bau des Klosters zu leiten, der dann von Sturm ausge-
führt wird (744). Einige Jahre später unternahm Sturm eine
Romfahrt, um das Klosterlebeu Italiens kennen zu lernen und
so sichere Normen für die Einrichtung des eigenen Klosters
zu gewinnen. Der Ruf desselben verbreitete sich dann bald
weit, ward aber noch wesentlich vermehrt durch die Ueber-
führung der Gebeine des Bonifatius dorthin von Mainz (wo sie
zunächst hingebracht und auch gern behalten worden wären)
noch im Jahre seines Todes 755. Die Wunder, welche diese
hochverehrten Reliquien vollbrachten, überlässt indess Eigil
andern zu berichten. Dagegen erzählt er namentlich noch,
wie Sturm die Unabhängigkeit des Klosters gegen den Erz-
bischof von Mainz, Lull, am Ende siegreich vertheidigte, und
die nahen Beziehungen, in welche er zu Karl dem Grossen
trat (c. 21), wie er den Sachsen predigte, aber bei einem Ein-
fall derselben mit seinen Mönchen das Kloster verlassen musste,
eine Exodus, die auch Eigil selbst mitmachte. Sturm starb
im Jahr darauf 779 (17. December) in Fulda.
Wie der Inhalt dieser Vita ein rein historischer ist, so ist
auch die Form die einer einfachen schmucklosen Erzählung,
fern von aller panegyrischen Ueberladuug, aber mit warmer
Theilnahme an dem Helden geschrieben; der Verfasser lässt
die Thatsachen für sich selber sprechen; hier und da etwas
weitläufig, erinnert die Erzählung dann an mündliche Mit-
theilungen.
Das andre bemerkenswerthe Heiligenleben ist auch einem
Missionar gewidmet, der auch mit dem heil. Bonifatius in
nächster Beziehung stand: es ist die Vita des heil. Gregor
tabat, cum ferro quod manu gestabat, sepem caedendo ligno in gjTO
composuit, ad tutamen animalis sui, ne ferae, quarum peri^lura ibi multi-
tudo erat, illud devorarent (c. 7). Diese ferae sind offenbar Wölfe und
Bären.
Tita S. Gregorii. 107
von Utrecht 1), verfasst von seinem Schüler Liudgee, einem
geborenen Friesen, auf dessen eigenes Leben ich im folgenden
Buche zurückkomme; hier sei nur bemerkt, dass er seine
höhere Ausbildung in York von Alcuin erhielt und als Bischof
von Münster S09 starb.
Diese Vita ist zwar schon mehr in dem gewöhnlichen
Legendenstil geschrieben, wie auch Wattenbach-) meint, hat
aber doch einen in mancher Beziehung geschichtlich merk-
würdigen Inhalt nicht bloss durch die Persönlichkeit ihres
Helden, sondern mehr noch durch die Rolle, welche in ihr
Bonifatius spielt; die grössere Hälfte des Buches (bis cap. 13)
beschäftigt sich mehr mit ihm als mit Gregor. Der letztere
war einer der treusten Schüler desselben. Er stammte, ein
Urenkel Dagoberts H., aus dem merowingischen Königsge-
schlecht; ein Zufall führte ihn als Knaben mit Bouifaz zu-
sammen, er begeisterte sich alsbald so für denselben, dass er,
dem geistlichen Berufe sich zu widmen, sich ihm sogleich an-
schloss und lange Zeit sein steter Begleiter wurde. Gregor
wurde dann um die Mitte des achten Jahrhunderts speciell die
Mission in Friesland von König und Papst anverti-aut, indem
er zwar nicht Bischof, sondern nur Abt vom 3Iartiusmünster in
Utrecht wurde. Hier wirkte er namentlich als Vorstand der
Schule, welche bald berühmt, aus allen Gegenden Deutsch-
lands Schüler empfing; Franken, Angeln, Friesen, Sachsen,
Baiern und Schwaben erhielten hier ihre geistliche Ausbil-
dung, welcher Gregor mit dem grössten, selbst durch Alter
und Krankheit ungebrochenen Eifer oblag. Manche Bischöfe
hat diese Schule Deutschland gegeben, und zu einer Zeit wo
es der geistlichen Hirten sehr bedurfte. Ueber diese damals
doppelt verdienstliche Wirksamkeit Gregors gibt leider der
Verfasser nur spärliche Andeutungen, während er dagegen der
sittlichen Vorzüge desselben ausführlich gedenkt, namentlich
seiner Barmherzigkeit und einfachen schlichten Lebensweise;
denn wie er im Vorwort anzeigt, will er seinen Lehrer als
,, frommes und nützliches Beispiel " nicht bloss zu seiner eigenen
1) In: Mabülon, Acta Sanctor. ord. S. Benedicti (s. Bd. I, S. 577
Anm. 1) Saec. lU. pars 2. Rettberg. Kircheugesch. Deutschlands
Bd. n, S. 531 ff.
2) Deutschi. Geschichtsq. I. S. 200.
108 Smaragdus.
steten Erimierung, sondern auch zu andrer Erbauung schil-
dern. Und dies hat er mit aller Wärme dankbarer Liebe ge-
than, was sich namentlich .bei der Schilderung des Lebensendes
des Heiligen zeigt. Gregor starb nach Rettberg 775.
ZEHNTES KAPITEL.
SMARAGDUS.
Auch das Feld der did actischen Prosa wurde in einer
des Zeitalters Karls stilistisch würdigen Weise in ein paar
literargeschichtlich nicht unwichtigen Werken bestellt. Ihr
Autor ist Smaragdus'), Abt des Klosters S. Mihiel an der
Maas, das er selbst gegründet, indem er dorthin seine Mönche
aus der alten Abtei auf dem Berge Castellion, die ein paar
Stunden von da entfernt lag, übersiedelte. Er war zuerst
Magister der Klosterschule. Eine Frucht dieser Wirksamkeit war
ein Commentar zu der Grammatik des Donat, welchen
er auf die Bitte seiner Schüler zwischen 800 und 805 verfasste.
Im letzteren Jahre wird er schon in einer Urkunde als Abt
genannt-); was den terminus a quo aber betrifft, so wird unter
den Beispielen der Grammatik Karl als Kaiser bezeichnet^). —
Durch seine Gelehrsamkeit Karl empfohlen, wurde er von ihm
809 mit der Abfassung einer Denkschrift über die Lehre vom
Ausgehn des heiligen Geistes betraut, und im Verein mit drei
andern Prälaten zu der von Leo IIL deshalb gehaltenen Sy-
1) Smaragdi abbat, monast. S. Michaelis Virdunensis Opera omiiia.
Accur. Migne. Paris 1851 (Patrol. lat. T. CIL)- — * Smaragdi abbat. Via
regia in: D'Achery, Spicilegium. Nova ed. Paris 1723. Tom. I, p. 238 ff.
Haureau, Singularites (s. oben S. 70 Anm. 1) p. 100 ff.: Smaragde,
abbe de Castellion. — Dümmler, N. A. S. 250 ff. — Mabillon, Vetera Ana-
lecta, Nova ed. Paris 1723, p. 350 ff. — Keil, De grammaticis quibusdam
latin. infimae aetatis. Erlangen (Univers. Progr.) 1868.
2) S. Haureau p. 103.
3) Ergo si placct, sie istae quatuor propriorum nominum species iara
hodie apud nos teneantur, ut dicamus praenomen Imperator , et sit illi
proprium dignitatis, quod nulli alio in suo convenit regno; dicamus Karolus,
et sit illi proprium, quod accepit in baptismo ; dicamus Franctis, et sit illi
appellativum in genere suo; dicamus Prudens, et sit illi agnomen appel-
lativum accidens ei extrinsecus. Mabillon 1. 1. p. 358.
Commentar zum Donat 109
node nach Rom gesandt, deren ProtocoU er redigirte. Aucli
der Gunst Ludwigs des Frommen erfreute er sich, welcher dem
neuen Kloster manche Privilegien gewährte. Smaragdus lebte
bis gegen Ende des dritten Jahrzehnts des neunten Jahrhunderts.
Smaragdus verläuguet in allen seinen Werken, obgleich
ein paar von allgemeinerem Interesse sind, nicht den Theo-
logen, selbst nicht in seiner grammatischen Schrift, ja ihre
Originalität ruht gerade in diesem Umstand. Smaragdus nimmt
nämlich die Beispiele zur Illustration der Regeln vornehmlich
aus der heil. Schrift, oder doch aus kirchlichen Schriftstellern.
Er thut dies, wie die Vorrede zeigt, in der Absicht, um den
Trägen, welche das Studium der Grammatik unter dem Vor-
wand vernachlässigten, dass in ihr nur heidnische Namen vor-
kämen und von Gott nicht die Rede sei, diese Entschuldigung
zu nehmen ; sein Werk soll das dulce mit dem utile verbinden,
„der himmlische Honig" soll dem Anfänger die Herbe der
Wissenschaft mildern.') Es ist also gleichsam eine christiani-
sirte Grammatik. Smaragdus sucht aber auch noch in andrer
Weise das Studium für seine Zeit anziehender zu machen, indem
er, wie oben bemerkt, auch Beispiele aus der Gegenwart nimmt
und nicht wenige Eigennamen der Franken und Gothen erklärt. -)
Von Smaragds andern Werken interessireu uns hier nur
das Diadema moimchorum und die 17« re(jia. Das erstere hat
eine weite Verbreitung gefunden und ist, nachdem es durch das
ganze Mittelalter in Ansehn geblieben, im 16. und 17. Jahr-
hundert wiederholt gedruckt worden. Es ist, wie die Vorrede
sagt, eine Blumenlese von Aussprüchen der Väter, namentlich
1) Sed ut diüciter tiro auctoritatem artis cum coelestis mellis dulce-
dine facilius possit glutire, scripturas arti, artem vero nectimus scripturis,
ne aut grammaticae artis pondere pressus aut divinarum scripturarum mole
gravatus desidiosus lector excusationis invenire possit anfractus. Keil,
1. 1. p. 20.
2) S. Massmann. Gothica minora, in Haupt's Zeitschrift f. deutsch.
Alterth. Bd. T, S..3SSff. Dass die etjTQologische Erklärung oft eine falsche ist,
nimmt um so weniger "Wunder, als sich unter den lateinischen Etymologien
jener Zeit und auch des Smaragd noch haarsträubendere finden, z. B. er-
klärt er: Yerbum a verberatione et bombum nomen accepit: bombus enim
sonus dicitur. Accepit a verberatione primam syllabam ver et a bombo
ultimam bumi Haureau p. 110. — Indessen zeigen die germanischen
EtjTnologien doch eine solche Kenntniss der Sprache, dass man Smaragd für
einen Germanen halten möchte.
110 Smaragdus.
aus den Collationes patrum (des Cassian) wie auch von „ver-
schiedenen Doctoren" — vornehmlich ist Gregor der Grosse
benutzt — , welche Dicta die allgemeinen Pflichten des Christen,
wie die besondern des Mönches betreffen. Sie sind, natürlich
mit eigenen Zuthaten und vielen Bibelstellen, von Smaragd in
100 Kapiteln zusammengestellt. Das Buch war, wie er in der
Vorrede bemerkt, zur Abendlectüre der Mönche bestimmt, eben-
so wie die Regel Benedicts zur Lesung am Morgen. Diese von
Smaragd getroffene Anordnung ') zeigt allein schon, dass er als
Abt es verfasste. — Die Ausführung in den einzelnen Kapiteln
ist eine recht gewandte und ansprechende, zumal der Aus-
druck einfach und klar und belebt ist; die einzelnen Kapitel
stehen freilich meist in nur loser oder auch gar keiner Ver-
bindung, so dass die Composition des Ganzen manches zu
wünschen übrig lässt.
In einer nahen, jedoch wenig beachteten Beziehung zu
diesem Werk steht das andre erwähnte. Es behandelt, auch
in einer Reihe von Kapiteln (32), die Pflichten des Königs;
aber es zeigt nicht bloss eine ähnliche Anlage als das Diadema,
indem im Anfang dieselben Tugenden und in derselben Reihen-
folge behandelt werden, sondern es finden sich auch ganze
Partien allgemeinerer Natur wörtlich aus ihm entlehnt."-) Die
Königsstrasse ist aber die, welche der irdische König ein-
schlagen muss, um zum Lande der Verheissung, zu dem himm-
lischen Reiche zu gelangen, dieselbe welche schon die Könige
des alten Bundes gewandert haben: so sagt uns der Autor in
der Widmungsepistel, die er an den König, dem er das Werk
übersendet, richtet.'^) Derselbe ist, wie im ersten Kapitel be-
merkt wird, schon als kleines Kind auf den Thron gehoben. 4)
Er hat seine Laufbahn gut begonnen, aber das genügt
1) Volum US ut iste libellus ad eorum (sc. monachorum) capitulum
quotidie legatur vespertinum.
2) Das umgekehrte Verhältniss lässt sich nicht annehmen.
3) Et tibi ergo , nobilissime rex , si vis ad supernam feliciter pro-
missionis tendere patriam, düigenter regia quaerenda est'via; quia, cum
sis rex in terra, ad coelorum properans regna per regiam debes currere
viam. Trita etenim est et antiquitus sanctorum regum vestigiis confricata.
4) Diligens etenim Dominus, o mitissime rex, creavit te et vivificavit,
nutrivit et custodivit, et ad lavacrum regenerationis perduxit, renovavit,
gubernavit et ad intelligibilem perduxit aetatem; et dum adhuc
parvulus esses, regali te sede sublitniter evexit. Auch die gesperrt ge-
Diadema monachorum. Via regia. 111
nicht, er miiss auch so fortfahren. — Es ist klar, dass nur
von einem jüngeren Mann die Rede sein kann, nur einem sol-
chen gegenüber erscheint auch ein Werk dieser Art schicklich,
und so sind auch die späteren ähnlichen, wie die des Jonas
und Sedulius'), an junge Könige gerichtet. Es ist hiernach
mir unzweifelhaft, dass dies Buch Ludwig als König von Aqui-
tanien gewidmet ist, der ja auch als kleiner dreijähriger
Ejiabe schon von dem Papste selbst in Rom gekrönt war.-) —
Bei dem Abhängigkeitsverhältnisse von dem JÜiadema ist die
Abfassungszeit der Via recjia zwischen SOG und S13 zu setzen.
Der Inhalt dieses Werks, das schon als das erste seiner
Art von Bedeutung ist, und auch für jene Zeit durch seinen Stil
sich empfiehlt, ist der folgende. Der Verfasser handelt zuerst
von der Liebe Gottes und des Nächsten, dann von der Er-
füllung der Gebote Gottes, die jene verlangt, hierauf von der
Furcht Gottes und von der heiligen Weisheit, deren Anfang
die Gottesfurcht ist, danach von der Klugheit, der Einfalt und
der Geduld: es sind dies die ersten sieben Kapitel, die
Cap. 4 — 10 des Diadema entsprechen: nunmehr wendet sich
unser Autor zu den specielleren königlichen Tugenden und
Pflichten, indem er von der Gerechtigkeit spricht, von der
Beschirmung der Waisen, Wittwen und Armen, von dem Er-
barmen, durch dessen Werke Gott zu ehren ist, wobei denn
besonders der Zehnten und Erstlinge, die der König ihm,
d. h. der Kirche schulde, gedacht wird (c. 12): so soll er
Schätze im Himmel sich anhäufen, der irdischen aber sich
nicht rühmen, sondern vor Gott sich demüthigen, hierdurch
erlange er den Frieden. Für das Haus Gottes soll der König
Eifer zeigen und die Schäden der Kirche, wenn sich solche
finden, verbessern."*) Milde und Berathschlagung werden dann
druckten Worte können in diesem Zusammenhang allein auf einen König
passen, der noch nicht alt ist.
1) S. darüber weiter unten.
2) S. die Tita Hludovici von dem Astronomen, c. 4. — An Ludwig
haben auch schon andre wie der erste Herausgeber d'Achery gedacht, aber,
wie es scheint, nur an ihn als Kaiser. Dass an Karl den Grossen nicht
gedacht werden kann, wie dies noch von Haureau geschieht, wird sich
wohl von selbst aus meiner obigen Darlegung ergeben.
3) Si quid forte penersum in Ecclesia videris Christi, satage corrigere
et emendare non cesses c. IS.
112 Smaragdus. Theologische Werke.
noch empfohlen. — Nunmehr geht Smaragd (c. 21) zur War-
nung vor den Fehlern über. Der Stolz, der Satan zu Falle
brachte, hat auch hier den Vortritt; Eifersucht und Neid fol-
gen: gegen die erstere ist Herzensgute, gegen den andern
brüderliche Liebe das Heilmittel. Der König soll ferner nicht
Böses mit Bösem vergelten, den Zorn unterdrücken, Schmeich-
ler nicht anhören, sich vor Geiz und Habsucht hüten. Er soll
die Kichter anhalten, keine Belohnung für die Gerechtigkeit
zu verlangen (c. 28), und verhindern, dass in seinem Reiche
Knechtschaft stattfinde (c. 30)'); ein jeder soll, Gottes Gebot
gehorchend, die Knechte freilassen in Anbetracht, dass sie nicht
die Natur ihm unterwarf, sondern die Schuld, denn wir sind
gleich geschaffen. 2) — Nach einer kurzen Recapitulation des
Inhalts des Werks ermahnt dann noch der Verfasser den
König die Hülfe und den Schutz Gottes sich durch das Gebet
zu suchen. So schliesst dies Buch mit einer Empfehlung des
Gebets, wie das Diadema mit einer solchen beginnt.
Die rein theologischen Werke des Smaragdus sind ein
sehr umfangreicher Commentar zu den sonntäglichen Episteln
und Evangelien, welchen er im Vorwort Liber comitis, wohl als
Begleiter des Priesters, nennt, eine Compilation aus sehr ver-
schiedenen Kirchenvätern mit besonderer Berücksichtigung der
allegorischen Erklärung, und ein Commentar zur Regel des
heil. Benedict, welchen in Veranlassung der Klosterreform der
Achener Synode v. J. 817 Smaragd verfasste. Beide Werke
sind mit einem metrischen Prooemium geschmückt, das des
ersteren in Hexametern, das andre in Distichen. Auch eine
Hymne des Smaragd auf Christus in trochäischen catal. Te-
trametern, die aber, wie der öfter eintretende Reim lehrt, in
Kurzzeilen aufgelöst, Strophen von sechs Versen bilden, hat
sich erhalten.-^)
1) Prohibe ergo, clementissime rex, ne in regno tue captivitas fiat.
2) Vere obedire debet homo Deo et eins praeceptis, in quantum ille
possibilitatem dederit, obedire: et inter alia praecepta salutaria et opera
recta, propter nimiam illius charitatem unusquisque liberos debet dimittere
servos, considerans quia non illi eos natura siibegit, sed culpa; conditione
enim aequaliter creati sumus. — Kurz darauf heisst es, der König solle
Gott ehren, „indem er aus den Knechten Freie mache" (ex illis — sc. ser-
vis — liberos faciendo).
3) Erschienen in Hagens Carmina medii aevi p. 93 ft'.
Fünftes Blich.
Die lateinische Literatiu' Yom Tode Karls des Grossen
bis zum Tode Karls des Kalilen.
Ebert, Literatur des Mittelalters II.
EINLEITUNG.
Mit dem Tode Karls des Grossen tritt zwar kein plötz-
licher Verfall der literarischen Kultur ein, obgleich über ein
Sinken der Studien und eine Geringschätzung derselben schon
bald Klagen laut werden'): aber es ist keine Frage, wichtige
Einflüsse, die ihren Aufschwung begünstigt hatten, hörten jetzt
auf, und dagegen machten sich manche nachtheilige Einwir-
kungen geltend.
Karls Nachfolger, Ludwig der Fromme hatte alle die ge-
lehrte Bildung erhalten, die sein Vater einst selbst zu besitzen
wünschte. Er hatte das Lateinische sich gleich seiner Mutter-
sprache angeeignet, was sein früher und langer Aufenthalt in
einem so romanisirten Lande wie Aquitauien, dessen König er
1 ) So von W a 1 a h f r i d in seinem Vorwort zu Einhards Vita Caroli, wenn
er seine Zeit mit der Karls des Grossen vergleichend sagt: Nunc vero,
relabentibus in contraria studiis, lumen sapientiae, quod miims diligitur,
rarescit in plurimis; so von Lupus in einem Briefe an Einhard (ep. I), der
unter anderm bemerkt: Nunc oneri sunt qui aKquid discere afiectant, et
velut in edito sitos loco studiosos quosque imperiti vulgo aspectantes, si
quid in eis culpae deprehenderint, id non humano vitio, sf d quaKtati disci-
pUnarum assignant. EndUch von Claudius in seinem Commentar zu dem
Brief an die Epheser (817), Praef. : Cum nostris temporibus tepescentibus
studiis rarus quisque inveniatur quotidiana intentione promptissimus non
solum ad cUsserendiun quae indiscussa sunt, sed etiam ad legendum quae
iam a maioribus disserta sunt. Alle diese in mancher Beziehung recht
lehn-eichen subjectiven Auslassungen sind nur mit grosser Einschränkung
aufzunehmen.
8*
116 Einleitung
schon als Kiud geworden war, noch sehr begünstigen musste;
er hatte sich dort selbst romanisirt: zum Theil wenigstens
mag sich auch daher seine Abneigung gegen die vaterländische
Dichtung der heidnischen Vorfahren erklären; ja Ludwig
scheint es selbst bis zur höchsten Frucht des grammatischen
Unterrichts damals, der lateinischen Versification gebracht zu
haben.') Auch griechisch verstand er, wenn er es auch nicht
gut reden konnte. Zur Astronomie hatte er eine Neigung vom
Vater geerbt, wie wir genauer von einem seiner Biographen
wissen, dem sogen. Astronomen, welcher selbst ihn in dieser
Wissenschaft berieth. Aber seine Vorliebe gehörte der Theo-
logie, der Schriftauslegung in der herkömmlichen dreifachen
Weise, auf welche er sich nach Thegan vortrefflich verstand;
mit Bibellesung und Psalmodie pflegte er sich auch eifrig zu
beschäftigen. Die Hofschule bestand auch fort unter der Lei-
tung des gelehrten Iren Clemens, der vielleicht schon unter
Karl dem Grossen Alcuins Nachfolger geworden war, ja sie
erfreute sich, wie ihr Magister selbst, in Bezug auf die Gram-
matik eines besonderen Ansehens'-); aber von einem ästhetisch-
gelehrten Hof kreis, wie ihn Karl der Grosse um sich zu ver-
sammeln liebte, war nicht mehr die Rede. Dafür gefiel es
Ludwig mit Mönchen Umgang zu pflegen: den berühmten Abt
von Aniane, den Reformator der Klöster damals, Benedict zog
er in seine nächste Umgebung, indem er ihm in einer Lich-
tung des königlichen Forstes bei Achen das Kloster luden
erbaute. Hier, in unmittelbarer Nähe der Residenz, welchen
Namen Achen jetzt noch mehr als früher verdient, konnte nun
Ludwig sich allen seinen Passionen zugleich hingeben. Denn
neben seiner Schwärmerei für das Klosterwesen, welche ihm
bei manchen Zeitgenossen den Beinamen „ der Mönch " eintrug,
konnte er hier seiner Leidenschaft für die Jagd fröhneu. Er
war gleichsam ein „Jäger vor dem Herrn". Denn Ludwig" war
kein blosser Kopfhänger: wie er von kräftigem Körperbau war,
so war er auch im Waffenwerk sehr geübt und namentlich ein
vortrefflicher Schütze. .
1) S. Dümmler im Archiv f. Kunde Österreich. Geschichtsq. Bd. 22, S. 289
No. 14 ein Ludwig beigelegtes Gedicht; es ist unbedeutend genug: es
könnte sonst auch von einem Andern im Namen des Königs verfasst
worden sein.
2) Vgl. Simson, Jahrb. d. fränk. Reichs II, S. 256, 258.
zum fünften Buch. 117
Hatte Ludwig also auch weltliche Neigungen, wie er ja
auch kein Verächter der Fraueuliebe war, so hörte doch die
Begünstigung der schönen Literatur durch den Kaiser nach
Karls Tode auf, und damit die so wichtige Verbreitung des
Sinns für dieselbe unter den Laien, zunächst den Vornehmen,
die es für eine Ehre gehalten hatten, auch darin dem grossen
Kaiser nachzustreben; und hierdurch hatte ja die Literatur
schon zum guten Theil einen weltlichen Charakter angenommen.
Dazu war freilich der Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit
Karls gekommen, dessen wunderbare Thaten die vieler Hei-
ligen in Schatten stellten : der neue Kaiser war kein Held wie
sein Vater, weder seine Individualität, noch seine Handlungen
konnten zur Dichtimg begeistern ; wo er besungen ist, geschah
dies aus bestimmten egoistischen Absichten. Im vollen Gegen-
satz zu Karl war Ludwig ein schwacher Charakter; ohne
Scharfsinn des Urtheils über Menschen und Dinge, war er ab-
hängig von seiner Umgebung, deren Rath ihn bestimmte, deren
Leitung er um so mehr sich hingab, als er in dem Bewusst-
sein der ihm für den Herrscherberuf mangelnden Befähigung
die Staatsgeschäfte gern andern überliess. Sein klerikaler
Sinn Hess ihn in Augenblicken der Noth seine Herrscherwürde
ganz vergessen, wie die Demüthigung zu Compiegne zeigte,
wo er zu einer öffentlichen Kirchenbusse von seinen Feinden
sich nöthigen Hess, obgleich er freilich immer noch Ehrgeiz
genug besass, um den Zumuthungen derselben in den Mönchs-
stand einzutreten, zu widerstehen. Die unkluge Theilung des
Reichs 817 unter seine Söhne und die Erhebung Lothars zum
Mitkaiser, sowie die noch unklugere zweite Heirath, welche
nach der Geburt eines vierten Sohnes (823) zu einer neuen
Theilung, um auch diesen zu bedenken, führte, hatten die
Empörung der älteren Söhne gegen den Vater und die auch
nach Ludwigs Tode (840) so lange fortdauernden, weil so oft
sich erneuernden, Bürgerkriege zur Folge. So konnten die
Thaten des Kaisers Ludwig nur zu Klageliedern auffordern.
Zeigen auch die Söhne Ludwigs noch eine gleiche ge-
lehrte Bildung als ihr Vater, so herrscht doch auch bei ihnen
— von Pippin vielleicht abgesehen, der aber schon vor dem
Vater starb — in ihren literarischen Interessen die theologische
Richtung wenigstens vor. So hat zw^ar dem Lothar in jünge-
ren Jahren sein Lehrer Clemens ein grammatisches Buch ge-
118 Einleitung
widmet, aber auf seineu ausdrücklichen Wunsch sind nur
theologische Werke, namentlich allegorische Erklärungen der
Bibel, verfasst worden, wie denn vor allen Raban solche
Bücher für ihn geschrieben hat, wie wir weiter unten sehen
werden. Ludwig der Deutsche, mit dem Raban in noch
mannichfaltigerer literarischer Beziehung steht, hat, obgleich
auch er von theologischem Interesse ausgeht, doch schon eine
universellere Richtung. Die allegorische Schriftauslegung lag
ihm allerdings auch zunächst am Herzen, aber er verlangte
doch auch das grosse encyclopädische Werk Rabans zu be-
sitzen, wenn auch dieses zugleich demselben Zwecke diente.
Wichtiger ist, dass Ludwig auch der Dichtung in seiner Mutter-
sprache, obschon nur der geistlichen, seine Theilnahme schenkte.
Bei Karl dem Kahlen aber, dem Sohn der geistvollen Judith,
dem Schüler Walahfrids, nehmen die theologischen Studien
schon eine speculative Wendung: nicht bloss interessirten ihn
die wichtigsten dogmatischen Fragen, über welche er mit sel-
tener Toleranz die entgegengesetztesten Ansichten anhörte, son-
dern er stellte auch den bedeutendsten Philosophen des früheren
Mittelalters, den Johannes Scotus Erigena an die Spitze seiner
Hofschule und trat mit ihm in ein sehr freundschaftliches Ver-
hältuiss. Einer der Lobredner Karls, Heiric (dessen Dichtung
wir später genauer betrachten) rühmt von ihm, dass er aus-
gezeichnete Meister der Wissenschaft, wo sie nur sich fanden,
und selbst aus Griechenland berief; aus L'land aber wären,
dem Meere zum Trotz, die „Philosophen" in hellen Haufen
eingewandert, dem weisen Salomo zu dienen. So würde seine
Pfalz mit Recht eine Schule genannt, i)
1) So sagt Heiric u. a. in dem Widmungsschreiben seiner Vita S. Ger-
mani zu Karl dem Kahlen selbst : — ^ id vobis singulare Studium effecistis,
ut sicubi teri'arum magistri florerent artium, quarum principalem operam
philosophia poUicetur, hos ad publicam eruditionem undecunque vestra
celsitudo conduceret. comitas attraheret, dapsilitas provocaret. Luget hoc
Graecia, novis invidiae aculeis lacessita, quam sui quondam incolae iam
dudum cum Asianis opibus aspernantur, vestra potius magnanimitate de-
lectati, studiis allecti, liberalitate confisi : dolet, inquam, se olim singulariter
mirabüem ac mirabiliter singularem a suis destitui, dolet cei-te sua illa
privilegia (quod numquam hactenus verita est) ad climata nostra transferri.
Quid Hiberniam memorem, contempto pelagi discrimine, pene totam cum
grege philosophorum ad littora nostra migi'antem etc.
zum fünften Buch. 119
Dagegen trugen die grammatischen Studien in Westfraneien
keine ebenso bedeutenden Früchte als in Deutschland. Hier
hatte zwar auch die Hofschule nicht aufgehört, aber sie hatte
nicht mehr die allgemeine wissenschaftliche Bedeutung, selbst
wenn auch zeitweilig daran ein berühmter Gelehrter wie der
Erzcapellan Grimald wirkte. In Deutschland wie in Lothringen
knüpfte sich vielmehr die literarische Kultur durchaus an die
Klosterschule, deren Pflege im ganzen Reiche schon durch die
Reform des Mönchwesens auf Grund der ausschliesslichen
Herrschaft der Regel Benedicts, wie sie Ludwig der Fromme
auf dem Reichstage zu Achen 817 veranlasste, gefördert werden
musste. Damals wurde unter anderm in einem diese Regel
ergänzenden Capitulare bestimmt, dass nur die Schüler, welche
zum Mönchsstand bestimmt waren, in dem Kloster selbst unter-
richtet würden 0; so mussten also die, welche Weltgeistliche
werden oder Laien bleiben wollten, von den andern getrennt
ausserhalb des eigentlichen Klosters den Unterricht empfangen:
so unterschied man denn seitdem scholae internae und externae.
Aber nur einzelne Klosterschulen gelangten, dank besonders
ausgezeichneten Lehrern, zu wahrer Blüthe, und sie finden
sich vornehmlich auf deutschem Gebiet. In diesen aber
werden die grammatischen Studien, zumal in der ersten Zeit,
erfolgreicher als in Frankreich betrieben.
Die Bürgerkriege mussten selbstverständlich auf die Pflege
der literarischen Bildung ungünstig einwirken, und um so
mehr bei der so lebhaften Betheiliguug der hohen Geistlich-
keit, der Bischöfe wie Aebte, an denselben, sowohl mit
dem Wort als mit dem Schwert. Aber diese Kriege hatten
wenigstens in ihrem Endresultat den Nutzen, das deutsche und
das romanische Volkselement zum grössten Theil definitiv zu
scheiden und in selbständigen Staaten zu constituiren ; zu
gleicher Zeit lässt sich aber auch schon in Betreff der lite-
rarischen Thätigkeit der Hauptunterschied zwischen dem ost-
und westfränkischen Reiche nicht verkennen: in Deutschland
herrschen die grammatischen und allgemein wissenschaftlichen
Studien und auf dem Felde der Theologie die Bibelerklärung
vor, und so findet sich hier im Anschluss an die ersteren auch
1) Capitula IMonachor. c. 45: Ut scola in monasterio non habeatur
nisi eorum qui oblati sunt. Monum. German. histor. Leges I, p. 202.
120 Raban.
noch eine reichere poetische Thätigkeit, während dagegen in
Frankreich Dogmatik und Philosophie dominiren, so dass sich
dieses Land schon vorbereitet die Hauptstätte der mittelalter-
lichen Speculation zu werden. 0
ERSTES KAPITEL.
RABAN.
Die älteste und zunächst bedeutendste der deutschen Klo-
sterschulen ist die von Fulda, an welcher derjenige Schüler
Alcuins wirkte, der die Wissenschaft und die Lehrthätigkeit
seines Meisters am erfolgreichsten überliefert und fortgesetzt
hat; es ist der deutsche Hraban, der seinen Namen lateinisch
Rabanus nannte. In ihm, dem ersten Praeceptor Germaniae,
wie man ihn später wohl betitelt hat, zeigt sich sogleich die
wissenschaftliche Universalität, die den deutschen Genius aus-
zeichnet, sowie die grosse receptive Anlage desselben und der
ausdauernde Fleiss des deutschen Gelehrten, welche beiden
Eigenschaften jene Universalität ja zur Voraussetzung hat. Er
hat den gröbsten Einfluss auf die Pflege der literarischen Bil-
dung in Deutschland gehabt.
Raban-), wie es scheint von angesehenem Geschlechte,
stammte aus Mainz, weshalb er sich wohl Magnentius^) bei-
1) S. über die Geschichte, namentlich auch Kulturgeschichte dieser
Periode im allgemeinen : Simson, Jahrbücher des fränkischen Reichs unter
Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipzig 1874 — 76. — Dümmler, Geschichte
des ostfränkischen Reichs. 2 Bde. Leipzig 1862—65.
2) Rabani Mauri Opera omnia iuxta edit. Colvenerii anno 1617 Coloniae
datam expurgatam etc. accur. Migne. Paris 1851 — 52. 6 Tom. (Patrol.
lat. Tom. 107 — 112). Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, eine
histor. Monographie. Mainz 1841. — Böhmer, Regesten zur Geschichte der
Mainzer Erzbischöfe bearbeitet von Will. Frankfuio 1877. 4" S. XIX ff. u.
S. 64 ff. — Bach , Hrabanus Maurus der Schöpfer des deutschen Schul-
wesens. Progr. Fulda 1835. 4°. — Köhler, Hrabanus Maurus und die
Schule zu Fulda. Leipz. Dissert. 1870. — Dümmler, N. A. S. 286 ff.
3) So in der in Distichen verfassten Praefatio der Dichtung über das
heil. Kreuz, wo sein voller Name durch Hervorhebung gewisser Buchstaben
an bestimmten Stellen des Gedichts ausgedrückt ist, daher jeder Buch-
Leben. 121
genannt hat, und war dort gegen das Jahr 776., geboren. Als
Knabe kam er in das Kloster Fulda unter Baugulf, der von
780 — 802 dort Abt war. Hier empfing er seine erste gelehrte
Bildung, denn schon zu Sturms Zeit wurde dort die Wissen-
schaft gepflegt'), wenn auch die Gründung des Klosters keine
solche Tendenz gehabt hatte. Schon 801 wurde Raban Diacon.
Von dem Nachfolger Baugulfs Ratgar wurde er zugleich mit
Hatto in Alcuius Schule nach Tours gesandt, in welcher er
schon einmal früher gewesen sein muss.^) Dort hatte er zum
Mitschüler auch den älterea Samuel, späteren Bischof von
Worms, mit welchem er ebenso innig befreundet wurde, als
mit Hatto, genannt Bonosus. Letzterer, der sich auch als
Maler auszeichnete , wurde später Rabans Nachfolger als Abt
von Fulda. Die Schule Alcuins wurde für Raban von der
grössten Bedeutung. Ausser der Theologie d. i. der Bibel-
erklärung, studirte er bei ihm die „freien Künste", und war
wohl gerade deswegen besonders von Ratgar nach Tours ge-
sandt, wie auch die alte Ueberlieferung, ein Katalog der Aebte
von Fulda, ausdrücklich besagt. 3) Raban selbst erwähnt in
seinem Werk De simcta crt/ce^), einer Frucht dieser Studien,
den von Alcuin empfangenen Unterricht in der Ethik, der
Stabe gesichert; er lautet da: Magnentius Hrabanus Maurus. — Magnen-
tius ist meines Erachtens von ahd. Magenze herzuleiten (keineswegs eine
Corruption von Moguntinus), indem Kaban vielleicht das lat. gn wie im Ita-
lienischen und Französischen aussprach, das g von Magenze aber wie j,
und sich so die Schreibung mit gn erklärt. Die Annahme Kunstmanns
S. 12 f., dass Kaban aus der Familie des Kaisers Magnentius gewesen, er-
scheint mir wunderlich. — Dass Raban aber zu Mainz geboren, ei'gibt
sich aus seinem von ihm selbst verfassten Epitaph.
1) So wurde schon damals Eigil dem Kloster causa litte rar um über-
geben, wie sein Biograph Candidus erzählt (Yita Eig. c. 3). Vgl. auch
oben S. 104.
2) S. meine kleinen Beiträge zur karoling. Literatur 2, in den Sitzungs-
ber. der k. sächs. GeseUsch. d. Wiss. 1878, S. 98 ff. u. vgl. oben S. 81 f.
3) Tertius abbas Ratgar Hrabanum et Hatton Turonis direxit
ad Albinum magistrum liberales discendi gratia artes. S. Schannat,
Historia Fuldensis. Frankfurt 1729. Cod. probat, p. 1.
4) Und zwar in der Intercessio Albini (s. darüber weiter unten). Alcuin
sagt dort zum heil. Martin von Raban:
Hunc puerum docui divini faniine verbi,
Ethicae monitis et sophiae studüs.
122 Raban.
Sophia überhaupt und was von vorzüg-lichem Interesse ist, in
der Metrik. Alcuin gewann ihn besonders lieb und gab ihm
deshalb den Beinamen M a u r u s — den Raban als Schriftsteller
auch ohne weiteren Zusatz geführt hat — nach einem Lieb-
lingsschüler des heil. Benedict, von dem Gregor sagt'), dass
er, durch gute Sitten ausgezeichnet, ein Gehülfe seines Ma-
gister zu sein begann.-)
Nach der Rückkehr von Tours wurde Raban Lehrer in
Fulda, in welchem Beruf Alcuin, mit dem er brieflich in Ver-
bindung blieb, sein Vorbild war. Das Kloster besass bereits,
namentlich durch verschiedene grössere Schenkungen, ansehn-
liche literarische Hülfsmittel, welche Raban noch wesentlich
vermehrte ; es hatte auch einen besonderen Bibliothekar. Unter
dem Abte Ratgar, der mit der Zeit seiner Leidenschaft zu
bauen alles aufopferte, und seine Mönche fast nur zu Maurern
machte, musste auch die Schule leiden. Viel günstiger wurde
jedenfalls die Lage derselben und ihres Magister, als nach
Ratgars Entfernung 817 Eigil Abt wurde, der Biograph Sturms^),
ein wahrhaft gebildeter Mann, mit dem Raban im freundschaft-
lichsten Verkehr stand, schon lange ihm vor vielen herzlich
zugethan. Eigil liebte es, mit Raban auch eine gelehrte
Unterhaltung zu führen. Um so weniger nimmt es uns Wunder,
dass nach seinem Tode 822 Raban, der seit sechs Jahren
Presbyter war, sein Nachfolger wurde.
Wenn er jetzt auch das eigentliche Magisterium nicht mehr
behalten konnte, so wirkte er trotzdem noch als Lehrer fort;
ja er hat gerade als Abt seine bedeutendsten Schüler, einen
Lupus, einen Walahfrid und Otfrid, ausgebildet. Raban führte
am liebsten das Leben eines Gelehrten. So widmete er auch
Und später:
Abbas namque suus, Fuldensis rector ovilis,
lUum huc direxit ad tua tecta, pater,
Quo mecum legeret metri scholasticus artem,
Scripturam et sacram rite pararet ovans.
1) Dialog. II, c. 3.
2) VielleicM hat auch Alcuin ihm zugleich mit Samuel eine heute ver-
lorene Schrift De bencdicüone itatriarcharum gewidmet, wenn der Brief
Alcuins, worin ihrer gedacht wird (bei Jafte No. 291), an Raban gerichtet
ist, was gar nicht unwahrscheinlich.
3) S. oben S. 104 ff.
Leben. 123
jetzt alle seine Mussestuudeu dem Unterricht und dem eigenen
Studium.^) Auch an der Politik nahm er nicht gern Autheil,
wie dies damals bei der höheren Geistlichkeit so gewöhnlich
war, was er ausdrücklich tadelt.-) Freilich konnte er in seiner
Stellung doch darum nicht der Parteinahme während der
Bürgerkriege sich entziehen. So lange Ludwig der Fromme
lebte, stand er auf seiner Seite, denn in den Conflicten des-
selben mit seinen Söhnen war für Rabaus Parteistellung schon
die Pflicht des kindlichen Gehorsams, die er nachdrucksvoll
geltend machte, massgebend. Aber auch das legitime Princip
der Reichseinheit wirkte wohl dabei mit. So blieb Raban auch
nach Ludwig des Frommen Tode gut kaiserlich, und um so
mehr, als er mit Lothar persönlich befreundet war. Aber nicht
lange danach, im Frühjahr 842, entsagte Raban freiwillig der
Abtswürde. Nicht bloss bewog ihn dazu, wie Dümmler sagt^),
die Missstimmung über den seinen Wünschen entgegengesetzten
Gang der politischen Ereignisse, das Unterliegen des Kaisers
nämlich, sondern es bestimmte ihn gewiss auch der "Wunsch,
der seinen Neigungen so wenig zusagenden weltlich prak-
tischen Thätigkeit, der Last der Administration eines so reichen
und mächtigen Klosters sich zu entledigen^), die zu vernach-
lässigen seine • Gewissenhaftigkeit ihm nicht erlaubt hätte.
Ueberdies folgte er bei seiner Abdankung nur dem Beispiel
eines sehr tüchtigen Vorgängers, des gelehrten Baugulf.
Während Raban nun seinem Freunde Hatto die Abtswürde
überliess, zog er sich selbst auf den Petersberg bei Fulda, wo
er eine schöne Kirche gebaut hatte, zurück, um sich jetzt ganz
seinen Studien und seiner Schriftstellerei zu widmen. Damals
war es, wo er sein grosses encvclopädisches Werk De universo
1) Wie sein Schüler Rudolf in der sogen. Tita des Raban berichtet,
c. 5 : Huic itaque monasterio quintus a beato Bonifatio praefuit in regimine
Rabanus abbas Quotiescunque a curis saecularibus (quas, prout
possibüe erat, toto nisu decUnabat) liber esse permittebatur , aut aKos
sacris litteris instruebat, aut in legendo vel dictando divinis scripturis
semet ipsum pascebat.
2) S. die Praefatio des Wei'kes De universo ad Haimonem.
3) Gesch. d. ostfränk. Reichs I, S. 301, die auch beim Folgenden zu
vergleichen ist.
4) Wie Lupus ep. 40 und Rudolf a. a. 0. c. 50 annehmen; vgl. auch
oben Anm. 1 die Parenthese.
124 Raban.
verfasste. Mit Ludwig dem Deutschen, dessen politischer
Gegner er als Abt gewesen, fand in Folge einer von dem
Könige gesuchten Zusammenkunft eine volle Aussöhnung statt.
Um so sicherer erhielt Kaban nach seines Freundes Otgar
Tod 847, vom Volk wie vom Klerus gewählt, den erzbischöf-
lichen Stuhl von Mainz. Obgleich er wider seinen Wunsch
dem gelehrten Stillleben entrissen wurde, so entfaltete er doch
als Erzbischof eine bedeutende Wirksamkeit, welche durch das
grosse Ansehn, das er als Gelehrter genoss, ihm nicht wenig
erleichtert werden musste. Noch in demselben Jahre fand
unter seinem Vorsitz eine Synode in Mainz statt, welche sich
bemühte, die für Recht und Sitte so nachtheiligen Folgen der
Bürgerkriege zu heilen. Näher berührt uns hier die im Jahre
darauf ebendort in Verbindung mit einem Reichstag gehal-
tene Synode, denn auf ihr wurde unter dem entschiedenen
Einfluss Rabans Gottschalk und die von ihm mit all der
Hartnäckigkeit und Ueberzeugungstreue eines deutschen Ge-
lehrten und Theologen verfochtene Augustinische Prädesti-
nationslehre verurtheilt. Denn Gottschalk hatte in der That
vollkommen Recht sie also zu bezeichnen, nur zog er streng
und hart mindestens d i e Consequenzen der Lehre, welche eine
systematische Entwickelung derselben verlangte,- indem er eine
doppelte Prädestination der Bösen wie der Guten behauptete.
Raban vertrat dagegen die in der fränkischen Kirche her-
kömmliche Ansicht, welche die Augustinische Lehre modi-
ficirend abschwächte, i)
Raban war ein persönlicher Gegner Gottschalks, denn
dieser war sein Schüler in dem Kloster Fulda gewesen, wo
er, ein Sachse aus vornehmer Familie, als puer oblatus auf-
genommen worden war. Gottschalk, dessen unruhiger und
selbständiger Geist in dem fränkischen Kloster sich gefesselt
fühlte, entfloh demselben, und verlangte auch von einer Synode
zu Mainz 829 die Lösung seines Gelübdes, aber auf Rabans
Appellation wurde die Entscheidung der Synode wieder auf-
gehoben und Gottschalk in das Kloster Orbais gewiesen. Nach-
dem dieser dort seine wissenschaftliche Ausbildung, vornehm-
1) Vgl. Weizsäcker, Das Dogma von der göttlichen Vorherbestimmung
im neunten Jahrhundert in: Jahrbücher für deutsche Theologie, Bd. IV,
Gotha 1859. S. 527 ff.
Leben. 125
lieh diircli eignes Studium und vor allem der Werke Augustins
vollendet, begab er sich später auf Reisen, namentlich nach
Oberitalien, indem er, von einer glänzenden Beredsamkeit
unterstützt, überall für seine Lehre Propaganda machte. Auf
Anregung des Bischofs von Verona, Noting, schrieb deshalb
schon S40 Raban gegen ihn, und als er auf einer zweiten Reise
bei dem hochgebildeten Markgrafen Eberhard von Friaul eine
gastliche Aufnahme gefunden, so trieb ihn S4S Raban durch
einen Brief an denselben von diesem Hofe. Gottschalk blieb
aber auf Rabaus Angriffe auch nicht die Antwort schuldig, er
klagte ihn des Semipelagianismus an und gab allen seinen
Gegnern den Spottnamen „Rabanici".
Das Verhältniss zwischen dem entflohenen Schüler und
seinem alten Lehrer, welche beide dem Charakter, den gei-
stigen Anlagen, ja der Abstammung nach nicht bloss von
einander verschieden waren, sondern Gegensätze bildeten, war
also ein sehr erbittertes geworden, als der eine vor dem Tri-
bunal erschien, dem der andere präsidirte. Um so eher erfolgte
Gottschalks Yerurtheilung, obgleich keineswegs einstimmig: er
wurde grausam gegeisselt, aus dem ostfränkischen Gebiet ver-
bannt und zu weiterer Bestrafung dem Erzbischof Hincmar
von Reims überwiesen. Um Raban aber gerecht zu sein, ist
hinzuzufügen, dass das Motiv seiner Strenge insonderheit die
grossen sittlichen Gefahren waren, welche die Lehre Gottschalks
im Gefolge hatte, wenn sie, wie von diesem begeisterten Reise-
prediger geschah, in dem grossen Publikum verbreitet wurde.
Eben deshalb unterliess Raban auch später nicht, gegen Gott-
schalks Lehre und ihre Verbreitung aufzutreten, wobei er aller-
dings der Inhumanität gegen den Freidenker selbst sich schul-
dig machte. Sonst hat er gerade als Bischof durch seine
Menschenfreundlichkeit, seine Unterstützung der Armen und
Bedrückten sich ausgezeichnet. Während er also sein Hirtenamt
gewissenhaft verwaltete, blieb er, ein wahres Muster deutschen
Fleisses , auch als Schriftsteller bis zu seinem Tode mit altem
Eifer thätig. Hochbejahrt starb er 856.
Raban ist für die allgemeine Literatur fast allein von
indirecter Bedeutung, aber von einer grossen, natürlich vor-
zugsweise in Bezug auf Deutschland. Seine literarische Thä-
tigkeit, die eine ausserordentlich grosse war, verfolgt mit sel-
tener Ausnahme praktische Zwecke ; meist aus seiner amtlichen
126 Raban.
Thätigkeit als Lehrer, Seelsorger, Abt und Bischof erwachsen,
dient sie dieser und hat vornehmlich das Ziel der intellectuellen
und sittlichen Bildung zuerst des Klerus, dann auch des Volkes.
Eabau war, wie Alcuin, vor allem Lehrer, dies war sein eigent-
licher Lebensberuf, und die Klosterschule hatte ja zunächst
die Aufgabe den Klerus zu bilden. Die meisten seiner Werke
haben dieselbe Absicht. Es lassen sich aber verschiedene
Gruppen unter ihnen unterscheiden. Erstens solche Schriften,
die dem Unterricht unmittelbar dienen, Compendien, ähn-
lich denen des Alcuin und offenbar nach deren Beispiel ver-
fasst. Hierher gehören einmal ein paar grammatische
Arbeiten: 1) ein von den Herausgebern Excerptio de arte
grammatica Frisciani betiteltes Compendium, welches aber fast
allein der Prosodie und in einem Anhang, einem zweiten Büch-
lein gleichsam'), im Anschluss an andre alte Autoren den
Metren und der Poetik gewidmet ist; vielleicht sollte es eine
Ergänzung zu Alcuins Grammatik bilden, der ja die Metrik
als besondere Disciplin betrachtete."^) Diese Arbeit Kabans ist
literargeschichtlich nicht bloss dadurch wichtig, dass sie, wie
Bahr bemerkt 3), den Priscian in die deutschen Schulen ein-
führte, sondern namentlich auch als Zeugniss für das besondere
Interesse unseres Autors für die Metrik, die er, wie er sie bei
Alcuin mit Eifer erlernt, sicher auch selbst unterrichtet hat,
wohl mit Hülfe dieses „Auszugs", und das ist im Hinblick
auf die lateinische wie deutsche Poesie seiner Schüler von
Bedeutung. 2) Der kleine Aufsatz, welchen man Be hiventione
Unijuarum betitelt hat, dem aber vielmehr der Titel: De in-
ventione litt e raru m d. h. der Buchstaben zu geben ist. Es
werden hier nämlich die folgenden Alphabete aufgeführt, indem
zugleich mit ein paar Zeilen ihrer Erfinder gedacht wird: das
hebräische, griechische, lateinische, das scythische des Ethicus
und das der Marcomannen oder Nordmannen, „von welchen
die deutsch Redenden abstammen", ein Alphabet, dessen sich
1) Es beginnt dieser Anhang: Sane quia in superiore libello —
— superest ut ipsius metri vim etc. Ed. Migne T. III p. 6^6.
2) S. oben S. 17. — Ueber dies Compendium Rabans s. Hertz in
der Praef. seiner Ausg. des Priscian (Leipzig 1855) p. X. Anm. 36. Einige
wenige selbständige Zusätze in Citaten aus christlichen Dichtern, nament-
lich Prudentius, finde ich.
3) Gesch. der röm. Literatur im karoling. Zeitalter S. 419.
Gramma tische Arbeiten. De computo. 127
„die noch in heidnischen Eiten Befangenen" zur Aufzeichnung-
ihrer Lieder und Zaubersprüche bedienen — es sind die Runen.
Dann folgt noch eine Reihe lateinischer Abbreviaturen und
Monogramme. Dieser Aufsatz war offenbar für den Unterricht
bestimmt.
Auch eine Frucht seiner Lehrthätigkeit wie zugleich seines
Interesses für die Muttersprache, sind Sammlungen deutscher
Glossen, wie Walahfrid eine über die Theile des mensch-
lichen Körpers nach Rabans Vortrag aufgezeichnet hat. So
wird Raban auch eine Bearbeitung eines lateinisch - deutschen
Glossars zur Bibel in einer Handschrift des neunten Jahrhunderts
beigelegt.') Sein deutsch -philologisches Interesse bekundet
sich ferner recht auffallend in der etymologischen Erklärung
von deutschen Personennamen an einer Stelle wo man es gar
nicht erwarten sollte, nämlich in manchen seiner Gedichte, wo
diese Erklärung mitunter sogar die Pointe bildet, indem die-
selben an die Träger der Namen gerichtet sind.-) Auch in
der Erneuerung des Gebots deutscher Predigt auf der ersten
von Raban präsidirten Synode kann man ein Zeugniss seiner
Liebe zur Muttersprache sehen, obgleich dabei auch das Pflicht-
gefühl des Oberhirten und der pädagogische Sinn des früheren
Magister sicher mitgewirkt haben werden.
Auch unmittelbar für den Unterricht bestimmt erscheint
das Buch De computo^ obgleich es auf private Anregung eines
wissensdurstigen Mönches Marcharius verfasst ist, welcher Ra-
ban nur gebeten hatte, ihm einige von andern aufgestellte
Sätze dieser Wissenschcft zu corrigiren und dadurch klarer zu
machen. 3) Aber der Computus war schon unter Karl dem
1) S. Die althochdeutschen Glossen gesammelt u. bearbeitet von Stein-
meyer und Sievers. Bd. I. Berlin 1S79, S. 3 ff.
2) S. c. 13 Brumvard und c. 26 Isanbert; s. ausserdem c. 5 Batorich und
c. IT Gerhoh ; übrigens finden sich auch Erklärungen von Namen andrer Spra-
chen, wie c. 7 Praeclarus, c. 20 Samuel. Um ein Beispiel zu geben c. 26 v. 5 ff". :
Cuncta quidem tibimet virtutum insignia condunt
Nomen, quo clarus, digTius honore fias:
Ferrum te fortom, darum, virtute decorum,
Signant
3) Raban sagt im Prolog: Petebas ergo ut quibusdam de computo
propositionibus earumque minus perfectis responsionibus . quas mihi pro-
tuleras nescio a quibus confectas, stylum adhiberem easque tibi lucidiores
redderem.
128 Raban.
Grossen durch Synodalbeschluss zu einem obligaten Gegen-
stand der Schule des Klerus gemacht, und das Buch Rabans
ist in der dialogischen Form der Alcuinschen Compendien
verfasst, indem der Schüler fragt, der Lehrer anwortet. Wie
der Eingang ausspricht, ist es für Schüler „reiferen Alters"
bestimmt, und so redet denn auch der Magister den Discipulus
mit Frater an. Doch finden sich hier zugleich auch die ersten
Elemente behandelt. Das Buch ist, wie alle solche Rabans,
eine Compilation, namentlich hat er aus dem Grund legenden
Werke Beda's De temporum ratlone mitunter selbst seitenlange
Auszüge wörtlich aufgenommen, ausserdem sind Isidors Ety-
mologien, Boetius' Arithmetik, die auch citirt werden, u. a.
benutzt; seinen eigenen Antheil beschränkt der Verfasser selbst
im Prolog hauptsächlich auf die „Verdeutlichung", wie er
auch in der Anordnung des Stoffes mit einer gewissen Selb-
ständigkeit verfährt. Indem er nun, wie er sagt, sich der
Kürze befleissigt und bloss das Nothwendige geben will, also
manches ferner liegende weglässt, hat er in der That ein
Lehrbuch verfasst, nach dem leichter zu studiren war als nach
Beda's Werk.
Im Anschluss an den Computus sei hier eines Martyro-
locjium gedacht, das Raban geschrieben auf den Wunsch des
„Abtes" Ratleik, des früheren Notars des Einhard'), der nach
dessen Tode dem Kloster Seligenstadt vorstand; so ist dies
Buch Rabans erst nach dem März 840 verfasst. Ratleik war,
wie auch die Zuschrift von ihm zeigt, ein gelehrter Mann und
schon seit 839 Kanzler Ludwigs des Deutschen. 2) Später hat
Raban auch noch dem Erzcapellan Grimald durch ein Gedicht
in Distichen das Buch gewidmet. Dasselbe basirt auf dem
Grund legenden Werke des Beda, aber in der Bearbeitung, die
ihm von Florus zu Theil geworden^), indem Raban nur
Zusätze aus andern Quellen hinzugefügt und stilistisch manches
geändert hat.^)
1) S. oben S. 100. 2) S. über ihn Dümmler a. a. 0. S. 868 f.
3) S. Bd. I, S. 607 und vgl. weiter unten über Florus von Lyon.
4) Seine eigene Arbeit cbarakterisirt Raban selbst in der Zuschrift
mit den Worten : feci quantum potui et singulis diebus nomina sanctorum,
quae scripta sive notata ab antecessoribus in libellis reperi, ibidem inserui;
et cuiuscunque sancti obitum sive martyrium, qualiter vitam fiuierint, legi,
breviter, prout valui, notavi.
Bibelcommentare. 129
Eine zweite Gruppe bilden die Bibelcommentare ßa-
bans; diese Gattung seiner Schriftstell erei, die er besonders
emsig gepflegt hat, ist wenigstens aus dem Unterricht, seiner
Lehrthätigkeit erwachsen, denn den ältesten dieser seiner
Commentare, den zum Matthäus, hat er noch zu der Zeit,
wo er Presbyter und Magister war, abgefasst auf den Wunsch
der Mönche, die mit ihm das Evangelium lasen und bei diesem
ETangelisten eine ebenso vollständige und genügende Erklärung
als bei den andern vermissten. So erzählt uns Raban selbst
in der "Widmung an den Erzbischof von Mainz Heistulf. Dieser
Commentar ist literargeschichtlich besonders wichtig, einmal
wegen des Einflusses, den er auf die Dichtung Otfrids gehabt
hat, dann als der erste des Raban, indem die Art seiner Ab-
fassung für die der übrigen unsers Autors massgebend wurde.
Ueber jene gibt die Widmung selbst schon den folgenden
Aufschluss. Der Commentar soll das Studium der alten Er-
klärer ersetzen, zunächst den Unvermögenden, denen keine
Bibliothek zu Gebote steht, oder die höchstens nur den einen
oder andern Commentator besitzen. Zu dem Zweck gibt Ra-
ban, auch hier nur dem Beispiel seines Meisters Alcuin folgend^),
gleichsam eine Anthologie aus den Erklärungen der alten
Commentatoren, indem er sie theils wörtlich, theils nur dem
Sinn nach, also gekürzt, bei den einzelnen Stellen anführt;
jedoch verschmäht er es auch nicht, wo es sich trifft, eigene
Erklärungen hinzuzufügen — und diese finden sich gerade hier
mehr als in den späteren Commentaren Rabans. Am Rande
aber hat er die Autoren durch die Anfangsbuchstaben 2), seine
eigenen Erklärungen durch die des Namens Maurus allemal be-
zeichnet. — So hat also das Werk seiner Anlage nach eine
ganz praktische Tendenz, wie es denn Raban selbst auch für
mehr bequem als sehr noth wendig erklärt.^) Er theilte den
Commentar in acht Bücher, indem er, wie er sagt, wo mög-
1) S. oben S. 21.
2) Wahrscheinlich aber nur bei den wörtlichen Excerpten, wie er
dies in dem Commentar zu den Büchern der Könige gethan zu haben in
der Vorrede desselben bemerkt.
3) (Opus) non quasi pernecessarium. cum multi scriptores me in Ulo
vestigio praecesserint, sed quasi magis oonunodum, cum plurimorum sensus
ac sententias in unum contraxerim. Praef.
Ebeet, Literatur des MitteUtlters IL 9
130 Raban.
lieh, allemal mit einer Rede des Herrn abschloss. i) Was die
Art der Erklärung aber betrifft, so herrscht auch hier, der
Tradition gemäss, die allegorische Interpretation durchaus vor,
sie ist dem Verfasser die Hauptsache (wie auch eine Stelle in
der Widmung zeigt); doch werden hier immer noch mehr als
in andern Commentaren des Eaban auch andere Erklärungen,
historische und sprachliche, gegeben, und auch auf die übrigen
Evangelien und ihre Abweichungen Bezug genommen.
Als Raban bereits Abt geworden war, begann er gegen die
Mitte der zwanziger Jahre auch die Erklärung des Alten
Testaments in derselben Weise. Die Anregung dazu gab ihm
der Bischof von Lisieux, Frechulf, der ihn um einen Commen-
tar zum Pentateuch bat, da er an seinem Bischofssitz den
grössten Mangel an Büchern litt, nicht einmal eine Bibel dort
vorgefunden hatte. Der Commentar, wie er ihn wünschte,
sollte ganz in derselben Art ausgeführt sein, wie der zum
Matthäus.-) Raban entsprach dieser Bitte, indem er nach und
nach die fünf Bücher Mose commentirte. — Diese gelehrte
Excerptenarbeit scheint Raban allmählich ein wahres Bedürf-
niss geworden zu sein, denn er hat im Laufe der Jahre noch
eine grosse Zahl von Büchern des Alten Testamentes in der
angezeigten anthologischen Weise commentirt. Von diesen
Commentaren hat er mehrere dem Kaiser Lothar dedicirt, ein
paar sogar auf dessen ausdrücklichen Wunsch verfasst ; die zu
den Büchern Judith und Esther widmete er der Kaiserin
Judith, welche er den jüdischen Heldinnen vergleicht, die üb-
rigens hier als der Typus der Kirche aufgefasst werden.
Ludwig dem Deutschen aber widmete er die Commentare zu
den Paralipomena und den Maccabäern, nachdem er
den letzteren schon früher dem kaiserlichen Archidiaconus
Gerold dedicirt hatte. Das erstere Werk soll dem König ein
Wegweiser für die Leitung der Regierung sein. 3) Die beiden
1) Totumque opus in libros octo distinxi, illud maxime observans ubi-
cunque potui, ut ubi evangelista sermones Domini consummatos esse refe-
rebat, ibi librorum terminos coustituerem. Praef.
2) Den wohl Frecbulf kannte, obgleich er ihn nicht nennt.
3) Raban sagt in der Widmung: cogitavi aUquod servitium, ut
amantissimo decet domino, vobis exhibere, quod etiam vestrae nobilitatis
in divinis legibus potuisset nostro labore aliquo modo florens exercere in-
De clericorum institutione. 131
Commentare sind aber zugleich mit der für den Erzcapellan
Hilduin verfassten Erklärung der Bücher der Könige in-
sofern Ton allgemeinerem Interesse , als sie den Bereich der
historischen Kenntnisse und Bildung Eabans, des ersten Ge-
lehrten Deutschlands damals, uns zeigen. Bei diesen Commen-
taren hat er auch weltliche Historiker, namentlich Justin, be-
nutzt, ja, was ihm besonders verdacht wurde, aber für seinen
wissenschaftlichen Sinn gut zeugt, ausser Josephus auch einen
modernen jüdischen Autor, i) — Von neutestamentlichen
Schriften hat Raban noch die Episteln des Paulus com-
mentirt, ein sehr weitläufiges Werk, das aber reine Excerp-
tenarbeit, und zum Theil selbst mit fremder Hülfe verfasst ist.
Beigelegt wird ihm auch ein Commentar zum Johannes. Auch
hat Eaban auf den "Wunsch Ludwig des Deutschen eine Er-
klärung der Ccnüica, die bei den Matutinen gesungen wurden,
herausgegeben.
Drittens unterscheiden wir wissenschaftliche Werke Ra-
bans, die zur weiteren Ausbildung des Klerikers und Gelehrten
dienen sollen. Hierher gehört zunächst das von ihm noch als
Magister verfasste imd dem Erzbischof Heistulf gewidmete
Werk: I)e clericonnn institutione, welches aus mündlichen und
schriftlichen Antworten Rabans auf Anfragen seiner Mönche,
namentlich solcher, welche die Weihen erhalten hatten, hervor-
gegangen ist. Alles was zur Ausrüstung und Bildung des
Geistlichen für den Kirchendieust nöthig ist, soll hier angezeigt
und erklärt werden. Es sind drei Bücher. In den beiden ersten
wird was das Verständniss des Kirchendienstes verlangt, be-
handelt, in dem einen die Kirchen Verfassung, die Weihen, die
Kleidung der Priester, die Taufe, die Messe, in dem andern
die Officien der canonischen Stunden, Gebet, Beichte und
Fasten, die Feste, der Kirchengesang, die Lectionen, das
Glaubensbekenntniss und „als Gegensatz zu diesem" in kurzer
Uebersicht die verschiedenen Häresien. Im dritten Buche aber
lehrt der Verfasser, welche Bildung die Geistlichen haben
genium, dmnaque sacrorum librorum testimonia rimando. regni gubernacida
secundum Patrum praecedentium exempla legitime tenenda insti-uere.
1) Er hatte diesen zuerst in dem Commentar zu den Büchern der
Könige citirt; trotz der Angriffe, die er deshalb erfuhr, zog er ihn doch,
indem er sich um diese nichts kümmerte, in dem Commentar zu den Pa-
ralipomena an. In der Widmung des letzteren spricht er sich darüber aus.
9*
132 Raban.
müssen. Nach ihm sollen die Fülle der Wissenschaft, die
Rechtschaffenheit des Lebens und die Vollkommenheit der Ge-
lehrsamkeit am meisten diejenigen besitzen, welche das Regi-
ment in der Kirche führen. Die Weisheit und der gute Lebens-
wandel sind beide zugleich nöthig, jene erhellt diesen und
dieser empfiehlt jene: beide sollen also in diesem Buche be-
handelt werden (c. 1).') Die Grundlage wie der Gipfel aller
Weisheit ist aber auch Raban die Wissenschaft der heiligen
Schrift, welche unmittelbar von Gott stammt,. der die Quelle
aller wahren Weisheit, auch der weltlichen, heidnischen ist
(c. 2). 2) So wird denn zuerst vom Studium der heil. Schrift
gehandelt (c. 6 ff.), darauf von den Wissenschaften (doctrinae)
der Heiden (c. 16 ff.). Der Verfasser spricht von ihnen zuerst
im allgemeinen, indem er das, was in ihnen wie in den Ein-
richtungen der Menschen superstitiös ist, von dem Nichtsuper-
stitiösen unterscheidet, und allein jenes verwirft. Alles Histo-
rische wird schon an sich in Schutz genommen 3), die Geschichte
der Heiden dient selbst zur Erklärung der Bibel.
Mit cap. 18 geht Raban auf die Artes liberales über und
beginnt mit der Grammatik, die er definirt als die scientia
interj)retandi poelus atqiie historicos ei rede scribendi loquen-
dique ratio. Der Metrik, „die durch die Grammatik gelehrt
wird", gedenkt er noch besonders als einer „edlen" Wissen-
schaft*), freilich mit der falschen Motivirung, dass die Psalmen
und Cantica des Alten Testaments in klassisch - antiken Vers-
massen verfasst wären. Auch wären in denselben ausgezeich-
nete Werke von evangelischen Männern geschrieben, wie von
1) Sed quia utrumque necesse est, ut bonam vitam sapientia illustret,
et sapientiam bona vita commendet, utrumque in hoc libro digeremus.
2) Fundamentum autem, status et perfectio prudentiae scientia est
sanctarum Scriptm-arum, quae ab illa incommutabili aeternaque sapientia
profluens, quae ex ore Altissimi prodiit, primogenita scilicet ante omnem
creaturam, Spiritus sancti distributionibus per vasa Scripturae lumen in-
deficiens, quasi per laternas, orbi lucet universo, ac si quid aliud est,
quo d sapientiae nomine rite censeri possit, ab uno ecclesiae-
que sapientiae fönte derivatum, ad eins respectat originem.
Dieser Satz wii'd dann noch weiter ausgeführt und so heisst es dann
später : ac ideo ad unum terminum cuncta referenda sunt et quae in libris
gentilium utilia, et quae in Scripturis sacris salubria inveniuntur
3) Aliud est enim facta narrare, aliud docere facienda 1. HI, c. 17.
4) Metricam autem rationem non ignobüe est scire. c. 18.
De clericorum institutione. 133
einem luvenciis, Sedulius (welchen Raban auch in seinen Bibel-
commentaren gern citirt), Arator, Alcimus (sc. Avitiis), Clemens
(sc. Prudentius) , Pauliuus und Fortunatus. „Wollen wir aber
Gedichte und Bücher der Heiden wegen der Bltithe der Be-
redsamkeit lesen", so soll mit ihnen nach dem T}-pus der von
den Juden gefangenen Heidinnen verfahren werden, mit denen
jene nach der Vorschrift Gottes (2. B. Mose) erst dann sich
vermählen durften, wenn sie dieselben durch Abschneiden der
Haare und Nägel gereinigt hatten. i) — Die Rhetorik wird
wegen der Predigt empfohlen, die Dialektik besonders hoch-
gerühmt, namentlich, nach Alcuins Vorgang-), als Waffe gegen
die Sophismen der Häretiker, zugleich wird aber schon vor
dem Missbrauch der Disputirkunst gewarnt. 3) Die Arith-
metik empfiehlt Eaban, schon weil ihr Studium von den
sinnlichen Begierden abzieht, und sie die mystische Bedeutung
der Zahlen in der heil. Schrift erklärt. In Betreff der Astro-
nom i e (c. 25) ist bemerkenswerth, dass er sie von der Astrologie
unterscheidet, welche er in die naturalis und die superstitiosa
eintheilt. Die erstere ist mit der Astronomie fast identisch,
nur scheint Raban darunter die rein praktische, welche die
Feststellung des Kalenders zum Zweck hat, zu verstehen.^)
Nachdem er so von dem Nutzen der sieben freien Künste ge-
handelt hat, zeigt er noch (c. 26), dass auch die philosophischen
Schriften der Heiden, namentlich der Platoniker, keineswegs
1) Dieser Gedanke ist dem Hieronymus entlehnt. S. Bd. I, S. 189.
Raban fährt dann ihn erläuternd fort: Itaque et nos hoc facere solemus,
hocque facere debemus, quando poetas gentUes legimus. quando in manus
nostras libri veniunt sapientiae saecularis, si quid in eis utile reperimus,
ad nostrum dogma convertimus, si quid vero superfluum de idolis. de
amore, de cura saecularium rerum, haec radamus, his calvitium inducamus,
haec in unguium more ferro acutissimo desecemus. c. 18.
2) De iide Trinit. (Praef.). S. oben S. 21.
3) Vgl. Prantl, Gesch. der Logik Bd. 11, S. 19.
4) Da Astronomia und Aslrologia im Mittelalter promiscue gebraucht
werden, so verdient die Stelle in der Hauptsache angeführt zu werden:
Inter astronomiam autem et astrologiam a liquid differt, licet ad unam
disciplinam ambae pertineant. Nam astronomia coeli conversionem, ortus,
obitus motusque siderum continet, vel ex qua causa ita vocentur;
astrologia vero partim naturalis, partim superstitiosa est. Naturalis dum
exsequitur solis lunaeque cursus vel stellarum, certas temporum
quaestiones.
134 Raban.
ganz zu venverfen wären, vielmehr manche sehr nützliche
moralische Vorschriften und selbst einiges wahre über die Ver-
ehrung eines Gottes enthielten. Im folgenden Kapitel spricht
Raban von der Uebung der Tugenden, namentlich der vier car-
dinalen, und erörtert darauf (c. 28 ff.), wie der Geistliche
lehren soll, und bei der Predigt vornehmlich das Verständniss
des Volkes stets berücksichtigen, und daher dieselbe nicht
wörtlich auswendig lernen soll (c. 30). Es wird dann noch
von den verschiedenen Gattungen der Beredsamkeit gehandelt,
und von der Verschiedenheit der Vermahnung, je nach dem
Alter, Geschlecht und den Fehlern derjenigen, an welche sich
die Rede richtet.
Auch dies Werk Rabans ist grösstentheils nur eine, öfters
selbst wörtliche, Compilation aus verschiedenen Werken der
Väter, wie Raban selbst in der Widmung bemerkt, vor allem
hat er neben Cassiodors Institutionen Augustins Doctrina chri-
stiana und Gregors Cura pastoralis benutzt. So wenig originell
also auch dies Werk ist, so wichtig erscheint es doch sowohl
für die Erkenntniss des Höhepunkts der damaligen Bildung
des Klerus, namentlich in Deutschland, als durch den Einfluss
den es nicht bloss auf die unmittelbaren Schüler Rabans, son-
dern auch auf eine spätere Folgezeit gehabt hat.')
Einen ähnlichen wissenschaftlichen Charakter hat ein weit
grösseres Werk, welches Raban in seiner gelehrten Zurück-
gezogenheit nach Niederlegung der Abtwürde verfasste: es ist
die 22 Bücher begreifende Encyclopädie: De imiverso^ welche
er zunächst einem früheren Studiengenossen Haimo, Bischof
von Halberstadt, widmete. Es sollte das Werk, wie er an ihn
schreibt, dem vielbeschäftigten Missionsbischof zur Recapitu-
lation dienen, indem er hier kurz angeführt fände, was er in
vielen Büchern früher zerstreut weitläufig gelesen. In der
Weise der Alten, welche über die Naturen der Dinge und die
Etymologien der Namen und Wörter schrieben, sei es verfasst,
aber es habe nicht bloss diese Aufgabe, sondern es füge auch
die mystische Bedeutung derselben Dinge hinzu, so dass Haimo
1) Verwandten Inhalts sind ein paar spätere, weit weniger bedeutende
Schriften Rabans, mit deren Titelangabc wir uns hier begnügen : De sacris
ordinihus , sacramenlis divinis et veslimenlis sacerdotalibus und De disci-
pliiia ccclesiaslica libri tres.
De universo. 135
fortlaufend sowohl die historische als die mystische Erklärung
der einzelnen darin fände. ^ Und hierin liegt allerdings haupt-
sächlich die Originalität dieses Werkes, das im Uebrigen zum
grössten Theil aus Isidors Etj^mologien wörtlich abgeschrieben
ist: es ist gleichsam eine für den christlichen Theologen zu-
gerichtete Isidorische Encvclopädie. Dem entsprechend ist
auch die Ordnung der Stoffe etwas geändert: während Isidor
sein Werk mit den sieben freien Künsten beginnt, woran sich
die Medicin, Jurisprudenz und Geschichtswissenschaft an-
schliessen, dann erst Bibel und Liturgie den Uebergang zu
Gott selbst und der himmlischen Hierarchie (Buch VII) bil-
den 2), so beginnt Raban vielmehr mit diesen, indem seine
ersten fünf Bücher überhaupt der Religion und Kirche ge-
widmet sind, die weltlichen Wissenschaften dagegen ganz
übergangen werden. Im übrigen folgt er zum grössten Theil
der Anordnung Isidors'^), aber sein Werk ist, um der von
Hieronjmus angenommenen Bücherzahl des Alten Testamentes
1) Vgl. damit die andere, an Ludwig den Deutschen gerichtete Wid-
mung, worin Raban das Werk bezeichnet als de serinonum proprietate et
mystica re)'um signißcatione verfasst.
2) S. Bd. I, S. .5.57 ff.
3) Von dessen 11. Buche ab, mit welchem ja manche Handschriften
einen zweiten Theil anheben (s. Bd. I, S. 558): nur werden von den vor-
ausgehenden Büchern ein paar später, wenn auch nur theilweise, einge-
schaltet, wie das neunte Isidors bis zum Anfang des fünften Kapitels als
das sechzehnte: auch werden aus einem Buche des Isidor, wie dem vier-
zehnten, zwei von Raban gemacht, das zwölfte und dreizehnte (das letztere
von c. S des vierzehnten des Isidor an), indem in diesem Falle von Raban
auch viel hinzugefügt ist. — Um an ein paar Beispielen, die aufs Gerade-
wohl genommen sind, das Verfahren des Raban bei der Bearbeitung des
Isidorschen Werks zu zeigen, heisst es De univ. 1. XVI, c. 4: Cives vocati,
quod in unum coeuntes vivant, ut vita communis et omatior fiat et tutior.
Dies entspricht wörtlich 1. IX, c. 4 §. 2 des Isidor ; nun fährt Raban aber
fort: Cives autem mystice in bonam partem ponuntur, ut est illud .in
Apostolo: Vos autem estis cives sanctorum et domestici Dei (Ephes. 11.).
Item in malam partem. quando ad Babj-loniam spiritalem, hoc est, in par-
tem diaboli deputantur. Oder etwas später in demselben Kapitel sagt
Raban: Mercenarii sunt qui ser\iunt accepta mercede: iidem et barones
Graeco nomine, quod sint fortes in laboribus, wörtlich aus Isidor 1. 1. §. 31 ;
und Raban fährt fort: Mercenarii mystice iUos significant qui serviunt Do-
mino non pro amore divino tantum, sed pro temporali reti-ibutione, de
quibus scriptum est in Evangelio — worauf wieder ein paar Bibelstellen
folgen. ■
136 Rabaii.
ZU entsprechen'), in 22 Bücher, statt gleich dem des Isidor in
20, eingetheilt. Dass die von Raban hinzugefügte mystische,
d. h. allegorische Erklärung, mindestens im allgemeinen, auch
nur eine entlehnte ist, ist schon bei ihrem traditionellen Cha-
rakter selbstverständlich ; eine Hauptquelle ist aber auch hierbei
Isidor und zwar durch sein Buch „Allegoriae quaedam sacrae
scripturae" dem Eaban gewesen. 2)
So wenig eigenes auch Raban in diesem voluminösen
Werke bietet — von dem er ein Exemplar auch König Lud-
wig auf dessen Wunsch widmete') — so war es doch für die
Conservirung und Fortpflanzung mancher Kenntnisse des Alter-
thums wichtig, da es durch seine besondere Anlage wie durch
den Namen seines Verfassers dem Klerus jener Zeit mehr als
Isidors Werk selbst sich empfehlen musste.
Zu dieser Gruppe der Rabanschen Werke ist auch die
kurze Abhandlung De anima zu rechnen, welche dem sehr
wissbegierigeu König Lothar, also wohl Lothar IL gewidmet
und damit vielleicht die letzte Schrift unseres Autors ist.*)
Sie ist auch fast allein ein Excerpt, und zwar hauptsächlich
aus Cassiodors gleichnamigem Buche""), mit ein paar eigenen
Zuthaten, wie Raban selbst in der Widmung besagt. Seltsamer
Weise hat unser Autor einige Kapitel: De disciplina Romanue
milituie „der sehr häufigen Einfälle der Barbaren wegen" an-
gehängt, kurze Auszüge aus Vegetius' bekanntem Werke. ^)
1) S. Praef. ad Ludovicum regem.
2) S. Bd. I, S. 563. Raban selbst wird auch ein Buch: AUegoriae in
lüHversam sacram scripturam beigelegt, worin nach alphabetischer
Reihenfolge die allegorische Bedeutung einer grösseren Zahl von Substan-
tiven gegeben wird.
3) Auch in dieser Widmung gibt sich die geistliche Tendenz des
Werkes kund, denn wie Raban dort sagt, soll das Werk dem Könige
dienen : quatenus tuum bonum Studium multis proveniat ad spiritalem pro-
fectum, et fiat tarn tibi quam illis (seinen Unterthanen) spiritale exer-
citium atque coelestis gaudii incrementum.
4) Wenigstens aus seinem letzten Lebensjahre, wie Dünunler in der
unten erwähnten Edition des Anhangs (S. 451) gezeigt hat.
5) S. Bd. I, S. 487 ff.
6) Sie fehlten in der überlieferten Handschr. des Tractats, wurden
aber in neuerer Zeit in einem Collectivcodex Triers wieder aufgefunden,
und von Dümmler in der Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. Bd. III,
S. 443 ff. herausgegeben.
De amma. Theologische Flugschriften. 137
Sind die bisher betrachteten Werke theils ans dem Unter-
richt direct erwachsen, theils aus gelehrten Studien, deren
Motiv eigenes Bildungsstreben und Verbreitung der Bildung
war, also Producte des Schulmeisters und Gelehrten, so gibt
es dagegen eine andre Klasse von Schriften Rabans, die von
jenen wesentlich verschieden, aus seinen amtlichen Stellungen
als Abt oder als Bischof entsprungen sind: Schriften theo-
logischer Publicistik gleichsam, so namentlich Gutachten
über Fragen der kirchlichen Disciplin, durch Anfragen von
Collegen oder durch bestimmte äussere Verhältnisse veranlasst,
Schriften, die für die Kirchen- und Kulturgeschichte, mitunter
selbst indirect für die politische von Bedeutung sind. Diese
Schriften haben zum Theil die Form von Episteln, und Raban
zeigt in ihnen öfters eine grössere Selbständigkeit des Ge-
dankens und einen freieren, individuelleren Ausdruck als in den
dickleibigen Compilationen. So behandelt er in zwei Schreiben
(an Humbert, Bischof von Würzburg'), und an Hatto)^) die
Frage : in welchem Grade der Verwandtschaft die Ehe er-
laubt sei, indem er in dem zweiten zugleich eine ganz andre
beantwortet, nämlich: was von denen zu halten wäre, die
durch magische Künste und teuflische Zaubersprüche die
Menschen, wie man sagt, zu täuschen und aus ihrem früheren
Zustand herauszureissen vermögen. 3) Hier gedenkt der Ver-
fasser nicht bloss der Bibelstellen, welche von Wahrsagern und
Zaubern handeln, sondern er gibt auch eine Uebersicht der
verschiedenen Arten derselben, welche das klassische Alter-
thum unterschied, eine Uebersicht die auf Varro zurückgeht,
den Eaban öfters citirt. Uebrigens verwirft Raban so wenig
als die Väter, die Macht der Dämonen^), über die er überhaupt
1) Quota fjeneraüonc Ucitum sit connuhhim.
2) Be consanf/uineonan mq)tiis et de magorum praestigiis falsisque
divinationihus.
3) Alteram (quaestionem) , quid de bis sentiendum esset, qui magicis
praestigiis sive incantationibus daemoniacis dicuntur bomines fallere et a
statu suo pristino evertere posse.
4) Indem er die Möglichkeit derselben in eigenthümlicber Weise er-
klärt: Quod vero non solum quaedam daemones futura praedicunt, verum
etiam quaedam mira faciunt, pro ipsa utique sui corporis excellentia, cura
non contemnatur a prudentibus: cum plerique iniqui ac perditi homines
ita exerceant corpora sua, tantaque diversis artibus possint, ut ii qui haec
138 Raban.
dieselben Ansichten als jene hegt. Die Schrift ist schon durch
die Stellung der Frage selbst kulturgeschichtlich von Interesse.
— So vertheidigte Raban in einer Flugschrift das in West-
francien heftig angegriffene Institut der Chorbischöfe; so
hat er in der Gottschalkschen Angelegenheit verschiedene
Episteln (welche zugleich die Frage der Prädestination
behandeln), wie an den Bischof Noting von Verona, den Mark-
grafen Eberhard, an Hincmar von Reims erlassen, die doch
auch für die Oeffentlichkeit bestimmt waren.
Unter allen den Flugschriften Rabans sind aber zwei von
allgemeinerem Interesse , indem sie zugleich ein lebendiger
Ausdruck der Individualität unsers Autors sind, an dessen
Darstellung hier auch das Gemüth keinen geringen Antheil
hat: sie verdienen deshalb von uns eine grössere Berücksich-
tigung. Die eine ist die gegen Gottschalk gerichtete Schrift:
De oblaiione pueroj'um, durch welche Raban bei Ludwig dem
Frommen gegen die Befreiung Gottschalks von seinem Mönchs-
gelübde durch die Mainzer Synode protestirte, und in der That
die Aufhebung des Beschlusses derselben bewirkte. Raban
sucht hier zunächst den Beweis zu liefern, dass nach den
Zeugnissen der heil. Schrift und den Beispielen der Väter dem
Christen es erlaubt sei, sein Kind Gott zu weihen (consecrare).
Dann bekämpft er den Einwand Gottschalks, dass, weil die
Oblation eines Minderjährigen durch rechtskräftige (idonei)
Zeugen bestätigt werden müsse, nur Sachsen solche Zeugen
hätten sein können, da es nach sächsischem Recht nicht erlaubt
sei, dass ein Mann von einem andern Volke Zeugniss ablege,
wo es sich um den Verlust der Freiheit eines Sachsen handle.
Als wenn, fügt Raban hinzu, der Dienst Christi die Freiheit
und den Adel des Geschlechts nähme! Indem nun aber Gott-
schalk in seinem Falle das Zeugniss von Franken verwarf,
empört sich darob das Stammesgefühl Rabans, und nachdem
er die Forderung des sächsischen Rechts vom biblischen
Standpunkt bekämpft, ruft er erzürnt aus: wie lässt es sich
hiernach bei Gott und den Menschen rechtfertigen, dass die,
welche geringer an Tugend und Würde sind, die ihnen über-
nesciuiit, nee aliquando viderunt, etiam iiarrata A'ix credant: quam multa
funambuli caeterique theatri artifices, quam multa opifices maximeque me-
chanici miranda fecerunt. Num ideo meliores sunt bonis etc.
De oblatione puerorum. De reverentia filioriim etc. 139
legenen und höheren verachten, und als ob jeder Ehre unwür-
dig verwerfen, welchen sie doch sich unterwerfen mussten?')
Wer in aller Welt weiss nicht, dass die Franken vor den
Sachsen Christen geworden, diese mit den Waffen unterjochten
und als ihre Herren zum Christenthum bekehrten'? — So tritt
hier der Stolz des Franken — der sein Volk dann auch mit
den Persern und Römern, den Herrschern von Weltreichen,
auf eine Linie stellt — dem ungebeugten Stolz des Sachsen
entgegen; der Zorn macht Raban da wahrhaft beredt, und in
seiner Sprache ist ein gewisser adliger Zug nicht zu ver-
kennen. Nicht den Kleriker, sondern den fränkischen Edlen
hören wir hier. — Raban sucht dann zweitens durch Bibel-
stellen zu erweisen, dass ein Gott geweihtes Gelübde nicht
gebrochen werden dürfe, und zeigt endlich drittens, dass das
Mönchsleben eine göttliche Institution sei.
Die andre bemerkenswerthe Flugschrift Rabans ist das
Buch: De reverentia filioriim erga patres et subditoi^um erga
reges, womit er für Ludwig den Frommen, nach dessen Ge-
fangennahme und Entthronung i. J. 833, in die Schranken
trat. Er schärft darin das Gebot Gottes die Eltern zu ehren
durch Stelleu des Alten und Neuen Testamentes ein, indem er
zugleich auf den Segen hinweist, der sich an seine Erfüllung
knüpft, und den Uusegen im andern Falle. Dann geht er auf
die der königlichen Würde von den Unterthanen zu leistende
Ehre über, und zeigt durch Aussprüche und Beispiele der
Bibel, wie Gott die Widersetzlichkeit missfällt. Auch aus der
weltlichen Geschichte der christlichen Zeit wird der Beweis
geliefert, wie Gott die Tyrannen, die gegen den legitimen
Herren sich erhoben, bestraft, an einem Maximus, Arbogastes
und Eugenius — während dagegen Theodosius von Gott be-
günstigt ward. Auch zieme es den Söhnen als Erben nicht
(c. 4), ihre Eltern aus Besitz und Würden zu verdrängen,
wären doch Thronfolger, selbst wo sie Mitregenten waren, im
alten Bunde wie in der christlichen Zeit ihren Vätern bis zu
deren Tode unterthänig oreblieben. — Hat sich bis hierhin
1) Haec vero cum se ita habeant, quae ratio est secundum Deum aut
secundum homines, iit qui inferiores sunt virtute et dignitate superiores
sibi et eminentiorcs spernant , et quasi indignos omni honore rospuentes
abüciant, quibus subiici oportebat?
liO Raban.
Raban gegen die Söhne gewandt, und ihr Verfahren, wenn
auch indirect, verurtheilt, so spricht er im Folgenden direct
für den Kaiser, indem er zunächst darlegt, dass der Richter,
welcher Aufruhrer bestrafe, kein Homicidium^) begehe, und
Könige deshalb aus solchem Grunde von Synoden und Bi-
schöfen nicht verurtheilt worden wären (c. 8). Ferner: auf
ein bloss allgemeines Schuldbekenntniss hin wäre niemand zu
excommuniciren, hätten doch Heilige selbst ein solches abge-
legt, auch David, der darum nicht sein Reich verloren: Gott
verzeiht vielmehr dem reuigen Sünder (c. 11). Im letzten Ka-
pitel redet Raban den Kaiser an, um ihn über die Vergangen-
heit zu trösten und zu bitten, sich nicht rächen zu wollen,
sondern, wie Christus geboten, zu verzeihen und den reuigen
Sohn — womit offenbar Lothar gemeint ist — wieder aufzu-
nehmen.
Diese Schrift ehrt wahrhaft Raban, dessen Pietät und
Rechtsgefühl in um so glänzenderem Lichte erscheinen durch den
dunkeln Gegensatz des Benehmens seiner meisten Amtsbrüder.
Sie erfreute den Kaiser so, dass dieser ihn zu einer andern
Schrift aufforderte, einer Sammlung von Bibelsprüchen „über
Tugenden und Laster" — wie auch der Titel lautet — mit
besonderer Berücksichtigung der Pflichten der einzelnen Stände
und Klassen der Gesellschaft.
Endlich haben wir unter Rabans Prosawerken noch seiner
Predigten zu gedenken. Zwei Sammlungen hat er davon
verfasst; die eine als Abt auf Wunsch des Erzbischofs Hei-
stulf, welchem er sie allmählich zugehen Hess, je nachdem ihm
seine Müsse erlaubt hatte eine Partie auszuarbeiten; ihn bat er
später, wie die Widmung sagt, das Ganze zu ediren. Diese
Predigten sollten „von allem was für das Volk nothwendig",
handeln, nämlich einmal von den Hauptfesten, dann von den
verschiedenen Arten der Tugenden und Fehler. Sie gründen
sich offenbar, mindestens zum Theil, auf Predigten, die Raban
selbst gehalten. Daher auch ihre Kürze : die lateinische Rede
wurde sicherlich von ihm ins deutsche übertragen-), und
1) Dies Verbrechen wurde auf der Reichsversammlung zu Compiegne
Ludwig Schuld gegeben, hauptsächlich im Hinblick auf den Tod seines
Neffen Bernhard.
2) Vgl. oben S. 127.
Predigten. 141
manches zur Erklärimg weiter ausgeführt, waren doch die
Predigten für das Volk bestimmt. Und in der That haben
viele auch einen populären Charakter, indem das dogmatische
Moment zurück, das moralische in den Vordergrund tritt. Nur
zum Theil sind sie original, manche sind mehr oder weniger
Sermonen Leo's, Augustins, Alcuins u. a. entlehnt. Am origi-
nalsten und populärsten zugleich sind die kulturgeschichtlich
bedeutenden, worin Raban die Unsitten seiner Landsleute,
namentlich auch die Reste heidnisch -germanischen Aberglau-
bens bekämpft, die durch den Verkehr mit den noch heid-
nischen Bewohnern, wie er sagt, sich erhielten: so die Homi-
lien 42 und 43. Die erstere hat die abergläubische Sitte zum
Gegenstand, bei abnehmendem Monde Lärm zu machen, Pfeile
in die Luft zu schiessen und Feuer hinauf zu schleudern,
um dem Mond gegen Ungeheuer zu helfen, welche ihn ver-
schlingen wollten.^) Auch noch andrer Unfug wurde deshalb
getrieben. Raban beginnt recht volksmässig die Rede damit,
dass er erzählt, wie er vor einigen Tagen ruhig Abends zu
Hause sitzend, in seinen Meditationen plötzlich durch das
Gelärm gestört worden sei; worauf er den Grund vernimmt,
den er spottend erzählt. Aber er begnügt sich dann nicht das
Unsinnige des Aberglaubens nachzuweisen, sondern er erklärt
auch die Naturerscheinung. In der andern Homilie eifert er
gegen die Befragung von Wahrsagern und Zeicheudeutern,
namentlich auch bei Krankheiten, und gegen mancherlei Aber-
glauben, vornehmlich beim Reisen, wie Beobachtung der Vögel
und ihres Gesangs, des Tags der Abreise und Ankunft, des
Niesens.-) Gegen jede Besorgniss soll vielmehr das Schlagen
des Kreuzes schützen. — Die Homilie 63 sei auch noch be-
sonders hervorgehoben, da sie gegen Modelaster jener Zeit in
Deutschland sich richtet, Fehler, die man für gering, oder für
nichts achte, ja die so herrschten, dass man sie sogar als
Tugenden ansehe. Es sind die Schwelgerei und die Trunk-
sucht icomessatio und ehriefas), die bei den Vornehmen ^vie
bei den Geringen sich fände, bei beiden Geschlechtern und in
allen Ständen, den Klerus mit eingeschlossen. Die Schlemmer
rühmt man selbst als freigebig, indem man die Enthaltsamen
1) Vgl. Grimm, Deutsche Mythologie. 4. Ausg. S. 588 f.
2) Tgl. Grimm a. a. 0. S. 944 ff., 953 f., 935.
142 Raban.
tadelt. — Auch vor der Possenreisserei , dem übertriebenen
lauten Laclien wird in manchen dieser Homilien das Volk
gewarnt.')
Die zweite Sammlung enthält Homilien im engeren
Sinne des Worts, Sermone, die sich an die sonn- und fest-
täglichen Lectionen der Bibel anschlössen und den betreffenden
Text erklären; diese Sammlung wurde von Raban auf den
Wunsch des Kaisers Lothar zunächst für diesen verfasst; aber
von ihren drei Theilen hat sich nur einer erhalten.
Dies sind die Prosawerke Rabans, die von allgemeinem
literarhistorischen Interesse sind-). Raban hat aber auch Ge-
dichte verfasst, so wenig poetische Begabung er besass; doch
er war nicht umsonst in der Metrik bei Alcuin in die Schule
gegangen, ein allerdings erst später, im dreissigsten Jahre von
ihm vollendetes, aber gewiss in Tours bereits begonnenes
Werk legt davon vor allem Zeugniss ab. Nach dem Bei-
spiel seines Meisters Alcuin — der selbst hierin nur dem Vor-
gange eines Porphyrius und Förtuuatus gefolgt war^) — ver-
fasste er eine Bilderdichtung im grössten Massstab: De laudi-
biis sanctae enteis, worin das Kreuz in 28 „Figuren" erscheint,
die in Gedichten von Hexametern sich abgezeichnet finden,
indem die durch die Linien der Zeichnung eingeschlossenen
Buchstaben wieder zugleich Verse für sich, und auch andre als
Hexameter^) bilden — eine ebenso ausserordentlich künstliche
1) So ermahnt Raban in Hom. 5U u. a. „aiiditum a scurrilitate avertere,
risum excelsum et excussum non amare." Als letzte von diesen Ho-
milien (No. 70) findet sich ein Aufsatz über die Zurückführung des von
Kosroe geraubten heil. Kreuzes nach Jerusalem durch Kaiser Heraklius,
— ein im späteren IVIittelalter, auch in den Nationalliteratureu, öfters be-
handelter Stoß"; aber dieses Stück hat weder die Form der Homilie,
noch den Stil des Raban. Da es von Massmann in seinem Eracles nicht
erwähnt ist, so sei hier darauf aufmerksam gemacht.
2) Ich sehe hier daher von einigen andern, in denen zum Theil Raban
sich selbst copirt, ganz ab ; ihre Titel findet man bei Bahr a. a. 0. nament-
lich S. 434 und 435. Das von Raban redigirte Poenitentiale ist wohl
kirchenhistorisch wichtig, selbstverständlich aber kein literarisches Werk.
3) Vgl. oben S. 32; Porphyrius hat sich Raban auch direct zum Mu-
ster genommen, indem er in dem Prolog rücksichtlich der Abkürzungen,
die er sich erlaubte, auf Porphyrius sich bezieht. — Vgl. über Fortunat
Bd. I, S. 511. — Rabans Gedicht ist am besten edirt von Henze. Leipzig 1847.
4) So finden sich bei dem Bilde des Kaisers Ludwig (im Prooemium
De laudibus sanctae crucis. 1^3
und mühselige, als unpoetische Arbeit. Die Anregung zu dieser
Dichtung hatte Raban sein Freund und Mitschüler bei Alcuin,
der im Malen geschickte Hatto gegeben 0, der gewiss die
Zeichnungen lieferte, da ihn ßaban in einem Schreiben an ihn,
womit er die Zusendung des vollendeten Werkes begleitete,
als seinen Mitarbeiter an demselben bezeichnet.-) Jedem Bil-
dergedicht folgt eine Declaratio figurae in Prosa, die auch für
das Verständniss der „ Figur " bei der Künstlichkeit der ganzen
Composition oft sehr wünschenswerth ist. Ja, wegen des in
Folge der Figuren allerdings sehr „dunkeln Ausdrucks" der
Gedichte, indem namentlich mit der Wortstellung in der will-
kürlichsten Weise umgesprungen wird, fügte Raban ^) noch ein
zweites Buch hinzu, das in verständliche Prosa die Gedichte
umsetzt — der beste Beweis von der Werthlosigkeit solcher
metrischen Künste, die freilich die Mitwelt und auch noch eine
spätere Nachwelt höchlichst bewunderten^). Dem ganzen Werk
gehn drei Gedichte voraus, von denen aber zwei erst später
von Raban hinzugefügt sind, das eine, in Distichen, ist an den
Papst Gregor gerichtet bei Uebersendung eines Exemplars,
das andre, ein Bildergedicht, dessen Haupttext in Hexametern,
enthält die Widmung des ganzen Werks an Ludwig den From-
men, dessen Bild mit Krone, Kreuz und Schild selbst die
Figur ist ; das erste der Gedichte aber , Intercessio Albini pro
Mauro betitelt, in Distichen, enthält die an den heil. Martin,
den Schutzpatron des Klosters von Tours, gerichtete Bitte
Alcuins, in dessen Namen es Raban gedichtet, das Werk
seines Schülers gnädig aufzunehmen und für diesen Verzeihung
von Gott zu erflehen. Dies Gedicht, welches das Verhältniss
Rabans zu Alcuin überhaupt interessant beleuchtet, zeigt recht.
in dem den Kopf umgebenden Kreis die beiden adonischen Yerse : Tu Hlu-
dovicum — Cbriste Corona; im Innern des Schildes 2 Distichen, in dem
Kreuze, das Ludwig hält, asklepiadeische Yerse u. s. w.
1) S. weiter unten.
2) S. das Schreiben bei Kunstmann, der es zuerst veröffentlichte, a.
a. 0. S. 169.
3) "Wie er sagt, nach den Beispielen des Prosper und Sedulius. Vgl.
Bd. I, S. 352 und 302 f.
4) Die Zeichnungen bieten indess manches kultur- imd kunsthistorische
Interesse, die erste Figur ist das Bild des Gekreuzigten selbst.
144 Kaban.
wie dies "Werk selbst unter Alcuins Auspicien in Tours be-
gonnen worden istJ)
Die übrigen Gedichte Eabans sind zum grössten Theil
mehr oder weniger Gelegenheitspoesie in Distichen, gleich
der des Alcuin und Fortunat. Einmal Gedichte an Freunde oder
Gönner, theils kurze von epigrammatischem, theils längere von
epistolarischem Charakter. Einzelne sind auch, wie bei For-
tunat, im Namen von andern verfasst.^) Zum Theil sind sie
von Interesse durch die Personen, an die sie gerichtet, und
als Quelle für die Lebensgeschichte Rabans, so c. XIV. an
Ratgar, XV und XVI an Eigil, XIX an Samuel, oder auch in
kulturgeschichtlicher Beziehung, wie XVII an den Bibliothekar
Gerhoh, XXX an Bouosus (Hatto), worin das Schreiben mit
dem Malen verglichen und jenem der Vorzug gegeben wird.
Einzelne längere haben auch einen allgemeineren Inhalt. —
Ferner hat auch Raban nicht wenige Inschriften, namentlich
auf Altäre, sowie Epitaphien verfasst<, die zum Theil bedeu-
tenden Männern gewidmet sind, wie dem Kaiser Lothar, Al-
cuin, den Erzbischöfen Heistulf und Otgar, ferner Eigil, Ein-
hard, Ratleik, Walahfrid, auch Raban selbst. — Sind auch die
meisten dieser Gedichte blosse Versification, so finden sich doch
in einzelnen, namentlich wo das Freundschaftsgefühl des Ver-
fassers zum Ausdruck kommt, ansprechende Stellen.^)
Zwei Gedichte Rabans verdienen noch besondere Erwähnung.
Das eine, c. XXXII, in dreizeiligen Strophen^), aber unvoll-
endet erhalten, schildert einem abwesenden „ Bruder " die durch
die Grausamkeit Ratgars herbeigeführte Secessio der Fuldaer
Mönche mit lebhaften Farben; das andre, c. XXXI, ist ein
1) Zugleich aber auch, dass es erst nach seinem Tode vollendet ward,
was ja mit der Angabe der Intercessio selbst, dass Raban, nachdem er
6 Lustra vollendet, das Werk herausgegeben, vollkommen übereinstimmt.
Dies hat Kunstmann S. 43 ganz übersehen. Sonst müsste man annehmen,
Alcuin hätte selbst die Intercessio verfasst.
2) Z. B. c V, im Namen Isanberts. Vgl. in Betreif des Vorgangs For-
tunats Bd. I, S. 505 und 501.
3) Wie in dem erwähnten Gedicht an den Jugendfreund Samuel, als
er noch Presbyter war. An ihn sind eine ganze Anzahl Gedichte ge-
richtet. Unter den Epitaphien sind die auf Alcuin und Heistulf in for-
meller Beziehung hervorzuheben.
4) In dem Metrum: ---^^- — ^^-^.
Gedichte. 145
langes Gedicht von 100 secbszeiligen Strophen und zwar ryth-
mischer iambiseher Dimeter. Auf seine Form komme ich
zurück. Was den Inhalt betriift, so beginnt es mit einem
Preis auf die Dreieinigkeit, deren wahres "Wesen der Dichter
verkündet, darauf singt er die Schöpfung der Engel, den Ab-
fall des Lucifer, die Weltschöpfung, den Sündenfall, die Ver-
treibung aus dem Paradies, Abels Ermordung, die Sündfluth,
dann den erneuten sittlichen Verfall, welcher die Sendung
Christi zur Folge hat, dessen Leben und Wunder, Leiden,
Höllenfahrt, Auferstehung, Himmelfahrt und endlich das jüngste
Gericht, bei dessen Schilderung er länger verweilt; ein Gebet
bildet den Beschluss. Ein darauf folgendes Distichon zeigt
noch Kaban als Verfasser an. Diese in volksthümliclier Form
und einfachem Stile gehaltene Dichtung erinnert an einzelne
spätere in der deutschen Nationalsprache selbst verfasste, als
deren Vorläufer sie erscheint.
Raban hat auch Hymnen gedichtet, es werden nicht wenige
ihm mindestens beigelegt, aber da es mir nicht möglich ist
die in der That authentischen auszuscheiden, muss ich auf ein
Urtheil hier verzichten. Sicherlich gehören ihm nur gar wenige
von den ihm zugeschriebenen an.i)
ZWEITES KAPITEL.
WALAHFRID STRABO.
Wohl der bedeutendste Schüler Rabans ist der Haupt-
vertreter der schönen Literatur in Ostfrancien damals, Walah-
FEiD Steabo-), der allerdings seine erste Ausbildung einer
1 ) Dafür spricht auch dass Walahfrid in seinem Buche De exordiis etc.
Eabans als HjTiinendichter gar nicht erwähnt. (S. weiter unten.) Für die
Aechtheit der Hymne ]Je ascensione domini: Festum nunc celebre magna-
que gaudia, bei Daniel, Thesaur. hymn. I, p. 217, könnte das auch sonst
von Raban angewandte asklepiadeische Metrum sprechen.
2) Walafridi Strabi opera omnia ex editione Duacensi et collectionibus
Mabillonii, Dacherü etc. nunc primum in unum coadunata. Accur. Migne.
2 Tom. Paris 1S.52. (Patrol. lat. T. 113—114). — Bibliotheca Patrum ma-
xima. Lugdun. 1677. T. XV. — *Canisius, Lectiones antiquae. Ed. Basnage
Ebert, Literatur des UitteUltere II. 10
146 Walahfrid Strabo.
andern Kulturstätte Deutschlands in jener Zeit, dem Kloster
Reichenau auf einer Insel des Bodensees verdankte. Walah-
frid führte seinen Beinamen, der auch in der Form Strubus
sich findet, weil er schielte: er hatte ihn aber ganz adoptirt
und zwar vornehmlich in der letzteren Form^), so dass er
selbst sich so, ohne weiteren Zusatz"-), nennt. Er stammte aus
Alamannien und war von geringer Herkunft. Er war, was
mir am wahrscheinlichsten dünkt, um das Jahr 809 geboren. 3)
Nach Reichenau kam er unter Abt Haito, der von 806 — 823
dem Kloster vorstand. Dort war zuerst der Neffe Haito's,
Erlebald, ein sehr gebildeter Mann, der mit seinem Oheim auch
Byzanz besucht hatte, sein Hauptlehrer, dann als dieser 823
dem abdankenden Haito in der Abtwürde folgte, Wettin, „der
berühmte Magister", wie ihn Walahfrid selbst nennt; er war
einst zugleich mit Erlebald zu seiner weitern wissenschaftlichen
Ausbildung von Haito zu einem gelehrten Schotten^) gesandt
Tom. II, Pars 2. Antwerpen 1725. p. l&üff. (Enthält die meisten der Ge-
dichte). — Versus in Aquisgrani palatio editi anno Hludovici imperatoris
XVI de imagine Tetrici, herausgeg. von Dümmler, in: Zeitschr. f. deutsch.
Alterth. Bd. XII, S. 461 ff. — Walafridi Strab. Hortulus, auctore Reuss,
Würzburg 1834. — Macer Floridus De viribus herbarum una cum Wala-
fridi etc. carm. ed. Choulant. Leipzig 1832. König, Ueber Walafrid
Strabo von Reichenau, in: Freiburger Diöcesanarchiv. Bd. 3. 1860. — Bock,
Die Reiterstatue des Ostgothen Theodorich, in : Jahrbücher des Vereins v.
Alterthumsfreunden im Rheinlande Heft V (1844) (Geht auch auf die Bio-
graphie W.s ein). — Ebert, Zu der Lebensgeschichte Walahfrid Strabo's,
in: Sitzungsber. d. k. sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1878, S. lOOff. — Dümm-
ler, N. A. S. 270 ff.
1) S. die Schlussdistichen der Versus de imag. Tetrici, worin er dies
selbst sagt und scherzend motivirt.
2) S. z. B. die Praefatio zur Epitome der Commentare Rabans zum
Leviticus: ego Strabus, tradenti etc. und seine Gedichte.
3) S. meinen Aufsatz S. 100. Ebenso für die andern Zeitbestimmungen.
4) So sagt Walahfrid in De visionibus Wettini, wo er ausführlich seiner
Lehrer gedenkt (s. weiter unten):
Mittitur (Erleb.) ad quemdam, socio comitatus, ab inde,
Cuius multa viret sapientia dogmate, Scottum.
Ganz unbegreiflich ist, wie noch König S. 357 unter diesem Schotten Al-
cuin verstehen kann. Wo ist derselbe je ein Schotte genannt worden!
Eher wäre an Clemens, den damaligen Lehrer der Hofschule Karls, zu
denken; der war wenigstens ein Schotte. Zweifel erweckt aber, dass hier
speciell die theologische Gelehrsamkeit des Schotten betont wird.
Leben. 147
worden. Walahfrid wurde Wettins Lieblingsscliüler : ihm dic-
tirte derselbe seinen letzten Willen, während er dem Lehrer
das schönste Denkmal in einer Dichtung setzte, die seinen
Namen der Nachwelt erhielt. Neben und nach Wettin unter-
richtete ihn Tatto, der zuerst in Reichenau, dann auf der Hof-
schule gebildet war ; kürzere Zeit auch der spätere Erzcapellan
Ludwigs des Deutschen Grimald, der noch Alcuins Schüler
gewesen sein soll.') Trotz dieser Ausbildung durch so viele
tüchtige und angesehene Lehrer begab sich Walahfrid doch
noch nach Fulda (um 827), um Rabans Schüler zu werden —
ein neues Zeichen, welche hohe Autorität dieser besass. Hier
schloss er mit Gottschalk ein Freundschaftsbündniss, wovon
noch ein späteres an diesen gerichtetes Gedicht Walahfi-ids
zeugt. Eine Zeitlang scheint er auch in einer einsamen Cella
des Klosters Fulda gelebt zu haben, vielleicht um ganz unge-
stört zu studiren.
Nachdem Walahfrid aber Fulda verlassen, gerieth er, arm
wie er von Haus aus war , in die bedrängteste Lage , da er,
man weiss nicht aus welchem Grunde, nach Reichenau nicht
zurückkehrte. Aus dieser Lage wurde er, wie er selbst in einem
Gedichte sagt, mit einem Male durch den Erzkanzler Hilduin
herausgerissen und zu einer Ehreustelle erhoben. Dies ge-
schah meines Erachtens offenbar nachdem Walahfrid in Achen
829 durch Hilduin dem Kaiser empfohlen worden war. Seinen
Dank zollte er damals durch eine Dichtung, worin er Ludwig
den Frommen, seine Familie — vor allen Judith — und seinen
Hof preist, auch des Hilduin selbst gedenkt. Walahfrid kam
in die Dienste der Judith und ihres Sohnes, des Knaben Karl,
dessen Erzieher er wurde.-) An ihren wie an des Kaisers
Schicksalen in den folgenden stürmischen Jahren nahm er den
innigsten Antheil. Die schöne geistvolle Frau, die er hübsch
des Lichtes Freundin^) in einem Gedichte nennt, die Kunst
und Wissenschaft liebte und selbst pflegte, musste der poe-
tischen Natur des jungen Gelehrten ungemein sympathisch
sein. Ludwig der Fromme verlieh denn auch Walahfrid zum
Lohne seiner Treue und Dienste die Abtei Reichenau nach
1) Monachiis Sangall. I, c. 9. 2) S. darüber meinen Aufsatz S. 103 ff.
3) Lucis ainica in dem auf die Versus de imag. Tetrici folgenden Ge-
dicht: Ad Judith imperatricem.
10*
148 Walahfrid Strabo.
Erlebaids Tode i. J. 838. Aber er verlor sie schon ein paar
Jahre darauf wieder, als er nach dem von ihm sehr beklagten
Tode des alten Kaisers in dem neu entbrannten Bürgerkriege
Partei ergreifen musste, und dem Grundsatz der Reichseinheit
treu bleibend an Lothar sich anschloss. Durch Ludwig den
Deutschen von Reichenau vertrieben, floh er nach Speier. Aus
dieser Verbannung wurde er aber 842 erlöst und in seine Abtei
wieder eingesetzt, wohl durch den Einfluss seines Freundes
und Lehrers Grimald, der, Kanzler Ludwigs des Deutschen,
ihn mit dem neuen Landesherrn versöhnt haben wird. Indess
nur sieben Jahre war es dann noch Walahfrid vergönnt, in
seiner angesehenen Stellung, in welcher er auch als ausge-
zeichneter Lehrer thätig war'), zu wirken; schon 849, also im
besten Mannesalter, starb er auf einer Reise, die er zu seinem
Schüler Karl im Auftrage seines Königs Ludwig unternahm,
beim Uebergang über die Loire. Seine Gebeine aber wurden
in Reichenau bestattet.
Ganz im Gegensatz zu seinem Lehrer Raban besass Wa-
lahfrid eine wahre poetische Begabung, die sich zunächst
schon in früher Jugend in einer nicht geringen Befähigung zur
lateinischen Versification kundgab; er hat viel in Versen ge-
schrieben, offenbar mehr noch als uns erhalten: aber er war
nicht, wie so viele andre jener Zeit, ein blosser Versemacher,
sondern er bewährt sich in einzelnen kleineren Gedichten wie
in manchen Partien seiner grösseren Dichtungen auch als
wahrer Poet. Er zeigt eine wirklich ästhetische Empfindung,
er hat nicht bloss ein lebhaftes reiches Gefühl für sittliche
Grösse, sondern auch einen feinen Sinn für Naturschönheit;
er hat nicht bloss geistliche, sondern auch weltliche Dich-
tungen verfasst, wie er in der Schule der heidnischen klassi-
schen lateinischen Dichter nicht minder als in der der christ-
lichen sich gebildet hatte: so setzt er die humanistischen Be-
strebungen und auch die weltliche Hofpoesie der ersten
Renaissance, des Zeitalters Karls des Grossen, fort. Einzelne
SBiner Poesien bieten noch ein besonderes literarhistorisches
Interesse, wie wir sehen werden, dar.
Dies gilt sogleich und vor allem von der wohl ältesten
1) Nach der Gelehrsamkeit seines Schülers Ermaiirich zu urtheüen;
s. über ihn weiter unten.
De visionibus Wettini. 1-1-9
seiner grösseren Dichtungen: De visioiühus Wettini, über die
Gesichte, welche Wettin, sein geliebter Lehrer, kurz vor seinem
Tode (Nov. 824) von der jenseitigen Welt hatte. Dieses Werk
ist die erste Darstellung einer solchen Vision in Versen, mit
welcher diese besondere Species mittelalterlicher Dichtungen
beginnt, die ihre höchste Vollendung in Dante's göttlicher Ko-
mödie findet; mit dieser selbst theilt das Werk aber auch
manche einzelne Züge'}, was seine literarhistorische Bedeutimg
nicht wenig vermehrt. Es ist übrigens nur zu einem geringern
Theile dem Inhalt nach ein Original werk, vielmehr zum
grössern eine blosse Uebertragung einer Prosaschrift des Abts
Haito in Vers und poetischen Stil, gleich den damals so ge-
wöhnlichen Versificationen der Prosalegenden.-) Der eigent-
liche Autor aber ist Wettin selbst, dessen Erzählung, sogleich
nach seinem Erwachen von den Mönchen aufgezeichnet 3), die
Grundlage der Schrift des Abtes bildete. Das Gedicht, das
gegen 1000 Hexameter zählt, ist wohl nicht vor dem Jahre 826
verfasst^) und Grimald von Walahfrid gewidmet, der, wie er
selbst im Vorwort sagt, damals fast sein achtzehntes Jahr
vollendet hatte. In Anbetracht dieser Jugend ist schon der
leichte Fluss des Verses ein Zeugniss der besondern Begabung
und Bildung des frühreifen Autors. Aber Walahfrid hat. sich
nicht auf eine blosse Versification beschränkt, sondern er hat
auch eigene grössere und kleinere Zusätze gemacht: so hat er
eine kulturgeschichtlich interessante Einleitung von über 150
Hexametern vorausgesandt, worin er, nach Aufzählung der
Aebte Reichenau's von der Gründung des Klosters an bis auf
Haito , von dessen und seines Nachfolgers Erlebald Leben ein
eingehendes, liebevoll ausgeführtes Bild entwirft.
Walahfrid geht dann zu Wettin über, dessen Gelehrsam-
1) Ich habe sie bei der folgenden Analyse besonders berücksichtigt;
zu ihnen gehört namentlich die RoUe des Führers (ductor). die Art wie die
Strafe die Sünde malt, das Zeitgenössisch - persönliche, die himmlische
Hierarchie des Paradieses ; was das Locale anlangt, der bis in den Himmel
sich erhebende Berg des Fegefeuers.
2) Ygl. oben S. 24. Haito's Schi-ift findet sich in Mabillons Acta SS. ord.
S. Bened. Saec. FV, pars 1 und bei jNIigne, Patrol. lat. Bd. 105, p. 770 ff.
3) Auf Wettins dringende Bitte, in der Voraussicht seines baldigen
Todes, s. c. 19 der Schrift Haito's.
4) S. meinen Aufsatz S. 101.
150 Walahfrid Strabo.
keit und Charakter er hoch rühmt, und erzählt, wie derselbe
nach dreitägigem Kranksein — offenbar im Fieber — zunächst
das Gesicht von dem bösen Geist in Gestalt eines Klerikers
hat, dem sich dann eine ganze Schaar von bewaffneten Teu-
feln, den Kranken zu bedrängen, anschliesst. Aber ein paar
himmlische Gestalten in Mönchsgewand erscheinen und ver-
scheuchen die bösen Geister, und ein Engel — wie derselbe
später selbst sagt, Wettins Schutzengel ^j — kommt ihn zu
trösten. In der Unterhaltung mit ihm erwacht Wettin; er
bittet dann die sein Lager umstehenden Brüder, für ihn zu
beten und aus den Dialogen des heil. Gregor ihm vorzulesen
— und wie Haito bemerkt, geschieht dies mit den ersten neun
bis zehn Blättern des letzten Buchs, in diesem werden aber
gerade Visionen erzählt; eben diesen Abschnitt hatte wohl
auch der Kranke selbst verlangt, der sich also gleichsam zum
Empfang eines neuen Gesichtes vorbereitete. Dieses bleibt
denn in der That nicht aus, nachdem Wettin wieder ent-
schlummert ist. Der Engel, der ihm früher erschienen, kehrt
zurück und führt ihn auf einem reizenden Wege, dort sieht er
ungeheuere Berge von unglaublicher Schönheit als wären sie
von Marmor. Sie umgibt ein feuriger Fluss, in welchem un-
zählige Verdammte sich befinden, die die verschiedenste Folter
erdulden; unter ihnen gewahrt Wettin sehr viele Priester,
höheren wie niederen Ranges, die zugleich mit Weibern, mit
welchen sie Umgang gehabt, bestraft werden. Manche der
Priester erkennt er auch. Den Betrachtungen, die Haito darauf
über die Unsittlichkeit der Priester anstellt, schliesst Walah-
frid hier eine eigene lebhafte Mahnrede an sie an.
Nachdem Wettin also die Hölle geschaut, welche offenbar
nach dem Vorgang Gregors-) der feurige Fluss — der Phlege-
thon der Alten — bedeutet, lernt er nun auch das Purga-
torium kennen: so sieht er einmal einen furchtbaren mit
Rauch angefüllten Thurm, worin Mönche der Reinigung halber
sich auf halten 3), wie er auf seine Frage von dem Engel er-
1) Ego sum qui te servare iubebar,
Angelus et custos rerum persisto tuarum.
Canisius p. 216. Migne T. II, p. 1077 B.
2) Vgl. Bd. I, S. 522 u. 616; aber auch der Apocalypse c. 21, v. 8.
3) Yidit et horrendum ligni lapidisque opus illic
Materia exstructum. castelli more locatum,
De visionibus Wettini. 151
fährt, der einen besonders nennt, welcher wegen seiner Hab-
gier in einer bleiernen Kiste eingeschlossen, den jüngsten Tag
erwarten muss; danach aber erblickt "Wettin einen bis zum
Himmel hohen Berg, worauf sein „Führer" {ductor) sagt, auf
der Spitze desselben verweile zu seiner Reinigung ein Abt,
der vor einem Decennium gestorben, der Wuth der Stürme
und des Regens ausgesetzt — Wind und Wasser also reinigen
hier — : dieser Abt aber ist Waldo von Reichenau, wie ein
Acrostichon an dieser Stelle der Dichtung anzeigt, i) Auch ein
Bischof, der von solchen Visionen nichts wissen wollte, sie
vielmehr delirampiiia nannte, weilt dort; auch sein Name wie
der von andern, die hier büssen, wird durch ein Acrostichon
angegeben."-) Zu ihnen gesellt sich kein Geringerer, als der
grosse Karl selbst, der hier, wie Wettin mit Schrecken schaut,
für seine Ausschweifungen büsst, denen er selbst bis zum Tode
sich hingab.'^) Der Dichter widmet ihm aber im übrigen
Ordine confuso, siimmo atque vapore repletum.
Territiis bis frater quaerens, qui mansor inesset,
Aucliit inclusam monachum pro sorte catervam
Purgandi variis patriisque locisque maneiitum.
Canisius p. 211. Migne 1. 1. p. 1071 C.
1) His visis. celsum coelo moiitemque propinquum
Aspiciunt, tum ductor ait: hac arce tenetur
Abbas. ante decem corpus qui liquerat annos.
Fentoi'um incursus tempestatumque furores,
rim pluviae. multumque (fcrens?) discrimen ibidem,
^bluit incauto quidquid neglexerat aetu. — —
Canisius 1. 1. Migne 1. 1. p. 1072 A.
2) Ein paar der Acrosticha hat zuerst Bock entdeckt a. a. 0. L, S. 68.
Durch solche Angabe von Namen unterscheidet sich das Gedicht auch von
der Prosa, die sie verschweigt.
3) Cbntemplatur item quemdam lustrante pupilla.
Jusoniae quondam qui regna tenebat et altae
i?omanae gentis. fixe consistere gi'essu,
Oppositumque animal lacerare virilia stantis,
Zaetaque per reliquum corpus lue membra carebant.
Fiderat haec, magnoque stupens terrore profatur:
iS'ortibus hie hominum. dum vitam in corpore gessit,
/ustitiae nutritor erat saecloque modemo
i)/axima pro Domino fecit documenta vigere,
/^•otcxitque pio sacram tutamine plebem:
Et velut in mundo sumpsit speciale cacumen,
152 AValahfrid Strabo.
schöne Worte des Lobs, denn auch der Engel versichert, dass
Karl zum ewigen Leben bestimmt sei. — Dort sah dann
Wettin auch prachtvolle Geschenke von dem Teufel zuge-
rüstet, kostbare Gewänder, reich geschmückte Rosse u. s. w. ;
es sind die Mittel der Bestechung der Grafen, welche die hier-
her kommenden Sünder dort vorfinden. Gegen diese untreuen
Beamten flicht hier der Dichter eine heftige Invective ein.
Darauf führt aber die Erzählung Wettin zu den Mauern '} einer
prachtvollen Besitzung (sedes) mit Bogen von Gold und Silber
— die Beschreibung der Oertlichkeit ist wenig klar — : es ist
das Paradies, und hier verkündigt der Engel seinem Be-
gleiter, dass derselbe am Tage darauf das irdische Leben ver-
lassen werde, und nun erstreben möge, noch sich der Gnade
Christi zu versichern. Wettin sucht sie dann durch die Für-
bitte der Heiligen zu erlangen, zunächst der Priester, dann der
MärtjTer, die zum Throne Christi deshalb hinziehen, aber ver-
geblich durch diese ; erst die Fürsprache der heiligen Jungfrauen
hilft ihm. Hier folgt nun ein Preis der Jungfräulichkeit von Seiten
des Dichters, dann eine heftige Strafpredigt des Engels gegen
deren ärgste Feindin, die Sodomie-) — und der Engel fordert^
dass Wettin, ins Leben zurückgekehrt, seine Worte mittheile —
ferner weitere Ermahnungen an die Mönche und Nonnen; und
zum Schluss seiner Rede rühmt der Engel einen grossen Wohl-
thäter des Klosters, Gerold, den Bruder der Gemalin Karls,
Hildegard. — Hiermit schliesst die Geschichte der Vision; der
Dichter erzählt dann noch, wie Wettin nach seinem Erwachen
sie mittheilte, und das Ende desselben, wobei er einzelnes in-
teressante zu Haito's Darstellung hinzufügt.
Ausser der eben betrachteten hat Walahfrid noch mehrere
andre grössere erzählende oder beschreibende Dichtungen in
iiecta volens dulcique volans per regiia favore.
Ast hie quam saeva sub conditione tenetur,
Tarn tristique notam sustentat peste severam,
Oro, refer. Tum ductor: In bis cruciatibus, mquit,
i?estat ob hoc, quando bona facta libidine turpi
Foedavit etc. Canisius p. 212. Migne 1. 1. p. 1073 B.
1) Der Visionär hat wohl an die Mauern des himmlischen -Jerusalem
gedacht. Apocalyps. c. 21, v. 12. Vgl. auch Bd. 1, S. 616.
2) Vgl. Prudentius' Psychomachia (v. 40 ff.), wo mit der Pudicitia die
Sodomita libido kämpft. S. auch Bd. I, S. 272.
Vita S. Blaitmaici. Yita S. Mammae. 153
Hexametern verfasst, von welchen zwei noch der geistlichen
Poesie angehören. Es sind zwei Heiligenleben, die stofflich
interessanter als viele sind und einen gewissen poetischen Reiz
besitzen. Das eine, kürzer und früher verfasst, ist die Vita
S. Blaitmaici (10 Capp. und gegen 200 Y.). Der Held ist ein
irischer Königssohn und Thronerbe, der, von Jugend auf zur
Askese geneigt, heimlich in ein Kloster geht. Vergeblich
sendet der Vater die weltlichen und geistlichen Grossen ihn
zurückzuführen. Blaitmaic glänzt dann bald durch seine Tu-
genden wie seine Gelehrsamkeit. Aber er wünscht- sich noch
die Palme des MartA^rthums und so begibt er sich deshalb nach
der Insel Hy bei Schottland, die den Angriffen der Normannen
so sehr ausgesetzt war. Bei einem solchen findet er denn auch
den ersehnten Tod, indem er den kostbaren Sarg des Columba
auszuliefern verweigerte. — Die Katastrophe ist mit grosser
Lebendigkeit erzählt, wie sich denn überhaupt diese Vita durch
Kürze der Darstellung und einen kräftigen Versbau auszeichnet.
Weit umfangreicher (26 Capp. und gegen 650 V.), aber in
der Ausführung weniger zu loben ist das andre Gedicht, die
Vita S. Mammae. Ihm geht ein Vorwort in einem besondern
Metrum, dem kleineren asklepiadeischen, voraus, demselben wel-
ches Prudentius zu seiner Praefatio des ersten Buches Contra
Symmachum verwandte. Hier, wie schon in einem Prolog zu
der andern Vita, stellt Walahfrid diese poetischen Heiligen-
leben den antiken Epen gegenüber, die Heiligen sind die
christlichen Heroen, eine ja alt überlieferte Anschauung. —
Der Held dieser Dichtung ist eine originelle Persönlichkeit.
Mammes aus Caesarea ist auch schon als Kind der Askese
ergeben. Früh verwaist, flüchtet der zwölfjährige bei der
Christenverfolgung unter Aurelian ins Gebirge, wo er Schafe
hütet und von ihrer Milch lebt. In wunderbarer Weise erhält
er dort die besondere Gnade, das Evangelium den Thieren des
Waldes zu predigen, die in einer kleinen Kapelle um ihn sich
versammeln, seinem Vortrag der Bibel zu lauschen, und kniend
adoriren.i) Es sind die wilden Schaf- oder Ziegenherden. Sie
\) Dumque sacros versus depromeret ore beato,
SUvestres venere greges, animalia iussu
Acta Dei. üxoque genu pationter adorant.
Quo recitante tacent et acutis auribus adstant etc. c. 4.
154 "Walabfrid Strabo.
lassen sich dann nach diesem Gottesdienst von dem Heiligen
melken, der von der Menge der Milch Käse bereitet und ihn
den Armen verschenkt. Neidische Bürger, die das Wunder
mit ansahen, klagen Mammes der Zauberei an. Der Präses
sendet Häscher aus ihn vorzuführen, aber sie wagen nicht ihn
anzutasten. Mammes stellt sich freiwillig. Er läugnet, auf
Zauberei sich zu verstehen, aber er verweigert, dies bei Caesar
und Fortuna zu beschwören, oder den Göttern zu opfern. So
wird er gefoltert und in das Gefängniss gesetzt ; dorthin bringen
ihm Tauben Speise. Vergeblich wird er dann in einen feurigen
Ofen geworfen: eine Taube vom Himmel gesandt, löscht die
Flamme. Nun soll er im Amphitheater von wilden Thieren
zerrissen werden, aber sie schmeicheln ihm, ja einer der Löwen
zerreisst statt seiner die zuschauenden Heiden und Juden. Auch
gesteinigt, bleibt Mammes unverletzt. Nachdem er so über
seine Feinde triumphirt, wird er durch eine himmlische Stimme
abberufen: er bittet für jene und entschläft. Der Dichter
schliesst mit seinem Lobe, indem er ihn mit andern Frommen
vergleicht.
Die Wahl des Stoffes zeigt den Dichter, denn in jenem
steckt in der That ein poetischer Kern, aber er ist zu wenig
herausgearbeitet, dabei ist die Darstellung zu weitläufig und
das Pathos hält sich nicht überall frei von Schwulst. Andrer-
seits finden sich aber auch manche anziehende Stellen, und für
jene Zeit war selbst das Ganze in seinem leicht fliessenden
Vers immerhin keine geringe Leistung.')
Von besonderem Interesse sind dagegen die beiden grösse-
ren weltlichen Dichtungen. Die ältere ist jenes Gedicht, durch
welches Walahfrid in Achen 829 seine erste Huldigung dar-
brachte und seine erste Begegnung mit dem Kaiser und seinem
Hofe erzählt, die Versus de imagine Tefr/ci-), 268 Hexameter
1) Doch verscbmäht auch Walahfrid nicht ganz den Effect formeller
Künsteleien, wie hier und da einmal die Alliteration in übertriebener
Weise, z. B. c. 9:
Flectere, frange fidem, facilis fuga, forte furoris
und kurz A'orher: Nee poteris poenas penitus perferre paratas.
2) Die vollständige Ueberschrift s. oben S. 145 Anm. 2. — S. darüber
namentlich Bock, Die Reiterstatue des Ostgothenkönigs Theodorich vor dem
Palaste Kai-ls d. Gr. zu Achen, in: Jahrbücher des Vei-eins von Alter-
thumsfreunden im llbeinlande. Hft. L. Bonn 1871. u. vgl. damit die frühere
De imagine Tetrici. 155
mit einem Nachwort von 3 Distichen. Dieses literargeschicht-
lich wie historisch interessante Werkeheu hat auch eine origi-
nelle Einkleidung. Es beginnt nämlich mit einem Zwiege-
spräch des Strabus und seiner Scintilla, d. h. seinem poetischen
Genius, während der Dichter neben der vor dem kaiserlichen
Palast zu Achen aufgestellten Reiterstatue des grossen Theo-
derich sich befindet, die Karl der Grosse 801 von Ravenna
entführt hatte. Strabus fragt die Scintilla, warum sie in dieser
holden Frühlingszeit — die er kurz schildert — seinem Rufe
nicht antworte. Scintilla erwiedert: er werde wohl wissen,
wie die alten Dichter um zu singen die Natureinsamkeit auf-
gesucht hätten; hier aber sei kein Ort zum Dichten, hier wo
eine schmutzige Menge sich dränge, wo Bettler und Kläger
laut lärmten. Er möge deshalb verzeihen, wenn sie nur wenig
rede, da sie ihm doch antworten wolle. Der Dichter fragt
nun nach der Bildsäule, neben der er sich befindet, und Scin-
tilla erklärt sie ihm, die Einzelheiten deutend. Tetricus —
Dietrich — wird hier im Geiste der römisch - klerikalen wie
römisch -nationalen Ueberlieferungi), indem namentlich auch
Boetius-) Walahfrids Urtheil beeinflusste, als der abscheuliche,
der Hölle überlieferte Tyrann betrachtet, zugleich aber als ein
Typus der Avaritia und Superbia, in welchem Sinne Einzel-
heiten des Kunstwerks gedeutet werden. Dieses Gespräch über
die Statue des Tyrannen bildet aber nur die Folie für die
folgende Darstellung, einen Panegyricus auf Kaiser Ludwig,
der das vollkommene Gegentheil von Dietrich ist. 3) Durch
Ludwig, sagt Scintilla, ihn apostrophireud, sei das goldene
Zeitalter zurückgekehrt ; was etwa noch fehle, ergänze er durch
seine Frömmigkeit. Wenn andre durch Schätze, so möge er
durch Verdienste geschmückt sein, er gefalle durch Güte,
während andre der Tyrannei sich erfreuen. Nur mit Moses
sei er zu vergleichen, indem er die Völker der Finsterniss
Arbeit Bocks (s. S. 145 Anm. 2.) und H. Grimm, Das Keiterstandbild des
Theodorich zu Achen und das Gedicht des Walahfrid darauf. Berlin IS09.
1) S. Bd. I, S. 521 Anm. 2.
2) Dessen Consolatio philosophiae Walahfrid in diesem Gedicht be-
nutzt hat.
3) Den Uebergang bilden die Worte des Strabus v. S9 f. :
Dignum est, ut video. praemissis tristibus ergo
Debita principibus laudum persolvere vota.
156 Walahfrid Strabo.
entreisse und die ihm verlielienen Gaben Christi allen gemein
mache. — Die Ausbreitung des Christenthums meint hier der
Dichter, vielleicht im besondern Hinblick auf die Taufe Ha-
ralds (826) und die nordischen Missionen. — Und so übertrifft
Ludwig noch Moses, denn: „jener hatte nur den Schatten, du
den Leib." Der Dichter vergleicht dann die Stiftshütte mit
dem Tempel der Pfalz und seinen goldenen Bildwerken ; wurde
jene in einer Einöde errichtet, so dieser in der anmuthigsten
Umgebung, in der Nähe des Parkes, wo wilde ThiereO mit
zahmen spielen, und von dem höchsten Gipfel der luftigen
Eiche die Vögel singen und zwitschern.
Aber da ertönt von der andern Seite liebliches Orgelspiel,
und das Getäfel der von der Pfalz zur Kirche führenden Halle
dröhnt von der grossen prächtigen Schaar, die dem herrlichen
Moses folgt. Der Dichter sieht Ludwig, zwei Söhne neben
sich, zur Rechten die beste Hoffnung des Reichs, ein Josua,
dem nichts von Sitten, Tugend und Ehre fehlt, es ist Lothar;
zur Linken Jonathan, der friedfertige, brave, immer siegreiche,
des väterlichen Namens würdige, es ist Ludwig der Deutsche:
ist sein Besitz geringer, so bietet die Eintracht Ersatz. 2) Des
abwesenden Pippin wird nur flüchtig gedacht: desto ausführ-
licher der „schönen Rachel", die Benjamin führt, so wird die
Kaiserin Judith nach der zweiten Gattin Jakobs genannt.
Trotz der zarten Jugend zeigt Karl schon reifen Verstand: er
soll in Thaten, Charakter, Tugend, Triumphen dem nachfolgen,
dessen Namen er trägt. Die Kaiserin aber wird dann nicht
bloss mit der biblischen Judith, sondern auch mit der Pauken
schlagenden Maria verglichen, denn sie spielt die Orgel vor-
trefflich. Was das Geschlecht ihr versagte, ersetzt sie durch
ihre Bildung, die des Dichters Verwunderung errege. Ihren
Verstand, ihre Güte, ihren muthigen Sinn, ihre witzige Rede
preist er, indem er mit Begeisterung ihr Glück wünscht, ^j —
1) Gewiss keine blosse Phantasie, wie schon Bock a. a. 0. L, S. 38
richtig bemerkt, da ja schon Karl d. Gr. manche Geschenke von wilden
Thieren erhielt.
2) Nee doleas, quod gaza negat, concordia praestat v. 173. Damit
wird wohl auf die einheitliche Nationalität Deutschlands hingewiesen.
3) Quicquid enim tibimet sexus subtraxit egestas,
Reddidit ingeniis culta atque exercita vita.
In qua multa simul nobis miranda videmuB:
De imagine Tetrici. 157
Nun folgt an der Spitze der Grossen, im prachtvollen hohen-
priesterliclien Gewände Aaron, der aber keine Götzenbilder
giesst, d. h. hier zugleich, frei von Geiz ist: auch ihm — es
ist Hilduin — bringt der Dichter seine Glückwünsche dar.
Nicht minder verehrt er den folgenden: es ist Beseleel (Ein-
hard), der in seiner kleinen Gestalt zeigt, wie Gott ^das
Schwache erkiest, und das Starke verachtet. Zuletzt gedenkt
Walahfrid noch des Grimald, seines Lehrers, der im verborgenen
den Musen huldige; denn alle die Grossen würdig zu feiern,
sei ihm unmöglich, auch wenn er noch so viel Zungen hätte.
Wälirend der Dichter aber in dieses Anschauen und diese
Betrachtungen versunken ist, wird er plötzlich gefragt — nach
dem Folgenden offenbar von dem Kaiser i) — woher er wäre
und auf wessen Sendung er da sei. Zitternd gibt er ausführ-
liche Antwort; einmal möge er diesen Anblick gehabt haben,
aber beständige Liebe dränge ihn zu preisen: die göttliche
Gnade möge den Kaiser mit seinen Nachkommen die Trophäen
und den Kuhm der Väter behalten lassen, und sie einst in
den Senat des Himmels aufnehmen. Wie das Wild den Bogen
Ludwigs fürchte, so sollen die wilden Völker, Bulgaren, Sara-
zenen, Britten, Dänen u. s. w. sich ihm unterwerfen. Heil dem
Staate, wenn die Könige weise sind und die Weisen herrschen.
Zum Schluss nimmt der Dichter von dem thörichten Dietrich
Abschied, der ihn zum Singen veranlasste: da sei es freilich
kein Wunder, wenn das Gedicht mangelhaft sei.
Diese Dichtung, die in ihrer durchaus originellen Anlage
das schöpferische Talent Walahfrids recht zeigt, hat noch die
literargeschichtliche Bedeutung, dass in ihr die höfische Poesie
des Zeitalters Karls des Grossen eine Fortsetzung findet; sie
erinnert an die Eklogenpoesie eines Naso, wie an das dem
Angilbert beigelegte epische Gedicht ; zugleich ist leicht zu er-
kennen, dass an der Stelle des kaiserlichen Kunstfreunds, jetzt
die hochbegabte, ihren Gemal weit überragende und beherr-
Semine stat locuples, apparet dogmate dives,
Est ratione potens, est cum pietate pudica,
Dulcis amore, valens animo, sermone faceta:
Laeta cubans, sit laeta sedens, sit laeta resurgens
Laeteturque poli felix in sede locata. v. 204 ff.
1) S. meinen Aufsatz S. 105.
158 Walahfrid Strabo.
sehende Judith es ist, welche Poesie und Wissenschaft be-
günstigt.
Die letzte der grösseren Dichtungen Walahfrids, auch be-
schreibender, dabei aber zugleich didactischer Natur, ist die
bekannteste von allen, da sie nicht bloss den Beifall des
Mittelalters 1), sondern auch den der Humanisten gewann, wie
sie denn auch im 16. Jahrhundert nicht weniger als achtmal
im Drucke erschien (zuerst 1510): es ist der Hortuh/s, ein Ge-
dicht von 444 Hexametern, worin Walahfrid als Abt sein
Klostergärtchen beschreibt, und zwar zunächst seinem alten
Lehrer Grimald, der damals selbst Abt von St. Gallen war,
denn ihm ist das Werkchen gewidmet. Wie dasselbe so recht
als der Ausdruck eines sorgenfreien Gemüthes erscheint, so
beginnt auch der Verfasser einleitend mit dem Satze, dass
unter den Merkmalen eines friedlichen Lebens nicht das ge-
ringste die Gartenkultur sei. Und überall, auf jedem Boden,
Hesse ein Garten sich herstellen, wenn man es nur versteht,
die Arbeit nicht scheut und den Dünger nicht spart. Das weiss
der Dichter nicht bloss aus alten Büchern oder von Hören-
sagen, sondern aus eigener Erfahrung. Er erzählt dann im
ersten Kapitel, wie er den kleinen Hofraum urbar machte, von
Nesseln und Maulwürfen gereinigt, eingezäunt und bestellt
habe. Im Folgenden will er nun die Ernte, die Frucht dieser
Bemühungen berichten, indem er in einzelnen Kapiteln alle
die Pflanzen und Blumen vorführt, die er in dem Gärtchen
gezogen. Es sind im Ganzen 23, eine jede in einem Kapitel
behandelt, nämlich Salvei, Kaute, Stab würz, Gurke, Melone,
Absinth, Andorn, Fenchel, Schwertlilie, Liebstöckel, Körbel,
Lilie, Mohn, Sclarea, Minze, Polei, Eppich, Betonica, Acker-
mennig, Meertraube, Katzenminze, Rettig und Rose. Sie wer-
den mehr oder weniger ausführlich, öfters wirklich poetisch
geschildert, und ihre heilkräftigen Eigenschaften gerühmt^), ja
1) Auch wurde sie nachgeahmt, und zwar in grösserem Massstab, schon
im 10. Jahrh. von einem Autor der sich Macer Floridus nennt, in der
Dichtung Ue viribus herbarwn.
2) Um ein Beispiel zu geben, wähle ich ein kürzeres Kapitel, das sich
ganz mittheilen lässt: c. III. Ruta (v. 83 ff.).
Hoc nemus umbriierum pingit viridissima Rutae
Silvula caendeae, t'olüs quae praedita parvis,
Umbellas iaculata breves, sph-amina venti
Hortulus. 159
es wird selbst ihre medicinische Verwendung genauer gelehrt. ')
Vor allem war also der Garten ein pharmaceutiseherj welcher
der Apotheke des Klosters zum Vortheil gereichte.
Die Dichtung hat einen durchaus weltlichen Charakter,
wie denn auch die antike Mythologie als ästhetisches Mittel
hier ohne Bedenken verwandt wird, so finden sich nicht bloss
Priapus, Bacchus, Erato als allegorische Ausdrücke, sondern
es wird auch antiker Fabeln wie des Hj^acinth, der Latona
nach Ovids Metamorphosen-) gedacht. Nur das letzte, der
Rose gewidmete Gedicht erhält ein geistliches Gepräge, in-
dem diese „Blume der Blumen" mit der Lilie verglichen wird:
beide bezeichnen die höchsten Palmen der Kirche, wie die
eine der Märtyrer Blut, so die andere die glänzende Reinheit
des Glaubens; hieran reiht sich dann noch eine Apostrophe
an die heil. Jungfrau. Zum Schluss folgt die Widmung, die
auch in eine anmuthige Form gekleidet ist: Grimald soll das
Büchlein lesen, während er unter dem Schatten des Pfirsich-
baumes sitzt, und seine Schulknaben fröhlich im Spiel sich
tummelnd, die grossen zartwolligen Früchte auflesen, die sie
mit einer Hand kaum fassen können.
Trotz einzelner Reminiscenzen aus Virgils Georgica und
aus Columella ist auch diese Dichtung Walahfrids im Ganzen
durchaus originell, und weiss einer sinnigen Naturbetrachtung
einen anmuthigen Ausdruck in fliessenden Versen zu geben.
Ausser diesen grösseren Dichtuagen hat Walahfrid noch
eine Anzahl kleinere hinterlassen. Die meisten von ihnen ge-
hören auch der weltlichen Poesie an: es sind vornehmlich
theils in Reichenau entstandene Jugendgedichte, wie sich
denn eine Sammlung unter dem Titel: Versus quos post annimi
aetaiis quintum decimiun edidil de rebus humanis erhalten hat,
theils an dem Hofe der Judith verfasste. Die meisten sind,
in der Form von Episteln, an bestimmte Personen gerichtet,
in Hexametern oder Distichen. Oft sind diese Gedichte schon
durch die Persönlichkeit des Adressaten von Interesse. Unter
Et radios Phoebi caules transmittit ad imos,
Attactuque graves leni dispergit odores;
Haec cum multiplici vigeat virtute medelae,\
Dicitur occultis adprime obstare venenis,
Toxicaque invasis incommoda pellere fibris.
1) S. z. B. cap. IX. Apium. 2) S. v. 221 f. u. 261 fi'.
160 Walahfrid Strabo.
denselben finden wir Autoren, wie den Historiicer Thegan —
welche Epistel im Namen von Tatto, Walahfrids Lehrer, ver-
fasst ist — den Bischof Modoiu, der auch hier als Dichter
gepriesen wird^), Agobard — in welchem Gedicht dessen Diacon
Florus besonders verherrlicht wird — Kaban und Gottschalk;
andrerseits den Kaiser Ludwig und die Seinigeu , Judith, den
jüngeren Karl, den der Dichter als Lehrer ermahnt, Hilduin
(ein Dankschreiben), die Verwandten der Judith, Graf Konrad,
ihren Neffen, u. s. w. Von diesen Gedichten verdienen ein
paar besondere Berücksichtigung. Das eine an Judith (50 Hex.)
erzählt einen tröstenden Traum, den Walahfrid in der Zeit,
wo die Lage des Kaisers eine sehr traurige war, gehabt hatte. 2)
Das andre, ein längeres Gedicht von 100 Hexametern, ist ein
acht poetisches Werk, an dem Herz und Gesinnung Walahfrids
ihren vollen Antheil haben; es ist an „den Laien Kuodbern"
— später, wie Dümmler meint 3), Cubicularius Karls des Kahlen
— gerichtet, dessen Treue in einer so treulosen Zeit der
Dichter feiert, indem er schildert, unter welchen Schwierig-
keiten und Gefahren der Alpenreise wie der Nachstellungen
der Feinde') dieser treue Diener des Kaisers Judith in Italien
aufsuchte und ihre Befreiung vorbereitete. Aus einer späteren
Zeit ist noch bemerkenswerth ein Gedicht an Lothar (84 Hex.) 5),
1) Vgl. oben S. 82.
2) Das Gedicht beginnt mit einem ergreifenden Zeitgemälde:
Temporis infausta sub potestate dolendi,
Dum fraudis commenta pios populumque patremc[ue
Opprimerent, sanctamque fidem delere pararent
Praescripta exsiliis, odio, vi, carcere, ferro :
Tunc iacuere boni nebula moeroris opaci,
Solaque per gremium regni nutantis ineptos
Perfidia exseruit terrore tyrannidis ausus
Canisius p. 234. Migne 1. 1. p. 109(5.
3) Gesch. des ostfränk. Reichs I, S. 95 u. vgl. Simsen a. a. 0. II, S. 99.
4) Schön sagt der Dichter u. a. :
Nox obscura diem, noctem lux ipsa timebat;
NuUa domo campove quies, timor undique pulsans:
Sola fides rectique sibi mens conscia tantum
Suasit opus, docuitque aliquam sperare salutem.
Canisius p. 239. Migne 1. 1. p. 110 1.
5) Von Dümmler zuerst herausgegeben in der Zeitschr. für deutsches
Alterth. N. F. VIL S. 462.
Episteln. Epigramme. Lyrik. 161
worin ihn Walahfrid, nach seiner Vertreibung aus Reichenau,
in Speier um Unterstützung bittet und dabei seiner kaiserliehen
Gesinnung wie seinem Schmerze über den Tod seines Gönners,
Ludwigs des Frommen, Ausdruck gibt.
Auch Epigramme, namentlich Inschriften hat Walah-
frid verfasst; unter jenen finden sich auch einige scherzhafte.^)
Er hat sich aber auch als Lyriker versucht. So haben wir
von ihm ein kurzes Lobgedicht auf die Gemalin des oben er-
wähnten Grafen Konrad, Adelheid in phaläcischen Elfsilblern;
interessanter ist ein längeres Gedicht De carnis petulantiu in
zehn sechszeiligen Strophen glyconischer Verse"-), worin die
Noth wendigkeit, bei Zeiten jenem Fehler Einhalt zu thun, in
einer Reihe von Bildern gezeigt wird: das Gedicht hat einen
volksmässigen liederartigen Charakter, obgleich es in quanti-
tativen Versen und ohne beabsichtigten Reim geschrieben ist
(der sich überhaupt nur ein paarmal hier findet). Ferner ein
längeres Gedicht in sapphischeu Strophen, worin unser Poet,
nachdem er Raban verlassen, auf einem einsamen Gute mitten
im kältesten Winter, wie es scheint in einer Cella Fulda's,
seine traurige Lage beklagt und seinem Heimweh nach dem
schönen Reichenau, das er jetzt empfindet, einen zärtlich ge-
fühlvollen Ausdruck gibt. 3)
Auch Hvmnen hat Walahfrid gedichtet: so ein paar
auch im sapphischen Metrum, davon eine auf Christi Geburt,
worin er am Schluss dessen Segen für Kaiser Ludwig, Judith
und ihren Sohn erfleht; eine andre auf die Translation der
1) So ein Billet an einen Poeten, einen Schotten: Versibus atqiie
metris par est donare poetum bei Canisius p. 242, INIigne 1. 1. p. 1104.
2) y.JTi Metrum, dem wir auch in Prudentius' Peristeph. VIT, nur in
fünfzeiligen Strophen, begegnen. (Bd. I, S. 255 ist das Metrum irriger
"Weise anders bestimmt, was hiernach zu ändern.) "SYalahfrids Gedicht
beginnt :
Quisquis tramite pendulo
Decli\-ique spheram loco
Plana ponit in area,
Ni prensum teneat manu:
Statim cemit ad infima
Cursu nare volubiU.
Canis. p. 252, Migne 1. 1. p. 1114.
3) Dies Gedicht habe ich zuerst herausgegeben im Anhang meines
Aufsatzes S. 109 ff.
Ebekt, Literatur des Mittelalters 11. 11
162 Walahfrid Strabo.
Gebeine des heil. Jamiariiis nach Reichenau durch Kaiser
Lothar.') Weit bedeutender ist eine in 33 vierzeiligen Strophen
phaläcischer Verse im Stile der Peristephanou des Prudentius
und offenbar nach seinem Vorbild verfasste Hymne, welche
den Märtyrern von Agaunum, dem heutigen St. Moriz in Wallis,
gewidmet ist, der so genannten thebaischen Legion, die dort
wegen ihres Christenthums, nach einer aus dem Orient über-
tragenen Sage, 285 trotz bewährten Waffenruhms auf kaiser-
lichen Befehl vernichtet sein sollte. Namentlich sind die Reden
des „Führers" (dux) und der Soldaten vortrefflich; wie denn
die Hymne überhaupt in kräftigem Stil und Vers geschrieben
ist. Wie in diesem Gedichte besonders, so hat Walahfrid im
allgemeinen vor andern christlichen Dichtern Prudentius sich
zum Muster genommen, namentlich auch, wie schon angedeutet,
in metrischer Hinsicht.
Von den Prosawerken Walahfrids ist das einzige selb-
ständige und bedeutendere, das zugleich von allgemeinem In-
teresse ist, sein Buch: De ecclesiasticarum rerum exordiis et
incremenüs. Dasselbe ist laut der Vorrede auf den Wunsch
des gelehrten Bibliothekars von Reichenau-), Reginbert und
zwar zur Ergänzung früherer Schriften über Liturgik verfasst.
Walahfrid hat hier zuerst eine historisch-kritische Behandlung
derselben versucht, indem er, wie er in der Vorrede sagt, an-
zeigen will, „woher dies oder jenes zur Gewohnheit wurde
und im Verlauf der Zeit sich gestaltete"; also will er eine
Entwickelungsgeschichte einzelner zum Kultus gehöriger
Dinge geben. Da das Werk als Ergänzung nur auf einzelnes
sich bezieht, so erklärt sich der essaiartige Charakter der
Darstellung, der Mangel einer systematischen Anlage, sowie
manche Abschweifungen, auch fehlt deshalb die mystische Er-
klärung. Der Verfasser beginnt mit den Kulturstätten, Tempeln
und Altären; c. 5 handelt von den Glocken; c. 6 wird eine
1) Die erstere bei Caiiis. p. 223 f. Migne 1. 1. p. 1085; die andre von
Dümmler herausgeg. im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F.
Bd. 23 (1876). S. 178 f. — Auch eine Hymne „In natalem S. Mammae"
hat Walahfrid gedichtet im Ambrosianischen Metrum, die aber wenig be-
deutend ist.
2) S. über ihn König a. a. 0. S. 372 f., und vgl. von demselben Verf. :
Die Reichenauer Bibliothek, in dem 4. Bd. des Freiburg. Diöcesan-Archiv,
insbesondere S. 263 ff.
De ecclesiastic. rerum exordiis et incrementis. 163
Erklärung der lateiuisclieu Namen der kirchlichen Gebäude
und ihrer Theile gegeben ; dem schliesst sich nun ein besonders
interessantes Kapitel (7) an: die Erklärung des deutschen Na-
mens des Gotteshauses. Der Verfasser thut dies, wie er sagt,
auf die Gefahr hin, den Lateinern lächerlich zu erscheinen,
deren Hochmuth er hier mit heiterer Ironie, in welcher Walah-
frids patriotische Gesinnung sich spiegelt, verspottet.') Es
sollen es nur die Laudsleute lesen, und erfahren, dass sie in
vielen Dingen die Weisheit der Griechen und Römer nach-
ahmen. Diese besteht nämlich hier darin, mit den Dingen
auch die Namen derselben andern Völkern zu entlehnen. Wie
die Griechen und Lateiner solche den Hebräern entnahmen,
und die Lateiner zugleich den Griechen, so die Deutschen den
Lateinern wieder. Dies gälte namentlich von fast allen kirch-
lichen Gegenständen, aber auch in die gemeine Sprache sei
vieles aus dem Lateinischen übergegangen, das selbst wieder
aus dem Griechischem stamme, wie „Vater", „Mutter". So
wird denn Kirche von Ki/riuca hergeleitet. Die Aufnahme
der aus dem Griechischen stammenden Wörter in die deutsche
Sprache wurde aber vermittelt durch die im römischen Kriegs-
dienst stehenden Barbaren und ihre Bekehrung, namentlich
durch die Gothen, deren noch erhaltener Bibelübersetzung hier
Walahfrid gedenkt. — Das nächste Kapitel (S) hatte ein actu-
elles Interesse, indem es die Bilder und ihre Verehrung zum
Gegenstand hat, wo denn Walahfrid die deutsche verständige,
vermittelnde Ansicht vertritt. — Ausführlich wird im weiter
Folgenden (c. 1-1 ff.) die Messe behandelt, und dabei auch der
Hymnen (c. 25) und ihrer Geschichte besonders und zwar ganz
ausführlich gedacht, ein Abschnitt der recht die grosse Be-
lesenheit des Verfassers zeigt. Beachtenswerth ist, dass auch
hier metrische und rythmische, sowie Hymnen im allgemeinen
Sinne neben den eigentlichen unterschieden werden.-) — Be-
1) Dicam tarnen etiam secundum nostram barbariem, quae est Theo-
tisca, quo nomine eadem domus Dei appellatur: ridiculo futurus Latinis,
si qui forte haec legerint, qui velint simiarum informes natos inter au-
gustorum liberos computare. Seimus tamen et Salomoni (qui in multis
typum gessit Domini Salvatoris) inter pavones simias fuisse delatas (III.
Keg. c. 10).
2) Notandum, hymnos dici non tantum qui metris vel rhythmis deeur-
11*
164 Walahfrid Strabo.
sondere ErwähnuDg verdient noch das eigenthümliche ScUuss-
kapitel (31), welches für den Historiker werthvoll ist: es ent-
hält nämlich eine Vergleichiing der geistlichen Würden mit
den weltlichen, so wird dem Papst der Kaiser gegenübergestellt,
den Patriarchen die Patricii — wohl in Erinnerung an die
Stellung der Frankenkönige vor dem Kaiserthum Karls —
den Erzbischöfen die Könige, den Metropolitaneu die Herzöge ;
und so wird die Stufenleiter hinabgeführt bis zu den Acoluthen,
Lectoren, Cantoren und Psalmisten, denen auf weltlicher Seite
die „Veredarii (Couriere), Commentarienses , Ludorum exhibi-
tores, Carminum pompatici relatores" gegenüberstehen.')
Am wenigsten selbständig erscheint unser Autor in seinem
umfangreichsten, rein theologischen Werke, das ihm den mei-
sten Ruhm eintrug und sich noch bis in das 17. Jahrhundert
in Ansehen erhielt; es ist die Glossa ordinaria d. h. ein
kurzer Coramentar der ganzen Bibel, grossentheils aus den
Commentaren des Raban gezogen, welche selbst, wie wir sahen,
fast nur Compilationen sind, ein Werk erstaunlichen Fleisses,
das von andern erweitert, das beliebteste Hülfsmittel für die
Bibelerklärung im Mittelalter blieb. In diesem Werk bewährte
sich Walahfrid recht als Schüler Rabans.
Seine humanistische Bildung aber machte ihn auch zum
Bearbeiter und Herausgeber von Werken andrer. So über-
arbeitete er zunächst auf den Wunsch des Abtes Gozbert von
St. Gallen die alte Vita des h. Gallus, dann im Anschluss
hieran zwei hagiographische Werke eines gleichnamigen Neffen
jenes Abtes, des Diacon Gozbert, der es selbst verlangte, näm-
lich eine Fortsetzung jener Vita — ein Buch von den nach
dem Tode des Heiligen geschehenen Wundern — und das Leben
runt verum etia caeteras laudatioues, quae verbis convenientibus et
sonis dulcibus proferuntur. Unde et liber Psalmorum apud Hebraeos über
hjTunorum vocatur. Et quamvis in quibusdam ecclesiis hj^miii metrici non
cantentur, tarnen in omnibus generales lij'mni, id est, lau des dicun-
tur. — Auch eine literarhistorische Kritik zeigt schon Walahfrid, indem
er unter den hjTuni Ambrosiani die von Ambrosius selbst und die von
seinen Nachahmern gemachten unterscheidet, welche letzteren durch Inhalt
wie Sprache sich von jenen oft unterschieden. Vgl. Bd. I, S. 171.
1) Die beiden zuletzt genannten weltlichen dignitates sind besonders
interessant, es können darunter nur Hofspielleute und -Sänger verstanden
werden, namentlich Joculatores, die bei Hofe angestellt waren.
Bearbeitung von Heiligenleben. 165
des ersten Abtes des Klosters, des heil. Othmar. i) Diese
Bearbeitungen geschahen aus formalen Rücksichten; es wurde
einmal dem alten Werk ein neues stilistisches Gewand angelegt
oder, wie bei Gozberts Schriften, dieses verbessert: wie weit
Walahfrid in seiner Bemühung um den Color latinus ging, zeigt,
dass er sogar die Namen der Zeugen der Wunder des heil.
Gallus lieber wegliess, als durch ihre barbarischen Formen
„die Ehre des lateinischen Ausdrucks" zu beschmutzen (V. S.
Galli 1. n, c. 10); ferner hat Walahfi'id auch gekürzt, be-
ziehungsweise zusammengezogen, um Langweiligkeit zu ver-
hüten, wie er selbst sagt, und endlich auch, wenigstens bei
der alten Vita, eine Eintheilung in Kapitel, zum leichteren
Verständniss vorgenommen. In der Vorrede des eben erwähnten
Buches findet sich aber auch ein kleiner selbständiger geo-
graphisch-kritischer Excurs über unsers Autors Heimath, Ala-
mannien. Er hatte übrigens die Absicht, das Leben des heil.
Gallus auch noch metrisch zu behandeln, kam aber nicht zu
ihrer Ausführung. — Von Einhards Leben Karls veranstaltete
Walahfi-id eine neue Ausgabe, indem er dasselbe in Kapitel
eintheilte und diesen Titel gab, um das Nachschlagen, wie er
sagt, zu erleichtern. Zugleich fügte er einen zwar kurzen
aber inhaltreichen Prolog hinzu, worin er eine kleine, heute
sehr werthvolle Lebensnotiz und treffliche Charakteristik des
Autors gibt.-)
Bedenkt man dass Walahfrid im besten Mannesalter starb,
so erscheint seine grosse und vielseitige literarische Thätigkeit
doppelt bedeutend; dabei hat er zugleich als Lehrer sicher
folgenreich gewirkt, indem er den einflussreichen Gönner der
Wissenschaft und literarischen Kultur, Karl den Kahlen erzog
und die ausgezeichnete Schule Reichenau's, der er selbst so
viel verdankte, in ihrer Blüthe erhielt. Walahfrid erscheint
nicht bloss als ein grosses, selbst schöpferisches Talent, das
auch seine eigenen Wege zu gehen weiss, sondern auch als
eine liebenswürdige Persönlichkeit, wie einzelne in seinen
1) S. die .beiden letzten "Werke in: Monum. German. histor. Script.
T. n, p. 21 ff. u. p. 41 fl'., das erste in MabiUons Acta S S. ord. Bened.
Saec. n.
2) S. Jaffe's Ausgabe oben S. 92 Anm. 1.
166 Gottschalk.
Werken zerstreute Züge zeigen, unter welchen auch selbst
der eines heitern Humors nicht fehlt.
DRITTES KAPITEL.
GOTTSCHALK.
Ein andrer, schon genannter, berühmter Schüler Rabans,
Gottschalk 0 verdient hier als Dichter Erwähnung, und ist
in dieser Rücksicht sogar besonders merkwürdig, so gering
auch die Zahl der unter seinem Namen erhaltenen Gedichte ist.
Der wichtigsten Momente seines Lebens bis zu seiner Ver-
urtheiluug auf der Synode zu Mainz 848 haben wir schon oben
gedacht-), und auf die Geschichte seiner Prädestinationslehre
kommen wir bei der Literatur, die sie hervorrief, soweit dieselbe
in den Kreis unserer Betrachtung gehört, weiter unten wieder-
holt zurück. Seine eigene Lage wurde durch seine in Mainz
beschlossene Auslieferung an den Erzbischof von Reims nicht
gebessert. Der Groll des mächtigsten Kirchenfürsten Deutsch-
lands ging auf den Westfranciens über, Hincmar verfolgte den
unbeugsamen Mönch ebenso grausam als Raban. Auf der
Synode von Quierzy im folgenden Jahre 849 wurde Gottschalks
Lehre von neuem verdammt und er selbst, nachdem er fast zu
Tode gepeitscht worden, zur ewigen Einsperrung in dem Reim-
ser Kloster Hautviller verurtheilt. Nachdem ihm dann im
Anfang noch das Schreiben gestattet und so der Verkehr mit
der Aussenwelt ermöglicht war, wurde ihm nach einigen Jahren
auch diese Freiheit entzogen, die er freilich benutzt hatte, um
seinen erzbischöflichen Verfolger persönlich zu kränken. Gegen
Ende des sechsten Jahrzehnts starb Gottschalk, bis zum Tode
seinen Meinungen treu, unversöhnt mit der Kirche.
Was sich von prosaischen Werken desselben erhalten
hat, ist ohne literarische Bedeutung, wie er denn auch nur
1) Migne, Patrologia latina Tom. 121, p. 345 fif. — Cellot, Historia
Gotteschalci praedestiniaiü. Paris 1655. (Append.) — Dümmler, Gesch. des
ostfränk. Reichs Bd. I, S. 311 ff. u. 3S4ff. — Dümmler, N. A. S. 320.
2) S. Seite 124 f.
Poet. Epistel an Eatramnus. 167
zum Zweck seiner Vertheidigung es geschrieben hat. So
haben wir zwei Confessiouen, von denen die längere durch
Stellen aus der Bibel und den Kirchenvätern seine in der
Kürze dargelegte Prädestinationslehre begründen soll. Dann
besitzen wir noch wenige Fragmente aus der auf der Mainzer
Synode Eaban übergebenen Vertheidigungsschrift, die von
Hincmar in seinem Werk über die Prädestination angeführt
sind.') Zur Verbreitung seiner Lehre bediente sich Gottschalk
vornehmlich der mündlichen Rede.
Seine wenigen Gedichte sind dagegen literarhistorisch
wichtig. Einmal eine poetische Epistel an Gottschalks Freund,
den Corbier Mönch Ratramnus, die inhaltlich wie formell
von besonderem Interesse ist, und um so mehr als ihre Autheu-
tie nicht zu bezweifeln. Ebenso wie bei der an Gottschalk
gerichteten Epistel Walahfrids-) geht dem in Hexametern ver-
fassten Schreiben ein in lyrischem Metrum gedichtetes Vor-
wort voraus , worin die Muse — bei Gottschalk Clio, bei Wa-
lahfrid Calliope — aufgefordert wird, dem Freund den poeti-
schen Brief zu überbringen. 3) Das Metrum sind bei Gottschalk
anacreontische lonica a minori, bei Walahfrid dagegen pha-
läcische Verse. Die Verse Gottschalks aber sind in verschie-
dener Weise durchweg gereimt.^) Hiermit in Uebereinstimmung
sind die Hexameter des Briefes selbst leoninische, mit die
ältesten überhaupt, die mit Bewusstsein in einem grösseren
Gedichte vollständig durchgeführt sind.'^)
Der Brief ist ein Antwortschreiben. Gottschalk dankt
1) Capp. 5, 21, 24, 27, 29.
2) Canisius a. a. 0. pag. 254 f. ISIigne, "NValahfr. Opp. II, pag. 11 15 f.:
Oottschalk wird hier mit seinem Beinamen Fulgentius genannt, den er
woM nach dem Vertheidiger des Augustinismus, dem Bischof von Ruspe
führte.
3) So beginnt Walahfrids Gedicht : Velox, Calliope, viam frequenta
und das des Gottschalk: Age, quaeso, perge, Clio.
4) Um davon Beispiele zu geben, v. 21 fif. (Cellot p. 415):
Tenearis ac decora,
Videas sodalis oi'a,
Bis enim venis ab illo
Speciosa iam magistro,
Adimens fei, imprimens mel.
5) Um dieselbe Zeit etwa ist die Widmung eines prachtvollen Evan-
gelienbuchs, welches ein Mönch von Hautviller geschrieben, an Ebbo, den
168 Gottschalk.
zunächst dem Freunde für dessen „Metra", womit er ihn uner-
wartet beglückt, indem er sie in poetisch überschwäuglichen
Ausdrücken rühmt. Sein krankes Gemüth habe in ihnen Trost
gefunden. Möchte der Freund doch auch in Prosa ihm ge-
schrieben haben — offenbar über Gottschalks Lehre ausführ-
licher. Er selbst könne dies nicht, ihm fehle die Zeit, da der
Abt ihm bald das, bald jenes auferlege, auch fehle ihm die
wissenschaftliche Bildung, habe er doch kaum ein Jahr die
höhere Schule besucht 0 und auch hernach keinen Führer ge-
habt. Um eine klare Auslegung der Meinung (sententia) Au-
gustins habe er die zahlreichen Gelehrten seines Landes, und
selbst solche des Auslandes brieflich gebeten, dreien von ihnen,
dem Marcward, Jonas und Lupus, aber auch „ den eigentlichen
Sinn" (der Meinung) mitgetheilt: niemand habe ihm aber
ausser einem geantwortet, der als ein Schlauer mit keiner
Partei es verderben wolle. Aus dieser Stelle namentlich er-
gibt sich, dass das Gedicht in Orbais verfasst ist. 2) — Der
Schluss der Epistel fehlt. 3)
Erzbischof von Reims, auch in leoninischen Hexametern verfasst; sie
beginnt: Ebo, Remense clecus, praesul pastorque coruscus,
Celsa et clara farus, sanctis per saecula carus,
Ordinis omnis bonos pariterque piissimus heros.
Man siebt hier schon die verschiedenen Arten des Reims der Hexameter
neben dem eigentlichen leoninischen sporadisch sich einfinden. Das Ge-
dicht, das vor der Absetzung Ebbo's 839, aber nicht lange vorher geschrie-
ben, weil das Werk ihm nicht übergeben ist, ist herausgegeben von Paulin
Paris in den Comptes - rendus der Academie des inscript. et belles-lettres
Ser. IV, T. 6 Paris 1879, p. 98 f. — S. darüber auch Dümmler, N. A. S. 269.
1) Namque magisterio vix uno subditus anno.
2) Denn Gottschalk begann erst der Prädestinationslehre Augustins
zu huldigen, darum fragte er um Rath. Ferner befand er sich, wie die
oben auch angezogene Stelle: „ut saltem hinc fingere ternas Litterulas li-
ceat, quoniara Imperium Patris instat Ad patrandum aliquid, cum hoc,
tum protinus illud" zeigt, in einem Kloster. Und endlich kann die andre
oben wiedergegebenen Stelle: „Denique sunt multi, Domino donante, ma-
gistri Hac regione siti, ingenio locuplete beati, Unde palatina plerique
morantur in aula" damals wohl nur auf Westfrancien bezogen werden.
Man könnte hiernach selbst glauben, dass Gottschalk erst nach d. J. 840,
d. h. nach dem Antritt der Regierung Karls des Kahlen seine Lehre aus-
gebildet oder doch mitgetheilt habe, wenn er sie auch schon längere Zeit
bei sich herumgetragen.
3) In den letzten Versen wird noch des Unterschieds der Electi und
Reprobi gedacht.
Rythmische Gedichte. 169
Zwar ist der Stil öfters hölzern bis zur Unklarheit: trotz-
dem zeigt aber das Gedicht nicht bloss, dass sein Verfasser
auch die Schule der poetischen Kunst durchgemacht, sondern
an einzelnen Stellen selbst, dass es dieser tief innerlichen,
leidenschaftlichen Natur nicht an dichterischer Empfindung
fehlen konnte.
Letzteres bezeugen noch mehr zwei rythmische Gedichte,
die unter Gottschalks Namen in einer Handschrift des zehnten
Jahrhunderts sich gefunden haben.') In dem einen {0 Deus
miserf) bittet der Dichter Gott, sich seines elenden Knechts
zu erbarmen, indem er ein Schuldbekenntniss ablegt, alle
Heiligen, insonderheit Maria, Michael, Petrus, die Märtyrer,
Patriarchen und Propheten, die frommen Jungfrauen sowie die
Bekenner zur Unterstützung seiner Bitte anruft. Es ist ein
langes Gedicht von zwanzig Strophen zu sieben Kurzzeilen,
die sämmtlich auf einander reimen. Das andre Lied {0 quid
iubes, pusiole) von zehn Strophen zu sechs Kurzzeilen hat
einen profaneren Charakter; es ist an einen jungen Schüler,
wie es scheint von vornehmem Stande, gerichtet, der den
Dichter auffordert „ein süsses Lied zu singen." Dieser lehnt
es zunächst ab, da ihm, der so fern von der Heimath, eher
Weinen und Klagen zieme, und dem Schüler, mit ihm darin
einzustimmen : war doch auch den Juden in Babylon zu singen
verboten. Aber da der junge Freund auf seinem Wunsch be-
steht, so besingt der Dichter den dreieinigen Gott, dem er
sein Heimweh klagt; denn er verweilt schon zwei Jahr auf
einer Insel im Meer. Auch dies Gedicht ist ganz durchge-
reimt. Indem ich auf die Vers- und Reimform weiter unten
bei einer allgemeinen Betrachtung der rythmischen Gedichte
zurückkomme, sei hier nur bemerkt, dass die Vorliebe für den
Reim und die Art seiner Anwendung in diesen Liedern Gott-
schalks sich ebenso wie in dem lyrischen Metrum seiner oben
betrachteten Epistel findet ; und dies spricht für ihre Authentie,
der auch der Inhalt keineswegs widerstreitet."^)
1) In: Du Meril, Poesies populaires latines anterieures au XII. siecle.
Paris 1843. p. 177 ff. u. 253 ff.
2) Dass Gottschalk lange auf Reisen, namentlich in Italien und Friaul
sich befand, ist oben S. 12.5 bemerkt. So kann man bei dem zweiten
Liede mit Du Meril an einen Aufenthalt auf einer Insel des adriatischen
Meeres denken.
170 Ermoldus Nigellus.
VIERTES KAPITEL.
ERMOLDUS NIGELLUS.
Das Fortwirken der ästhetischen Kultur des Zeitalters
Karls des Grossen zeigt sich in der Jugendzeit Walahfrids
auch in einem andern Dichter, der — obgleich nicht selbst ein
Deutscher, doch von germanischer Abkunft i) — als ein merk-
würdiger Vertreter der weltlichen Epik, zu welcher der grosse
Kaiser die erste Anregung gegeben, erscheint: es ist dies Er-
moldus NiGELLus-), dessen Dichtung über die Thaten des
Kaisers Ludwig schon selbst für die volksthümliche Epik der
Nationalliteratur des Mittelalters von Bedeutung ist. Ueber
seine Persönlichkeit geben uns nur seine Gedichte einige
Nachricht. Ein aquitanischer Mönch, stand er in naher Be-
ziehung zu dem König Pippin, Ludwigs des Frommen Sohn,
der eben Aquitanien regierte; eine sehr einflussreiche Stellung
muss er bei ihm eingenommen haben: vielleicht war er sein
Erzieher gewesen und wurde später sein Kanzler. 3) Er be-
gleitete Pippin sogar gewappnet ins Feld bei dem Kriegszug
gegen die Bretonen i. J. 824. Aber er scheint auch den Ehr-
geiz des jungen Königs so augestachelt zu haben, dass dieser
selbst seinem Vater gegenüber sich geltend machte. So wurde
Ermold von Ludwig aus Pippins Umgebung entfernt und nach
Strassburg verbannt, wo er unter die Aufsicht des Bischofs
Bernold gestellt wurde, der ihn aber, wohl auch aus Liebe zu
Pippin, freundlich behandelte. In dieser Verbannung schrieb
1) Für dieselbe spricht melir nocli als der Name Ermold, seine Kennt-
niss des Deutschen, die er in der Etymologie von Eigennamen (s. I. I.
V. 47 ff. die Ableitung von Ludwig) zeigt, oder wo er eine solche Kennt-
niss auch bei dem Leser voraussetzt, wenn er 1. IV v. 657 f. von „Theu-
trammus" sagt: nomine dignus, ohne weitere Erklärung.
2) In: Monum. Germaniae histor. Scriptor. T. II p. 464 ff. — Ueber-
setzung von Pfund in : Geschichtschi-eiber der deutschen Vorzeit. 9. Jahrh.
3. Bd. Berlin 1856 (Einleitung). Henkel, Ueber den historischen
Werth der Gedichte des Ermoldus Nigellus. Progr. der höheren Bürger-
schule in Eulenburg 1876. — Dümmler, N. A. S. 260 f.
3) Auch Dümmler meint, man dürfe Ermold mit gi'osser Wahrschein-
lichkeit für identisch mit dem Kanzler Hermoldus halten, der im Jahre 838
unter merheren Urkunden Pippins erscheint.
De gestis Ludovici Caesaris. 171
Ermold dann die uns von ihm erhalteneu Gedichte, zu welchen
ebendieselbe sogar den Anlass gab: einmal die erwähnte
epische Dichtung-, durch welche er die Erlösung aus dem Exil
von dem Kaiser zu erlangen hoffte, sie ist Ende 826 oder An-
fang 827 verfasst*); dann zwei an Pippin gerichtete Elegien,
von denen wenigstens die zweite nach der epischen Dichtung
geschrieben ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde Ermold
nach dem Siege der Söhne über den Kaiser 830 frei, —
Das epische Gedicht, dem man wohl am besten den Titel :
,I)e gestis Ludovici Caesaris zu geben hat-), ist in Distichen
geschrieben und umfasst vier Bücher und ein Vorwort von
35 Hexametern, das Acrostichon und Telestichon zugleich ist,
indem die Anfangs- wie Endbuchstaben der Verse den Hexa-
meter: „Ermoldus cecinit Hludovici Caesaris . arma " ergeben.
In diesem Prolog bittet der Dichter Christus und den Psalmen-
sänger David um Beistand bei seinem Unternehmen, „die
Thaten des erhabenen Kaisers zu sagen": denn nicht will er
wie die wahnsinnigen Alten die Musen, noch Phöbus, noch
Apollo-^) anrufen, da sie eitle Weisheit blendete und ihre
Herzen der Teufel beherrschte. Durch solchen Beistand hofft
er von seiner Dichtung die Befreiung aus dem Exil. Schliess-
lich wendet er sich noch an den Kaiser selbst, dessen Frömmig-
keit er preist, mit der Bitte, das Werk huldvoll aufzunehmen
und ihn, den gefallenen Diener, wieder zu erheben. — Geben
wir zunächst eine kurze Inhaltsübersicht.
Das erste Buch (616 V.) ist, nach einem Eingang worin
der Dichter nochmals seine Absicht erklärt, aber auch bemerkt,
nicht alle einzelnen Thaten Ludwigs besingen zu können,
1 ) Spätere Ereignisse werden nicht bloss nicht behandelt, sondern nicht
einmal angedeutet, wo man dies erwarten sollte, wie z. B. Haralds Ver-
treibung.
2) Im Hinblick auf das Vorwort, namentlich y. 9 flf. quo i^ossim
Caesaris in hoc Carmine ffcsta loqui. Vgl. auch 1. I v. 15 und 29.
Der erste Herausgeber (Muratori) hat die Dichtung: De rebus //est/s Ludo-
vici Imperatoris betitelt.
3) Nee rogo Pierides, nee Phoebi tramite limen
Ingrediar capturus opem, nee Apolliuis almi
Praef. v. 13 f. Wie hier aus Phoebus Apollo zwei Götter gemacht werden,
so 1. I, V. 18 aus Tullius Cicero zwei Autoren; das letztere findet sich
auch in der späteren mittelalterlichen Literatur gar häufig. Für die ge-
lehrte Bildung des Ermold ist aber beides bezeichnend.
172 Ermoldus Nigellus.
fast durchaus der Eroberung Barcelona's durch Ludwig als
König von Aquitanien (801) gewidmet (von v. 65 an): vorher
wird nur noch kurz seiner Erhebung auf diesen Thron, der
Bedeutung seines Namens und der Besiegung der Basken ge-
dacht (v. 31—64).
Das zweite Buch (602 V.) beginnt mit der Kaiserkrönung
Ludwigs durch Karl den Grossen 813 (v. 1 — 84), erzählt dann
nach kurzer Erwähnung des Todes Karls Ludwigs Reise nach
Achen, die einem Triumphzug gleicht durch das Herbeiströmen
des huldigenden Volkes, das vielleicht in übertriebener, aber
poetisch lebendiger Weise geschildert wird, — ferner seine
ersten Regierungshandlungen : Gnadenbezeigungen, Aussendung
von Königsboten, woran sich dann ein Elogium des Kaisers
knüpft (v. 85 — 196). Hierauf wird ausführlich das Erscheinen
des Papstes Stephan im Frankenreiche auf Befehl des Kaisers
und die Krönung desselben durch ihn im Jahr 816 berichtet
(v. 197 — 480): diese Erzählung nimmt namentlich durch die
langen Reden der beiden die Hälfte des Buches ein und bildet
so gleichsam den Kern desselben. Der Schluss behandelt
dann noch die Reformbestrebungen Ludwigs in Betreff des
Klerus und der Klöster, namentlich die Instruction der zu
diesem Zweck ausgesandten Missi (817) und das Verhältniss
des Kaisers zu Benedict von Aniane (v. 4SI — 602).
Das dritte Buch zählt 628 Verse. Den grössten Theil
desselben mmmt die Erzählung von dem Feldzug Ludwigs
gegen den Bretonenfürsten Morman i. J. 818, womit es beginnt,
ein — seine Besiegung, sein Tod, die Unterwerfung der Bre-
tonen (v. 1 — 502); dann wird noch des Berichts der zurück-
gekehrten Königsboten gedacht und von v. 543 an ein Zwei-
kampf als Gottesgericht geschildert, der 820 zwischen dem
Grafen Bera von Barcelona, einem alten Genossen des Kaisers,
und dem Grafen Sanila stattfand, und da beide gothischer
Herkunft waren, in gothischer Weise, zu Ross mit Wurfspeer
und Schwert.
Das vierte Buch (768 V.) hat vornehmlich die Bemühungen
Ludwigs um die Bekehrung der Dänen zum Gegenstand; dies
bildet den Hauptinhalt des Buchs, das nach einer kurzen
Charakteristik der heidnischen Dänen oder Normannen^) sogleich
1) Hie populi porro veteri cognomine Deni
De gestis Ludovici Caesaris. 173
mit der Aussendimg des Erzbischofs Ebbo von Reims als
Missionar an König Harald i. J. S23 beginnt (v, 25—112).
Nachdem dann in der Kürze ein neuer Kriegszug gegen die
aufrührerischen Bretonen i. J. S24, an welchem Pippiu von
Aquitanien und mit ihm Ermoldus selbst Theil nehmen, geschil-
dert ist (y. 113—146), erzählt der Dichter von Ebbo's Thätig-
keit und wie Harald mit einer grossen Flotte in der Pfalz
Ingelheim erscheint i. J. 826, um sich dort taufen zu lassen
und Ludwigs Vasall zu werden. Vorher wird hier eine höchst
interessante Beschreibung des Palastes von Ingelheim und seiner
Kirche, namentlich der Gemälde, welche beide schmückten,
gegeben (v. 181 ff.). Die Taufe und die darauf folgenden
Feste, sowie die Huldigung des Dänenkönigs werden ausführ-
lich, mit allen Einzelheiten lebendig geschildert (v. 622). Nach-
dem dann Ermold den Abzug Haralds berichtet, preist er
Ludwig wegen der friedlichen Eroberung, er besitze was weder
das mächtige Eom noch die fränkische Krone hatte ; und hier
gedenkt denn der Dichter auch der "Wasserorgel, die S26 ein
venezianischer Presb}i:er Ludwig baute, ein Wunderwerk, um
welches dieser allein den byzantinischen Kaiser zu beneiden
gehabt hatte. Darauf aber geht Ermold auf sich und seine
Verbannung über (v. 649) und erzählt von dem Dome Strass-
burgs und den Wundem, die dort ein frommer Priester zu
Bonifatius' Zeit schaute. Zum Schluss (v. 747 ff.) bittet er dann
auch hier — wie an andern Stellen der Dichtung — sein Ver-
gehen nicht bestreitend, noch einmal den Kaiser und seine
schöne Gemalin um Begnadigung.
Diese Dichtung hat keinen geringen literargeschichtlichen
Werth und ist auch an manchen Stellen nicht ohne ästhetischen
Reiz. Beides gilt namentlich von dem ersten Buche. Hier
finden wir zum ersten Male im Abendland als Gegenstand der
Epik den Kampf mit den Sarazenen, und zur Zeit Karls des
Grossen, also das Sujet des volksthümlichsten der grossen
Ante vocabantur et vocitantur adhuc :
Nort — quoque francisco dicuntiir nomine — manni,
Veloces, agiles, armigerique nimis.
Ipse qiüdem populus late pernotus habetur,
Lintre dapes quaerit. incolitatque mare;
Pulcher adest facie, viütuque statuque decorus,
TJnde genus Francis adfore fama refert. v. 1 1 ff.
174 Ermoldus Nigellus.
Sagenkreise der nationalen Weltliteratur, und zwar schon auf
Grund mündlicher Ueberlieferung, der Sage, wie der Dichter
selbst bemerkt'), der sich als Ungelehrter, wenn auch mit Un-
recht, hinstellt, aber in der That eine populäre Natur war.
Zugleich erscheint hier bereits und als der Hauptheld jener
Wilhelm, Graf oder Herzogt) von Toulouse, der als Guillaume
d'Orange oder Guillaume au court-nez, der Mittelpunkt eines
der drei Cyklen des karolingischen Sagenkreises ist, welche
zuerst die uordfranzösische Nationaldichtung ausbildete. Er
ist es, der in unserm Gedicht auf einer Reichsversammlung
Ludwig zu dem Kriegszug gegen die Sarazenen auffordert; er
kennt jenes Volk, sagt er, und es kennt ihn 3) — hiermit wird
gewiss vornehmlich auf die Schlacht am Orbieu 793 hin-
gedeutet, in der zwar die Franken bei ihrer Minderzahl unter-
lagen, aber durch ihre und namentlich Wilhelms, ihres An-
führers, Tapferkeit die Araber von weiterem Vordringen ab-
schreckten."*) Die Eroberung Barcelona's wird als das Ziel des
Feldzugs von Wilhelm bezeichnet, sie allein sichere den Frie-
den: er selbst will der Führer sein. — Lebendig wird dann
die Berennung der Stadt geschildert, und manche acht epische
Züge finden sich da, darunter auch solche, die recht unmittel-
bar an das karolingische Volksepos erinnern, wie z. B. die
Rolle, welche die Streitrosse der Helden spielen. So antwortet
(v. 401 flf.) Wilhelm einem Mauren, der von der Zinne herab
spottet, der Hunger werde noch die Franken zum Abzug nö-
thigen : eher wolle er sein prächtiges Ross selbst verzehren, als
die Belagerung aufheben. Da erst erschrecken die Mauren.
Der Emir verlässt nun heimlich die Stadt um Entsatz zu holen :
1) Die Stelle lautet im Zusammenhang:
Culmina terrarum, vel quot castella peragrans (sc. Ludovicus)
Subdidit imperiis arma ferente Deo,
Sunt mihi nota minus, vel si modo nota fuissent,
Non poterat stolidus cuncta notare stilus:
Sed quae fama recens stupidas pervexit ad aures,
Incipiam canere; caetera linquo catis. v. 65 ff.
2) Beide Titel hat er bei Ermold.
3) Quae (sc. gens) mihi nota nimis, et sibi notus ego. v. 148. Eine den
Helden schön charakterisirende Wendung.
4) In der Wilhelm feiernden Chanson de geste: La hataiUe AUscans
wird bekanntlich diese Schlacht besungen.
De gestis Ludovici Caesaris. 175
aber das Wiehern seines Pferdes verrätli ihn. — Episodisch
wird früher erzählt (v. 207 ff.), wie bei den Einfällen der Araber
einem Franken Datus seine Mutter geraubt und auf eine unein-
nehmbare Felsenfeste gebracht wird: vergeblich sucht der
Sohn mit dem Schwerte sie zu befreien, da wird von dem
Feinde als Lösegeld das Ross des Franken gefordert; dieser
aber lässt lieber die eigene Mutter vor seinen Augen tödten,
als sein Pferd hinzugeben, eine Missethat, die er dann sein
Lebelang als Einsiedler büsst. — Die Lebhaftigkeit der Dar-
stellung erhöhen nicht bloss die eingelegten Reden, sondern
auch manche treffende Gleichnisse: so verstecken sich die
Mauren vor dem Pfeil- und Schleuderregen wie Schwimmvögel,
wenn sie der Adler bedroht, der jeden fasst, der den Kopf
aus der Tiefe erhebt (v. 505 ff.).
Auch die ausführliche Erzählung von dem bretonischen
Krieg im dritten Buche ist recht interessant und bietet auch
manche poetische Züge. Da der Dichter selbst, wenn auch
nicht diesen, doch den folgenden Feldzug gegen die Bretonen
mitgemacht hatte, so gibt er von Land und Leuten und der
durch ihre eigenthümliche Natur bestimmten Art der Kriegs-
führuug ein lebendiges anschauliches Bild: in dem ganz cou-
pirten Terrain, das voller Sümpfe, Wälder und Hecken, war
ein Kampf im offenen Felde mit entscheidenden Schlachten
nicht möglich; es war vielmehr ein Parteigäugerkrieg, von
Seiten der Franken Verwüstung, von der der Bretonen Ueber-
fälle (v. 347 ff.). Im einzelnen hervorzuheben sind namentlich
Mormans Verhandlung mit dem fränkischen Gesandten und
sein Auszug zum Kampf (v. 101 fl\ u. v. 361 ff.), wie er dort
durch sein Weib verführt wird, den Krieg statt den Frieden
zu wählen, und wie er hier von demselben Abschied nimmt,
Scenen die manchen hübschen bedeutenden Zug enthalten. 9
Auch in diesem Buch begegnen wir trefflich ausgeführten
Gleichnissen, s. z. B. v. 175 ff.
1) Auch die Rede ist bemerkenswerth , mit der Morman nach der bei
seinem Weib im Rausche vollbrachten Xacht, die er als Bedenkzeit sich
ausbedungen, den Gesandten entlässt I. III, v. 207 ff. :
Ecce miser tandem potu somnoque sepultus
Murman adest, ociüos vix aperire valens.
Ebrius haec ructans labris vix orsa remotis
Voce sonat, numquam post placitura sibi:
176 Ermoldus Nigellus.
So ist durchaus nicht zu läuguen, dass Ermold poetisches
und zwar episches Talent besass, er ist weit davon entfernt
ein blosser Chronist in Versen zu sein, wie schon die Aus-
wahl des Stoffes zeigen konnte; auch wird nicht durch die
panegyrische Tendenz der epische Stil wesentlich beeinträch-
tigt. Ermolds Werk ist trotz all seiner sprachlichen wie me-
trischen Mängel 1) eine für seine Zeit nicht unbedeutende Lei-
stung, zumal er sich von sclavischer Nachahmung oder über-
triebener Benutzung-) Virgils frei erhält, obwohl dieser an
einzelnen Stellen als Vorbild ihm vorschwebt, wie denn an
einer auf sein Epos selbst Bezug genommen wird. 3)
Auch die beiden Elegien Ermolds sind von geschicht-
lichem und die erste noch von besonderem literargeschichtlichem
Interesse. In dieser (200 V.) sendet der Dichter seine Thalia
zu König Pippiu, ähnlich wie Theodulf an Modoin^), und wohl
nach diesem Vorbild^), wenn er auch Theodulfs Muster, Ovids
Elegie gekannt hat. Die Botin erscheint aber in der Pfalz an
der Charente zum Osterfest, als der König mit seiner Gemalin
in feierlichem Zuge den Palast verlässt — ohne Zweifel zum
Perge, tuo regi celerans haec verba renarra:
Nee sua rura colo, nee sua iura volo.
nie habeat Francos, Brittonica regmina Miirmaii
Rite tenet, eensum sive tributa vetat.
Bella cient Franci, confestim bella ciebo,
Neve adeo imbellis dextera nostra manet.
1) Selbst an siebenfüssigen Hexametern fehlt es nicht, wenn sie auch
nur ganz selten mit unterlaufen, s. z. B. 1. III, v. 31.
2) Die gegentheiKge Behauptung von Dorn, De bellis Franeorum cum
Arabibus gestis, S. 52 ist ganz ungerechtfertigt, wie seine eigene Ver-
gleichung einzelner Stellen zeigt. Reminiseenzen aus Vii'gil waren für eiiaen
späteren lateinischen Epiker geradezu unvermeidlich, aber sie finden sich
keineswegs in auffallender Zahl bei Ermoldus.
3) In der Rede des fränkischen Gesandten, eines Abtes übrigens, an
Morman, wo jener bemerkt, dass wenn diesem selbst solche Hülfstruppen
kämen als dem Turnus, er doch nicht wagen könne es mit den Franken
aufzunehmen (1. III, v. 144 ff.). Morman mochte dem Dichter wohl als ein
Turnus erscheinen, da Ludwig durch das ihm schon gewöhnlich beigelegte
Prädicat pius von selbst an den pius Aeneas erinnerte.
4) S. oben S. 82.
5) Dies zeigt, von allem andern abgesehen, schon der Umstand, dass
die Botin ThaUa genannt wird.
Elegien. 177
Kirchgang. Der Dichter gibt dann die Unterredung seiner
Muse mit dem König, der von dem Verbannten Kunde wünscht,
in welchem Lande er weile, in welcher Stadt, wer dort der
Bischof sei. Thalia schildert darauf den Elsass, seine Fülle
von Korn und Wein, die er dem Wasacus — den Vogesen —
und dem Rhein verdanke, zwischen welchen beiden er liege.
"Wenn es dem König beliebe, solle er von ihnen selbst erfahren,
was ein jeder vermöge, wer von beiden seinem Volke nütz-
licher sei. Diesen Worten Thalia's folgt nun ein Streitgedicht
zwischen Rhein und Vogesen, welche beide in Wechselrede
eingeführt werden. So rühmt der Rhein die Wasserstrasse, die
er für die Einfuhr reicher Waaren bietet, und seine Fische;
dagegen spende nur Holz für den Herd der von Sturm und
Regen gepeitschte Wasacus. Dieser entgegnet: von seinen
Eichen würden Paläste und Kirchen gebaut, Könige jagten in
seinem Revier Hirsche und Eber, und seine Bäche wären auch
an Fischen reich; der Rhein aber entführe die Landesproducte.
Der Rhein replicirt, dass er nur den Ueberfluss ausführt und
zum Eintausch andrer Waaren; statt Holz biete er Gold in
seinem Sande, und befruchte das Land, wie der Nil, durch
seine Ueberschwemmungen. Wasacus antwortet: der Rhein
ertränke vielmehr die Saaten. — Nachdem dann Thalia bei-
den Schweigen geboten, beantwortet sie selbst die zweite und
dritte Frage des Königs, indem sie ihm das geräuschvolle,
Volk- und verkehrreiche Strassburg nennt und von dem Bischof
Bernold erzählt, der, ein Sachse, in der Hofschule Karls des
Grossen gebildet, durch Geist und Gelehrsamkeit sich aus-
zeichnet, wie durch Herzensgüte und Frömmigkeit; er vermag
geschickt durch seine deutsche Predigt das auf seine Reich-
thümer trotzende Volk zu Gott zu führen.') Er ist des Er-
mold Trost; trotzdem ist diesem die Verbannung schwer, weil
er fern von der Heimath und fern von seinem Könige weilt.
— Die Antwort, die der König darauf Thalia ertheilt, schliesst
das Gedicht: Ermold möge sich mit dem gleichen Geschick
1) Sed gens atra nimis, cui praest modo praesul, lionore,
Divitiis poUens, nescit amare Deum;
Barbara lingua sibi, scripturae nescia sacrae,
Ni foret antestis ingeniosus ei;
Hie popiilis noto scripturas frangere verbo
Certat, et assiduo vomere corda terit. v. 1 55 ff.
Ebert, Literatur des Mittelalters II. 12
178 Ermoldus Nigellus, Elegien.
andrer — bertilimter — Männer trösten, Heiden wie Christen,
einem Ovid, Virgil, der sein Gut verlor und erst durch seine
Dichtkunst wieder gewann, den Aposteln Johannes, Petrus und
Paulus, und dem heil. Hilarius.
Auch die zweite Elegie, 222 Verse, hat Ermold an Pippin
gerichtet. Nach einer Captatio beuevolentiae für seine geringe
Muse, die er eine Musel/a, eine Musa iocosa nennt, und die
trotzdem dem Könige sonst gefiel, folgt das überschwängliche
Lob desselben, das sich auch auf sein Aeusseres erstreckt 0,
und darauf gute Rathschläge, wie sie ein Mentor einem jungen
Manne ertheilt; der König soll zwar das Leben in erlaubter
Weise geniessen, namentlich auch der Jagd sich erfreuen, aber
doch nur an bestimmten Tagen, an andern nützlicheres thun;
sei kein Jüngling mehr, sei ein Mann, ruft ihm der Dichter zu,
und hält ihm dann seine Kegentenpflichten vor; sie krönt die
Liebe zu Gott, die über jede andre gehen muss. Hier flicht
dann (v. 69 ff.) der Dichter eine Episode ein, in der er seiner
„spasshaften Muse", welche Pippin so besonders gefiel, das
Wort leiht, indem er erzählt, wie einem Eremiten die Liebe
zu einem Kater die Liebe Gottes schmälerte. Ermold zeigt
dann, auf die Bibel verweisend, wie die frommen Könige
von Gott begünstigt werden, und stellt Pippin seinen eigenen
Vater als Muster hin"-); Pippins Geschlecht'^) hätte immer viel
für die Kirche gethan; und bei dieser Gelegenheit rühmt der
Dichter besonders Karl den Grossen (v. 159 flf.), und zollt von
neuem ausgiebiges Lob Ludwig, den er stets Pippin in Worten
und Schriften als Beispiel gezeigt, nur der Neid habe ihn
anderes reden lassen (v. 201 flf.). Mit Segenswünschen für
Pippin und seine Gemalin schliesst dann der Dichter, der sich
hier mit seinem Namen nennt. ^)
1) Dieser Panegyricus schliesst:
Si Veneris soboles, Priami si filius adsit,
Hector et Aeneas cedet uterque tibi. v. 33 f.
2) Hier gedenkt Ermold seines epischen Gedichts v. 141 f.
3) Es ist bemcrkenswerth dass der unter den Vorfahren aufgeführte
Karl Martell hier (v. 131) Carolus magnus genannt wird, was sich ja
auch sonst findet und die Identification desselben mit Karl dem Grossen
durch die Sage noch fördern musste.
4) Er — modolata tibi conscripsit carmina — moldus,
Nominis ut famuli sis memor, alme, tui.
Ermenrich. 179
FÜNFTES KAPITEL.
ERMENRICH VON ELL WANGEN.
Mehr als ein hervorragender Vertreter der Gelehrsamkeit,
wie sie in solchen Pflanzstätten derselben wie Fulda und
Reichenau gepflegt wurde, denn als Autor verdient hier ein
Schüler Walahfrids genannt zu werden, der auch in Fulda
und St. Gallen studirt hat, und der besonderen Leitung eines
alten Lehrers Walahfrids, des Erzcapellan Grimald') sich er-
freute: Ermenrich von Ellwangen-), so genannt von dem
Kloster, dem er angehörte. Ueber sein Leben geben uns nur
seine Schriften zerstreute Nachrichten. Die älteste ist ein
Leben des h. Sualo^), des Gründers von Solenhofen an der
Altmühl, dessen Namen man latinisirend Solus nannte.^) Er-
menrich verfasste diese Vita auf den Wunsch des ihm nahe
befreundeten Nefi'en Rabans, Gandram (welcher jener zu Fulda
gehörigen Cella vorstand), nachdem er sich der Erlaubuiss
Rabans versichert. Hiervon macht uns eine Correspondenz
der beiden Freunde, die als Vorwort der Vita vorausgeht,
Mittheilung. In Gundrams Brief wird Ermenrich auch die
stilistische Beihülfe des gelehrten Fulder Rudolf, seines Lehrers
in der Beredsamkeit''), zugesagt. An diesen ist denn auch ein
Prolog des Autors in adonischen Versen gerichtet. Die Vita
1 ) Vielleicht war Ermenrich eine Zeitlang Mitglied der königl. CapeUe,
wie Dümmler und Wattenbach verrauthen.
2). Ennenrici Vita S. Solae in Canisii lectiones antiquae (s. oben S. 145
Anm. 2) T. II, pars 2, p. 16 L — Vita S. Hariolfi in: Monum. Germaniae
histor. ed. Pertz, Scriptores T. X, p. 11 ff. — Ennenrici Epistola ad Gri-
moldum Archicapellanum ex cod. Galli etc. ed. Dümmler. Halle 1873.
(Vgl. St. Gallische Denkmale aus der karoling. Zeit, herausgeg. von Dümm-
ler. In den Mittheilungen der antiquar. Gesellsch. in Zürich. Bd. XII.
Hft. 6.) Dümmler, Ueber Ermenrich von Ellwangen imd seine Schrif-
ten. In: Forschungen zur Deutschen Geschichte. Bd. XIII. S. 47.3 ff.
(Nachtrag Bd. XIV, S. 405 f.) — Wattenbach, Deutschi. Geschichtsq. Bd. I,
S. 229 ff. - Dümmler, N. A. S. 321 f.
3) Vgl. Rettberg, Kirchengesch. v. Deutschland, Bd. II, S. 360 f.
4) Nicht bloss Ermenrich, wie Dümmler und Wattenbach sagen, auch
Gundram nennt ihn so, und die Form Solenhofen spricht auch dafür.
5) «Oratoris tui"? — In einem Schreiben an ihn, das auch um die Bei-
hülfe bittet, nennt ihn Ermenrich seinen diduscalus.
12*
180 Ermenrich.
selbst, ZU welclier Gimdram und auch noch am Leben befind-
liche Augenzeugen, wie ein Diener des Heiligen, das Material
lieferten, ist kurz und unbedeutend. Sualo war einer der
Angelsachsen, die Bonifaz nach Deutschland folgten; von ihm
zum Presbyter geweiht, zog er, wie manche andre, doch das
Einsiedlerleben vor. Als- der Ruf seiner Heiligkeit sich ver-
breitete, erhielt er den Ort seiner Ansiedlung, der nach ihm
benannt wurde, von Karl dem Grossen geschenkt. Er wirkte
übrigens als Missionar in seiner Umgebung, wobei ihn zwei
Landsleute unterstützten. Seine Besitzung vermachte er dem
Kloster Fulda. Die obligaten Wundergeschichten, Heilungen
von Blinden und Taubstummen, sind ohne Interesse, dagegen
bemerkenswerth , dass eine davon durch „dort (wohl in der
Kirche) hängende Bilder" schon zu Ermenrichs Zeit verewigt
war. 1) — Ein acrostichischer Hymnus auf den Heiligen in
eigenthümlichen Versen ist von dem Autor beigefügt. 2) — Diese
Vita ist noch vor 842 verfasst, zu einer Zeit wo der Autor
noch Diacon war.
Eine der Zeit nach folgende kleine Schrift, welche Er-
menrich schon als Presbyter in Ellwangen verfasst und einem
andern seiner Lehrer, Gozbald, der damals Bischof von Würz-
burg war, gewidmet hat, hat zunächst das Leben des Gründers
von Ellwangen, eines Verwandten des Gozbald, zum Gegen-
stand. Es istHariolf, später Bischof von Langres, in welcher
Würde er seinem Bruder Erlolf folgte. Hariolf, ein vornehmer
Laie am Hofe Pippins, war — so wird hier erzählt — auf
der Jagd nach einem Elch in jene Gegend geführt; dort
übernachtend, hört er im Schlaf wiederholt das Läuten von
Glocken. Hierin glaubt er eine Weisung des Himmels zu
1) Et continuo cecidit corani populo et sanatus est homo. Quod
quidem tabulae pictoriae ibidem pendeiites testantur. c. 8.
2) Er ist in der Form des 2. Asclepiadeum, mit einem eigenthilmlichen
Schluss vers, aber in rythmischen Versen, denn es ist nicht nur die Quan-
tität vernachlässigt, sondern auch der Hiatus zugelassen, während der
Wortaccent herrscht. So auffallend dies bei einem Autor wie Ermenrich
sein kann, ist ihm doch der Hymnus nicht abzusprechen, da derselbe
durchaus das Gepräge seiner Ausdrucksweise (auch die Einmischung
griechischer Worte) hat, und Ermenrich eines der Gedichte der weiter
unten betrachteten Epistel auch in fast ganz gleichen asklepiadeischen, aller-
dings quantitativen, Versen geschrieben hat.
Yita Soli. Vita Hariolfi. 181
sehen; und von seinem geistlichen Bruder berathen, wird er
Mönch und gründet in jenem Thale ein Kloster. Er wurde
später von Karl dem Grossen sehr hoch gehalten. Von seinen
Wundern wird namentlich erzählt, dass einer der Seinigen
Namens Grimald des Nachts aus dem Munde des betenden
Hariolf ein Feuer wie eine Fackel zum Himmel aufsteigen sah
— eine Sage deshalb erwähnenswerth, weil gleiches auch von
Helden der weltlichen Dichtung im Mittelalter sich erwähnt
findet, wennschon anders motivirt. ') Von dem eben genannten
Grimald wird dann noch ebenso ausführlich gehandelt, der in
ganz gleicher Weise wie sein Abt zum Mönch bekehrt sein
sollte!-) — Diese Vita Hariolß, die ein einfacher, natürlicher
Ausdruck vor den andern auszeichnet, ist durch ihre Ein-
kleidung besonders bemerkenswerth : sie ist nämlich in dia-
logischer Form verfasst, indem Ermenrich sich mit einem
älteren Mönch, Mahtolf, als dessen „alumnus" er sich bezeich-
net, unterhält, der wie ein Lehrer auf seine Fragen, als die
des Schülers, antworten soll. So ist es also die Form der
Alcuinschen Unterrichtsmethode, die Ermenrich von Fulda
her bekannt war. Aber es war ihm auch ein unmittelbares
Beispiel für eine solche Einkleidung in den berühmten Dialogen
des Sulpicius Severus über das Leben des h. Martin gegeben,
hinter denen freilich seine mitunter gar hölzerne Ausführung-
weit zurücksteht. -^
Wichtiger als diese beiden Heiligenleben ist eine dritte,
spätere, Mitte des Jahrhunderts verfasste Schrift, eine Epistel
an den Erzcapellan Ludwigs des Deutschen Grimald, welche
von der umfangreichen gelehrten Bildung des Autors, der so
vieler berühmten Lehrer Schüler sich nennt, ein merkwürdiges
Zeugniss ablegt, das also von nicht geringem kulturgeschicht-
lichen Interesse ist. Die Epistel ist, wie der Verfasser selbst
sagt, zu E h r e n Grimalds geschrieben, indem sie über die ver-
schiedensten Gebiete des Wissens sich verbreitend, mit allen
1) Wie z. B. von Havelok dem Dänen, dessen königliche Abstammung
sich dadurch kundgibt.
2) Auch er hört läuten, hat daim aber noch eine Engelserscheinung.
3) Wenn in der Epist. ad Grimaldiun p. 35 Ennenrich auf Boetius'
Consolatio philosophiae als sein VorbUd in dieser Beziehung wirklich hin-
deutet, wie Dümmler annimmt, so ist dies eine nachträgliche gelehrte
Dickethuerei.
182 Ermenrich.
möglichen gelehrten Citaten gespickt, dadurch die Universa-
lität der Erudition des Adressaten i), aber noch mehr offenbar
die des Schreibers selbst vor der Welt glänzen lassen v^ill. So
erklärt sich der bunte Inhalt, der aus allen verschiedenen Wissen-
schaften, welche die Schule lehrte, einzelne, zum Theil, wie bei
der Grammatik oder Dogmatik, schwierigere Fragen behandelt,
gleichsam als Schmeckebisschen , die zum weiteren Studium
anreizen sollen-), aber zugleich geeignet erscheinen das Er-
staunen über die Gelahrtheit des Autors und des Adressaten
zu erregen, den er als seinen Lehrer verehrt. Dabei taumelt
der Verfasser, wie ein Trunkener, wie er selbst einmal sagt'*),
von einem Gegenstand zum andern.
Nach einer schwülstigen Lobpreisung Grimalds und König
Ludwig des Deutschen hebt Ermenrich mit dem Fundamental-
satz der christlichen Moral: Liebe Gott und deinen Nächsten,
an, dem er die Freundschaft Grimalds verdanke. Durch diese
beiden „Federn (Schwingen) der Liebe" erhebe sich die Seele
^vauf der Quadriga der vier Haupttugenden" zum Himmel.*)
Dieser Satz führt nun alsbald den Verfasser zu der Frage,
was denn die Seele im Unterschiede vom Geiste sei. Und
hier werden nun Excerpte aus Schriften Alcuins (De arte
rhetor. und De anima) an einander gereiht, ohne dass indessen,
wie auch an andern Stellen, der Autor genannt wird. Bei
Grimald selbst konnte wohl Ermenrich allerdings die Kenntniss
desselben voraussetzen. Dann kommt er, an den obigen Satz
1) Eine sane omnes, qui hanc epistolam lecturi sunt, rogo iie pertur-
bentiir iiec felletenus irascantur, quod a deo tibi datae sapientiae tanta
ascribimus. Si enim universalem prudentiam tuam tarn in dominicis
quam etiam in publicis functionibus pensare voluissent non habe-
rent in bac sceda quid mirarentur. Malui tarnen hanc epistolam
inter primas vel secundam fore ad honorem tu um scriptam. pag. 31.
2) Quajiropter et si non omnia, tarnen gustum ex aUquantis neces-
sariis porrigo iUis, qui nesciunt, vel qui ad legendum tardi sunt. p. 29.
3) Videsne, pater, quod quasi ebrius, via coepta relicta, in alias partes
etiam devolvor tangendo quaedam ex bis et ad intelligendum expo-
nendo. p. 23.
4) Diese Allegorien sind besonders beachtenswerth , weil sich ganz
ähnliche in der späteren mittelalterlichen Literatur in didactischen Dich-
tungen wiederfinden, so die pennae dilectionis in dem Roman des Eies
des Raoul de Houdenc (vgl. auch Bd. I S. 236, Anm. 3), und die Fahrt
der Seele auf der Quadriga in dem Anticlaudianus des Alanus ab Insulis.
Epistola ad Grimaldnm. 183
weiter anknüpfend, auf die Liebe, und insonderheit auf die
auch der Feinde zu reden. Die erwähnte Quadriga aber,
deren Eäder die vier Evangelien bilden'), deren Wagenlenker
die Weisheit {sophia) selbst ist-), führt unsers Verfassers Rede
auf die Philosophie, „die Mutter aller Tugenden", und mit
ihr zu ihren einzelnen Theilen, den Wissenschaften, die
durch ein Excerpt aus Alcuin kurz definirt werden. Nachdem
dann ein Stückchen aus der Rhetorik des letzteren noch mit-
getheilt, geht der Verfasser (S. 8) zur Grammatik über, um
hier einzelne intricatere Fragen der Betonung, Quantität und
Aussprache weitläufig zu behandeln, wobei denn ein halbes
Dutzend lateinischer Grammatiker und Metriker als Autoritäten
angeführt werden.'^) Diese Partie, die den Hauptinhalt bildet,
bezeugt wenigstens, in welcher eingehenden und ausführlichen
Weise die grammatischen Studien schon damals von einzelnen
betrieben wurden. — Indem der Verfasser darauf zu seinem
Hauptsatz von der christlichen Liebe zurückkehrt (S. 23 f.),
gibt er dann noch eine Probe seiner Bibelexegese, die
natürlich die mystisch - allegorische ist , und — nach einem
philosophischen Abstecher über die Natur der Seele — als
Gegenstück etwas von der antiken Mythologie auf Grund-
lage des Virgil und seiner Commeutatoren zum besten (S. 29 flf.),
wobei er es indessen gerathen findet, seinem Abscheu vor dem
Heidenthum einen sehr aflfectirten kräftigen Ausdruck zu
geben. ^)
Zum Schluss (S. 3 1 ff.j beschäftigt er sich allein mit Gri-
mald und dem von ihm regierten St. Gallen, zu dessen Ruhme
1) S. p. 6. 2) S. p. 7.
3) So ausser Alcuins, Priscians und Donats Werken Consentius, Sextus
Pompeius, Servius Honoratus, Beda.
4) Linquamus, pater, iam linquamus Maronem cum Sinonte suo men-
dacissünum et in Stige, pessima palude, cum Apolline et Musis suis se-
pultum etc. Der Verfasser plaudert dann von der Unterwelt, den Parcen,
Furien und endet seine Diatribe: Caelestis rex maledicat talia figmenta.
Et quid haec eadem nominare valeo? nisi supra conpositorum equorum,
qui redam tuam trahunt, stercora decideutia. — — Et quia, prout nosti,
sicut stercus parat agrura ad proferendiun satius frimientuin. ita dicta pa-
ganorum poetarum, licet foeda sint, quia non sunt vera, multiun tarnen ad-
iuvant ad percipiendum diviniun eloquium. p. 31. — üebrig^s weiss er,
dass Virgil in den Eklogen Theokrit, in den Georgica Hesiod und in der
Aeneis Homer nachgeahmt habe. ibid.
184 Ermeurich, Epistola ad Grimaldum.
er eine von Walahfrid beabsichtigte poetische Bearbeitung
des Lebens seines heiligen Gründers, wozu er aufgefordert war,
ausführen will, obgleich sich mittlerweile auch Concurrenten
dafür eingestellt hatten. Den Anfang dieses Werkes, dem er
ein prosaisches Vorwort über die alte Heimath des Heiligen
vorausschickt, worin ihre Vorzüge allegorisch gedeutet werden,
gibt Ermeurich in 114 zum Theil sehr holprigen Hexametern
im Anhang. Hier besingt er das neue Vaterland des Begleiters
des Columban, indem er dessen beide Hauptströme, die Donau
und den Khein in ihrem Laufe schildert. Auch andre Gedichte
theils zum Lobe Grimalds, theils zum Preise der Dreieinigkeit
(zum Theil mit der Spielerei des Acrostichon) sind von ihm
beigefügt, wüe denn auch über die letztere als Beispiel seiner
dogmatischen Bildung eine kleine Abhandlung nicht fehlt.
Dieses wunderliche Specimen eruditionis, das in kleinem
Kahmen ein Bild der damaligen Klosterstudien Deutschlands
bietet, in welchen sich ganz verschiedene Kulturelemente durch-
kreuzen, hat noch einen besondern Zug, der bereits in der
ersten Schrift Ermenrichs sich findet: eine gewisse, wenn auch
noch so beschränkte und oberflächliche Kenntniss des Grie-
chischen gibt sich nicht bloss in einzelnen Wörtern kund, die
wie falsche Brillanten in die ohnehin gezierte Diction ein-
gefügt sind, sondern auch in ganzen, offenbar entlehnten,
griechischen Versen.') Der* Verfasser scheut sich überhaupt
nicht, fremdes Gut in Prosa wie in Poesie sich anzueignen,
wie er denn in den wenigen Gedichten nicht bloss u. a. Auson
und Prisciau (dessen Periegesis), sondern auch Theodulf und
den karolingischen Naso geplündert hat. Man sieht auch an
Ermeurich wieder, wie verschieden blosse Gelehrsamkeit und
wahre Bildung sind. Der ersteren scheint Ermeurich aber doch
seine Erhebung zum Bischof von Passau verdankt zu haben
im Jahr 865; als solcher starb er neun Jahre später.
1) So griechische Hexameter iii dem ersten Gedicht, j). 36, v. 31, 33,
35, mit welchen lateinische Pentameter zu Distichen verbunden sind; so in
dem dritten p. 41, v. 20 ff. Pentameter und Hexameter, ja im zweiten Pen-
tameter werden lateinische Worte mit den griechischen gemischt: Orgia
da nobis panta kalon domine. — Was die Einmischung griechischer Worte
in lateinischen Text betrifft, so findet sich dieselbe auch in dem weiter
unten angegebenen Codex von St. Riquier, s. Dümmler, N. A. S. 521.
Wandalbert. 185
SECHSTES KAPITEL.
LOTHRINGEN: WANDALBERT, SEDULIUS SCOTUS.
Auch in Lothringen findet die gelehrt-ästhetische Bildung
und die Poesie, die aus ihr erwuchs, um jene Zeit, die Mitte
des neunten Jahrhunderts, ihre Vertreter: einmal einen Deut-
schen, der in einem Theil seiner Dichtung einen gewissen
Zug der Verwandtschaft mit Walahfrid zeigt in dem Sinn für
die Reize der Natur, es ist Wand albert ') , ein Mönch des
Klosters Prüm, der S13 geboren war. Der Abt des Klosters
(829—853), Marcward, ein Verwandter des Lupus, hatte seine
Ausbildung im Kloster Ferrieres erlangt, welches Alcuin einst
gehörte, und schon dadurch eine Stätte der Kultur werden
musste, zumal Alcuin selbst dort öfters sich aufhielt ; Marcward
war auch zeitweilig Karls des Kahlen Hüter und Lehrer, als
derselbe 833 nach dem Siege Lothars über Ludwig den
Frommen nach Pilim verwiesen wurde. '■^) Wie dieser auch in
politischer Beziehung hochangesehene Abt die gelehrten Studien
in seinem Kloster pflegte, so musste er auch literarische Thä-
tigkeit begünstigen.
Wir besitzen von Wandalbert nur ein, aber ein grösseres,
aus verschiedenen Gedichten componirtes, poetisches Werk,
dessen Kern ein Martyrologium ist, wovon es denn über-
haupt diesen Titel trägt. Es ist dasselbe i. J. 848 vollendet.
Wie der Autor aber selbst in diesem Werke bemerkt, hat er
früher manche weltliche Gedichte geschrieben, durch die er
den Beifall der Menge erstrebte^); sie sind uns aber nicht er-
1) Wandalberti opera in Migne's Patrol. lat. T. 121. Paris 1S52. —
Wandalberti Martyrologium in: D'Achery, S])icilegium sive collectio vete-
rum aliquot scriptor. qui in GaUiae bibliothecis delituerant. Nova ed. per
De la Barre. Paris 1723. fol. T. U, p. 3S ff. — Vita S. Goari in: Mabillon,
Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. II, p. 298. Histoire litteraire de la
France T. V, p. 377 ff. — Dümmler, N. A. S. 305 ff.
2) S. "Wattenbach a. a. 0. I, S. 210.
3) Carmine qui vacuas captavi saepius auras,
Rumores viügi quaerendo stultus inanes.
Propositio.
186 Wandalbert.
halten. Dem Werke geht eine Vorrede in Prosa voraus, an
einen Freund „Herrn" Otrich in Cöln gerichtet'), der dem
Verfasser nach dessen Entfernung aus dem Vaterlande mit
Rath und That beigestanden habe; er hat Wandalbert um ein
in Versen verfasstes Martyrologium gebeten. -) Bei dessen
Abfassung aber, bemerkt hier Wandalbert weiter, sei er vor-
züglich durch den berühmten Subdiacon der Kirche von Lyon,
Florus unterstützt worden, der im Besitz einer reichen Biblio-
thek ihm alte und verbesserte Codices geliehen habe. Unter
den letzteren befand sich ohne Frage das von Florus selbst
erweiterte und vermehrte Martyrologium des Beda^), das in
der That als die Hauptquelle Wandalberts erscheint. Der
Verfasser gibt ferner in der Vorrede den Inhalt des ganzen
Werkes an, indem er alle einzelnen Theile oder Gledichte,
die es bilden, nennt, woraus sich mit Sicherheit ergibt, dass
und wie sie zusammengehören. Zugleich aber erklärt er hier
die in ihnen angewandten mannichfaltigen Versmasse, wobei
einzelne beachtenswerthe Eigenthümlichkeiten der mittelalter-
lichen Metrik sich finden.^) Zeigt sich auch hier und da ein-
mal eine nicht richtige Auffassung des antiken Versmasses, so
muss man doch im allgemeinen über die Kenntniss der Metrik
des Alterthums und die Gewandtheit in ihrem Gebrauche er-
staunen.
Das Werk beginnt mit der Invocatio, einem Gebet zu
Christus in elf vierzeiligen Strophen asklepiadeischer Chor-
iamben (- - - ^ ^ — ^ ^ - ^ i^-j^ worin der Dichter bittet,
1) Denn wenn es am Schluss des Abschnitts von den Monaten heisst:
Huncque modiun et morem sibi Gallica rura retentant,
Quem breviter signans digessi cannine, lector,
Wandalbertus ego, hortatu compulsus amici,
Dulcia me Rheni quo tempore littora alebant,
Maxima Agrippinae veteris quis moenia praesunt.
so beziehe ich den mit quo tempore eingeleiteten Satz auf hortatu, nicht
auf digessit.
2) petiisti, ut per anni totius spatium occurentes quot diebus
sanctorum festivitates et solemnes undecunque Christianorum votorum cele-
britates metro digererem. Praef.
3) S. Bd. I, S. 607.
4) So werden hier die Strophen durch die Ausdrücke: Versus ma-
iores, oder Versus maioris complexionis bezeichnet.
MartjTologium. 187
ihm um der Verdienste der Heiligen •willen, denen sein Werk
geweiht ist, zu verzeihen. Es folgt die Allocutio, die An-
rede an den Leser, 68 Verse in demselben Versmass, nur dass
es hier catalectisch ist; die Heiligen werden hier als Muster
hingestellt, indem aller einzelnen Klassen derselben gedacht
wird: der Propheten, Apostel, Märtyrer, Kirchenlehrer, der-
jenigen, welche die Fleischeslust besiegten, und die vermählt,
der Ehe entsagten, oder doch ihre Kinder Gott weihten, dann
der Eremiten, der Mönche und derjenigen, die ihren Reichthum
Christus opferten : „ so ist vielfach die Ursache des Verdienstes
der Seligen." Ihnen soll der Leser nachstreben. — Drittens
die Commendatio in zwei Gedichten, das eine in 36 pha-
läcischeu Versen, die der Praefatio zufolge vierzeilige Strophen
bilden sollen, empfiehlt das Buch dem Freund Otrich, das
andre in 42 adonischen Versen, zu sechszeiligen Strophen ver-
eint, dem Kaiser Lothar.') Hier wird dessen Lob gesungen,
dort der ausgezeichnetsten christlichen Autoren gedacht, die
mit ihren Werken Ruhm ernteten, zuletzt des Prudentius,
welcher ohne Frage durch die Mannichfaltigkeit seiner Metren
auf unsern Dichter einen besondern Einfluss ausgeübt hat.
Nun kommt erst das Martyrologium selbst in Hexametern,
nachdem in demselben Versmass unter der Ueberschrift „Pro-
positio" das Argument gegeben, und unter dem Titel „Com-
prensio temporum" die Eintheilung der Zeit, das Jahr, die
Monate, die Woche, kurz behandelt worden. Das Martyro-
logium, welches 940 Verse zählt, führt Monat für Monat bei
jedem Tag einen oder mehrere Heiligen, zunächst Märtyrer,
auf, denen derselbe als ihr Todestag — der Geburtstag zum
ewigen Leben — geweiht ist, zuweilen mit kleinen Bemer-
kungen; zugleich werden aber auch andre Kirchenfeste, die
Christus und den Aposteln gewidmet sind, angeführt, wie beim
1. Januar die Beschneidung Christi, beim 25. desselben Mo-
nats die Bekehrung des Paulus. Wie sich kaum anders er-
warten lässt, hat diese Kalenderpoesie von der Poesie nur den
Vers und hier und da den Ausdruck, aber so sehr auch in
letzterer Beziehung der Verfasser zu variiren bestrebt ist, es
1) Der schon 5 Lustra diesen Titel führt: hieraus ergibt sich die Zeit
der Abfassung des Werkes, oder mindestens seiner Publication; das letzte
darin erwähnte Ereigniss ist vom J. S44. S. Hist. litter. 1. 1. p. 3S0.
188 Wandalbert.
müssen doch dieselben Wendiiogen ungezählt wiederkehren, 0
Doch erhebt sich die Darstellung immer noch viel über die
anderer solcher versificirten Martyrologien , von denen min-
destens eins, dessen Handschrift aus St. Riquier stammt, wohl
noch früher verfasst ist, zumal wenn, wie es wahrscheinlich,
der Magister der Klosterschule, Mico sein Autor ist.-j Es hat
auch einen primitiveren Charakter als das des Wandalbert,
indem nicht alle, sondern nur einzelne Tage, und ein jeder
stets nur in einem Verse behandelt werden. Die Versification
der Martyrologien erklärt sich aber überhaupt wohl aus dem
Wunsche dem Gedächtniss zu Hülfe zu kommen.-^)
Nach dem Martyrologium folgt die Conclusio in acht
dreizeiligen Strophen desselben choriambischen Metrum, das
Prudentius in der Praefatio seiner Werke angewandt hat^j, an
welche auch der Inhalt an einzelnen Stellen erinnert.^) Der
Dichter hofft zum Dank für sein Werk, auf das er hier zurück-
blickt, durch die Fürbitte der Heiligen von Christus einst be-
gnadigt zu werden, ein Gedanke den er schon in der Invocatio
aussprach, und in einem der Conclusio folgenden, in acht
sapphischen Strophen verfassten Hymnus wiederholt. Beide
Schlussgedichte sind an Christus gerichtet.
Aber es sind noch zwei Anhänge hinzugefügt, die, wie
die Vorrede ausdrücklich bezeugt, zu dem ganzen Werke ge-
hören. Der erste von ihnen (im ganzen 450 Hexameter) hat
einen durchaus weltlichen Charakter und ist von einem Hauche
wahrer Poesie erfüllt, so dass wir, hiernach zu urtheilen, den
1) Das Verhältniss zu Becla und Florus Hesse sich erst erörtern, wenn
das Verhältniss der beiden zu einander festgestellt wäre.
2) Von dem sich schon ein Gedicht aus d. J. 825 in demselben Codex
findet. S. über den Codex wie über Mico Dümmler, N. A. S. 515 ff., na-
mentlich 516 u. 520 f.
3) Was für einen andern Zweck konnten solche Verse haben wie bei
Wandalbert : Martis Donatus tenet Albinusque Calendas ? Aber auch selbst
mit einer Motivirung, wie zum 10. August:
Quartis (sc. idibus), Laurenti, merito splendescis opimo,
Ignem qui passus tortorem vincis iniquiun.
4) Das Schema ist:
5) So vgl. die 3. Strophe der Conclusio mit der 1. der Praef
Martyrologium. 189
Verlust der weltliclieu Gedichte Wandalljerts in der That zu
bedauern haben. Es schliesst sich dieser Anhang an die
kurze Comprensio temporum seinem Inhalt nach au. Der
Dichter behandelt darin zunächst die Monate einzeln, und
zwar immer die Herkunft des Kamens, das entsprechende
Sternbild und die Thätigkeit des Landwirths, wie man dies
ja auch heute noch in manchen Kalendern kurz angezeigt
findet. Der zuletzt erwähnte Punkt der Betrachtung, welcher
nicht bloss Feld- und Gartenbau, sondern auch die Jagd be-
greift, gibt nun zu kurzen, oft recht anmuthigen Beschreibungen
in einer damals seltenen gewandten Form Gelegenheit, Schil-
derungen die man noch heute in den leicht dahin fliessenden
Versen mit Vergnügen liest. In diesem Theile seiner Dich-
tung zeigt sich "Wandalbert als ein Geistesverwandter des
Verfassers des Hortulus, nur erscheint seine Darstellung noch
freier, ungezwimgener und frischer, i) Die Herleitung der Mo-
natsnamen ist nach Isidor (Etymol. 1. V, c. 33) gegeben-),
ausser dass Wandalbert Juno zur Taufpathin des Juni macht. 3)
— Als Anhängsel zu diesem Anhang folgt ein recht prosa-
isches Thema wieder, ein Horologium für die zwölf Monate,
in welchem die Tagesstunden durch die Länge des Schattens
des menschlichen Körpers für die einzelnen Monate bestimmt
werden, von welchen aber immer zwei, der erste und zwölfte,
der zweite und elfte u. s. w. gleichgestellt werden.
Endlich der zweite Anhang : er ist betitelt De creatione
1) Um wenigstens ein kleines Beispiel, aufs Gerathewohl genommen, zu
geben, so heisst es vom Januar:
Tum tempus, campis lepores lustrare nivosis,
Artibus et variis pictas captare volucres:
Per campos voUtant coUesque et flmnina circimi.
Tiun capus accipiterque placet, curisque solutis
Per briunam genio vacat indulgere, doraique
Diversos usus veri proferre futuro.
2) Auf dessen Eechnung auch die noch im späteren Mittelalter, so
bei Philipp von Thaün (Compot), sich findende wunderliche Etymologie von
September und den folgenden Monatsnamen konunt, die aus Zusammen-
setzung mit im her gebUdet sein sollen.
3) Am Schluss dieses Gedichts von den Monaten nennt sich der Ver-
fasser (s. die Stelle oben S. 186, Anm. 1), und bemerkt dass er die
Gallische Landwirthschaft im Auge gehabt, doch wird er unter Gallien das
Land bis zum Pvheine begriffen haben.
190 Wandalbert, Vita Goaris.
mundi und in 285 pherecratischen Versen verfasst'); hier wird
das Werk der sechs Schöpfungstage kurz geschildert und darauf
der Mensch, der selbst eine Welt sei, gegen welche die grosse
zurückstehe, zu einer tieferen, mystischen Auffassung des
Schöpfungswerkes aufgefordert. Hiermit schliesst die Dichtung,
die im Ganzen nicht weniger als 1919 Verse zählt.
Auch ein Werk in Prosa besitzen wir von Wandalbert,
ein Heiligenleben, das aber in seinem ersten Buche nur eine
stilistische Bearbeitung einer älteren Redaction, wie sie die
fortgeschrittene literarische Bildung damals verlangte , dagegen
original im zweiten Buche ist, welches die Wunder des Hei-
ligen behandelt, die an seinem Grabe seit der Uebertragung
der Gebeine in die ihm zu Ehren gebaute Kirche geschahen.
Es ist die Vita S. Goans, welche Wandalbert auf den
Wunsch seines Abtes Marcward um 839 verfasste. Das Kloster
Prüm hatte aber ein besonderes Interesse an dem Heiligen
und seiner Verehrung, weil es durch Pippin, Karls des Grossen
Vater, die Cella Goars erhalten hatte. Nach unsrer Vita
stammte der Heilige aus Aquitanien und war bereits im sech-
sten Jahrhundert unter Childebert I. an den Rhein gekommen,
und hatte dort als Missionar gewirkt, indem die ihn besonders
auszeichnende Tugend der Gastfreundlichkeit ihn überall be-
liebt machte. Nur von dem ansässigen Klerus, der wohl eifer-
süchtig auf die Popularität des Fremden wurde, hatte er
manche Anfechtungen zu erdulden. Er wurde angeklagt, sich
selbst dem Essen und Trinken zu sehr hinzugeben, wenn er
es auch mit Reisenden und Armen theilte, und deshalb vor
den Bischof von Trier citirt. Aber die Heiligkeit des Bon-
homme, der lebte und leben liess, wird hier in wunderbarer
Weise bezeugt und die Unheiligkeit des Bischofs nicht minder,
so dass dieser dem Bisthum entsagen muss, das nun Goar,
aber vergeblich, angetragen Avird.-) So feiert die Legende
den Sieg des Missionars über den Bischof.
Unter den im zweiten Buche erzählten Wundern, von
denen der Autor nur durch Ueberlieferung von Augenzeugen
1) Von denen nach der Vorrede allemal 3 eine Strophe bilden sollen
was aber nur ausnahmsweise der Fall ist.
2) Vgl. Rettberg. Bärchengesch. Deutschlands I, S. 4SI f. u. 465, der
aber hier in seiner kritischen Schärfe etwas zu weit geht.
Sedulius Scotus. 191
Kunde haben will, findet sich neben vielem unbedeutenden
auch einzelnes historisch merkwürdige, wie c. 15 eine Erzäh-
lung von einer Eheinfahrt Karls des Grossen und seiner Söhne,
die von neuem bestätigt, dass der grosse Fürst kein Betbruder
war, oder c. 11 die von dem Nationalhass eines deutschen
Adligen gegen alle Romanen. 0 Auch die Prosa Wandalberts
zeichnet sich durch einen einfachen und klaren Ausdruck aus.
Ein andrer Vertreter der literarischen Kultur in Lothringen
um die Mitte des Jahrhunderts ist ein eingewanderter Ire,
Lehrer an der Domschule von St. Lambert in Lüttich , Sedu-
lius Scotus."-) Die uns von ihm erhaltenen Werke fallen
ungefähr in den Zeitraum von S40 — S68; sie sind auch die
einzige Quelle seiner Lebensgeschichte. Sedulius, so erfahren
wir aus ihnen, war einer jeuer gelehrten irischen Auswanderer,
die, wie wir auch schon früher bemerkten, auf dem Contiuent
eine grössere Wirksamkeit und eine bessere Lebensstellung
suchten, und zunächst auf gut Glück hin ihre Heimath ver-
liessen. So laugte denn auch eines Tags bei eisigem Nord
und Schneegestöber Sedulius zugleich mit zwei andern „ge-
lehrten Grammatikern und frommen Presbytern '", seinen Lands-
leuten, müde, erfroren und hungrig in dem Lütticher Domstift
an , um mit ihnen dort nicht bloss eine zeitweilige Zuflucht,
sondern eine dauernde Aufnahme zu finden. Hierfür spricht
Sedulius in einem Gedicht dem Bischof Hartgar (S40 — S54)
J) Die Stelle finde ich zu merkwürdig, um sie nicht hier anzuführen:
ciim — — omnes Romanae nationis ac linguae homines ita
quodam gentiütio odio execraretur, ut ne videre quidem eonim aliquem
aequanimiter vellet, ac si quos forte ex eadem familia comprehendere po-
tuisset, crudeliter nonnumquam afticeret.
2) Fünf Gedichte des Sedulius Scottus an den Markgrafen Eberhard
von Friaul, zum erstenmale herausgeg. von E. Dümmler. In: Jahrbuch
für Vaterland. Geschichte. 1. Jahrg. Wien 1861. — Scdulii Scoti carmina
ed. ab Aem. Grosse. Königsberg 1S6S (Festj^rogr. des Friedrichscollegl.
— Sedulii Scotti Carmina quadraginta ex cod. Bruxellensi ed. ab E. Dümm-
ler. Halle 1869. (Univ.-Progr.) — Carmina medii aevi masimam partera
inedita, ex bibUothecis Helveticis collecta ed. H. Hagen. Bern IST".
p. 1 — 10. — Sedulü Scoti Liber de rectoribus christianis in: Spicilegium
romanum. Tom. YIII. Rom IS42. Dümmler. X. A. S. 315 If.
192 Sedulius Scotus.
seinen Dank aus. ^j Freilich die rauchige, fenster- und schlösser-
lose Wohnung war, zumal verglichen mit dem prächtigen
Palaste des Bischofs, eine Cacus-Höhle: so singt in einem mit
gutem Humor und lebhaften Farben ausgestatteten Liede (in
vers. Asclepiad. minor, catal.) unser Dichter den heiligen
Lambert an, der lieber alle seine Blinden in diesem Hause
versammeln möge, das für Nachtkrähen und Maulwürfe, aber
nicht für „ Gelehrte " {sophistue) sich schicke, welche die Gaben
strahlenden Lichtes lieben.-) Manche scherzhafte poetische
Bettelbriefe an den Bischof um Wein, Meth, Brod und Fleisch^)
zeigen, dass des armen irischen Magister Haushaltung oft
knapp bestellt war, aber wohl noch mehr, dass er gar nicht
unempfindlich für die leiblichen Genüsse war: namentlich
liebte er den Becher, wenn er die Musen anrief.^) Neben
der Dichtkunst huldigte Sedulius, auch darin ein ächter Ire,
mit Vorliebe der Musik, vergleicht er sich selbst doch einmal
mit Orpheus und nennt Calliope seine musica coniux'^) ; freilich
war ja die Musik auch ein wesentlicher Bestandtheil der Ge-
lehrsamkeit damals. Seine grammatische Bildung bezeugen
schon seine Gedichte formell wie inhaltlich, in der Metrik und
Sprache, wie in der Kenntniss der antiken Mythologie und
Geschichte. Besonders hat Virgil, wie auch manche Reminis-
cenzen zeigen, auf ihn Einfluss gehabt, wagte Sedulius es
doch, sich selbst den Maro Lüttichs zu nennen. Sogar einige
Kenntniss des Griechischen scheint er besessen zu haben, was
gerade bei einem Iren zwar weniger Wunder nimmt: es hat
sich noch die Abschrift eines griechischen Psalters von seiner
Hand erhalten, und selbst in seinen Gedichten finden sich
Andeutungen und Spuren einer solchen Kenntniss. 0) — Sedulius
hat auch noch unter Hartgars Nachfolger, Franco (854 — 901),
den er gleich dessen Vorgänger in seiner Dichtung verherr-
1) S. Carmina quadrag. c. 1 u. vgl. Cannina ed. Grosse, c. 1, insbe-
sondere V. 39 f.
2) Carm. ed. Grosse, c. 2.
3) Carm. ed. Grosse, c. 4, Cann. quadr., c. 22.
4) Vescor poto libens, rithmizans invoco Mnsas. Carm. quadr., c. 33, v. 3.
5) Dümmler, Fünf Ged. S. 171. Vgl. Carm. ed. Grosse, c. 15.
6) S. auch Cann. ed. Grosse, c. 15, v. 82: dort lässt sich Sedulius von
seiner Muse als Graeculus rühmen.
Leben. Gedichte. 193
licht, in Ltittich kürzere Zeit gewirkt; dann aber ist er mit
seinen Landsleuten nach Italien gezogen und hat bei dem
Erzbisehof von Mailand Tado (860—868) Aufnahme gefunden. >)
Diesem wie andern angesehenen Prälaten und vornehmen Laien
wusste er durch seine Dichtung sich zu empfehlen, was noch
immer einen in den höhern Kreisen weiter verbreiteten ästhe-
tischen Sinn bekundet.
Die Dichtimg des Sedulius, von der uns sehr viel er-
halten (es sind gegen 9ü Gedichte), ist zwar meist Gelegenheits-
poesie, doch zum Theil in einem höheren Stile ; Sedulius war
kein blosser Versemacher, er besass doch einen Funken poe-
tischer Begabung, so dass wir einzelnen Stellen, ja einzelnen
Gedichten von ihm begegnen, die eines wahren Dichters würdig
sind. In literarhistorischer Beziehung aber bieten seine Ge-
dichte ein mehrfaches Interesse dar. Zuerst ein allgemeines:
es spiegelt sich in ihnen die Xationalität des Autors lebhaft
ab, und zwar in ihren merkwürdigen Gegensätzen: es zeigt
sich ebenso die Neigung zu schwülstigem Prunk, als der Sinn
für das niedrig Burleske; auch ein gewisser elegischer Zug
fehlt nicht ganz.
Die meisten der Gedichte sind entweder epistelartig
in der Form der antiken Elegie, oder panegyrische Ge-
dichte, die theils auch in Distichen verfasst, an die ersteren
sich anschliessen , theils als Oden in der sapphischeu Strophe
erscheinen. In ein paar Elegien an Bischof Hartgar, der,
offenbar nicht lange nach Ankunft der Schotten, nach Rom
reisen musste, findet sich ein Ausdruck wahrer Empfindung,
wenn der Dichter in der einen den Winter anklagt, den wilden
Sohn der scvthischen Felsen, dass er ihnen diese goldene
Leuchte entführe — war doch der Bischof gewiss nicht bloss
1) S. N. Arch. IV, S. .317 ff. , -wo Dümmler den Beweis antritt, dass
die von Hagen Carm. med. aev. p. 1 — 10 edii-ten Gedichte, und nament-
lich die an Tado gerichteten, unsem Sedulius zum Verfasser haben. Rück-
sichtlich der letzteren stimme ich unbedingt bei. Zumeist spricht dafür
die auch sonst bei Sedulius sich findende Benutzung eigener älterer Ge-
dichte, aus denen ganze Verse entlehnt sind, so in c. VII. worin nament-
lich das an Hartgar während seiner Abwesenheit in Rom gerichtete Ge-
dicht (Carm. quadr. c. 3) benutzt ist; die Vergleichung von v. 5.5 desselben
mit VII, V. 39 zeigt aber nach dem ganzen Zusammenhang der Stelleu, dass
nicht das umgekehrte Verhältniss obgewaltet hat.
Ebert, Literatur des Mittelalters II. 13
194 Sedulius Scotus. .
in materieller Beziehung den Fremden eine Stütze, sondern
aucli in geistiger ein Trost — und wenn in der andern der
Dichter die Musen auffordert, Hartgar zurückzubringen, und
den Tiber bittet mit dem Rheine Mitleid zu haben, um ihn
ziehen zu lassen. >) Die panegyrischen Gedichte sind im all-
gemeinen mindestens durch die Persönlichkeiten, denen sie
gewidmet sind, von Interesse: so sind ein paar an Karl den
Kahlen gerichtet, dessen Gelehrsamkeit hoch gerühmt wird; den
aber der Dichter auch mit dem „ alten Karl " (dem Grossen)
gleichzustellen wagt. Nicht minder wird Lothar, der Landes-
herr, mit seiner Familie besungen: am schwungvollsten aber
feiert unser Dichter die schöne, fromme Gemalin des Kaisers,
L-mingard, zu der er offenbar eine persönliche Zuneigung hatte ;
in der Schilderung ihrer Schönheit verwendet er die glänzend-
sten Farben seiner poetischen Palette-); für sie dichtete er
auch Verse auf Bilder aus dem Leben des heil. Petrus, womit
ein Pallium, das die Kaiserin verschenkte, geschmückt war. 3)
Auch Söhnen Lothars und seiner Tochter Bertha, die verwittwet,
Aebtissin von Avenaj geworden war, sind Gedichte gewidmet ;
in einem an dieselbe rühmt er vornehmlich die sittlichen Vor-
züge der Mutter Irmingard, die sich in der Tochter wieder-
finden (Carm. quadr. c. 37). Ludwig der Deutsche ist auch in
einem langen Panegyricus von 52 reciproken Distichen an-
gesungen (ed. Gr. c. 10), worin — das einzig thatsächliche von
Belang in dem Wortschwall — die Ausbreitung des Christen-
thums durch ihn, gepriesen wird.
1) Carm. quadr. c. 2 u. 3.
2) Carm. quadr. c. 11, v. 21 flf.
In facie niveum quoddam roseumque rubescit,
Quae superat mmj^has Luciferique decus.
Cingitur auricomis flavus vertexque capillis,
Crisoliti specimen circulat omne caput.
Lactea formoso decorantur colla nitore,
Lilia ceu splendent aut elefantis ebur.
3) Carm. quadr c. 12: Hinc versus ad Ermingardem imperatricem
conscripti in serico pallio de virtutibus Petri Apostoli. — Die Verse —
allemal vier Hexameter — waren wohl unter oder über den Bildern ein-
gewebt. Solche Tetrasticha hatte schon Prudenz zur Erklärung von Bildern,
mit denen sie verbunden waren, verfasst. S. Bd. I, S. 279 if. u. vgl.
ebenda S. 397 ff.
, Gedichte. 195
Zum guten Theil sind solche schablonenhaft verfasste,
stets mit einer tüchtigen Dosis Schmeichelei gewürzte Gedichte
zur Feier der Ankunft der hohen Personen in Lüttich gemacht.
Zu ihnen gehört auch der tapfere Graf Eberhard von Friaul,
Ludwigs des Frommen Schwiegersohn, der im lothringischen
Reiche begütert war und von dorther stammte. Es ist derselbe
bei dem sich Gottschalk aufhielt. Wie er überhaupt die Lite-
ratur und die Literaten liebte, auch eine für jene Zeit bedeu-
tende Bibliothek besass, so trat auch Sedulius leicht zu ihm
in eine nähere Beziehung. Ausser der ihm bei seiner Rück-
kehr in die Heimath in Distichen gewidmeten Begrüssung,
worin Sedulius den Sieger über Normannen und Sarazenen als
Schild Italiens preist'), hat er noch mehrere Gedichte an ihn
gerichtet, die gerade zu seinen besseren gehören. So eins auf
den Tod und eins auf die Geburt eines Sohnes des Grafen,
welche Elegien durch manche hübsche Einzelheit ansprechen-);
so ein anderes, im Namen Hartgars auch in Distichen ver-
fasstes Gedicht bei Uebersendung des Werks des Vegetius De
re militari. Der kriegerische Ton, den hier Sedulius mit Er-
folg anschlägt'^), klingt auch in mancher seiner Oden wieder,
namentlich in einer dem Eberhard gewidmeten, worin er von
neuem den frommen Helden, den „ Schützer der Kirche " feiert,
seine siegreichen Kämpfe, an der Spitze der weissen Schaaren
der Franken, mit den heidnischen Mauren schildernd.^) In
andern Oden preist der Dichter Lothar und die eignen Bischöfe,
Hartgar wie dessen Nachfolger Franco, ob der über die Nor-
mannen erfochtenen Siege, bei ihrem Einzug in Lüttich: in
der ersten dieser Oden wird die Flucht der Normannen in ihre
1) Dümmler, Fünf Ged. c. 5.
2) Dümmler a. a. 0. c. 1 u. 2. In der zAveiten Elegie heisst es von
Eberhard v. 27 f. :
Sic tuus ensipotens genitor puerüibus annis
Almae sophiae sacra fluenta bibit.
3) Z. B. Dümmler a. a. 0. c. 4, v. 9:
Hie tuba terribili sonitu clangore remugit,
Praecipites scopulos carrobalista serit,
Horridus ast aries frontis ductuque superbo
Muros tuiTigeros content atque quatit.
4) Dümmler a. a. 0. c. 3.
13*
196 Sedulius Scotus. «
Schiffe lebendig geschildert; sonst findet sich in ihnen manche
phrasenhafte Wiederholung. 0
Unter den übrigen Gedichten des Sedulius sind vier von
besonderem Interesse: einmal ein Lobgedicht auf einen Gönner
Robertus, wahrscheinlich einen Abt"-), der reich an Weinbergen
wie Schafherden, durch seine Freigebigkeit bekannt war. Das
Gedicht ist in rythmischen Versen verfasst, und durchaus
scherzhafter Natur, beweist es den guten Humor unseres Poeten,
der ziemlich deutlich hier auf die Weine seines Gönners
speculirt, welcher, ein Gelehrter unter den Gelehrten, mit
himmlischem Thau die Geister zu unterweisen verstehe. In
der That aber muss Robertus einige Gelehrsamkeit besessen
haben, da ihn der Dichter im Eingang in allen sechs Casus
begrüsst, ein grammatischer Witz, der etwas an die Spielerei
des grammatischen Reims in der Lyrik der Troubadours er-
innert. 3) — Ferner eine Thiergeschichte : De quodam verbece a
cane discerpto , ein längeres Gedicht von 70 Distichen, das
offenbar eine wahre Geschichte zum Gegenstand hat.^) Ein
dem Dichter von seinem Bischof Hartgar geschenkter Hammel
wird gestohlen; der Dieb, von Hunden verfolgt, lässt das
Thier fahren, das nun selbst mit diesen einen Kampf zu be-
stehen hat, in dem es schliesslich unterliegt. In komisch
1) Carm. quadr. c. 26 u. 29, ed. Grosse c. 3 u. 9. — Von den andern
Gönnern, denen Sedulius Gedichte, meist im elegischen Metrum, gewidmet,
verdienen noch genannt zu werden: der Erzbischof von Cöln," Günther,
der, wie sich hier ergibt (Cai-m. quadr. c. 30 u. 34), selbst geistlicher
Dichter war, der oben erwähnte Tado (bei Hagen c. 2 u. 7) und der
Herzog Leodfrid, Kaiser Lothars Schwager (bei Hagen c. 3 u. 8).
2) Dümmler hält ihn für einen Grafen, aber für „Abt" spricht die
Bezeichnung pater v. 17, man müsste denn annehmen, sie wäre scherz-
haft angewandt, was sich auch wohl denken Hesse.
3) Das Gedicht bei Grosse c. 6 beginnt:
Bonus vir est Robertus, laudes gliscunt Roberti:
Christe fave Roberto, longaevum fac Robertum,
Amen. Salve Roberte, Christus sit cum Roberto.
Den Rythmus betrachten wir weiter unten. — An denselben Robert hat
Sedulius auch eine directe poetische Supplik in Hexametern gerichtet, in
der er in scherzender Form um einen Hammel bittet; auch hier fehlt es
nicht an Wortspielerei (ut multis multetur multö). S. Carm. quadr. c. 18.
4) Carm. quadrag. c. 19. — Anspielungen auf die Fabek vom Fuchs
finden sich in hübscher Form bei Grosse eil.
Gedichte. 197
parodischer Weise wird dieser Schöps und sein Heldenmuth
vom Dichter besungen, der ihm am Schluss noch ein Epi-
taphium setzt. Die fliessend geschriebene muntere Dichtimg
spricht noch immer an und zeigt die besondere Begabung des
Sedulius für diese Art der Poesie. Merkwürdig ist die Frei-
heit, die sich der Dichter nimmt (v. 117 f.), den für den Dieb
gestorbenen Bock mit dem Agnus dei zu vergleichen, eine
Freiheit wie sie auch die spätere mittelalterliche Dichtung in
ihrem Humore sich nicht selten erlaubt, — Ein andres Gedicht
in Distichen (Carm. quadr. 5) ist merkwürdig als eine zum
Weihnachtsfeste verfasste geistliche Allegorie : der Kirchenchor
(chorus ecclesiae) — hier wohl für die „Kirche" selbst ge-
nommen — soll Maria bedeuten, der Bischof, der Pastor, der
die „Brüder" aus der ägyptischen Finsterniss in die Heimath
des Lichts führt, den Joseph, der Dom ist Bethlehem, auch
das Christuskind ist da in dem Brode (die Traussiibstantion
nimmt also Sedulius an), und wie die Engel sein Lob singen,
so hier der Chor; der Bischof-Hirt repräsentirt in zweiter Kolle
die Hirten, welche den Hirten Christus bezeugen, die Magier
aber werden vertreten durch die Scotti sophistae, die irischen
Weisen'), welche Gaben der Weisheit (sophica dona) bringen.
So möge denn, wie Maria und Joseph die Geschenke der Magier
annehmen, auch die Kirche und der Bischof die kleineren
Gaben der irischen Muse nicht verschmähen. — Literarhistorisch
am interessantesten ist das letzte dieser Gedichte, das auch
nicht ohne ästhetischen Reiz ist. Es ist das meines Wissens
Zweitälteste Streitgedicht"-), in welchem der Rahmen der Ekloge
bereits aufgegeben ist, es ist auch schon Certamen und zwar
Rosae Liliique betitelt^), und zählt 50 Hexameter. Auch in
diesem tritt der Frühling auf.^) Wie in den späteren fran-
zösischen Debats, leitet der Dichter in ein paar Versen den
1) Vielleicht liegt hier zugleich eine irische Eeminiscenz zu Grunde:
die Druiden nannten sich Magier, wie mir mein College Windisch mittheilt.
2) Vgl. oben S. 68.
3) Die Ueberschrift bekundet auch die Autorschaft des Sedidius, sie
lautet: De Rosae Lüiique certamine idem Sedulius cecinit, Carm. qua-
drag. c. 40.
4) Entfernt erinnert der Vers 29: Tunc Ver florigera iuveiüs pau-
sabat in herba an den Vers 6 des Conflictus: Ver quoque florigero
succinctus stemmate venit.
198 Seduliiis Scotus.
Streit ein. Die Rose beginnt zuerst, sie rühmt ihre Farbe:
der Purpur verleihe die Herrschaft, das Weiss sei die Farbe
des Elends. Die Lilie entgegnet, der schöne Apollo liebe sie,
die goldhaarige Zier der Erde ; das Roth der Rose sei das der
Scham und bezeuge ein schlechtes Gewissen. Die Rose will
dagegen Aurorens Schwester sein, ihr Roth ist die Schönheit
jungfräulicher Sittsamkeit. Nun wirft ihr die Lilie ihre Dornen
vor. Es kommt zu heftigen Worten. Da erhebt — so fährt
jetzt der Dichter wieder fort — ein Jüngling, der unter Blumen
im Grase ruhte, das Haupt mit Kränzen geschmückt, seine
Stimme — es ist der Frühling — : Theuere Kinder, warum
streitet ihr? ruft er, erkennt euch als Schwestern! — Einer
jeden das ihrige. Und er endet sein versöhnendes Wort: Du,
Rose, reichst mit deinem Kranze die rothe Palme den Mär-
tyrern, ihr Lilien schmückt die mit der Stola bekleideten
jungfräulichen Schaaren. —
Noch besitzen wir zwanzig Gedichte des Sedulius, die
mit einem prosaischen Werke desselben verbunden sind, wel-
ches hier auch für uns von Interesse ist. Es ist ein christ-
licher Ftirstenspiegel : De recforibjjs chnstitmis betitelt M, und
an einen, offenbar jungen, „Herrn und König", der noch
nicht lange den Thron bestiegen, gerichtet, ja aus Liebe zu
ihm verfasst^); wahrscheinlich ist also Lothar H. gemeint und
die Abfassungszeit dann 855. Das Buch, welches 20 Kapitel
begreift, will lehren — namentlich auch an der Hand der bi-
blischen wie der profanen Geschichte — wie ein fi-ommer
Herrscher {j^ector) beschaffen sein soll. In der Form ist es
der Consolatio philosophiae des Boetius nachgebildet, indem ein
jedes Kapitel — ausser dem letzten — mit einem Gedichte
schliesst, das in der Regel nur den Hauptinhalt der Prosa
recapitulirt. ■*) Auch wird das Ganze durch eine Praefatio in
\) In einer Handschrift aixch Via regia, wie das Werk des Smaragdus,
s. oben S. HO.
2) Dies zeigt die im letzten Kapitel gegebene Zuschrift, welche be-
ginnt: Has autem paucas de multis, divinas et humanas historias percur-
rens, vestrae, doniine rex, excellentiae commonitorias obtuli litteras,
vestro amore ad hoc opusculum instigatus, sciens me debitorem
esse vestrae celsitudinis obsequio. Und hernach: Hos itaque apices velut
enchiridion vestri sagacitas ingenü saepius tanscurrendo perlegat.
3) Dass Boetius in dieser Beziehung unmittelbar das Vorbild ge-
De rectoribus christianis. 199
Versen eingeleitet. Die Gedichte sind in verschiedenen
Metren verfasst, und darin zeigt sich auch der Einfluss des
Werks des Boetiiis: nur sind die Metra grösstentheils andre
als in diesem, einfacher, weniger complicirt. 'J Man sieht aber
hier, dass die metrische Mannichfaltigkeit, die uns in manchen
Dichtungen jener Zeit überrascht, nicht bloss der Einwirkung
der Hymnen des Prudentius, sondern auch des* berühmten
Buches des letzten römischen Philosophen zuzuschreiben ist.
Nur einzelne dieser Gedichte des Sedulius haben eine poe-
tische Selbständigkeit, die ihnen einen gewissen Reiz verleiht.
Skizziren wir nun den Inhalt des Werks, dessen Gang
keineswegs ein sicherer ist, schon durch die Abschweifungen,
die der Verfasser sich erlaubt. Das erste Kapitel bildet gleich-
sam ein Prooemium, das aber für Autor wie Werk recht be-
zeichnend ist: sobald der christliche Herrscher den Thron be-
stiegen hat, soll er Gott danken und zwar durch Dotirung der
Kirche. Mit dem zweiten Kapitel geht Sedulius auf sein
Thema selbst ein und verlangt nicht mit Unrecht vor allem,
dass wer andre zu regieren berufen ist, sich selbst regiere,
das Schlechte, das er als Herrscher bestraft, selbst vermeide,
und das Gute, das er befiehlt, selbst zu thun sich bemühe.
Sechs Lebensvorschriften hat er zu dem Ende sich zu merken:
er muss unerlaubte Gedanken unterdrücken, heilsame Eath-
schläge in Betracht ziehen, unnütze und schädliche Reden
vermeiden, Aussprüche ruhmvoller Fürsten sowie die der Bibel
über alles gern „kosten", sich fürchten eine schmähliche Hand-
lung zu begehen, und sechstens sein Licht leuchten lassen in
wesen, zeigt recht der Schluss der ersten Prosa (c. 1), welcher lautet: Sed
haec quae brenter stüo prosali diximus, aliqua versuiim dulcedine con-
cludamus , verglichen mit Boetius 1. IV, Prosa 6 Ende : sed video te iam
dudum et pondere quaestionis oneratum et rationis prolixitate fatigatum
aliquam carminis expectare dulcedinem. Man sieht also dass auch
dasselbe Motiv für die Einschaltung der Gedichte bei Sedulius massgebend
war, als bei Boetius; vgl. hierüber Bd. I, S. 473, Amn. 1.
1) Es sind die folgenden: Hexameter allein (Praef.), Distichen (c. 1,
2, 6, 10, 14, 19), Versus asclepiad. min. catal. (c. 7), Anapaest. Dimet. catal.
<c. 12) — nur diese Metra hat das Buch mit der Consol. gemein — ferner:
Sapphische Str. (c. 3, 4, 16), Hexam. mit lamb. Dimet. acat. (c. 5), Troch.
Tetram. catal. (c. 9, 19), Asclepiad. minor (c. 11, 17) — der bei Boetius
sich nicht, wie hier, allein gebraucht findet — lamb. Dimet. acat. (c. 15)
und catal. (c. 13), und endlich Dactyl. Tetram. catal. in disyll. (c. 8).
200 Sedulius Scotus.
prächtigen Reden und Handlungen. So vermag (c. 3) der Fürst
die Gnade Gottes zu erlangen, die allein seiner vergänglichen
Herrschaft eine gewisse Stabilität verleihen kann. Der Schmuck
der königlichen Gewalt ist die fromme Weisheit, welche Sa-
lomo über alle Könige erhob. Sie zeigt sich nun nicht
bloss darin, dass der Herrscher sich selbst, sondern dass er
auch sein Haus und sein Volk verständig regiert. In ersterer
Beziehung entwirft der Verfasser hier (c. 5) nur das Bild einer
guten Hausfrau, wobei er auf Placilla, des Theodosius Ge-
malin, als Muster hinweist. In Bezug auf die Staatsregierung
aber, diese schwierigste Kunst, hat der Fürst eine dreifache
Regel zu beobachten (c. 6): erstens, dem Göttlichen vor dem
Menschlichen den Vorzug zu geben, da man Gott mehr als
den Menschen gehorchen muss, zweitens, nicht so sehr auf sein
eignes Urtheil als auf das seiner klügsten Räthe sich zu ver-
lassen — wofür Aussprüche des Kaisers „ Antonin " ^) und des
Salomo citirt werden, drittens, keine falschen und verderblichen
Räthe zu haben. Diesen soll er als wie Drachen Feind sein,
wie das Beispiel des Panthers lehrt.-) Dann werden die guten
„Freunde" des Fürsten charakterisirt.
In den folgenden Kapiteln (7 und 8) aber entwirft Sedulius
zur Warnung ein Bild von den gottlosen Herrschern, nachdem
er erörtert, was die guten verderben kann : es ist die Freiheit,
die sie haben, der Reichthum, schlechte Umgebung und die
Unwissenheit im Staatswesen {ignormitia rerum publicunun).
Solche Herrscher, die auch die göttliche Sti-afe ereilte, sind
Pharao, Antiochus, Herodes, Pilatus^), Nero, Aegeus^), Julian
1) Unde illa Antonini imperatoris praecipua semper in consiliis fuit
sententia : aequiiis est , ut ego tot et talium amicorum consilium sequar,
quam ut tot et tales amici meam unius voluntatem sequantur.
2) Absit vero ut crudeles tyrannos tamquam infestos dracones bonus
habeat princeps amicos , quod pantheris exemplo animalis adstruitur. Si-
quidem panther, genus quadrupedis, est, ut physici perhibent, omnium
animalium amicus excepto dracone. Eine bemerkenswerthe Hinweisung
auf die Physiologen, nacb denen auf Grund dieser Fabel der Panther
der Typus Christi ist.
3) Von diesem wie den beiden vorausgehenden heisst es: quis nescit
quanta districti iudicis ultio perculit? Hieraus ergibt sich, wie verbreitet
die Pilatussage schon damals war. Vgl. Bd. I, S. 606, Anm. 2.
4) In Mai's Ausg. steht de . . Aege« , was wohl nur Druckfehler ist.
De rectoribus christiauis. 201
und Tlieodorich , bei welchem der Verfasser länger verweilt,
der Strafe dieses „grausamsten Königs" nach Gregor 'j geden-
kend, ohne jedoch merkwürdiger Weise hierbei Boetius zu er-
wähnen. Dagegen gehört nun (c. 9) der Rer pac?ßci/s, in der
Glorie seiner Herrschaft, wenn er in der königlichen Aula
seine Geschenke und „Beneficien" austheilt (also der germa-
nische Volksfürst-)), zu den nach dem Ausspruche der Weisen ^i
sieben schönsten Dingen der Welt — die andern sind der un-
bewölkte Himmel, die Sonne, der Mond, das Kornfeld, das
Meer mit Ebbe und Fluth, der Chor der in einem Glauben
vereinten Gerechten. Als Beispiele eines solchen Fürstenideals
— des gnädigen und gerechten Herrschers — werden August,
die Antonine, Constantin der Grosse, die beiden Theodosius,
Karl der Grosse und „Ludovicus piissimus" genannt. Acht Säu-
len stützen nach dem Ausspruche der Weisen die Herrschaft
des gerechten Königs: Wahrheit, Ausdauer {patientiu in omni ne-
yotiu), Freigebigkeit, Freundlichkeit in der Rede, Züchtigung
der Bösen, Freundschaft mit den Guten, Erleichterung der
Steuern, gerechte richterliche Entscheidung zwischen Reichen
und Armen (c. 10). Dann aber soll der Gott gefällige Herr-
scher sein persönliches Interesse dem Nutzen der Kirche nach-
setzen, um so Gott, seinen Wohlthäter, zu ehren. Nament-
lich soll er — worauf Sedulius wiederholt zurückkommt —
ein paar mal des Jahres Synoden halten (c. 11).
Indem hier der Verfasser also auf das Verhältniss des
Herrschers zu der Kirche näher eingeht, verlangt er von ihm
Demuth und Gehorsam; er soll selbst die Zurechtweisung der
Priester, als geistlicher Aerzte, hinnehmen, indem auf das
Beispiel des Theodosius hingewiesen wird, welcher, wie hier
ganz ausführlich erzählt wird, nach dem Thessalonichschen
Blutbad der Kirchenbusse sich unterwarf (c. 12f.).-i) Auch im
Kriege muss der Herrscher mehr auf Gott als auf Menschen-
macht vertrauen; was beide vermögen, zeigt die Geschichte,
unter anderm der Sieg des h. Germanus, des Apostels der
Britten, über deren Feinde (c. 14 f.). Im Unglück soll der
1) S. Bd. I, S. 521, Anm. 2, u. vgl. oben S. 155.
2) Ob auch der irische hier gemeint sein kann?
3) Ut sapientes ferunt, wie weiter unten: ut sapientes perhibent.
Schöpft hier der Autor aus irischen Quellen? 4) Vgl. Bd. I, S. 16uf.
202 Sedulius Scotus, Commentum in Eutychis artem etc.
gute Fürst uicht verzagen (c. 16)'), zum Frieden stets bereit
sein (c. 17) und bei glücklich beendetem Kriege sich nicht
rühmen, sondern Gott danken — durch Vermehrung der Privi-
legien der Kirche und Hochschätzung der Priester. Andrerseits
aber wird der Herrscher auch als Vicar Gottes in der Re-
gierung der Kirche bezeichnet, der sie gegen Eingriffe welt-
licher Machthaber schütze, aber auch für gute Bischöfe und
Priester sorge, die frei von unersättlicher Habsucht und Uep-
pigkeit des göttlichen Amtes warten. Solche müsse er als geist-
liche Milites dann auch mit allem Nothwendigen versorgen,
wie er dies mit den fleischlichen thue, da durch ihre heiligen
Arbeiten und Gebete der Staat vor Schaden bewahrt bleibe
(c. 19). Das Schlusskapitel endlich enthält die Zuschrift an
den König, der das Buch öfters zu lesen und zu beherzigen
ermahnt wird.
Der prosaische Ausdruck dieses kulturhistorisch interessan-
ten Buches, das im Gegensatz zu der l'ia regia des Smarag-
dus^) doch mehr einen weltlichen Charakter hat, ist leicht
verständlich und klar, mitunter durch Gleichnisse geschmückt.
Sedulius hat endlich auch theologische Werke, und zwar
zur Erklärung der Bibel, verfasst, welche uns aber hier um
so weniger angehen, als sie blosse Compilationen sind.-^j. Auch
wird ihm, und meiner Ansicht nach mit grosser Wahrschein-
lichkeit, ein Commejitum m Eutychis artem de disceimendis
coniiKjationibus beigelegt. ^)
1) Auch hier wird wieder ein Ausspruch der Weisen citirt: Ut enim
sapientes perhibent, quinque temporum varietatibus regnum terrarum con-
sistit: 1) die Zeit der Kämpfe, 2) wann das Reich zur „Vollständigkeit"
(plenitudo) heranstrebt (Neumond), 3) wann es diese erreicht hat (Vollmond),
4) wann es gleich dem Monde abnimmt, 5) die Zeit des Zusammensturzes.
2) S. oben S. HO ff. 3) S. darüber Dümmler, N. A. S. 316.
4) Herausgegeben von Hagen in dessen Anecdota Helvetica quae ad
Grammaticam latinam spectant. Leipzig 1870. (Supplement v. Keils Gram-
matici lat.) pag. 1 ff. — Als Verfasser wird in der Handschrift Sedulius,
allerdings ohne weiteren Beinamen, genannt. Die Einwendungen, die Hagen
gegen die Annahme unsers Sedulius als Autors erhebt, sind wenig stich-
haltig; denn wie wir oben zeigten, besass er einige Kenntniss des Grie-
chischen, und zeigt auch in seinen Gedichten seine grammatische Bildung.
Hagen hat ihn sehr einseitig nur auf Grund seines Buchs De rector. Christ,
beurtheilt. Ausserdem ist zu beachten, dass der Commentar auf Bitten
von Mönchen (rogatu fratrum) geschrieben ist, was zu Sedulius Lebens-
stellung so wohl passt und von Hagen gar nicht berücksichtigt ist.
Lupus. 203
SIEBENTES KAPITEL.
WESTFRANCIEN : LUPUS .
Während also iu Deutschland und Lothringen die gram-
matisch-humanistischen Bestrebungen des Zeitalters Karls des
Grossen ihre Fortsetzung finden und als deren Blüthe eine
weltliche Poesie erscheint, so tritt dagegen in Westfrancien
bald mehr eine theologisch -polemische Richtung in der Lite-
ratur in den Vordergrund, indem selbst dogmatische Streit-
fragen, die in Deutschland sich erhoben hatten, erst dort
wahrhaft ausgefochteu wurden; zugleich zeigt sich dort aber
auch eine freiere geistige Bewegung, eine religiöse Aufklärung,
welche theils in einer Polemik gegen den Aberglauben, nicht
bloss den im Volke, sondern auch in der Kirche, sich kundgibt,
theils productiv in dem Versuche eines neuen philosophischen
Systems erscheint. So offenbart sich Frankreich jetzt schon
als die für die mittelalterliche Philosophie geweihte Stätte.
Doch hat Westfrancien damals auch besondere Vertreter jener
grammatisch - humanistischen Richtung: der bedeutendste von
ihnen hatte auch seine letzte Ausbildung bei Raban erhalten,
wie Walahfrid, und trat auch, wie dieser, in nahe Beziehung
zu Judith und Karl dem Kahlen, es ist Servatus Lupus, 0
Lupus, von angesehener Familie, in der Diöcese von Sens,
wie es scheint, geboren, erhielt seine erste gelehrte Bildung
in dem in ihr gelegenen Kloster Ferrieres, das früher Alcuin
gehörig und von ihm öfter besucht, ein Sitz der Wissenschaft
geworden war. Ihm stand damals der gelehrte Abt Aldrich
vor, der selbst in diesem Kloster gebildet war; er wurde 829
Erzbischof von Sens und spielte eine bedeutende Rolle an
dem Hofe Ludwigs des Frommen.-) Er war es, der den früh
erwachten wissenschaftlichen Sinn des Lupus begünstigte und
ihm einen Lehrer der Grammatik gab. Später sandte er ihn
auch zu seiner weiteren, vornehmlich auch theolog-ischen Aus-
1) B. Servati Lupi. presbyteri et abbatis Ferrariensis opera Stephanus
Baluzius collegit, epistolas ad fid. vetustissimi cod. emend. notisque ülustr.
Ed. 2. AntTvei-pen ITlÜ. Nicolas, Etüde sur les lettres de Servat-
Loup. These pres. ä la faculte de Paris. Clennont-Ferrant 1S61.
2) S. über ihn Simsen. Jahrb. 11, S. 259 f.
204 Lupus.
bildung zu Raban nach Fulda. Während seines Aufenthaltes
dort machte Lupus die nähere Bekanntschaft bedeutender
Männer, namentlich des Einhard, welcher letztere damals ja
in dem nicht fernen Seligenstadt wohnte. Diesen verehrte er
schon lange hoch, insbesondere wegen seiner klassischen Bil-
dung; der Eindruck, welchen der Stil der Vita Caroli auf ihn
gemacht, hatte in ihm zuerst den Wunsch einer persönlichen
Bekanntschaft Eiuhards erweckt. Bei ihm suchte und fand
er Unterstützung in seinen gelehrten Bestrebungen, ihn be-
fragte er über die sprachlichen und metrischen Schwierig-
keiten, die ihm aufstiessen, schriftlich wie mündlich, von ihm
entlieh er Bücher, die ihm fehlten: so nennt er ihn nicht mit
Unrecht seinen Lehrer; er trat ihm so nahe, dass Einhard
dem viel jüngeren Gelehrten seine uns verlorene Schrift De
üdoranda cruce widmete.^)
Nach seiner Rückkehr von Fulda-) wurde Lupus 837 am
kaiserlichen Hofe vorgestellt, wo er der hochgebildeten Kai-
serin so gefiel, dass er von ihr schon im folgenden Jahre
wieder dahin dringend eingeladen wurde. So erhielt er leicht
842 von Karl dem Kahlen die durch Absetzung Odo's er-
ledigte Abtei Ferrieres. Die Bürgerkriege mit ihren Folgen 3)
brachten ihn und sein Kloster in vielfache Noth, so dass es
den Mönchen selbst an Lebensmitteln und Kleidern fehlte und
Lupus verzweifelnd schon seine Würde niederzulegen dachte;
ja er musste selbst Heeresfolge leisten, so wenig er das
Schwert zu führen wusste (ep. 78), und gerieth sogar vorüber-
gehend in Kriegsgefangenschaft in dem aquitanischen Feld-
zuge Karls 844. Nicht bloss als Gelehrter, sondern auch als
Geistlicher erfreute er sich grossen Ansehens; er durfte auf
den Synoden nicht fehlen (ep. 60), und redigirte selbst die
Beschlüsse der wichtigen Synode von Verneuil (844). Mit
der Reform der Klöster von Burgund wurde er zugleich mit
1) S. Lupi Epp. 1—5.
2) 836, wahrscheinlich im Frühjahr. S. über die Zeitbestimmung Jaflfe,
Monum. Carol p. 498, Aiim. 6.
3) Namentlich indem eine sehr einträgliche Zelle dem Kloster durch
Karl den Kahlen entzogen und einem Grafen verliehen war. Das König-
thum wusste so auf Unkosten der Klöster sich der Treue des Adels zu
versichern. S. darüber Nicolas a. a. 0. S. 28 flf.
Leben. Briefe. 205
Prudentius von Troves, sowie mit einer Sendung an den
Papst Leo von König Karl beauftragt. Auch musste er den-
selben, als diplomatischer Beistand in kirchlichen Angelegen-
heiten'), auf den Frankentag von Meerseu bei Mastricht be-
gleiten (ep. 50 f. u. 59). Das Jahr seines Todes ist unbekannt,
doch scheint er das Jahr 862 nicht lange überlebt zu haben.
Von seinen uns erhaltenen Schriften, die nur einen massigen
Band füllen, ist seine Briefsammlung, wie auch bei man-
chen der späteren Humanisten, der Renaissance, am anziehend-
sten und wichtigsten. Es sind 130 Briefe, unter welchen ein
paar im Namen andrer von Lupus geschrieben, ein paar auch
Antworten seiner Correspondenten, wie des Einhard, sind.
Zu den Adressaten gehören aber die bedeutendsten Männer
jener Zeit, so ausser dem eben genannten ein Raban, Gott-
schalk, Hincmar, Radbert, Marcward, Prudentius, Jonas, Karl
der Kahle und Lothar. Bald sind es kirchliche oder poli-
tische, bald gelehrte oder rein private Angelegenheiten, die
einzeln oder vereint den Gegenstand der Episteln des Lupus
bilden, welche gewöhnlich den reinen subjectiven Briefcharak-
ter haben, indem die Persönlichkeit des Schreibers Stoff wie
Behandlung durchaus bestimmt. Diese Persönlichkeit ist aber
hier eine bedeutende und interessante. Sie zeigt namentlich,
welche Frucht der Bildung die klassischen Studien in jener
Zeit schon tragen konnten, wenn sich ein guter Kopf von
Jugend auf mit Begeisterung ihnen hingab, und trotz aller
zerstreuenden Geschäfte, aller Noth einer von Bürgerkriegen
und kirchlichen Streitigkeiten erfüllten Zeit, unverbrüchlich
an ihnen festhielt. Man ist überrascht über den Umfang und
Ernst dieser Studien: wie jede Gelegenheit von Lupus er-
griffen wird, seine Bibliothek der römischen Klassiker zu er-
weitern und zu ergänzen; wie er selbst zu letzterem Zwecke
keine Mühe scheut, ja wie er sogar bloss in der Absicht der
Textverbesserung sich Bücher erbittet'-) ; und diese Bitten gehen
1) Non ignoratis — schreibt Lupus an Marcward ep. 59 — credo, reges
nostros apud Traiectum • celebraturos colloquium, quo me trahit
ecclesiastica necessitas. — Vgl. Dümmler, Gesch. d. ostfr. Reichs I,
S. 28().
2) Ep. 69: Tullianas epistolas, quas misisti, cum nostris conferri fa-
ciam, ut ex utrisque, si possit fieri, veritas exsculpatur.
206 Lupus.
auch in weite Ferne, wie nacli Rom und nach York, sie richten
sich nicht bloss an Bischöfe und Aebte, sondern auch an den
Papst selber (ep. 103). Und welcher Vorsorge 0, welcher Kosten
bedurfte die Versendung solcher literarischen Schätze damals!
Die Frucht der Bildung aber zeigt sich in seinem Stil, dies
Wort im weitesten Sinne genommen. Nicht als ob das Latein
fehlerlos wäre, aber der Ausdruck ist ein individueller, wel-
cher Charakter und Stimmung abspiegelt, daher beweglich,
von verschiedenem Kolorit; Witz und Ironie zeigen sich be-
reits in leichten gefälligen Formen (s. z. B. epp. 35 und 68,
vgl. auch ep. 46 Ende). Nirgends etwas phrasenhaftes, stu-
dirtes oder gemachtes, noch weniger entlehntes.
Literarisch productiv ist Lupus weniger gewesen, obgleich
nicht alles, was er verfasst, sich erhalten hat; so haben wir
schon des Stiles wegen allem Anscheine nach den Verlust
einer kurzen römischen Kaisergeschichte zu beklagen, die
Lupus Karl dem Kahlen zur Warnung wie zum Vorbild wid-
mete. 2) Hier hätte sich zeigen mögen, in wie weit der von
ihm so hoch verehrte Verfasser der Vita Caroli ihm Muster
gewesen. — Die erhaltenen Bücher des Lupus sind zunächst
nur im kirchlichen Interesse geschrieben; doch bezeugen sie
auch schon in der geschickten Anlage und in dem einfach
klaren und doch gewandten Ausdruck die durch die klas-
sischen Studien gewonnene Bildung. Sie offenbart sich aber,
wie man sehen wird, in den einzelnen auch noch in andrer
als formeller Weise.
Das eine dieser Bücher ist die Vita S. Wigberti, welche
Lupus auf den Wunsch des Abts von Hersfeld, Bun 836 ver-
fasst hat. Wigbert war ein Angelsachse von vornehmer Ge-
burt, der von dem heiligen Bonifaz nach Deutschland berufen,
zum Abt des von ihm gegründeten und zuerst auch selbst ge-
leiteten Klosters Fritzlar gemacht wurde, welches namentlich
zur Ausbildung von Klerikern dienen sollte.-^) Später wurde
1) S. ep. 76.
2) Ep. 93: Imperatorum gesta brevissime comprehensa vestrae maie-
stati oiferenda curavi , ut facile in bis inspiciatis quae vobis vel imitanda
sint vel cavenda. Maxime autem Traianum et Theodosium suggero con-
templandos, quia ex eorum actibus multa utilissime poteritis ad imitandum
assumere.
3) S. c. 5, Eingang u. vgl. Rettberg, Kirchengesch. I, S. 595.
Vita Wigberti. 207
er nach Ordruf versetzt, kehrte aber, als er erkrankte, nach
Fritzlar zurück, um dort sein Leben zu beschliessen (747).
An die kurze Lebensgeschichte schliesst sich die Translation
(c. 13flf.), die in diesem Falle am wenigsten übergangen wer-
den durfte. Sie ist auch nicht ohne geschichtliches Interesse.
Die Gebeine des Heiligen wurden nämlich, wie Lupus aus-
führlich .erzählt, bei einem Einfall der Sachsen in das be-
nachbarte befestigte Buraburg gerettet, welches mit Erfolg
von den Hessen vertheidigt ward ; ~von dort aber nach einigen
Jahren nach Hersfeld transferirt. ') Ein paar Wunder, die
sich am Grabe des Heiligen begaben — die herkömmlichen
Heilungen — werden von dem Verfasser noch erwähnt, pflicht-
schuldig — denn das Material war ihm, wie er am Schlüsse
sagt, von den Hersfelder Mönchen geliefert. Interessanter
sind die Wunder, die von der ersten Translation erzählt
werden, welche der Volksmund überliefert hatte. Bemerkens-
werth ist, dass unser Autor (c. 12) die von den Reliquien
ausgegangenen Wunder für werthvoller erklärt, als die von
den Heiligen bei ihren Lebzeiten vollbrachten, da jene selbst
über den Verdacht eiteln Ruhmes erhaben wären. — Dass
Lupus bei der Abfassung dieser Vita mit Bewusstsein den
Standpunkt des Historikers einnimmt, und nicht des erbauen-
den Panegyristen , zeigt das an das Kloster Hersfeld ge-
richtete Vorwort, indem er einen Zweifel an der Treue seiner
Erzählung aus dem Grunde, weil sie erst 90 Jahre nach den
Begebenheiten verfasst sei, unter Berufung auf die Werke
eines Sallust und Livius, in zweiter Reihe auch des Hiero-
nymus und Ambrosius-) zurückweist. Ebendort spricht er es
dann auch geradezu aus, Geschichte zu schreiben; er hat
nämlich deshalb die deutschen Namen unlatinisirt gegeben,
da die Historie nicht gestatte, durch ein abweichendes Kolorit
verdunkelt zu werden.^)
1) C. 24 u. vgl. Rettberg I, S. 597.
2) Der Vita Pauli und der Passio virginis Agnes, s. darüber Bd. I,
S. 192 f. u. S. 149 (vgl. S. 25S).
3) meminerit (lector) non Carmen me scribere sed histo-
riam, quae se obscurari colorum obliquitatibus renuit. Vgl. das ganz
entgegengesetzte Verfahren Walahfrids oben S. 165. — Auch der Ein-
gang der Vita, der von den Angelsachsen handelt, entspricht diesem
Charakter derselben.
208 Lupus.
Beigelegt wird dem Lupus noch eine andere Vita, die
des heil. Maximini), die allerdings nur, nach eigener Aus-
sage, die Bearbeitung einer älteren ist^); von einem Lupus
ist sie und im Jahre 839 auf Bitten eines Waldo, wohl des
späteren Abtes von St. Maximin, verfasst. Zwar in einem
unseres Lupus nicht unwürdigen Stile geschrieben, der im
Anfange sogar in einzelnen Wendungen an die Vita Wigberti
erinnert, unterscheidet sie sich doch in der Behandlung des
Stoffes nicht wenig von jener: an der Stelle eines objectiven,
concisen historischen Berichts finden wir hier eine weitläu-
figere, durch manche ausführlichen Betrachtungen und theo-
logischen Erörterungen abschweifende Erzählung unsicheren
Ganges, in welcher die Wunder des Heiligen einen breiten
Raum einnehmen, trotzdem der Verfasser viele unglaubwürdige
weggelassen haben will. Vielleicht erklärt sich der Unter-
schied beider Vitae aus dem Umstände, dass die des Maxirain
eine blosse Bearbeitung war und Lupus seine Vorlage nicht
zu weit verlassen mochte. Der Heilige aber war der Bischof
von Trier, der den von dem arianischen Kaiser Constantius
verfolgten Athanasius bei sich aufnahm.
Endlich haben wir noch eine dogmatische Schrift des
Lupus in dem von Gottschalk, angeregten Streit über die
Augustinische Prädestinationslehre zu verzeichnen. Es ist das
Buch De tribus quaestionibus , welches wohl auf Veranlassung
Karls des Kahlen 850 verfasst worden ist. 3) Die drei Fragen
sind die des freien Willens, der doppelten Prädestination —
„der Guten und der Bösen" — und „der Werthschätzung des
Blutes Christi", d. h. ob Christus für alle Menschen, oder nur
für die Auserwählten gestorben sei. Die drei Fragen bilden,
1) Rettberg I, S. 131 u. 186 und Wattenbach I, S. 192 nehmen Lupus
von Ferneres als Verfasser an, der erstere mit einigem Bedenken, Nicolas
p. 124 spricht ihm die Vita lieber ab, wie die Hist. litter. V, p. 267.
2) S. den bevorwortenden Brief des Lupus an Waldo : Flagitasti
ut vitam beati Maximini meo stilo elucubrarem et res quae ad nos us-
que qualibuscunque litteris decurrerunt, accu ratio ri sermone conve-
nienti restituerem dignitati. Hiernach wurde sogar nur eine stilistische
Bearbeitung von Lupus gewünscht, der doch schon durch Ausscheidung
mancher Wunder weiter ging. — Das Original war unter Pippin, Karls des
Grossen Vater, verfasst.
3) Denn auf dieses Buch ist wohl der Eingang der Ep. 128 zu beziehen.
De tribus quaestionibus. 209
wie leicht zu erseTien, ein Ganzes. Neander') rühmt von
diesem Buche, dass es durch klarere Auffassung und Dar-
stellung der eigentlichen Streitpunkte sich auszeichne und
durch die Art, wie Lupus das Wesentliche vom Unwesent-
lichen zu unterscheiden wisse; und er schreibt dies mit Recht
der klassischen Bildung desselben zu.-) Ihr Einfluss zeigt sich
aber nicht minder in dem eleganteren Ausdruck und, worauf
Nicolas schon aufmerksam machte, in der Urbanität der Pole-
mik, die freilich hier auch in seiner Humanität wurzelt, —
beides so selten gerade auf diesem Felde der mittelalterlichen
Literatur. Lupus steht in dieser Schrift auf der Seite Gott-
schalks und Augustins, nur zeigt sich eben seine Humanität
in der Erklärung, er würde, wenn man beweisen könnte, dass
das Blut Christi auch den Verdammten etwas nütze, gern sich
dieser Ansicht anschliessen. — Da Lupus aber wegen seiner
Meinung in diesen Streitfragen, wahrscheinlich auf Grund der
eben betrachteten Schrift, von der Gegenpartei manche An-
fechtung erlitt, auch bei seinem Könige selber, so richtete er
ein Schreiben (ep, 128) an denselben, worin er seine Meinung
noch einmal entwickelt, und zwar in aller Kürze und Klar-
heit, weil er weiss, dass die Regieruugsgeschäfte die Zeit des
Königs zu sehr in Anspruch nehmen. — Ausserdem Hess er
seiner Schrift auch noch eine Sammlung von Belegstellen aus
den Kirchenvätern, die er, wo uöthig, mit Erklärung versah,
folgen. 3)
ACHTES KAPITEL.
PUBLICISTIK. AGOBARD.
Als ein Vorläufer jener theologisch-polemischen Literatur,
die in Westfrancien seit dem Auftreten Gottschalks zu solcher
1) Allgemeine Geschicbte der christl. Religion und "Kirche Bd. IV,
S. 435 ff., wo sich eine treffende Charakteristik des Inhalts findet.
2) Lupus vergisst auch hier seine Klassiker nicht, indem er eines
Ausspruchs des Cicero in De senectute und eines des Yirgil gedenkt,
freilich um sie zu bekämpfen. Opp. 1. p. 221 f.
3) Hymnen und Homüicn Sind Lupus ohne triftige Gründe beigelegt.
S. Dümmler, N. A. S. 314.
Ebeeit, Literatur des Mittelalters II. 14
210 Agobard.
Blütbe gelaugt, dass sie dort ganz in den Vordergrund tritt,
erscheint daselbst ein Autor, dessen manuichfache schriftstelle-
rische Thätigkeit mit wenigen Ausnahmen nur in Polemik be-
stand, die sich aber keineswegs bloss auf theologischem Ge-
biete bewegte; im Gegentheil, sie betrifft zum guten Theil
Dinge von allgemeinem öifentlichen , ja Staatsinteresse. Und
nicht wenige dieser Arbeiten, und darunter die anziehendsten,
sind Flugschriften. Dieser erste moderne Publicist, wie man
ihn nennen könnte, ist der Erzbischof von Lyon, Agobard. i)
Von Herkunft wahrscheinlich ein Franke, war er 792 nach
Lyon gekommen, und hatte dort seine gelehrte, namentlich
nicht geringe theologische Ausbildung erhalten, die er vor
allem auch seinem Vorgänger auf dem erzbischöflichen Sitze,
Leidrad, verdankte. Dieser gelehrte Geistliche, einst aus
Baiern von Karl dem Grossen berufen, hat sich durch Gründung
von Schulen und Bibliotheken zur Ausbildung des Klerus wie
durch Kestauration der Kirchen und Verbesserung des Gottes-
dienstes um seine Diöcese sehr verdient gemacht. In letzterer
Beziehung folgte Agobard auch seinem Beispiel, indem er das
Antiphonar der Kirche von allem unbiblischen reinigte. — Als
Leidrad alt und krank nach Soissons in ein Kloster sich zu-
rückzog, wurde Agobard, der ihm schon als Chorepiscopus
zur Seite gestanden, sein Nachfolger und 816 Erzbischof. Ein
Mann von seltenem Muthe und Unabhängigkeitssinne, welche
in der Selbständigkeit des Urtheils eine sichere Stütze hatten,
vertheidigte Agobard seine Kirche ebensowohl gegen die Ein-
griffe des Papstes wie weltlicher Gewalten.-) Aber er nahm
auch an den politischen Bewegungen jener stürmischen Zeit
den grössten Antheil, indem er für Lothar, seinen Landes-
herrn, gegen Ludwig den Frommen, bei der Empörung der
Söhne i. J. 833, auftrat, von den Bischöfen einer der ener-
gischsten Gegner des alten Kaisers: so wurde er denn auch
1) S. Agobardi, Lugdunensis episc, opera ed. St. Baluzius. 2 T. Paris.
1666. (Migne, Patrol. lat. T. 104.) Huiidesbagen , Commentatio de
Agobardi vita et scriptis. Pars I, Vita. Giessen 1831. (Diss.) — Elügel, De
Agobardi archiepisc. Lugdun. vita et scriptis. Halle 1865. (Diss.). — Leist,
Agobard von Lyon. Theil 1. Seine theolog. Schriften. Gyran.-Progr. von
Stendal 1867. — Reuter a. a. 0. S. 24 ff.
2) Auch mit der Feder wie in der Schrift De dispensaüone ecclesi-
asücurum rerutn gegen die Usurpation geistlicher Güter.
Contra insuls. vulgi opinionem de grandine etc. 211
zwei Jahre später, als Ludwig wieder zur Macht gelangt war,
seines Bisthums entsetzt; jedoch erhielt er es nach einiger
Zeit, wahrscheinlich erst 839, wieder; er starb i. J. S40.
Den Muth, den Agobard handelnd im Leben bewährte,
zeigt er auch als Schriftsteller. Er bekämpfte den Aberglauben
und das Yorurtheil auf den verschiedensten Gebieten: in man-
chen seiner kulturgeschichtlich so interessanten Flugschriften
erscheint die Publicistik bereits im Dienste der Aufklärung.
Man hat, vielleicht mit einiger Uebertreibuug, Agobard den
hellsten Kopf seiner Zeit genannt ; wenigstens hat ihn an Selb-
ständigkeit des Urtheils und der freisten und kühnsten Aeusse-
rung desselben niemand übertrofifen, wenn auch dasselbe, wie
man sehen wird, nicht überall das richtige, und seine Aeusse-
rung mitunter eine bis zur Gehässigkeit leidenschaftliche war.
Aber alles zusammengenommen bleibt dieser männliche streit-
bare Autor, der nach den verschiedensten Richtungen hin
Front macht, eine merkwürdige, bedeutende Erscheinung.
Zuerst bekämpfte er den Aberglauben des Volkes über-
haupt in seiner um S14 verfassten Schrift: Contra insulsam
vulgi opinioiiem de yrandine et tonitruis. Schon der Titel ist
bezeichnend. „Fast alle Menschen in diesen Gegenden," be-
ginnt er, „Edle und Unedle, Städter und Landleute, Alte und
Junge, glauben, dass Hagel und Donner durch das Belieben
von Menschen gemacht werden können " — durch die Zaubereien
von sogenannten Wettermachern nämlich. Daran reihte sich
noch der Unsinn, dass mau glaubte, es kämen aus einem
Lande Magonia Leute in Luftschitfen, welche die durch den
Hagel abgeschlagenen Früchte von den Wettermachern kauf-
ten und entführten.') Man behauptete sogar, solche Luft-
schiffer gefangen zu haben und wollte sie steinigen, wie dies
Agobard selbst erlebte. — Diesen Aberglauben bekämpft aber
Agobard hier nicht mit physikalischen Gründen — wie dies
bei einer andern Gelegenheit Raban that — sondern mit re-
ligiösen, die allerdings dem Volke leichter zugänglich und bei
ihm wirksamer sein raussten. Er verlangt von denen, welche
den Unsinn behaupten, den Beweis für die Wahrheit aus der
1) Cap. 2. — S. darüber Grimms Deutsche Mythologie. 4. Ausg.
S. 530 flf., wo auch die Yermuthung. dass Magonia von Magus herzuleiten,
ausgesprochen wird.
14*
212 Agobard.
heil. Schrift ; können sie ihn nicht erbringen, was ausser Zwei-
fel stehe, so machen sie sich einer schweren Lüge schuldig,
indem sie Menschen ein Werk Gottes beilegen und es diesem
absprechen. Dass es ein solches ist, beweist Agobard selbst
dann aus Stellen der Bibel, namentlich des Alten Testaments,
worin Gott sagt, dass er Hagel senden wolle, oder dies von
ihm ausgesagt wird. Aber auch Vernunftgründe führt er ins
Feld. Er zeigt, wie wenig bezeugt die vorgeblichen That-
sachen, wie unbedeutend die Menschen, denen man die Macht
beigelegt ; zugleich aber, zu welchen Betrügereien dieser Aber-
glauben ausgebeutet wurde : es fanden sich „ erbärmliche Men-
schen", welche behaupteten, vor solchem Unwetter schützen
zu können und sich dafür mit einer Abgabe von Früchten be-
zahlen Hessen. 1) Zum Schluss aber erzählt Agobard ein war-
nendes Beispiel, wohin solcher Aberglaube führen könne, zu
einer Zeit, wo von den Christen so alberne Dinge geglaubt
würden, wie sie niemand früher selbst den Heiden, die doch
den Schöpfer von allem nicht kannten, einreden konnte. Eine
Rinderpest nämlich, die einige Jahre früher (8IO1 über ein
grosses Gebiet in Italien sich ausdehnte, gab man bösen Men-
schen Schuld, welche ein tödtliches Pulver weit und breit aus-
gesti'eut haben sollten; sehr viele Leute wurden deshalb von
der Menge getödtet, ja der unsinnige Glaube hatte mit der Zeit
so um sich gegriffen, dass die Angeklagten selbst zuletzt ein-
gestanden, die That vollbracht zu haben! Und doch hätte die
einfache Ueberlegung, dass keine andern Thiere verendeten,
und dass es unmöglich wäre, eine solche Masse Pulver zu be-
schaffen und über so weite Landstriche auszustreuen, die Un-
wahrheit sogleich zeigen müssen.
In einer andern, etwas grösseren Schrift wendet sich Ago-
bard gegen den kirchlichen Aberglauben; es ist das Buch:
Contra eorum susperstitioiiem qui picturis et nnaytnt'bi/s sancto-
rum adoi^ationis obsequium deferendum putant. Unser Autor
tritt hier in die von dem Orient dem Abendlande schon im
1) — — et in tantum malum istud iam adolevit, ut in plerisque locis
sint homines miserrimi, qui dicant se non oquidem nosse immittere tem-
pestates, sed nosse tarnen defendere a tempestate habitatores loci. His
habent statutum quantum de frugibus suis donent, et appellant hoc
canonicum, c. 15.
Contra corum superstitionem qui pictiiris et iniaginibus etc. 213
Beginne der Regierung Karls des Grossen überlieferte Streit-
frage über die Bilderverehrung in der energischsten Weise
im Geiste des grossen Kaisers einO, nur dass er noch weiter
als dieser geht, und die Bilderverehrung absolut verwirft, da
er gegen die Verehrung der Heiligen und ihrer Gräber, wo-
hinter die Bilderverehrer sich allemal zuletzt verschanzten,
überhaupt sich erklärt.-) Agobard stützt sich zunächst, ausser
auf die Bibel selbst, auf Aussprüche der Kirchenväter, nament-
lich des Augustin, dann aber verweist er zugleich auf den
Gebrauch in der altchristlichen Kirche, indem er treflFend be-
merkt, wenn denen, welche damals den Kultus der Dämonen,
d. i. den heidnischen, aufgegeben, die Bilder der Heiligen zu
verehren befohlen worden wäre, so würden sie nicht sowohl
die Götzen aufzugeben, als die Bilder zu wechseln geglaubt
haben (c. 19 Ende). In der That war ja der Heiligenkultus
nur an die Stelle des heidnischen Heroen-, theilweise selbst
Götterdienstes getreten. — Aber Agobard appellirt auch in
dieser Schrift nicht selten zugleich an den einfachen gesunden
Menschenverstand, zumal wo es sich um die Bilderverehrung-
in ihrer extremsten Gestalt, wie sie sich gerade beim Volke
fand, handelt, die er mit Recht der Idololatrie und der Ketzerei
der Anthropomorphiten an die Seite stellt. 3)
Drittens aber trat Agobard auch dem Aberglauben im
Staatswesen entgegen: er bekämpfte den gerichtlichen Zwei-
kampf und die Gottesurtheile überhaupt; zunächst in seiner
Diöcese, indem er an den Kaiser Ludwig die Schrift: Ad-
versus legem Gimdobaldi et impiu certaminu quae per eavi
ijeruntur richtete. In Lyon, das früher ja zum burgundischen
1) S. oben S. 11 u. vgl. S. 14.
2) Non solum vero divinum deferre honorem quibus non licet, sed et
ambitiöse honorare sanctorum memorias ob captandam gloriam populärem
reprehensibüe est. c. 17 init. — Nee iterum ad sua latibula fraudulenta
recurrat astutia, ut dicat se non imagines sanctorum adorare. sed sanctos.
Clamat enim Dens : Gloriam meam alteri non dabo , nee laudem meam
sculptilibus. c. 35 init.
3) So wenig man von gemalten säenden oder weinlesenden Landleuten
Haufen von Getreide oder Bächlein von Most zu erhalten hofie, ebenso
wenig dürfe man von den Bildern der Engel, Apostel, Märtyrer eine Hülfe
erwarten. Und recht treffend bemerkt er: At quae huius erroris causa?
Fides de corde ablata, tota fiducia in rebus visibUibus coUocata. cap. 33.
214 Agobard.
Reiche gehörte, war noch das biirgimdische Gesetzbuch des
Königs Gundobald gültig, wonach nur Burgunder gegen Bur-
gunder als Zeugen auftreten konnten; eine Folge davon war
unter anderm die Anwendung des gerichtlichen Zweikampfs
als Ersatz des Zeugenbeweises. Agobard eifert nun zuerst
gegen die Verschiedenheit der Gesetze unter Christen als
Brüdern in demselben Reiche und gegen jene burgundische
Bestimmung insbesondere'), deren „Absurdität" er nachweist.
Nicht minder zeigt er den Unsinn des Zweikampfs als Gottes-
urtheil, da auch um der erbärmlichsten Dinge willen Schwache
und Greise dazu genöthigt sind und für dergleichen sich die
verwunden, welche sich wechselseitig lieben sollten. Und da
glaubt man noch , dass mit dem Sieger , der seinen Bruder in
die Tiefe des Elends stürzt, Gott sei. Dies ist der schlimmste
Irrthum, die Umkehrung der Dinge, von Gott so unwürdiges
zu vermeinen. — Und wie wenig der Sieger im Rechte sein
müsse, zeigen ja die Märtyrer des christlichen Glaubens. Gott
richtet aber erst am jüngsten Tage. Nicht darf der Gläubige
von ihm annehmen, dass er in diesem Leben die Geheimnisse
der Menschen {occulta homhui7n) durch heisses Wasser und
Eisen enthülle , um wie viel weniger durch grausamen» Zwei-
kampf. — Keine ai/cfo?'itas, keine ?'atw gestattet zu glauben,
dass die Wahrheit sich zu offenbaren der Waffen bedürfe. —
Zum Schluss gibt Agobard noch das Urtheil, das Avitus über
diesen gerichtlichen Zweikampf gegen den König Gundobald
selbst aussprach, indem er dem Bischof von Vienne bei dieser
Gelegenheit auch als Autor hohes Lob spendet. 2)
In einer andern Schrift, die sich offenbar sogleich an das
grosse Publikum wendet^), behandelt Agobard denselben Gegen-
stand; sie enthält eine Sammlung von Aussprüchen der Bibel
— daher De d/vinis senteiitiis betitelt — , welche die Unchrist-
lichkeit des Zweikampfs als Gottesurtheil beweisen sollen.
Auch hier werden die andern Gottesurtheile in die Verurthei-
lung mit einbegriffen, und ausser den schon oben erwähnten
1) Welche sich übrigens auch bei den Sachsen fand. S. oben S. 138.
2) Cap. 13. Agobard gedenkt hier andeutungsweise auch verschiedener
Werke desselben. S. über Avitus Bd. I, S. 376 ff.
3) Wie der predigtartige Eingang zeigt: In nomine Domini Dei et
Salvatoris nostri Jesu Christi — worauf eine lange Bibelstellc folgt.
Adversus legem Gundobaldi. Schriften gegen die Juden. 215
auch das des Kreuzes genannt.') Hätte Gott dergleichen ge-
stattet, so hätte er nicht Richter einzusetzen verordnet, noch
Beweis durch Zeugen und Eid.
Merkwürdig ist nun, dass ein so aufgeklärter Mann durch
seine Feindseligkeit gegen die Juden, welche mehrere von
seinen Flugschriften hervorgerufen hat, sich auszeichnet, und,
wie sich eben aus denselben ergibt, zu einer Zeit, wo gerade
im südlichen Frankreich beim Volke eine auffallende Toleranz
ihnen gegenüber herrschte, und noch mehr in den höchsten
Regionen des Staates.-) Ludwig der Fromme begünstigte sie,
und zwar aus Ehrfurcht vor den Patriarchen, wie wenigstens
die Juden selbst behaupteten; seine Umgebung mag auch
ihrem Gelde zugänglich gewesen sein. Andrerseits sprach
aber auch in dem Streite, welchen Agobard mit den Juden
führte, Recht und Billigkeit für sie. Man machte nämlich
unter den heidnischen Sklaven der Juden christliche Pro-
paganda, nud wenn sie sich bekehrt, so glaubten sie sich be-
rechtigt, offenbar gemäss den ihnen gemachten Versprechungen,
ihren Herren zu entlaufen. Aus diesem Grunde war eine Taufe
derselben gegen den "Willen der Herren, früheren Concilbe-
schlüssen entsprechend, herkömmlich nicht erlaubt.
Die älteste Schrift Agobards gegen die Juden, wahrschein-
lich V. J. S223)j (jie an die Froceres pahitii gerichtete Con-
sultntio et supplicatio de haptismo Judaicorum jnancipiorum fragt
nun in dieser Sache die Rathgeber des Kaisers, Adalhard,
Wala und Helisachar, um Rath, indem Agobard die Ansicht
begründet, die Taufe solcher Sklaven dürfe nicht verboten
werden; auch die Freilassung in Folge derselben nimmt er
1) Neque sanctus et innocens vir David i^ersecutori Saul diceret: si
Deus te incitat contra me, odoretur sacrificium etc. Sed potius diceret:
Mitte unum de tuis qui congrediatur mecum singulari certamine, et probet
me reum tibi esse , si occiderit : aut certe : iube ferrum vel aquas calefieri,
quas manibus ülaesus attrectem, aut: constitue cruces, ad quas stans
immobilis perseverem. c. 1 Ende.
2) S. die vreiter unten behandelte Schrift De insoJentia Judaeorum, und
die Ep. ad Xibridiura; u. vgl. im Folgenden überhaupt: Stobbe, die Juden
in Deutschland während des Mittelalters. Braunschweig 1S66.
3) Indem ich hier Simsons Untersuchung: ..Zur Chronologie der Schrif-
ten des Erzbischofs Agobard von Lyon wider die Juden" folge. S. Jahrb.
d. fränk. Reichs unter Ludwig d. Fr. Bd. I, S. 393 ff.
21 G Agobard.
als selbstverständlich an, nur soll den Juden der Preis der
Sklaven bezahlt werden. Dies hätte er ihnen aber vergeblich
angeboten. Man sieht schon hieraus, wie aus dem Eingange
des Schreibens, dass Agobard in der Sache bereits eigen-
mächtig verfahren und die Juden bei Hofe sich mit Hoffnung
auf Erfolg beschwert hatten. Dieser blieb in der That nicht
aus; ein kaiserlicher Erlass verbot jene Taufe. Hiergegen
wendet sich nun Agobard in einem neuen Schreiben an die
Proceres (Hilduin und Wala): Conlra prcwccptum impium de
baptismo Juduicoru/n mancipioriim; aber ohne das erwünschte
Resultat, vielmehr da Agobard in seiner Verfolgung nicht nach-
liess, so mussten schliesslich sogar besondere Königsboten gegen
ihn und für die Juden einschreiten.
Nunmehr appellirte er an den Kaiser selbst in der Be-
schwerdeschrift De insolentia Judaeorum. An die Sendung der
Missi anknüpfend, gibt Agobard hier als Grund, warum er von
den „Gönnern der Juden" zu leiden habe, an: weil er den
Christen gepredigt, sie sollten keine christlichen Sklaven Juden
verkaufen, und den Juden nicht erlauben, sie nach Spanien
auszuführen, oder als Diener zu haben, ferner, dass christ-
liche Frauen mit ihnen nicht den Sabbat feierten, und dass
sie für die Juden an Sonntagen nicht arbeiteten, noch an Fast-
tagen mit ihnen speisten, dass kein Christ von ihnen Wein oder
Fleisch kaufe — weil die Juden das unkoscher befundene,
was sie Christenvieh nannten, zu verkaufen pflegten. Darüber
sucht sich Agobard hier zu rechtfertigen, denn er hatte durch
solche Predigten offenbar sich in Widerspruch mit vom Kaiser
den Juden ertheilten Schutzbriefen gesetzt'), und war also
noch weiter gegen die Juden vorgegangen. Da die Juden
Christus verfluchen, sagt er, sollen die Christen keine solche
Gemeinschaft mit ihnen haben; übrigens sollen sie aber den
Juden nicht schaden. Auf den ersten Grund des Streites
kommt hier aber Agobard nicht zurück. — Zugleich mit
diesem Schreiben ging an Ludwig eine Schrift ab, die von
Agobard im Verein mit zwei andern Bischöfen verfasst und
De Judaicis sitperstidonibus betitelt worden ist. Sie ergänzt
das Schreiben, indem sie zur Unterstützung desselben „aus
dem Leben der Kirchenväter und ihren Beschlüssen, sowie
1) Wie sich noch welche erhalten haben. S. Simson a. a. 0. S. 395.
Schriften gegen die Juden. 217
aus der Bibel einiges" mittheilen will'j; aber sie beschränkt
sich nicht auf die betreffenden Punkte der Beschwerdeschrift,
sondern soll überhaupt zeigen, wie verabscheuiiugswürdig- die
Juden sind, zu welchem Zwecke denn auch ihrer verschiedenen
Superstitionen gedacht wird (c. 10). Bei der Gelegenheit wird
auch eine Lebeusgeschichte Christi, wie sie die Juden erzähl-
ten, mitgetheilt, die nicht ohne Interesse ist.-)
Endlich hat Agobard diese Angelegenheit noch einmal in
einer Epistel an den greisen Bischof von Narbonne, Nibridius,
behandelt 3), indem er seine pastorale Thätigkeit, die Christen
vom Umgange mit den Juden abzuhalten, sowie den Wider-
stand, den er bei den kaiserlichen Beamten darin fand, dar-
legt und den hoch angesehenen Xibridius um seinen Beistand
bittet. Dieser soll gleich ihm vorgehen und hierzu auch die
benachbarten Bischöfe auffordern. Hier gibt Agobard seinem
Groll gegen die Juden den freisten und leidenschaftlichsten
Ausdruck, indem er die gegen die Heiden gerichteten zornigen
Stellen des Alten Testaments nunmehr auf sie selbst anwendet;
andrerseits offenbart gerade diese Epistel, bis zu welchem für
jene Zeit erstaunlichen Grade die Toleranz des Volkes gegen
die Juden in Agobards Diöcese ging^), so dass seine Befürch-
tung, es möchten üebertritte zum Judenthum erfolgen, wäh-
rend es durch alle Humanität und Wohlwollen nicht möglich
wäre, Juden für das Christenthum zu gewinnen, nicht un-
gerechtfertigt erscheint.
Am glänzendsten zeigt sich unser Autor als politischer
Pamphletist. Wir besitzen von ihm drei Broschüren, die sich
1) Scribimus tantum pauca de exemplis et statutis Patrum ac deinde
de Actis apostolicis sive de Evangeliis et Veteris Testamenti scripturis
2) Christi Leib soll danach durch eine Ueberschwemmung, da er neben
einem Aquäduct bestattet, fortgetragen und auf Pilatus' Befehl 1 2 Monate,
doch vergeblich, gesucht worden sein, worauf derselbe dann Christi Auf-
erstehung proclamirt und seine Anbetung den Juden befohlen habe.
3) De cavendo convictu et societate Judaeorum.
4) dum se (Judaei) patriarcharum progeniem, iustorum genus,
prophetarum sobolem superbo ore proloquuntur Cnde et in tantum
erroris pelagus nonnulli ex vulgaribus ac rusticis abducuntur, ut hunc so-
lum Dei populum , apud hos piae religionis observantiam , ac multo cer-
tiorem , quam nostra sit, fidem et seducto suspicentur animo , et ore impio
inter pares et consimiles fateantur.
218 Agobard.
auf die wichtigsten Tagesereignisse seiner Zeit beziehen. Die
eine ist ein Schreiben an den Kaiser Ludwig, das, sein Thema
zu bezeichnen, der erste Herausgeber wenig genau De divisione
impprii inter ßlios Ludovici betitelt hat. Es ist i. J. 830 ver-
fasst und wirft Ludwig vor, den Bürgerkrieg durch seine
Sinnesänderung veranlasst zu haben. Durch Gottes Erleuch-
tung habe er Lothar zum Mitkaiser einst gewählt (817) —
denn bei der Wahl war jene durch Fasten und Messopfer er-
fleht worden — und nun ohne Gott ihn (829) Verstössen, als
wenn er ohne Gott selbst eisen besseren Rath gefunden.
Namentlich wird der Missbrauch, der mit dem Eide durch
solchen Wechsel der Politik getrieben werde, und der Ludwig
selbst in der öffentlichen Meinung herabsetze, gerügt. In dieser
Schrift, die den Kaiser offenbar zur Innern Umkehr bewegen
soll, denn die Gefahr seiner Seele ist es, welche Agobard zum
Schreiben bewog, tritt unser Autor entschieden für die Ein-
heit des Reichs in die Schranken, gleich den meisten Mit-
gliedern der hohen Geistlichkeit. Das Schreiben ist uns aber
meines Erachtens sicher nicht vollständig erhalten.')
Bedeutender sind die beiden andern Schriften, die man
merkwürdiger Weise bis auf Simsons gründliche Untersuchung
als eine betrachtet und IJbei' apolofjeliciis pro filiis Ludovici
betitelt hat. Es bilden aber, wie Simson ganz richtig nach-
gewiesen^), die ersten sechs Kapitel eine besondere Schrift,
die so recht den Charakter des Pamphlets hat und stilistisch
wohl das bedeutendste ist, was Agobard geschrieben. Wie
schon der Eingang zeigt, ist die Schrift an alle Welt gerich-
tet; sie beginnt gleich einer politischen Predigt 3): Audite haec,
omnes (/e?ites, audiat terra et pleniti/do eins a soUs ortu usque
ad occasum, ab aquilone ad mareJ) Die Schrift ist im Früh-
jahre 833 verfasst, als Kaiser Ludwig gegen die empörten
Söhne den Heerbann aufbot, also am Vorabend des neuen
1) Es fehlt ihm jeder Schluss.
2) „Ueber den sogen. Liber apolog. des Erzbischofs Agobard v. Lyon"
a. a. 0. I, S. 397 ff. Simsons Beweis wird noch unterstützt durch den
Schluss des sechsten Kapitels: Amen, amen et hymnum Deo.
3) Mit einem Audite begannen ja die Predigten, wie sie mit einem
Amen endeten (s. die vorausgehende Anm.).
4) "Wie sicher statt et muri zu lesen ist.
De divisione imperii. Liber apologeticus. 219
Bürgerkriegs. Sie soll das Verfahren der Söhne rechtfertigen,
und dem Blutvergiessen vorbeugen. Aber sie wird zur hef-
tigsten Anklageschrift und athmet vielmehr Krieg als Frieden.
Die Anklage richtet sich aber vornehmlich gegen des Kaisers
Gemalin, Judith: ihr wird alles Unheil Schuld gegeben. Die
Söhne sind im vollen Rechte, heisst es im Eingänge, wenn
sie den väterlichen Palast von Schmutz und Intriguen reinigen
wollen, und das Reich von Tumult und Unruhen. Alles ging
gut, so lange der Kaiser noch männlich kräftig war; danach
aber begann der Kaiserin ausschweifendes Leben, anfangs nur
wenigen, dann mehreren, zuletzt aller Welt bekannt. Die sitt-
liche Entrüstung der Söhne darüber rief die erste Empörung
hervor, Judith musste ins Kloster wandern. Aber in Folge
der Nachgiebigkeit der Söhne und durch die Macht ihrer
Reize kehrte die Kaiserin in den Palast zurück und gelangte
wieder zur Herrschaft, indem sie des Gemals Sinn änderte. —
Hiernach (c. 3) kommt Agobard wieder auf den mit dem poli-
tischen Eide getriebenen Missbrauch. Und wohin ist man nun
gelangt? Statt dass durch Krieg gegen barbarische Nationen
das christliche Reich ausgedehnt werde, drängt sich dasselbe
vielmehr in seiner Mitte zusammen zum Bürgerkriege'); und
statt der Unterwerfung und Bekehrung von Barbaren, werden
die christlichen Unterthanen in die Barbarei gestürzt.-) In
seiner Verblendung liebt Ludwig die ihn hassen, und hasst
die ihn lieben. Sagt man doch, dass einige seiner Umgebung
die Vernichtung der Söhne anstreben, um dann an den Kaiser
selbst Hand anzulegen und das Reich unter sich zu theilen.
Nur Gott kann helfen, sonst wird das Reich die Beute äusserer
Feinde oder vieler Tyrannen. — Man sagt auch, dass die
Kaiserin mit kindischen Spielereien sich die Zeit vertreibe,
woran sogar Priester theilnehmen; man sagt wohl, sie sei
1 ) Cum enim deberent exercitus mitti adversus exteras gentes et ipse
Imperator adversus barbaras natioues dimicare. ut eas fidei subiugaret ad
dilatandum terminum regni fidelium nunc e contrario omne regiium
cum extremitatibus suis conglobatur in unum in medio sui. diversa tarnen
intentione, dum alii parantur ad intestina viscera disrmnpenda, alii ad pa-
candam, si tieri potest, iniustissimam discordiam
2) (Ecclesia) erat ut christianissimo imperatori barbari subician-
tur, non ut subiecti conturbontur et bar barizentur. Das Wortspiel
lässt sich in der Uebersetzung nur andeuten.
220 Agobard.
keine Intrigantin, sondern anmuthig und lieblich; darauf ant-
wortet die Bibel: trügerisch ist die Anmuth, eitel die Schön-
heit, nur das gottesfürchtige Weib ist zu loben. — Schliess-
lich fordert dann Agobard alle die Gott fürchten, ihn, den
Herrscher und das Reich lieben, auf, mit allem Bemühen
dahin zu streben, die alten Wunden verharrschen zu machen,
ohne Krieg, ohne Blutvergiesseu.
Die andre Schrift, welche die noch übrigen sieben Kapitel
des Liber apologeticus bilden'), ist nach dem für Ludwig un-
glücklichen Ausgange des Feldzugs v. J. 833 verfasst, er wird
hier nur „quondam Imperator" genannt. 2) Die Schrift soll die
von ihm verlangte Kirchenbusse rechtfertigen, insbesondere
auch bei ihm selbst. Judith ist freilich die „Ursache alles
Uebels", wie durch eine kurze Geschichte der Unruhen ge-
zeigt wird, aber Ludwig ist damit so wenig entschuldigt, wie
der durch sein Weib verführte Achab der Bibel; wie dieser
Busse thun musste, so er, damit ihm wenigstens die Erhöhung
im ewigen Leben zu Theil werde. ^) — Diese zweite Schrift
unterscheidet sich auch stilistisch von der ersten, indem sie
mit weit weniger Feuer verfasst ist. —
Nicht bloss auf dem Felde der allgemeinen Literatur, in
Schriften, die sich an das grosse Publikum wandten, sondern
auch auf rein theologischem und kirchlichem Gebiete hat sich
dieser streitbare Autor fast nur als Polemiker gezeigt. So
bekämpfte er in einem Ludwig dem Frommen gewidmeten
Buche den Adoptianismus des Bischofs Felix von Urgel
noch nach dem Tode des letzteren, da ein von diesem in
Lyon, wo er 818 starb, hinterlassener Zettel, der in Fragen
1) Ob sie darin vollständig erhalten, ist allerdings sehr fragüch, ja
wenig wahrscheinlich. Bei der Zusammenschweissung dieser Schrift mit
der vorausgehenden wird mindestens der Anfang weggelassen seüi. Sonder-
bar dass diese Schrift, welche den Verrath auf dem „Lügenfelde" recht-
fertigt, hier mit einer Erörterung über die Lüge beginnt, indem der Verf.
sagt, dass dieselbe nicht bloss in Worten (dictis), sondern auch in Hand-
lungen (factis) bestehe , und der letzteren soll sich offenbar der Kaiser
schuldig gemacht haben ! Klingt dies nicht als wie eine an diejenigen ge-
richtete Antwort, welche dasselbe den Söhnen vorgeworfen hatten?
2) Oder auch domnus dudum Imperator, wie im vorletzten Kapitel.
3) Die exaUalio aeternae vitae im Gegensatz zu der „exaltatio tem-
poralis vitae", die nicht mehr für ihn passe.
Streitschriften gegen Felix. Fredegis. Amalariiis. 221
und Antworten seine Lehre behandelte, zur Genüge zeigte,
dass er trotz aller Widerrufe unbekehrt geblieben.^) So ver-
fasste Agobard eine Streitschrift gegen Fredegis, den Schü-
ler und Nachfolger Alcuius in Tours, die freilich nur die ver-
theidigende Erwiderung eines Angriifs desselben ist. Hier
handhabt im Eingange unser Autor die Ironie in pikantester
Weise. 2) Bei diesem Streite handelt es sich namentlich um
die Frage der Inspiration: und da zeigt sich denn wieder
der verständige klare Blick Agobards, indem er sich gegen
die herkömmliche grobe Auffassung, die selbst Fredegis ver-
trat, erklärt und behauptet, dass nicht die Worte und der
Stil, sondern der Inhalt und die Beweisführung von dem
heiligen Geiste den Aposteln wie Propheten inspirirt worden
sei.=^) — Ein andrer seiner Gegner war Amalarius^), der
als Presbyter von Metz vier Bücher: De ecclesiustico officio
um 820 verfasst hatte, worin er alle Einrichtungen und Ge-
bräuche des Kultus allegorisch zu erklären sucht; dieser, der
sich also speciell mit der Liturgie beschäftigte und eine Ueber-
einstimmung in den Antiphonarien, wohl auf Grund des rö-
mischen, anstrebte'^), trat der einseitigen Reform Agobards
entgegen: wider ihn ist dessen kurze heftige Flugschrift: De
divina psalmodia gerichtet. Die Rechtfertigung seines Ver-
fahrens, die Agobard in dem kleinen Buche: De voivectione
1) S. über den Liber adversus Felicem Leist a. a. 0. S. 3 ff.
2) "Was öfter missverstanden ist, so von Ahner, Fredegis von Tours.
Leipzig 1878. S. 13. So lautet der Anfang: Dudiun modestiae vestrae be-
niguitas adversum nos peccatis nostris exigentibus mota taUbus nos in-
vectionibus perculit, quae lenitatis ac sinceritatis vestrae modum excedere
viderentur etc. Und wenn es dann später heisst: Et idcirco, sapien-
tissime vir, si dignatur adniittere magnitudo vestra etc.. so ist auch das
sapientissime ironisch gesagt.
3) S. Leist S. 21 ff., Reuter S. 36 ff.
4) Dieser Amalarius, der auch den Beinamen Symposius führt, ist
nicht zu verwechseln mit dem Amalarius Fortunatus, Bischof von
Trier (S09— SU), welcher 813 als Gesandter nach Constantinopel geschickt,
über diese Reise einen Bericht in SO Hexametern verfasst hat. Dies
Odoporicum, am besten edirt in Jaffe's Monum. Carolina p. 426 ff"., ist
literarisch zu unbedeutend um hier weiter berücksichtigt zu werden. Vgl.
Dümmler, N. A. S. 139.
h) Vgl. Simson I, S. 294 f.
222 Claudius.
Antiplionarii gibt'), steht aber wolil mit jenem Angriffe in
keinem Bezug. Dagegen bekämpfte Agobard-) auch das zu-
erst erwähnte Hauptwerk des Amalar, indem er ihm selbst
Irrlehren nachwies. Diese Gegnerschaft war offenbar zugleich
eine persönliche, indem Amalar während der Entsetzung Ago-
bards der Kirche von Lyon vorgesetzt war; seine Irrlehren
verdammte aber auch die Synode von Quiercy 838.
Unter den wenigen nicht polemischen Schriften Agobards
sei hier noch kurz erwähnt der Anfang einer Sammlung von
Bibelstellen über die Furcht und die Hoffnung, welche
den Sinn der Menschen zu lenken haben, und ein beredter
Sermo über die Wahrheit des Glaubens. Die Klarheit
und Präcision des Ausdrucks Agobards zeigt sich auch hier
im besten Lichte. 3)
NEUNTES KAPITEL.
CLAUDIUS UND SEINE GEGNER DUNGALUS UND JONAS.
Ein ebenso aufgeklärter Kopf, ein ebenso leidenschaft-
licher Feind kirchlichen Aberglaubens als Agobard, obgleich
ohne dessen humanistische Bildung, war der Bischof von Turin,
Claudius.^) Er war in Spanien geboren, und ein Schüler des
Felix von Urgel, zu dessen Adoptianismus er sich aber nicht
bekannte. Eine Zeitlang diente er als Presbyter am Hofe
Ludwigs des Frommen, schon als dieser noch König von
1) Es kann bei diesem wie bei der vorerwähnten Schrift wohl sehr
bezweifelt werden, dass sie uns vollständig erhalten sind; beiden fehlt
auch ein Schlusswort.
2) In dem Liber contra libros quattuor Amalarii abbatis.
3) S. über beide Schriften Leist S. 16 ff. — Ueber die ihm beigelegten
Gedichte Dümmler, N. A. S. 263 f.
4) Claudii Taurinensis opuscula quae supersunt in Migne's Patrol.
lat. T. 104. — Claudii Taur. episc. ineditorum operum specimina, prae-
missa de eins doctrina scriptisque dissertatione , exhibuit A. Rudelbach.
Kopenhagen 1824. — C. Schmidt, Claudius von Turin, in Illgens Zeitschr.
für d. histor. Theologie. Jahrg. 1843. — Simson a. a. 0. II, S. 245 ff.
Reuter a. a. 0. S. 16 f.
Leben. Apologeticiim. 223
Aquitanien war. Da er durch eine umfassende Kenntniss der
Bibel, in welcher er die Hofgeistlichkeit unterrichtete, und nicht
minder durch eine begeisterte Predigt sich auszeichnete, so
erhob ihn Kaiser Ludwig (vielleicht schon 815) auf den ita-
lienischen Bischofsstuhl, „um das dort dem Evangelium ent-
fremdete Volk in der heiligen Lehre zu berathen".') Der
krasseste Aberglauben herrschte damals gerade in Italien, wo
aus dem Alterthume überlieferte heidnisch-sinnliche Religions-
vorstellungen, in christliches Gewand gehüllt, fortlebten. Dort
war auch die Bilder- und Reliquienverehrung beim Volke zu
einem wahren Götzendienst geworden. Claudius war dies um
so mehr ein Gräuel, als er, ein begeisterter Schüler Augustins,
die Verehrung Gottes im Geiste als das wahre Wesen des
Christenthums betrachtete, und in der unmittelbaren Beziehung
zu Gott, der vollen Hingabe der eigenen Persönlichkeit in der
Liebe zu ihm das höchste Heil sah.
So trat er denn als Oberhirt mit der rücksichtslosesten
Energie gegen jenen Aberglauben auf, indem er die Bilder,
ja, wie es scheint, selbst die Kreuze aus den Kirchen ent-
fernte. Zugleich bekämpfte er ihn aber auch mit der Feder
in seinen zahlreichen Bibel commentaren, obgleich die-
selben im allgemeinen nur Compilationen sind, wo sich ihm
dazu die Gelegenheit darbot. Dort ging er nun noch weiter
und verwarf von seinem Augustinischen Standpunkte die Inter-
cession der Heiligen und damit ihren Kultus überhaupt, darin
mit Agobard übereinstimmend. Ja er läugnete selbst die fort-
wirkende Macht des Petrus, und dass diese von einem be-
stimmten Sitze ausgehe. Und so erklärte er sich denn auch
gegen die Wallfahrten nach Rom, wie dies schon Theodulf
gethan.-) — Ein Abmahuungsschreiben eines früheren Schü-
lers und Freundes, des Abts Theodemir, der schon einmal
gegen seine Lehren aufgetreten war, veranlasste Claudius zu
einer geharnischten Erwiderung in einer ausführlichen apolo-
getischen Schrift. Dies Apologeticum ist uns aber nur
theilweise in zwei Gegenschriften von Dungalus und Jonas
erhalten. Claudius blieb indess, so vielen und grossen Anstoss
1) Wie Claudius' Gegner, Jonas in der Praefatio seines Werks De
cultu imag. sagt.
2) S. oben S. 83.
224 Dungalus.
er auch in seiner Diöcese') und selbst jenseits ihrer Grenzen
gab, in seinem bischöflichen Amte unbehelligt. Er starb nicht
lange nach der Abfassung der Schrift, um das Jahr 830.'-)
Claudius' Gegner, Dungalus'), ist ein gelehrter Ire, der,
wie so manche andre, zur Zeit Karls des Grossen eingewandert,
von ihm später zum Magister des Klosters des h. Augustin zu
Pavia gemacht wurde, um dort eine Stätte wissenschaftlicher
Bildung zu begründen.^) Er ist wahrscheinlich derselbe, der
früher als Presbyter in dem Kloster von St. Denis lebte, wohl
dort dasselbe Amt bekleidend. Auf Kaiser Karls Wunsch ver-
fasste er dort i. J. 811 eine Schrift über die Sonnenfinsterniss
des vorhergegangenen Jahres. — Sein Leben beschloss er in
dem Kloster Bobbio, da er diesem seine Bücher als „incola"
desselben schenkte, und unter ihnen auch den Liber contra
■perversas Claudii sententias.''^) Dies Buch ist Ludwig dem
Frommen und seinem Mitkaiser Lothar gewidmet, indem sie
in den heftigsten Ausdrücken gebeten werden, der Kirche zu
Hülfe zu kommen, und den „Schüler des Felix", der diesem
nicht bloss gleichkomme, sondern ihn noch übertreffe, auch
1) Doch hatte er auch dort seine Anhänger, wie die Gegenschrift des
Dungalus im Eingang zeigt.
2) Sein Nachfolger erscheint schon in einer Urkunde vom Januar 832.
S. Simsen II, S. 250, Anm. 3.
3) Responsa contra perversas Claudii sententias ed. P. Massonius.
Paris 1608. (Migne, Patrol. lat. T. 105.) — Schrift u. Briefe des Presbyter
von S. Denis in Jaffe's Monumenta Carolina p. 396 u. 429 ff.
4) Indem ich glaube, dass mit der von mir gemachten Einschränkung
die Nachricht des Monachus S. Gall. 1. I c. l benutzt werden darf; Dun-
galus kam, wenn er derselbe als der Presbyter von S. Denis war, was
mir doch am wahrscheinlichsten dünkt, erst nach 811 nach Pavia. Dass
er schon zu Karls d. Gr. Zeit dorthin gekommen, dafür spricht auch eine
Stelle im Eingang seiner Schrift gegen Claudius, wo er sagt, dass er schon
lange , seit er nach Italien gekommen , Anlass zur Beschwerde über das
Treiben des Claudius gehabt habe: non quod ante iam du dum ex quo
in hanc terra m advenerim, occasio mihi copiosa hac de re reclamandi
conquerendique assidue non occurreret. Unter dem haue terram kann
aber hier nur Italien verstanden werden. — Für die Identität der beiden
Dungalus spricht auch der langathmige Periodenbau, der in dem Buch
gegen Claudius wie in der Schrift über die Sonnenfinsterniss auffällt.
5) Wie Wattenbach nachwies, Bd. I, S. 125.
Contra perversas Claudii seutentias. 225
härter zu strafen. Er sei der Schwanz der Schlange, die
gegen die Einheit der Kirche zischt. Diingalns will ihn
durch Aussprüche der heiligen Väter widerlegen, und er gibt
davon eine reiche Blumenlese, aber er rechnet merkwürdiger
Weise zu ihnen auch die Dichter, indem er viele und auch
längere Auszüge nicht bloss aus den Gedichten des Paulin,
sondern auch des Prudenz und Fortuuat gibt.^) Verräth er
hierin schon den Grammatiker, so nicht minder in dem hohen
Lob, das er Yirgil und namentlich Priscian zollt, der wegen
des Glanzes des edelsten Genies das Licht der römischen
Beredsamkeit zu heissen verdiene. Uebrigens vertritt Dun-
galus in Betreff der Bilder wie Reliquien nur die vermittelnde
Ansicht der fränkischen Kirche, welche statt der Adoratio
bloss eine Veneratio zuliess.-)
Der andre Gegner des Claudius, Jonas-') war der Nach-
folger Theodulfs auf dem erzbischöflichen Sitze von Orleans.
Er war ein Aquitanier und ein Mann ebensowohl von huma-
nistischer Bildung als von theologischer Gelehrsamkeit, dabei
dem Kaiser Ludwig treu ergeben. So spielte er auf wich-
tigen Synoden eine bedeutende Kolle, wie auf der von Paris
825, wo noch einmal die Frage der Bilderverehrung verhandelt
wurde, in Folge einer von Byzanz nachgesuchten Vermittelung
Kaiser Ludwigs bei dem Papste. Die Synode blieb den frühe-
ren Beschlüssen der fränkischen Kirche getreu. Jonas aber
wurde zugleich mit dem Erzbischof von Sens, Jeremias von
dem Kaiser an den Papst abgeordnet.^) Ferner hat er auf
1) Die Auszüge sind so beträchtlich, dass sie auch für die Textkritik
der Dichtungen von Belang sein müssen; auch literarhistorisch sind sie
nicht ohne "SVerth. so legt Dungalus den Hymnus Fange lingua etc. dem
Fortunat bei, u. in Betreff Paulins s. oben Bd. I, S. 291 Anm. 1.
2) Ueber die beiden wenig bedeutenden Gedichte, die seinen Namen
tragen, s. Dümmler, N. A. S. 255. — Andre sind ihm ohne Berechtigung
beigelegt, so noch von Migne p. 529, darunter sogar ein panegyrisches
Epitaph auf ihn selbst, -worin er u. a. als Lehrer von Kindern wie Greisen
gepriesen wird.
3) Migne, Patrologia latina Tom. 106. — Bibliotheca maxima vet. pa-
trum etc. Leyden 1677. T. XIV, p. 167 ff. (De cultu imag.). — *D'Achery,
Spicilegium, Nov. ed. Tom. I, p. 25Sff. (Instit. laic. u. Instit. reg.). —
4) S. das Nähere über diese Angelegenheit bei Simson I, S. 249 tf.
Ebekt, Literatur des Mittelalters II. 15
226 Jonas.
der Pariser Synode v. J. 829, welche sieh mit der Reform
von Kirche und Staate sehr eingehend beschäftigte, die aus-
führlichen Acten — worauf ich unten zurückkomme — wahr-
scheinlich redigirt, indem er der geistige Leiter dieser Verhand-
lungen war: hat er doch auch auf der Synode von Dieden-
hofen 835 in so hervorragender Weise mitgewirkt, dass er
das Protocoll über die Absetzung Ebbo's von Reims abfasste.
Jonas starb 843.
Zu seinen gegen Claudius gerichteten drei Büchern: De
cultii imaiimuin war er von Ludwig dem Frommen selbst auf-
gefordert worden, eine Aufforderung, die sich leicht aus seinem
oben erwähnten Antheil an der Pariser Synode von 825 und
der Sendung nach Rom erklärt. Dorthin hatte er eine Aus-
lese aus der von der Synode veranstalteten Sammlung von
Zeugnissen der Bibel und der Kirchenväter für die fränkische
vermittelnde Ansicht über den Bilderkultus mitgenommen. Er
war also in diese kirchliche Streitfrage, wie wenige, einge-
weiht. Jonas hatte sein Werk aber noch nicht vollendet, als^
Claudius starb, und Hess es dann liegen, in der Hoffnung, dass
mit Claudius' Tode auch seine Irrlehre verschwinden werde.
Aber er hatte sich getäuscht — man sieht auch hier wieder,
wie es Claudius nicht an Schülern und Anhängern fehlte —
und so beendete er das Werk erst nach Ludwigs Tode und
widmete es dessen Sohne, Karl dem Kahlen. Es ist aber,
wie Jonas im Vorworte erklärt'), nur auf Grund eines ihm
vom Kaiser zugestellten Auszugs aus dem Apologeticum des
Claudius verfasst. Den drei Hauptzielen der Angriffe des
Claudius entsprechend, ist das erste Buch der Verehrung der
Bilder, das zweite der des Kreuzes, das dritte den Romftihrten
und dem damit zusammenhängenden Glauben an die Inter-
cession der Heiligen gewidmet. Der Eingang des ersten
Buches gibt zugleich eine kurze Geschichte des Claudius und
seiner Häresie, freilich in ganz einseitiger polemischer Weise.
1) Jonas schreibt hier an Karl den Kahlen: Sed quam pestiferum
dogma et ab Ecclesiae auctoritate abhorrens in plebem sibi ti-ansfuderit
commissam, libellus quem ad Theodemirum, venerabilem abbatem,
se charitate imperante corrigentem et a superstitiosa doctrina avertere
volentem, scripsit, eundem legere et nosse volentibus patenter demonstret.
Quem licet ego nee legerim, nee viderim, quoddam tamenex
eo excerptum, eodem genitore vestro (sc. Ludovico) mittente, suscepi.
De cultu imaginum. De institutione regia. 227
Denn auch das Werk des Jonas ist von kirchlich zelotischem
Geiste erfüllt, den noch das Gefühl persönlicher Kränkung an-
stachelte. Er sah nämlich in den Angriffen des Claudius gegen
Theodemir den Klerus Galliens und Germaniens überhaupt
angegriffen, und damit sich selbst der Idololatrie angeklagt.
Und doch wollte die fränkische Kirche, wie er selbst, die
Bilder nur zur Verschönerung und zur Erinnerung in dem
Gotteshause haben; und das Kreuz sollte nur betend begrüsst
werden. Die heftige Sprache des Claudius mit seinem grotesk
übertreibenden Spotte hatte eine ebenso heftige Erwiderung
hervorgerufen, die an beisseuder Satire dem Gegner nichts
schuldig blieb. Und hier zeigt sich denn die humanistische
Bildung des Jonas, der seinen Spott auch gegen die schlechte
Latinität, den zwar schlagenden, aber incorrecten Ausdruck
des Claudius richtet i), dessen Namen er selbst nicht verschont."^)
Ja, er schmückt seine Satire selbst mit Versen des Ovid und
Virgil, indem er das nach ihnen ausführlich ausgemalte Bild
des trunkenen vom Esel herabschwankenden Silen auf seinen
Gegner anwendet.'^)
Mit der synodalen Thätigkeit des Jonas hängen unmittel-
bar zusammen zwei didactische Werke, von denen das eine,
drei Bücher umfassend. De institutione laicali betitelt, für einen
Matfrid — höchst wahrscheinlich den Grafen von Orleans — ,
das andre, dem der Herausgeber die Ueberschrift De institutione
regia gegeben, für den König von Aquitanien, Pippin, verfasst
ist. Das letztere ist vollständig den Acten der Pariser Synode
V. J. 829 entlehnt, indem für Pippin hier excerpirt ist, was
dort zunächst für seinen Vater Ludwig bestimmt war^) ;
1) Migne 1. 1. p. 314.
2) Is quippe de quo agimus, quia non simpliciter graditur, sed a recto
tramite aberrans, sanctorum Patrum terminos iactanter transgreditur , non
frustra, sed quodam, ut creditur, vaticinio Claudii sortitus est nomen etc.
Migne 1. 1. p. 311.
3) leugne 1. 1. p. 362 f.
4) Wie dies schon Simson sicher nachgewiesen hat; seinen Beweis
vermag ich aber noch zu verstärken: das mit 1. III c. 19 identische c. 1(i
der Instit. reg. beginnt mit einem JSam, dies ist an der ersteren Stelle
ebenso motivirt als an der zweiten nicht. Hieraus allein schon sieht man
klar, dass nicht das umgekehrte Verhältniss zwischen den beiden Schrift-
werken bestanden hat, wie man früher glaubte. Nimmt man aber an,
15*
228 Jonas.
ausser den den Herrsclier . speciell betreffenden Lehren sind
aber auch einige allgemeine christliche Vorschriften gegeben.
Die Abfassung dieses Buchs ist ziemlich sicher ins Jahr 834 zu
setzen. 0 — Das Verhältuiss des Laienspiegels zu jenen Synodal-
acten lässt sich nicht ebenso klar und sicher bestimmen. Auch
in ihm finden sich ganze Kapitel, die in den Acten und dann
auch in der Institutio regia wörtlich wiederkehren ; ferner ver-
weist die Synode auf eine Anzahl auf ihr zusammengetragener
Kapitel-) über die ehelichen Pflichten, von welchen Kapiteln
der Kürze wegen nur Inhaltsangaben mitgetheilt werden, und
diese stimmen, und zwar fast wörtlich, mit den Titeln der
meisten Kapitel des zweiten Buchs der Institutio laicalis über-
ein. Diese Kapitel bilden aber gerade den Kern der letzteren.
Denn die dem Werke vorausgehende Widmung erklärt, dass
es unternommen worden ist auf die Bitte des Matfrid, „ihm
aufs schnellste und kürzeste zu schreiben, in welcher Art er
und die übrigen, die durch das Band der Ehe gebunden sind,
ein Gott gefälliges Leben einzurichten haben. " Jonas hat sich,
wie er dort weiter sagt, nur nach grossem Bedenken zu dem
Werke entschlossen — dem er sich nicht gewachsen fühlte —
indem er die Aussprüche der Bibel und der Väter zusammen-
trug und commentirte. Am Schlüsse der Widmung aber be-
merkt er, dass er das ganze Werk wegen seiner Weitläufigkeit
in drei Bücher theilte, von denen das erste und letzte für alle
Gläubigen im allgemeinen, das zweite aber grossen Theils spe-
ciell für die Eheleute bestimmt sei. Um das räthselhafte Ver-
hältuiss dieses Werks zu den Synodalacten zu erklären, kann
dass Jonas die Canones redigirt hat, so erklärt sich sein Verfahren, aus
ihnen ein Buch für den Herrscher seiner Heimath zu machen, um so
leichter.
1) Auf das Jahr 833 passt vollkommen was in der Widmung von dem
..vorausgegangenen Jahre" gesagt wird, wie auch Simson bemerkt, auf das
Jahr 827 aber gar nicht, welches Jahr man für die Abfassung annahm,
als man diese vor die Sjaiode setzte.
2) Congessimus etiam in opere conventus nostri nonnuUa alia capitula
ad vestram (des Kaisers) fideliumque vestrorum observationem et salutem
pertinentia, quorum hie omissa prolixitate mentionem tantum facimus.
Scilicet quod eos oporteat, coniugium etc. Synod. Paris. L. EI, c. 2.
Mansi, Sacror. Concüior. nova et ampliss. collectio. Tom. XIV, Venedig
1769. p. 596.
De institutione laicali. Tita Hugberti. 229
man vielleicht auuehmen, dass Jonas zuerst der Bitte Matfrids
entsprechend, nur das zweite Buch verfasst hat, und dass die
Synode dies bloss approbirte und dann empfahl, in den Acten
mit Angabe des Inhalts sich begnügend ; dass nach der Synode
aber Jonas den Ehespiegel zu einem Laienspiegel überhaupt,
unter Benutzung der Synodalacten , erweiterte, das erste und
dritte Buch hinzufügend. So würde sich denn auch die schlechte
Composition des Ganzen erklären; nachdem nämlich im ersten
Buche weitläufig von der Taufe, dem Gebet, dem Kirchen-
besuch und der Busse gehandelt worden, wird im zweiten
Buche nach den ehelichen Pflichten ausser verschiedenen an-
dern Ermahnungen auch einzelner Laster und Fehler, wie Be-
stechlichkeit, Lüge, Neugierde, gedacht ; darauf aber im dritten
Buche wieder von einzelnen Tugenden und Lastern in einzelnen
Kapiteln gehandelt, die meist gar nicht mit einander verknüpft
sind. Mit dem jüngsten Gericht und der ewigen Vergeltung
schliesst das Ganze.
Dass das Werk, obgleich grössten Theils nur eine Stellen-
sammlung aus der Bibel und den Kirchenvätern, als Origenes,
Ambrosius, Hieron}Tnus, Lactanz, Prosper, Gregor, Isidor, Beda
und vor allen Augustin, doch manche für die Sittengeschichte
der Zeit des Verfassers bedeutende Bemerkungen enthält, ist
schon anerkannt worden; eine innere Einheit aber fehlt ihm
durchaus und in jeder Beziehung, so dass es als schriftstelle-
rische Leistung, von einem einfachen klaren, für jene Zeit
correcten Stil abgesehen, kein Lob verdient.
Endlich hat Jonas noch die alte Vita des heil. Hugbert
auf den Wunsch des Bischofs Walcaud von Lüttich stilistisch
überarbeitet — da sie um die Mitte des achten Jahrhunderts
abgefasst, in der That in einem sehr fehlerhaften Latein ge-
schrieben ist — und zugleich die Erzählung von der zweiten
Translation des Heiligen, von Lüttich nach dem durch
Walcaud wiederhergestellten Kloster Andoin, hinzugefügt. Der
Heilige, den erst spätere Sagen zu einem Verwandten Pippins
und zum Schutzpatron der Jäger gemacht haben, war der erste
Bischof von Lüttich, indem er das Bisthum von Mastricht, nach
der Ermordung seines Vorgängers, dorthin verlegte. Er zeich-
nete sich als Missionar in den Ardennen und Brabant aus.
Nachdem er 727 gestorben, wurde er in der Basilica des h.
Petnis in Lüttich bestattet, 744 aber an eine andre Stelle der
230 Radbert.
Kirche, unter der Tbeilnahme des Königs Karlmann selbst
transferirt. Auch diese Translation wird in der alten Vita^) von
dem zeitgenössischen Autor erzählt.
ZEHNTES KAPITEL.
PASCHASIUS RADBERT. RATRAMNUS.
Tiefer als der Streit über die Bilderverehrung regten seit
dem vierten Decennium dogmatische Fragen von grosser Be-
deutung, die des Lehrbegrififs des Abendmahls wie die schon
öfters erwähnte der Prädestination und des freien Willens, die
Geister, namentlich in Westfrancien , auf, wo denn zugleich,
zum Theil in Verbindung damit, zum Theil unabhängig davon,
ein speculativer Sinn erwacht. So wenig nun auch die dog-
matische und selbst die philosophische Literatur an sich in
den Kreis unserer Betrachtung fällt, so haben doch die Haupt-
werke, welche jenen Fragen damals gewidmet sind, meist
indirect so viel Interesse für uns, um ihrer kurz zu gedenken ;
denn sie spiegeln einmal die Kultur, welche die literarische
Entwickelung damals bedingte, von einer sehr wichtigen Seite
ab, und sie haben ferner auf die Folgezeit einen grossen Ein-
fluss gehabt. Dazu kommt, dass die Autoreu der wichtigsten
zugleich in anderer Beziehung eine literarische Bedeutung
haben: dies gilt insbesondere von demjenigen, welcher die
erste der beiden Fragen auf die Tagesordnung setzte, und sie
in einer Weise entschied, welche die katholische Kirche für
immer adoptirte. Es ist dies Radbert, genannt Paschasius.'^)
Radbert war zu oder bei Soissons um 790 geboren; ein
Sohn armer Eltern, wurde er in einem Frauenkloster dieser
1) Sie ist zugleich mit Jonas' Brief an Walcaud u. der zweiten Transl.
edirt von Arndt, Kl. Denkmäler aus der Merovingerzeit. Hannover 1874.
2) S. Paschasii Radberti, abbatis Corbeiensis, opera omnia iuxta editiones
Sirmondi Mabülonii Martenii recogn. et diligent. emend. accur. IVIigiie.
Paris 1852. (Patrol. lat. Tom. 120.) — *Martene et Durand, Veter. Scrip-
tor. etc. amplissima collectio, Tom. IX. Paris 1723 (Enthält: De corp. et
sang. u. De fide etc.). — *Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. IV,
pars 1 (Enthält die VV. Adalh. u. AYalae p. 291 ff. u. 434 ff.). Roden-
berg. Die Vita Walae als historische Quelle. Göttingen 1877. (Diss.)
Leben. 231
Stadt, in welches er nacli dem Tode seiner Mutter aus Mitleid
aufgenommen war, auferzogen. Trotzdem schlug er heran-
gewachsen zunächst eine weltliche Laufbahn ein. Aber aus
freiem Entschluss kehrte er zum Mönchsleben zurück, indem
er in das Kloster Corbie trat (vor 812). Der Abt desselben
war der hochgebildete Adalhard, ein Vetter Karls des Grossen,
der einst dem gelehrten Kreise Alcuins am königlichen Hofe
angehört hatte, und dort den Namen Antonius führte. Die
Schule von Corbie muss damals schon eine vortreffliche ge-
wesen sein, da Radbert nicht bloss eine umfangreiche theo-
logische, sondern auch eine für jene Zeit bedeutende klassische
Bildung dort sich erwarb, die er dann wieder als Lehrer in
demselben Kloster verwerthete. Seine ausgebreitete und intime
Kenntniss der antiken lateinischen Literatur bezeugen seine
Citate und die ohne Quellenangabe entlehnten Stellen, aus
Virgil und zwar allen seinen Werken, Horaz (auch den Ser-
monen i)), aus Terenz-j und den verschiedensten Schriften des
Cicero, sowie die lobpreisenden Aussprüche über diese Autoren,
wie er denn Cicero den König der Beredsamkeit -^j und Virgil den
grössten Dichter nennt, wenn er ihn auch einmal der falsura
• beschuldigt. ^) "Wie Radbert Adalhards Gunst zu gewinnen
wusste, so nicht minder die seines Bruders und Nachfolgers
Wala. Mit beiden wurde er innig befreundet, und nahm an
ihren kirchlichen wie politischen Bestrebungen den regsten
Antheil. — 844 wurde er selbst Abt des Klosters, legte aber
1) Yita Adalhardi c. 15. 2) Namentlich in der Yita Walae öfters.
3) Expositio in Matthaeum Prolog. 6. Yita Adalhardi c. 20.
4) In der Widmungsepistel des Buchs De corp. et sang, an Karl den
Kahlen: Idcirco ne me putes, Augustorum clarissime, fabulam vobis con-
texere de Maronis falsura. — Auch trägt Radbert kein Bedenken seinen
^maximus poeta" zu einem Plagiator zu machen, und ihn auch den ..weit
älteren Horaz •■ plündern zu lassen. Die Stelle ist beachtenswerth genug
um hier angeführt zu werden: Si quaeris , Adeodate, qualis (Adalhardus)
Yenerit: fateor talis, qualem YirgUius üle tuus Maro describit, totus
teres atque rotundus. Qui nimirum versus licet in Virgilio vestro
magnis extoUatur laudibus, longe antiquior legitur in Horatio, qui dum de
viro sapiente loqueretur, ait, quod sit f'ortis et in se ipso totus teres atque
rotundus. Unde profecto Uquet, sicut et in quam pluribus locis, quia
Maro vester, callidus ingenio, de ccterorum sententiis laudem tulit, et de
multis, acsi mendicus, philosophorum fragmentis convivium vanitatis saltim
pueris fecit. Yita Adalh. ed. 1. p. 446. — Ygl. Horati Satir. II, 7 v. SO.
232 Radbert.
dieses Amt schon 851 nieder, um sich, wie einst Raban, ganz
seinen gelehrten Studien und literarischer Thätigkeit zu wid-
men. Er hielt sich zu dem Zweck auch eine Zeitlang in dem
von wissenschaftlichem Geiste beseelten Kloster St. Riquier
auf. Er starb zu Corbie 865.
Dass der von ihm geführte Beinamen Paschasius seiner
Beschäftigung mit der Abendmahlsfrage seinen Ursprung ver-
dankt, ist wohl nicht zu bezweifeln; ob er ihn aber zuerst
selbst sich beigelegt, oder von seiner Umgebung im Kloster,
vielleicht in Folge der von Adalhard dorthin verpflanzten
Alcuinischen Sitte, erhalten, vermag ich nicht zu entscheiden. ^
Wie hoch Radbert schon von seiner Zeit geschätzt wurde,
zeigt namentlich ein von dem Bischof von Soissons, Engel-
modus auf ihn bei Lebzeiten verfasster Panegyricus, der ihn
in schwülstigen Hexametern nicht bloss als Säule der Kirche,
höchste Ceder des Paradieses und Schild des Glaubens preist,
sondern auch seine Beredsamkeit mit überschwänglichen Aus-
drücken rühmt. In der That gehörte Radbert zu den ersten
Gelehrten Westfranciens damals und obgleich er kein wahrhaft
productiver Denker war, so ist ihm doch eine gewisse specu-
lative Neigung, ein Streben nach philosophischer Begründung
eigen, selbst wo er von der wörtlichsten Auffassung des Dogma
ausgeht und dem extremsten "Wunderglauben huldigt. Auch
er verdankte dies dem Studium der Werke des Augustin, von
welchen die speculative Thätigkeit des älteren Mittelalters fast
immer ihren Ausgang nimmt. Das bedeutendste Werk des
Radbert, das in seiner Zeit das grösste Aufsehen machte und
auf die Folgezeit den mächtigsten Einfluss ausübte, selbst auch
durch den Widerspruch, den es hervorrief, ist das Buch De
corpore et sun{juine Domini, die erste Monographie über die
Lehre des Abendmahls. Das Buch ist in der ersten Ausgabe
831 an den Abt von Corvey, Warin genannt Placidius, einen
früheren Schüler Radberts, gerichtet ; in einer zweiten um 844
1) Radbert nenjit sich in seinen Schriften zuerst so in der Vita Adal-
hardi, diese ist aber vor seinem Buche De corijore et sanguine verfasst;
vielleicht ist der Name in der Vita noch Versteckname für das Publikum,
ausserhalb des Klosters, wie andre Namen dort. Von seinem berühmten
Buche hat er ihn also jedenfalls nicht erhalten. Für die Verpflanzung der
Alcuinischen Sitte spricht aber auch der Beiname des Schülers Radberts
Warin „Placidius."
De corpore et sanguine Domini. 233
dem König Karl dem Kahlen, wie es scheint, als "Weihnachts-
geschenk, auf seine Aufforderung gewidmet^), nachdem die
erste Ausgabe schon, wie diese Widmung besagt, in viele Hände
gekommen. Doch hoffte Radbert von der Billigung des Kö-
nigs eine noch sicherere allgemeinere Anerkennung seiner
Lehre und weitere Verbreitung seines Buchs, das, wie er schon
in dem an Wariu gerichteten Prolog sagt, in populärem Stile
abgefasst, auch für ein grösseres Publikum, das keine lite-
rarische Bildung besässe, bestimmt sein sollte. Zwei Gedichte
in Hexametern gehen dem Werke in der zweiten Ausgabe-)
voraus, von welchen das eine König Karl geweiht ist, dem
das Buch zu überreichen, die Jungfrau Sophia aufgefordert
wird; das andre, das mit einem Acrostichon beginnt, welches
den Namen Radbert enthält, wendet sich an den Leser und
zeigt den Inhalt des Werks in der Hauptsache an.
Eadbert entwickelt in dem Buche zum ersten Male aus-
führlich die Lehre von der Transsubstantion und sucht sie auch
wissenschaftlich zu begründen, indem er diese Auffassung des
Abendmahls: die Verwandlung der Substanz des Brodes und
des Weines durch die Consecration des Priesters in die Sub-
stanz des Leibes und des Bkites Christi, selbstverständlich für
die einzig richtige erklärt. Diese Auffassungsweise fand sich
in der Kirche auch schon früher vertreten, wenn auch nicht
mit derselben Entschiedenheit ausgesprochen, aber sie war
keineswegs die allein herrschende, indem auch eine geistigere,
dieser sinnlichen gegenüber, von ebenso vielen getheilt wurde;
es bestand eben noch kein fester, von der Kirche geweihter
Lehrbegriff.
Radbert begründet aber seine Lehre durch die Rechtfer-
tigung des Wunders als solchen, denn er selbst erklärt, wie
dies ja auch nicht anders sein konnte , die Transsubstantion
für ein Wunder, ja, weil es kein sichtbares, für ein grösseres
1) Hinc inde, ut condignum est, ad superventura diei Dominici festa
missuri sunt auri argentique et vasorum diversi generis munera etc., inter
quae nimirum , etsi ultimus, fide devotus, quia monuistis, et mea, ut
opto, vos delectant; decrevi non ignavi ponderis metalli vestrae maiestati
munus offerre, scilicet libellum etc.
2) Dass dies auch von dem oben an zweiter Stelle erwähnten Gedichte
gut, zeigt der 4. Vers des Acrostichon, namentlich die Worte: puero quae
misimus olim, mit welchen auf die frühere Ausg. hinge'wdesen wird.
234 Radbert.
als alle andern, die selbst nur deshalb geschehen sind, damit
dieses eine Wunder geglaubt werde (c. 1, §. 5). Gottes all-
mächtiger Wille ist die Ursache aller Dinge und Naturen. In-
dem sie aber Gott schuf, nahm er seinen Willen nicht von
ihnen weg, vielmehr besteht ihr Dasein in seinem Willen und
seiner Kraft, durch welche alles was ist, nicht bloss existirt,
sondern auch so, wie es Gottes Wille beschlossen.') So ist
denn auch jede Veränderung der Natur des Geschaffenen
von ihm abhängig. Bei dem Wunder scheint also nur sich
etwas gegen die Natur zu begeben, in der That aber ist es
nicht der Fall, da es ja im Wesen der Natur liegt, den Be-
fehlen Gottes stets zu gehorchen. Demnach ist ein Zweifel an
der Möglichkeit der Transsubstantion nicht gerechtfertigt. Frei-
lich ist der Glaube nöthig, weil ja die äussere Erscheinungs-
form von Brod und Wein bleibt, aber den Glauben verlangt
die Religion überhaupt. Ohne diesen würde auch niemand
Christus am Kreuze in Knechtsgestalt als Gott erkannt haben.
Diese Auffassungsweise des Abendmahls erhielt aber da-
durch eine besondere Bedeutung, dass nach ihr, wie Radbert
ausführt, durch die im Abendmahl zugleich vollzogene leibliche
Gemeinschaft mit Christus, auch die leibliche Natur des Men-
schen zur Unvergänglichkeit qualificirt, und so die Auferstehung
desselben gerechtfertigt wird. — Nicht mit Unrecht ist dem
Buche, auf dessen weiteren, theologischen Inhalt einzugehen
uns hier fern liegt, eine mangelhafte Composition und, was
damit zum Theil zusammenhängt, Weitschweifigkeit in Folge
häufiger Wiederholungen vorgeworfen; durch letztere wollte
der Verfasser offenbar auch die von ihm erstrebte Gemeinver-
ständlichkeit seines Buches erzielen, das übrigens im Ganzen
durch einen einfachen Satzbau und eine ungesuchte Ausdrucks-
weise sich empfahl.
Eine gewisse Ergänzung zu diesem Buche bildet die Ej)i-
stola ad Friidegardum, worin Radbert die ihm von diesem
Mönche brieflich mitgetheilten Zweifel vieler an seiner Lehre
1) Neque enim sie condidit ommum artifex Deus rerum naturas, ut
suum velle ab bis auferret, quia omnium creaturarum subsistentia in eadem
Dei voluntate subsistit et virtute, a qua causam babet, non solum ut sub-
sistat quidquid est, sed etiam ut sie sit, sicut ipsa Dei voluntas decreverit,
quae causa est omnium creaturarum. c. 1, §. 1.
De fide, spe et caritate. 235
ZU widerlegen sucht, hier sich aber nur auf theologische Gründe
beschränkt.
Noch eine andre rein dogmatische Schrift hat Radbert,
und zwar schon im hohen Alter, verfasst, in der er auch seinem
Wunderglauben genugthun konnte; ich meine das Werkchen
De partu Virginis. In demselben vertheidigt er die über-
natürliche Geburt Christi, wobei er zugleich behauptet, dass
Maria von aller Erbsünde frei gewesen sei.
Einen etwas philosophischen Charakter hat dagegen sein
den drei theologischen Tugenden gewidmetes, und danach in
drei Bücher eingetheiltes Werk: Be ßde^ spe et cm^'tate; es
ist an den Abt Warin wieder gerichtet, der Radbert darum
gebeten, und für den Unterricht bestimmt.^) Ein Acrostichon
welches den Namen Radberts enthält und die drei Tugenden
feiert, geht dem Werke voraus. Das erste Buch ist besonders
beachtenswerth , insofern der Verfasser dort das Verhältniss
des Glaubens zur Erkenntuiss untersucht und schon zu dem
die mittelalterliche Scholastik beherrschenden Grundsätze ge-
langt, den der h. Anselm am strictesten in den Worten aus-
drückte: Credo ut inteUegam:-) Ritter, der die Bedeutung dieses
Werks gewürdigt, verkennt doch nicht das Verdienst, welches
für diese Zeiten eine im Ganzen gut zusammenhängende Ueber-
lieferung der Augustinischen Lehre haben musste.'^) Sie musste
in der That zu einem tieferen theologischen Nachdenken, und
damit überhaupt zu einer speculativen Thätigkeit anregen.
Auch verschiedene Bibel CO mm entare hat Radbert ver-
fasst, von welchen der bedeutendste der sehr ausführliche,
zwölf Bücher begreifende, zu dem Evangelium des Matthäus
1) S. ausser dem "Widmungsschreiben den Schluss: Haec, prout potui,
Pater devotus obtuli, non ut sufüciat de bis quod dixi, sed ut habeat
beatitudo tua adhuc tironibus quid exhibeat de tribus istis \'irtutibus, sine
quibus nemo est christianus.
2) Eine der bezeichnendsten Stellen in Eadberts Buch ist wohl diese :
Porro illa quae de Deo divinitus dicuntur, credibilia quidem sunt simul et
inteUigibilia , sed nisi credantur primo, numquam in tellegun-
tur; idcirco necesse est credantur ex toto corde et ex tota anima et ex
tota virtute, ut Christo illustrante hie ex parte et in futuro ex toto intelle-
gantur ; et tanto amplius vel perfectius hie aut illuc , quauto mundiores
corde mandatorum Dei praeceptorumque observatores erimus. 1. I, c. 7, §. 2.
3) Geschichte der Philosophie. Bd. VII, S. 204.
236 Radbert.
ist, den er zum grössten Theil erst in der Zeit seiner gelehrten
Müsse nach Niederlegung der Abtwürde verfasst hat. Er ist
durch die von ihm seinen Mönchen gehaltenen Homilien ver-
anlasst worden. Für jene ist er denn auch, auf ihre Bitte,
zunächst geschrieben worden, um sie zum Studium der heil.
Schrift anzuregen. Auch dieser Commentar soll, gleich denen
des Alcuin und Raban, vornehmlich eine, obschon nicht wört-
liche, Blumenlese aus älteren, auch mit Quellenangabe (die
aber in den überlieferten Handschriften weggelassen), sein;
doch hat Radbert bei der ihm eigenthtimlichen Gesprächigkeit
vieles eigene eingemischt und dabei auch manche Abschwei-
fungen und Anspielungen auf seine Zeit gemacht: so greift er
gelegentlich nicht bloss die Häresien jener Tage an, sondern
beklagt auch die traurigen politischen Verhältnisse, die das
Ende der Welt anzeigen könnten.') — Die Erklärung ist in
diesem Commentar übrigens vorzugsweise eine sachliche, wäh-
rend in denjenigen, welche Radbert zu alttestamentlichen Bü-
chern verfasst hat, die überlieferte allegorische Auslegung
durchaus vorherrscht.
Radbert gehört als Autor aber der allgemeinen Literatur
auch unmittelbar an durch zwei historische Werke, die aller-
dings wegen ihres paneg3a-ischen Charakters, den der Verfasser
aber offen bekennt, als Geschichtsquellen nur mit vorsichtiger
Kritik zu verwerthen sind, zumal eine jede in eine eigenthüm-
liche ästhetische Form eingekleidet ist. Es sind die Lebens-
beschreibungen, oder genauer gesagt Charakterbilder der beiden
angesehenen Aebte von Corbie, denen Radbert so nahe ge-
standen, des Adalhard und seines Bruders Wala. Die Vita
S. Adalhardi ist bald nach dem Tode ihres Helden 826 ge-
schrieben, als „ein literarisches Grabtuch" ihm dargebracht,
um seinen heiligen Namen für alle Zukunft zu erhalten."-) Als
1) Qui talia et tanta videmus quotidie inter fratres et propinquos ci-
vilia, et plus quam civilia bella; tanta a barbaris et paganis hostibus ex-
terminia hominum et desolationes civitatum iugiter sustinemus Licet
insurgant barbari in nos, et nemo est qui auxilium ferat, quia civües in
invicem magis saeviunt insidiae et strages, ita ut intus et foris nihil aliud
quam mors repercutiat aures nostras. 1. 7, c. 24.
2) Nam nostrum aUi pallentes violas etc. carjiunt" et ego litte-
rar um superintexo (sc. sepulcrum) p alias, quatenus aevi temporibus fu-
turis sanctum servetur nomen. c. 85.
Tita Adalhardi. 237
die Vorbilder für sein Unternehmen bezeiclinet Radbert hier
im Eingange insbesondere Ambrosius in seinen Leichenreden,
von welchen er der auf Valentinian IL namentlich gedenkt,
und Hieronymus in seinen Epitaphien. Er will, wie sie, in-
dem er den Verlust eines ihm Theuern beweint, ihn mit
hohem Lobe erheben, und so sich selbst zu eignem Tröste
seiner erinnern, der Nachwelt aber ihn als Muster der Tugend
empfehlen. Ambrosius' Beredsamkeit strebt er zu erreichen,
wenn er es auch nicht vermag. So ist diese Vita in der
Form eines am Grabe gehaltenen Panegyricus gegeben, offen-
bar nach des Ambrosius Beispiel: daher denn die steten Apo-
strophen, wie sogleich im Beginne, an den Todten selbst, dann
an Jesus, Gott, die Mitmönche, an das Publikum überhaupt;
daher die fortwährenden erbaulichen Betrachtungen, welche
die in Vergleich damit so magere Lebensgeschichte ganz über-
wuchern; daher der mit Blumen und Metaphern, die an die
geschmückte Kedeweise mancher Bücher des Alten Testaments
erinnern, sowie mit biblischen Citaten verzierte Stil.
Der Gang der Darstellung folgt allerdings, wenigstens im
allgemeinen, dem Lebensverlaufe. So wird nach dem Eingange
zuerst (c. 7) der Erziehung des Helden, der ein Neffe Pippins
war, am königlichen Hofe zugleich mit seinem Vetter Karl,
gedacht. Als dieser aber als König seine erste Gemalin ver-
stiess und sich von neuem, mit Hildegard vermählte, verlässt
der junge Adalhard den Hof, indem er in seiner strengen
moralischen und religiösen Gesinnung der neuen Königin nicht
zu huldigen vermag, da er ihre Ehe bei Lebzeiten der andern
nicht für eine legitime halten kann, und der Bruch der ersten
Ehe auch den Eidbruch mancher Franken, die jene verbürgt,
zur Folge haben müsste. Adalhard entsagte lieber der Welt
und wurde Mönch in dem Kloster Corbie ; aber auch hier fand
damals diese asketische Entsagung (der er später seinen aka-
demischen Namen Antonius') verdankte) keine volle Befriedi-
gung; so begab er sich denn ganz in Incognito nach dem
Musterkloster Montecasino. Allein Karls Boten fanden ihn
dort auf, um ihn nach Corbie zurückzuführen, und bald da-
1 ) Er führte üAi nach dem berühmten Einsiedler Aegj'ptens , dem
Freunde des Paulus (s. Bd. I. S. 103) , dies ergibt sich mit Sicherheit
daraus, dass Alcuin an ihn schreibt: Antonio Paulus. Ep. 117 ed. Jaffe.
238 Radbert.
nach wurde er an die Spitze dieses Klosters, zunächst als
subrogirter Abt, gestellt. Hier nimmt nun unser Autor diese
Gelegenheit wahr, um zu zeigen, wie sein Held „auf der
Quadriga der Tugenden, deren Räder die vier Cardinaltugenden,
einherfuhr" (c. 16)0; untl indem er da bei der Gerechtigkeit
länger verweilt, gedenkt er denn u. a. auch kurz Adalhards
italienischer Mission, wie derselbe den jungen Pippin bei seiner
Regierung Italiens leitete, in seiner Gerechtigkeit und Unbestech-
lichkeit-) ein Schrecken der Tyrannen dieses Landes, welche wie
Räuber unter dem Volke wütheten. Die Art, wie hier nur ganz
gelegentlich in ein paar Sätzen bloss zur Begründung einer der
Tugenden Adalhards dieser wichtigen mehrjährigen politischen
Thätigkeit desselben gedacht wird — denn sie erstreckte sich
auch noch auf die Zeit nach Pippins Tode, was Radbert nicht
sagt — zeigt recht, wie fern unserm Autor das politische Inter-
esse lag und wie es ihm in diesem Panegyricus nur darauf
ankommt, den heiligen Mönch zu verherrlichen, der den welt-
lichen Dingen eigentlich fremd bleiben sollte.
Die von dem Neide Satans angestifteten Feinde der Ge-
rechtigkeit und Wahrheit sind es denn auch, welche nach
Radbert, der einen andern Grund nicht angibt, Ludwig nach
seinem Regierungsantritte bewogen, Adalhard in das Exil nach
einem fernen Kloster an der Mündung der Loire zu senden
(c. 30). Auch fast alle seine Geschwister, deren hier der Ver-
fasser einzeln gedenkt , traf die Verfolgung (c. 32 f.). Nach
sieben Jahren der Verbannung, in welcher auch seine Wirk-
samkeit eine segensreiche war, kehrte Adalhard zurück, um
wieder an die Spitze seines Klosters zu treten. Die Reue des
Kaisers, seine öffentliche Busse zu Attigny, welche die Wider-
geburt des Reiches, die Rückkehr des Saturnischen Zeitalters
anzukündigen schien, preist hier Radbert als unter dem Ein-
flüsse Adalhards geschehen (c. 50 ff.). Nunmehr (c. 55 ff.) geht
unser Autor zum Lobe seines Helden nach den Regeln der
1) Vgl. oben S. 182.
2) Fatentur enim , quod numquam in iudicio alicuius personam in-
spexerit; neque iuxta proverbium vulgi aureo pugno sit murus eins animi
fractus. Solus, ut aiunt, potuit flumen transire Acfierontis avari et sine
discrimine caecitatis ex alpibus remeare per annos. Diese letzte Bemer-
kung ist von allgemeinerem Interesse.
Tita Adalhardi. 239
Rhetorik über'), indem er Namen, Vaterland, Geschlecht,
Würde u. s. w. behandelt, das eine mehr, das andre weniger
ausführlich. Besonders bemerkt sei einmal das Lob, das er
seiner Beredsamkeit zollt (c. 63), worauf er später (c. 77) noch
einmal zurückkommt, indem er erwähnt, dass sie auch in der
deutschen Sprache glänzte.-) Auch die Eleganz seines Brief-
stils wird eben dort erwähnt. Ferner wird da, wo sein Herz
(affectus) gepriesen wird, der Gründung von Corvey, des deut-
schen Corbeia, durch Adalhard ein Jahr nach seiner Rückkehr
(822), gedacht, indem namentlich die Oertlichkeit hier genauer
beschrieben wird (c. 65 ff.). Diese neue Pflanzung war die
grösste Freude seiner letzten Lebensjahre. — Der Autor geht
dann (c. 73) zur ausführlichen Erzählung von seinem Tode
über, woran sich noch eine klagende und tröstende Schluss-
rede reiht, bald an die Welt, bald an Adalhard oder seine
Mönche gerichtet.-'') Endlich wird noch seines Grabes gedacht.
Zehn Jahre nach Adalhard starb sein jüngerer Bruder
Wala (S36); und nicht lange danach begann Radbert dessen
Epitaphi(i7n, wie er selbst nach dem Vorgänge des Hieronymus
diese Vita nennt, zu verfassen, aber zunächst nur ein Buch,
welches bis zum Jahre S26 geht. Ihm Hess er erst nach S51 ein
zweites Buch folgen. Dies Werk hat nun die eigenthümliche
Form einer Conversation, einer Unterhaltung Radberts (Pascha-
sius) mit ein paar seiner Confralres von Corbie.^) Diese Form
ist wohl im Hinblick auf die Dialoge des Sulpicius Severus
I) luxta oratores , sagt er, indem er „-was im griechischen ein yaoa-
y.rr,QiGfi6s heisst", geben will.
2) Vel quis sine mentis scrupulo poterit epistolarum eius nitorem
eloquentiae recitare? quem si vulgo audisses. dulcifluus emanabat: si vero
idem barbara, quam Teutiscam dieunt, lingua loqueretur. praeminebat
claritatis eloquio.
3) Hier wird c. S4 die Mythe von dem zur Unterwelt hinabgestiegenen
Orpheus erzählt, dessen Beispiel zu folgen die Mönche keinen Anlass
hätten: Neque igitur iuxta quod fabulae ferunt Treicium fecisse vatem,
gemimus apud inferos coniugis mortem, sed super astra toUimus Patris
nomen etc.
4) Adeodatus, Severus und Chremes im !. Buch; dass die Namen
Verstecknamen sind, scheint der letzte namentlich zu beweisen, der aus
dem mehrfach citirten Terenz offenbar entlehnt ist, ebenso entspricht der
Charakter des öfters zurechtweisenden Sever dem Namen.
240 Radbert.
Über den heiligen Martin gewählt'), wenn sie auch dort in
einer andern Weise gehandhabt wird. — Einer jener Mönche,
Adeodatus, hat, wie Paschasius sagt — und damit beginnt das
erste Buch — ihn aufgefordert, ein Bild von dem Charakter
des Wala, der hier Arsenius genannt wird 2), zu malen, nach
Art des Zeuxis zur Erinnerung für Jahrhunderte — der Nach-
welt zum Spiegel. So wenig Paschasius die Lösung -dieser
Aufgabe sich zutraut, so will er doch anheben zu erzählen,
was er mit seinen Augen geschaut, mit seinen Ohren ver-
nommen und vollständiger durch Nachdenken erkannt hat. 3)
Adeodat meint, das beste in Betreff eines Abgeschiedenen
wäre, seine Tugenden im Geiste sich zu wiederholen, die im-
mer fortblühen und nicht mit ihm sterben. Paschasius hat nur
noch die Besorgniss, durch seine Darstellung bei vielen anzu-
stossen, und wenn er, wie einer der Sprechenden, Severus ver-
langt, zeige, wie Wala in sich die Charakterzüge des älteren
Arsenius, des Benedict und des Jeremias vereinte, kaum ir-
gend Glauben zu finden.
Nach solchen weitläufig ausgeführten Präambulen wird
c. 1 mit dem Lobe des Wala von Paschasius begonnen. Denn
auch diese Vita ist ein Panegyricus wie die andre, und wie es
die Epitaphien des Hieronymus, nur in der Form des erzählen-
den Briefstils, auch waren 4), aber es ist ein Panegyricus von
durchaus apologetischem Charakter, und für einen solchen,
wie schon Rodenberg mit Recht bemerkt hat, die Form der
Unterhaltung, die mitunter einem Plaidoyer gleicht, mit vielem
Geschick gewählt: in ihr Hessen sich bequem die Einwürfe
machen, die Bedenken wie selbst die Anklagen der Gegner
1) Darauf scheinen namentlich auch die frostigen Spässe über einzelne
der Interlocutoren hinzudeuten, die sich hier in ganz ähnlicher Weise wie
dort finden. Auch hat Wala ja mit Martin die eine Verwandtschaft, dass
beide zuerst Soldaten waren, ehe sie die Kutte nahmen.
2) Wohl nach jenem gelehrten und frommen römischen Diacon, der von
Theodosius zum Erzieher des Arcadius ernannt, von diesem verfolgt, in
die ägyptische Wüste sich zurückzog. Adalhard dagegen heisst hier An-
tonius, wie ihn schon Alcuin nannte, s. oben S. 237 Anm. 1. Dieses
Namens gedenkt auch Paschasius in der Vita Adalhardi c. 21.
3) Unde exordiar narrare partim quae perspex his oculis, partim quae
accepi auribus et mente plenius intellexi.
4) S. Bd. I, S. 187, wo ich sie als Elegien charakterisire.
Tita Walae. 241
vorbringen, um ihre Erledigung zu finden, und zugleich die
"Wahrheit durch Zeugen (die Interlocutoren nämlich), wie Pa-
schasius einmal sagt'), erhärten. Ausserdem vermögen die
letzteren auch aus ihrer eigenen Erfahrung noch Beiträge zu
dem Charakterbilde zu liefern. Der apologetische Charakter
des Werks ergab sich aber von selbst aus der Natur und Ge-
schichte des Helden. Er hätte sich auch rühmen können,
einer der am besten gehassten Männer zu sein. Es war eine
thatkräftige, aber leidenschaftliche Natur. Ein Mann, der zum
Soldaten geboren war, und diese Laufbahn auch zugleich mit
der politischen zuerst ergriflf; der, als er dann durch das Miss-
trauen Ludwigs bald nach dessen Thronbesteigung genöthigt
wurde, aus der Welt sich zurückzuziehen und in dem Kloster
Corbie eine Zuflucht zu suchen, auch unter der Mönchskutte
seinen kriegerischen Sinn bewahrte und ihn als Staatsmann in
den inneren Streitigkeiten des Reiches vollauf befriedigen
konnte. Er hat in den unheilvollen Bürgerkriegen zur Zeit
Ludwigs des Frommen eine der bedeutendsten Rollen gespielt.
In der durch Wiederholungen und Abstecher, sowie er-
bauliche und andere Betrachtungen ungemein weitschweifigen
und hin- und herfahrenden Darstellung, die ein Abbild einer
Conversation auch in der Nachlässigkeit und Incorrectheit des
Ausdrucks erscheint, geht der Faden der Erzählung oft ganz
verloren. Trotzdem lassen sich drei Hauptabschnitte in dem
ersten Buche erkennen, von welchen der erste das Leben
Wala's bis zum Eintritte ins Kloster behandelt, oder viel-
mehr die Tugenden, die er vor seinem Mönchthume entfaltete,
zu rühmen bestimmt ist; denn biographische Facta werden
nur ganz sporadisch gegeben. So wird seiner schnellen Auf-
fassungsgabe, seines sichern Urtheils, seiner Beredsamkeit in
„beiden Sprachen", wie er sie im Staatsrathe zeigte, gedacht.-)
1) Bei der Neuconstituirung der Gesellschaft im Beginne des 2. Buchs :
quatenus et veritas quasi sub tribus testibus melius commendetur.
21 Eloquentiam quoque utrarumque linguarum, qua sapientia plerum-
que iuvatur, et copiam dicendi ad persuadendum quae vellet, modestam
nimis dehabebat (so ist gewiss für das unverständliche debebat zu lesen).
Da die ganze Darstellung hier mit ..In senatu quidem prae cunctis poUe-
bat" beginnt, so kann ich den vorstehenden Satz nur so vne oben im Text
gegeben auffassen, und unter den beiden Sprachen nur das Lateinische
und Deutsche, nicht das Griechische verstehen, wozu denn auch die von
Ebert, Literatur des Mittelalters II. 16
242 Radbert.
Aber für diese Thätigkeit wurde ihm, wie dem Scipio, von
der öffentlichen Meinung nur mit Undank gelohnt (c. 1). So
wird seine Jugenderziehung am Hofe erzählt, wo er den „ libe-
ralen Studien" sich hingab, nach göttlichem Rathschluss aber
auch eine Demüthigung erfuhr, um dann bei dem Kaiser be-
sonders beliebt zu werden, so dass ihm die wichtigsten Aemter
im Frieden und Kriege übertragen wurden (c. 6). Nachdem
dann noch gezeigt, wie der Tugend Wala's der Laienstand
keinen Abbruch gethan, wie die Kirche aus diesem schon die
ruhmvollsten Bischöfe erhalten, so einen Ambrosius und Hila-
rius (c. 7), wird Wala als Mönch gepriesen (c. 10 ff.) und
hiermit beginnt dann ein zweiter Abschnitt. In diesem bildet
den Hauptinhalt eine Vergleichung Wala's mit seinem Bruder
Adalhard und die Betheiligung beider au der Begründung von
Corvey, wobei denn der Löwenantheil dem Wala gewährt wird.')
So viel man auch in Betreif des letzteren Punktes die Richtig-
keit und Unparteilichkeit der Darstellung des Paschasius an-
zweifeln mag, ebenso sehr muss man sie gewiss in Betreff des
ersteren anerkennen. Adalhard, der ältere, ist von ruhigerer
Ueberlegung und weiterer Voraussicht, auch die Folgen be-
denkend, und reicher an Caritas; Wala, der jüngere, ist
scharfsinniger, schlagfertiger, und heftiger bei dem, was er für
Recht hält.-) Dieser verhält sich zu jenem, wie der Sohn zu
dem Vater (c. 12). Noch ein Charakterzug Wala's, der hier-
bei nicht hervorgehoben wird, ist beachtenswerth , sein leb-
haftes Stammesgefühl; auch als Mönch bewahrte er es sich
und fühlte sich noch als Sachse, so wollte er in das schlech-
tere Tuch seiner Landsleute sich kleiden und deren Schuh-
werk tragen, was Adalhard nicht erlaubte (c. 16). Lidess ge-
hörte er diesem Stamme nur mütterlicherseits an. Dass er
also bei den Sachsen sehr beliebt wurde, lässt sich leicht
Adalhard gerühmte Beredsamkeit in jenen beiden Sprachen (s. oben S. 239,
Anm. 2) stimmt. Wo hätte denn Wala auch seine Beredsamkeit im Grie-
chischen entfalten können?
1) Hier wird denn auch des nahen Verhältnisses des Radbert zu den
beiden Brüdern gedacht, c. 14 Ende u. c. 15. So sagt an jener Stelle
Severus: Quae omnia melius fortasse Paschasius novit, qui eis (Adalh. u.
Wala) comes fuit in omnibus specialis et quasi tertius inter eos in omni
negotio.
2) Iste quasi pro iustitia ferventior.
Vita Walae. 2J:3
denken. — Von Cap. 21 an kann mau den dritten Abschnitt
rechnen, der sich bis zum Ende des ersten Buchs erstreckt.
Hier wird Wala als Abt gefeiert, namentlich die Disciplin,
die er, zum Herrschen geboren, zu führen verstand, aber auch
seine Gerechtigkeitsliebe, wovon denn verschiedene Beispiele
erzählt werden.
Das zweite, viel später abgefasste Buch hat einen etwas
andern Charakter. Auf die Aufforderung des Adeodat wird
die Unterhaltung von Paschasius fortgesetzt, das Epitaphium
zu vollenden, nachdem ein dritter Mönch, Theophrast, zu-
gezogen worden ist, da die beiden andern früheren Interlocu-
toren indessen verstorben sind. In diesem Buche bildet den
Gegenstand das lieben Wala's nach den Erinnerungen des
Paschasius vom J. 82S an — ein paar Jahre bleiben also
unberücksichtigt — bis zu des Helden Ende. Es ist die Zeit
seiner ausserordentlichen politischen Thätigkeit, seiner Theil-
nahme an der Empörung der Söhne Ludwigs des Frommen
gegen den Vater, aber auch an den Reformversuchen, die der-
selben vorausgingen. Wala stand auf der Seite Lothars. Und
von diesem Parteistandpunkt werden denn die Ereignisse vom
Jahr 830 bis 836, wo Wala im Kloster Bobbio, dessen Abt er
geworden, starb, betrachtet und geschildert. Aus dieser Dar-
stellung reflectirt noch die ganze Parteiwuth jener Zeiten, in-
dem der Apologetiker hier, die Furcht zu beleidigen ablegend,
von der Vertheidigung zum heftigsten Angriff übergeht; aller-
dings verbirgt er die Namen der hohen Personen, Ludwigs,
seiner Söhne, seiner Gemalin und des Herzogs Bernhard unter
dem Schleier der Pseudonymität , der aber durch den Zu-
sammenhang leicht sich heben Hess.') An einzelnen Stellen
macht der Zorn den Autor beredt, sonst ist auch hier die
grosse Weitschweifigkeit zu beklagen. Die wüthendsten In-
vectiven schleudert Radbert hier gegen Bernhard, den er schon
durch die Bezeichnung Ämisarius brandmarkt; dieser Ver-
1) Schon das Pseudonym des Helden konnte darauf führen, auch
bei den andern Personen solche anzuwenden. Ludwig der Fromme
heisst hier Justinian , gewiss im Hinblick auf dessen ausschweifende Ge-
malin Theodora, indem zugleich auch die Bigotterie Justinians auf Lud-
wig passte; Judith Justina — Anbildung an Justinian; Lothar Honorius
wohl wegen honor; Pippin Melanius; Ludwig der Deutsche Gratian; Bern-
hard Naso, wohl wegen des Verhältnisses des Ovid zur Julia.
16*
244 Raclbert, Passio Eufini et Yalerii.
worfene soll nach seiner Berufung an den Hof alles Unheil
veranlasst (c. 7), die Zwietracht zwischen Vater und Söhnen
gesäet haben, und indem er mit der Kaiserin Ehebruch trieb,
die Pfalz zu einem Schauplatz der Schande gemacht haben.
Nach Radberts unpolitischer Anschauung soll eben Uusittlich-
keit die Ursache der Bürgerkriege gewesen sein, und so die
Empörung, an der sein Held selbst einen so bedeutenden An-
theil nahm, gerechtfertigt sein.
Endlich hat Radbert auch noch die Passion der um das
Jahr 2S7 in dem Gebiet von Soissons hingerichteten Märtyrer
Rufinus und Valerius auf den Wunsch andrer neu bear-
beitet. Auch dieses Werk vermag unsern Autor zu charak-
terisireu. Man sieht da recht, mit welchen Mitteln er den
ihm vorliegenden Stoff aufzubauschen und auszuschmücken
versteht, um auch hier seiner weitschweifigen Redseligkeit
genugthun zu können. Indem er seiner Begeisterung für den
Heiligeukultus im Eingang Ausdruck leiht, will er, wie man
deren Reliquien in goldenen Büchsen aufbewahrt, ihre Lebens-
und Wundergeschichte auch in ein kostbares Gewand gekleidet
sehen. So werden die einfachsten Dinge durch lange Para-
phrasen ausgedrückt'), und der Stil mit Metaphern und Ver-
gleichungen aufgeputzt, auch die beliebten Citate aus der Bibel
und selbst den antiken Poeten dürfen nicht fehlen.
Der bedeutendste theologische Gegner des Radbert war
seltsamer Weise ein Mönch seines Klosters, Ratramnus'^), einer
der hellsten Köpfe seiner Zeit, ein Manu von umfassender
Bildung, gleich Radbert, aber ein logisch geschulter Geist, der
mit kritischem Sinne begabt war. Für den letzteren zeugt
allein schon, dass er ein paar Schriften, die Hincmar dem
Hieronymus beilegte, als unauthentisch verwarf. 3) Er war mit
1) Ein Beispiel statt vieler: Dum ergo athletae regis aeterni, in pene-
tralibus secretae teUiiris degentes, tiirbariim tumultus, clamores aulicos
devitant, dum solitudinis incolunt secretum, dum quietem supernae con-
templationis amplectuntur , dum volatu mentis temporalia negligunt et
ad aeterna contendunt etc.
2) Ratramni, Corbeiensis monachi, Aeneae etc. opera omnia accur.
Migne. Paris 1852 (Migne's Patrol. lat. Tom. 121). — Chr. Baur, Vorlesungen
über die christl. Dogmengeschiclite Bd. 2. Leipzig 1866. S. 167 ff.
3) Ein solcher Sinn für literarische Kritik findet sich damals auch bei
Katramnus, De corpore et sangiune. 245
Lupus innig befreundet, wie mit Gottschalk, der ihn als seinen
Meister verehrt. Auch der Dichtung hat er gehuldigt, obgleich
sich von seinen Poesien nichts erhalten hat. Er scheint Lehrer
der Klosterschule gewesen zu sein.i) Dass ein solcher Mann
an den theologischen Streitfragen, welche jene Zeit bewegten,
den lebhaftesten Antheil nehmen musste, versteht sich leicht.
Einmal rief ihn die Abendmahlslehre in die Schranken;
allerdings auf die besondere Aufforderung Karls des Kahlen,
verfasste er sein berühmtestes Buch: De corpore et sunyuhie
Bom'mi gegen die Mitte d*s Jahrhunderts. Wie Ratramnus selbst
mittheilt, hatte der König, beunruhigt über die ganz verschie-
dene Auffassung des Abendmahls im Volke, die figürliche und
die substanzielle , auch von unserm Autor seine Meinung ver-
langt. Ratramnus verfährt nun, die Streitfrage zu untersuchen,
in einer für jene Zeit wahrhaft überraschenden methodischen
Weise. Die Frage des Königs ist, sagt er, ob das, was in
der Kirche in den Mund der Gläubigen genommen wird, Leib
und Blut Christi im Mysterium oder in Wirklichkeit wird; ob
dies nur den Augen des Glaubens sich erschliesst, oder ob
ohne die Verhüllung eines Mysterium das Schauen des Körpers
das äusserlich sieht, was der Blick des Geistes innerlich
schaut'-); und zweitens, ob es derselbe. Leib ist, der von Maria
geboren, der gestorben und wieder auferstanden und zum
Himmel gefahren ist. Diese Fragen zu beantworten, bestimmt
der Autor zunächst die Begriffe von Bild (figura) und Wirk-
lichkeit (veritas). Darauf gründete er dann den Schluss, dass
ein Mysterium sich stets unter einem Bilde vollzieht, d. h. wie
er diesen Begriff bestimmt hatte, einer Verhüllung. 3) Fehlt
andern bedeutenderen Autoren, wie Florus, Prudentius z. B. S. darüber
Weizsäcker, Hinkmar u. Pseudoisidor in Niedners Zeitscbr. f. d. histor.
Theol. 1858, S. 334 if.
1) Die drei letzten Angaben nach dem oben S. 167 f. betrachteten an
ihn gerichteten Gedichte Gottschalks.
2) Quod in ecclesia ore fidelium sumitur , corpus et sanguis Christi,
quaerit vestrae magnitudinis excellentia, in mysterio fiat an in veritate:
id est, utrum aliquid secreti contineat, quod oculis solummodo fidci pa-
teat, an sine cuiuscunque velatione mysterii hoc aspectus intueatur cor-
poris exterius, quod mentis visus aspiciat interius, ut totum quod agitur
in manifestationis luce clarescat etc. c. 5.
3) Figura est obumbratio quaedam quibusdam velaminibug
246 Ratramnus.
diese, ist es eben kein Mysterium. Im Abendmahl liegt aber
ein Mysterium vor, da auch nach der Consecration Brod und
Wein äusserlich Brod und Wein bleiben. So ist schon die
figürliche Auffassung gerechtfertigt. Erst durch ihre Annahme
ist die Wirkung des Grlaubens bei dem Genüsse nothwendiges
Erforderniss. Wäre Leib und Blut in Wirklichkeit vorhanden,
hätte der Glaube dabei nichts zu thun. — Diese Ansicht führt
dann der Verfasser in einer Polemik gegen die des Radbert,
den er selbst allerdings nicht nennt, sowie durch Vergleichung
mit der Taufe und dem Mannaregen, und durch Berufung auf
die Bibel und die Kirchenväter weiter aus. Im Anschluss an
letztere beantwortet er dann auch die zweite Frage (c. 50 ff.).
Das ganze Buch, von dessen Gedankenarbeit wir nur eine An-
deutung geben wollten, zeichnet sich vor dem des Radbert
durch Uebersichtlichkeit, Kürze und einfache Klarheit des
Ausdrucks vortheilhaft aus.
Noch in einer andern Schrift erscheint Ratramnus als
Gegner des Radbert, indem er auch hier zugleich den so weit
gehenden Wunderglauben seiner Zeit bekämpft. Es ist das
Buch: De eo quod Christus ex ]'irijhie juttus est. Freilich
scheint es keine Autwort auf die oben erwähnte Schrift Rad-
berts, diese vielmehr später abgefasst zu sein. Der Verfasser
bezeichnet auch im Eingange als die Veranlassung seines Buchs
die Kunde, dass in einzelnen Gegenden Deutschlands die
alte Häresie von der widernatürlichen Geburt Christi aufge-
taucht sei. — Auch hier finden sich das methodische Verfahren
und die stilistischen Vorzüge des Ratramnus wieder. Er zeigt zu-
erst, wie die häretische Ansicht dem Begriffe der Geburt wider-
streitet und die Unhaltbarkeit ihrer Motive, dann, wie sie den
Aussagen der Bibel und dem Urtheile der Kirchenväter wider-
spricht.
Auch über eine andre wichtigere Streitfrage jener Zeit,
die der Prädestination, gab Ratramnus, und diesmal wie-
der auf die Aufforderung Karls des Kahlen, sein Gutachten
quod intendit, ostendens; verbi gratia, Verbum volentes dicere, pa-
nem nuncupamus : sicut in oratione dominica panem quotidianum dari
nobis expostidamus; vel cum Christus in Evangelio loquitur: Ego sum
panis vivens qui de coelo descendi (Joann. VI, 41); vel cum se ipsum
vitem, discipulos autem palmites appellat etc. Haec enim omnia aliud
dicunt et aliud innuunt. c. 7.
De praedestinatione Dei. 247
ab in den zwei Büchern: De praedestinatione Bei, in welchen
er zu der Ansicht Gottschalks, ohne indessen diesen zu er-
wähnen, sich bekennt und dieselbe begründet. Auch er nimmt
eine doppelte Prädestination, also auch eine der Bösen zu der
ewigen Strafe an, und diese bedingt durch die Präscienz Gottes.
Diesem streitigen Punkte ist das zweite Buch gewidmet, auf
welches das erste nur vorbereitet. Endlich hat noch Ratram-
nus die lateinische Kirche in einem Werke von vier Büchern')
gegen die Angriffe vertheidigt, welche der Kaiser Photius S67
in einem Circularschreiben an die Bischöfe des Orients auf sie
richtete. Von diesem Werke rühmt Neauder, es zeichne sich
besonders durch die christliche Mässiguug und Geistesfreiheit
aus, mit welchen Ratramnus das Gewicht der Verschieden-
heiten, welche nur Kircheugebräuche betreffen, beurtheile."-)
Und so bestätigt auch dieses in leichtem Stile geschriebene
Werk, das zugleich des Autors umfangreiche Kenntniss der
Kirchenväter besonders bezeugt, das ihm von uns gezollte
Lob. Nach dieser Zeit haben wir kein weiteres Lebenszeichen
von ihm.
ELFTP:S KAPITEL.
HINCMAR VON REIMS.
In dem Streite über die Frage der Prädestination, welche
die Theologen Westfranciens noch mehr als die der Auffassung
des Abendmahls beschäftigte, spielt eine der ersten Rollen, als
Hauptgegner des Gottschalk, der Erzbischof HincmaR'^ von
Reims. Er ist eine der bedeutendsten historischen Persönlich-
keiten jener Zeit, ein Mann viel mehr der That, als der Feder,
1) Contra Graccorum opposita Romanam ecclesiam infamaaliuin.
2) Neander, Gesch. der christl. Religion u. Kirche, Bd. IV, S. 611.
3) Hincmari, Rhemeiis. ai'chiepisc. , opera omnia accurante Migne.
•2 Bde. Paris 1S52. (Patrologia lat. T. 125 u. 126). —* Hincmari, archiep.
Rhemens., opera, cura et studio J. Sirmondi. 2 Bde. Paris 1645. fol.
V. Noorden, Hinkmar, Erzbischof von Rheims. Ein Beitrag zur Staats-
und Kirchengeschichte des -westfränk. Reichs. Bonn 1S63.
248 Hincmar.
SO viel er auch geschrieben hat, wie denn auch weitaus die
meisten seiner Schriften ganz reellen kirchlichen oder poli-
tischen Zwecken dienen; doch sind unter ihnen einzelne auch
literargeschichtlich interessant.
Hincmar war von fränkischer Abkunft und edlem Ge-
schlechte; er wurde nm das Jahr S06 geboren und, schon als
Knabe zum geistlichen Stande bestimmt, dem Kloster St. Denis
übergeben. Dort erzog ihn der hochgebildete Abt Hilduin,
der 822 Erzkanzler Ludwigs des Frommen wurde. ') Ihm folgte
Hincmar an den kaiserlichen Hof, dessen Einrichtungen, wie
eins seiner Werke zeigt, er so genau kennen lernte. Dort
wurde dem noch sehr jugendlichen Manne, der sich dem
frommen Ludwig auch durch seine asketische Gesinmmg em-
pfahl, 829 der ehrenvolle und bedeutende Auftrag, aller-
dings im Verein mit Hilduin und andern Prälaten, das Kloster
St. Denis durch Einführung der Ordnung des h. Benedict zu
reformiren. Hincmar, bisher nur Canonicus, wurde jetzt selbst
Mönch. Obgleich er aber sich der besondern Gunst Ludwigs
des Frommen und nicht minder der Karls des Kahlen erfreute,
so beginnt er doch erst nach dem Vertrage von Verdun eine
Rolle im öffentlichen Leben zu spielen. Bis dahin scheint er
vornehmlich gelehrten theologischen Studien sich gewidmet und
in dieser Zeit seine ausgebreitete Kenntniss der Kirchenväter
erworben zu haben. Nachdem er schon 844, in welchem Jahre
er noch Presbyter war, ein paar Klöster von Karl verliehen
erhalten, wurde er das Jahr darauf zum Erzbischof von Reims
erhoben, welcher angesehenste und mächtigste Bischofsstuhl
Westfranciens längere Zeit unbesetzt geblieben war.
Die ausserordentliche Wirksamkeit, die Hincmar in dieser
Stellung bis zu seinem Lebensende (882) nicht bloss unter
Karl dem Kahlen, sondern auch unter seinen schwachen Nach-
folgern, in Kirche und Staat entfaltet hat, können wir hier im
einzelnen nicht verfolgen. Er war ein Mann von seltener
Willenskraft und Energie, aber herrisch und leidenschaftlich,
der für die Rechte seiner bischöflichen Metropolitangewalt
gegen das Papstthum wie gegen das Königthum mit gleicher
Kühnheit in die Schranken trat, und seine kirchlichen und
religiösen Ansichten gegen alle Welt unermüdlich bis zum
1) S. über ihn weiter unten u. vgl. oben S. 147.
Leben. De praedestinatione Dei etc. 249
äussersten zu vertheidigen wiisste, der aber mit vieler Klug-
heit, ja Schlauheit ausgerüstet, auch in der Wahl seiner Mittel
nicht verlegen war und sich manche Zweideutigkeit zu Schul-
den kommen liess. Andrerseits aber hat er, den DUmmler')
die leitende Seele der westfränkischen Politik nennt, die durch
sein Amt ihm verliehene bedeutende Macht auch zur Stärkung
des Königthums und zur Befestigung und Erweiterung des
westfränkischen Reiches, so viel als dies damals möglich war,
mit seltener staatsmännischer Umsicht verwandt.
Trotz seiner grossen praktischen Thätigkeit hat Hincmar,
wie bemerkt, viel geschrieben, meist allerdings kürzere Ar-
beiten, und zwar reine Gelegenheitsschriften, von denen manche
überhaupt keinen literarischen Charakter haben, wie S^Tiodal-
schreiben, Denkschriften, bischöfliche Briefe und Erlasse."-)
Auch sein umfangreichstes, im Anfange der sechziger Jahre
verfasstes Werk: Be praedestinatione Dei et libero arbitrio
interessirt uns hier nur indirect. In diesem sehr weitläufigen
und weitschweifigen Opus, das auch zum grössten Theile
eine blosse Sammlung von Stellen aus den Kirchenvätern
ist, sucht Hincmar noch einmal sein ganzes Auftreten in die-
sem kirchlichen Streite zu rechtfertigen, insbesondere aber
die Beschlüsse der Synode von Quiersj (S53) zu verthei-
digen, die von ihm inspirirt waren, und durch die zwei Jahre
darauf folgende Svnode von Valence verworfen wurden. In
jenen Beschlüssen war nur eine einfache Prädestination, die
einerseits als Gnade, andrerseits als Gerechtigkeit erscheint,
angenommen, und indem zwar also die Bedeutung der Gnade
zugegeben wurde, doch der freie Wille zum Guten im Men-
schen ausdrücklich anerkannt, nicht minder, dass Gott alle
Menschen selig machen wolle und Christus für alle gelitten
habe. Diesem Werke Hincmars war schon eine andre, spe-
ciell gegen die S}Tiodalbeschlüsse von Valence von ihm ge-
richtete Schrift vorausgegangen, die uns aber nicht mehr er-
halten ist. Dass aber Hincmar gerade au dieser dogmatischen
Frage so ausserordentlichen Antheil nahm, lag, abgesehen von
seinem persönlichen Verhältnisse zu Gottschalk, hauptsächlich
1) Gesch. d. ostfränk. Reichs I, S. 246.
2) S. das „Yerzeichniss der Schriften und wichtigeren Briefe Hink-
mars" bei Noorden S. 40.3 ff. Es sind nicht weniger als 12.5 Nummern.
250 Hincmar.
in der hervorragenden praktisch sittlichen Wichtigkeit, welche
sie haben konnte, und die auch Rabau so lebhaft aufgeregt
hatte, denn Gottschalks Lehre konnte nur zu leicht im Volke
zu einem sittlichen Inditferentismus führen. — Andre theolo-
gische Arbeiten Hincmars, worunter auch manche kirchen-
rechtliche, stets durch bestimmte Anlässe hervorgerufen, liegen
ausser dem Kreise unserer Betrachtung, i)
Dagegen interessiren uns hier ein paar Schriften des
Reimser Erzbischofs, die, mehr oder weniger von politischer
Bedeutung, dem Gegenstande wie der Behandlung nach in
den Bereich der allgemeinen Literatur fallen. Zwei davon
sind auf Karls des Kahlen Wunsch verfasst. Die eine: De
reifh persona et reijio ministerio ist eine Art von FUrsten-
spiegel, wie wir ihnen schon begegneten -j, zugleich aber,
wie das bei den Schriften Hincmars gewöhnlich, mit einer
besondern Tendenz verfasst. — Nach dem an den König ge-
richteten Vorwort soll hier von ^dem was zur Competenz des
königlichen Amtes gehört", gehandelt werden^): zu dem Zwecke
hat Hincmar was davon der heilige Geist in der Bibel und
durch die katholischen Doctoren sagt, hier gesammelt; und in
der That ist dies Werk nur eine solche, und gewöhnlich wört-
liche, Compilation. Die Sammlung ist aber, wie Hincmar
ferner im Vorwort darlegt, unter einem dreifachen Gesichts-
1) Nur einer sei hier kurz gedacht, insofern sie wenigstens indirect
hier für uns von Bedeutung sein kann: es ist die um 862 verfasste Schrift
De divortio Lolharii i^egis et reginae Tetbergae. Sie enthält nämlich ein-
mal manches sittengeschichtlich interessante Material über das eheliche
Leben in jener Zeit, nicht minder aber auch über den damals noch in Be-
zug auf Hexen, Zauberer, Liebestränke herrschenden Aberglauben (s. na-
mentlich Interrog. XV); zugleich dient die Schrift aber auch recht zur
Charakteristik ihres Autors, der nicht bloss diesen Aberglauben theilt,
sondern auch die Gottesurtheile hier (Interrog. VI) in Schutz nimmt. Vgl.
auch Noorden S. 172 ff. — Hincmar wird auch eine philosophische, an Karl
den Kahlen gerichtete Schrift De diversa et inullipUci animae ratione,
von ihrem ersten Herausgeber Sirmond beigelegt, dem in Betreff der Autor-
schaft Noorden mit Gründen beistimmt (S. t09). Trotzdem scheint mir
dieselbe nicht genügend beglaubigt, zumal Flodoard die Schrift unter denen
des Hincmar nicht erwähnt.
2) S. oben S. 110, 198 u. 227.
3) de bis quae regio ministerio, vobis a Deo commisso, competere
vidi, quasi scintillas micantes lumini scientiae vestrae superadieci.
De regis persona et regio ministerio. 251
punkte vorgenommen und geordnet. Erstens nämlich wird von
der Person des Königs und dem königlichen Amte im all-
gemeinen gehandelt; zweitens von dem Unterschiede, der bei
der Begnadigung zu machen ist (d. h. wo dieselbe stattfinden
dürfe), und von der Bestrafung „besonderer Personen"'), die
als unverbesserlich die Todesstrafe verdienen, was von man-
chen bestritten werde; drittens davon, dass auch nahe Ver-
wandte, die gegen Gott, die heilige Kirche und den Staat
sich vergehen, der König seines Amtes wegen nicht schonen
dürfe. Diese Eintheilung in einen allgemeinen, einen beson-
dern und einen ganz besondern Theil lässt sich allerdings in
dem Werke nachweisen, indem den ersten cap. 1 — 18, den
zweiten cap. 19 — 28 und den letzten cap. 29 — 33 bilden.
Es dünkt mir gar nicht unmöglich, dass die zuletzt be-
handelte Frage den Anlass zu der ganzen Schrift gegeben hat,
die bisher noch keine genauere Untersuchung gefunden hat;
denn es würde dann erst die eigeuthümliche Eintheilung ge-
rechtfertigt erscheinen. Man erinnert sich hier der Empörung
der Söhne Karls des Kahlen Ludwig (862) und Karlmann (870),
von welchen der letztere vom Vater selbst mit Blendung be-
sti'aft wurde; und war doch die Erhebung der nächsten Bluts-
verwandten in dem karolingischen Reiche seit Ludwig dem
Frommen überhaupt etwas gewöhnliches geworden, ja sogar
schon unter Karl dem Grossen versucht I-) — Uebrigens lässt
Hincmar auch in solchen Fällen eine Begnadigung bei wahrer
Reue zu, bei einer solchen, die nicht bloss auf das Schuld-
bekenntniss sich beschränkt (c. 30). Diese Forderung war aber
um so natürlicher, als die Rückfälle solcher Empörer in jenen
Zeiten so gewöhnlich waren. Beachteuswerth ist hier die Be-
trachtung über die Zulässigkeit der Todesstrafe überhaupt
(c. 23), ebenso die Rechtfertigung der Kriegsführung in dem
1) Et de ultione speciaKum personarum. Praef.
2) Schon hierdurch war allerdings ein Anlass zur Erörterung der Frage
Hincmar gegeben; aber ich möchte doch nach der Composition der ganzen
Schrift eher glauben, dass eine von jenen Empörungen der Söhne Karls
des Kahlen selbst die Schrift überhaupt hervorgerufen habe, deren Ab-
fassungszeit sich vielleicht auf Grund dieser Ansicht bei genauerer Unter-
suchung ergeben möchte — eine Untersuchung die ich aber, wie billig, den
Historikern überlasse, für welche diese Zeitbestimmung mehr Interesse als
für uns hier hat.
252 Hincmar.
ersten Theile (c. 9 ff.)- — Von den Kirchenvätern sind nament-
lich Augustin, Ambrosius und Gregor der Grosse benutzt.
Das andere an Karl den Kahlen gerichtete Buch führt
den Titel: De cavendis vitiis et virtutihiis exercendis. Die
Anregung zu demselben gab der Umstand, dass der König von
Hincmar die Epistel Gregors des Grossen an Reccared zuge-
sandt wünschte. In ihr beglückwünscht der Papst den West-
gothenkönig wegen seines Uebertritts zum Katholicismus, dankt
für die ihm tiberschickten Geschenke und gibt Reccared einige
kurze, offenbar durch dessen persönliche Verhältnisse bedingte
Lebensregeln. An diesen Brief, den Hincmar zunächst mit-
theilt, und zwar an das, was darin über die Werke des Er-
barmens gesagt ist, knüpft er sein Buch, in welchem er auch
vornehmlich Gregors Schriften benutzt'), unmittelbar an, in-
dem er die Frage erörtert, in wie weit die Liebeswerke zur
Tilgung der Schuld dienen können. Die wahre Reue wird
dabei verlangt, welche in der Enthaltung von der Sünde sich
bekundet (c. 3), Dies bildet den Uebergang zu einer Be-
sprechung der Hauptlaster, als welche hier aufgeführt werden:
avaritia, superbia, luxuria, gula, invidia, ira; bei dem letzten
Laster wird noch des zelus gedacht, der aber, aus einer Tugend
entsprungen, an sich nicht als Sünde zu betrachten ist. Vor-
trefflich ist die Schilderung der Wirkung dieser Leidenschaften
auf das Aeussere des Menschen, wie beim Zorn, beim Neid;
auch eine Analyse der verschiedenen Gestalt, in welcher sie
erscheinen können, z. B. der Arten des Zorns ist beachtens-
werth, ebenso die auch aus reicher Lebenserfahrung geschöpf-
ten Mittel eine solche Leidenschaft, wie den Zorn, zu be-
siegen.-) Die Darstellung ist vielleicht gerade bei diesem
Laster um so trefflicher, als der Verfasser es wohl am besten
kannte; sie ist energisch, bilderreich. — Es wird hierauf
noch anderer Fehler und Vergehen gedacht, wie der Verkleine-
rung, des Meineids, der Untreue überhaupt (c. 5): dann kehrt
1) Seine Moralia und Homüien namentlich.
2) Wie viel freilich hier überall auf Hincmars eigene Rechnung kommt,
vermag ich leider nicht zu entscheiden, denn es finden sich viele und
längere Stellen wörtlich Gregor, namentlich seinen Moralien entlehnt; die
Citate bei Sirmond sind aber ungenau und bei Migne nicht controlirt, ja
manche davon weggelassen. Die Moralia sind aber bekanntlich ein zu
kolossales Werk, um es zu diesem Zwecke durchlaufen zu können.
De cavendis vitiis etc. De ordine palatii. 253
erst der Verfasser zu den Werken der Barmherzigkeit, von
denen er ausgegangen, zurück (c. 6), um ihren Werth zu be-
stimmen, und von der Reue zu handeln, sowie vom jüngsten
Gerieht und der Höllenstrafe, der Vermittelung der Heiligen
und dem Hauptmittler Christus, der sich täglich für uns auf
dem Altar opfert (c. 11), indem Hincmar hier in der Abend-
mahlslehre der Auffassung des Paschasius Radbert huldigt,
dessen Wunderglauben er überhaupt theilte.^)
Noch ist eine politische Schrift Hincmars , die nach dem
Tode Karls des Kahlen verfasst und in mancher Beziehung
ein Seitenstück zu der „De regis persona et regio ministerio"
ist, besonders bemerkenswerth , da sie zugleich eine wichtige
historische Quelle bildet. Es ist eine an die Grossen des
Reichs i. J. SS2 gerichtete Denkschrift-), als Karlmann, der
Enkel Karls, nach seines Bruders Ludwig Tode Westfi*ancieu
wieder unter einem Scepter vereinigte. Damals haben, wie
der Eingang der Schrift besagt, die Grossen Hincmar aufge-
fordert, „zur Unterweisung des jungen neuen Königs und zur
Wiederaufrichtung der Ehre und des Friedens der Kirche und
des Reiches die kirchliche Ordnung und die Einrichtung des
königlichen Hauses, so wie er es gehört und gesehen habe,
darzulegen".-^) — Der König mag also erkennen, meint Hinc-
mar, welche Verpflichtungen er jetzt hat, und den Ermahnun-
gen des Königs der Könige gehorchen, der von ihm eine
Kenntniss derselben verlangt.
Hiernach behandelt Hincmar zuerst die k i r c h 1 i c h e 0 r d -
nung, indem er zwischen der hohen und niedern Geistlich-
keit, den Pontifices und Presbytern unterscheidet, von welchen
die ersteren die Nachfolger der Apostel sind, deren Stellung
in der Kirche einnehmen. Die Welt wird von zwei Gewalten
regiert, von der heiligen Autorität der Oberpriester und der
königlichen Macht (c. 5). Indem hier dem Könige die Beob-
achtung der kirchlichen Gesetze zur Pflicht gemächt wird.
1) So stimmt er auch in der Streitfrage über die Geburt Christi Ead-
bert bei. S. Noorden, S. 106, Anm. 4.
2) Ad Proceres regni , pro institutione Carlomanni regis et de ordine
palatii.
3) ordinem ecclesiasticum et dispositionem domus regiae in sacro
palatio, sicut audivi et vidi, demonstrem.
254 Hincmar.
wird ihm noch besonders eingeschärft, bei der Besetzung der
Bischofstühle nicht durch weltliche Rücksichten, Dienste, Ge-
schenke oder Verwandtschaft sich bestimmen zu lassen (c. 9).
Dann wird die Ernennung von solchen Grafen und Richtern
gefordert, welche die Habsucht hassen und die Gerechtigkeit
lieben (c. 10); woran sich noch ein paar allgemeine Regeln
für alle, welche eine Herrschaft ausüben, schliessen, die wört-
lich aus dem dem Cyprian fälschlich beigelegten Buche: Dp
diiodecim abusivis saeciili, c. 6, entlehnt sind. Im übrigen
wird zur weiteren Belehrung auf frühere Synodalbeschlüsse
und Capitularien verwiesen (c. 11).
So hat Hincmar bis hierhin den zweiten Theil seiner Auf-
gabe noch gar nicht erfüllt: er hat von der Einrichtung
des königlichen Hauses nicht gehandelt. *) Dies geschieht
nun erst im Folgenden durch eine im Hinblick auf seine Zeit
von Hincmar ausgeführte auszügliche Bearbeitung einer Schrift
Adalhards: De ordine palatii, welche jedoch nicht bloss die
Verwaltung der Pfalz, sondern auch die des Reiches zum
Gegenstande hatte, und hiernach in zwei Abtheilungen zerfiel.
Beide werden denn auch von Hincmar berücksichtigt. Von
den einzelnen Hof- und Staatsämtern und ihren Pflichten, so-
wie von den Reichs Versammlungen finden sich hier die wich-
tigsten Mittheilungen-): ihre Schilderung erscheint zugleich
aber als ein Spiegelbild für die Gegenwart, in der ebenso
wohl das Pflichtgefühl der Beamten wie der Könige selbst
erloschen war und an die Stelle eines festen, wohlgeordneten,
gesetzmässigen Verfahrens anarchische Willkür trat. Das alte
Hof- und Staatswesen wieder herzustellen, bedurfte es freilich
mehr als dieser Erinnerung an seine Einrichtungen und an den
ursprünglichen Charakter der überlieferten Aemter, es bedurfte
vor allem tüchtiger sittlicher Persönlichkeiten, dieselben zu
bekleiden. Und so fordert denn Hincmar im letzten Capitel
die Proceres auf, dafür zu sorgen; denn aus der guten alten
Zeit wären keine solchen Beamten mehr übrig, vielleicht aber
fänden sie sich unter den Söhnen der letzteren.
1) Er hat sich in der Beziehung nur mit der eben erwähnten Ver-
weisung begnügt (s. c. U); trotzdem thut er, als wenn er in der Bearbei-
tung der Adalhardschen Schrift bloss etwas über das Maass noch hinzu-
gebe, indem er sich auf Luc. c. 10, v. 35 bezieht.
2) S. darüber Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte Bd. 3, S. 412 ff.
Vita Remigii. 255
Auch auf dem Felde der Hagiographie ist Hincinar
thätig gewesen, doch auch hier nicht ohne persönliches Inter-
esse. So hat er das Leben des Schutzpatrons der Keimser
Kirche, des h. Remigius, neu bearbeitet, auf Grund einer
dem Fortuuat beigelegten Vita, welche, wie Hincmar nach
mündlicher und allerdings wahrscheinlicher Ueberlieferung be-
hauptet, selbst nur eine auszügliche Bearbeitung einer älteren
war, die durch diesen Auszug hernach ganz verdrängt wurde
und verloren ging. Hincmar hat nun keine Mühe gescheut,
die kurze, bloss zu gottesdienstlichem Zwecke verfasste Vita
zu einem seines Heiligen würdigen Buche von 8S Kapiteln
aufzubauschen, denn unser Autor schien den Werth der Bücher
auch etwas in das Volumen zu setzen. Freilich die Art der Aus-
führung ist keineswegs zu rühmen. Hincmar nahm das Mate-
rial, wo er es bekommen konnte, aus historischen Werken, als
Gregor von Tours und den Gesta Francorum, wie aus verschie-
denen zerstreuten Flugblättern offenbar legendarischer Natur')
und aus dem Munde des Volkes-), und gab es — wie er selbst
naiv genug eingesteht — alles zusammen ohne kritische Aus-
wahl, und wo es möglich war, mit den eigenen Worten der
Quelle, indem er auf die Buntheit des Stiles, die davon, wie
er selbst zugibt, die nothwendige Folge war, keine Rücksicht
nahm. Ueberdies hat Hincmar, den Werth des Buches zu er-
höhen und gewiss auch zum Zwecke seiner weiteren Ver-
grösserung, wie er sagt, nach dem Beispiele des h. Gregor
(von Tours nämlich)-^), den erzählten Wundern lange moralische
Betrachtungen und allegorische Deutungen — wie bei ihm
üblich im Geleite vieler Bibelcitate — öfters hinzugefügt. Bei
1) Wie mit Recht Noorden vermutliet (S. 394, Anm. 2), der überhaupt
hier zu vergleichen.
2) Verum et illa in serie digerens quae vulgata relatione percepi :
quia haud longe ante nos dictum est et etiam in sanctis Scripturis, sed
et in evangelica veritate comperitur: vera est lex historiae, simpUciter ea
quae fama vulgante colliguntur, ad instructionem posteritatis litteris com-
mendare. Diese Stelle ist auch im Hinblick auf die Annalen Hincmars
von Interesse.
3) Denn auf diesen lässt sich wohl nur der Zusatz beziehen: qui
describens sanctorum actus pravorumque casus exhortatione inde
assumpta multa necessaria et utilia interposuit. Die im Druck
hervorgehobenen Woi-te würden auf die Dialoge Gregors des Grossen nicht
passen.
256 Hincmar.
alle dem hat aber der Autor das Ziel im Auge, durch den
wunderbaren Glanz, den er um seinen Heiligen verbreitet,
die Bedeutung der Reimser Kirche in das hellste Licht zu
setzen, Avie er denn auch die politische Stellung des Remigius,
sowie die ihm von Chlodwig gewordenen Schenkungen zu er-
wähnen nicht vergisst. 0 — Auch trat Hincmar für die Identität
des Areopagiten mit dem heil. Denis in die Schranken in
einem Schreiben an Karl dem Kahlen v. J. 877, worin er eine
Bearbeitung des Lebens des Sanctin, eines Schülers des Hei-
ligen, gibt. 2)
Noch ist hier einer kleinen Schrift Hincmars zu gedenken,
in welcher er eine Vision eines gewissen Bernold erzählt,
eines ihm bekannten Laien seiner Parochie, welcher das Ge-
sicht, das er am vierten Tage einer schweren Krankheit hatte,
dem herbeigerufenen Priester mittheilte. Seine dem Diesseits
entrückte Seele traf an einem gewissen Orte — offenbar dem
Fegefeuer — eine ganze Anzahl Bischöfe (unter welchen er
den bekannten Vorgänger Hincmars, Ebbo, erkennt), die bald
von Hitze, bald von Kälte geplagt werden; ferner sieht er
ausser andern den König Karl den Kahlen in Schmutz und
Fäulniss, von Würmern verzehrt, an einem finstern Orte, in
den aber die Strahlen und Düfte eines andern, glänzenden,
drangen, welcher die Ruhe der Heiligen hiess ; auch schaut er
einen hässlichen Brunnen, der Flammen und Rauch ausspeit,
und ein pechschwarzes Wasser, und Seelen, wie das Vieh von
Teufeln getrieben. Die Seelen aber, denen er begegnet, sen-
den ihn an noch Lebende, so Karl an Hincmar, um sie durch
ihre Fürbitten zu befreien; diese Aufträge erfüllt Bernold selt-
samer Weise auch in der Vision selbst und sieht die Erfolge
derselben. — Hincmar, der nach des Presbyters Aussage die
Vision aufzeichnete, und sie, offenbar in seinem persönlichen
hierarchischen Interesse''), verbreitete^), hält sie für wahr, wie
1) S. c. 41. — Hier sei noch bemerkt, dass c. 29 der Trojanersage
der Franken gedacht wird.
2) S. darüber Noorden S. 397 ff.
3) Karl der Kahle sagt, dass er deshalb für seine Sünden büsse, weil
er Hincmars Rathschlägen nicht gefolgt sei. — Er nur kann ihn erlösen.
4) Quam visionem domnus Hincmarus — — per loca ubi necesse
Visum est exponens, ad multorum notitiam pervenire fecit. Flodoard,
Hist. eccles. Rem. 1. HI, c. 18.
Yisio Bernoldi. 257
er sagt, im Hinblick auf die älteren Visionen, die er in den
Dialogen des li. Gregor, in Beda's Geschiclite der Angeln, in
den Scliriften des beil. Bouifaz und als in seinem Zeitalter
dem Wettin offenbart gelesen babe. ')
Nacb soleben Werken sollte mau uicbt erwarten, Hincmar
unter den tücbtigsten Annalisten seiner Zeit zu begegnen : diese
seine weltlicbe bistoriograpbiscbe Tbätigkeit, zu welcber aller-
dings seine staatsmännisebe Begabung und Wirksamkeit ibn
vorztiglicb ausrüsteten, werden wir erst w^eiter unten im Zu-
sammenbange mit der fernereu Gescbicbte der Reicbsannalen
überbaupt betracbteu.-)
ZWÖLFTES KAPITEL.
JOHANNES SCOTUS ERIGENA.
Es war aucb der Streit über die Prädestinationsfrage, in
welcbem zuerst allgemeineres Aufsebeu erregte eine ganz andre
gelebrte Persönlicbkeit aus dem Kreise Karls des Kablen, ein
balber Laie, denn er batte keine der kircblicben Weiben er-
halten.-) Obgleicb von Hincmar zu seinem Auftreten auf die-
sem Kampfplatze veranlasst, erklärte er sieb zwar aucb gegen
dessen Feind, Gottscbalk, aber in einer von dem Erzbiscbof
nicbt erwarteten, ja durchaus perborrescirten Weise. Es war
1) Hiermit werden also die zu Hincmars Zeit bekannten Visionen auf-
geführt, wir haben ihrer sämmtlich früher gedacht, s. Bd. I, S. 522 f., 599,
615 u. oben S. 149 ff. Auch die Vision Bernolds geht in ihren Grundzügen
auf Gregors Darstellung zurück.
2) Hincmar hat sich auch im Versemachen versucht; so haben sich
denn einige Epigramme und ein längeres Gedicht in Distichen an die
Jungfrau Maria erhalten, welches Mai, Classicor. auctor. e Vaticanis codd.
editor. T. V, p. 452 ft'. herausgegeben hat. Dasselbe ist in dogmengeschicht-
licher Beziehung nicht ohne Interesse, wie denn hier auch die Geburt
Christi als „utero clause" erfolgt (v. 10) bezeichnet wii-d. Von Poesie ist
in den Versen Hincmars, deren Sprache steif und dunkel ist. nichts zu
verspüren.
3) Der früher mit Erigena befreundete Prudentius nennt ihn De
praedest. c. 3: ..nuUis ecclesiasticae dignitatis gradibus insignitura, nee
unquam a catholicis insigniendum."
Ebert, Literatur des Mittelalters H. 17
258 Erigena.
dies der bedeutendste Denker dieses Jahrhunderts, dessen philo-
sophische Werke wahrhaft Epoche machen, Johannes Scotus'),
später auch Erigena genannt.-) Unter Scotia verstand man in
jener Zeit bekanntlich nicht bloss Schottland, sondern auch
Irland, selbst ganz vorzugsweise, da es ja die ursprüngliche
Heimath der Schotten war. Und in der That kann man kaum
zweifeln, dass Johannes, worauf auch der andre Beiname deutet 3)^
in Irland geboren und gebildet worden ist^), in Irland, aus dem
schon seit Jahrhunderten so viele Missionare nicht bloss des
Glaubens, sondern auch der Wissenschaft nach dem Contiuent
auswanderten ; und die Emigration der letzteren scheint gerade
in dieser Zeit eine besonders lebhafte gewesen zu sein.^) Mehr
als sein Vaterland ist die Zeit seiner Geburt ungewiss, über
die uns jede Nachricht mangelt. Seine Ankunft in West-
francien aber erfolgte in den vierziger Jahren, und wohl in dem
Anfange derselben: dort fand Erigena, zuerst in unsicherer
Lage, bald am Hofe des wissbegierigen jungen Königs, eine
gastliche Aufnahme. Er wurde Lehrer, ja Vorstand der Hof-
schule, und erfreute sich der besondern Gunst Karls des Kahlen,
welcher, wenn spätere Traditionen die Wahrheit abspiegeln, mit
ihm auch einen vertrauteren gesellschaftlichen Umgang pflog.
1) Joannis Sooti opera qiiae supersunt omnia ad fid. italic, gerTnanic,
belgic. codd. partim primus edid. , pai'tim recognovit H. J. Floss. Paris
1853. 4*' (Bd. 122 der Patrol. lat. von Migne). Huber, Job. Scotus
Erigena. Ein Beitrag zur Gescbicbte der Philosophie und Theologie im
Mittelalter. München 1861. — Noack, Job. Scotus Erigena. Sein Leben
und seine Schriften. Leipzig 1876. (Kirchmanns philos. Bibliothek Bd. 66.)
— Ritter, Geschichte der Philosophie. Bd. 7. Hamburg 1844. — Prantl,
Geschichte der Logik im Abendlande. Bd. 2. Leipzig 1861. S. 20 ff. —
Reuter a. a. 0. S. .51 ff.
2) Die ältesten Handschriften haben nur Joannes Scotus oder Joannes
Jerugena; über die Herleitung dieses Namens s. Huber S. 38 ff.
3) Mindestens als Tradition in der umgewandelten Form: Erigena.
4) Dafür spricht auch die Anrede des Prudentius an Erigena in seiner
Streitschrift De praedest. c. 14: Te solum acutissimum Galliae transmisit
Hibernia (was Huber bemerkte) und nicht minder die oben S. 118 Anm. l
citirte Stelle des Heiricus, eines indirecten Schülers des Erigena, in der
Praefatio zu seiner Vita S. Germani, dass aus Hibernia eine ganze
Schaar Philosophen unter Karl dem Kahlen nach Westfrancien eingewan-
dert sei, endlich auch die Kenntniss der griechischen Sprache.
5) S. oben bei Sedulius (S. 191) u. die eben erwähnte Stelle des Heii-ic.
Leben. 259
Als Lehrer hat Erigena, wie sich dies auch kaum anders
erwarten lässt, bedeutend gewirkt, und zwar nicht bloss durch
die Anregung zur Speculation, die er gab, sondern auch durch
Verbreitung der Kenntuiss des Griechischen, der wir gerade
bei seinen Nachfolgern, mag sie auch bei ihnen noch so ober-
flächlich sein, wie bei ihm selbst begegnen. Erigena's be-
sondere Bildung ruhte ja auch hauptsächlich auf seiner Kennt-
niss der griechischen Kirchenväter und griechischer Philosophen,
obwohl er nicht überall deren Werke im Original, oder ohne
Beihülfe lateinischer Bearbeitungen studirt haben mag, denn
auch seine Kenutniss des Griechischen war eine unvollkommene,
wie er selbst zugibt. Den bedeutendsten Eiufluss aber haben
auf ihn die Schriften des vermeintlichen Dionysius Areo-
pagita gehabt, in welchen eine Christianisirung des Neu-
platonismus erscheint. Dieselben waren schon unter König
Pippin als Geschenk des Papstes nach dem Frankenreiche ge-
kommen, dann wieder von dem griechischen Kaiser Michael
Baibus Ludwig dem Frommen gesandt worden. Indem man
mm, wie dies auch Erigena thut, den in der Apostelgeschichte
erwähnten Areopagiten mit dem heil. Dionys von Paris, der
unter Decius den Märtyrertod erlitt, identificirte , so schätzte
man diese Schriften in Westfrancien doppelt hoch, und hoffte
von ihnen, je weniger man sie kannte, um so mehr tiefer
religiöser Geheimnisse Enthüllung.
So kam es, dass Karl der Kahle, welcher an der theo-
logischen Speculation ein lebhaftes Interesse nahm, Erigena zu
einer Uebersetzung jener Schriften ins Lateinische aufforderte
— wohl das erste Werk das derselbe an seinem Hofe aus-
führte. Er widmet es denn auch dem Könige als Opferspende
des „advena Joannes" in einem elegischen Gedichte, dem eine
längere Zuschrift in Prosa, die zugleich Vorwort, folgt. Hier
gibt er seiner Bewunderung des Königs, der trotz der bestän-
digen Unruhe der Bürgerkriege und der Einfälle der heid-
nischen Barbaren mit der ganzen Sammlung des Geistes und
Andacht des Herzeus in die Geheimnisse der heil. Schrift ein-
zudringen suche, und deshalb auch die griechischen Väter zu
Rathe ziehen wolle, einen unverhüllten Ausdruck, worauf er
dann das Leben des Autors behandelt und den Inhalt der
übersetzten Bücher kurz anzeigt. — Danach übertrug auch auf
Karls Befehl Erigena eine Erklärung schwieriger Stellen in
260 Erigena
den Reden des Gregor von Naziauz von Maximus, welches
Buch in der Uebersetzung Amhiijua betitelt ist. Erigena ent-
schloss sieh um so eher zu derselben, trotz aller Schwierig-
keiten, die sie darbot, als das Buch auch sehr dunkle Sätze
des Dionys erläutere, wovon er Beispiele in der Vorrede gibt.
Freilich ist diese Uebertragung eine recht fehlervolle, zum
Theil wohl weil der König sie sehr bald verlangte. Der des
Dionys aber wurde schon von Zeitgenossen Erigena's Dunkel-
heit vorgeworfen, und diese nicht mit Unrecht auch auf die
allzu wörtliche Wiedergabe geschoben. Uebrigens bemühte
sich Erigena die Schwierigkeiten, welche der Autor bietet, auch
selbst durch Commentare zu heben, die er zur Erklärung
seiner Bücher verfasste, welche Commentare uns aber nur zum
Theil erhalten sind.
Während nun also Erigena im Dienste seines königlichen
Gönners die Wissenschaft pflegte, und durch diese Studien,
namentlich auch des Dionysius, sein philosophisches System
ausbildete, das er in einem grossen Orginalwerk darnach
niederlegte, wurde er durch Hincmar, wie bemerkt, in den
theologischen Kampf, der in jener Zeit Westfrancien so sehr
bewegte, hineingezogen (851). Hincmar, von vielen Seiten,
namentlich von den Theologen Lyons angegriffen, hoffte von
der grossen Gelehrsamkeit Erigena's, den er wohl sicher als
einen Gegner der Gottschalkschen Meinung kannte, die kräftigste
Unterstützung. Erigena aber, der auf seinem philosophischen
Standpunkt über beide Parteien sich erhob, verdarb es mit
beiden, zog aber namentlich die Angriffe der Gegner Hincmars
auf sich, die den Philosophen in den heftigsten Streitschriften
zugleich als Ketzer denuncirten; und seine in dem Buche über
die Prädestination ausgesprochenen häretischen Ansichten selbst
von verschiedenen Synoden verurtheilen Hessen. Diese An-
griffe mögen wohl die Veranlassung gewesen sein, dass Erigena
die Leitung der Hofschule niederlegte, obwohl er am Hofe
selbst blieb, und fortlehrend der Gunst des Königs sich auch
fortdauernd erfreute.') Vergeblich verlangte selbst der Papst
im Anfang der sechziger Jahre von diesem, Erigena, der in
dem Gerüche ketzerischer Meinungen stehe, nach Rom zur
1) Alles dies ergibt sich aus dem iii der folgenden Anmerkung citirten
päpstlichen Schreiben.
De divisione iiaturae. 261
Verantwortung- zu senden, weil er ohne seine „Approbation",
die Uebersetzuug des Dionvsius publicirt liabe, oder ihn min-
destens von der Hofschule zu entfernen, deren Haupt er früher
gewesen sein solle, damit nicht Unkraut unter den Waizen ge-
säet würde. 1) Aber — zur Ehre Karls des Kahlen — der
Philosoph blieb weiter unbehelligt, lieber sein späteres Leben
ist uns nichts sicheres mehr bekannt, wahrscheinlich aber hat
er noch i. J. 877 ein Gedicht an den König, seinen Gönner,
gerichtet-), den er wohl nicht lauge überlebt haben mag. Fa-
beln einer späteren Zeit, die ihn nach Karls Tod an den ge-
lehrten Hof Alfreds ziehen lassen, halten vor der Kritik keinen
Stand. ^)
Das Hauptwerk des Philosophen, in welchem er sein
System im Zusammenhange entwickelt, führt den Titel: Tleol
ffiaetog /iieoiouoc id est Be divisione naturae. Dies Werk
(wohl erst im Anfang der sechziger Jahre vollendet)^) und
seinem Freunde und Mitarbeiter in den Studien der "Weisheit,
Wulfad gewidmet, ist von einer grossen historischen Bedeutung,
indem es die Philosophie zuerst als eine ebenbürtige Wissen-
schaft der Theologie zur Seite stellt, und so verschieden auch
die Weltanschauung uusers Autors von der der späteren mittel-
alterlichen Speculation ist, doch die Keime derselben — die
einen mehr, die andern weniger entwickelt — nach ihren ver-
schiedensten Richtungen, sowohl der dialektischen Scholastik,
und zwar des Realismus wie des Nominalismus, als auch des
speculativen Mysticismus, in sich schliesst. Die Elemente, aus
denen dies System geschaffen ist, wie die leitenden Grund-
gedanken sind allerdings zum grössten Theil entlehnt, theils
dem christianisirten Neuplatonismus der griechischen Kirchen-
1 ) Der Papst schliesst sein Schreiben : Hinc est qiiod dilectioni vestrae
vehementer rogantes mandamus , quatenus apostolatui nostro praedictum
Joannem repraesentari faciatis, aut certe Parisius in studio, cuiiis capital
iam olim fuisse perhibetur, morari non sinatis, ne cum tritico sacri eloquii
grana zizaniae et lolii miscere dignoscatur et panem quaerentibus venenum
porrigat. Floss, p. 1025.
2) S. Huber S. 11 Off.
3) S. die ausführliche und gründliche Untersuchung von Huber S. 108 ff.
4) Gewiss vor 865, da Wulfad damals Erzbischof von Bourges wurde,
und bei der Widmung (1. V, c. 40) nicht als solcher von Erigena bezeich-
net wird. Noack S. 22. Vgl. dagegen Huber S. 107 f.
262 Erigena.
Väter, des Origeues, Gregor von Nazianz und uameutlicli des
Dionysius Areopagita und seiner Erklärer, theils dem Augustin ;
aber die Systematisirung selbst, die strenge syllogistische Form
der Entwicklung gehören unserm Antor an, der darin eine
für jene Zeit bewundernswertbe Denkkraft und Freiheit des
Geistes, ja auch eine kühne Selbständigkeit des Charakters
zeigt. Er versucht zwar ein philosophisches System herzu-
stellen, das mit der kirchlichen Ueberlieferung sich verträgt,
welche damals die Schranke des Gedankens war, aber er
macht darum nicht die Philosophie zur Magd der Theologie.
Vielmehr soll die wahre Philosophie mit der wahren Religion
identisch sein — ein Satz, den nicht bloss Augustin, sondern
selbst schon Lactanz aufgestellt hatte. ') Autorität und Vernunft
fliessen aus einer und derselben Quelle, der göttlichen Weis-
heit. 2) (Die Autorität aber sind Erigena die heiligen Schriften,
daneben auch , obgleich in eingeschränkter Weise , die sie er-
klärenden Kirchenväter.) Die Autorität ist nur das der Zeit
nach Frühere, die Vernunft das der Natur nach. Bei einer
Collision zwischen beiden ist der letzteren der Vorzug zu
geben. Denn jede Autorität, welche durch die wahre Vernunft
nicht gebilligt wird, erscheint schwach; die wahre Vernunft
aber bedarf nicht der Zustimmung der Autorität. 3) — Dieser
Satz genügt allein zu zeigen, wie weit sich Erigena über seine
Zeit erhob!
Unter dem Begriff der Physis oder Natura fasst Erigena
alles was ist und was nicht ist, zusammen, indem er das
Nichtseiende nicht in absolutem Sinne nimmt, sondern in
relativem, das Nichterkannte oder das nur erst potentiell Vor-
handene oder die menschliche Natur, die durch die Sünde ihr
Sein verloren hat, darunter versteht. Mit dieser Unterschei-
dung beginnt er sein Werk. Die also definirte Natur aber
theilt sich — und daher der Titel des Werks — nach vier
Unterschieden in vier Species: 1) die Natur welche schafft
1) S. Bd. I, S. 77.
2) De divis. nat. 1. I, c. BG Ende.
3) Omnis eiiim auctoritas , quae vera ratioue non approbatur, infirma
videtur esse. Vera autem ratio, quoniam suis virtutibus rata atque im-
mutabilis munitur, nullius auctoritatis astipulatioue roborari indiget.
1. I, c. 69.
De divisione naturae. 263
und nicht geschaffen wird: das ist Gott als die letzte Ursache
von allem- 2) die welche geschaffen wird und schafft: die
Gesammtheit der Urgründe der Dinge {primordiales rerum
causae)j auch Prototypen, „Ideen d. i. Species oder Formen",
genannt, welche in dem Wort Gottes — dem Logos — ge-
gründet sind; 3) die Natur welche geschaffen wird und nicht
schafft : die reale Welt, die unter der Einwirkung des heiligen
Geistes aus den Urgründen hervorgeht, gleichsam „hervor-
gebrütet" wird^; 4) die Natur welche weder schafft noch ge-
schaffen wird: d. i. wieder Gott als das letzte Ziel der Dinge,
— die letzte Naturform fällt mit der ersten zusammen, wie
die zweite mit der dritten — Gott ist die essentiu von allem.
Die Schöpfung aber ist ein dauernder Process. — Das ganze
System ist aber nach dem Schema der Dialektik constriiirt,
wonach einerseits die höchste Einheit — herabsteigend — bis
zu den Individuen zertheilt wird {diaig€Tr/.rj oder /.isgiainög),
andererseits das Individuelle — hinaufsteigend — zur höchsten
Einheit zurückgeführt, iu sie aufgelöst wird (ccvalvzixr])/-) So
ist der ontologische Process zugleich der logische. Die Be-
deutung, welche hiernach die Logik für die Speculation bei
Erigena erhalten hat, ist etwas für seine Zeit ausserordentliches
und gehört ihm individuell au, wie sie zugleich für seine
geistige Unabhängigkeit der Theologie gegenüber zeugt.
Die Vereinbarung dieses philosophischen Systems mit der
Bibel war aber nur durch eine kühne allegorische Auslegung
derselben möglich, an welche man allerdings schon lange ge-
wöhnt war, sie war ja zugleich mit der christlichen Speculation
erwachsen. Das richtige, vollkommene Verständniss der heil.
Schrift verlangt eine innere Erleuchtung, so meinte auch
Erigena, um über den Buchstaben hin in den wahren Sinn der
Bibel einzudringen. Die allegorische Exegese, die er hier gibt,
1) Sj^iritus enim sanctus causas primordiales, quas Pater in principio,
in Filio videlicet suo fecerat, ut in ea. quorum causae sunt, procederent,
fovebat, hoc est divini amoris fotu nutriebat. Ad hoc namqiie ova ab
alitibus, ex quibus haec metaphora assumpta est, foventur, ut intima in-
visibiUsque vis seminum. quae in eis latet, per nuraeros locorum temporum-
que in formas visiljilcs corporalesque pulchritudines igne aereque in hu-
moribus seminum terrenaque materia operantibus erumpat. 1. II, c. 19.
2) Vgl. Prantl. a. a. 0. S. 27.
264 Erigena.
ist aber theils sein eigenes Werk, tbeils älteren Kirchenvätern
entlehnt. ')
Das Werk ist in fünf Bücher getheilt, von denen die drei
ersten je einer der drei ersten Naturformen gewidmet sind,
die beiden letzten zusammen aber der vierten. Der Zusammen-
hang zwischen den einzelnen Büchern — von den beiden letzten,
die gleichsam nur eins bilden, abgesehen — wird durch eine
Recapitulation im Eingang allemal streng gewahrt. Der klaren
Uebersichtlichkeit der Composition entspricht die Klarheit des
Ausdrucks, der durch Präcision und Correctheit über den her-
kömmlichen Stil jener Zeit in speculativen Werken sich erhebt,
und eine fesselnde lebendige Beweglichkeit zeigt. Diese wird
dadurch unterstützt, dass das Werk die Form des Zwiege-
sprächs zwischen einem Lehrer und Schüler hat, eine Form
die hier wohl den philosophischen Erstlingswerken des Augu-
stin entlehnt ist."-) Sie hat hier einen dialektischen, keinen
pädagogischen Charakter.
Dass ein Philosoph, und von Erigena's Standpunkt der
Lehre Gottschalks von der doppelten Prädestination abhold
sein musste, versteht sich. Er bekämpft sie in seinem Buche
De (livina praedestinulione , dem schon die in seinem Haupt-
werke systematisch entwickelten Ideen zu Grunde liegen, in
einer dreifachen Beziehung: als unverträglich einmal mit dem
Wesen Gottes, der vollkommnen Einheit desselben, dann mit
dem des Menschen, der, nach Gottes Bilde geschaffen, den
freien Willen dadurch substanziell besitzt, ihn also auch nicht
durch den Sündenfall verlieren konnte''), endlich auch mit dem
Begriffe des Bösen, das, weil alles auf Gott als die letzte Ur-
1 ) Ein weit ausgeführtes Beispiel bietet die Auslegung des Schöpfungs-
werks im Beginne des 1. B. Mose: 1. III, c. 24 ff.
2) S. Bd. I, S. 231 f.
3) Non enim aliter debuit fieri rationalis vita, nisi voluntaria, cum ab
ea voluntate, quae est causa omnium, creata sit ad imaginem et similitu-
dinem sui. Aut quomodo eam divina voluntas, summa videlicet universi-
tatis ratio, quae nulla necessitate stringitur, quoniam sua liberrima potentia
potitur, imaginem sui similem faceret, si non eius substantiam crearet vo-
luntatem liberam rationalem ? — Hoc apertissimo probatur argumento, quod
sumitur ex primi hominis peccato. Quamvis enim beatam vitam peccando
perdidit, substantiam suam non amisit, quae est esse, velle, scire. De div.
praed. c. IV, §. .^ u. 6 init.
De divina praeclestiiiatione. 265
Sache zurückgeht, substanziell gar nicht existirt, sondern nur
die Verderbtheit des Guten {corniptio boni) ist'): eine Prä-
destination zu dem Bösen oder auch nur zur Strafe desselben,
dem ewigen Tode, durch Gott ist daher unmöglich. Das Böse
bestraft sich vielmehr selber."-) Auch das Wesen der Höllen-
strafe wird hier nur in die Abwesenheit des seligen Glückes
gesetzt. In seinem philosophischen Werke wird die sinnliche
Hölle direct geläugnet.^) Wie unendlich weit ging Erigena
seiner Zeit voraus. — Dass er bei dieser Behandlung der Prä-
destinationsfrage von seinem philosophischen Standpunkte auch
nicht den Beifall der Gegner Gottschalks, deren Sache er führte,
ernten konnte, ist leicht verständlich, schwer dagegen, wie er
bei alledem in dem guten Glauben befangen sein konnte, die
katholische Kirche zu vertreten, und Gottschalk mit heftigen
Worten als Ketzer apostrophiren, wie dies im Beginne seines
Buches (c. 2) geschieht.
Von theologischen Werken Erigena's besitzen wir ausser
den genannten noch Fragmente eines Commeutars zum Evan-
gelium Johannes und eine Homilie über den Eingang desselben
Evangeliums, worin zugleich jener Apostel mit begeisterten
Worten als Typus der Contemplation und der Wissenschaft
gefeiert wird. — Ausserdem hat von gelehrten Arbeiten unser
Philosoph noch einen Commentar zum Marcianus Capella ver-
fasst, offenbar eine Frucht seiner Lehrthätigkeit.
Erigena hat aber, nach der Sitte der Zeit, wie bereits
angedeutet, auch der gelehrten Muse gehuldigt, und es haben
sich auch eine Anzahl Gedichte von ihm erhalten, die durch-
aus den Stempel seines Geistes tragen, so dass an seiner Autor-
schaft kein Zweifel sein kann. Doch sind sie wohl alle Ge-
legenheitsgedichte, theils und vornehmlich in Distichen, theils
in Hexametern, die meisten an seinen hohen Gönner, Karl den
Kahlen gerichtet. Ihm scheint Erigena alljährlich einen sol-
chen poetischen Tribut zu den höchsten Kirchenfesten darge-
1) C. X, §. 3. Erigena beruft sich hier auf Augustin. Vgl. auch
Bd. I, S. 207.
2) — — Nulluni peccatum est quod non se ipsum puniat, occulte
tarnen in hac vita, aperte vero in altera, quae est futura. c. XVI, §. 6.
3) De divis. nat. 1. V. c. 29, wo sich auch der schöne bezeichnende
Satz findet: Ubi Judas Salvatoris nostri proditor torquetur? Nunquid
alibi nisi in sua poUuta conscientia, qua Dominum tradidit?
266 - Erigena, Gedichte.
bracht zu haben, namentlich zu Ostern, denn eine ganze Zahl
der Gedichte hat entweder die Kreuzigung, oder die Auf-
erstehung, oder die Höllenfahrt Christi, oder auch das Pascha
zum Thema, nach dessen Behandlung der Dichter dann immer
seinen Wünschen und Gebeten für den König Ausdruck gibt.
Ein Carmen {Be Verbo incaniatö) ist aber zu Weihnachten
dargebracht. Diese Gedichte haben, die einen mehr, die an-
dern weniger, das, wie es scheint, noch kaum beachtete Inter-
esse, dass in ihnen das philosophische System des Verfassers,
wenn auch nur in einzelnen Zügen, sich abspiegelt'); am
meisten ist dies der Fall in dem zuletzt erwähnten Carmen.
Einen poetischen Werth aber hat die Mehrzahl gar nicht; nur
in der Schilderung der Höllenfahrt, namentlich in dem Ge-
dichte: Christi triumphvs de viorte ac diabolo erhebt sich die
Darstellung stellenweise zu einem wahren, selbst kraftvollen
Pathos. Merkwürdig ist, dass in diesem Carmen v. 63 ff. der
Teufel als seine letzte Zufluchtsstätte, seinen einzigen Trost
„die jüdische Brust, den lastervollen Abgrund" bezeichnet, all
sein Gift will er durch den Mund dieses Christus verhassten
habgierigen Volkes ergiessen. Hat dieser Judenhass bei Eri-
gena, möchte man fragen, ein persönliches Motiv? Toleranz
war ihm jedenfalls trotz seiner Philosophie nicht eigen. —
Noch ist besonders erwähnenswerth ein Gedicht, das vornehm-
lich das Lob der Gemalin Karls, Irmindrud singt: ihre an-
muthige gelehrte Rede, ihre Geschicklichkeit in Handarbeiten^),
ihr Bücherlesen, ja selbst ihre politische Befähigung'*) werden
hier u. a. gepriesen. — In formeller Beziehung ist von Eri-
1) In einzelnen dieser Gedichte linden sich auch Anspielungen auf die
Zeitgeschichte, die Kriege Karls mit seinen Brüdern und die Einfälle der
Normannen.
2) Laudes Irmindrudis , v. 7 ff. :
Ingens Ingenium, perfecta Palladis arte
Auro subtili serica fila parans.
Actibus eximiis conlucent pepla mariti,
Gemmarum serie detegit indusias.
Miratur fugitans numquamque propinquat aqkyjvr],
Quamvis palladios aequiperat digitos.
Vgl. hiermit oben S. 194, Anm. 3.
3) Quid causas regni dicam, quas ipsa pei'ita
Disponit vigili pectore praecipuo V Carm. IV, v. 2 1 f.
Prudentius. De praedestinatione. 267
gena's Poesien der leichte Fluss des Verses und die Enthal-
tung von allem irischen Schwulste zu rühmen, dagegen liebt
er es mitunter, auch seine poetische Diction mit griechischen
Worten aufzuputzen, ja auch ganze griechische Verse finden
sich in einigen Gedichten ein- oder beigefügt, was seine
Schüler ihm nachmachten. Selbst griechische Gedichte, frei-
lich sehr wenig gelungen, von ihm zum Lobe Karls verfasst,
haben sich erhalten , manche zwar nur bruchstücksweise , die
zum Theil, was recht beachtenswerth, mit einer lateinischen
Interlineartibersetzung versehen sind.
DREIZEHNTES KAPITEL.
PRÜDEXTIUS. FLORUS. AUDRADUS.
Das Buch des Erigena über die Prädestination rief, wie
schon bemerkt, die lebhafteste Opposition hervor. Unter den
Gegnern des Philosophen nehmen aber den ersten Platz ein
sein früherer Freund, der Bischof von Trojes, Prudentius und
der Diacon von Lyon, Florus. Prudentius '), von Geburt ein
vornehmer Spanier, dessen ursprünglicher Namen Galindo,
war in der Hofschule Ludwigs des Frommen gebildet wor-
den. 2) Durch Gelehrsamkeit und Scharfsinn ausgezeichnet, er-
hielt er das Bisthum von Troyes zwischen 843 und 846; er
starb 861. In seiner Schrift JJe prufdeslinutione contra Jo-
annein Scolum legt er auch von jenen Eigenschaften Zeugniss
ab, indem er 19 Sätze des Buchs des Erigena, welche der
Erzbischof von Sens, Wenilo, als häretisch bezeichnet hatte,
einen nach dem andern zu widerlegen unternimmt. In dieser
Schrift findet sich die Beredsamkeit des Zornes des Theologen,
den die frühere Freundschaft mit Erigena vielleicht noch ge-
steigert hat. Mehr iuteressirt uns dieser Autor als Geschicht-
1) Priidentii opera in Migne's Patrol. lat. Tom. 115. Paris 1S.d2. —
— Girgensohn, Prudentius und die Bertinianischen Annalen. Riga 1S75!'
— Dümmler, Gedichte an Prudentius, in: Zeitschr. f. deutsch. Alterth.
N. F. IX, S. 76 ff. — Dümmler, N. A. S. 314.
2) S. Dümmler, Ged. an Prud. S. S5.
268 Florus.
Schreiber durch seine Theilnahme an der Fortsetzung der
Reichsannalen in Westfrancien ; auf diese schriftstellerische
Thätigkeit von ihm kommen wir weiter unten zurück.
Florus'), ein Zögling der Lyoner Kirche, dann Magister
der Kathedralschule und Diacon, nahm dort schon unter Ago-
bard eine einflussreiche Stellung ein, wie denn damals bereits
der Ruf seiner Gelehrsamkeit bis nach Germanien drang, wo
der jugendliche Walahfrid, wie wir sahen-), ihn preist; auch
Wandalbert rühmt ja seine Bibelkenntniss und die Schätze
seiner Bibliothek, die ihm selbst zu gute kamen. '^) Am
meisten trug wohl zur Ausbreitung dieses wissenschaftlichen
Rufes sein Buch über den Canon der Messe : De actioiw missa-
nim , wie er es selbst betitelt, eine gelehrte Compilation von
Stellen aus den Kirchenvätern 4), und namentlich sein schon
früher erwähntes^) Martyrologium bei, in welchem das Werk
des Beda eine wesentliche Erweiterung erfuhr. '') Sein Todes-
jahr ist so wenig als sein Geburtsjahr bekannt.
Florus verfasste im Namen der Kirche von Lyon sein
Buch gegen Erigena, das schon in der Ueberschrift den leiden-
schaftlichen Ton ankündigt, in dem es geschrieben: Libelhts
Flori achcrsus cuiusdam vanissimi hominis, qui co(j7iominüUir
Joannes, incptins et errores de piHiedestinatione et prnescientia
divina et de veru hiimani arhitrii lihet'tate. Es ist ähnlich
componirt als das des Prudentius, indem es auch eine Reihe
von Hauptsätzen aus dem Werke des Erigena wörtlich auf-
führt, um sie einzeln zu widerlegen, auf Grund der Bibel
wie der Aussprüche der Kirchenväter. Beide Schriften, die
des Florus, wie die des Prudentius, haben noch das Interesse,
1) Flori, diaconi Lugdunensis, opera accur. Migne (Patrol. lat. 119). —
Georg Fabricius, Poetanim veter. ecclesiast. opera christiana. Basel 1564.
pag. 729 ff. die einem Drepanius Florus fälschlich beigelegten Gedichte.
Histoire litter. de la France T. V, p. 213 ff. — Dümmler, N. A.
S. 296 ff.
2) S. oben S. 160. 3) S. oben S. 186.
4) Welche Florus aber als einen Gegner der Radbertschen Auffassung
des Abendmals zeigt.
5) S. oben S. 128.
6) So wenig auch heute mit Sicherheit die Arbeit des Florus von dem
Bedaschen Grundwerk sich scheiden lässt.
Thoologisclic Werke. Gedichte. 269
dass in ihnen wolil zuerst im eigentlichen Mittelalter ein Kampf
der Theologie mit der Philosophie erscheint, die sogleich auf
das heftigste an einander gerathen. Wie auch Florus in der
Vorrede sagt, streitet Erigena, wie er sich selbst rühme, mit
menschlichen und philosophischen Argumenten, indem er auf
die Autorität der heil. Schrift und der Väter sich nicht stütze.
Ganz mit Recht wird er von den Theologen nicht als der
ihrige angesehen.
Für uns ist Florus direct nur als Dichter von Bedeutung.
In der That, er ist mehr als ein gewöhnlicher Versemacher,
er hat einen Hauch von poetischem Genius, wie nicht bloss
der zwanglose metrische Fluss seiner Verse, sondern auch ein
paar wahrhaft schwungvolle Gedichte unter den uns erhaltenen
zeigen. Das bedeutendste und interessanteste davon ist eine
politische Dichtung von 172 Hexametern, die Querela de divi-
sione imperii post mortem Luiloviei pii. Florus war, wie über-
haupt der Klerus, namentlich der hohe, für die Einheit des
Reichs, und so gibt er denn hier dem wahrhaft und tief em-
])fundenen Schmerz über den Zerfall der Schöpfung des grossen
Karl einen beredten, ergreifenden Ausdruck: „Berge und Hügel, "
beginnt er, „Wälder, Flüsse und Quellen, steile Felsen und
tiefe Thäler beweint der Franken Geschlecht, das, einst er-
haben durch das Geschenk Christi, die Weltherrschaft (im-
perium), jetzt in dem Staube versunken liegt l-'') Die Elemente
sollen Schmerz darob empfinden und die Menschen beklagen,
weil der Menschen Herzen erstarrt sind. Ueberall dröhnt die
Geissei Gottes, überall Verwüstung, alles Gut des Friedens
vom bittern Hasse zerrissen, alle Zier des Reiches durch die
Wuth der Leidenschaften geschwärzt! — Der Dichter zeigt
dann, wie Kirche und Staat verfallen, wie Gottlosigkeit und
Gesetzlosigkeit durch die beständigen Bürgerkriege einreissen,
wie das Volk unter den fortwährenden Plünderungen leidet,
und der zwieträchtige Adel sieh selbst zerfleischt. Schon ver-
liess die Sterblichen die Furcht vor den Königen und den Ge-
setzen, sie eilen den Weg zur Hölle mit geschlossenen Augen
1) Montes et colles silvaeque et flumina, fontes,
Praeruptaeque rupes, pariter vallesque profundae
Francorum liigete genus : quod munere Christi,
Imperio celsum, iacet ccce in pulvere mersum.
270 Florus.
hinab. Und nun das Gegeubild: wie blühte das Reich
einst, als noch ein Fürst war, und ein Volk, ihm unterthau'),
als im Innern Gesetz und Frieden herrschten, die Kirche durch
Concilien, Predigt und Schule sittlichend wirkte, nach aussen
aber die Macht des Reiches in der Besiegung und Bekehrung
der Heiden sich kundthat : berühmt war da in der ganzen Welt
das Volk der Franken, bis zu ihren äussersten Grenzen drang
da der Ruf ihrer Tugenden. Die Barbaren, die Griechen und
Latium selbst schickten zu ihm ihre Gesandten. Vor ihm wich
zurück das Romulische Volk und der Reiche Mutter, die
berühmte Roma. Die Krone des Weltreichs wurde dem Fürst
der Franken. — Aber jetzt in dem dreigetheilten Reiche kann
niemand ganz für den Imperator gelten-): jrro 7X'fje est fegulus,
pro reijno fragmina reg?ii! — Es folgt hierauf gleichsam ein
zweiter, schwächerer Abschnitt, worin der Dichter auch mehr
den Theologen herauskehrt: er erwähnt hier zuerst furchtbare
Himmelserscheinungen, eine Sonnenfinsterniss und Kometen,
die den Bürgerkrieg anzeigten, und glaubt, dass die Ver-
kündigungen der Propheten Ezechiel und Arnos sich an seiner
Zeit erfüllen werden, wo Christus keinen Platz finde, sein
Haupt hinzulegen. Ein Gebet an Gott, der alles Uebel der
Welt den Menschen zur Läuterung gereichen lassen möge,
schliesst das Gedicht, welches in manchem schwungvollen Verse
auch — was damals selten — eine patriotische Gesinnung zeigt.
Nach diesem Gedichte fesselt am meisten eins der an
Modo in gerichteten; es steht in merkwürdigem Gegensatze
zu zwei andern, in welchen Florus den Bischof von Autun als
Gelehrten und christlichen Dichter preist, und ihm seinen Dank
sagt für poetische Episteln, die er ihm gesandt. In dem einen'')
dieser beiden Gedichte wird die christliche Muse der heid-
nischen gegenübergestellt, das Wasser des Jordan dem casta-
lischen Quell, Christi siegreiche Palmen und Friede bringende
Oelzweige dem Lorbeer Apollo's, dem Parnass der Sion, Kar-
1) Floruit egregium claro diademate regnum:
Princeps unus erat, i^opulus quoque subditus unus.
2) Et regnura unitum concidit sorte triformi;
Induperator ibi prorsus iam nemo putatur.
3) Bei G. Fabricius 1. 1. p. 730 f.
Gedichte. 271
mel, Sinai, und des Hiob, David, Salomo als Vorbilder ge-
dacht. Das erst erwähnte Gedicht >) enthält dagegen die hef-
tigste Anklage gegen den von dem Dichter sonst so hoch
geschätzten Bischof. Hier spricht Florus aber nicht sowohl im
eigenen Interesse, denn als zorniger Anwalt der Kirche von
Lyon. Modoin, der bei Ludwig dem Frommen in hohem An-
sehen stand, hatte, wahrscheinlich als Missus, den niedern
Klerus der Diöcese von Lyon vor das weltliche Forum ge-
zogen. Und doch war Modoin in der Kirche von Lyon er-
zogen worden, die seine „Nährmutter" {nutriciilu) war. 2) Diese
selbst führt der Dichter unter dem Bilde einer Henne, die mit
ihren Flügeln die fromme Bnit schützt, ein, um ihre „alten
Eechte" auf den eigenen Gerichtsstand gegen Modoin zu ver-
theidigen, der sie und ihre Jungen wie ein Kaubvogel bedroht.
Trotz des leidenschaftlichen Angriffs, dem oft ein kraftvoller
Ausdruck gegeben ist, spricht Florus doch am Schlüsse die
Hoffnung aus, dass Modoin keinen Groll darum gegen ihn
hegen Averde, da die Wunden frommer Liebe immer besser
wären, als ein falscher Kuss. — Dies Gedicht (gegen 160 V.)
ist, wie die beiden andern an Modoin gerichteten, in Distichen
verfasst.
Ausser noch ein paar epistolographischen Gedichten in
demselben Versmass, wovon das an den Grammatiker von
Orleans, Wulfinus, der hiernach auch ein Poet war, formell
anziehend ist^), besitzen wir von Florus noch eine Anzahl
geistlicher Gedichte verschiedener Art. So einmal zwei
1) Bei Migne 1. 1. p. 253 iF.: De ininsta vexatione ecclesiae Lugdu-
nensis. S. zur Erklärung Maassen, Ein Commentar des Florus von Lyon
zu einigen der sogen. Sirmondschen Constitutionen. Sitzungsberichte der
Wiener Akad. Phil. hist. Gl. Bd. XCII.
2) So sagt hier die als Henne dargestellte Kirche Lyons :
0 tili Moduine, tibi (nam pignus et ipse
Es nostrum, nostro fotus et in gremio)
Und später: Agnoscisne, rogo, venerandae aenigmata matris.
3) Bei Fabricius 1. 1. p. 733. Hier wird auch die schöne Schrift des
Wulfin sinnig gerühmt:
Annuus excurrit revolutis mensibus orbis,
Quod tua vox nostris auribus insonuit,
Tarn nitidis chartis, tarn claris culta figuris.
üt specimen cordis pagina pulchra daret. —
Im neunten Distichon ist offenbar vestrae statt nostrae zu lesen.
272 Floriis, Gedichte.
Gedichte auf Evangelien, das eine auf das des Matthäus, das
andre auf das des Johannes, worin der Inhalt derselben in drei-
zeiligen Strophen von Hexametern — und diese Form ist eigen-
thümlich — kurz augezeigt wird; ihnen reiht sich auch ein
längeres Gedicht in Hexametern an, welches als „Epigramma",
d. h. hier poetisches Vorwort, für ein Homilienbuch des ganzen
Jahres verfasst ist: darin werden alle kirchlichen Festtage
vorgeführt und begründet. Ferner finden sich unter diesen
Poesien Lobgesänge, so ein unvollendeter auf die Thaten {(jesta)
Christi, der im Versmass wie in der Darstellung an die Ge-
dichte auf die Evangelien sich anschliesst, und einer auf Christus
als Schöpfer und Regierer der Welt, auch in Hexametern^),
der manchen schönen Vers enthält. Auch Hymnen für be-
stimmte kirchliche Feste hat Florus verfasst, so in Distichen
für das des Erzengels Michael'^), und auf den „ Geburtstag " der
Märtyrer Johannes und Paulus, die Julian hinrichten Hess ; des
Todes, den er zur Strafe dafür erlitt, wird hier ausführlich
gedacht. 3) Auch ein dem Agobard fälschlich beigelegtes Ge-
dicht in phaläcischen Hendecasyllabi auf die Translation der
Reliquien des Cyprian, Speratus und Pantaleon nach Lyon ist
allem Anscheine nach ein Werk des Florus. 4) Noch erwähne
ich eine recht hübsche wohl gelungene Uebertragung der Psal-
men XXn und XXVI, sowie des Lieds der drei Knaben im
feurigen Ofen in lateinische Hexameter, und eine Bearbeitung
des XXVII. Psalms in dem Ambrosianischen Metrum. In
Sprache und Vers erheben sich überall des Florus Poesien
über die meisten seiner Zeitgenossen, und einzelne Stellen und
Gedichte zeigen von wirklich poetischer Begabung und einer
damals nicht gewöhnlichen ästhetischen Bildung.
1) Abernicht in Strophen, wohl aber in Abschnitten von verschiedener
Yerszahl, ähnlich den französischen Tiraden, indem jeder derselben ein-
geleitet wird durch die beiden Anfangsverse:
0 virtus aeterna Dei, quam machina mundi
Suscipit auctorem, cid servit terra polusque.
2) Bei Fabricius 1. 1. p. 728 f.
3) Bei Migne No. III. — Diese Märtyrer spielen auch in den Mysterien
des Mittelalters eine Rolle.
4) Wie auch Dümmler meint, a. a. 0. S. 298. — Von Agobards Autor-
schaft kann gar keine Rede sein.
Audrad, Liber revelationum. 273
Von einem andern angesehenen Geistlichen Westfraucieus
in jener Zeit, einem Freunde Hincmars, besitzen wir auch ein
paar Dichtungen, von welchen wenigstens die eine ein eigen-
thümliches literarhistorisches Interesse bietet. Es ist Audradus,
Modicus beigeuanntO, der 843 Chorbischof von Sens wurde,
849 aber die Würde verlor, da dieses Amt überhaupt auf-
gehoben wurde. Ausser seinen Dichtungen hat Audrad auch
ein prosaisches Werk, einen Liber 7'evelatiom/m verfasst, von
dem sich aber bloss einige Kapitel, und zum Theil nur frag-
mentarisch, erhalten haben.-) Diese Enthüllungen sind Visio-
nen — die der Verfasser gehabt haben will — in welchen der
„Herr" selbst ihm erscheint. Sie dienen kirchlichen Zwecken
und haben sogar eine ganz actuelle Bedeutung. In der
einen (c. 8 und 9) zieht der „Herr" Ludwig den Frommen zur
Rechenschaft, wegen der unter seinen Söhnen gestifteten Zwie-
tracht, unter welcher die Gläubigen litten; billigt aber die Er-
hebung Karls des Kahlen auf Kosten Lothars, und ermahnt
dann jenen, sowie Ludwig den Deutschen und den Sohn
Lothars, den König Ludwig von Italien, die Kirchen in den
alten Stand wieder herzustellen und den Klöstern die ihnen
zukommenden Vorsteher zu geben ^), und ihre Beraubung und
Vergewaltigung allen seinen Unterthanen zu verwehren. Und
unter den drei Königen soll ein ewiger Friede sein. Statt die
Waffen gegen einander zu kehren, werden sie auf die Be-
siegung der Ungläubigen und die Eroberung von deren Ge-
bieten gewiesen, indem einem jeden ein „Kirchenfürst" als
Führer zuertheilt wird, Karl dem Kahlen der heil. Martin,
1) Excerpta libri i'evelationum , quae Audi-adus Modicus scripsit. In:
Du Chesne, Historiae Francor. Scriptores. Tom. IL Paris 1636. p. 390 f.
— Hincmari Opusculum de fönte vitae, ex ms. cod. Abbatiae Floreffiensis.
Leyden 1692. In: Veteriun aliquot Galliae ed Belgii scriptor. opuscula
Sacra, numquam edita etc. (von Gas. Oudin herausgeg. , der das Gedicht
fälschlich Hincmar beilegt.) Histoire litteraire de la France, Tom. V,
p. 131 fl'. — Dümmler, N. A. S. 295 f.
2) Cap. 8, 9, 15, 18, 24. Die Handschrift, welche Sirmond gehörte, ist
verschollen.
3) et ecclesias meas restitueris in statum suum quo ordinavi eas,
et unicuique ordini congi'uum suae religionis restitueris caput (dies Gebot
ist wohl gegen die weltlichen Achte gerichteti et ordini unicuique propriam
legem tenere feceris.
Ebbst, Literatur des Mittelalters II. tS
274 Audrad.
Ludwig dem Deutschen St. Paul und dem König von Italien
der heil. Petrus. Karl wird dabei zugleich noch prophezeit,
dass er wegen des Unheils, das die Kirche durch seine Schuld
betroflFen, im folgenden Jahre im Feldzuge in der Bretagne
von seinen Feinden entehrt werden würde, obwohl er mit dem
Leben davon komme. — Es ist hier die Niederlage vom 22.
und 23. August 851 gemeint, welche schliesslich zu einer
schimpflichen heimlichen Flucht des Königs führte.') — Eine
andre Vision, von der hier erzählt wird (c. 15), hatte Audrad
i. J. 853 sogar auf sein Gebet und nach dem Wunsche seines
Erzbischofs, um die Ernennung eines beiden antipathischen
Klerikers zum Bischof von Chartres durch den König rück-
gängig zu machen : Audrad Hess den ihm erscheinenden „ Herrn "
den Tag seiner Ordination verfluchen. Aber Karl der Kahle
Hess sich hierdurch um so weniger einschüchtern, als er schon
die frühere Vision selbst für eine Lüge gehalten. Dafür wird
er freilich nach des Verfassers Meinung durch einen danach
erfolgenden Normanneneinfall bestraft.
Die originellere der beiden Dichtungen des Audradus wird
in diesem Buche (c. 18) erwähnt, ist also früher als dasselbe
verfasst worden. Sie hat, wie wir hier authentisch erfahren,
den Titel : De fönte vitae , und zählt 404 Hexameter. Sie ist
an Hincmar gerichtet: er hat den Dichter, seinen theuern
Freund, wie auch andere — allem Anseheine nach durch ein
Gedicht — aufgefordert, die Quelle des Lebens aufzusuchen,
die ihm selbst lebendigen Trunk bot. Dieser Aufforderung
folgte der Dichter; aber er kann nicht zu der Quelle dringen;
es wird schon Abend, da betet er mit Thränen in den Augen
zum „Herrn", seinen Durst löschen zu dürfen. Da antwortet
ihm eine SHmme — des „ Ursprungs der Lebensquelle " — : kein
Sterblicher erhält einen Trunk der Quelle ohne ein Gefäss —
dessen Grösse und Gestalt hier beschrieben wird, wobei die
Siebenzahl eine Hauptrolle spielt.-) Ein solches Gefäss soll
sich der Dichter zu Haus holen; wenn er es aber nicht be-
sitzt, an einen Jüngling sich wenden, der die Quelle besucht
1) S. darüber Dümmler, Gesch. d. ostfränk. Reichs Bd. I, S. 333.
2) Scilicet ut calamis septenis surgat ab imo,
Erigat et siimmum distinguens ansa cacumen,
Ora quidem totidem colli de vertice flagrent. v. 42 ff.
De fönte vitae. 275
und aus ihr Libationen darbringt. Dieser soll ihm das Gefäss
aus Thon bilden'), und ihm erklären, warum Ostern in den
Vollmond — nach der Frühlingsnachtgleiehe — fällt, so dass
di*ei mal sieben Tage die Ostergrenze bilden, was diese Zahl
und der Mond bedeuten. Der Jüngling nimmt den Dichter in
seine Wohnung bei der Quelle auf, und den andern Morgen
beginnt er ein Lied „ von der ewigen Quelle, der Pascha-Ziflfer
und Stunde".-) Der Jüngling singt zuerst von der Schöpfung,
dem ersten Verbot, der Uebertretung desselben, dem Ausschluss
der Erzeitern von dem Paradiese und der Lebensquelle. —
Gott ruft den Menschen zu ihr zurück, welche sieben Palmen
von unvergänglicher Frucht umgeben; zurückgekehrt soll er
reuevoll um Verzeihung flehen, und mit Gelübden fromme
Becher des Quells und Erlösung durch die Frucht der Palme
von den Banden der Sünde erbitten. Aber der Mensch folgt
dem Herrn des Todes zu der „tödtlichen" Quelle^), welcher
Bilder von sich machen und als Gott sich verehren lässt. — Gott
sendet darauf seine Propheten dem im Götzendienste befangenen :
sie tranken aus der Quelle, aber die Frucht der Palme kostete
keiner und konnte nicht die Sündenbande lösen. Nun erscheint
der Sohn Gottes, er ist selbst die Quelle des Lebens, wie er
selbst verkündet; von ihm und dem Vater geht der heilige
Geist aus, welchen mit seiner vielfachen Gabe die sieben
1) Wie er dabei zu verfahren hat, ■wii-d hier im einzelnen beschrieben.
An Christus als fignlus ist hier wohl gedacht, obgleich der Jüngling hier
nicht selbst Christus sein kann. Vgl. über dieses BUd Bd. I, S. 3S1 u. 499.
2) Incipe nunc mecum, coelestis gratia, carmen
Aeterni fontis, ciphri paschalis et horae. v. 53 f.
Im Hinblick auf Ecl. VllI des Virgil, v. 21 : Incipe Maenalios mecum, mea
tibia, versus. Wie dieser Vers hier bei jedem Absatz refrainartig wieder-
holt wird, so auch die beiden Verse des Audrad bei den allerdings längeren
Absätzen des Liedes. — Von der hora ist indess nicht speciell die Rede.
3) Sed mortis dominum letaU fönte secutus
Excepit dignas tanto pro crimine poenas. v. 1 1 1 f.
Dann heisst es :
Hostis ut agnovit revocari (hominem) carmine (Dei) victum,
Fraude dolos acuit, figitque cacumine culmi
Mortiferum pomiun, nexit calamoque draconem,
Extulit et virga signum pomo colubroque
Ante patrem prolemque suam
18*
976 Audrad, Passio Juliani. ' '■■•... "^x ^ , v
^ ' \ •/.,.. \
Palmen bezeichnen. ') Der Teufel, der Chiisti Rede vernommen, ; /'
rühmt sich seiner Macht, die sich auf die 'ErlisürKiee gründet;-.-"
er ruft den Tod, seinen Freund und Genossen, "~^"ir Hülfe.
Dieser fordert ihn auf, sein Banner zu erheben, er selbst will
den Leib Christi von der Seele trennen und ihrer mag sich
dann der Teufel bemächtigen. Aber die Fahne Christi siegt,
er tödtet den Tod, er erstürmt die Hölle. Triumphirend er-
hebt er sich am dritten Tage von den Schatten. So weihte
er 'das Pascha. — Nun wird die Mystik der Mondphasen vor
Ostern erklärt. Der Neumond ist das Bild des ganz auf das
Irdische gerichteten Menschen, die beiden Wochen vor dem
Vollmond aber sind die Christus vorausgehenden Zeiten, die
erste die Zeit vor dem Gesetz, die andre die unter dem Ge-
setz. — — Nach einem kurzen Rückblick schliesst dann der
Jüngling sein Lied mit einer Ermahnung Audrads, die das
Gedicht selbst beendet.
Die andre, noch ungedruckte Dichtung des Audrad ist ein
umfangreicheres Werk. Es ist die Fassio beatorum Juliani et
socionim eins, welche gegen 1100 Verse zählt. 2) Sie zerfällt
in vier Bücher, von denen das erste, kürzeste, in Distichen,
die drei andern in Hexametern verfasst sind. Dieser Julian
ist der auch schon von Aldhelm^) gefeierte, welcher im Orient,
in Aegypten oder Syrien (Alexandria oder Antiochien) unter
Diocletian und Maximian den Märtyrertod erlitt. Als sein Natalis
wird der 8. oder 6. Januar — von unserm Dichter der letztere
— bezeichnet. Julian, von vornehmer Herkunft, wurde schon
frühe von den Eltern mit einem Mädchen von angesehener
Familie, Basilissa, vermählt; beide aber kamen überein, ihre
Jungfräulichkeit zu bewahren; als ihre Eltern gestorben, ver-
wandten sie ihr grosses Vermögen zur Gründung von Klöstern
für Männer und Frauen, von Avelchen nach der Legende tau-
sende ihrem Rufe folgten. Sie wurden wie die beiden Hei-
ligen selbst zu Märtyrern.
1) Wohl im Hinblick auf Apocal. c. 4, v. 5: et Septem lampades arden-
tes ante thronum, qui sunt septem spiritus Dei.
2) S. über die Handschrift (von der ich nur eine flüchtige Einsicht
nehmen konnte) Dümmler S. 296. — Die Legende findet sich Acta SS.
Boll. 9. Jan. T. I, p. 575 ff.
3) De laudibus virginitatis c. 26 und De laudibus virginum ed. Giles
p. 170 ff. S. auch Bd. I, S. 588.
Va
1 er 1
Milo, Leben. 277
VIERZEHNTES KAPITEL.
MILO. HEIRIC.
Noch zwei Poeten haben sich in Westfrancien ausgezeich-
net, da sie bei den Zeitgenossen, zum Theil selbst in der
Folgezeit viel Anerkennung fanden; beide waren zugleich als
Lehrer, Gelehrte, ja Philosophen angesehen. Der ältere ist
Milo ^), Mönch des Klosters Elnon oder St. Amand bei Tournai,
das durch die handschriftlichen Schätze, die es uns aufbe-
wahrte, noch heute einen Namen hat. Er war Schüler eines
gelehrten Mönches von St. Vaast bei Arras, Haimin, welcher
selbst ein Schüler des Alcuin gewesen war, und auch als geist-
licher Schriftsteller sich versucht hat, indem er die "Wunder
des Gründers seines Klosters erzählte. — Milo hatte schon in
jugendlichem Alter die Kutte genommen; später wurde er
Presbyter.-) Er war ein Mann von sehr umfassender Bildung'^)
und vielseitigem Talent, denn auch den Künsten scheint er
gehuldigt zu haben^): so wurde ihm die Erziehung von zwei
Söhnen Karls des Kahlen, Pippin und Drogo, in seinem Klo-
ster anvertraut; für die früh verstorbenen hat er ein gefühl-
volles Epitaphium verfasst; so war er es auch, welchem Huc-
bald, sein Neffe, der später durch seine Gelehrsamkeit, und
1) Acta Sanctor. BoUand. ed. Henschen 6. Febr. T. I. (die Vita Amandi).
— Desplanque, Etüde siir un poeme inedit de Milon, moine de St. Amand
d'Elnon. (Extrait des mem. de la societe des sciences etc. de Lille.) LUle
1872. (Enthält zugleich das Gedicht De sobrietate selbst.) — Histoire
litteraire de la France. Tom. V, p. 409 flf. — Dümmler, N. A. S. 521.
2) Dies erfahren wir aus seinem Gedicht De sobrietate 1. n, v. 916:
Post etiam sumptam iuvenili aetate cucullam — — und v. 921 : Jusque
ministerii sacris altaribus apti — indignus sumpsi.
3) So wird er wiederholt in den Quellen als phüosophus oder sophus
bezeichnet, wie in den Annal. Elnonens. maior. und in seinem Epitaphium.
4) Für eine musikab'sche Kenntniss spricht wohl dass er der Lehrer
Hucbalds war, vielleicht auch etwas die Aufzählung der verschiedenen In-
strumente in seinem Carm. de sobriet. (s. weiter unten die Stelle). Was
die bildende Kunst betrifft, so führt man die Ausschmückung von ein
paar Mss. seiner Vita S. Amandi auf ihn zurück; auch hat er zwei sehr
künstliche Bildergedichte Karl dem Kahlen gewidmet.
278 Milo.
Damentlich auch durch seine musikalische Kenntniss, berühmt
ward, seine erste Ausbildung verdankte. Er starb 872. i)
Milo hat zwei grössere poetische Werke verfasst, das eine
in jungen Jahren^) um die Mitte des Jahrhunderts^), das andre
nicht lange vor seinem Tode. Das erstere ist die Vita S.
Amandi, des Gründers des Klosters Elnon, in 1800 Hexametern,
welche in der Hauptsache durchaus der Bd. I, S. 579 erwähn-
ten ältesten prosaischen des Baudemund folgt, die übrigens
auch durch Milo eine Ergänzung in Prosa erhielt.^) Die Dich-
tung ist, wie ein hübsches Proömium in Distichen zeigt, auf
Anregung der Klosterbrüder geschrieben und zum Festtag des
Heiligen von Milo als seine Gabe demselben dargebracht. Sie
ist seinem Lehrer Haimin^) gewidmet, der in der Antwort auf
Milo's Zuschrift sie bestens empfiehlt, da sie weder gegen den
Glauben, noch gegen die Gesetze der Metrik Verstösse, und
den Autor über die von ihm besorgte neidische Kritik beruhigt.
Der Gegenstand der Dichtung ist durchaus nicht un-
interessant, denn der h. Amandus war ja, wie wir früher schon
bemerkten, in der That ein bedeutender Missionar des siebenten
Jahrhunderts, und wirkte in sehr verschiedenen, weit ent-
fernten Ländern, was einer poetischen Darstellung wohl zu
gute kommen musste. Und wenn auch Milo dies Moment
nicht wahrhaft auszubeuten verstand, so zieht doch diese
metrische Vita noch immer mehr als viele andre an. Sie ist
in vier Bücher getheilt, von denen das erste, nachdem ein-
leitend der Heilige als ein Nachfolger der Apostel charakteri-
sirt worden, seine Herkunft, sein jugendliches anachoretisches
Leben auf einer Insel, seinen Eintritt in den geistlichen Stand,
und seine erste Romfahrt, auf welcher sein Missionarberuf ihm
zum Bewusstsein kam, schildert; das zweite erzählt, wie
er zum Missionsbischof geweiht, zunächst in seiner Heimath
Gallien wirkt, zum zweiten Male nach Rom zieht, und darauf
1) Nach dem Necrolog. Elnon., während die Annal. Elnon. 871 geben.
2) So sagt der Dichter selbst, Vita S. Amandi 1. I, c. 3, §. 15 : Aptum
opus ut iuvenis iuvenem laudai'e mererer.
3) S. Dümmler S. 523.
4) So heisst es in seinem Epitaph: — et sanctum pulchre depinxit
Amandum, Floribus exornans. metro prosaque venustans etc.
5) S. über diesen Histoire litter. de la France T. IV, p. 515 fif.
Tita Amandi. 279
im Gau von Gent erfolgreich predigt, wobei denn auch (c. 12)
seines Freundes und Nachfolgers dort, des h. Bavo mit hohem
Lobe gedacht wird; das dritte Buch enthält seinen Zug zu
den Slaven der Donau, seine Verbannung durch König Da-
gobert und die ehrenvolle Rückberufung nach Gallien, dann
noch sein kurzes Mastrichter Episcopat, das er in Folge des
Widerstands des Klerus aufgibt, um auf eine Insel der Scheide
sich zurückzuziehen; das vierte Buch endlich berichtet, wie
Amandus den Basken das Evangelium verkündet, dann nach
Gallien zurückgekehrt, Klöster gründet und manche Heilungen
vollbringt, und in Elnou, das jetzt sein Hauptsitz war, seinen
Tod und sein Grab findet. Einzelne Wundererzählungen finden
sich auch in den andern Büchern zerstreut, zum Theil als
längere Episoden.
Die Eintheilung des Stoffes in die vier Bücher (welche
wieder in Kapitel zerfallen) ist zunächst nur zur Erleichterung
der Mühe des Schreibers wie des Lesers gemacht, wie der
Verfasser selbst im Eingang des zweiten Buches sagt; im An-
fang des vierten macht er freilich nachträglich einen tieferen
Grund geltend, die Bücher sollen den vier Evangelien ent-
sprechen. Eine gewisse Gliederung des Stoffes aber hat er in
der That damit erreicht, zumal er jedem Buch eine einleitende
Betrachtung voraussendet. Die Rücksicht, die Milo bei der
Eintheilung auf ein grösseres Publikum nahm, sollte auch in
seinem Stile massgebend sein: nicht für die Gelehrten, die
„Magister" will er hier schreiben, sondern allen Mönchen ver-
ständlich sein, deshalb hat er, wie er in der Widmung sagt^J,
schwierigere Constructionen, die er wohl auch hätte machen
können, vermieden. Dies gereicht nun in der That seiner
Dichtung zum entschiedenen Vortheil im Gegensatz zu andern
solchen Heiligenleben jener Tage, von welchen wir sogleich
eins vorführen werden. Die Diction ist im allgemeinen ein-
fach, natürlich, leicht verständlich, ungezwungen und frei von
Schwulst, auch im Ganzen wie auch der Vers correct, so dass
von der „Rusticität", die der Verfasser in der Widmung ent-
schuldigt, vom Standpunkte jener Zeit nichts zu bemerken ist.
Milo weiss auch die Darstellung durch Mittel der Kunst zu
1) Vgl. auch im Eingang des 2. Buchs: Non opus hoc orbis recitan-
diun mitto magistris etc.
280 Milo.
beleben, nicht bloss durch Apostrophen — womit er oft nur
allzu verschwenderisch verfährt, wie namentlich im zweiten
Buche, und durch Vergleiche, die desto seltener sind, sondern
auch durch ausführlichere Schilderungen, wie die Begegnung
mit der Schlange (1. I, c. 2), der Sturm auf dem Meere (1. II,
c. 8) und das Lob Elnons'), das ebenso reich an materiellen,
wie an sittlichen Gütern erscheint (1. IV, c. 4). In solchen Schil-
derungen ist, wie auch sonst, leicht der gelehrige Schüler des
Virgil zu erkennen. Doch kann auch Milo nicht unterlassen,
auf die unnütze Eitelkeit der antiken Poesie hinzuweisen und
den Stoflf seines Werks über den der Aeneis zu erheben. 2)
Dieser Ansicht pflichtet auch ganz bei eine der Dichtung Milo's
beigefügte poetische Empfehlung eines seiner Mitschüler bei
Haimin, Wulfaius, welche zugleich zeigt, welchen Beifall das
Werk bei den angesehensten Geistlichen zu seiner Zeit fand.
— In formeller Beziehung ist noch bemerkenswerth, dass Milo
mitunter die Alliteration als poetischen Schmuck verwendet,
und selbst in einer ganz übertreibenden Weise. 3)
Die andre Dichtung Milo's, die er, nachdem er schon
1) Elnon hiess das Kloster, welches später nach seinem Schutzheiligen
St. Amand vorzugsweise genannt wurde , nach einem Flüsschen , an dem
es lag, wie hier auch gesagt wird §. 12: Locus est de flumine dictus.
2) S. das Prooem. v. 21 ff. und 1. II, c. 1, §. 1.
3) Die aber recht zeigt, dass auch an den andern Stellen die Allite-
ration kein Werk des Zufalls ist. Beispiele der Uebertreibung finden sich
namentlich 1. I, c. 1, so v. 14 ff. ;
Pastores pecorum primi pressique pavore
Conspicuos cives caiToen caeleste canentes
Audivere astris arrectis auribus: auctor
Ad terras etc.
Hier findet sich also auch die vocalische Alliteration; beachtenswerth ist
dass der Vers, der auf den letzten der alliterirten folgt, im Eingang alle-
mal noch die Alliteration anschlägt. Gewöhnlich beschränkt sich aber die
Alliteration an einer Stelle nur auf einen Vers, und zeigt sich nicht wie
oben bei mehreren hinter einander, z. B. 1. II, c. 1, v. 20:
Petrus piscator populos piscando poetis
Praefertur cunctis etc.
"Wie diese metrische Spielerei bei Milo's Schüler, Hucbald eine Nach-
ahmung bis zur lächerlichsten Extravaganz fand , wird man im folgenden
Bande sehen.
De sobrietate. 281
länger der poetischen Production entsagt '), verfasst hat, ist ein
weit selbständigeres Werk didactischer Natur: De sobrietate-),
welches zwei Bücher nmfasst, von denen das erste 982, das
zweite 1096 Hexameter zählt; ein jedes ist zugleich in eine
grössere Zahl Kapitel getheilt. Dem Werke gehen zwei Wid-
mungen an Karl den Kahlen voraus, die eine in 38 Hexametern
von dem Dichter selbst, worin er von dem erlauchtesten „Kö-
nige " nach dem Beispiele der Poeten des Alterthums Lohn für
seine Dichtung erhofft; die andre Widmung in 30 Distichen ist
an den „Kaiser" gerichtet — also nach 875 verfasst — , und
zwar von Hucbald, der den ihm von seinem sterbenden Oheim
gewordenen Auftrag vollziehend, Karl das Gedicht tibergibt.
Der Dichter beginnt sein Werk damit, dass er die äussere
Veranlassung desselben erzählt. Tief ergriff ihn eines Tags
beim Gottesdienst der Vesper der Gesang des 136. Psalms:
„Super flumina Babylonis", indem er, denselben bei sich alle-
gorisch auslegend, in den aus dem gelobten Lande exilirten
Juden die aus dem Paradiese verbannte Menschheit sieht, die
ihr Schicksal, wie jene, beweinen müsse. Ein solches Klage-
lied beschloss er zu dichten, das aber ihn und andre bessern
soll (v. 32 ff.). Nach Schilderung des Tempels Salomo's, nach
dem die Sehnsucht der Juden sich richtet, führt der Dichter
die allegorische Erklärung weiter : ihm ist Nebucadnezar Satan
selbst und sein grausamer Feldherr Nebuzardan — der „Koch",
da er die heiligen Gefässe des Tempels als Kochtöpfe ver-
wandte, — die Gastrimargia, durch die schon das Erzeltern-
paar verführt ward. Babylon aber bezeichnet unser Sünden-
wirrsaP). Der Dichter will dann (v. 126) die „Ehre" der
1) So heisst es 1. 11, v. 964 f.:
Hinc me desuetis repetentem carmina rithmis
Musa sagax olim, iara nunc ignava tepescens,
Ammonuit etc.
2) So sagt der Dichter selbst 1. II, v. 10S6: Qui scripsi geminos de
sobrietate libeUos; während die Ueberschrift in der ältesten Handschrift,
vom nennten Jahrhundert, den wunderlichen Staatstitel, so zu sagen, bietet :
Utilia tela sacrae parcitatis Adversus coquum Babylonis De di^inae scrip-
turae pharetris Educta, studio Milonis Coenobitae Amandi abni Ac beati
Christi praesulis. Dieser Titel wird sich aus unsrer Inhaltsanalyse erklären.
3) Quod Babylon signat, scelerum confusio nostra est 1. I, v. 81. Auf
Grund von Genes, c. 11, v. 9.
282 Milo.
Sobrietas und wie verdammlich das gegentheilige Laster ist,
vom Anfange der Welt an aus der alttestamentliehen Geschichte
zeigen. Er gedenkt zunächst des Sündenfalls; noch während
der Sündfluth erscheint die Gastrimargia wieder in dem Raben,
der von Noah ausgesandt nicht zurückkehrt, durch den Frass
des Aases aufgehalten. Der Patriarch selbst huldigt der So-
brietas nur so lange, als er in der Arche verweilt. Auch Loth
fällt durch seine Trunkenheit; die Gefrässigkeit lässt Esau sein
Erstgeburtrecht verkaufen. Das jüdische Volk, durch die Wach-
teln in der Wüste wohl genährt, betet das goldene Kalb an.
Als Vorbilder der Sobrietas erscheinen dagegen Samson, der
dem Löwenrachen den Honig entnimmt, Elias, Elisaeus, Daniel,
Judith — deren Geschichte ausführlich erzählt wird (v. 331 ff.)
— Esther, die sieben Maccabäer.
Tugend und Laster haben immer von Anfang an neben
einander bestanden (v. 431), und ihre Vertreter mit einander
gekämpft, wie dies der Dichter auch durch Beispiele des Alten
Testaments beweist. Die soll sich der Leser einprägen, und
gegen die Augriffe der Schlange sich rüsten durch die „ Schuhe
der Väter ", die Schilde von dem Thurme Davids, den Harnisch
der Gerechtigkeit, den Helm des Heiles. — Der Thurm aber,
der zum Himmel führt, dessen Fundament Christus ist (nach
Epist. I ad Corinth. c. 3, v. 10 ff.) muss mit den drei theolo-
gischen Tugenden erbaut werden (v. 551 ff.); dagegen sind die
drei Hauptlaster Invidia, Superbia, Avaritia zu fliehen, die
auch wieder durch biblische Beispiele illustrirt werden. Ihre
Gegenmittel sind: die Nächstenliebe, die Demuth, das Almosen-
geben. Bei der Avaritia, welche die meisten verdirbt, Könige
wie Kleriker, und die grösste Nachkommenschaft andrer Laster
hat, verweilt der Dichter länger (746 ff.). Um uns gegen sie
und die ihrigen zu schützen, sollen wir nichts über das, was
die Noth dürft verlangt, suchen, alles andre den Armen geben
und so einen Schatz im Himmel sammeln. Denn die jüngste
Zeit ist nicht mehr fern. Und doch wird die Predigt wenig
gepflegt und auch wenig begehrt (v. 880 ff.). Der Dichter kehrt
dann am Ende des ersten Buchs zur Sobrietas zurück; sie
vermag den Teufel zu besiegen, wie der Speichel eines Nüch-
ternen das Schlangengift zerstört.
Während nun der Autor in dem eben betrachteten Buche
die Vorbilder der von ihm verherrlichten Tugend dem Alten
De sobrietate. 283
Testament eutuahm, so in dem zweiten dem Neuen. Es be-
ginnt mit dem Lobe der Jungfrau Maria, zumal die Sobrietas
auch die Pudicitia in sich schliesst 's. y. S6); Maria, der hier
schon die verschiedensten Prädicate aus dem Pflanzen- und
Steinreiche gegeben werden i), übertraf an Glauben Abraham,
an Muth Daniel. Es folgt die wie die Turteltaube keusche
"Wittwe Anna, die eben deshalb die Gabe der Weissagung be-
sass ; dann Johannes der Täufer : der Dichter widmet ein ganzes
langes Kapitel (v. 117 tf.) seiner Passion, in deren Schilderung
er seine glänzendsten Farben verwendet. 2) (Hieran schliesst
sich eine heftige Diatribe gegen die Weiberliebe.) — Christus
selbst zeigt den rechten Weg, indem er den Versucher über-
wand; durch seine Hülfe können wir ihn auch besiegen. Der
Dichter warnt dann vor der Gefrässigkeit und besonders vor
der Trunkenheit, von deren Folgen er ein lebendiges, bis zum
Widerwärtigen abschreckendes Bild entwirft (v. 315 ff.). Die
Sobrietas dagegen geleitet uns zum Paradies; sie müssen wir
zur Lehrerin nehmen, die unter den vier Cardinaltugenden
selbst die Meisterin ist, indem sie die drei andern vor jedem
Zuviel bewahrt, so dass die Klugheit nicht zur Sectirerei, die
Gerechtigkeit nicht zur Strenge, die Tapferkeit nicht zur Grau-
samkeit verfuhrt wird (v. 441 ff.). Christus gab selbst das Bei-
spiel der Massigkeit, als er seine Menschennatur bewies; mit
dem Vater uns versöhnend, ist er unser „Friede". 0 Nur um
1) Cednis, cj-pressus. platanus. mix, myrtus. oliva,
Myrra , storax , calamus , thus , balsama , cassia , nardus,
Onyx, cristallus, prasius, berillus, iaspis. v. 9 ff.
Später, V. -14, heisst sie noch: Margarita micans , praecellens unio gemmas.
2) In der Beschreibung des üppigen Mahles des Herodes -«-ird denn
auch der verschiedenen Musikinstrumente gedacht, v. 161:
Ebrietas, hixus, petulantia. lusus inanis.
Earpa. lirae, citharae. psalteria, fistula, musae,
Cimbala, sambucae, simphonia, timpana, sistra.
Organicumque melos aptabat fib'a mortis,
Vipera vipereo saltatrix germine creta.
Sibilat ut serpens, ut regulus ore volucrem
Sorbeat, ad caput haec tendit fera bestia vatis etc.
3) Pax dessen drei Buchstaben die Dreieinigkeit bezeichnen: ../'
patrem", ^A genitum, quod Graecus nominat Alfa", „A' duplex, ab
utroque venit quia Spiritus ahnus.'* v. 5 14 ff.
284 Milo, De sobrictate.
Brod, Fisch und Ei sollen wir bitten, das erstere bedeutet die
Caritas, das zweite den Glauben, das dritte die Hoffnung.
Der Dichter wendet sich dann zu den Gefallenen und er-
mahnt sie durch Reue und Schuldbekenntniss sich wieder zu
erheben (v. 552 ff.), indem er auf des Petrus Beispiel verweist
und ausführlich auf die Parabel von dem verlorenen Sohne
eingeht. Es folgt — unvermittelt — ein Lob der Schamhaf-
tigkeit oder vielmehr der Jungfräulichkeit, von der Maria das
Vorbild ist. Leider ist die Jungfräulichkeit zum Himmel ent-
flohen, und „Hess nur seltene Spuren ihres Kultus auf der
Erde zurück." Das Laster nennt man Natur, eine That des
schimpflichen Ehebruchs belobt man mit beifälligem Gelächter !
Und die Schuld trifft auch Wittwen und Nonnen ; und selbst
Priester beflecken ihre Stola. ') Wer ein Demant sein will, muss
sich vor dem Bocksblut der Wollust hüten, das ihn zerbricht
(v. 788 f.). Die Priester müssen rein sein , wie ihre Gewan-
dung, sonst sind sie durch Heuchelei noch schuldiger. Doch
nicht alle trifft der Tadel oder Verdacht: die guten belobt
und ermahnt der Dichter. Dann aber kehrt er zu sich selbst
zurück (v. 906 ff.), um seine eigene Sündhaftigkeit, offenbar
übertreibend, zu beklagen; wer lehrt, muss auch dem ent-
sprechend handeln. Diese Klagen zu ergiessen hat ihn seine
Muse aufgefordert, um so den ewigen zuvorzukommen — durch
seine Reue. Wer wird ihn vor der Hölle schützen? Nur im
Vertrauen auf seinen Glauben hofft er durch Gottes Gnade
gerettet zu werden. — In einem Epilog dankt der Dichter
schliesslich Gott, seine Herrlichkeit feiernd, für die Vollendung
des Werks.
Diese umfangreiche Dichtung, die durch einzelne kultur-
geschichtlich interessante Züge anzieht, legt zugleich recht
ein Zeugniss von der für jene Zeit nicht geringen theologischen
Gelehrsamkeit Milo's ab, namentlich von seiner grossen Bibel-
kenntniss; die Sprache wie der Vers — so wenig auch der
1) Vixque sacerdotes iam sorde carere secundos
Flere decet, sed scire pudet qui crimine stolas
Non vitant maciüare suas; reverentia celsi
Digna ministerii tenet hos non uUa, nee ii)sa
PoUutis manibns sacranda offeiTe recusant.
V. 770 ff
Heiric. Leben. 285
Dichter die Quantität geachtet haben will^) — bekunden den
gelehrigen Schüler der Alten, der auch seine Kenntniss der
antiken Mythologie gelegentlich zu zeigen versteht.-)
Ein interessantes Gegenstück zu dem von Milo verfassten
poetischen Heiligenleben ist das eines jüngeren Zeitgenossen
und Landsmanns, welches nicht minder besondern Beifall ern-
tete. Auch gehörte sein Verfasser zu den bedeutendsten Ge-
lehrten jener Zeit. Es ist das Leben des h. Germanus von
Heiric von Auxerre'')? der Mönch des dort dem Germanus
geweihten Klosters war, welcher Heilige selbst aus dieser
Stadt stammte. Heiric war unweit derselben zu Herj S41
geboren, schon im achten Jahre zum Mönch tonsirt und 859
als Subdiaconus ordinirt.^) Offenbar ein frühreifes Lagenium,
gleich Walahfrid, hatte er seine Ausbildung aber nicht bloss
dem Kloster zu danken, vielmehr nennt er selbst als Lehrer
seiner Jugend in einem Gedicht an den Bischof von Auxerre
Hildebold-) Lupus und Haimo, den ersteren in den humanen
Wissenschaften, den andern in der Theologie — jeder von
beiden, wie er sagt, in seinem Fache berühmt. Der erstere
ist gewiss der bekannte, oben erwähnte Abt von Ferrieres,
wer der andre war, dagegen nicht zu sagen; er mag wohl
1) Indem er im Epilog v. 1034 ff. sagt:
Posihabui leges ferulas et munia metri:
Non piito grande scelus si syUaba longa brevisque
Altera in alterius dubia statione locetur;
Quodsi, ut credo, nequit Carmen iam iure vocari,
Sit satis huic saltem censeri nomine rithmi.
Auch der Schluss der Stelle ist bemerkenswertli. — Dass es auch in diesem
Gedicht an der Spielerei der Alliteration nicht fehlt, lässt sich leicht
denken, obgleich sie sich seltener in übertriebener "Weise findet: ein Bei-
spiel, in dem sie dem Gedächtniss zu dienen scheint ist 1. I v. 979 : Yii--
tus viva valet vitiorum vincere virus.
2) S. z. B. 1. 1 Y. S31 ff., wo u. a. die Harpj'ien und Furien genannt werden.
3) Acta Sanctorum, Julii Tom. VII, p. 221 ff. Kaulich, Geschichte
der scholast. Philosophie Bd. I, Prag 1S63. — Prantl, Geschichte der Logik,
Bd. II, S. 41 fl'. — Sickel, Lettre sur an msc. de Melk venu de S. Ger-
main d' Auxerre in: Biblioth. de l'Ecole des Chart. Ser. V, Bd. 3. —
Dümmler, N. A. S. 528 ff.
4) S. Sickel a. a. 0. S. 35.
5) S. das Gedicht bei MabiUon, Yet. Analecta, Paris 1723, p. 423.
286 Heiric.
auch dem Kloster FerriereS; was am wahrscheinlichsten , oder
Auxerre selbst angehört haben.') Mit jenem Gedichte über-
reichte er seinem Bischof eine Frucht seines Fleisses, Collecta-
neen aus Valerius Maximus, Sueton, Solin, Julian von Toledo
und den Kirchenvätern Hieron3anus, Aug-ustin, Beda u. a.,
Stellen, welche jene Lehrer in wissenschaftlicher Unterhaltung
mitgetheilt hatten. Nach einer, allerdings nicht ganz sichern
Ueberlieferung des zehnten Jahrhundert'-) soll Heiric auch ein
Schüler des Schotten Elias, Bischofs von Angouleme, dessen
eigener Lehrer ihr zu Folge Erigena war, gewesen sein. Un-
wahrscheinlich ist es nicht insofern als Heiric in der That mit
der Philosophie des Johannes Scotus sich sehr vertraut zeigt,
ja in uns erhaltenen commentirenden Glossen zu älteren philo-
sophischen Werken, namentlich zu den pseudo-augustinischen
Categoriae und dem Martianus Capeila, sich an ihn anschliesst,
doch keineswegs unbedingt, vielmehr beweist er eine gewisse
philosophische Selbständigkeit, indem er einer entschieden
nominalistischen Richtung huldigt. Heirics Gelehrsamkeit er-
streckte sich aber auch noch auf andre Gebiete, wie auf das
der Chronologie und Astronomie: so hat er ein Werkchen über
die Position und den Lauf der Planeten verfasst, so auch
erklärende Glossen, zum Theil in tironischen Noten, zu Beda's
Liber de temporibus."^) Ferner hat er sich an einer Geschichte
1) An Haimo von Halberstadt ist nicht zu denken, wie man mit Un-
recht gethan hat; er war schon seit 840 Bischof jener deutschen Stadt,
das Gedicht an Hildebold ist vor 857 verfasst, da der letztere nur so
lange lebte; wie sollte Heiric vor dem 16. Jahre nicht bloss in Ferrieres,
sondern auch noch in Deutschland und zwar dem fernen Halberstadt stu-
dirt haben, während er in Auxerre Mönch war ! Manche, wie Kaulich und
Prantl, lassen ihn sogar in Fulda bei Haimo Unterricht geniessen —
das wäre also noch vor Heirics Geburt — und machen Hanno, wie der
sonst so verdienstvolle Prantl, zu einem Schüler Rabans, während er sein
Mitschüler bei Alcuin war.
2) In Pertz, Archiv f. ältere deutsche Geschichtskunde Bd. X, S. 333 f.
3) Dass diese Glossen von Heiric herrühren, dafür spricht auch der
Umstand dass sie zum Theü in tironischen Noten geschrieben sind: was
man nämlich bisher nicht beachtet zu haben scheint, er bezeichnet sich
selbst als einen Kenner dieser Stenogi-aphie in dem Widmungsgedicht der
Collectanea, die er ebenso aufgezeichnet; es heisst da v. 15 f.:
Haec ego tum notulas doctus tractare furaces (?),
Stringebam digitis arte favente citis.
Tita Germani. 287
der Bischöfe von Auxerre betheiligt. ') Was endlich seine philo-
logischen Kenntnisse betrifft, so bezeugt namentlich seine Dich-
tung die der griechischen Sprache — was wieder auf Erigena's
und seiner Schüler Einflnss zurückweist — und eine ungewöhn-
liche Kenntniss der Metrik. Ein Gelehrter von solcher Be-
deutung musste auch als Lehrer keine geringe Wirksamkeit
haben: er wurde später als einer der Fortpflanzer der wissen-
schaftlichen Tradition im eminenten Sinne bezeichnet, als der
Lehrer des h. Remigius, des Wiederherstellers der danach so
berühmten Schule von Reims.-) Auch Hucbald wird sein
Schüler genannt. Er scheint schon 576 oder S77 gestorben
zu sein.-^)
Die Vita S. Germani hat Heiric schon in früher Jugend
begonnen, als er eben die Schule verlassen, wie er selbst sagt,
und zwar auf den Wunsch des jugendlichen Abtes seines
Klosters, des Sohnes Karls des Kahlen, Lothar, der, damals
noch ein Knabe, in dem Kloster erst erzogen wurde; aber
kaum war die Arbeit begonnen, als Lothar starb (S65), Heiric
liess sie dann eine Zeitlang liegen, und auch als sie vollendet,
i. J. S73, zögerte er noch lange mit der Herausgabe. Diese
erfolgte nicht vor dem Jahre S76, denn in dem Widmungs-
schreiben an Karl den Kahlen — dem wir die obigen An-
gaben entlehnen^) — titulirt er denselben Caesar. Das Wid-
mungsschreiben hat noch dadurch ein besonderes Interesse,
dass Heiric, wenn auch in panegyrischer Weise, über die
ausserordentliche Begünstigung der humanen Studien und
namentlich der Philosophie durch seinen König manche An-
gaben von Bedeutung macht, die wir auch am geeigneten
Orte bereits benutzt haben.'') Wenn unser Autor dabei aber
insbesondere auf die Einwanderung irischer Philosophen nach
Westfrancien hinzeigt, so erweist dies von neuem seine nahe
Beziehung zu ihnen.
Die stoffliche Grundlage der Dichtung bildet die im Ganzen
1) Gesta episcoporiüii Autisiodorensium , s. Wattenbach, Deutschi.
Geschichtsq. I, S. 245.
2) S. oben S. 286 Anm. 2. 3) Sickel a. a. 0. S. 37.
4) Mit Ausnahme des Jahrs der Vollendung, dies zeigt Heiric im Epi-
log der Dichtung an, wo er sein Alter mit 32 Jahren angibt.
5) Vgl. oben S. 118.
288 Heiric.
gut abgefasste Prosa -Yita des Heiligen, welelie der Presbyter
von Lyon, Constantius, ein Freund des Apollinaris Sidonius in
den achtziger Jahren des fünften Jahrhunderts verfasste.^) Der
Heilige selbst lebte bis 448 , so dass Constantius noch sein
Zeitgenosse war. Die Vita ist wie die des heil. Amandus von
grösserem und selbst historischem Interesse; obgleich dieser
Heilige kein Missionar war, so hat er doch ein bewegtes
Leben geführt. Germanus stammte aus Auxerre, wovon er
auch zum Unterschied von andern Heiligen dieses Namens,
zubenannt wird, und war von vornehmer Abkunft; so schlug
er zunächst die politische Laufbahn ein, auf der er es zu
hohen Würden brachte: da wurde er, was damals nicht auf-
fallend, zum Bischof gewählt. 2) Nachdem Germanus die Wahl
angenommen, änderte er sein Leben vollständig und ward
Asket, so dass sich der Kuf seiner Frömmigkeit bald weit
verbreitete, und auch die obligaten Wunder nicht fehlten. Er
machte verschiedene weite Keiseu, so ging er zweimal nach
Britannien, um auf den Wunsch der Katholiken die Pelagianer
zu bekämpfen: bei einer dieser Fahrten führte er die Britten
auch im Kampfe mit den Picten zum Siege, den einzigen, den
sie über diese erfochten (429), daher denn dieser Heilige bei
ihnen eine besondere Popularität stets genoss. So zog er nach
Italien, um den aufgestaudenen Armoricanern vom Kaiser in
Ravenua Amnestie zu erwirken, nachdem er das gegen sie von
Aetius gesandte Executionsheer der Alanen durch seine muthige
Beredsamkeit zur Umkehr bewogen. In Ravenna aber, wo er
die ehrenvollste Aufnahme fand, ereilte ihn der Tod. Seine
Leiche wurde nach Auxerre übergeführt. Auf allen diesen
Zügen aber gab er von seiner Wunderkraft, namentlich durch
Heilungen, Zeugniss.
Auf Grund dieser Vita hat Heiric seine Dichtung, die er
in sechs Bücher getheilt, verfasst, wenn auch mit einzelneu
Abweichungen^): das erste Buch geht bis zur Bischofswahl,
1) Dessen Autorscliaft aber Scholl, De eccles. Briton. Scotorumque
histor. foutibus p. 25 bezweifelt.
2) Vgl. z. B. die Wahl des Sidonius, Bd. I, S. 402.
3) Z. B. 1. I, c. 2, §. 32 wo der Vorgänger des Germanus, Amator
Märtyrer zu werden wünscht, während in der Vorlage §. 3 das Gegentheil
gesagt wird.
Tita Germani. 289
das zweite ist dieser und einer Charakteristik des Heiligen
gewidmet, im dritten und vierten bilden den Hauptinhalt seine
beiden Reisen nach Britannien, das fünfte erzählt, wie er sich
der Armoricaner annahm und deshalb nach Italien zieht, das
sechste endlich berichtet seine Aufnahme in Eavenua, den Tod
und die Translation, und schliesst mit einem laugen Gebet an
Christus als Epilog. Jedem Buche geht aber eine Prdefatio
in Versen, dem ersten sogar zwei, eine Invocatio und eine
Allocutio ud^Ubrum, voraus, sämmtlich in den verschiedensten
Versmassen, die zum Theil ganz eigenthümliche metrische
Combinationen sind. Hier zeigt sich denn die seltene Kennt-
niss der lateinischen und selbst griechischen Metrik, auf die
wir oben schon hindeuteten: ist doch sogar die Angabe der
Gliederung der Sti'ophe mit dem griechischen Kunstausdrucke
gegeben. ') In der Hinzufiigung solcher Praefationes ist unser
Autor offenbar dem Beispiele des Prudentius gefolgt, wie denn
eine derselben auch direct an eine des Prudentius erinnert-);
ebenso bekundet sich auch der Einfluss desselben in der Man-
nichfaltigkeit der Metra. Aber nur eins der von Prudentius
gebrauchten kehrt hier wieder. Die Invocatio nämlich ist in
den phaläcischen Hendecasjllaben geschrieben, wie sie Cathe-
merin. IV. und Peristeph. VI. bei Prudentius sich finden, aller-
dings da zu dreizeiligen Strophen verbunden; aber beachtens-
werth ist, dass die Invocatio ein Preis der Dreieinigkeit ist,
und das erst erwähnte Gedicht des Prudenz auch mit einem
solchen anhebt, das andre desselben wenigstens eine Beziehung
zur Dreizahl hat.-^j Im Ganzen zeigt sich hier Heiric in der
Wahl der Metra, namentlich der Systeme, seinen christlichen
Vorgängern, auch dem Boetius gegenüber, ja zum Theil selbst
überhaupt sehr originell.^) Und es fehlt ihm auch nicht das
1) So z. B. bei der Allocutio: „Jiy.cö'/.co SiarQÖfoj discursa."
2) Es ist die Praef. 1. lY, worin nach Matth. c. 14 erzählt wird, wie
Christus die Jünger und namentlich Petrus bei dem Sturm auf dem Meere,
über die Wogen schreitend rettet: Christus soll dem Dichter ebenso bei-
stehen. Dies Gedicht erinnert an die Praef. 1. I Contra Symmachum, worin
eine andre Seefahrt des Petrus nach Apostelgeschichte c. 27 erzählt wird.
Vgl. Bd. I, S. 267.
31 S. Bd. I, S. 2.56.
4i Die übrigen Metra Heirics sind die folgenden. Die Allocutio: pha-
läc. Hendecasyll. mit dactyl. Tetram. heroicus; Praef. libri 11: Asclepiadeum
Ebert, Literatur des Mittelalters II. 19
290 Heiric.
Bewusstsein der ästhetischen Bedeutung der Metra, wenn er
die Verbindung der „leichten" Dactylen mit den „morosen"
Spondäen für anmuthiger erklärt. ')
Auch in ihrem Inhalte bilden diese die Bücher einleiten-
den Gedichte die originellste Partie des ganzen Werkes, welche
die Gelehrsamkeit und die klassische Bildung Heirics in den
verschiedensten Beziehungen zeigt. So gibt sich in einzelnen
rein christlichen Inhalts der Schüler des Erigena leicht zu er-
kennen, zumal wenn man die hier von Heiric selbst, allem
Anscheine nach, hinzugefügten Anmerkungen in Betracht zieht.
Dies gilt namentlich von der Invocatio und der Praefatio des
sechsten Buches. In jener gab dazu die Anrufung der Drei-
einigkeit die beste Veranlassung, in dieser wird das Lob der
Sechszahl gesungen und die mystische Bedeutung derselben
dargelegt, was dann wieder auf die Trinität führt. In beiden
Gedichten finden sich öfters griechische Wörter, ja in dem
ersteren sogar ganze griechische Verse eingefügt. Ein paar
andre dieser Gedichte bezeugen eine für jene Zeit nicht ge-
wöhnliche Kenntniss der antiken Mythologie : so wird in Prae-
fatio V das Schicksal des Icarus erzählt-'), indem es dem
Dichter selbst, der sich mit ihm in seinem erhabenen Unter-
nehmen vergleicht, zur Warnung dienen soll; so wird in der
Allocutio der Fabel von der Danae gedacht. Diese Anrede
des Autors an sein Buch ist auch sonst interessant. Er be-
sorgt, dass es noch nicht genug gefeilt, wie es die Werke des
Maro waren, in die Oeffentlichkeit trete, und die verschiedenen
Kritiken, die es dabei erfahren kann — Beifall scheint er nur
von profanen Händen zu erwarten^) — endlieh werde es nach
all der Unbill in den Laden des Gewürzkrämers wandern!^)
Vor solchem Unheile möge es der heil. Germanus bewahren.
IV des Horaz; Praef. 1. III: Vers, asclepiad. maiores; Praef. 1. IV: vier-
zeilige Strophen also gebildet: \. -^\j — ^^2. — ^<^ — <^^ — S.
-ww-o4. ^^-o -; Praef. 1. V: dactyl. Pentapodie u. Tripodie;
Praef. 1. VI: Hexam. und dactyl. Penthem.
1) Praef. 1. II, v. 26 f.
2) Heiric behandelt den Stoff frei, an die Darstellung des Ovid, Me-
tam. VIII, V. lS3tf., erinnert nichts.
3) Hie plausum manibus dabit profanis.
4) Tandem ludibrio subactus omni
Mv^oxoTiov trudere taberna,
Vita Germani. 291
In der Vita selbst hat Heine das Interesse, welches sie
in seiner Vorlage schon darbot, durch ausgeführtere Beschrei-
bung und Schilderung poetisch zu erhöhen gestrebt, so in der
Darstellung des asketischen Lebens des Helden — ein in jener
Zeit so dankbarer Stoff — die tief in das einzelne geht, und
der als Gegenbild die seiner frühern üppigen weltlichen Lebens-
weise folgt (1. II, c. 1); andre hervorragende Beispiele sind
die Beschreibung der Fama (1. I, c. 2, §. 31), die manche
originelle Züge zeigt, und die daran sich schliessende, mit
grosser Lebhaftigkeit ausgeführte Darstellung des Zorns des
Germanus, ferner die den Schüler Virgils offen verrathende
und doch zum Theil eigenthümliche Schilderung des Meeres-
sturmes (1. III, c. 3), die Zeichnung des Charakters der Armo-
ricaner^) und die Beschreibung ihrer Angst-) (1. V, c. 1). —
Auch in der Vita selbst zeigt der Autor hier und da seine
Kenntniss des klassischen Alterthums.^) In Bezug auf die
Diction aber bildet die Dichtung des Heiric einen bemerkens-
werthen Gegensatz zu der des Milo, der Ausdruck ist oft ge-
sucht und geschraubt, die Construction verwickelt, so dass das
Werk weit schwerer zu verstehen ist als das des Milo. Und
eben dieser gelehrten Schwerverständlichkeit verdankte das
Buch die Ehre, als Lesebuch für den höheren grammatischen
Unterricht in den Klosterschulen eingeführt zu werden. So
zeigt sich also hier auch in den versificirten Heiligenleben der
Gegensatz der gelehrten und der populären Behandlung der
Legende, wie schon viel früher in den prosaischen. ^j Rück-
Aut nardi luodicum feres piperve
Et si quid chartis aniicitur
Ignavis.
1) Torva (sc. gens), ferox, ventosa, procax, Lacauta, rebellis,
Inconstans, disparque sibi uovitatis amore,
Prodiga verboriim, sed non et prodiga facti,
Dicere plus, fecisse minus taxatui- honestuni.
2) Non conferre manum, non fines hoste tueri,
Non saltem tentare fugam sententia surgit:
Fingit quisque sibi varii discrimina leti
Solaque suspectae torquet dUatio mortis.
3) S. z. B. 1. I, c. 1, §. 25.
4) S. Bd. I, namentlich S. 429; vereinzelt auch schon früher in der
Dichtung s. a. a. 0. S. 513.
19*
292 Heiric, Miraciüa S. Germani.
sichtlich des Verses ist noch erwähneuswerth. dass auch Heiric
nicht selten den Schmuck der Alliteration anwendet, aber nur
ganz vereinzelt in so geschmacklos übertriebener Weise als
Milo.i)
Nach dieser Dichtung verfasste Heiric noch zwei Bücher
Miracula S. Germani in Prosa, die er zugleich mit jener Karl
dem Kahlen widmete.-) In dem ersten Buche hat er die von
Constantius übergangenen Wunder, im zweiten die zu Leb-
zeiten des Verfassers selbst bei besonderen Gelegenheiten, wie
bei einem Neubau der Klosterkirche, von den Reliquien des
Heiligen ausgegangenen erzählt. Namentlich im ersten Buche
finden sich die unglaublichsten Geschichten erzählt, die der Vor-
gänger mit gutem Grunde weggelassen. — Auch der Stil dieser
Prosa bewegt sicli mitunter in schwierigeren Perioden, im all-
gemeinen aber zeugt er auch für die höhere Bildung des
Autors. Dies gilt nicht minder von einer dem Festtage des
Heiligen gewidmeten Predigt.'*)
FÜNFZEHNTES KAPITEL.
ERLOGEN UND ELEGIEN: AGIUS, ILDERICUS, BERTHARIUS.
Noch ist aus dem Ende dieses Zeitalters einiger Gedichte
zu gedenken, wovon eins wohl auch Westfrancien angehört.^)
Es ist eine im Anschluss an die Vita Adalhardi des Radbert
1) Z. B. 1. I, c. 3, §. 38: Discite, doctores, decretorumque datores.
2) Vgl. Hist. Utter. de la France T. V, p. 540.
3) Doch findet sich einmal darin eine wohl erwähnenswerthe Reim-
spielerei: dicam hunc esse beatissimi Germani diem non funebrem, sed
celebrem, non lugnbrem, sed salubrem. — Noch sei bemerkt, dass
auch ein Hymnus, von Barth in zwei Mss. nach der Vita S. Germani ge-
funden, und in dessen Adversaria 1. XXXIV, c. 20 publicirt, Heu-ic bei-
gelegt yävA.
4) Da Galatea zum Gesänge auffordert, könnte man auch glauben,
dass das Gedicht in Gorvey entstanden sei, doch spricht die Auffindung
der einzigen Handschrift in Corbie, sowie wohl auch das Corvey gezollte
Ecloga duarum sanctünonalium. 293
in einer aus Corbie stammenden Handschrift des zehnten Jahr-
hunderts sich findende Ecloga Jiiarum sanctimoniuliiun^) in
Hexametern — ein amöbäischer Klage- und Lobgesang auf
Adalhard, ausgeführt, wie der Dichter annimmt, bei seiner
Bestattung von der älteren und jüngeren Corbeia, von denen
die erstere, seine Gemalin nach dem Bilde der Vermählung
Christi mit der Kirche, hier Philis heisst, wegen ihrer Liebe
zur Caritas, die andre, seine Tochter, Galatea, wegen der
Weisse ihres Angesichts. So wird uns in ein paar einleitenden
Prosazeilen mitgetheilt. Galatea beginnt, indem sie die Män-
ner, alle die Erwachsenen auffordert, mit ihr den Vater zu
beklagen, ihn soll die romanische Volkssprache und die latei-
nische feiern, ja der Sachse soll auch seinen Klageruf er-
heben.-) Zu Adalhards Exequien sollen die Priester sein Lob
singen, und das Volk andrerseits Gottes Erbarmen für ihn er-
flehen, seine Aufnahme in das Paradies. Philis antwortet:
Wer mag nicht beklagen, dass „ ein über die Sterne Erhabener "
zu Asche werde, vom harten Marmor bedeckt, dass des Kaiser-
hauses Spross, von dem der Ruf der Tugenden überall durch
den Erdkreis fliegt, den Würmern eine Speise. — Und Philis
fordert darauf auch die Männer, Knaben und Mädchen zum
Klagen und Weinen auf. Galatea bittet dann die „ ältere Cor-
beia" den Greis zu bestatten, und gedenkt hier ihrer Grün-
dung durch ihn, der ein heiliges Kloster dort baute, wo früher
dem Teufel geopfert ward. Philis aber preist die jüngere
Corbeia ob des glänzenden Aufschwungs, den sie schon ge-
Lob für das Mutterkloster. Das Gedicht ist allerdings in einem sehr ver-
wahrlosten Text überliefert; aber auch, wenn es in gereinigter Gestalt
vorläge, würde ich es doch mit den Herausgebern und mit den Verfassern
der Hist. litter. des Radbert für unwürdig halten, gegen dessen Autorschaft
auch sonst manches spricht. Die Anknüpfung an die Vita Adalhardi in
der Handschrift ist ja eine ganz äusserliche, sie geschieht einfach durch
ein Sequitur.
1) Mabillon, Acta S. S. ord. Bened. Saec. IV, Pars 1, p. 321 ff.
Dümmler, N. A. S. 303 f.
2) Rustica concelebret romana latinaque lingua,
Saxo quin pariter plangens pro carmine dicat.
-Quin- lese ich mit Diez, der sich über diese Stelle in seinen Altroman.
Sprachdenkmalen, Bonn 1846, S. TS Anm. verbreitet. Die Handschrift
hat qui.
294 Agius.
Bommeu, dessen sie sicli stolz rühmen dürfe. (Diese Stelle
weist wohl auf die Zeit der Abfassung hin').) Mit solchen
Reden verbinden sieh dann weitere Klagen beider, die wenig
neues bieten. Sie wünschen schliesslich in den seligen Ge-
filden mit dem geliebten „ Senior Menalcas " vereint zu werden.
Dümmler hat schon nachgewiesen, wie ausser andern
Eeminiscenzen , namentlich aus dem Trostgedichte Fortunats
an Chilpericb und Fredegunde-j, solche vornehmlich aus Virgils
Eklogen sich finden, was sich ja von vornherein schon er-
warten Hess; wir können aber weiter gehen und bemerken,
dass die Idee des Gedichtes selbst und seine Anlage der
fünften Ekloge des Virgil entlehnt ist. Dort wird von zwei
Hirten Menalcas und Mopsus unter dem Namen des Schäfers
Daphnis der zum Gott erhobene Julius Caesar besungen, in-
dem der erstere den Tod desselben beklagt, der andre Hirt
über seine Vergötterung frohlockt; beides geschieht ja ebenso
auch in unserm Gedichte in Betreff des Adalhard, dem hier
der Name Menalcas beigelegt ist. 3)
Einige Verwandtschaft mit diesem Gedichte hat eine auch
in Dialogform verfasste Elegie auf den Tod einer Aebtissin,
welche ganz in das Ende dieser Periode fallend 875, oder nicht
lange danach gedichtet ist. Sie ist auch im Anschluss an
eine Vita der Heiligen in Prosa aufbewahrt, welche hier den-
selben Verfasser hat, und um dieselbe Zeit geschrieben ist.
Es ist die Vita Hatliumodae von deren Bruder Agius. ^) Beide
waren Kinder des berühmten Grafen Liudolf, des Ahnherrn
1) Indem also die Abfassung längere Zeit nach Adalhards Tod und der
von Radbert verfassten Vita erfolgte.
2) Vgl. Bd. I, S. 502.
3) Auch der Name Philis ist dort entlehnt, da Vers 10 bei Virgil
einer PhyUis gedacht wird ; aber der letztere Name erscheint hier wohl ab-
sichtlich verändert, um ihn mit fdeiv in Bezug zu bringen, denn es heisst
ja in dem kurzen Vorwort: porro aliam propter amorem caritatis
Philidis nomine. Es ist daher auch Philis im Texte beizubehalten und
nicht in Phyllis zu ändern.
4) In: Monumenta Germaniae histor. ed. Pertz Script. T. IV, p. 165 £f.
(Praef.). Dümmler, N. A. S. 527.
Tita Hathumodae. 295
der deutschen Könige der sächsischen Dynastie,^) Derselbe
zeichnete sich nicht bloss durch seine kriegerischen und staats-
männischen Eigenschaften, sondern auch durch seine Frömmig-
keit aus, in der seine Gemalin mit ihm wetteiferte. Ihrem
Beispiele folgten die Kinder; und so weihten sich fünf Töchter
und ein Sohn dem asketischen Leben. Der letztere verdankt
wohl seinen Namen, der dann zuerst Beiname war, seiner
frühen ernsten religiösen Gesinnung, oder war er ein puer
oblatus, dem dieser Name in der Taufe selbst gegeben ward?
Er wurde Mönch, wahrscheinlich in dem Kloster Lammspringe.
Die Schwester Hathumod, im Kloster Herford, nachdem sie
den Schleier genommen, erzogen, wurde in noch sehr jungen
Jahren zur Aebtissin eines von Liudolf neu gegründeten Klosters
gemacht, das zuerst von ihm in Brunshausen errichtet, dann
sehr bald nach Gandersheim verlegt wurde. Dort starb Ha-
thumod an einer Epidemie 874 im 34. Jahre."-) Agius, der
ihr besonders nahe stand, war an das Krankenlager geeilt und
bei ihrem Tode zugegen ; ihren Verdiensten zum Denkmal, und
ihr und dem Kloster zum Danke verfasste er für dasselbe die
Vita, um den Nonnen ein Bild der Verstorbenen zu zeichnen,
die sie im Leben so sehr vermissten.
Die Lebensgeschichte ist eine sehr einfache, wie sich dies
bei diesem schon so früh dem Kloster übergebenen Mädchen
kaum anders erwarten lässt, aber in ihrer Darstellung spiegelt
sich in jedem Zuge die treue zärtliche Liebe des Bruders ab,
die dem Ausdrucke einen individuellen Reiz verleiht. Er ge-
denkt zuerst ihrer vornehmen Herkunft von väterlicher wie
mütterlicher Seite; sie wurde „die süsseste Frucht suter aus
gutem Samen entsprossener Bäume". Schon als Kind ver-
schmähte sie Schmuck und Putz, dagegen lernte sie um so
eifriger aus eigenem Antriebe. Ihr Aufenthalt in Herford war
die glücklichste Zeit ihres Lebens. Als Aebtissin wirkte sie
durch ihr Beispiel ebenso viel als durch ihre Lehren: denn
1) Tgl. über ihn Dümmler, Gesch. d. ostfränk. Reichs I, S. 349 ff.
2) In der Elegie heisst es v. 350 f. Hathumod habe dasselbe Alter als
Christus gehabt :
Annorum siquidem trigüita trium memoratiir,
Quem simul annorum ipsa tulit niunerum.
In der Vita dagegen wird c. 29 gesagt: Omncs anni ntae eius fuenint tri-
ginta quatuor. Da ist wohl das nicht vollendete Jahr mitgerechnet.
296 Agius.
„sie that selbst, was sie lehrte, und was sie lehrte, that sie"
(c. 7). Ausführlicher erzählt der Verfasser von ihrer Krank-
heit — die um so gefährlicher wurde, je eifriger sie, so lange
sie sich aufrecht erhalten konnte, die früher erkrankten Nonnen
gepflegt — von den Träumen und Visionen, die sie — im
Fieber — hatte, von der sorgsamen ängstlichen Pflege der
Mutter und leiblichen Schwestern, schliesslich von ihrem from-
men Ende. In dieser Darstellung finden sich manche durch
liebevolles Eingehen in das Detail anziehende Schilderungen. ^
Dieselbe innige Liebe zu der Schwester bildet nun auch
den Grundton der Elegie, deren Inhalt in der Hauptsache
auf einem Gespräche ruht, das der Dichter kurz nach dem
Tode der Heiligen mit den Nonnen, sie zu trösten, führte und
das sie aufgezeichnet wünschten. So ist die Elegie selbst in
der Form eines Dialogs verfasst. Agius beginnt, indem er die
Nonnen auffordert, nicht zu sehr dem Schmerze sich hinzu-
geben, so gerechtfertigt er auch sei. Sie antworten, dass er
nur den Verdiensten der Seligen entspreche, mit der sie ein
Herz und eine Seele waren. Agius läugnet die Gerechtigkeit
ihres Schmerzes nicht: wie viel habe er ja selbst in ihr ver-
loren! — Ihrer geschwisterlichen Liebe gibt er hier einen ein-
fach schönen und wahren Ausdruck: Leid und Freud theilte
Hathumod mit ihm, mit ihr konnte er wie mit sich selbst
reden. Der Gedanke allein, dass sie jetzt ein besseres Leben
führt, vermag einen Trost zu bieten. — Trotzdem aber können
die Nonnen, wie sie antworten, ihre Thränen nicht stillen, weil
sie unendliche Sehnsucht nach ihr, die sie mit den Augen des
Leibes nicht mehr sehen können, erfülle. Agius wendet dar-
auf ein, dass Hathumod selbst durch die Klagen der Nonnen
bekümmert werde. So geht das Gespräch fort, das manche
schöne Stellen zarter Empfindung im einzelnen bietet 2), bis
1) S. z. B. c. 21.
2) S. z. V. 75 ff., wo Agius redet:
Vos melius nostis, quanto me semper amore,
Quantis incolumis foverit officiis.
Vos nostis, quanta iam languida sedulitate
Qua anxietate meam gestierit faciem,
Quo desiderio susceperit advenientem,
Et quam mirandis mulserit obsequiis,
Elegie. 297
endlich (v. 467) die Schwestern ihre Thräuen trocknen, indem
sie einsehen, dass sie sich selbst nur beweinen, über sie, die
Selige, aber freuen müssen, die den Hafen erreichte. Sie prei-
sen ihr glückliches Loos. Sie bitten Hathumod, sie möge sie
wenigstens im Traume besuchen. Dann empfehlen sie sich
dem Bruder, der sie auch ferner lieben und belehren möge.
Agius antwortet verbindlich 0, aber anknüpfend an eine Be-
merkung der Nonnen (v. 493 ff.), dass Hathumod jetzt den
verstorbenen Familiengliedern, namentlich dem Vater, auch
helfen könne, da man deren Loos doch nicht wisse, erwiedert
er, sie brauchten darum keine Sorge zu haben, und gedenkt
hier der frommen Handlungen und Gesinnungen des Vaters,
durch die er etwaige Flecken seines weltlichen Lebens getilgt
habe. Aber er rühmt auch dieses mit begeisterten Worten. 2)
Der theuern Schwester aber wird er immer gedenken: ihr
liebes Bild wird nie aus seinem Herzen weichen, weder im
Wachen, noch im Schlafe. So oft er die Augen schliesst, steht
es vor ihm. So ist sie ihm auch sieben Tage nach der Be-
stattung im Traume erschienen, und hat Gerberg, die Schwester
und Schülerin, als ihre Nachfolgerin angedeutet. Er beglück-
wünscht dann diese als solche, indem er sie lobt, und fordert
die Nonnen auf, ihr zu gehorchen.
Hiermit schliesst diese Dichtung, welche 359 Distichen
umfasst; sie erscheint recht als ein Erzeugniss des innigen
deutschen Gemüthes und als ein treuer Ausdruck seines herz-
lichen Familienlebens. Mit diesem Reize warmer Empfindung
verbindet sich eine leichte gewandte Darstellung und ein
fliessender Vers, die keine schulmässigen Exercitien, vielmehr,
trotz mancher Incorrectheiten , ein Werk wahrer Bildung sind.
So zeigt die Dichtung einen individuellen Charakter, der zu-
gleich eine nationale Färbung hat. 3)
Qualiter alloquio fuerit dignata supremo,
Assidue nomen ingeminando meum.
1) Die Stelle, welche beginnt:
Gratum valde mihi hoc est quod dicitis, immo
Istud nunc ipse debueram petere v. 527 f.
zeigt recht, welche feine Lebensart in diesen Kreisen sich damals schon fand.
2) V. 617 f.: Simunus erat, quia nempe siii generis simul omnes
Vicit virtute, vicit honore quoque.
3) Merkwürdig ist, dass auch dieser Dichter wie der Verfasser der
298 Ildericus. Bertharius.
Derselben poetischen Form, einem Wechselgesange in
Disticlien, begegnen wir noch in dem Gedichte eines Italieners,
das uns die Chronik von Salerno aufbewahrt hat. Es ist dies
ein in der Zeit Kaiser Ludwigs II. (843 — 875) lebender Ge-
lehrter Benevents, Ildericus'), welcher der ausgezeichnetste
der Weisen jener Stadt von der Chronik genannt wird, ein
Mann, nicht bloss in den liberalen Wissenschaften vorzüglich
imterrichtet, sondern auch von grosser Kechtschaffenheit, so
dass die Tradition ihn sogar mit einem Wunder begnadigt
werden lässt.-)
Das in der Ausführung unbedeutende Gedicht ist ein
Wechsellobgesang der Engel und des Poeten zu Ehren Gott-
Christus, welcher zum Schluss angefleht wird, den Menschen
gnädig zu sein, sie vor dem Teufel zu schützen und zu dem
Himmel zu geleiten. Es sind 22 Distichen.
Ein anderes Gedicht in Distichen von einem Italiener ge-
hört wohl auch noch dieser Periode an. Es ist verfasst von
Bertharius'O, Abt von Montecasino (856-883), dessen ge-
lehrte Bildung besonders gerühmt wird. Das Gedicht, zum
Preise des heil. Benedict geschrieben, gedenkt auf Grund des
Werks des Gregor in der Kürze der Wunder des Heiligen,
doch ist die Darstellung etwas ausführlicher, als in Paulus
Diaconus' reciproken Distichen"*), und so an sich schon ver-
ständlich. Paulus' Gedicht ist nicht benutzt. Bertharius hat
auch drei Wunder seiner Zeit, Heilungen an dem Grabe des
Heiligen, hinzugefügt; am Schlüsse, wo er den Schutzpatron
anruft und die Heerde seiner Diener vor dem Wolf, dem Feinde,
zu schirmen bittet, nennt er sich selbst, und diese Bitte lässt
erkennen, dass er als Abt das Gedicht verfasst hat. Die Klar-
vorher erwähnten Ekloge das Trostgedicht Fortunats an Chilperich benutzt
hat (vgl. namentlich v. 237 mit Fort. v. 19, und v. 292 mit Fort. v. 34),
■wie Dümmler S. 527 nachgewiesen hat.
\) Chronicon Salernitanum c. 122 in: Mouum. Germaniae histor. ed.
Pertz, Script. T. III. 1839, p. 534. Dümmler, N. A. S. 527.
2) Dümmler vermuthet in ihm wohl mit Kecht den Verfasser einer von
Keil De grammaticis lat. p. 23 erwähnten Grammatik.
3) In: Pia quaedam poemata ed. Prosper Martinengius Rom 1590. —
*Mabillon, Acta S. S. ord. Bened. T. I, p. 29 ff. Dümmler, N. A. S. 539.
4) S. oben S. 55.
Elegien. 299
heit und verbältnissmässige Correctheit des Ausdrucks und
Verses bekunden, dass die grammatischen Studien in Italien,
wenigstens in solchen Klöstern wie Montecasino, noch immer
wohl gepflegt wurden, wenn auch nur so wenige Gedichte aus
diesem damals jedesfalls literarisch recht unproductiven Lande
ims überliefert sind.
SECHZEHNTES KAPITEL.
EULOGIUS. ALVARUS.
Den geringsten Antheil an der literarischen Bewegung
dieser Zeit überhaupt musste Spanien nehmen, das zuerst ganz
ausgeschlossen von dem "Weltreiche Karls, später nur in seinem
nordöstlichen Grenzlande mit ihm vereinigt wurde. Der grösste
Theil der Halbinsel, der Kern des Landes, blieb den Mauren
unterworfen. Der Kampf mit dem Islam erfüllte, oder be-
dingte ganz das Leben des christlichen Volkes, das reale wie
das ideelle, dies namentlich, weil der Islam gerade dort seine
eigenthtimliche Kultur zu einer hohen Blüthe entfaltete. So
musste die überlieferte christlich -lateinische Bildung, soweit
sie sich unter den Stürmen des Kriegs und dem Drucke der
Unterjochung erhalten, sich um so enger an die Kirche an-
schliessen, das klassisch - antike Element in den Hintergrund
treten, zumal auch gar manche literarische Hülfsmittel ver-
loren gegangen und zugleich einer weltlichen lateinischen
Poesie, bei denen die einer solchen geneigt waren, die ara-
bische eine starke Concurrenz machte, da diese Sprache die
Gebildeten mehr oder weniger verstanden. Die isolirte Stel-
lung der spanischen Kirche, sowie die Einflüsse des Islam und
des auf der pyrenäischen Halbinsel so stark vertretenen Juden-
thums, Hessen aber manche von dem Katholicismus abweichen-
den Lehren auftauchen und selbst sich kräftig entwickeln, wie
den Adoptianismus des Elipand von Toledo, der selbst wieder
aus der Bekämpfung einer andern häretischen Trinitätslehre
eines Spaniers hervorgegangen war. So sind denn die ältesten
literarischen Werke seit der Eroberung, von denen wir wissen,
polemisch-dogmatische, die ausser dem Bereiche unserer Be-
300 Eulogius.
traclitimg liegen, obschon wir gelegentlich darauf hingedeutet.
Erst in dieser Periode treten ein paar Schriftsteller von uni-
versellerem literarischen Interesse dort auf, die auch an ein
allgemeines Publikum sich wenden, und die in ihren Schriften
zugleich manches kulturgeschichtlich wichtige Zeugniss bergen.
Freilich polemisch-apologetisch sind auch ihre Schriften gröss-
tentheils; es war eben eine Zeit der inneren und äusseren
Kämpfe der spanischen Kirche, und diese schloss damals das
ganze Nationalinteresse des den Mauren unterworfenen Volkes
in sich.
Die beiden Vertreter der Literatur Spaniens in diesem
Zeiträume sind Eulogius und Alvarus'), die beide aus Cor-
doba, von Jugend auf innig befreundet, von gleichen Besti'e-
bungen beseelt, auch in ihrer literarischen Thätigkeit gegen-
seitig sich unterstützten. Alvarus, der ältere, hat doch Eulogius
überlebt und dessen Leben beschrieben.
Eulogius stammte aus einer edlen, senatorischen Familie
von Cordoba. Zum Priester bestimmt, wurde er in dem Col-
legium der Kirche des heil. Zoylus erzogen. Dort zeichnete
er sich durch sein eifriges Studium der kirchlichen Literatur
aus. Sein Wissenstrieb aber Hess ihn auch die Vorträge des
durch seine theologische Gelehrsamkeit und Beredsamkeit in
Andalusien berühmten Abtes Speraindeo besuchen"^); und hier
war es, wo Eulogius des Alvarus erste Bekanntschaft machte,
die durch gemeinsame Studien, wobei gelehrte Dispute in
Briefen und ein gegenseitiges Ansingen in rythmischen Versen
nicht fehlte^), zur unverbrüchlichen Freundschaft wurde. Eulo-
gius wurde dann Priester der Kirche des h. Zoylus, aber bei
seiner entschiedenen Neigung zur Askese hielt er sich oft in
1) S. Eulogii opera in Migne's Patrol. latina T. 115. (Ebendort auch
seine Vita.) — Alvari Cordubensis opera in Florez' Espaüa sagrada T. XI.
(Madrid 1753). v. Baudissin, Eulogius und Alvar, ein Abschnitt
span. Kirchengesch. aus der Zeit der Maurenherrschaft. Leipzig 1872. —
Amador de los Rios, Historia critica de la literatura espaüola. T. II.
Madrid 1862. — Dozy, Histoire des musulmans d'Espagne. T. 11. Leyde 1861.
2) Nam et abbatem — — Speraindum — — saepius invisebat audi-
torioque more ex illius ore disertissimo dependebat, qui ipso tempore totius
Baeticae fines prudentiae rivulis dulcorabat. Alvar. Vita Eulog. c. 1.
3) — — et rhythmicis versibus nos laudibus mulcebamus. Vita
Eulog. c. 1.
Leben. 301
BQöstern auf. Doch blieb er seinem wissenseliaftliclien Inter-
esse immer getreu. So brachte er von einer Reise nach dem
Gebiete von Pampelona^), wo er verschiedene Klöster besuchte
und ihre Bibliotheken durchstöberte-), gar manche Bücher, um
die sich dort fast niemand kümmerte, mit, nicht bloss die
Civitas dei des Augustin und geistliche Hymnen, sondern auch
die Aeneis, den Juvenal, die Satiren des Horaz, die Fabeln des
Avien, des Porphyrius Bildergedichte ^) und „die Epigrammen-
werke" des Aldhelm. Nicht lange danach trat in Folge des
Märtyrertodes des Presbyter Perfectus i. J. 850 in Cordoba ein
wahrhaft fanatisches Drängen zum Martyrium ein unter dem
asketischen, religiös aufgeregten Theile der christlichen Be-
völkerung Andalusiens. Diese Bewegung wurde von der Geist-
lichkeit Cordoba's, und an ihrer Spitze stand der Bischof und
der angesehene Eulogius, gebilligt und gefördert, während
dagegen der Metropolitanbischof im Einverständniss mit den
Staatsbehörden dawider ankämpfte und sich zuletzt genöthigt
sah, jene widerspenstigen Geistlichen einkerkern zu lassen.
Dies Loos traf nun auch Eulogius. Dieser widmete aber in
dem Gefängnisse seine Müsse nicht bloss der Fortführung eines
der Verherrlichung jener Märtyrer gewidmeten Buches wie einer
andern geistlichen Schrift, sondern auch dem Studium der
lateinischen Metrik, die, wie Alvarus in der Biographie des-
selben sagt, die (damaligen) Gelehrten Spaniens noch nicht
kannten ^), und gewiss lernte sie Eulogius an der Hand des
Werkes von Aldhelm, das er von der Reise mitgebracht, denn
die „ epigrammatum opera " desselben können nichts anderes ge-
wesen sein, als die Epistola ad Acircium, eine Einführung in
die lateinische Metrik, von welcher nur den Kern gleichsam
die Epigramme, d. h. die Räthsel des Aldhelm, bilden. 5) Und
1) Nach Baudissin S. 92 wurde die Reise i. J. S4S gemaclit. Ton ihr
gibt uns auch interessante IS^achricht ein später an den Bischof von Pam-
plona gerichteter Brief des Eulogius.
2) Eulogii Apologet. §. 15.
3) Porphyrii depicta opuscula — eine Stelle die Morales in seinen An-
merkungen durchaus missverstanden hat.
4) Ibi metricos, quos adhuc nesciebant sapieutes Hispaniae, pedes per-
fectissime docuit (sie) nobisque post egressionem suam ostendit. V. Eulog.
c. II, §. 4.
.5) S. Bd. I, S. 590 ff.
302 Eulogius.
diese metrischen Kenntnisse lehrte Eulogius später seinem
Freunde Alvarus, wie er denn auch seine Bücherschätze gern
andern mittheilte.
Auch nach seiner Freilassung aus dem Gefängnisse (851)
fuhr er fort, die Märtyrer, die immer von neuem noch frei-
willig sich fanden, zu vertheidigen, ja in ihrem Unternehmen
zu bestärken. Diese Unerschrockenheit vereint mit dem Kufe
seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit bewogen die Kirchen-
provinz von Toledo, ihn zu ihrem Erzbischof zu wählen, wohl
die höchste Anerkennung, die Eulogius werden konnte, aber
die Wahl wurde von dem Emir Mohamed, der noch strenger
als sein Vorgänger Abderrahman IL gegen die Christen ver-
fuhr, nicht bestätigt. Nicht lange danach ergriff Eulogius eine
Gelegenheit, um die Meinung, die er durch seine Schriften ver-
treten, auch durch die That zu erhärten, indem er selbst, die
Muslim herausfordernd, vor dem Kadi ihren Propheten schmähte,
und so der Todesstrafe vertiel. Er wurde 859 enthauptet.
Das Hauptwerk des Eulogius ist sein Memoriale Sanctorum^)
in drei Büchern, au dem er Jahre lang gearbeitet, den Ereig-
nissen zum Theil mit der Feder unmittelbar folgend. Dies
„Gedächtnissbuch der Heiligen" war von ihm begonnen noch
ehe er in das Gefängniss geworfen; von dort sandte er das
erste Buch vollendet seinem Alvarus zur Beurtheiluug, ehe er
es publicire. In der Antwort auf dieses Begleitschreiben rühmt
der Freund das Buch in tiberschwänglicher Weise, auch in
formeller Beziehung, indem er des Eulogius Beredsamkeit noch
über die eines Livius, Cato, Demosthenes, Cicero und Quin-
tilian erhebt I
Nachdem der Verfasser in dem Vorworte des Werks er-
klärt, dass er es nicht bloss für die Klöster, wie er ursprüng-
lich beabsichtigt, sondern für die ganze Kirche bestimmt habe,
da das Märtyrthum ein allgemeines geworden, .erzählt er denn
hier noch ausführlich das erste freiwillige Martyrium jener
Zeit, das des Mönches Isaac i. J. 851. Isaac nämlich trat
ohne alle äussere Veranlassung, geschweige denn Nöthigung,
1) So ist der Titel und nicht Memorialis, wie er in den Drucken sicli
findet. — Die Form Memoriale wird bezeugt durch die Epistel des Eulo-
gius au Alvarus, mit der er diesem das erste Buch übersendet, sowie durch
den Eingang und Schluss des letzteren.
Memoriale Sanctorum. 303^
vor den Kadi, um Mohamed zu vei-fluclieu und so die Mär-
tyrerkrone zu erwerben, da auf die Schmähung des Propheten
die Todesstrafe gesetzt war. Da dies Verfahren, im Himmel
sich einen der ersten Plätze und auf Erden nach dem Tode
die Verehrung eines Heiligen zu verschaffen, alsbald mannich-
fache Nachahmung fand, so wurde die muslemische Regierung
gegen die Christen erbittert, und es erhoben sich nun unter
diesen letzteren selbst viele Stimmen, die ein solches Ver-
fahren mit Recht eher für einen Selbstmord als für ein Mär-
tyrthum erklärten, und diese Heiligen nicht anerkennen wollten.
Das erste Buch des Memoriale ist daher nur eine Apologie
dieses Martyriums, indem sich Eulogius bemüht, die gegen
dasselbe gemachten Einwendungen zu widerlegen, namentlich
auch die, warum sich keine Wunder bei demselben begaben.
— In den beiden folgenden Büchern erzählt dann der Ver-
fasser die Thaten der Märtyrer, indem er einem jeden ein
Kapitel widmet, und zwar ist das zweite Buch denen ge-
weiht, welche unter Abderrahman, das dritte denen, welche
unter Mohamed starben. Das Werk ist mit dem Fortschreiten
dieser religiösen Epidemie allmählich selbst fortgeschritten,
der Verfasser wollte ursprünglich mit dem sechsten Kapitel
des zweiten Buchs enden 'j, dann mit dem Schlüsse des zweiten
Buchs, dem schon ein Gebet als Nachwort des Ganzen hinzu-
gefügt ist. Das dritte Buch ist erst nach dem Sommer S56,
aber wohl noch in diesem Jahre abgeschlossen.-) Die Bücher
sind offenbar auch einzeln edirt, wie denn ein jedes seine be-
sondere Praefatio hat.
Unter diesen Märtyrergeschichten ist eine der ausführlich-
sten die im Kapitel acht des zweiten Buchs erzählte zweier
Jungfrauen — wie denn überhaupt das weibliche Geschlecht
stark vertreten ist — Flora und Maria, die Eulogius während
seiner Haft im Gefängnisse traf und tröstete. Die erstere hatte
er schon als Kind kennen gelernt und an ihr ein lebhaftes
Interesse genommen, da sie bereits in frühster Jugend eine
1) Wie denn dies Kapitel mit einem Amen schliesst und das folgende
mit den Worten beginnt: Hucusque finem libri secundi esse decreveram,
hucusque terminum sanctorum ad huiusmodi palaestram currentium esse
putaveram.
2) S. Baudissin S. 142.
304 Eulogius.
asketische Gesinnung zeigte. Diese auch durch leibliche An-
muth und Schönheit ausgezeichnete Jungfrau scheint Eulogius'
Herz ganz gewonnen zu haben, und so ist denn ihre und ihrer
Genossin Passion mit besonderer Theilnahme von ihm ge-
schrieben, und auch selbständig ausser dem Gesammtwerke
herausgegeben. *)
Diese beiden Jungfrauen zu dem Vorhaben ihres Märtyrer-
todes zu stärken, dass sie standhaft bei demselben verharrten^),
richtete Eulogius an sie noch im Gefängniss — wahrscheinlich
weil er sie nicht mehr sprechen durfte — eine Schrift, welche
er selbst Docunientum tnarti/i'H betitelt 3), andre aber später,
wie schon Alvarus in der Vita, Docunientum viartyriale ge-
nannt haben. Auch diese Arbeit sandte er diesem Freunde,
wie die Correspondenz beider zeigt, zunächst zur Durchsicht,
sogar ehe er sie den Jungfrauen selbst zukommen liess. In
dieser Schrift sucht er dieselben gegen alle Drohungen des
Richters zu wappenen, indem er ihnen zugleich die Belohnungen,
die ihnen winken, im glänzendsten Lichte zeigt. Auch hier
bekundet sich seine zärtliche Zuneigung zu Flora, wo er sich
gegen den Schluss mit seinen Worten an sie allein wendet
(§. 20)^), die eine Rose von Dornen erblühte, weil ihr Vater
ein Moslim war. Der König (des Himmels) begehre ihre Schön-
heit. Ein Gebet schliesst das Buch.
Noch ein Buch hat Eulogius geschrieben, welches ge-
wissermassen als eine Fortsetzung des Memoriale erscheint.
Es ist der 857 verfasste Apologeticus Sanctorum, worin die
1) Dies zeigt die besondere Vorrede, welche sich über den Heiligen-
kultus überhaupt verbreitet, und doch sicher von dem Autor stammt.
2) So heisst es §. 12: Rogo vos, sanctae sorores, ne desistatis a coep-
tis, ne cessetis ab inchoatis, ne resiliatis a praeliorum auspiciis, quia non
inchoantibus praemium, sed perseverantibus datur. Und vgl. die Passio
SS. Virginum Florae et Mariae §. 14, wo der Autor dieses Buches
gedenkt.
3) S. den Brief Eulogs an Alvarus und das Prooemium.
4) Schon der Eingang dieser Stelle zeigt es : Sed iam me in portu
silentii constituto, priusquam volumen finem appetat, et sancto inspiramine
educatis arma praeliandi ministrare desistat, tecum mihi paululum loqui
übet. 0 virtutum raeritis florens Flora, sanctissima soror, ut nostrae famili-
aritatis verbum auditu placido captans, secretario cordis recondendum
admittas, nostrumque consultum sanctificatis mentibus tuis ut pii patris
praeceptum reponas.
Documentum martyrii. Apologeticus Sauctorum. 305
Passion noch zweier Märtyrer (Rodericb imd Salomo), die im
März dieses Jahres hingerichtet wurden, erzählt wird. Diese
Erzählung bildet aber nur einen zweiten Theil des Buches,
während der erste (bis c. 20) von neuem eine Apologie des
Martyriums jener Zeit bringt, wonach denn das ganze Buch
seinen Titel erhalten hat." Hier werden denn ausser den im
Memoriale schon widerlegten Einwendungen derer, welche diese
Märtyrer den früheren nicht gleich stellen wollten, auch neue
bekämpft, wie die, dass doch ein Unterschied zwischen dem
Islam, der doch auch den wahren Gott verehren, heisse , und
dem Götzendienste der Heiden sei. Dies bietet nun Eulogius
die Gelegenheit, den Islam und seinen Lügenpropheten anzu-
greifen, wobei er die Lebensgeschichte des letzteren aus einem
in einem Kloster auf seiner Reise gefundenen lateinischen
Werkchen hier mittheilt (c. 16). 0
Alle diese Schriften des Eulogius sind kulturgeschichtlich
von nicht geringem Interesse, namentlich die Märtyrerlebens-
und Leidensgeschichten, welche u. a. recht zeigen, wie weit
damals die Wechselbeziehungen der moslemischen und christ-
lichen Bevölkerung auf dem Boden der Gesellschaft und der
Familie gingen in Folge des Renegatenthums , und wie hart
da die Gegensätze des Islam und des Christenthums auf einan-
der trafen. Diese Märtyrergeschichten, namentlich die grösseren,
deren Helden dem Autor persönlich bekannt waren, sind im
allgemeinen in einem klaren, nicht überladenen, wohl aber
durch die herzliche, oft begeisterte Theilnahme des Verfassers
warm belebten Ausdruck geschrieben. Ueberhaupt findet sich
in Eulogius' Schriften eine natürliche Beredsamkeit, welche
die Individualität des Schriftstellers wohl abspiegelt, der eine
in seiner Nation damals seltene Bildung besass.
Eine ganz andre Persönlichkeit, auch als Autor, war Eu-
logius' Freund, Alvarus. Er war ein angesehener Laie, bei
Cordoba begütert, dessen Vorfahren von jüdischer Herkunft
waren. Er war auch verheirathet und hatte Kinder. Dass er
1) Auch einige Briefe von. Eulogius besitzen wir, von welchen der
lange an den Bischof von Pamplona, Wüiesind gerichtete am interessan-
testen ist. Eulogius hatte dessen Gastfreundschaft genossen und beschreibt
in dieser Epistel, mit welcher er ein Geschenk von Reliquien begleitet,
u. a. seine Reise. Es finden sich da auch historische Notizen von Belang.
Ebeht, Literatur des Mittelalters II. 20
306 Alvarus.
ein Schüler des Speraindeo gewesen, sowie was er Eulogiiis
in seiner Bildung verdankte, ist oben bei diesem bemerkt
worden. Aber nicbt bloss gemeinsame Studien, sondern auch
dieselbe religiöse Gesinnung, zumal in jener Streitfrage über
das Martyrium, verband die beiden Freunde aufs innigste.
Dieser Freundschaft hat Alvarus ein Denkmal in der Vita des
Eulogius gesetzt, namentlich wo er im letzten Kapitel seine
Worte an den Märtyrer selber richtet.
Alvarus schliesst sich auch in seinem bedeutendsten Werke
an die literarische Thätigkeit seines Freundes an. Es führt
dies den eigenthümlichen Titel: Indiculus luminosiis — ein-
leuchtender Nachweis, „weil es", wie der Verfasser selbst im
Eingang den Titel erklärt, „ einleuchtend lehrt, was zu befolgen
ist, und mit offenen Indicien den Feind der Kirche, welchen
alle Christenheit vermeiden muss, zeigt, "i) Dies Werk ist
nach der eigenen Angabe des Verfassers im Jahr 854 ge-
schrieben-), also nach dem ersten Buche des Memoriale des
Eulogius. Alvarus hat aber zunächst dieselbe Aufgabe in
seiner Schrift sich gestellt, als Eulogius in jenem Buche: er
will das angefochtene freiwillige Märtyrthum seiner Zeit
vertheidigen.'^) Es geschieht dies aber zum Theil mit andern
Gründen, und mit grösserer Leidenschaftlichkeit. Alvarus be-
hauptet namentlich energisch, dass es eine Zeit der Verfolgungen
sei, was die Gegenpartei läugnete. Er weist auf die beiden
ersten Märtyrer, ihre Geschichte kurz erzählend, hin, die
allerdings noch von den Ungläubigen zur Schmähung des Pro-
pheten herausgefordert waren. Aus Stellen der Bibel, ins-
besondere des Alten Testaments, sucht er zu beweisen, dass
die Feinde der Kirche zu verfluchen recht sei. — Diese Apo-
logie bildet den ersten Theil der Schrift, entsprechend dem
1) Hie liber ideo liiminosus Indiculus dicitur, quia luminose (Fl. lu-
minasse) quae sequenda sunt, docet, et apertis indiciis hostem Ecclesiae,
quem omnis vitare christianitas debet, ostendit.
2) §. 21 fin. Vgl. Florez a. a. 0. S. 250.
3) S. §. 2 init. : Sed quia siti sunt nonniüli fervore speciali indigni,
amore fidei frigidi, pavore terreno et ictu gladii territi, qui non pressa
voce, sed rauca fauce, dissoluto labio, obtorta lingua Martyrium nostro
tempore gestum invectione minus idonea detrahunt vel sugUlant, et diabolo,
quantum in eis est, palmam victoriae tradere non recusant: nos ipsi sen-
sibus suis respondentes admittant.
ludiculus luminosus. 307
ersten Satz der Titelerklärimg ; von §. 21 an beginnt aber ein
zweiter Theil, worin nun gezeigt wird, dass „der Feind der
Kirche" — welchen der zweite Satz der Titelerklärung an-
führt — der Vorläufer des Antichrist, der Pseudopropheta, und
dieser niemand anders als Mahomed ist, wie denn eben jene
im ersten Theil behandelten Verfolgungen die jüngsten Zeiten
ankündigten. Den Nachweis für seine Behauptung liefert der
Verfasser hier durch Erklärung der Weissagungen Daniels im
c. 7, V. 23—25 und c, 11, v. 36 ff. des biblischen Buches, welche
Stellen Alvarus auf Mohamed bezieht; und ebenso deutet er
in ausführlicher allegorischer Interpretation auf diesen (§. 26 ff.)
die Schilderung des Behemoth und Leviathan im Buche Hiob,
c. 40 f., im Anschluss an Gregors des Grossen Moralia, der
auch unter beiden Thieren den Antichrist versteht. Die Wollust
Mohameds und die Rolle, welche sie in seiner Lehre spielt,
wird in diesen Bildern des Vorläufers des Antichrist mit be-
sonderem Nachdruck in den stärksten Ausdrücken hervor-
gehoben i); wie denn diese Seite des Islam den christlichen
Gegnern immer eine beliebte Zielscheibe ihrer Angriffe war.
— Seine Behauptung dass die Zeit des Antichrist gekommen,
bestärkt der Verfasser am Schlüsse (§. 35) noch auf Grund der
Apocalypse c. 13, v. 17-) durch den Hinweis auf die fort-
schreitende Arabisirung seines Volkes; alle die Unsrigen,
meint er, tragen schon den Stempel (nota) des Antichrist.
Nehmen wir nicht die Beschneidung vor? Ergötzen wir uns
nicht an ihren Versen und ihren Märchen?'^) Und während
1) Und dabei selbst keine Obscöuität gesclieut. S. namentlich §. 23 f. u.
§. 26. Um wenigstens ein gelindes Beispiel dieser heftigen Polemik zu
geben: Quam impurissimi sectam, impurissimi sequipedi amplientes amis-
sarii et adulteri universi sunt facti, dum et propter iuramentum scindunt
coniugium, quod maiore dedecore iterum adulterando coniungunt; et pelli-
ces multiplicando a trigamis vel quadrigamis serviendo femellarii, imo
verius amissarii equi hinnientes seu rudentes asini sunt
universi. §. 23.
2) Et ne quis possit emeie aut vendere, nisi qul habet characterem
aut nomen bestiae aut numerum nominis eius. Vgl. dazu den voraus-
gehenden Vers.
3) — eorum versibus et fabellis milesüs delectamus; viilesiis ist die
unzweifelhaft richtige Emendation Dozy's {II, p. 103 Anm.) für das hand-
schriftliche mite suis, die auch Baudissin adoptirt.
20*
308 Alvarus.
wir die heilige Schrift zu lesen vernachlässigen, studiren wir
ihre Philosophen , vielmehr Philocompen , nicht um ihre Irr-
thümer zu widerlegen, sondern wegen der Eleganz ihres Witzes
und der Fülle ihrer Beredsamkeit. Die gebildete Jugend liest
auf das begierigste die Werke der Araber, von der Schönheit
der Bibel aber weiss sie nichts.') Um ihre eigene Sprache
kümmern sich diese Lateiner so wenig, dass unter tausenden
kaum einer einen vernünftigen Brief darin schreiben kann,
Ghaselen können sie dagegen drechseln, noch besser als die
Mauren selber.
Vergleicht mau diese Schrift des Alvarus mit dem ersten
Buche des Memoriale, so zeigt sich auffallend die grosse Ver-
schiedenheit der Individualität der beiden Freunde: Eulogius
ein Geistlicher von einer innigen schwärmerischen Frömmig-
keit, eine zarte Natur, ein Gelehrter zugleich, dem seine Stu-
dien auch eine Frucht ästhetischer Bildung trugen — Alvarus
dagegen ein Mann von der Thatkraft des Laien, von südlicher
Leidenschaft, in dem das orientalische Blut noch fortwirkt;
er erinnert au Tertullian in seiner apologetischen Heftigkeit,
aber auch mitunter in seiner leidenschaftlich fortreissenden
Beredsamkeit.-) Wenn er sich beherrscht, so vermag er sich
einfach auszudrücken, wie in seiner Vita des Eulogius. Hier
aber in dem Indiculus lässt er seinem Genius freien Lauf: sein
Stil ist da überladen mit Metaphern und Bildern, und er scheut
nicht vor den hässlichsten zurück, wenn sie ihm die treffend-
1) Nonne omnes iuvenes christiani vultu decori, lingua disserti, habitu
gestuque conspiciu, gentilicia eruditione praeclari, Arabico eloqiüo subli-
mati Volumina Caldaeorum avidissime tractant, intentissime legunt, arden-
tissime disserunt et ingenti studio congregantes lata constrictaque lingua
laudando divulgant, ecclesiasticara pulchritudiuera ignorantes et ecclesiae
flumina de paradiso nianantia quasi vilissima contemnentes. Heu prob do-
lor! linguam suam nesciunt Cbi-istiani et linguam propriam non advertunt
Latiui, ita ut omni Christi coUegio vix inveniatur unus in milleno homi-
num numero, qui salutatorias fratri possit rationabiüter dirigere litteras.
So äussert sich offenbar übertreibend unser leidenschaftlich erregter Autor.
2) §. 3. Adicitis: tempus persecutionis non est. Imo ego plus dico:
tempus Apostolorum non est, quia vigor est apostolicus imminutus qui
debuerat semper in pastoribus Christi fervore constantiae et zelo iustitiae
usque ad consummationem saeculi flammas spiritales in adversos eiere et
fomite inluminationis accenso tenebras aevi corusco sidere eoi cUmatis in-
lustrare etc.
Confessio. Briefe. 309
sten scheinen. 1) In dieser Bildersprache schliesst er sich gern
an das Alte Testament an. Sein Stil erinnert hier an den pomp-
haften Ausdruck des spanischen Pathos. Er hat eine natio-
nale Färbung, aber ein Kolorit, das durch semitischen Einfluss
bestimmt erscheint; und man sieht hier zugleich recht, wie
dieser Einfluss mehr noch auf Rechnung des jüdischen Volks-
elements in Spanien, als auf die des maurischen zu setzen ist.
Die zum Islam übergegangenen Christen haben weniger nach-
haltig auf die spätere Entwicklung des spanischen National-
charakters gewirkt, da sie im Maurenthum untergehen mussten,
als die zu Christen gewordenen Juden, in denen das orien-
talische Volkselement unter der Herrschaft der ihnen ver-
wandten Nation der Araber trotz des Christenthums, das sie
aufrichtig bekannten, sich wohl conserviren konnte, zumal sie
doch immer mit der arabischen Bildung vertraut blieben.
In einem ähnlichen, orientalisch, namentlich alttestament-
lieh gefärbten Stile, aber in ruhigerem Tone, ist eine andre,
kleinere Schrift unsers Autors verfasst: seine Confessio, die an
eine dem Isidor beigelegte erinnert und diese zum Vorbild
hat.-) Diese etwas wortreiche Beichte legt doch ein beredtes
Zeugniss von einem tiefereu Gemüthsleben ab.
Ausser diesen Schriften Alvarus' und seiner Lebensbe-
schreibung des Eulogius besitzen wir in Prosa von ihm noch
eine Reihe von Briefen, theils an einen Schwager, Johann von
Sevilla, auch einen Laien, theils an seinen Lehrer Speraindeo,
theils an den zum Judenthum übergetretenen Presbyter Bodo,
der am fränkischen Hofe auferzogen war, gerichtet; sie be-
treffen dogmatische Fragen, namentlich die Dreieinigkeit und
die Christologie, und liegen daher ausser dem Bereich unserer
Betrachtung.
1) Z.B. in der Einleitung : Praecide, Domine, linguae saeculari coeno-
confectae praeputium. ^Yie das letzte "Wort, filr die jüdische Abkunft des
Autors bezeichnend, häufig büdlich angewandt wird, so — auch acht
orientalisch — canis zur demüthigen Bezeichnung des Autors selbst. Die
Kühnheit, beziehungsweise Geschmacklosigkeit des Gebrauchs der Metaphern
zu belegen, seien noch ein paar Beispiele gegeben: flexo cordis poplite
rogans. dumosam mei pectoris inriget terram.
2) Es ist die Oratio pro correptione vitae flenda sc»ij>er peccata.
Appendix XVIII der Ausgabe Arevalo's, T. VII, p. 35S ff. (Vgl. Bd. I,
S. 555, Anm. 1.)
310 Alvarus.
Eudlicli sind uns auch noch Früchte der metrischen Stu-
dien des Alvarus erhalten, in einer Anzahl Gedichte, in wel-
chen selbst nicht selten der metrische d. h. quantitative Cha-
rakter der Verse vom Autor, wahrscheinlich mit einem ge-
wissen Stolz, hervorgehoben wird.') Aber die Verse sind oft
recht mangelhaft, namentlich wird auch gegen die Quantität
selbst über die Grenze der in der christlichen Poesie schon
länger üblichen Freiheiten gefehlt^}, sowie gegen das Gesetz
der Elision. Diese Gedichte sind zum Theil ganz weltlicher
Natur, wie eins auf die Nachtigall in Distichen in Anlehnung
an das dem Eugen von Toledo beigelegte'^) und ein andres
auf den Pfau in Hexametern, aber gerade diese Gedichte er-
scheinen als Schulübungen, gleichsam nach Vorbildern ge-
arbeitet, wie denn im ersten Worte, Wendungen, ja ganze
Verstheile aus der Vorlage entlehnt sind. Auch in den geist-
lichen Gedichten des Alvarus, welche alle mit einer Aus-
nahme in Hexametern geschrieben sind, zeigt sich die Schüler-
haftigkeit und geringe Gewandtheit des Autors in Wieder-
holungen derselben Gedanken, Schilderungen und Worte. ^)
Was den Inhalt betrifft, so findet sich ein längeres Gedicht
auf ein Bibelwerk, das ein Leovegild (wahrscheinlich ein
Presbyter, der ein Buch De habitii clei^icorum damals verfasst
hat"")) zusammenschreiben Hess, ferner Verse zum Lobe des
Kreuzes , und andre zum Lob des Hieronymus ; interessanter
sind die Verse welche sich auf eine schwere Krankheit, viel-
leicht die letzte, des Autors beziehen, eben durch diese Be-
ziehung, aus der sich ein Beitrag zu seiner Charakteristik
ergibt. '^) Auch in der Lyrik hat sich Alvarus versucht in
1) So z. B. in VII, V. 4 bei Florez, p. 280: metrice secl ecce reboat
(sc. Alvarus); ebenso VIII 1. 1. p. 286 oben: Alvarus baec metrice longa
per saecla reboat. Vgl. auch 1. 1. III v. 15, u. den Hymnus auf Eulogius
Str. 2, V. 4.
2) Es ist interessant zu beobachten, wie dabei der Einfiuss der Be-
tonung sich geltend macht in einer der eigen thümlichen spanischen Be-
tonung entsprechenden VVeise, so findet sich: vineränt für veneräntur,
ganz entsprechend dem spanischen veneran.
3) S. Bd. I, S. 570 Anm. 2.
4) Man vergleiche nur VI u. VII bei Florez.
5) S. Florez a. a. 0. p. 517.
6) "Wenn auch Eugen ein Gedicht: Querimonia aegritudinis propriae
Gedichte. 311
einem Hymnus auf den heil. Eulogius für dessen Festtag in
vierzeiligen Strophen von kleineren asklepiadeischen Versen:
darin wird namentlich das Martyrium des zum Heiligen ge-
wordenen Freundes gepriesen, jedoch in keiner besseren
Sprache und Metrik als in den andern Gedichten unsers
Autors. 1)
SIEBZEHNTES KAPITEL.
VOLKSMÄSSIGE RYTHMISCHE DICHTUNG.
Dass auch in dieser Periode die volksmässige, rjthmische
Profandichtung-) gepflegt wurde, haben selbst einzelne Gedichte
berühmter Autoren, eines Raban, Gottschalk und Sedulius ge-
zeigt. Aber wir können noch eine grössere Zahl Gedichte
unbekannter Poeten hinzufügen, die wir zunächst hier soweit
als möglich chronologisch geordnet aufführen, um hernach zu
einer allgemeineren Betrachtung dieser immer mehr aufblühen-
den, für die spätere Poesie in den Volkssprachen so wichtigen
Dichtung zu schreiten.
Ganz in den Anfang der Periode fällt ein Phmctus^ Klage-
lied, auf den Tod Karls des Grossen in iambischen Tri-
metern^), in verschiedenen Handschriften abweichend über-
verfasst hat, so zeigt das des Alvar mit diesem doch keine Verwandt-
schaft.
1) Bemerkenswerth ist noch, dass am Schluss der Verse auf das Kreuz
die letzten fünf Hexameter in ore auslauten. Am Ende des Gedichts auf
Hieronjnnus finden wir zehn leoninische Hexameter, worauf schon Amad. de
los Rios a. a. 0. p. 116 Anm. 1 aufmerksam gemacht hat: aber diese
Verse gehören nicht zu dem Gedicht , was Florez in einer Anmerkung
richtig anzeigt, de los Rios aber gar nicht beachtet hat; sie scheinen gar
nicht von Alvarus zu sein, und können aus einer weit späteren Zeit
stammen.
2) Worin wir hier auch Gedichte geistlichen Inhalts, die nicht kirch-
lichen Zwecken dienten, einbegreifen. — Bei der Angabe der Versmasse
in diesem Kapitel sind selbstverständlich immer rythmische zu verstehen.
3) Du Meril, Poesies populaires latines anterieures au XU. siecle.
Paris IS43. p. 24.3 f. — In: Einhardi ^•ita Karoli magni in usum scholar.
ed. Pertz. Hannover 1S4.5. p. 40 ff. Dümmler, N. A. S. 151 f.
312 Rythmische Dichtung.
liefert.') Höchst walirscheinlich ist er von einem Mönch des
Klosters Bobbio verfasst.^)
Vom Sonnenaufgang bis zu den westlichen Meeresgestaden,
beginnt das Lied, schlägt die Klage die Brust 3) Franken,
Römer und alle Gläubigen quält der Kummer, die Thränen-
ströme hören nimmer auf, der ganze Erdkreis beklagt den
Tod Karls. Wehe dir, Rom, und dem römischen Volke, das
den höchsten, ruhmvollen Karl verloren, wehe dir, verwaistes
schönes Italien! — Christus soll Karl die ewige Ruhe geben,
der heil. Columban für ihn bitten. — Der Dichter gibt aber
zugleich seinem persönlichen Schmerze Ausdruck, indem jeder
Strophe ein Refrain folgt: Wehe mir Armen, und an einer
Stelle in den Worten: die Nacht erzählte (retulit) mir schreck-
liche Träume, und der helle Tag brachte mir kein Licht!
Durch dieses subjective Moment wird der Eindruck des Ge-
dichts wesentlich verstärkt, das einer gewissen einfachen
Grösse nicht entbehrt.
Hierauf folgen erst aus den vierziger Jahren wieder da-
tirbare rythmische Gedichte; zunächst eins in trochäischen
Tetrametern*) auf die Schlacht von Fontanetum 841, die
blutigste des Bruderkrieges der Söhne Ludwigs, in welcher
Lothar mit Pippin gegen Karl den Kahlen und Ludwig den
Deutschen focht, und die letzteren siegten. Das Gedicht ist
von einem Mitkämpfer, der sich in ihm selbst Angelbert
1) In der erweiterten Gestalt bei Pertz finden sich o£Fenbar längere
Interpolationen , sie erscheint als das Werk eines Franken , aus der Zeit
der Bürgerkriege unter Ludwig dem Frommen. S. die Strophe Francia
diras pei'pessa iniurias, die sicher auch interpolirt ist.
2) Wie die Anrede an den heil. Columban, der Klageruf über Italien
zeigt.
3) A solis ortu usque ad occidua
Littora maris planctus pulsat pectora.
Heu mihi misero!
4) Du Meril a. a. 0. p. 249 ff. — In: Nithardi histor. libri IV in usum
Scholar, ed. Pertz. Ed. II. Hannover 1870. p. .56 f. — Angilberts Rythmus
auf die Schlacht von Fontanetum nach den Papieren von Pertz herausgeg.
von Dümmler. Aus den zu Ehren Mommsens herausgeg. Abhandl. 1877. —
— Dümmler, N. A. S. 267. — Meyer v. Knonau , Ueber die Schlacht von
Fontanetum in dessen : Ueber Mthards vier Bücher Geschichten, Excurs VI,
S. 136 ff.
Karls des Grossen Tod. Fontanetum. 313
nennt') und auf der Seite Lothars stand, verfasst. Er zeigt
gelehrte Bildung und war vielleicht ein Geistlicher. Die
Schlacht wird, und mit Recht, als ein Verwandten- und Chri-
stenmord, über den die Hölle sich freue, hingestellt, Lothar
aber als ein durch Gottes Eechte beschirmter Held, der für
seine Person siegreich war, aber von seinen Herzögen wie
der Heiland von Judas verrathen wurde, — Das Gedicht ist
nicht ohne poetische Züge. So schildert es das Schlachtfeld,
das von den leinenen Gewändern der von den Heeren Karls
und Ludwigs Gefallenen weiss glänzt, wie die Fluren im Herbst
von den Vögeln. Die Schlacht ist keines Lobes werth, kein
Lied soll sie besingen. Verflucht sei der Tag, der ausgetilgt
werde aus jedem Gedächtniss. Die Sonne soll an ihm nicht
leuchten, das Morgenroth die Dämmerung nicht verscheuchen.
Und welche Nacht folgte dem Tag, in der sich Klage und
Schmerz mischten! 0 der Trauer und des Wehs! Die Todten
entblösst, sind eine Speise der Geier, Raben und Wölfe. Der
Dichter kann den Jammer nicht weiter schildern; mag ein
jeder wie viel er kann seine Thränen trocknen und für die
Seelen der Gefallenen den Herrn anflehn. — Das Gedicht ist
ein Abecedarius, geht aber nur bis P.-) Ein tiefes sittliches
Leid spricht aus ihm, das nur der Ausdruck der öffentlichen
Meinung war, der Kämpfer auf beiden Seiten. Bemerkens-
werth ist, wie offen bei diesem Gedicht das subjective Moment
in der Darstellung hervortritt.
Auch eine Frucht der Bürgerkriege ist ein Klagelied in
iambischen Trimetern-^) auf den Tod des Hugo, Abt von
St. Quentin, der in einem Gefecht bei Toulouse 844 fiel. Er
1) Hoc autem scelus peractum
Quod describi ritmice,
Angelbertus ego vidi
Pugnansque cum aliis;
Solus de multis remansi
Prima frontis acie.
Ed. Pertz. — In der von Dümmler edirten Posener Handschriften hat der
Name die Form: Engelbertus.
2) Und auch nur in zwei Handschr., worunter aber die älteste, wäh-
rend in einer nur bis N. — Die Handschriften weichen öfters beträcht-
lich von einander ab.
.3) Du Meril a. a. 0. p. 251 ff. Dümmler, N. A. S. 2G7.
314 Rythmische Dichtung.
war ein natürlicher Sohn Karls des Grossen, der von dem
argwöhnischen Ludwig dem Frommen zum Geistlichen ge-
macht, später aber in Gnaden aufgenommen, sein Erzkanzler
geworden war. Er stand auf der Seite Karls des Kahlen in
dem Bruderkriege, und fiel, als er mit andern Grossen, na-
mentlich Geistlichen, dem Toulouse einschliessenden Neffen zu
Hülfe zog, durch einen Ueberfall Pippins, denselben bei wel-
chem auch Lupus gefangen genommen wurde. Dies gefühl-
volle Gedicht scheint auch das Werk eines Deutschen zu sein,
worauf auch die unlateinischen Nameusformen Hug, Karroff,
Karli wohl hinweisen. „Hug, süsser Name — beginnt das Ge-
dicht — Hug, edler Spross des mächtigen durchlauchtigen
Fürsten, unschuldig in den Waffen, so plötzlich erlagst du ver-
wundet!" — Aber warum wagtest du auch Karl zuzuziehen, den
der Kaiser Ludwig so gern vom Sohn zum König machte?
fährt der Dichter fort, indem er durch das ganze Klagelied
die poetisch wirksame Anrede an den Todten beibehält. —
Darum war Hugo doch nicht zu durchbohren und zu zerfleischen,
da er immer jedem vielmehr zu nützen als zu schaden liebte
— ein Satz der refrainartig am Schlüsse der zwei letzten
Strophen sich wiederholt, gleichsam die Quintessenz seines
Lobes. Selbst sein Gegner Pippin beweinte ihn, als er ihn
nackt da liegen sah im Staube des Schlachtfelds und wünschte
ihn in das Leben um jeden Preis zurück. In Karroff soll er
ehrenvoll bestattet werden i), wie er wünschte. Welche schöne
Erscheinung war er vor allen andern ; kein Verbrechen, keinen
Eaub hätte er begangen — im Kriege nämlich — , er der so
sanft war, da er immer jedem vielmehr zu nützen als zu
schaden liebte.'-)
In dieselbe Zeit ungefähr, d. h. zwischen 844 und 849
fällt ein polemisches Gedicht, ein Schimpflied möchte man
sagen in trochäischen Tetrametern 3), gegen Aquileja, ins-
1) Karroff honeste coUocetur tumiilo: diese Stelle zeigt, dass das
Gedicht noch vor dem Begräbniss, also bald nach dem Tode 844 verfasst
ist. Karroff ist die Abtei Charroux in Poitou.
2) Non crimen ullum, non rapinam quamlibet
Tu perpetrasses, cum fores mitissimus,
Cum plus prodesse quam nocere cuique
Semper amares.
3) Du Meril a. a. p. 261 &. — Dümmler, N. A. S. 118.
Hugo. Aquüeja. Gloima. 315
besondere seine geistliche Oberherrliclikeit über die Kirche
Venedigs, oder genauer, gegen eine Wiederherstellung der-
selben. Es ist offenbar von einem Venezianer Geistlichen an
die „aiigustales principes" (v. 6), d. h. wie der Schluss des
Gedichts zeigi, Kaiser Lothar und seineu Sohn Ludwig, der
844 zum König der Langobarden gekrönt wurde, gerichtet.
Die schlimmen Schicksale der „einst herrlichen Stadt" seit
ihrer Zerstörung durch Attila werden von dem Dichter als ein
göttliches, von ihr verdientes Strafgericht gezeichnet, da sie
Verbrechen auf Verbrechen häufte. Ihrem ..dem Himmel und
der Erde gleich verhassten Volke" wird das leuchtende und
berühmte Venedigs, das alle Nationen an Huld übertrifft,
gegenübergestellt. 1) — Das Gedicht ist ein Abecedarius und
von ziemlich rohem imgeleuken Ausdruck.
Hiernach ist zu nennen ein 39 Strophen langes episches
Lied in iambischen Dimetern-) auf die Zerstörung des Klosters
Glonna in Poitou durch den Bretonenfürsten Nominoi und
seine Wiederherstellung durch Karl den Kahlen i. J. 850.
Der Verfasser, ohne Frage ein Mönch des Klosters, wünscht
sich zunächst in einem recht gelehrt kunstmässigen Eingang'^)
die süssen Weisen des Orpheus, so dass ihm Flüsse und Berge
antworten sollen; dann gedenkt er der Gründung des Klosters
durch Karl den Grossen, seiner und Ludwigs Schenkungen,
darauf der traurigen Bürgerkriege und der Theilung des Reichs,
sowie des Aufkommens des Nominoi, der, ein armer Bauer,
durch Auffindung eines grossen Schatzes und durch Trug zur
Macht gelangt, die innere Zwietracht im Frankenreiche be-
nutzt und in dasselbe plündernd einfällt. Auch von dem
Kloster verlangt Nominoi Unterwerfung und als diese ver-
weigert wird, übergibt er es den Flammen. Der Schutzheilige
desselben, Florentius straft ihn aber alsbald durch Lähmung.
Hiernach wird noch erzählt, wie Karl das Kloster, es wieder-
1) Lucida Venetiarum semper gens et inclvta
Omnes nationes prima superat per gratiam:
Sine fine, tirma fide, destruens mendacia.
2) Du MerU a. a. 0. p. 255 ff. Dümmler, N. A. S. 296.
3) Dulces modos et carmina
Praebe, lyra Threicia.
Comraota quis cacumina
Planxere hyperborea.
316 Rytbmische Dichtung.
herzustellen, beschenkte. Mit einer Aufforderung zur Freude
zum Gesänge und dem Anruf des Heiligen endigt das Lied,
das trotz seines, wenn man von dem Wunder des heil. Floren-
tius absieht, ganz profanen Charakters auch in der Kloster-
kirche — wohl nur zum Theil wenigstens — gesungen
sein sollJ)
Genauer datirbar ist noch eins dieser Gedichte, das sich
auf ein Ereigniss des Jahres 871 bezieht, und sehr bald nach
demselben verfasst sein muss. Es ist ein Abecedarius in tro-
chäischen Tetrametern 2), worin das von der Stadt Benevent
an Kaiser Ludwig IL im genannten Jahre verübte Verbrechen
der Welt verkündet wird, wie denn das Gedicht mit der
Strophe beginnt : Höret alle Enden der Erde mit Abscheu und
Trauer, welches Verbrechen von der Stadt Benevent begangen
wurde: Ludwig den heilig -frommen Kaiser nahmen sie ge-
fangen. 3) In der That hatten sich die Beneventaner, an ihrer
Spitze der Herzog Adalgisus, des Kaisers am 13, August be-
mächtigt und gaben ihn erst am 17. September frei. Dies
Ereigniss^) machte um so grösseres Aufsehen im ganzen Franken-
reiche, als Ludwig eben die Saracenen Italiens mit grossem
Erfolge bekämpft hatte. Das unter dem Einfluss der Volks-
sprache im Ausdruck rohe, unvollständig erhaltene'') und durch
schlechte Ueberlieferung in seinem Text entstellte Gedicht ist
zum guten Theil unverständlich. Eine gewisse dramatische
Lebendigkeit erhält es durch die eingeschalteten Reden, wie
der Beneventaner und des Kaisers.
Mindestens dieser, wenn nicht schon der vorausgehenden
Periode gehören eine Anzahl rythmischer Gedichte an, welche
Dümmler in der Zeitschrift für deutsches Alterthum, Neue
Folge Bd. XI, S. 261 ff., zum Theil zum ersten Male, publicirt
1) S. Du Meril p. 259, Note 5.
2) Du Meril a. a. 0. p. 264 if. — Dümmler, N. A. S. 154.
3) Audite omnes fines terrae orrore (Du M. errorej cum tristitia,
Quäle scelus fuit factum Benevento civitas!
Lhuduicum comprenderunt sancto-pio-augusto.
4) S. über dasselbe Dümmler, Gesch. des ostfränk. Reichs I, S. 711 fF.
5) Es geht nur bis zur Strophe M, die, soweit man sieht, noch keinen
Abschluss bietet; auch fehlt die Strophe H, während I ii-rig ans Ende ge-
setzt, des dritten Verses entbehrt.
Beneveat. Parabel. Abt von Angers. 317
hat, mit der Vorbemerkung dass sie „dem Alter der Ueber-
lieferung nach spätestens in das neunte, vielleicht schon in das
achte Jahrhundert gesetzt werden müssen."')
Das erste dieser Gedichte, hier Parabel genannt, ist ein
Zahlenräthsel, in sechs Strophen von je fünf Kurzzeilen. Das
Räthsel ist an eine Erzählung geknüpft, die zu ihm in keinem
inneren Zusammenhang steht und auf welche sich die Be-
zeichnung ..Parabel" zunächst allein bezieht. Ein Knabe jagt
einen Eber, er tödtet ihn, aber vor ihm zurückweichend, tritt
er auf eine Natter, die zwar hierdurch auch stirbt, dem Knaben
aber noch eine tödtliche Wunde beibringt, so dass sie also
alle sich „gegenseitig den Tod geben". Die Mutter ruft dann
bei der Nachricht unter Thränen aus: "Wenn du, mein Sohn,
noch so lange gelebt hättest, als du gelebt hast, und noch
einmal soviel und dazu die Hälfte und noch ein Jahr, so hättest
du 100 Jahr gelebt.^)
Das zweite Gedicht ist ein scherzhaftes Spottlied auf einen
Abt von Angers, beziehungsweise auf diese Stadt selbst, in
trochäischen catalectischen Trimetern, fünf Strophen von fünf
Zeilen, wovon die letzte ein freier gebildeter Refrain, worin
Bacchus (Liber) gepriesen wird. So ist das Spottlied zugleich
ein Trinklied. Die Audegaver, heisst es da, sollen einen Abt
haben, der noch mehr trinkt, als alle andern Andegaver. Er
lässt nicht Tag, noch Nacht vorübergehn, dass er nicht satt
vom Weine schwanke, wie ein Baum im Winde. Sein Leib
ist unverweslich, mit Wein, wie mit Aloe, ganz gewürzt; und
wie mit ^lyrrhe Leder gebeizt wird, so wird seine Haut mit
Wein gefärbt. Nicht mit einem Becher schöpft er aus dem
Fasse sacht, sondern mit Töpfen und zwar über die Massen
grossen. An den denkt Andegavium und gesellt sich keinen
solchen mehr, der so immer Wein kann schlürfen; seine
Thaten lasst euch, Bürger, malen. Eia, eia Lob, eia Lob dem
Bacchus sagen wirl
Die beiden folgenden Gedichte behandeln alttestament-
liche epische Stoffe zum Theil im strengen Anschluss an ihre
1) Vgl. dazu meinen Aufsatz: Zu den carolingischen Rythmen. in der-
selben Zeitschr. N. F. Bd. XII, S. 144 ff.
2) Die Auflösimg ist: der Knabe war 16',2 Jahr alt, nämlich:
I6V2 X 2 : 33 X 2 : 66 + 33 + 1 = 100.
318 Rythmische Dichtung.
Quelle, das eine die Erzählung von Judith und Holofernes
in trochäischen Tetrametern (nach Judith c. 2 ff.)')? das andre
die von der Esther, ein Abecedarius in iambischen Tri-
metern (nach Esther c. 1 — 9). Das erste Gedicht ist nur
fragmentarisch erhalten, d. h. der Anfang und das Ende,
während das mittlere Hauptstück fehlt. Das erste Stück (zwölf
Strophen) schliesst mit der Belagerung Bethuliens, und zwar
mit dem Abschneiden des Wassers durch Holofernes c. 7, v. 11.
Das Schlussstück (ein Vers und sechs Strophen) beginnt mit
der Entdeckung des Mordes c. 14, v. 14 und erzählt dann den
Sieg der Juden und dessen Feier. Die beiden letzten Strophen
aber enthalten die Nutzanwendung für die Christenheit: jener
Gott, heisst es da, der die übermächtigen Assyrer schlug, mag
auch die ungläubigen Heiden vernichten-); woran sich dann
ein Gloria auf die Dreieinigkeit schliesst. — Obgleich die
biblische Erzählung in dem Gedichte natürlich nur im Umriss
wiedergegeben ist, so findet sich doch hier und da im Aus-
druck selbst einzelnes entlehnt. Die Darstellung ist übrigens
dramatisch lebendig und schreitet rasch fort.
Das andre Gedicht erzählt''), noch mehr die biblische Vor-
lage kürzend, die Vermählung des Assyrischen Königs Assuerus
mit Esther, den Conflict seines Veziers Aman mit der Esther
Oheim Mardochaeus und den Sturz des ersteren durch die
Königin und damit die Rettung der von jenem mit Vernichtung
bedrohten Juden, die nun selbst an ihren Feinden Rache
nehmen dürfen. „Christus, der die Gebete erhört, rettete sein
Volk vom Verderben. " „ Ruhm ihm dem unbesiegten Könige ! "
— So werden auch hier die Juden gleichsam als die Vor-
fahren der Christen gefeiert. — Beide Gedichte erhalten so
durch ihren Schluss einen etwas geistlichen Charakter, der
1) Schon bei Du Meril a. a. 0. p. lS4f. , aber unvollständiger.
2) nie deus qui percussit castraque Assyrios,
In virtute sua magna et in forte brachio,
Perdat gentes paganorum domino incrediüas.
3) Es beginnt mit der folgenden Strophe:
Ampla regalis Susis dicta civitas,
In qua regnare Asuerus ceperat,
Regnans ab India usque Aethiopiam
Centum viginti et Septem provincias.
Judith. Esther. Lazarus. Eustasius. 319
aber doch nicht, am wenigsten beim zweiten, an einen kirch-
lichen Gebrauch denken lässt.
Das fünfte Gedicht behandelt einen neutestamentlichen
Stoff, die Parabel vom Reichen und Lazarus, nach Lucas
c. 16, V. 19 ff., in trochäischen Tetrametern. Es schliesst sich
zum grossen Theil so unmittelbar seiner Vorlage an, dass die
Worte so viel als möglich beibehalten sind,, ja dass ganze
Halbverse "Wort für Wort der Bibel entlehnt sind. 0
Das letzte der Gedichte ist inhaltlich und metrisch von
besonderem Interesse. Auf die eigenthümliche Versbildung
komme ich weiter unten zurück, hier sei nur bemerkt, dass
es aus 4-4 Strophen von je fünf Langzeileu besteht. Es ist
die älteste poetische Behandlung der im Mittelalter so belieb-
ten, in den verschiedenen Nationalliteraturen in Prosa wie in
Versen, auch in mannichfach veränderter Gestalt bearbeiteten
Legende vom heil. Eustachius.-) Er hiess als Heide Placidas
und war nach unserem Gedicht unter Trajan Magister mili-
tum, reich und tapfer, aber auch ein Freund der Armen. Ein
„grosser Waidmanu und Bogenschütze" sah er einst auf der
Jagd einen glänzend weissen Hirsch; er verfolgt ihn lange,
da erblickt er den Hirsch die Spitze eines Felsen erklimmen
und zwischen seinen Geweihen das Bild des gekreuzigten
Christus, und vernimmt eine Stimme, die ihm (wie einst dem
Saulus) zuruft: Warum verfolgst du mich? Ich bin Jesus, an
den du zwar nicht glaubst, den du aber in guten Werken zu
verehren scheinst. Placidas fragt erschrocken, was er thun
soll. Er wird an einen christlichen Priester gewiesen. Hier-
auf lässt er mit seinem ganzen Hause sich taufen, und erhält
seinen christlichen Namen, der in unserm Gedichte Eustasius
lautet. In den Wald zurückgekehrt, hört er wieder die Stimme
1) So im Anfang Homo quidam erat dives vgl. 1. 1. v. 19, Str. 5 Mor-
tuus est autem dives vgl. v. 22 (wo allerdings noch et vor dives einge-
schaltet); oder nur mit Umstellung: Str. 3 ulcera eins lingebant vgl. v. 21:
et lingebant ulcera eins. Die Strophe 1 1 ist in diesem Gedicht nach Str. 8
zu stellen.
2) S. Acta S. S. Boll. Sept. T. VI p. 123fi'., und über die Verbrei-
tung der Legende in der mittelalterlichen Literatur: Dos obras didäcticas
y dos lej'endas sacadas de manuscritos de la Biblioteca del Escorial ; dalas
ä luz la Sociedad de Bibliötilos espanoles. (Dr. Hermann Knust ist der
Herausgeber.) Madrid 1878. p. 107 ff. u. vgl. p. 87 ff.
320 Kytlimische Dichtung.
des Herrn, die ihm verkündet, er werde viel Unglück haben,
schliesslich aber die Märtyrerkrone erhalten. Nun werden seine
Leiden erzählt. Pestilenz befällt sein Haus, Räuber stehlen
sein Vermögen ; nichts bleibt ihm von aller seiner Herrlichkeit
übrig als sein Weib und zwei Knaben. Weil er den Nach-
barn ein Spott, zieht er mit ihnen heimlich weg gen Aegypten.
Der Schiffer aber, der sie über das Meer setzt, raubt das
schöne Weib und Eustasius entgeht mit seinen Kleinen kaum
dessen Nachstellungen. Mit ihnen kommt er zu dem Ufer
eines Flusses, er trägt den einen Knaben hinüber und kehrt
um, den andern zu holen; als er mitten im Flusse, sieht er
einen Löwen den einen, einen Wolf den andern rauben. Die
Kinder werden später aber gerettet von Hirten und Bauern.
Der verzweifelte Vater wollte sich ertränken, da gedachte er
des Worts des Herrn. Weinend zieht er nach Aegypten weiter,
wo er Feldhüter wird. Zwölf Jahre vergehen: da fallen die
Barbaren in Pannonien ein; der Kaiser sammelt ein Heer und
erinnert sich nun des Placidas, der es führen soll. Er sendet
darauf in alle Lande Soldaten aus, ihn aufzusuchen. Zwei ent-
decken ihn, obwohl er sich verläugnete, an einer Narbe.
Zurückgeführt, wird er vom Kaiser mit Schätzen überhäuft
und an die Spitze des Heeres gestellt. Als er sich den Gren-
zen Pannoniens nähert, strömen von allen Seiten ihm junge
Krieger zu. Darunter sind auch seine zwei Söhne, die sich
gegenseitig zu erkennen geben und zwar in Gegenwart ihrer
Mutter, die sie durch ein Fenster belauscht — denn der Schiffer
wohnt dort. Die Mutter will dann dem Feldherrn ihre Ge-
fangenschaft klagen, dabei erkennt sie ihren Gemal, und die
ganze Familie findet sich also wieder. — Der Name des Pla-
cidas aber schlägt schon allein die Barbaren in die Flucht.
Dem zurückkehrenden Sieger kommt der „Cäsar gewordene"
Hadrian entgegen. Eustasius aber verweigert zugleich mit den
Seinigen den Göttern zu opfern, indem sie sich als Christen
bekennen. Sie werden darauf einem Löwen vorgeworfen ; der
jedoch beleckt nur die Füsse der Heiligen. Nunmehr werden
sie in einem eherneu Stier verbrannt, nachdem Eustasius Gott
gebeten, ihren Leibern ein gemeinsames Begräbniss zu ge-
währen. Diese Bitte wird erfüllt, und ihr Märtyrthum erwirbt
ihnen die Gemeinschaft mit Christus.
Noch gehört diesem Zeitabschnitte ein merkwürdiges ryth-
Alexander der Grosse. 321
misches Gedicht an, das einen Stoff aus dem Altertlium be-
handelt, der einen der Hauptsagenkreise der späteren mittel-
alterlichen Epik bildet. Es ist ein, wie es scheint, nur frag-
mentarisch erhaltener Abecedarius in trochäischen catal. Tetra-
metern'), welcher Alexander den Grossen auf Grund der
aus dem Orient überlieferten Sage besingt. Alexander wird hier
aber nicht als Kriegsheld, als Besieger des Orients, sondern als
kühner Reisender gefeiert, der die ganze Welt, Länder wie
Meere durchzogen. 2) Er ist auch der Sohn eines Philisters
und einer Bethanierin; von seiner königlichen Herkunft und
Stellung ist nirgends die Rede. Nur Reisewunder werden be-
richtet. So besucht er das in Fiusterniss begrabene Land, aus
dem die Edelsteine stammen 3); in der Wüste fängt er ein Thier,
halb Pferd, halb Stier — eine Erinnerung an den Bucephalus ;
er tödtet zahllose wilde Bestien; und macht die Luftfahrt mit
den Greifen, als er hierbei in Lebensgefahr schwebt, gelobt er
zu Gott, eine Stadt zu bauen, da, wo er herabkäme. Dort
gründete er in der That Alexandria. Dies ist der Inhalt des
Stücks.
Wenn wir nun die ryth mische Profandichtung dieser
Periode zugleich mit der der vorausgehenden hier überblicken,
so finden wir einmal unter den Verfassern die verschieden-
sten Nationalitäten vertreten: Romanen und Germanen, letztere
theils rein, theils romanisirt, und Iren. Iren sind: der Hiber-
nicus exul und Sedulius^); reine Germanen: Raban, Gottschalk,
und vielleicht die Verfasser der Einhard beigelegten Passio
und des Klagelieds auf den Abt Hug, (dazu wissen wir we-
nigstens von dem Angelsachsen Alcuin, dass er solche Ge-
il Er geht nur bis zum Buchstaben J. ^ Herausgeg. von Zarncke:
Ueber das Fragment eines lateinischen Alexanderliedes in Verona. In den
Berichten der k. sächs. Ges. d. Wiss. Philol. hist. Cl. IST". Bd. 2y, S. 57 ff.
2) Dies besagt schon die erste Strophe:
Alexander puer magnus circumivit patriam
Usque ad raare oceanum, civitates, insulas.
Ante [quam] Christus fiat natus ex Maria virgine.
Patria hat hier, wie auch sonst im ]\Iittelalter die Bedeutung von terra,
und ist daher nicht zu ändern.
3) Vgl. Zacher, Pseudocallisthenes, Halle 1S67. S. 141.
4) Zu ihnen gesellt sich auch noch Dicuil, s. das letzte Kapitel.
Ebeist, Literatur des Mittelalters II. 21
322 - Eythmische Dichtung.
dichte gemaclit hat')); romanisirte Germanen: der Langobarde
Paulus Diacouus, der Westfranke Angelbert, wohl auch der
Verfasser des Spottgedichts auf Angers ; Komanen : Petrus von
Pisa, Paulin von Aquileja und der Venezianer, der das Schimpf-
lied auf diese Stadt dichtete. (Ausserdem sahen wir, dass in
Spanien die rythmische Poesie überhaupt und lange Zeit allein
gepflegt ward 2)). Die uns bekannten Autoren sind Gelehrte oder
Kleriker, alle aber zeigen mehr oder weniger wissenschaftliche
Bildung. Wir machen ferner die Beobachtung, dass einzelne
dieser rythmischen Dichtungen keinen volksmässigen Inhalt
haben, auch nicht an das allgemeine Publikum sich wenden,
wie der Wechselgesang des Paulus Diaconus und Petrus von
Pisa, die Gedichte der beiden Iren und die Lieder des Gott-
schalk. Hier erscheint denn auch die populäre rythmische
Form zum Scherz angewandt, wie ja auch Alcuin die Tafel-
runde Karls gerade mit solchen Gedichten unterhielt. Von
diesen Gedichten exclusiven Charakters absehend, können wir
in Bezug auf den Inhalt folgende Kategorien unterscheiden:
1 ) S c h 1 a c h 1 1 i e d e r , so das auf Pippins Sieg über die Avaren
und das auf die Schlacht von Fontanetum, das erstere ein
Triumphlied, das andre ein Klagelied; 2) P 1 an c tu s, Klage-
lieder, so das auf den Tod Erichs, Karls, Hugs, auf den Fall
Aquileja's; 3) Schimpflieder, wie die gegen Benevent und
Aquileja und gegen den Abt von Angers gerichteten; 4.) er-
zählende Gedichte, wie die Legenden oder die biblische
Geschichte behandelnden, sowie das Alexandergedicht und das
auf die Zerstörung von Mont-Glonne, wozu denn auch das
Gedicht des Raban und die das Räthsel enthaltende Parabel,
sowie das Gedicht des Paulus A principio seculorum zu rechnen
sind, welches letztere allerdings mehr aufzählt als erzählt.
Betrachten wir nun die in diesen Gedichten angewandten
Versarten, so findet sich am häufigsten der aus dem trochäischen
Tetrameter catal. hervorgegangene rythmische Vers, der also
nach der vierten Senkung eine Cäsur hat, welche die Lang-
1) Dies bezeugt namentlich eine Stelle in Theodulfs Gedichten, 1. III,
c. 1, V. 136, wo es bei der Schilderung von der Unterhaltung an Kai'ls
Tafel (s. oben S. 79 f.) von Alcuin heisst: Et solvat numeri vincla fa-
vente ioco.
2) S. oben S. 300, Anm. 3 und S. 301, Aum. 4.
Trochäische Rythmen. 323
zeile in zwei Hemistichen zerlegt; er erscheint, wie in der
christlichen Dichtung schon bei Prudentius '), zunächst zu drei-
zeiligen Strophen verbunden, die zu sechszeiligen werden kön-
nen, wenn die Hemistichen als selbständige Verse nicht bloss
geschrieben, sondern auch — und namentlich im Gegensatz zu
den Langzeilen — durch den Reim gebunden werden. Letz-
teres kommt aber hier nur in ein paar Gedichten und auch
da nur ausnahmsweise vor.-) In dieser Versart sind verfasst
einmal die Gedichte der ersten Kategorie, und mit Eecht:
war doch der trochäische Tetrameter catal. das Versmass der
römischen Soldatenlieder und noch Prudentius, wie ich früher
zeigte, sich dessen bewusst. Und so gehen denn auf diese
Versart später auch die Eedondillen der spanischen Romanzen
zurück. — Und wie jene Soldatenlieder auch Spottlieder waren,
so finden wir in dieser populären Versart auch die beiden er-
sten Gedichte der dritten Kategorie; nicht minder sind viele
der vierten in ihr verfasst, so die dem Eiuhard beigelegte
Passio und zwei der biblischen Erzählungen (Judith und La-
zarus), wie das Gedicht auf Alexander und das A principio.
Dazu kommt noch der Wechselgesang des Petrus und Paulus. —
1) Cathemerin. 9, Peristeph. 1, s. Bd. I, S. 249 u. 252.
2) In dem Lied auf die Schlacht von Fontanetiuu , z. B. :
Gramen illud ros et imber
Nee humectet pluvia.
In quo fortes ceciderunt
Proelio doctissimi;
Plangent illos qui fuerunt
Elo casu mortui.
Der Reim der Kurzzeilen im Gegensatz zu den Langzeilen findet sich
hier auch:
Ima vallis retrospexi
Yerticemque iugeri
Ubi suos inimicos
Hex fortis Hlotharius
Ebenso in dem Lied auf Pippins Sieg Str. 2:
Multa mala iam fecerunt
Ab antico tempore.
Fana Dei destruxerunt
Atque monasteria,
Vasa aurea sacrata,
Argentea, fictilia.
21*
324 Rythmische Diclitung.
Beaclitenswertli ist noch, dass gerade diese Versart für Abece-
darieu beliebt erscheint: so sind solche das Gedicht Augel-
berts, die beiden zuerst genannten Schimpflieder und das
Alexandergedicht, während A priucipio ein Acrostichon, ■)
Der trochäische Rythmus musste sich für die volksmässige
lateinische Dichtung von Beginn dadurch empfehlen, dass hier
Ictus und Wortaccent leichter zusammenfielen. Und so finden
wir denn in ihm auch eigenthümliche Versbildungen, So ist
das Spottlied auf den Abt von Angers in einem Rythmus
verfasst, der einem trochäischen catalectischen Trimeter ent-
spricht, mit der Cäsur nach der zweiten Senkung.-) Es sind
Strophen von vier solchen Versen, an die sich noch eine Re-
frainzeile anschliesst, die einen ganz irregulären rythmischen
Charakter hat.
Höchst merkwürdig ist die trochäische Versart, worin die
zwei rythmischen Gedichte der beiden Iren 3) und diese allein
verfasst sind, es sind Langzeilen, deren Hemistichen einem
catalectischen trochäischeu Dimeter entsprechen.^) Dieser
Rythmus ist nämlich der irischen Dichtung entlehnt. Und
wie in ihr diese Laugzeilen in der Regel paarweise gereimt
1) Zarncke macht bei dem Alexandergedicht (a. a. 0. S. 59) auch
schon darauf aufmerksam. Zu seinen Hinweisungen lässt sich jetzt noch
hinzufügen von den „Weiteren caroling. Rythmen", die Dümmler Zeitschr.
f. d. Alterth. N. F. XII, S. 151 ff. veröffentlicht hat, No. 1, 3 und 4.
2) Das Schema ist — indem wii" die Hebung hier immer durch das
Zeichen der Länge, die Senkung durch das der Kürze bezeichnen: - ^
-^ I _w — ^-^— . Ich gebe als Beispiel die erste Strophe:
Andecavis abbas esse dicitur,
nie nomen primum tenet hominum,
Hunc fatentur vinum velle bibere
Super omnes Andecavis homines.
Eia eia eia laudes, eia laudes dicamus Libero.
Eine andre Auffassung des Yerses rücksichtlich der Cäsur, wie sie Bartsch
bei ähnlichen späteren lateinischen Versen in seinem interessanten Auf-
satz: Ein keltisches Yersmass im Provenzal. und Französ. (Zeitschr. f.
roman. Philol. Bd. II, S. 195 ff.) darlegt, scheint mir hier nicht wohl zu-
lässig, schon im Hinblick auf v. 1 der 3. Strophe: Iste gerit corpus in-
putribile.
3) S. oben S. 5S und S. 196, Amn. 3.
4) Das Schema ist:
Trochäische Rythmen. 325
werden , so auch in dem Gedichte des Hiberaietis exul 0 ; sel-
tener erscheint in ihr der Reim der Hemistichen an der Stelle
des der Langzeileu, dieser Reim weise begegnen wir, wenn
auch nur bei einigen Versen, in dem Gedichte des Sedulius.'-)
Auch in den beiden Liedern Gottschalks'-) findet sich der
trochäische Rythmus, in dem einen durchaus, in dem andern
grösstentheils. Der Grundvers in dem ersteren (0 Dens mi-
seri) ist der trochäische Dimeter. Das Versschema der sieben-
zeiligen Strophe siehe unten, die zwei ersten und der letzte
Vers wiederholen sich in allen Sti-ophen, und alle Verse in
sämmtlicheu Strophen reimen in /.^) In dem zweiten Liede
(0 quid iubes pusiole), das aus sechszeiligen Strophen besteht,
sind die beiden ersten Verse eine Art rythmisch gljconischer,
von der Cäsur abgesehen, die folgende^u trochäische Dimeter.')
1) Irisch: a n- dorigne do fertaib | ni fail dorurme co cert
amra ro gab prainn Lugdach | trenfer di de gaib a nert.
Hibemic. exul: Fer salutem Caesari | ac suis agmiidbus,
Gloriosis pueris | sacrisque virginibus.
Ygl. Bartsch a. a. 0. S. 2 IS, der die irischen Beispiele Windisch verdankt.
2) Irisch: ro bad imnain lä mad fir j ricfed Cuchulaind no thir
Sedulius: Ingentesque bachones | et cornuti multones
Multiplicesque gazae [ Christi dono coUatae.
3) Vgl. oben S. 169.
4) Das Schema ist:
— K^ — ^ —
— <y V^ \^
>— ' V^ \J — ^
— V^ W — W
— y^ — ^ — v_/ —
Die erste Strophe lautet :
0 Deus miseri
Miserere servi!
Ex quo enim me iussisti
Hunc in mundum nasci,
Prae cunctis ego amavi
Vanitate pasci.
Heu quid evenit mihi!
Im ersten Vers ist Deus offenbar einsilbig zu lesen, wie es so öfters in
der rythmischen Poesie gebraucht erscheint.
5) — o — w|w — w —
— w — >-< I i^_(^_
326 Rythmische Dichtung.
Hier wird uiir der letzte Vers in allen Strophen als Refrain
wiederholt. Aber auch hier findet Durchreimung durch alle
Strophen statt, indem sämmtliche Verse des Gedichts in e
reimen. Die Fülle des Reimes in diesen Gedichten, die schon
ganz den Charakter des deutschen Liedes haben, ist höchst
beachtenswerth , und werde ich bei der deutschen Dichtung
dieser Periode später darauf zurückkommen. Der Reim ist
dabei öfters ein erweiterter, indem er sich nicht bloss auf die
auslautende Silbe, selbst wo diese den Ton hat, sondern auch
auf vorausgehende erstreckt. Dass die verschiedenen Arten
desselben sich ebenso schon in dem metrischen Vorwort der
Epistel Gottschalks an Ratramnus finden, ist bereits früher be-
merkt worden. 1)
Unter den iambischen Rythmen erscheint hier am gewöhn-
lichsten gebraucht die dem iambischen acat. Trimeter ent-
sprechende Versart, welche nach der dritten Senkung die Cäsur
hat. 2) In ihr sind sämmtliche Gedichte der zweiten Kategorie,
die Planctus, geschrieben und auch eine der biblischen Er-
zählungen (Esther); doch ist eine Verschiedenheit in der Stro-
pheubildung zu bemerken. Nur in zweien dieser Gedichte er-
scheinen die Langzeilen allein, in der Klage um Erich zu
Strophen von fünf, in der Esther von vier Versen verbunden.
Die erstere Strophenbildung begegnet uns beim quantitativen
iambischen Trimeter schon in zwei Gedichten des Prudentius
Cathemer. VII und Peristephan. X (der Passio des Romanus).
— Die Planctus auf Aquileja und Hug sind auch in Strophen
von vier Versen, von denen der letzte aber eine Kurzzeile ist,
^ — ^ — ^ — Kj
Ky — ^^ — '^ —
Die erste Strophe lautet:
0 quid iubes, pusiole?
Quare mandas , filiole,
Carmen dulce me cantare,
Cum sim longe exul valde,
Intra mare?
0 cur iubes canere?
1) S. oben S. 167 und 169.
2) Das Schema ist also:
JaAbische Rythmen. 327
welche sich als rythmischer Adouius darstellt, ^j Das Klage-
lied auf Karls des Grossen Tod ist in Strophen von zwei
Langzeilen und einer Refraiukurzzeile.-)
In rvthmischen iambischen Dimetern sind zwei der er-
zählenden Gedichte verfasst, das des Raban und das von der
Zerstörung von Glonna ; im ersteren sind diese Verse zu sechs-
zeiligen Strophen, im zweiten zu vierzeiligeu verbunden. Beide
sind gereimt, in Rabans Gedicht ist der gepaarte Reim durch-
geführt-^), nur dass mitunter gleiche Reimpaare auf einander
folgen; in dem andern herrscht der Monorim vor^), und der-
selbe Reim, der alle Verse der Strophe bindet, erstreckt sich
auch über mehrere, ja eine ganze Reihe von Strophen: so
lauten alle Verse der sechs ersten Strophen in «, der sechs
folgenden in us aus, danach tritt aber ein öfterer Wechsel ein,
und auch mitunter Reimpaare.
Ganz eigenthümliche iambische Rythmen zeigen die Pa-
rabel und die Legende des Placidas. Das Schema des ersteren
^ Gedichts ist : ^ - ^ - ^ ^ - w - . j^j dritten Fusse also eine
Doppelsenkung. ^) Von einer bestimmten Cäsur ist bei dieser
Kurzzeile so wenig, als bei dem rythmischen iambischen Di-
1) Ursprüiiglicli wohl nur das erste Hemistich war; diirch die Yer-
tauscliung des ersten Jambus mit einem Trochäus entstand aus: ^ — ^ - ^
: - w w - w. Jene Yertauschung ist in diesem Rythmus überhaujDt häufig;
einzelne Verse zeigen noch den ursprünglichen Chai-akter, z. B. im Planctus
auf Aquüeja Str. 1.5: ad mansionem. Vgl. oben S. 314 Anm. 2.
2) Heu mihi misero , oder Heu me dolens plango. (Tgl. oben S. 312
Anm. 2.) So ist die Strophenbildung in der Ausg. von Pertz; in der von
Du Meril dagegen folgen die Refrainzeilen erst nach vier Langzeilen,
so dass die Strophen dort fünfzeilige sind.
3) Z. B. Str. 3 :
Ut tuam laudem famine
In primis possim dicere,
Magnam miram ac praeclaram
Digna voce iustissimam;
Meaeque sim miseriae '
Compunctus memor ultimae.
4) S. ein Beispiel oben S. 31.5 Aura. 3.
5) Audite versus parabole
De quodam puero nobile:
Dum iret in solitndine
Aprum cum canibus querere,
Invenit eum celeriter.
328 Historiograpliio.
meter die Rede, eben weil es Kurzzeileu sind. Fünf Verse
bilden eine Strophe; der Reim findet sich nur sporadisch. —
Noch merkwürdiger ist der Rythmus des Placidas. Er stellt
sich folgendermassen dar : w_v^-^-^|w-^-w-. jj^
dritten Fusse kann also eine Doppelsenkung eintreten, ja sie
tritt sogar ganz gewöhnlich ein, doch nie, wenn im Fusse vorher
eine schwebende Betonung ist, um eine dreisilbige Senkung
zu vermeiden.') Fünf Verse bilden auch hier eine Strophe,
der Reim findet sich hier öfters, aber ganz willkürlich und
regellos, die in der Anmerkung mitgetheilte Strophe ist darin
durchaus nicht massgebend.
ACHTZEHNTES KAPITEL.
HISTORIOGRAPHIE. HEILIGENLEBEN UND TRANSLATIONEN
OSTFRANCIENS.
Es bleibt uns nur noch übrig, die Geschichte der Histo-
riographie 2) in diesem Zeiträume zu verfolgen, soweit wir
sie nicht schon bei den einzelnen Autoren, deren literarischer
Schwerpunkt auf andern Gebieten lag, bereits berührt haben;
wir wollen also hier die Werke derer, die nur oder vorzugs-
weise Geschichtschreiber waren, im Zusammenhang betrachten.
Vier Hauptgattungen der Historiographie dieser Zeit kön-
nen wir unterscheiden, von welchen drei auch in dem voraus-
gehenden Zeiträume sich vertreten finden. Die erste, die äl-
teste in der christlich-lateinischen Literatur überhaupt, und die
am meisten gepflegte, ist die Vita, die Lebensgeschichte, die
seit Einhard in zwei Arten sich scheidet: erstens das Hei-
J) Die schwebende Betonung zeige ich durch einen Gravis an:
Diini per späcia mi'üta | post eum ciirreret,
Ascendit cervus in sümmum | saxörum verticem.
Placidas diim perpensäret | quid illic fäceret,
Vidit in cörnibus eius | criicis imäginem
Et inter cörnua pülcram | Christi effigiem.
lieber die gi'iechische Betonung der Eigennamen s. meinen Aufsatz.
2) Vgl. Waitz , üeber die Entwicklung der deutschen Historiographie
im Mittelalter, in: Schmidts Zeitschr. f. Geschichtswissensch. Bd. 2, S. 39 tf.
Haiiptgattungeii. 329
ligenleben, das noch immer und durch das ganze Mittel-
alter vorherrscht; von dieser Art haben wir schon manche
Werke auch dieses Zeitraums gelegentlich betrachtet. Als
eine besondere Species der Vita Sanctorum ist aber anzufügen
die Translation, d. h. die Geschichte der Ueberführung der
Gebeine der Heiligen, die gewissermassen eine Ergänzung der
Vita ist, namentlich durch die Erzählung der Wunder, die von
dem Heiligen nach seinem Tode ausgingen; die Translation
erscheint daher nicht selten mit der Vita verbunden, aber auch
ganz selbständig, wovon ein rechtes Beispiel im vorigen Buche
die von Einhard verfasste lieferte. Die zweite Art der Vita
ist die weltliche, politische Lebensbeschreibung, die erst mit
der Vita Cmwli Einhards wieder auftritt. Den Uebergang zu
ihr von dem Heiligenleben bilden solche Vitae, die Geistlichen,
beziehungsweise selbst Heiligen gewidmet sind, welche zu-
gleich eine politische Rolle gespielt haben, wie die von
Paschasius verfassten, welche wir oben bereits behandelten.')
Dergleichen Heiligeuleben fanden sich ja auch schon viel
früher, wie das des heil. Leodegar von dem Mönche von
St. Symphorian.-)
Die zweite Hauptgattung der Historiographie bildet die Ge-
schieh tschreibung des Jahrbuchs, die Annale n, und zwar ein-
mal die des Reichs, dann die kleinerer Gebiete, in unserm Zeit-
räume nur von Bisthümern und Klöstern. Man kann, wie wir
schon oben Seite 97 f. bemerkten, zwei Arten der Annalen
unterscheiden, die erste ursprüngliche, die eigentlichen, welche
Jahr für Jahr gleichzeitig mit den Ereignissen geschrieben
werden, die zweite die Annalen im weiteren Sinne, welche
auf Grund der ersten die Geschichte der näheren oder fer-
neren Vergangenheit von Jahr zu Jahr erzählen, und von dem-
selben Verfasser fortgesetzt, auch wieder zu Annalen im engeren
Sinne werden können. Mit der zweiten Art der Jahrbücher
ist die Chronik identisch. — Diese zweite Hauptgattung der
Historiographie kann sich mit der ersten vermischen, indem
die Lebensgeschichte, sei es eines einzelnen, wie eines Königs,
oder auch mehrerer, wie einer Reihe von Bischöfen oder Aebten,
zur Chronik werden kann.
Die dritte Hauptgattung, in der vorigen Periode nicht ver-
1) Seite 236 ff. und 2.39 ff. 2) S. Bd. I, S. .577 f.
330 Bruun.
treten ist die Weltclironilv, mit der Eusebius-Hieronymus
den Anfang machte i); die vierte endlich ist die National-
geschichte, wie im vorigen Zeiträume des Paulus Diaconus
Laugobardengeschichte.
Indem ich nun mit der ersten Hauptgattung beginne, ge-
denke ich zunächst der von mir noch nicht behandelten Hei-
ligenleben dieses Zeitraums, die formell oder inhaltlich von
Interesse sind; und beginne mit Ostfrancien. Einige schliessen
sich an schon betrachtete an, insofern sie das Leben der Bio-
graphen derselben zum Gegenstand haben. Zu ihnen gehört so-
gleich eins der älteren, die Vita Eigilis, die Lebensbeschreibung
jenes Abtes von Fulda, welcher selbst das Leben Sturms ge-
schrieben.2) Sie ist verfasst von Bruun, genannt Candidus^^),
der schon unter dem Vorgänger Eigils, Ratgar, in Fulda Mönch
war. Von dem letzteren zu seiner weiteren Ausbildung zu Ein-
hard gesandt, zeichnete er sich, eines solchen Lehrers würdig,
nicht bloss als Gelehrter, sondern auch als Künstler aus. Wie
er später unter dem Abte Raban als Magister an der Schule
wirkte, so hat er auch die Absis des Grabs des Bonifatius ge-
malt. *) Auf Eigils Anregung hatte er das Leben Baugulfs, das
leider verloren ist, geschrieben (§. 2). Denselben Dienst wollte
er nun Eigil selbst, der ihm besondere Theilnahme geschenkt,
leisten, als ihn Raban zu literarischer Thätigkeit aufforderte
unter Einweisung auf sein „in Prosa und Versen verfasstes
Werk" über das heilige Kreuz. Dem gemäss behandelte Bruun
auch die Vita Eigilis in zwei Büchern, das eine in Prosa, das
andre in Hexametern, welche Bücher aber, wie er selbst in der
Praefatio des ersten sagt, ein Werk bilden sollten, da auch
das eine das andre ergänze; und dies ist in der That auch
hier und da der Fall. So ist, obgleich im allgemeinen im
1) S. Bd. I, S. 199 ff. 2) S. oben S. 104.
3) Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. saec. IV, pars 1, p. 217 ft'.
Wattenbach I, S. 189 f.
4) Er sagt beides selbst in der Vita metrica Eigilis, c. 17 Ende, in
folgenden Versen:
Quamque (sc. absida) egomet, quondam hac Christi nutritus in aula,
. Presbyter et monachus Bruun vilisque magister
Depinxi ingenio tenui parvaque Minerva
Formans expressi varios ferrugine vultus.
Vita EigiUs. 331
zweiten Buche nur wiederholt wird, was das erste in Prosa
erzählt, die Beschreibung der Translation der Gebeine des
Bonifatius dort (c. 17) weit ausführlicher, worauf auch in der
Prosa in demselben Kapitel hingewiesen wird*); und so wird
auch am Schlüsse des zweiten Buchs, und damit allerdings
des ganzen Werks ein Lob des Heiligen gegeben, das am
Ende der Prosa fehlt. Andrerseits findet sich in der Poesie
auch einzelnes weggelassen oder gekürzt. TVie dem ersten
Buche eine prosaische Vorrede, geht dem zweiten eine in as-
klepiadeischen Versen verfasste voraus, in welchen beiden der
Autor das "Werk seinem Compresbyter Modestus widmet.
Diese Vita ist weit davon entfernt, ein gewöhnliches
Heiligenleben zu sein. Sie ist namentlich in dem prosaischen
Buche eine wichtige Quelle für die Geschichte des Klosters
Fulda, welches damals von so grosser Bedeutung war. Diesem
allgemeineren historischen Interesse wird von dem Verfasser
besonders Rechnung getragen, der darin nur dem Beispiele
seines Helden selbst in dessen Biographie Sturms folgt."-) So
wird die Wahl Eigils zum Abt, die allerdings nach dem auf
die Absetzung Ratgars folgenden Interregnum von besonderer
Wichtigkeit war, in dem Prosabuche so ausführlich erzählt,
dass sie die Hälfte seines Raumes einnimmt. Die erregten
Verhandlungen der Mönche unter einander vor der Wahl wer-
den durch Mittheilung ihrer Reden auf das lebendigste ge-
schildert, indem den verschiedenen Wünschen und Erwägungen
in ihnen Ausdruck gegeben wird. Als aber nach der Wahl
der neue Abt im Gefolge einer Schaar seiner Mönche dem
Kaiser sich vorstellt, lässt der Autor den frommen Ludwig
zwei lange Reden halten, in welchen derselbe die Mönche und
den Abt an ihre Pflichten, namentlich auch die gegenseitigen,
erinnert und dabei indirect eine Kritik des Regimentes des ab-
gesetzten Ratgar gibt, Dass diese Reden auf wirklichen An-
sprachen Ludwigs beruhen, zeigt der Verfasser selbst in dem
Vorworte an: nur hat er letztere rhetorisch weit ausgesponnen
und mit theologischer Gelehrsamkeit geschmückt. 3) — Hierauf
1) Rlit den Worten: sicut in seq^uenti libro manifestissime con-
tinetur.
2) S. oben S. 105.
3) Auf diese Reden bezieht sich die Stelle im Vorwort, welche be-
332 . Rudolf.
gedenkt Candidus namentlich der bedeutenden Bauten, welche
Eigil ausführen Hess, genauer; selbst Alter und Kränklichkeit
hielten ihn davon nicht ab. Theilte er so auch die Baulust
seines Vorgängers, so verfuhr er doch dabei, ganz im Gegen-
satze zu ihm, durchaus im Einverständniss mit seinen Mönchen,
mit denen der milde, gebildete Mann überhaupt in bester Ge-
meinschaft lebte. Sein reges wissenschaftliches Interesse hatten
wir schon früher Gelegenheit zu erwähnen.')
Dies Feld der Geschichtschreibung hat noch besonders
gepflegt ein andrer Fuldaer Mönch, der auch als Annalist sich
hervorgethan hat. Es ist Kudolf, der auch ein Schüler des
Raban war und in Fulda unterrichtete-); er wird bei seinem
Tode 865 in den Fulder Reichsaunalen als ein berühmter Ge-
lehrter, namentlich Historiker, aber auch Poet bezeichnet 3);
doch haben sich keine Dichtungen von ihm erhalten; seine
hervorragende wissenschaftliche Bildung aber wird durch seine
historischen Werke bezeugt, denen auch mit Recht Reinheit
und Klarheit des Ausdrucks nachgerühmt wird.^) In welche
nahe Beziehungen er zu seinem Könige, Ludwig dem Deut-
schen, trat, werden wir weiter unten bemerken.
Rudolf verfasste zunächst, und zwar auf das Gebot seines
„Abtes" Raban •''), das Leben der heil. Lioba, Aebtissin von
ginnt: In quibus (sc. libris) nimirum Ludovici Serenissimi Augusti clemen-
tiam circa nos factam reverenter expressi, cuius commonitionem at-
que doctrinam etsi ita ut ab eo prolatae sunt, ad integrum
explanare nequivi etc. Wattenbach scheint die Stelle nicht berück-
sichtigt zu haben, wenn er sagt: „Darauf versucht sich der Verfasser in
langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbild des Alterthums als
nothwendig betrachtete. "
1) S. oben S. 122. 2) S. oben S. 179.
3) Ruodolfus Fuldensis coenobii presbyter et monachus, qui apud to-
tius pene Germaniae partes doctor egregius et iiisignis floruit historio-
graphus et poeta, atque omnium artium nobilissimus auctor habebatur.
Monum. Germ. bist. Script. I, p. 378.
4) So von Dümmler, Gesch. d. ostfränk. Reichs Bd. I, S. 877.
5) Schon hiernach lässt sich die Zeit der Abfassung ungefähr be-
stimmen, genauer aber noch dadurch, dass Rudolf hier der Translation
der Gebeine der Lioba auf den Petersberg nicht gedenkt (c. 23), welche
durch Raban 838 erfolgte. Er erwähnt sie dagegen in der sogen. Vita
Rabani c. 47.
Tita Liobae. 333
Bischofsheim an der Tauber. ') Sie gehörte zu jenen gelehrten
angelsächsischen Frauen, die Bouifatius zur Unterstützung sei-
ner missionaren Thätigkeit nach Deutschland berief, um sie an
die Spitze von Klöstern zu stellen; Lioba war dazu eine Ver-
wandte von ihm, und stand zu ihm, wie schon die erhaltene
Con-espondenz beider zeigt"-), in besonders naher Beziehung.
Sie hatte den Schleier in dem Kloster "Wiubrunn in Britannien
genommen, welchem die ausgezeichnete Aebtissin Tetta vor-
stand. Dieser als ihrer Erzieherin glaubt Eudolf zuerst aus-
führlicher gedenken zu müssen. Er erzählt dann, wie Lioba,
schon bei ihrer Geburt der Kirche geweiht, in dem Kloster
als junges Mädchen durch wissenschaftlichen Eifer und sitt-
liches Streben die Liebe ihrer Oberen gewann. Und so musste
sie denn ganz besonders berufen sein, die Wünsche des Bo-
uifatius als Aebtissin zu erfüllen. In der That wurde ihr
Kloster ein Pflanzstätte von Lehrerinnen (magistrae) anderer
in Deutschland (c. 11). Ihr gelehrter Ruf, ihre Tugenden und
ihre liebenswürdige Persönlichkeit führten ihm immer von
neuem Töchter der Edlen und solche Matronen, die aus dem
Leben sich zurückziehen wollten, zu. Sie liebte dabei auch
den Verkehr mit der Aussenwelt: so besuchte sie öfters das
Kloster Fulda und den Hof Karls des Grossen, mit dessen
Gemalin Hildegard sie sehr befreundet wurde. Im höheren
Alter zog sie sich in ein Kloster bei Mainz zurück, wo sie
nach einem letzten Besuch bei der Königin starb (wahrschein-
lich 779). Sie wurde in Fulda bestattet, wenn auch nicht in
demselben Grabe als Bonifatius, wie dieser gewünscht hatte,
doch in seiner Nähe; später aber wurden ihre Gebeine in die
neue Kirche und dann auf den Petersberg transferirt.
Im Eiugange des Buchs erwähnt Rudolf seine Quellen;
es sind Aufzeichnungen „ehrwürdiger Männer", namentlich
eines Mönches Mago, auf Grund der Mittheilungen von vier
Schülerinneu der Heiligen, sowie mündliche Tradition: die
Wahrheit dieser Berichte soll, wie Rudolf meint, nicht bloss
durch die Ehrlichkeit ihrer Erstatter, sondern auch durch
1) Tita S. Liobae in Mabülous Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. III,
pars 2, pag. 221 ff. Rettberg, Kirchengesch. Deutschi. II, S. a36 ff.
2) S. epp. Bonif. 23, 91, 93, 97, von welchen der erste von Lioba, in
Jaffe's Monum. Moguntina. Berlin 1S66.
334 Rudolf.
die Wunder, .,die bei den Gebeinen der Heiligen häufig zu
geschehen pflegen", gewährleistet werden. Nichts zeigt besser,
wie fest Rudolf an diese Wunder glaubte, und welchen Werth
er auf sie legte. Und so werden denn nicht bloss alle Mirakel,
die Lioba im Leben wie nach dem Tode vollbrachte — und
von denen sich manche sehr leicht natürlich erklären — von
ihm ausführlich und mit besonderer Lebendigkeit erzählt, son-
dern er gedenkt auch solcher von ihrer Lehrerin Tetta.
So handelte Rudolf auch durchaus im Sinne seines Lehrers
Raban, und musste daher ganz besonders zu der Abfassung eines
Werkes berufen sein, in dem er sich die Aufgabe stellte, die
Kräfte und Wunder zu beschreiben, die von den unter Raban
in das Fuldaer Gebiet eingeführten Reliquien in der Neuzeit
ausgegangen waren, i) Es ist dies die sogenannte Vüa liabani^)
— Der Verfasser beginnt damit, in der Kürze zu zeigen, wie
in den Zeiten Ludwigs des Frommen der Reliquienimport von
Rom nach Francien in Schwung gekommen (wobei er auch
der Einhardischen gedenkt), geht dann auf das Kloster Fulda
über und seinen Abt Raban, von dem er namentlich rühmt,
dass er viele Kirchen, vornehmlich in den Gellen Fulda's, ge-
baut habe, welche er durch von allen Seiten her gesammelte
Reliquien geweiht hätte (c. 5 Ende). Dies war oifenbar das
Hauptmotiv von Rabans leidenschaftlichem Reliquieusammel-
eifer, den vollauf zu befriedigen durch die neue Industrie ver-
schmitzter Italiener, sowohl Geistlicher als Laien, mit heiligen
Gebeinen jenseits der Alpen zu handeln, nicht schwer war.
Da hatte z. B. der aus der Einhardschen Translation bekannte
Diacon Deusdona zu gleicher Zeit einen Schenkel und Fuss des
h. Alexander, einen Arm des Felicissimus, ein Haupt der Con-
cordia, einen Zahn des h. Sebastian u. s. w. zu verkaufen. Raban
nahm alles, was er bekommen konnte; von irgendwelcher Be-
glaubigung oder einer Kritik der Aechtheit der Waare ist nir-
gends die Rede. Den versprochenen und angekündigten Reli-
quien wurde dann eine festliche Einführung oder auch aus
grösserer Ferne eine feierliche Translation durch entgegen-
1) scribere nitor virtutes et miracula quae Deus per sanctos
suos modernis temporibus facere dignatiis est, quorum sacri cineres, re-
gionem nostram illati, quotidie fidelibus causa salutis existunt. c. 1.
2) In Mabülons Acta S. S. ord. S. Beued. , Saec. IV, pars 2, p. 1 ff.
— Ingleiclien im 1. Bd. der Opera Rabaiii.
Vita Rabani. 335
gesandte Boten zu Theil, unter denen sich ein paarmal auch
Rudolf selbst befand, der dann als Augenzeuge von den Wun-
dern, die sich auf dem Wege an dem Sarge begaben, berichten
konnte. ') Die Bestattung der Gebeine in den Kirchen und die
ihnen von Eaban gewidmeten Epigramme werden nicht minder
sorgfältig von dem Verfasser erwähnt. Am Schlüsse seiner Er-
zählung aber erklärt er, dass er noch nicht aller von Eaban
gesammelten Reliquien gedacht, dies jedoch geeigneten Orts
später thun wolle (c. 49). Doch hiermit endet das Buch noch
nicht, vielmehr kehrt Rudolf noch einmal zu Raban zurück,
der als der Sammler der Reliquien gleichsam der Held der
Erzählung ist, um zu berichten, wie derselbe nach 20 Jahren
seine Abtwürde niedergelegt und sich nun ganz seinen Studien
gewidmet; worauf er dann noch eine Liste seiner Werke bis
zu diesem Zeitpunkte folgen lässt.^) Durch diese drei letzten
Kapitel (50 — 52) erklärt sich denn auch der falsche Titel Vita
Rabani, dem man dem Buche seit lange gegeben. Dasselbe
enthält übrigens manches nicht bloss für die Biographie Rabans
interessante, sondern auch sonst historisch denkwürdige.
Noch eine, und geschichtlich bedeutendere Translation'^)
übernahm Rudolf zu verfassen, und zwar auf den Wunsch des
Translators selbst. Es war dies ein Enkel des berühmten
Widukind, Waltbraht, welcher den unversehrten (integrum)
Leib des Märtyi-ers Alexander, Sohnes der Felicitas, im
J. 851 von Rom als Geschenk des Papstes nach Wildeshausen
gebracht hatte. Rudolf aber begann nur die Schrift, indem er
bloss die Einleitung, welche zur Motivirung des Unternehmens
des Waltbraht dient, verfasste. Durch den Tod wurde er an
der Fortsetzung gehindert, worauf sein Schüler Meginhard
die Schrift vollendete, wie uns dieser in einer Widmung an
1) So c. 19 Ende: caetera (sc. miracula) vero. quae scrqjturus siim,
ipse coram positus ndi, quia ex eis qui ad perferendos sacros cineres
missi fuerunt, unus eram. Vgl. auch c. 34.
2) Denn das grosse Werk De universo (s. oben S. 134) wird hier nicht
erwähnt. Rudolfs Schrift ist aber später verfasst, wie schon in dem Satze,
wo von der Zurückgezogenheit Rabans auf dem Petersberg die Rede ist,
der Gebrauch des Imperfect zeigt: ibique manens ac deo serviens, coelesti
philosophiae vacabat (c. .50 init.).
3) Translatio S. Alexaudri ed. Pertz in: Monum. German. histor.
Script. T. II, p. 673 tf.
336 Piudolf. Translatio Alexandri.
den Priester Simderolt, späteren Erzbischof von Mainz, be-
richtet. Waltbraht, der am Hofe Lothars erzogen, zu dessen
Palatinen gehörte, ein frommer Mann, wünschte durch die
Pveliquieu, die er vom Papste selbst erhielt und in seine Hei-
math schaffte, die zum grossen Theil noch immer im heid-
nischen Aberglauben befangenen Landsleute zur wahren Re-
ligion zu bekehren. Diesen Wunsch zu begründen, beginnt
nun Rudolf die Schrift nach kurzer Andeutung der sagenhaften
Herkunft der Sachsen, der Lage ihres Gebiets und ihrer Standes-
verhältnisse — wobei er die leibliche und sittliche Tüchtigkeit
der Sachsen rühmt — mit einer Darstellung der heidnischen
„ Irrthümer ", in welchen sie befangen waren, um dann im dritten
Kapitel zu berichten, wie sie von Karl dem Grossen allmählich
besiegt, das Christenthum anzunehmen gezwungen wurden, und
ihr Haupt Widukind selbst von Karl aus der Taufe gehoben
wurde. Fast diese ganze Darstellung besteht aber nur aus
wörtlichen Excerpten, in den beiden ersten Kapiteln aus Ta-
eitus' Germania, in dem dritten aus Einhards Vita Caroli, c. 7.
— Vom vierten Kapitel an schreibt schon Meginhard. der nun
erzählt, wie Waltbraht sein LTnternehmen mit der Unterstützung
des Kaisers durchführte, der selbst den Papst um die Reliquien
bat. Dieses Sehreiben, sowie die Geleitsbriefe des Kaisers an
seinen Sohn, den König von Italien, und die Primaten dieses
Landes, werden hier wörtlich mitgetheilt. Die feierliche Ueber-
gabe der Reliquien durch den Papst, sowie ihre Translation
und die obligaten Wunder, die bei derselben und auch nach-
her von ihnen ausgingen, werden dann im herkömmlichen
Stile erzählt.
Schon früher hatte aber eine andre Ti-anslation nach
Sachsen stattgefunden, von der wir auch einen ausführlichen
Bericht haben, welcher zu einem Büchlein von mannichfachem
historischen Interesse erweitert worden ist. Es ist die i. J. 836
ausgeführte Uebertraguug des heil. Veit') von St. Denis nach
dem noch nicht lange gegründeten, für die Christianisirung
Sachsens so wichtigen Kloster Corvey. Diese Uebertragmig
ist von einem Mönche des Klosters, der selbst an ihr Theil
1) Translatio S. Viti in: Monumenta Corbeiensia ed. Jaffe. Berlin
1S54. (Tom. I der Bibliotheca rer. germanicar.) pag. 3 ff .
Translatio Yiti. 337
nahm, ein Jahr darauf geschildert. Aber er, oder ein andrer
hat sich mit diesem Berichte nicht begnügt ^j, vielmehr hat
derselbe zur gründlichen Motivirung eine Erzählung von der
Stiftung des Klosters und auch eine Nachricht darüber, wie
jene Reliquien nach Westfrancien gekommen waren, voraus-
gesandt. Ein Laie hatte sie dorthin aus Italien gebracht.
Corvey aber war eine Pflanzung Corbie's: dessen berühmter
Abt Adalhard-) hatte zuerst den Gedanken einer solchen gefasst,
da unter seinen Mönchen Sachsen sich befanden, die in Corbie
ihre Ausbildung erhalten hatten. Nach seiner Verbannung war
auch von seinem Nachfolger im Verein mit Adalhards Bruder
Wala der Versuch einer Ausführung des Planes gemacht, aber
an einem wenig geeigneten Orte. Erst Adalhard selbst war
es vorbehalten, nach seiner Rückkehr aus dem Exil die rechte
Stätte in dem Gebiete von Höxter aufzufinden und das säch-
sische Kloster, das neue Corbeia, zu gi-ünden (S22 — 23j, dessen
erster Abt S26 Warin wurde. Vier Jahre später wurde der
Abt von St. Denis, Hilduin, dorthin verbannt; er versprach
dem Kloster die Reliquien des heil. Vitus. — Hiernach wird
die Translation, die namentlich im Sachsenlande, wo der-
gleichen noch neu war, grosses Aufsehen machte'^ , ausführlich
erzählt mit allen den obligaten wunderbaren Heilungen, welche
auch hier vornehmlich Blinde und Lahme betrafen. Bemerkens-
werth ist, dass es doch auch nicht an Zweiflern fehlte, die
sich, freilich ohne Erfolg nach unserm Autor, genauer er-
kundigten.^) Noch gedenkt derselbe einiger "Wunder, die sich.
1) Papebroch (Acta SS. lun. T. ET) ist der letzteren Äusiclit, indem
er zwei Verfasser annimmt, der entgegengesetzten Jaffe, dem Enck, De
S. AdaUiardo. Münster 1ST3 (Dissert.) zustimmt. Ich halte, allein auf Grund
der ganzen Dai'stellung, die Sache für zweifelhaft; für zweifellos dagegen
dass der erste Abschnitt (bis „Anno S36" etc.) erst nach Abfassung des
zweiten hinzugefügt ist, wie eine Vergleichung des Schlusses des ersten Ab-
schnittes und des Anfangs des zweiten leicht zeigt.
2) S. oben S. 237 fif.
3) Igitur post dies aliquot regnum Saxonicum introeuntes ac recto
calle gi-adientes, veniunt in villam, quae Sosat vocatur, ubi maximam mul-
titudinem Saxonum obviam habuerunt, adeo ut incredibüis numerus \i-
deretur utriusque sexus. p. 21.
4) Qua de re cum aliqui, ut solet in hac aetate, diffidentiam signi
haberent et düigenter inquirerent nomenque ipsius percunctarentur . affu-
Ebert, Literatur des Mittelalters H. 22
338 Altfrid.
am Grabe des Heiligen in Corvey selbst in d. J. 836 und 837
zutrugen, um dann ohne einen äusseren Abschluss sein Werk-
chen zu endigen, so dass es scheint, als hätte er sich noch
eine weitere Fortführung vorbehalten.
Eine recht gute Biographie fand der heil. Liudger,
erster Bischof von Münster, den wir schon als Verfasser des
Lebens des Gregor von Utrecht oben erwähnten; dieselbe ist
von einem seiner Verwandten, der auch sein zweiter Nach-
folger auf dem Bischofsstuhle war , Altfeid '), auf den Wunsch
des von Liudger gegründeten Klosters Werden geschrieben.
Wie die an die Mönche desselben gerichtete Widmung zeigt,
schrieb Altfrid als Bischof, also zwischen 839 und 849 (in
welchem Jahre er starb), und zwar auf Grund von Mitthei-
lungen von Augenzeugen, der nächsten Verwandten und Schüler
des Liudger. — Die Biographie ist in drei Bücher — schwer-
lich aber von dem Verfasser selbst — eingetheilt, von welchen
das erste das längste und interessanteste ist, dies bringt die
eigentliche Lebensgeschichte, während das zweite die Wunder
des Heiligen bei seinem Leben, zugleich mit einer Charakter-
zeichnung desselben (c. 6) imd einer Schilderung seines Todes,
das dritte aber die Wunder, die von seinen Reliquien aus-
gingen, enthält.
Ein besonderes Interesse hat schon die Vorgeschichte des
Heiligen. Liudgers Grossvater, Wursing war ein edler Friese,
der schon als Heide durch ein tugendhaftes Leben sich aus-
zeichnete. Deshalb von dem Könige Radbod verfolgt, floh er
zu den Franken, wo er mit seiner Familie zum Christenthum
übertrat. Nach der Eroberung Frieslauds durch Karl Martell
erhielt Wursing dort ein Beneficium, um den heil. Willibrord
in seinem Bekehrungswerke zu unterstützen, mit welchem er,
wie später mit Bonifaz, sehr vertraut wurde. Liudger zeigte
schon in kindlichen Spielen Liebe zur Wissenschaft (c. 8).
Auf seine eigne Bitte übergaben den Knaben die Eltern dem
erunt plurimi vicini et cognati, qui eum a multo tempore claudiim et in
asello victum quaeritantem noverant. p. 19, vgl. auch p. 22.
1) Vita Liudgeri auctore Altfrido ed. Pertz in: Monum. Germ. bist.
Script. T. II, p. 403 ff. Wattenbach I, S. 199 f. — Rettberg Bd. II,
S. 425 ff.
Vita Liudgeri. 339
Gregor von Utrecht zum Unterricht. Als er herangewachsen, trat
er in Gregors Kloster und nahm an der berühmten Schule des-
selben Theil. 0 Aber sein wissenschaftliches Streben ging noch
weiter: nach York gesandt, lernte er Alcuin und seine Schule
kennen , und verlangte nun , zurückgekehrt , diese besuchen zu
dürfen, was ihm auch endlich von Gregor, der sich sehr un-
gern von ihm trennte, bewilligt wurde. Drei ein halb Jahr
blieb er bei Alcuin, und nur ein zufälliger Umstand nöthigte
ihn, denselben zu verlassen (c. 11). Liudger wirkte dann als
Missionar an der Yssel, darauf, nach Gregors Tode, als Pres-
byter im Gau Ostrache, wo Bonifaz erschlagen worden-), und
zugleich drei Monate des Jahrs au der Utrechter Schule (c. 15).
Aus seiner Pfarre nach sieben Jahren durch die Sachsen ver-
trieben, besuchte er Rom und Montecasino, wo er die Regel
des h. Benedict kennen lernte. Nach seiner Heimkehr aber
erhielt er von Karl dem Grossen fünf friesische Gaue zur Seel-
sorge — in welcher Stellung er seine missionare Thätigkeit
auch auf Helgoland ausdehnte (c. 19) — später im Anfange
des neunten Jahrhunderts auch das neu errichtete Bisthum
Münster. So entfaltete Liudger als Lehrer wie als Geistlicher
eine ganz ausserordentliche segensreiche Wirksamkeit.
Was nun die beiden von den Mirakeln handelnden Bücher
betrifft, so interessirt uns nur der Eingang zu denselben, in
welchem der Verfasser gesteht, dass der Dienst der evange-
lischen Predigt und die Erleuchtung vieler Herzen dem Wunder-
und Zeichenthun allerdings vorzuziehen sei.-^) So werden denn
die Mirakel gleichsam nur als Anhang gegeben. Auch hierin
zeigt der Verfasser wieder die höhere Bildung, von welcher
das erste Buch durch geschichtlich bedeutenden Inhalt wie
klaren und einfachen Ausdruck das beste Zeugniss gibt.
Die wichtige Missionsthätigkeit im germanischen Norden,
welche die Gründung der Bisthümer Bremen und Hamburg
veranlasste, wird in zwei Vitae erzählt, die sich an den Namen
n S. oben S. 107. 2) Vgl. auch Tita Willehacli. c. 2.
3) Quamvis praeponendura sit ministerinm evangelicae praedicationis
et multorum illuminatio cordium operationibus miraculorum ostensionibus-
que signorum, ad honorem tarnen largientis Domini'stilo alligari fecimus,
qnae ab eodem sancto viro facta recolimus. 1. II init.
■)0 *
340 Aiisgar.
des ersten Hamburger Erzbisebofs, Ansgar knüpfen, insofern
er als der Autor der einen genannt wird und der Held der
andern ist. Die erstere ist die Vita Willehadi ^), eines Nortbum-
briers, Scbülers des Alcuin, der, wie andre Angelsacbsen , als
Missionar nacb Friesland kam im Anfang der siebziger Jabre
des aebten Jabrbunderts. Er wirkte dort mit sebr wecbseln-
dem Erfolg, indem das unbesonnene Vorgeben seiner Scbtiler
wieder verdarb, was seine Predigt erreicbt batte, und ibn
selbst in die grösste Lebensgefabr bracbte. Nacb etwa einem
Decennium wurde Willebad von Karl dem Grossen zur Mission
in dem säcbsiscben Wicbmodesgau berufen. Aber seine Tbätig-
keit beendete dort bald der letzte Aufstand Widukinds: erst
nacb dessen Taufe konnte er zur Mission zurückkebren ; Karl
Hess ibn jetzt in Worms selbst zum Biscbof weiben. Seinen
Sitz nabm Willebad in Bremen, wo er eine Kircbe „von
wunderbarer Scbönbeit" baute, und so kann man wobl sagen,
dass dies der erste Anfang des Bistbums Bremen war. Wille-
bad aber starb scbon zwei Jabre danacb, 789.
Diese Vita ist in scblicbtem wobl ansprecbendem Ausdruck
gescbrieben und nacb 838 verfasst — denn es wird darin
(c. 11) der Nacbfolger Willebads, Willericb als verstorben er-
wäbnt^) — aber mindestens vor 860, der Translation des Hei-
ligen in die neue Basilika durcb Ansgar, da dieser Translation
hier nicbt gedacbt wird, obgleich eine ibr vorausgebende,
die durcb Biscbof Willericb geschah, doch Erwähnung findet.
Am Schlüsse der Vita beklagt der Verfasser, dass die vielen
Wunder, die sich an dem Grabe des Heiligen, sowohl an der
einen, wie an der andern Stelle, begeben hätten, nicht auf-
gezeichnet worden wären. Nur zwei wunderbare Ereignisse
hätten in Bremen bisher die Glorie des Heiligen „göttlich
offenbart", nämlich dass sein Stab wie sein Kelch bei Feuers-
brünsten unverletzt geblieben waren.
Dieser Vita folgt unmittelbar ein andres Büchlein, worin
„die Vwtuies et miracula des Heiligen, welche in der Kirche
1) Ed. Pertz in: Moniun. German. bist. Script. T. II, p. 378 ff.
Rettberg Bd. II, S. 451 fi'. — Dehio, Geschichte des Erzbisthums Hamburg-
Bremen bis zum Ausgang der Mission. Bd. I. Berlin 1877. S. 12 ff. und
Krit. Ausführungen III.
2) Vgl. Dehio P, S. 51.
Vita Willehadi. 341
Bremens sieh begaben", berichtet werden; es sind aber nur
solche des Jahres S60'), in welchem überhaupt, wie der Ver-
fasser sagt, dieselben erst zu geschehen begannen. Es ist
eine grössere Zahl von Heilungen, namentlich Blinder und
Gelähmter, die alle mit Namen und Herkunft genannt werden.
Am Schluss wird noch der durch den Verfasser"-) vollzogenen
Translation des Heiligen gedacht. Als Autor aber nennt sich
in einem bevorwortenden Schreiben, worin die Mittheilung der
Wunder gerechtfertigt wird, in ganz officieller Form Ansgar,
Bischof von Bremen. Liegt nun hier keine Fälschung vor, so
muss Ansgar der Verfasser dieses zweiten Buches sein, wäh-
rend in Betreff des ersten seine Autorschaft mindestens sehr
unwahrscheinlich ist.'*) Dass es ihm beigelegt wurde, erklärt
sich leicht, da man schon frühe die beiden Bücher als ein
Werk betrachtete.^)
Ein weit bedeutenderes Werk ist das Leben des heil.
Ansgar selbst'^), bald nach seinem Tode von seinem liebsten
Schüler und Nachfolger in dem Erzbisthum Hamburg, Eimbert
und einem Mitschüler desselben verfasst.'O Es ist den Mön-
chen von Corbie gewidmet. In die Schule dieses Klosters war
Ansgar schon als fünfjähriger Knabe aufgenommen worden.
Etwa im zwölften Jahre aber wurde er dort Mönch. Seine
religiös extatische Natur gab sich schon frühe in Visionen
1) So muss man wenigstens annehmen, wenn die am Schluss erwähnte
Translation in demselben Jahre stattfand.
2) C. 38: Verum nos, ne prolixior narratio onerosa fiat legentibus,
haec et alia multa intermisimus Corpus autem ipsius sanctum
nos cum maxima lidelium turma etc. in nova quam tunc dedicavimus,
coUocavimus basilica.
3) Absolut unmöglich wäre sie nicht; es müsste dann Ansgar die Vita
viel früher verfasst haben, als das andre Buch.
4) So Adam von Bremen, der allein Ansgar auch als Verfasser der
Vita nennt, 1. I, c. 33: Ipse enim qui transtulit, et vi tarn et miracula
eius singulis libris comprehendit. Er sagt dies offenbar auf Grund des
Schlusses des zweiten Buchs, wo die durch den Autor desselben vollzogene
Translation berichtet wird. S. oben Anm. 2.
5) Vita S. Anskarii ed. Dahhnann in : Monum. German. bist. Scr. T. II,
p. 683 ff. Dehio a. a. 0. S. 42 ff. Krit. Ausführ. VI— IX. — Dümm-
1er, Gesch. des ostfränk. Reichs Bd. I, S. 562 ff.
6) S. Vita Rimberti c. 9 , bei deren Behandlung wir auf Rimbert zu-
rückkommen werden.
342 Rimbert.
oder Träumen kund, in welchen seine erregte Phantasie ihm
eine unmittelbare Leitung durch die Mächte des Himmels vor-
spiegelte. Sie kehrten ihm durch das ganze Leben wieder,
wenn er in kritischen Lagen sich befand; durch sie wurde er
in seinen Entschlüssen befestigt und mit Trost erfüllt. Eins
dieser Traumgesichte, das er im dreizehnten Jahre hatte, wies
ihm das ideale Ziel seines Lebens (c. 3), Der Tod Karls, des
allmächtigen Kaisers, den er selbst in aller seiner Herrlichkeit
gesehen, hatte ihn aufs tiefste erschüttert, indem er ihm die
ganze Gebrechlichkeit des menschlichen Daseins zeigte. Nicht
lange danach sah er im Traume sich gestorben und in die
andre Welt versetzt; er stand die Qualen des Fegefeuers aus,
dann aber kostete er die Seligkeit des Paradieses, und ver-
nahm die Stimme Gottes, welche ihm zurief: Gehe und mit
der Krone des Märtyrthums kehrst du zurück. — Ansgar aber
verlor sich nicht im Mysticismus; er war wissenschaftlich so
thätig und tüchtig, dass er bereits mit 15 Jahren vom Schüler
zum Lehrer wurde, als welcher er sich vortrefflich bewährte.
So war niemand mehr zum Missionar berufen, als er. Und
für diese Laufbahn erhielt er nach einigen Jahren noch eine
besondere Schulung. Er wurde nach dem neu gegründeten
Corvey von Adalhard 823 mitgenommen'), um dort Vorstand
der Schule zu werden; zugleich wurde er einstimmig zum
Hauptprediger gewählt (c. 6).
Hier galt es nur, das Christenthum Neubekehrter zu kräf-
tigen. Seine eigentlich missionare Thätigkeit aber begann er,
als er den Auftrag Ludwigs des Frommen übernahm, den in
Ingelheim getauften Däneukönig in seine Heimath zu begleiten
(826). Vier Jahre später folgte er einer andern Aufforderung
Ludwigs nach dem fernen, unbekannten Schweden. Trotz aller
Widerwärtigkeit im Beginne der Reise, indem kurz vor der
Landung Seeräuber ihn seiner ganzen Habe, namentlich der
kaiserlichen Geschenke für den schwedischen König und seiner
für den Gottesdienst bestimmten Bücher beraubten, (c. 10),
blieb der muthige, Gott vertrauende Mann seiner Sendung ge-
treu, die denn auch in Schweden dem Christenthum Bahn
brach. Schon war dort die erste Kirche gebaut (c. II), als
Ansgar nach anderthalb Jahren heimkehrte, um dem Kaiser
1) Vgl. oben S. 337.
Vita Anscarii. 343
Bericht abzustatten. Dieser, über die Erfolge desselben hoch
erfreut, nahm einen Plan Karls des Grossen wieder auf, und
errichtete in Hamburg ein Erzbisthum, in welchem die nor-
dische Mission ihre sichere Stütze tiuden sollte; er verlieh
dies Ansgar, der auch in Rom das Pallium und die Ernennung
zum päpstlichen Legaten erhielt. In der Schule des von ihm
dann in Hamburg gegründeten Klosters suchte er vornehmlich
Missionare auszubilden, indem er unter den Dänen und Wenden
Knaben zu dem Zwecke aufkaufte (c. 15). Aber der Ham-
burger Wirksamkeit wurde ein trauriges Ende bereitet, als
i. J. S45 dänische Piraten die Stadt überfielen und zerstörten.
Ausgar konnte nur sein Leben und die Relifjuien retten. Zwei
Jahre später erhielt er dagegen von Ludwig dem Deutschen
das Bremer Bisthum, mit dem danach auch Hamburg ver-
einigt wurde (c. 22). Kun nahm Ausgar mit neuem Eifer seine
missionare Thätigkeit wieder auf, indem er selbst nach Däne-
mark und Schweden sich begab und durch die Macht seiner
bedeutenden Persönlichkeit, der namentlich auch die Könige
jener Länder sich nicht zu entziehen vermochten, das dort
unterdessen fast wieder zerstörte Christenthum zu neuem Leben
erweckte. Ansgar starb, 64 Jahre alt, S65.
Die merkwürdige Doppelnatur dieses Heiligen, der einer-
seits ein schwärmerischer Mönch war und das contemplative
Einsiedlerleben über alles schätzte, wie er sich denn auch
selbst als Bischof zeitweilig gern in die Einsamkeit zurück-
zog, der andrerseits aber die grösste Thatkraft zu entfalten
vermochte und in der Wirksamkeit als Lehrer und Prediger
unter den Heiden seine höchste Lebensaufgabe fand, — diese
Doppelnatur spiegelt auch seine Biographie wieder, die ims
ebensowohl alle seine Visionen, als seine wichtigsten Hand-
lungen berichtet. Ja die erstereu werden von seinem Liebliugs-
schüler, dem er sie im tiefsten Vertrauen mitgetheilt, mitunter
noch ausführlicher und eingehender erzählt. In ihnen musste
sich ja nach seiner Anschauung die Bedeutung seines Helden
am grössten und unmittelbarsten zeigen. Bieten diese Visionen
kein andres als ein psychologisches Interesse, so sind dagegen
die historischen Nachrichten, namentlich über die Verhältnisse
des germanischen Nordens, die politischen wie religiösen, von
unschätzbarem Werthe, der durch die Unbefangenheit der Dar-
stellung und einen einfachen Ausdruck nur erhöht wird.
3i4 Yita Alcuini.
NEUNZEHNTES KAPITEL.
HEILIGENLEBEN UND TRANSLATIONEN WESTFRANCIENS.
Auch in Westfrancien wurde, wie wir schon an manchen
Beispielen sahen, diese Gattung der Geschichtschreibung nicht
minder gepflegt. Unter den wichtigeren Werken nennen wir
zuerst eins der ältesten: die \fta Alcuhii^), wichtig allerdings
nur als die einzige zeitgenössische Biographie dieses so ein-
flussreichen Mannes, dessen sie weder in materieller, noch in
formeller Beziehung würdig ist. Sie ist von einem unbekannten
Mönche, einem Schüler des Sigulf, welcher nach Alcuin Abt
von Ferrieres war, zwischen 823 und 829 verfassf-), und zwar
auf Grund von Mittheihmgen^) dieses Lieblingsschülers Alcuins,
der seinem Meister aus York nach dem Continente gefolgt war.
Die Quelle, aus welcher der Verfasser schöpfte, war also in
manchen Beziehungen eine gute, und doch hat er im all-
gemeinen nur ein Zerrbild seines Helden geliefert. Nicht im
geringsten vermochte er die Bedeutung desselben zu erkennen.
Einige Schuld trifft sicher auch Sigulf selbst, der offenbar zu
der Zeit, als er dem Verfasser von Alcuin erzählte, schon ein
blosser Betbruder geworden war, wie er denn im Alter seine
Abtwürde in die Hände seines Schülers Aldrich niederlegte,
um sich ganz der Askese zu widmen. Sigulf aber war schon
todt, als unser Autor schrieb, während Aldrich noch Abt war,
auf dessen Veranlassung er wahrscheinlich das Buch ver-
fasste. Die Absicht, die ihn bei demselben leitete, spricht er
selbst in dem Prolog aus. Es soll ein Heiligenleben, wie es
sich gehört, sein, zur Erbauung geschrieben. Die alten Hei-
ligen nachzuahmen, meint der Verfasser, wäre in seinem Zeit-
alter zu schwer, so müsse man vielmehr aus diesem selbst die
Muster nehmen; ein solches sei Alcuin für die Canoniker, wie
Benedict (von Aniane) für die Mönche. Die ganze Darstellung
1) Monumenta Alcuiniana (s. oben S. 12, Amn. 1) p. 1 ff.
2) So Wattenbach, Praef. p. 1.
3) Scribam igitur fideliter quae ab eins fidelissüno tantum didici dis-
cipulo, Sigulfo scilicet, institutore meo, Prolog.
Yita Alciiini. 345
wird von dieser Tendenz beherrscht. Der alte Abt von Tours,
der auch wohl schon asketische Anwandlungen hatte, soll hier
als Heiliger glorificirt werden; nur von seinem Leben in Eng-
land und in Tours ist ausführlicher die Rede, während sein
Aufenthalt am Hofe Karls mit ein paar Zeilen abgethan wird.
In naiver Weise werden ihm Visionen, Prophezeiungen — die
sich gar leicht natürlich erklären — und sogar Wunder (c. 12)
angedichtet. Dagegen wird er zu einem Verächter der heid-
nischen Poeten, und insonderheit des Virgil gemacht^ — zu
einer Zeit, wo Raban noch bei ihm Metrik studirte! -) Das passte
ja zu der frommen Tendenz. Seine „docti'ina" ist unserm Autor
nur eine „pia"; seine Schriften empfiehlt er auch nur zur Er-
bauung (c. 12). — Die Darstellung, mitunter gewürzt mit
frommen Exclamationen und Betrachtungen in sehr geschraub-
tem Stile, zeigt auch die geringe humanistische Bildung dieses
in seinem geistigen Horizont beschränkten Mönches. Bei alle-
dem ist die Vita durch einzelne thatsächliche Mittheilungen
wichtig, die wir in Alcuins Leben schon verwerthet haben.
Von dem berühmtesten geistlichen Zeitgenossen Alcuins,
mit dem er in den letzten Lebensjahren auch viel freundschaft-
lich verkehrte, dem oben erwähnten Benedict haben wir
1) Es ist dies die bekannte Stelle c. 10: Legerat isdem vir Domini
(Alcuin) libros iuvenis antiquorum philosophorum Virgiliique mendacia,
quae nolebat iam ipse nee audire neqiie discipulos suos legere,
sufticiunt, inqiüens. divini poetae vobis, nee egetis luxuriosa sermonis Vir-
gilii Yos poUui facundia. Aus dieser Stelle hat man dann die weitest
gehenden Folgerungen gezogen, ohne den Charakter des Buchs, das sie
enthält, und ihres Schreibers zu berücksichtigen. Das Geschichtchen,
woran sich diese Aeusserung knüpft, ist offenbar dahin zu interpretiren,
dass Sigulf mit seinen SchuLknaben den Virgil zu einer ungehörigen Zeit
las, wo das Kloster andre Pflichten gebot. Alcuin trat offenbar nur dem
übertriebenen Yirgilkultus entgegen, wie auch in seinem Brief an den
Erzbischof Ricbod (ep. 216 ed. Jaffe); die scherzhafte Weise, worin dies
dort geschieht, zeigt am besten, wie auch damals noch Alcuin seinen
Virgil liebte, dessen anziehende Mythen man einmal herkömmlich im
christlichen Jargon mendacia nannte, als Versicherung dass man nicht
daran glaubte. Wie der beschränkte Mönch in der obigen Stelle über-
trieben hat, kann eine andre der Yita zeigen, wo es (c. 4) von dem jugend-
lichen Alcuin in York heisst : „Hac autem insignitum virtute Albinum mira
cum pietate veneremur, qui npluit absincium saecularis littera-
turae nosseü" — Sapienti sat! 2) S. oben S. 122.
346 Smaragdus Ardo.
auch aus dieser Zeit eine Biographie, die aber weit umfäng-
licher und gründlicher als die Vita Alcuini ist. Sie ist das
Werk des Ardo genannt Smaragdus'), der Benedict beson-
ders nahe stand und nach dessen Abgang von Aniane Vorstand
dieses Klosters war-), auf Bitten von Mönchen von luden, die
seine Schüler in Aniane gewesen, verfasst. Smaragd nahm,
nachdem er ein Jahr lang gezögert, aus Furcht der Aufgabe
nicht gewachsen zu sein (c. 1 u. 2)''), dieselbe 822 in Angriff.^)
— Er starb 843, und wurde in seinem Kloster als ein Heiliger
verehrt.
Obgleich diese Vita kein ganz vollständiges Bild von der
Thätigkeit ihres Helden liefert, namentlich seit der Zeit, wo der-
selbe Aniane verlassen, so lässt sie doch alle wichtigen Züge
derselben erkennen und bietet ein reiches historisches Material
dar, das um so werthvoller ist, je weniger an der Treue der
Erzählung die Unbefangenheit der Darstellung zweifeln lässt,
in welcher die Subjectivität des Verfassers ganz in den Hinter-
grund tritt. ^) So ist auch der Stil einfach und ungesucht.
Benedict, 750 geboren, hiess mit seinem weltlichen Namen
Witiza, und war aus edlem gothischen Stamme, ein Sohn des
tapferen Grafen von Magelone. Er wurde an dem Hofe Pippius
erzogen und widmete sich zuerst dem Kriegsdienst. So nahm
1) Vita S. Benedict! abbatis Ananiensis in Mabillons Acta S. S. ord.
S. Bened. Saec. IV, pars 1, pag. 183 ff.
2) Im Chronic. Moissiacense (Cod. Anan.) heisst es unter d. J. 814:
ipse vero supradictus abbas (Benedict), antequam abiret in Francia, ordi-
navit in loco suo in monasterio Aniano abbatem nomine Smaragdum.
Monum. Germ. bist. Script. T. 11, p 311 und vgl. Simsen, Jahrb. I, S. 24,
Anm. 4. An Smaragd ist ja auch die weiter unten erwähnte Relation
gerichtet.
3) Namentlich fürchtete er auch die literarische Kritik wegen seines
ungeschmückten und von Solöcismen nicht freien Ausdrucks, praesertim
cum noverim vos sacrae aulae palatii adsistere foribus nee turbulenti rivuli
sitire potum. quin potius ab indeficienti vena purissimi fontis sedulo sa-
pientiae ham-lre fluenta. Beachtenswerth ist dieser Respect vor der Hof-
schule, der Smaragd selbst zu einer so gesuchten Redeweise, wie sie im
ganzen Buche sich nicht wiederfindet, bewegt.
4) Benedict starb d. 11. Febr. 821, und die Bitte der Mönche ist
ihrem Bericht über seinen Tod beigefügt.
5) Dies zeigt sich recht da, wo er von der Klosterschule spricht; er
beschränkt sich auf die in der folgenden Anmerkung gegebenen Worte.
Tita Benedicti Anan. 347
er auch an dem langobardisehen Feldzuge Karls des Grossen
Theil. Eine Lebensgefahr, in die er auf ihm durch einen
unglücklichen Zufall gerieth, reifte in ihm den schon länger
gehegten Entschluss der Welt zu entsagen. Er führte ihn
heimlich sogleich aus und trat in ein Kloster des Bisthums
Langres. Hier gab er sich im Anfang der Askese in der über-
triebensten, ja widerwärtigsten Weise hin (c. 7), indem er so-
gleich zu dem Höhepunkt derselben aufstrebend, die Regel
Benedicts als nur für Anfänger und Kranke gut genug ansah
(c. S). Hiervon mit der Zeit zurückgekommen, verliess er
nach des Abtes Tode das Kloster (779), um auf einer Täter-
lichen Besitzimg am Bache Anianus zunächst eine Cella, dann
ein eignes Kloster zu gründen, das nach dem Bache seinen
Namen erhielt (c. 14i. Denn die Schaar seiner Schüler wuchs,
trotzdem er streng auf die Beobachtung der Regel hielt und
dies im Anfang bei der damaligen Verwilderung des Mönch-
thums manchen Widerstand fand. Aber sein sittliches Beispiel
wirkte mit der Zeit ausserordentlich. Für seinen Charakter
bezeichnend und seine Popularität erklärend ist, dass er Leib-
eigene, die seinem Kloster geschenkt wurden, freiliess (c. 14)
und bei einer Hungersnoth die Bevölkerung mit kluger Be-
sonnenheit auf das thatkräftigste unterstützte.
Das Kloster entwickelte sich indess immer glänzender:
eine prächtige Kirche ward erbaut und mit allem liturgischen
Schmuck versehen, ganz im Gegensatz zu den einfachen An-
fängen; aber es wurde von Benedict nicht minder für die
Schule und deren Bibliothek gesorgt (c. 27). i) Die Zahl der
Mönche stieg allmählich bis auf 300, welche, da die Gebäude
nicht ausreichten, auch auf Gellen vertheilt wurden (c. 34).
Schon Karl der Grosse erkannte Benedicts Wirksamkeit an,
trotz aller gegen ihn am Hofe geschmiedeten Intriguen welt-
licher und geistlicher Grossen (c. 41)-), noch mehr aber sein
1) Instituit cautores, dociiit lectores, habuit gi-ammaticos . et scientia
scripturarum peritos, de quibus etiam quidam post fuere episcopi . aggre-
gavit. Librorum multitudinem congregavit.
2) Das folgende Kapitel enthält eine interessante Episode, indem darin
das Möncbthum des in der Sage und Epik so berühmten Wilhelm Grafen
von Toulouse geschildert wird , der ein Verehrer des Benedict . durch
dessen Beihülfe im Alter in diesen Stand trat. Sein Leben als Mönch
348 Hilduiu.
Sohn Ludwig, der bereits als König von Aqnitanien alle
Klöster dieser Provinz seiner reformatorischen Oberaufsicht
unterstellte und ihm manche auch verlieh. Er wie seine Ge-
malin verehrten ihn sehr. Als Ludwig Kaiser geworden, gab
er ihm, um nicht zu weit von ihm entfernt zu sein, das Kloster
Maurmtinster im Elsass; bald danach aber baute er ihm in
nächster Nähe der Achener Pfalz das Kloster luden, wo er
nun täglich mit ihm verkehren konnte. Benedict wurde jetzt
Obervorsteher aller Klöster des fränkischen Reichs, um sie, wie
die Aquitaniens, zu reformiren (c. 50). Unter seiner Leitung
wurde auf dem Achener Reichstag v. J. 817 die Benedictiner
Regel verbessert und ergänzt. Sein Inden machte er zu einem
Musterkloster; wie er dort die Regel ausführen liess, wird
hier (c. 52) im einzelnen gezeigt. Auch die schriftstellerische
Thätigkeit Benedicts bewegte sich nur auf diesem Gebiete
(c. 53). Die Vita schliesst mit einer Schilderung seines Endes,
welche eine Ergänzung in dem hinzugefügten an Smaragd ge-
richteten Briefe der Brüder von Inda findet, welcher einen
Bericht von den letzten Lebenstagen Benedicts enthält.
Diese Vita eines Zeitgenossen, der ein so thätiges, erfolg-
reiches Leben führte, von einem gelehrt gebildeten Magister
geschrieben, hat, wie sich nicht anders erwarten lässt, den
Charakter eines Geschichtswerks. Von Mirakeln ist nur bei-
läufig und in aller Kürze die Rede.')
Noch eine, literarhistorisch merkwürdige Vita verdient hier
erwähnt zu werden, es ist die des heil. Dionysius von dem
schon mehrfach erwähnten Erzkanzler Hilduin'-), welcher seit
814 Abt von St. Denis war und Ludwig den Frommen nicht
lange überlebte. Er macht in dieser Vita, allerdings schon
auf Grund der Ansicht seiner Zeit^), den heil. Denis von Paris
zum Areopagiten, indem er das wenige, was die Tradition von
diesem berichtete, mit der Legende jenes leicht verschmelzen
wird in allen Einzelheiten hier beschrieben. S. über Wühelm auch
oben S. 174.
1) So sagt der Verfasser selbst c. 39: Haec de miraculis nostris tem-
poribus actis pauca dixisse sufficiat.
2) Migne's Patrol. lat. T. 106, p. Uff. — S. über Hilduin u. a. S. 248.
3) Vgl. oben S. 259.
Vita Dionysii. 349
konnte. Sein Biicli befestigte dann aber die Meinung von der
Identität der beiden für das ganze Mittelalter, ja noch darüber
hinaus; daher schon ist es von historischer Bedeutung. Auch
für die Nationalliteratur wurde die Legende des heiligen Denis,
so wie sie Hilduius Yita darstellt, massgebend. Dieser aber
hatte sein Werk auf die Aufforderung Ludwigs des Frommen,
ja nach seiner Vorschrift unternommen. i) Der letztere, auch
von der Ansicht der Identität der beiden Diouysius ausgehend,
wünschte nach seiner feierlichen Wiedereinsetzung in der Abtei
St. Denis hierfür diesem Heiligen, dem schon seine Vorfahren,
wie er an Hilduin schreibt, so viel verdankten, seine Erkennt-
lichkeit zu beweisen, und verlangte deshalb von dem Abte:
alles sorgfältig zu sammeln und in einem Buche compendiös
zu vereinigen, was er in Bezug auf den Heiligen in griechischen
und lateinischen Werken und in den eigenen desselben fände
— dies waren also die Quellen der Lebensgeschichte des
Areopagiten — und dies mit dem aus der Passio des Heiligen
und aus den sehr alten Urkunden der Pariser Kirche geschöpf-
ten — also das Material der Biographie des heil. Denis —
zu verbinden.
So erzählt denn Hilduin zuerst von Athen, schon um den
Beinamen Areopagita zu erklären, von der Predigt des
Paulus dort und wie Dionys sein Schüler wurde, der von da
an drei Jahre sein unzertrennlicher Begleiter gewesen wäre.
Darauf aber gedenkt er der Schriften desselben in einer Reihe
von Kapiteln einzeln, kurz ihren Inhalt anzeigend. Nach dem
Tode der Apostelfürsten, berichtet dann Hilduin weiter, kommt
Dionjs, der indessen im Orient gewirkt, nach Rom und wird
vom Papst Clemens aufgefordert, Gallien zu bekehren. Er
zieht mit einigen Begleitern dorthin, landet in dem Hafen von
Arles und begiebt sich nach Paris, wo er mit dem grössten
Erfolge das Evangelium verkündet und die erste Kirche baut.
Seine heidnischen Gegner aber denunciren ihn deshalb bei
Domitian, der über diese Fortschritte des Christenthums er-
bittert, eine allgemeine Christenverfolgung beschliesst und einen
Präfecten speciell zur Verfolgung des Heiligen aussendet.
Nun wird die Passio desselben in einer übertriebenen schwül-
stigen Weise erzählt, wie wir ihr später auch in den franzö-
1) S. das Schreiben Ludwigs bei Migne 1. 1. T. 104, p. 1326 ff.
350 Ermentarius, Translatio Filiberti.
sisclieu Mysterien wieder begegnen: so wird der Heilige erst
gegeisselt, dann auf einem Rost gebraten, und so den wilden
Thieren vorgeworfen, die ihn aber dank dem Zeichen des
Kreuzes verschmähen; darauf wieder in einen feurigen Ofen
gesteckt, dessen Feuer jedoch erlischt, dann von neuem ge-
foltert und endlich enthauptet. Hierbei begibt sich denn das
wohl hier zuerst berichtete, wenn nicht von Hilduin erfundene
Wunder, dass der Heilige, seinen Kopf in den Händen, noch
fast zwei Meilen weiter marschirt bis zu der Stelle, wo er für
immer ruhen wollte.
Auch manche Translationen hat Westfrancien in
dieser Periode aufzuweisen, von denen einige auch von ge-
schichtlichem Interesse sind: so die Tra7islatw Sa?ic(t' Filiberti
von Ermentaeius ')• Dei' Verfasser war Mönch des Klosters
Hermoutier, wo sich die Gebeine des Heiligen befanden, er
begleitete sie auf ihrer Translation, so dass er als Augenzeuge
berichtet; 25 Jahre später, um d. J. 860, wurde er Abt dieser
wandernden Mönchsgemeinde, die noch nicht in ihr Kloster
hatte zurückkehren können. Er starb etwa fünf Jahre darauf.
Die Geschichte der Translation zerfällt in zwei Bücher,
die getrennt erschienen sind, indem das zweite dem ersten
nach mehr als 20 Jahren gefolgt ist. Das erste, Hilduin von
St. Denis gewidmet-), ist zwischen 836 und 840 verfasst, das
zweite erst 863. Diese Translation war von eigenthümlicher
Art, denn sie betraf nicht bloss die Reliquien, sondern das
ganze Kloster. Die Normannen nämlich, welche seit 835 die
Küsten Aquitaniens plünderten, waren eine solche stete Drohung
für das auf der Insel Heri gelegene Kloster, dass die Mönche,
nach Zustimmung des Königs Pippin, Anfang Juni d. J. 836
nach dem Festlande mit den Reliquien ihres Schutzheiligen
übersetzten und sich zunächst nach dem ihnen auch gehörigen
Kloster Deas (heute St. Filibert) begaben. Diese Uebersiedelung
mit den Mirakeln'^) — meist wunderbaren Heilungen — die
1) In Mabillons Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. IV, pars 1, p. 510 ff.
Histoire litter. de la France Tome V, p. 315 f.
2) Wie aus der Vorrede des zweiten Buchs hervorgeht.
3) Bemerkenswerth ist darunter eins c. 82, wo erzählt wird, wie brit-
Odo, Translatio Mauri. 351
von den Reliquien unterwegs und in Deas selbst ausgingen,
bildet allein den Gegenstand des ersten Buches. — Das zweite,
viel kleinere Buch berichtet dann die weitere Flucht der
Mönche vor den Normannen nach Cunauld, und selbst nach
Messay in Poitou, da jene Piraten vier Jahre hinter einander
auf der Loire überwinterten. Von Interesse ist die im Vorwort
gegebene Schilderung der verwüstenden Raubzüge der Nor-
mannen, die in Folge der Bürgerkriege nach Ludwigs Tod,
wie der Verfasser klagend ausführt, immer bedeutender werden,
und nicht allein die ganze Westküste Frankreichs treffen,
sondern auch die Ufer der Rhone und Seine. Lebendig weiss
unser Autor den panischen Schrecken, den sie verbreiteten,
mit w^enigen Worten zu malen, i) Den Hauptinhalt des Buches
aber bilden auch hier Mirakel.
Eine ähnliche Flucht vor den Normannen- wird erzählt in
der Histoi'i'a iriuislationis corporis S. Muiiri in Fossutense mo-
iiasteriujii-) von Odo, der seit 863 Abt von Glanfeuil, seit
S69 auch von S. Pierre des Fosses bei Paris war. Die Ge-
schichte der Translation nimmt aber nur einen kleinen Theil
seines Buches ein, weitaus den grössten dagegen die Geschichte
des Klosters Glanfeuil-^) von seiner Zerstörung durch den ihm
von Pippin, Karls des Grossen Vater, vorgesetzten Gaudulf
von Ravenna, der nach Vertreibung der Mönche es in ein Ca-
nonicat verwandelte und gänzlich verfallen Hess, bis zu jener
tische Kaufleute, die dem Kloster Blei gestohlen, die Heimath nicht er-
reichen können, und durch die Erscheinung des Heiligen, der auf dem
Meere zu Eoss sie mit drei Speeren bedroht , zur Umkehr und Rückgabe
des Gestohlenen genöthigt werden. In dieser ausfühi'lichen Erzählung
sucht der Verfasser durch seinen Stil zu glänzen , der aUerdings hier von
seinen grammatischen Studien zeugt.
1) NuUus paene locus, nullum intactum remanet monasterium: omnes
fugam arripiunt; rarus est qui dicat: state, State, resistite, pugnate pro
patria, liberis et gente. Sicque torpentes atque in%'icem dissidentes quod
defendere debuerant armis, tributis redimunt ac Christianorum pessumdatur
regnum.
2) In MabUlons Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. IV, pars 2, p. 175 ff.
Eist, litter. de la France T." V, p. 3S3 ff.
3) Er selbst bezeichnet auch sein Buch als .Historia eversionis seu
restaurationis sancti coenobii" etc. in der Praefatio.
352 Aimom.
Translation. Namentlich wird die Wiederherstellung des Klo-
sters unter Ludwig dem Frommen durch den Grafen Rorigo
und seine fromme Gemalin ausführlich erzählt. Hierbei hatte
der Abt des Klosters des Fosses, Ingelbert wesentlich mit-
gewirkt, und mit seineu Mönchen das restaurirte Glanfeuil
wieder bevölkert. So war dies zuerst dem Pariser Kloster
untergeben. Nach dem Tode des Grafen aber erhielt es seine
Selbständigkeit und einen eigenen Abt, in der Person eines
Neffen Rorigo's, Gauzlin. Die Wunder, die sich an dem Grabe
des Heiligen zutrugen, die Verfolgungen, die das Kloster von
einzelnen mächtigen Laien erlitt, und deren wunderbare Strafen
werden dann noch weitläufig berichtet, ehe die Translation in
aller Kürze erzählt wird, die erst nachdem der h. Leib au ein
paar andern Orten Jahre lang stationirt hatte, in dem Kloster
des Fosses i. J. 868 ihr Ende fand. Die Geschichte von Glan-
feuil ist als ein Spiegelbild der Schicksale mancher Klöster
Westfranciens in jenen Zeiten von allgemeinerem Interesse.
Die Ueberzahl von Wundern, womit die Erzählung ausstaffirt
ist, ist für die Zeit und den Verfasser bezeichnend, der als
Erdichter eines Lebens des h. Maurus entlarvt, auch hier den
Verdacht geringer Wahrheitsliebe in manchen Einzelheiten
nur um so mehr erweckt, als er so grosse Vorsorge nimmt,
sich auf das Zeugniss andrer zu berufen, mitunter aber, wo
es gerade nöthig wäre, mit der Sprache nicht herausrückt. i)
Dem Ende dieser Periode gehören noch ein paar Werke
dieser Gattung der Historiographie in Westfrancien an, welche
ein besonderes Interesse haben und von einem und demselben
Autor verfasst sind, der also diese historische Specialität be-
sonders cultivirte. Es ist dies ein Mönch von St. Germain-
des-Pres bei Paris, Aimoin2), Lehrer der Schule dieses Klosters,
1) Wie wo er von dem abhanden gekommenen Edict Ludwigs des
Frommen erzählt, durch welches Glanfeuil seine Praepositi und Magistri
von dem Kloster Des Fosses erhalten sollte: Quod qualiter tempore Ingel-
berti ablatum ignique crematum fuerit, melius reticendum quam proferen-
dum putamus. c. 14. Sicherlich hat ein solches Edict nie existirt.
2) Vgl. Dümmler, N. A. S. 543. — Hist. litter. de la France, T. V,
p. 641 ff.
Translatio Yincentii. 353
dem sein Zögling Abbo die Dichtung „De bellis Parisiacae
urbis" gewidmet bat, als eine Frucht des bei ihm genossenen
Unterrichts. Hiernach lässt die Gelehrsamkeit, womit dieses
Werk prunkt, auf eine gleiche des Aimoin schliessen. Da
aber, wie schon DUmmler bemerkt, die in der Dichtung dar-
gestellten Kämpfe bis 896 reichen, so muss Aimoin mindestens
dies Jahr überlebt haben.
Wohl das älteste') von Aimoins Werken ist die Trans-
latio des h. Vincenz aus Spanien nach dem Kloster Castres^),
welche er auf Bitten des Abtes und der Mönche dieses Klo-
sters, wie ein dem Werk vorausgeschicktes Schreiben au sie
zeigt, verfasste. Es ist das Werk in zwei Bücher getheilt^),
von welchen das erste die Auffindung des heil. Leibes, das
zweite seine Uebertraguug erzählt. Das erste ist das bei
weitem interessantere. Ein Mönch von Conkittas in Aquitanien,
Hildebert, wird (i. J. 855) in einem Traumgesicht aufgefordert,
den Leib des Vincenz, der in einer zerstörten Kirche Valencia's
unverehrt ruhe, zu holen. Er verbindet sich zu dieser Fahrt
mit einem ihm nahe befreundeten andern Mönche desselben
Klosters, Audald. Mit Genehmigung des Abtes treten sie die
Reise an; Hildebert aber muss erkrankt umkehren, während
Audald Valencia erreicht. Mit der Unterstützung eines Mauren,
die er um fünf Soldi erkauft, gelangt der Mönch auch in den
Besitz des Leibes, der so wohl erhalten, dass er um ihn in
einem Sack zu transportiren, zerschnitten werden muss. Audald
kommt dann auch mit seinem Schatze glücklich bis Saragossa ;
dort aber ist er so unklug in dem Absteigequartier, das eine
fromme Frau ihm gewährt hat, bei angezündeten Kerzen und
unter Gesaug deu Heiligen im Sacke zu verehren. Die Frau
1) Denn Aimoin war bei der Abfassung der diesem Werk erst später
beigefügten Yerse noch Comminister, wie er sicli in der Widmung derselben
nennt ; auch wird diese Translation in der folgenden angeführt.
2) Mabillon, Acta SS. ord. S. Bened. Saec. 1\ pars 1, p. 606 ff.
3) Um den Leser mehr anzuziehen; deshalb hat sich der Autor auch
kurz gefasst. So sagt er im Eingang des zweiten Buchs : Neque enim
effugari lectorem, multo magis vero ad ea quae dicuntur invitari oportet,
qualiter, etsi sermo incultus exasperat, saltem succinctus demulceat. Ideo-
que omne hoc opus in duo etiam dividere voluimus corpora, licet quan-
titate exigua.
Ebert, Literatur des Mittelalters IT. 23
354 Aimoiii.
macht alsbald bei dem Bischof Anzeige. Und dieser bemäch-
tigt sich des Schatzes. Vergeblich versichert der Mönch, es
sei ein Verwandter, den er aus so weiter Ferne geholt. Durch
Drohungen eingeschüchtert, gibt er dann zu, dass es der Leib
eines Märtyrers sei, für welchen er den Namen Marinus er-
findet. Die „heilige Beute" lässt darum aber der Bischof nicht
fahren; und Audald kehrt mit leeren Händen in sein Kloster
zurück. Seiner Erzählung schenkt man dort so wenig Glauben,
dass ihn als Lügner und Herumstreicher sein Kloster verstösst.
Er wendet sich darauf nach Castres, wo er besseren Glauben
findet und deshalb mit offenen Armen aufgenommen wird,
denn die Mönche hoffen durch ihn in den Besitz des h. Vin-
cenz zu kommen. Erst nach achteinhalb Jahr (864) gelingt
es ihnen in der That, durch die Vermittelung eines Grafen
von Cerdagne, der unter dem Vorgeben, der sequestrirte Heilige
sei ein Verwandter, Namens Sugnarius, einen Befehl des Emir
von Cordoba auf Herausgabe gegen Zahlung von 100 Solidi
erwirkt. Andre 100 kostete es noch an den Statthalter von
Saragossa. Der Bischof läugnet zwar alles unter vielen Eid-
schwüren'); aber Audald überführt ihn, und so wird ihm imd
den ihn begleitenden Mönchen von Castres endlich der Hei-
lige tiberliefert. Wie viele Lügen und Meineide um den Besitz
desselben !
Im zweiten Buche wird kurz die Translation be-
richtet und einiger in Castres an Vincenz' Sarge geschehener
Wunder gedacht, unter welchen sich einmal die Variation findet,
dass der Heiligeneinfluss Diebe zur Restitution des Gestohlenen
nöthigt.-) Auch diese Reliquien mussten übrigens vor den
Normannen geflüchtet werden.
Auf den Wunsch eines befreundeten Mönchs Theotger
fügte Aimoin nach Vollendung des Werks jedem der beiden
Bücher 30 Hexameter in je drei Kapiteln hinzu, die den In-
halt des Buchs sehr unvollständig recapituliren , und formell
wie materiell gänzlich werthlos sind. Nur verräth sich wohl
1) Episcopus advocatur, et cur tantam in mortuum ex-
ercuerit iniquitatem — — inquiritur. Quo omnia negante, et quod id non
fecerit, cum multis Dei sanctorumque iuramentis affirmante etc.
2) Wie dies auch schon vom h. Felix Paulin erzählt. S. Bd. I, S. 292.
Auch vom heil. Nicolaus wird dasselbe berichtet.
Translatio Georgii et Aurelii. 355
der Schulmeister in dem Versuche den Xamen des Freundes
etymologisch zu erklären.^)
Noch eine Translati-on aus Spanien, aber nach dem
eigenen Kloster, die mit der eben betrachteten in einer ge-
wissen Beziehung steht, hat Aimoin erzählt. 2) Es ist die der
Märtyrer von Cordoba, Georgius und Aurelius.-^) Auch
diese Translation ist in mancher Rücksicht interessant. Sie
zerfällt auch in zwei Bücher. — In dem Kloster St. Germain
war auch bekannt geworden, dass der Leib des h. Vincenz
„von Valencia leicht gehabt werden könne". Und so machten
sich denn ein paar Mönche dieses Klosters Odilard und Usuard
mit Genehmigung des Abtes und des Königs zu dem Zweck
i. J. S5S auf den Weg. Doch schon im südlichen Frankreich
erfahren sie, dass der h. Leib von Valencia weggebracht sei,
obwohl mit Unrecht nach Benevent gesagt wurde, während er
damals in Saragossa festgehalten war. Die Mönche wollen
aber doch nicht mit leereu Händen zurückkehren. In Barce-
lona klagen sie ihre Noth einem angesehenen Manne, der sie
denn auf die unlängst unter Abderrahman zu Märtyrern gewor-
denen Christen Cordoba's, namentlich den Georgius und Au-
relius aufmerksam macht. ^) Diese sollen sie nun schadlos
halten, so sehr ihnen auch von der gefährlichen Reise abge-
rathen wird. Indess mit einem Empfehlungsschreiben von dem
Grafen von Barcelona an einen maurischen „Magnaten" Sara-
gossa's versehen, werden sie von diesem einer nach Cordoba
ziehenden Karavane anbefohlen; und kommen so sicher dort-
hin, wo sie, an einen angesehenen Christen Leovigild empfohlen,
auch das Ziel ihrer Wünsche erreichen. Während aber der
1) Theotger soll Deum gerens sein'. Von der deutschen Herkunft des
Wortes hatte man also in Westfrancien keine Ahnung mehr.
2) Er ■wird zwar nicht in der Handschrift als Verfasser genannt, aber
er gibt sich selbst c. 3 zu erkennen, indem er auf die von ihm früher
verfasste Translatio des h. Vincenz verweist, deren Geschichte ihm Audald
selbst erzählt habe. Auch findet sich hier dasselbe Motiv für die Ein-
theilung in zwei Bücher (s. Prolog, libri II) als bei der Transl. Vincent.,
s. oben S. 353 Anm. 3; ingleichen die EtjTuologie eines Namens 1. I, c. S.
3) MabiUon 1. 1. Saec. IV, pars 2, p. 45 fi'.
4) Ihre Passion ist, wie schon Aimoin 1. I, c. 9 bemerkt, von Eulogius,
dessen eignen Märtjrtod unser Autor ebenda erwähnt, geschildert in dem
Memoriale Sanctorum (s. oben S. 3u2 f.) 1. H, c. 10.
23*
356 Aimoiu.
Leib des Georgius vollständig erhalten war, fehlte an dem
des Aurelius der Kopf, der nach der Hinrichtung abhanden
gekommen; er wurde merkwürdiger Weise durch den seiner
Gattin Nathalia, die mit ihm gleichzeitig enthauptet und deren
Leib nicht aufgefunden worden war'), ersetzt. Den Rückweg
machen die Mönche zunächst im Gefolge des Heeres des gegen
das aufständige Toledo ziehenden Emirs Mohamed unter dem
besonderu Schutz des Leovigild, dann über Alcala de Henares
und Saragossa nach Südfrankreich. — So weit geht das erste
Buch. Die weitere Fahrt nach dem Norden — wobei denn
auch der Invasion Ludwigs des Deutschen und der Plünde-
rungen seines Heeres gedacht wird (c. 5 und 10) — und die Wim-
derwirkungen, die von den Reliquien ausgingen, werden dann
im zweiten Buche erzählt, worin gegen den Schluss noch
erwähnt wird, wie König Karl durch einen nach Cordoba Ab-
gesandten die Wahrheit des Martyriums an Ort und Stelle
untersuchen Hess. -)
Endlich besitzen wir von Aimoin zwei Bücher: De mira-
ciiUs S. Get^numi.-^) Es ist dies Werk aber nur eine Bearbei-
tung von zwei andern, die im Auftrage des Abtes Ebroin,
Bischofs von Poitiers, zwei Mönche des Klosters St. Germain
gleichzeitig verfasst hatten, um dem Wunsche des Königs
Karl des Kahlen zu genügen, der von den Wundern der
Reliquien des Heiligen zu den Zeiten des Normannenherzogs
Ragenarius und seiner Gefährten gehört hatte und sie aufge-
zeichnet wünschte. Die beiden Arbeiten waren aber nicht
veröffentlicht worden, und Jahre später dem Aimoin ihre Ver-
schmelzung zu einem Werke vom Abt Gozlin aufgetragen.
Auch dieses Werk ist eine Geschichte von Translationen, in-
dem die Gebeine des Heiligen vor den Normannen wieder-
holt geflüchtet werden. Es werden uns hier sehr lebendige
Bilder entworfen von zwei Einfällen dieser Piraten, die auf
der Seine bis Paris vordringen und dort auf einer Insel sich
festsetzen, um dann auch zu Lande mit requirirten Pferden
1) Die Christen konnten nur heimlich Nachts die Ueberreste der Mär-
tyrer vom Blutgerüst holen, und daher dieselben leicht zerstreut werden.
2) Nee est oblitus (Karolus) delegans Mancionem Cordubae huius facti
veritatem ex loco requii'ere. c. 27.
3) Mabillon 1. 1. Saec. III, pars 2, pag. 96 ff.
De miraciüis S. Gerruaui. 357
ihre nächtlichen Ranbzüge zu unternehmen. Die feige Flucht
der Bevölkerung- 0, die Barbareien der heidnischen Feinde, die
namentlich auch Klöster und Kirchen heimsuchen, ihre Brand-
stiftungen, ihr Aufgreifen Vornehmer, — alles nur zum Zweck
hohe Lösegelder zu erzwingen — ihre stolze Verachtung der
Gegner, welche sie nur durch Zahlung eines Tributs zu ent-
fernen vermögen-), wird uns hier anschaulich geschildert. Die
erste Invasion, die i. J. S45 stattfand, wird in dem einen, die
zweite, die einige Jahre später erfolgte, in dem andern Buche
erzählt, zugleich mit den von dem Heiligen in diesen Zeiten
gewirkten "Wunderthaten , unter denen manche Visionen seiner
Mönche und die Pest, w^elche die Normannen sammt ihrem
Herzog befiel (1. I, c. 12 f.), erwähnenswerth sind. Jedem der
beiden Bücher ist gegen das Ende ein Gedicht beigefügt, von
denen das erste in Distichen kurz und ganz unbedeutend ist,
das zweite in rythmischen trochäischen catal. Tetrametern den
Heiligen bei seiner Rückkehr zum Kloster begrüsst und eine
früher schon (c. lOj erzählte Rettung der Mönche bei einem
Ueberfall der Normannen — indem es ihnen gelang, in Ver-
stecken sich zu verbergen — als ein Mirakel besingt. Diese
„neue Begrüssungshymne " war von den Mönchen bei der
Wiedereinführung der Reliquien ins Kloster gesungen worden.
Dass auch in Italien während dieser Periode diese
Gattung der Historiographie vertreten ist, braucht kaum be-
merkt zu werden; aber die Werke sind, so viel ich sehe, zu
wenig bedeutend, um ihrer hier zu gedenken. Nur das Büch-
1) Paris und alle Klöster im umkreis waren von ihren Bewohnern
verlassen bei der Normamien Ankunft. Worauf der Autor gut fortfährt :
Timor siquidem et metus universos invaserat, utpote merito iniquitatis di-
vino enudatos auxilio atque ideo mundanae defensionis destitutos solatio.
Quis, rogo, non doleret. antequam bellum committei'etur. fugatum exercitum,
antequam jaceretur sagitta, confossum, ante scuti conUsionem ignominiose
subactum? 1. I, c. 1.
2) Siquidem Kagenarius dux auctorque totius memorati mali ante pro-
fanum Horich Nortmannorum principem cum ingenti superbia veniens,
ostendit ei quod secum hinc absportaverat aurum argentumque multum,
dixitque quod opüiatissimam Parisius civitatem captam haberet, quodque
mansionem Germani senis, quae in eadem terra decentissima haberetur,
intrasset, insuper et quod omne Karoli regnum sibi ratione tributi sub-
iugatum haberet. 1. I, c. 12.
358 De apparitione S. Michaelis.
lein De apparitione S. Michaelis^) sei liervorgehoben , in wel-
chem die Gründung der Kirclie des heil. Michael auf dem
Berge Garganus in Campauien nach frommer Sage erzählt
wird. Ein reicher Heerdenbesitzer Namens Garganus nämlich
vermisst einen Stier, und entdeckt ihn endlich auf dem Gipfel
des Bergs vor dem Eingange einer Höhle: zornig schiesst er
einen Pfeil auf ihn, das Geschoss kehrt aber zurück, ihn selbst
zu durchbohren. Das Volk, über dieses Ereigniss erschrocken,
fragt den Bischof um Rath. Dieser ordnet ein dreitägiges Fasten
und Gebete zu Gott um Erleuchtung an. Da erscheint dem
Bischof der Erzengel und verkündet ihm, dass er selbst durch
jenes Wunder sich als Hüter des Orts hätte erweisen wollen.
Dies wird denn auch noch bestätigt durch einen Sieg, den die
Beneventaner über heidnische Neapolitaner davon tragen, in-
dem ein furchtbares Ungewitter, das von dem Berge ausgeht,
die letzteren erschreckt und in die Flucht jagt: die Fussspur
des Engels, in dem Felsen der Höhle eingeprägt, bezeugt, dass
er zugegen war. — Es wird dann noch der wunderbare Bau
der merkwürdigen Kirche erzählt.
ZWANZIGSTES KAPITEL.
WELTLICHE BIOGRAPHIEN: VITAE LUDOVICI.
Die rein weltliche, politische Biographie ist in dieser
Periode durch zwei Lebensbeschreibungen Ludwigs des From-
men vertreten, beide Vita Ludovici imperaturis betitelt. Die
ältere ist noch bei Lebzeiten Ludwigs geschrieben: sie reicht
nur bis zum Jahre 835 und ist, wie es scheint, 837 beendet.
'Ihr Verfasser ist Thegan, Chorbischof von Trier'-). Der Name
1) Liber de apparitione S. Michaelis in Gargano in: Monum. GeiTuan.
hist. , Script, rerum langobardic. et Italic. Saec. VI— X, p. 540 if. — Vgl.
Gregorovius, Wanderjahre in Italien, Leipz. 1880. Bd. V, S. 92.
2) Monum. German. histor. , Script. T. 11 p. 585 ff. ed. Pertz (Praef.)
— Simson , Ueber Thegan den Geschichtschreiber Ludwigs des Frommen.
In Forsch, zur Deutsch. Gesch. X, S. 325 ff. — Foss, Ludwig der Fromme
vor seiner Thronbesteigung (Progr. des Friedr.-Wilh.-Gymn. in Berlin 1858).
Thegan, Vita Ludovici. 359
ist vielleicht eine verkürzte Form von Theganbert. Tliegau
stammte aus einer vornehmen fränkischen Familie und war sich
seines Adels wohl bewusst. Wie der mit ihm befreundete Walah-
frid, welcher das Werk zuerst, und zwar nach Ludwigs Tode
herausgab, in seiner Vorrede mittheilt, hatte Thegan zwar eine
grosse Belesenheit, war aber kein Literat, kein Gelehrter; da-
für war er durch seine praktische Berufsthätigkeit als Prediger
und Seelsorger zu sehr in Anspruch genommen.') Damit ent-
schuldigt Walahfrid den „etwas ungebildeten Ausdruck " {quan-
tul(icu?ique rusticitas), womit höflich die grosse grammatische
Fehlerhaftigkeit angedeutet wird. — Diese Biographie ist nicht,
wie die Einhards, ein Suetonisches Kunstwerk, sondern, wie
schon ihr Herausgeber bemerkt, nach Art der Annalen (m
morejii (mnuUum) verfasst, oder genauer gesagt, als Chronik,
d. h. mehr oder weniger in einem Zuge geschrieben, wenn
auch wohl auf Grund jährlicher Aufzeichnungen; daher sind
denn auch die letzten Jahre so viel ausführlicher behandelt.
Thegan gibt also eigentlich eine annalistische Geschichte, mit
biographischer Zuthat, von dem „Kaiser" Ludwig.
Die sieben ersten, zum Theil recht kleinen Kapitel bilden
die Einleitung; in denselben wird von der Abkunft Ludwigs
von väterlicher und mütterlicher Seite, von seiner Jugend,
seiner Vermählung und seinen Kindern, dem Tode seiner
Brüder, der ihm den Weg zum Kaiserthum bahnte, in Kürze,
dann ausführlicher von seiner Ernennung zum Mitregenteu und
Krönung, sowie von Karls des Grossen Tode gehandelt. —
Vom achten Kapitel an folgt nun des Kaisers Geschichte
chronologisch, meist auch mit annalistischer Kürze erzählt.
Doch finden sich auch ausführlichere Partien, ja Abschwei-
fungen: so wird nach der Consecration Ludwigs durch Papst
Stephan (i. J. S16) ein Charakterbild des frommen Kaisers in
einem längern Kapitel (19) gegeben; es ist recht bezeichnend
für Thegan, dass es an dieser Stelle geschieht, als wenn durch
die päpstliche Consecration Ludwig erst voller Kaiser ge-
worden wäre. In diesem Kapitel ist die Vita Caroli Einhards
1) Novimus et nos virum multa lectione instructum, sed praedicationis
et correctionis studiis occupatum. — Wenn in dem an Thegan gerichteten
Jugendgedicht Walahfrid der Carmina desselben gedenkt und ihn als
strengen Kritiker der eignen Verse fürchtet, so erklärt sich dies aus dem
Respect, den dem jungen Mönche der angesehene Bischof einflössen musste.
360 Thcgan.
sein Vorbild gewesen. An die Cliarakteristik Ludwigs, und
zwar au die Bemerkung, dass derselbe seinen Räthen mehr
als nötbig vertraute, wird aber im folgenden Kapitel (20) eine
noch ausführlichere Digression geknüpft, in welcher der Ver-
fasser seinen Zorn über die schädliche Beförderung von Leuten
niedriger Geburt, namentlich geborenen Leibeigenen, zu hohen
Kirchenämtern auslässt. Ihr Uebermuth, ihr Nepotismus gegen
ihre gemeine Verwandtschaft, der sie die geistliche Laufbahn
eröffneten, wird mit scharfen Worten verurtheilt, so dass unsern
Autor der Zorn hier selbst beredt macht.') Ebenderselbe
macht sich in einer andern ausführlichen Abschweifung Luft
bei Gelegenheit der Absetzung Ludwigs in Compiegne im
44. Kapitel, worin Thegan den Erzbischof von Eeims, Ebbo
aufs heftigste angreift, der unter den hohen Prälaten am be-
leidigendsten gegen den Kaiser aufgetreten war: und dieser
„ unverschämte und grausamste " war von Geburt nur ein Leib-
eigener. Ist es nur das adlige Standesbewusstsein des Thegan,
das sich hier so empört, sowie seine eifrige Treue gegen den
Kaiser, mit der Walahfrid diese zornigen Ergüsse entschuldigt"-);
oder hatte er von Ebbo und seines Gleichen auch persönliche
Kränkungen und Zurücksetzung erfahren, zumal der erstere
auch ein Gegner des damals in Westfrancien so bestritteneu
Chorepiscopats war ? 3)
Diese Digressionen sind die ausführlichsten Kapitel im
1) Da heisst es: Postquam illi tales culmen regiminis arripiunt, niim-
quam sunt antea tarn mansueti et sie domestici, ut non statim incipiant
esse iracundi, rixosi, maliloqui, obstinati, iniuriosi et minas omnibus sub-
iectis promittentes, et per huiuscemodi negotia cupiimt ab omnibus timeri
ac laudari. Turpissiniam cognationem eorum a iugo debitae (!) servi-
tutis nituntur eripere et libertatem inponi. Tunc aliquos eorum liberalibus
studiis instruunt, alios nobilibus feminis coniungunt, et propinquas eorum
filios nobilium in coniugium compellunt accipere. Propinqui vero
superdictorum, postquam aliquid intellegunt, senes nobiles derident atque
despiciunt, sunt elati, instabiles, incontinentes, inpudici, inverecundi
Ein interessantes Sittenbild!
2) In cuius quibusdam sententiis quod ett'usior et ardentior in loquendo
videatur , ut vir nobilis et acris animi , quod de indignitate vüium perso-
narum dolor suggessit, tacere non potuit. Praeterea nimius amor iustitiae
et executoris eius, cbristianissimi imperatoris, zeli naturalis exaggeravit
dolorem. Praef.
3) Vgl. Simson S. 346.
Vita Luclovici. 361
ganzen Buche; sonst gibt unser Verfasser fast immer statt
einer lebendigen Erzählung nur einen trockenen und kurzen
Bericht, der bis zum Jahre 833 auch sehr dürftig ist: erst von
diesem und namentlich dem folgenden Jahre wird ausführ-
licher gehandelt. . Indem er dann am Ende seines Berichts
Tom Jahre 835 den Segen des Himmels auf Ludwig erfleht,
schliesst er mit einem Amen sein Werk, das auch durch
manche lange Bibelcitate, bei Gelegenheit seiner subjectiven
Auslassungen, den theologischen Autor nicht verläugnet.
In einer Handschrift findet sich noch ein kleiner Anhang
über die zwei folgenden Jahre, der aber nicht in Walahfrids
Ausgabe war, ganz in demselben Geist und Stil alt das Buch
des Thegan, schwerlich aber von ihm selber.
Obgleich kein offieieller Geschichtschreiber, ist Thegan
doch weit entfernt von Unparteilichkeit, wozu schon die Hef-
tigkeit seiner Natur, sein zelus natiuHtlis ^ wie Walahfrid sich
ausdrückt'), ihn unfähig machte, zumal in einer von solcher
Parteileidenschaft beherrschten Zeit. Hand in Hand mit seiner
Sympathie für den alten Kaiser geht seine Antipathie gegen
Lothar, während er dagegen Ludwig den Deutschen sehr be-
günstigt, ja ihn rein zu waschen sucht. 2) Allerdings handelte
aber Ludwig in der That auch besser gegen seinen Vater als
Lothar. — Bei alledem ist Thegans Werk durch das selb-
ständig gesammelte Material als historische Quelle wichtig.
Die andre Vita Ludwigs des Frommen 3) ist ein weit
grösseres Werk, da sie nicht nur auf das ganze Leben Lud-
wigs gleichmässig sich erstreckt — nicht bloss den „Kaiser"
zu ihrem Helden macht, sondern auch in der Darstellung
1) S. oben Seite 360 Anm. 2.
2) S. Simson S. 341 ff. Derselbe meint sogar, Thegan hätte deshalb
über d. J. 837 seine Geschichte gar nicht fortsetzen können.
3) Ed. Pertz: Monum. German. historica, Scriptores T. II, p. 604 ff.
Simsen Jahrb. Bd. II, S. 294 ff. Excurs II : Ueber die Vita Hludo-
vici des Astronomus. — Meyer v. Knonau, Ueber Nithards vier Bücher
Geschichten S. 129 ff. (Excurs III. Ueber die Zerrüttung der Chronologie
in den letzten Theilen des Astronomus. Exe. IV. Die Umarbeitung des
dritten Theils der fränk. Königsannalen durch Astron. Exe. V. Ver-
gleichung der Parallelstellen des Nithard und Astron. mit den der fränk.
Königsann. u. des Astron.)
362 Astronomus.
weit aiisfiilirliclier ist. Den Verfasser, dessen Namen unbe-
kannt geblieben, hat man den Astronomen genannt, weil
er, wie er in dem Werke selbst sagt, als der Astronomie
kundig galt, und den Kaiser, der sich für dieselbe besonders
iuteressirte, darin berieth.') Er war ein Gelehrter von mannich-
fachen Kenntnissen, selbst von medicinischen , nach seinem
Werke zu urtheileu, das uns über ihn den einzigen Aufschluss
bietet. Dem geistlichen Stande gehörte er offenbar an, ja es
zeichnet ihn eine ultramontane Gesinnung aus, indem er dem
Papstthum besondere Verehrung darbringt. 2) Er scheint im
Dienste des Kaisers, wenigstens seit 829 gewesen zu sein —
wenn er sich wohl auch nicht ständig am Hofe aufhielt —
denn er berichtet nach eigener Aussage 3) auch als Augenzeuge
von dem, was sich dort begab. Aus einer nahen persönlichen
Beziehung zu dem Kaiser, die auch durch Thatsachen in seinem
Werke bezeugt wird-*), erklärt sich auch allein die blinde
Parteilichkeit für ihn, das ihm gezollte übertriebene, oft durch-
aus unmotivirte Lob, welches schon den Zeitgenossen wie
Ironie klingen musste.'') Das Werk ist aber ein paar Jahre
nach Ludwigs Tod abgefasst, so dass mau deshalb den Ver-
fasser kaum einen Schmeichler nennen kann: er müsste denn
bei Karl dem Kahlen und der Kaiserin -Wittwe sich damit
haben empfehlen wollen.
Schon in der Vorrede gibt der Verfasser seine begeisterte
Verehrung für den Kaiser kund. Der Nutzen, den die Ge-
schichte in dem Berichte der Thaten der Fürsten, die als Vor-
bild wie als Warnung dienen können, bietet, treibt ihn an, die
Handlungen und das Leben des Gott lieben [Deo amabüis) und
1) In Bezug auf die Erscheinung eines Kometen i. J. 838 heisst es
c. 58: Quod cum imperator talium studio sissimus, primum ubi constitit,
conspexisset, antequam quieti membra committeret, accitum quendam
(idem me qui liaec scripsi et qui buius rei scientiam haberi
credebar) percontari studuit, quid super hoc mihi videretur.
2) Ausser dem von Simson S. 296 Angeführten beachte man auch solche
Stellen wie den Eingang des c. 4.
3) S. die Anm. der folgenden Seite. 4) S. schon oben Anm. l.
5) So wenn er bei dem Tode Karls des Grossen sagt: At vero in eius
successore veridica probata est scriptura, quae in talibus tribu-
lantium consolans animos dicit: „Morluus est vir iustus et quasi non est
mortuus; similem enim sibi reliquit filium haeredem." c. 20.
Yita Ludovici. 363
orthodoxen Kaisers Ludwig aufzuzeichnen. Dieser Stoif sei
aber ein so grosser, dass ihm selbst das Genie grosser Männer
erliegen müsse. Denn Ludwig besass alle vier Cardinaltugen-
den, und in solchem Grade, dass man nicht wusste, welche
man in ihm am meisten bewundern sollte; nur einen Fehler
hatte er, den zu grosser Milde.
Das Werk, welches von der Geburt Ludwigs bis zu seinem
Tode reicht, ist eine biographische Chronik, die, weil der Held
ein Herrscher, zugleich zur Geschichte seiner Regierung wird.
Drei Theile lassen sich in dem Werke unterscheiden, von denen
der erste bis 814, zur Kaiserherrschaft Ludwigs geht. In ihm
wird seine Jugend, seine Regierung in Aquitanien behandelt,
welches Land ja Ludwig schon bei der Geburt zum König-
reich bestimmt wurde. Hier werden namentlich auch die Ver-
hältnisse des Frankenreichs zu Spanien, die Kämpfe mit den
Mauren, aber auch mit den Basken, zum Theil selbst im ein-
zelnen geschildert: diese Partie ist als historische Quelle von
besonderem Werthe, nicht minder aber für die Karlsage wich-
tig, wie denn auch hier der Niederlage von Ronceval (c. 2)
gedacht wird, aber auch manches andre, was mittelbar mit ihr
zusammenhängt, sich erwähnt findet. In diesem ersten Theile
folgt aber der Verfasser, wie er im Vorwort bemerkt, dem
Berichte {relatio) des sehr edlen und frommen Mönches Ad-
hemar, der gleichalterig mit Ludwig und mit ihm auferzogen
war. 1) Hier ist, dank der Vorlage, die Darstellung am besten,
1) Porro quae scripsi usque ad tempora imperii Adhemari nobilissimi
et devotissimi monachi relatione addidici, qui ei coaevus et conniitritus est ;
posteriora autem, quia ego rebus interfui palatinis, quae vidi et com-
l)erire potui. stUo contradidi. Es scheint mir sicher, dass diese relatio
eine schriftliche, ein Buch war, welchem der Astronom ebenso treu gefolgt
ist, als danach den Reichsannalen ; das Buch behandelte aber wohl die
Geschichte Aquitaniens, und auch vor Ludwigs Zeit: dies alles schliesse
ich aus dem Anfange des Werks des Astronomen, der sonst unerklärlich
wäre. Er macht ganz den Eindruck eines Ausschnitts aus einem Buche,
nur dass der erste Satz, von dem Astronomen selbst davor geschrieben, eine
Art von Eingang bilden soll. Die Yita beginnt nämlich mit der Erzählung
von der Unterdrückung eines Aufstands in Aquitanien i. J. 769, also neun
Jahre vor Ludwigs Geburt; dieser Erzählung ist aber ein Satz allgemeiner
Phrasen über Karl den Grossen vorausgesandt. — So erklärt es sich auch,
dass, wie der Uebersetzer des Astronomen, Jasmund, schon richtig bemerkt,
(Einleitung S. VI), in diesem Theil Erzählung und Sprache am besten sind:
es kommt dies eben auf Rechnung des Adhemar.
3G4 Astronomus, Vita Liidovici.
durch lebendige Anscliaulichkeit oft wahrhaft anziehend, nament-
lich in der Schilderung der Kriegszüge in Spanien, auf welchen
der Mönch Ludwig wohl begleitete. Jedesfalls ruht seine Er-
zählung auf dem Berichte von Augenzeugen. — Der zweite
Theil des Werks erstreckt sich bis zum Jahre 829. Hier folgt
unser Autor den Eeichsannalen , obgleich er auch noch andre
Nachrichten, namentlich über kirchliche Dinge, bringt, und
noch andre Quellen, wie Nithard, benutzt hat. — In dem
dritten Theile endlich, der bis S40 geht, berichtet der Ver-
fasser aus eigener Kunde oder selbst als Augenzeuge'), und so
hat dieser Theil als Geschichtsquelle wieder besonderu Werth,
der freilich hier, wie auch sonst, durch eine verwirrte Chrono-
logie eingeschränkt wird. — Wie es scheint, ist das Werk uns
nicht unversehrt überliefert, indem ein grosser Theil der Ge-
schichte des Jahres 824 ausgefallen ist.-)
Was die Diction betrifft, so beeifert sich der Verfasser,
obgleich er in der Vorrede sich entschuldigt, dass das Werk
in einem stihis minus doctus geschrieben sei, doch nicht selten
gerade einer gelehrten Ausdrucksweise, aber indem er dann
wieder von seinem Kothurn auf den platten Boden herabsinkt,
macht sie recht den Eindruck des Gemachten, Gesuchten und
Schwülstigen: das Ungleichmässige, Bunte der Ausdrucksweise
ruht zum Theil auch darin, wie er seine eigne Rede mit der
seiner Vorlagen mischt und diese mit hochtrabenden Phrasen
auszuschmücken sucht. ^)
1) Auf diesen Theil allein kann der in der vorausgehenden Anmerkung
citirte zweite Satz : posteriora etc. sich ganz beziehen. Wenn der Autor
der für den zweiten Theil benutzten Eeichsannalen unter seinen Quellen
nicht gedenkt, so geschah dies wohl, weil er sie als allgemein bekannt an-
nahm und die volle Ausnutzung einer solchen officiellen Quelle als selbst-
verständlich betrachtete. — {Girgensohn nimmt allerdings auch für den
dritten Theil eine Benutzung der Fortsetzung der Reichsannalen — der
sogen. Bertmianischen — an, in P'orschungen zur deutsch. Gesch. X, S. 653 ff.,
was Simson aber verwirft a. a. 0. S. 298, Anm. 5.)
2) S. Simson S. 3U0.
3) Man sehe z. B., wie er Ende c. 4 in einem ganz trockenen Bericht
den Beginn des Herbstes anzeigt : Mansit ergo (Ludovicus) cum patre, inde
usque ad Herisburc vadens, usquequo sol ab alto declinans axe ardorem
aestivum autumnali ciundescensione temperaret ! Vgl. damit die im zweiten
Theile c. 26 sich findende Umschreibung des hie77ie transacta der Reichs-
annalen, auf welche Meyer v. Knonau aufmerksam macht S. 134.
Annales Bertiniani. 365
EINÜNDZWAKZIGSTES KAPITEL.
KEICHSANNALEX. NITHARD.
Die Reichsannalen erhalteu iu diesem Zeiträume, den
Haupttheileu des karolingisclien Weltreichs eutsprecliend, eine
doppelte Fortsetzung, die eine iu West-, die andre iu Ost-
francieu ; aber die eiueu wie die andern bescliränken sieh
nicht auf den Reichstheil, dem ihr Verfasser angehört, wie ja
trotz aller Tb eilung-en noch immer ein Imperium bestand ; doch
haben die ersteren mehr als die letzteren einen universellen
Charakter. Es ist dies eine Folge theils der Lage Westfran-
eiens, theils seiner romanischen Bevölkerung, die es mit dem
grösseren Theile Lotharingiens in eine nähere Beziehung setzte,
theils endlich des dort herrschenden lebhafteren dogmatischen
Interesses, wobei denn, wie überhaupt, die Persönlichkeit der
Autoren auch schwer ins Gewicht fällt. So ist denn die west-
fränkische Fortsetzung der Reichsannalen entschieden bedeu-
tender als die Ostfranciens. Es sind dies die sogenannten
Annales Bertiniani^] , welche ihren Namen nach dem Kloster
St. Bertin erhalten haben, da sie aus einer Handschrift des-
selben zuerst veröffentlicht wurden. Diese Annalen bestehen
aus drei Theilen. Der erste ist vom Jahre 741 bis 829 fast
durchaus nur eine wörtliche Abschrift der alten, oben S. 98 f.
betrachteten Reichsannalen, der sogenannten Lorscher mit der
Einhard beigelegten Fortsetzung, von 830 bis 835 aber eine
gleichzeitige Fortsetzung eines literarisch wenig gebildeten
Mannes, der ein mangelhaftes Latein schreibt, dessen Fehler
aus dem Einfluss der romanischen Volkssprache sich erklären ;
aus ihnen ergibt sich aUein schon, dass er ein Romane, und
zwar Frankreichs war.-) Er zeigt sich durchaus als ein dem
1) Ed. Pertz in: Monum. German. histor., Script. Tom. I, p. 410 ff.
(Praef.). Die Annalen von St. Bertin und St Vaast. Nach der Ausg.
der Momim. Germ, übersetzt von Jasmund. Berlin 1S5T. (Geschicht-
schreiber der deutsch. Vorzeit IX. Jahrh. 11. Bd.) (Vorwort.) — "NVatten-
bach, Deutschi. Geschichtsq. I, S. 241. Girgensohn, Prudentius etc. (s.
oben S. 267 Amn. 1).
2) So zeigt sich dies in dem Gebrauch der Tempora, indem z. B. der
Conjunctiv des Plusquamperfect als Conj. Imperfect gebraucht wii-d: spe-
366 Annales Bertiniani: Prudentius.
„sehr religiösen Kaiser" {reliijiosissimus imperator) ergebener
Diener.
Der zweite Theil, der vom Jahre 835 bis S61 sich er-
streckt, hat einen weit bedeutenderen Verfasser. Dieser ist
der schon oben S. 267 erwähnte Prudentius, welcher, als
er die Arbeit begann, noch nicht Bischof von Troyes war,
vielmehr zweifelsohne am Hofe Ludwigs des Frommen und
danach Karls des Kahlen, bis zur Zeit seiner Ernennung gegen
die Mitte der vierziger Jahre, lebte.') So imternahm Pru-
dentius gewiss sein Werk, wenn nicht auf des Kaisers Geheiss,
wenigstens mit seiner Billigung: dem entsprechend ist seine
Darstellung eine Ludwig dem Frommen sehr günstige, indem,
wie Girgensohn zeigt-), für den Kaiser peinliche Thatsachen
ausgelassen, und äussere Vorgänge erzählt werden, ohne Auf-
deckung der eigentlichen Motive. Auch gegen Karl den Kahlen
werden die ersten zwölf Jahre nach Ludwigs Tod Rücksichten
der Loyalität genommen; erst mit dem Jahre 853 — vielleicht
in Folge der Synode von Quierzy — hören sie auf, so dass
der Autor selbst eine scharfe Kritik der Handlungen und Ge-
sinnungen des Königs gelegentlich sich herausnimmt. Es er-
klärt sich leicht, dass der officiöse Annalist, der ausserdem,
wie es scheint, Ludwig dem Frommen persönlich ergeben war,
unter Karl dem Kahlen als Bischof und vom Hofe fern, von
den Einflüssen desselben sich emancipirt. Den Beziehungen
zu diesem verdankte er aber den Reichthum des Materials,
indem er auch politische Urkunden benutzen, ja mittheilen
konnte. Dazu kamen natürlich auch persönliche Verbindungen,
wie denn mit Recht schon hervorgehoben worden ist, dass
sich in den Jahrbüchern dieses geborenen Spaniers viel mehr
als sonst Nachrichten über die pyrenäische Halbinsel finden.
Wenn auch der Stil des Prudentius nicht den schlichten, tref-
cifisch französisch (incl. provenz.) aber ist der Gebrauch von hostis in
der Bedeixtung von exercitus, gemein romanisch hingegen -wieder: nullus
in der Bedeutung von irgend einer, so p. 427, Zeile 21.
1) Dies geht aus der Stelle eines uns erhaltenen Briefs des Prudentius
mit Sicherheit hervor, in welcher es heisst: cum repente tandem a
palatinis excubiis, quibus diu inservire coactus fueram, latorem
apicura (celsitudinis) vestrae Trecas, cui me divina gratia praeesse
dignata est, offendi. Vgl. Girgensohn S. 20.
2) Seite 22.
Annales Bertiniani : Hincmar. 367
fenden objectiven Ausdruck zeigt, der die formell besten Au-
nalen auszeichnet, so ist er doch klar und für jene Zeit correct.
In dieser Beziehung steht der dritte Theil zurück, wel-
cher von S61. dem Todesjahre des Prudentius, bis SS2 reicht,
und dieses Annalenwerk beendet. Sein Verfasser ist der Erz-
bischof von Eeims, Hincmar.') Ist seine Arbeit in formeller
Beziehung der seines Vorgängers nachzusetzen, so erhebt sie
sich dagegen über sie noch in der Fülle des Stoffes und der
Unabhängigkeit der Darstellung. Der stolze Erzbischof, der
die erste geistliche^ Würde Westfranciens bekleidend, an der
Spitze seiner kirchlichen Angelegenheiten stand und auf die
politischen den grössten Einfluss ausübte, war durch Stellung
und Charakter dem Zwange höfischer Rücksichten entzogen.
Er schrieb auch in der Geschichte seiner Zeit zum guten Theil
seine eigene, wie vieles hatte er selbst vollbracht und an wie
vielem persönlich Antheil genommen! Um so mehr ist die
unparteiliche Ruhe der Erzählung, zumal bei seinem heftigen
Temperament, anzuerkennen : Hincmar hat ein Bewusstsein von
seiner Pflicht als Historiograph gehabt, das ihn vor Entstel-
lungen der Thatsachen behütete, andrerseits aber auch sein
sittliches Urtheil rücksichtslos aussprechen oder andeuten Hess.
Dieses subjective Moment gibt seinen Jahrbüchern einen eigen-
thümlichen Reiz. 2) Durch die hervorragende Berücksichtigung
der allgemeinen kirchlichen Interessen wie der Curie, durch
die ausführliche Mittheilung von Actenstückeu, aber auch durch
eine häufigere und eingehendere Inbetrachtuahme der andern
karolingischen Reiche, Lotharingiens namentlich, ist der dar-
gebotene Stoff ein so reicher, und hat zugleich dieser Theil
der Bertinianischen Annalen unter allen den Jahrbüchern jener
Zeit den universellsten Charakter. Dieser entspricht fürwahr
der Stellung, welche Westfrancien damals, dank der Initiative
seines ehrgeizigen Königs, unter den schon augezeigten gün-
stigeren Verhältnissen in dem Kreise der karolingischen Reiche
einnahm. So hätte man damals wohl denken können, dass
1) S. über ihn oben S. 247 if. — Als Annalist nennt ihn Richer im
Prolog seiner Geschichte. Die Jahrbücher seines Vorgängers hatte Hinc-
mar, wie er selbst in einem Schreiben an den Erzbischof Egilo von Sens
sagt, von Karl dem Kahlen geliehen erhalten.
2) Vgl. Noorden, Hinkmar S. 152 f.
368 Annales Fuldenses: Enhard.
die Kaiserkrone, die Karl der Kahle in der Tbat sich eroberte,
auch für die Zukunft diesem Reiche vorbehalten wäre.
In Ostfrancien erhielten die Reichsannalen eine Fortsetzung
in den Annales Fuldenses^): es ist bezeichnend, dass dies an
dem Hauptsitze der wissenschaftlichen Bildung Deutschlands
damals geschah. Diese Fuldaer Annaleu sind bis zum Jahre
838 von einem sonst nicht weiter bekannten Mönche, Enhard,
verfasst; er schliesst seine eigenen kargen Aufzeichnungen an
eine Compilation von Auszügen aus den älteren Reichsannalen,
den kleinen Lorscher und den des Klosters Sithiu (St. Bertin),
vermehrt durch einige Zusätze."^)
An diese literarisch werthlose Arbeit Euhards schliesst
sich nun vom Jahre 838 an die weit bedeutendere Fortsetzung
Rudolfs, des schon von uns behandelten Schülers Rabans^),
welche bis zum Jahre 863 reicht. Dieselbe ist, wenn nicht
im Auftrage Ludwigs des Deutschen, wie Wattenbach annimmt,
doch ganz in seinem Sinne verfasst^), wie sie denn ganz spe-
ciell seiner Regierungsgeschichte gewidmet ist: bezeichnend
ist dafür, dass auch in den ersten drei Jahren, wo noch Lud-
wig der Fromme herrschte, der König Ludwig schon durch-
aus in dem Vordergrunde der Erzählung steht. Eine Berück-
sichtigung des eigenen Klosters zeigt Rudolf ebenso wenig,
als Enhard in seiner Fortsetzung; ja er gedenkt nicht einmal
der Resignation Rabaus als Abt, während er von ihm später
und als Erzbischof gelegentlich selbst rein persönliches be-
richtet.'') Auch die andern karolingischen Reiche werden, wo
1) Ed. Pertz in: Monum. German. histor. 1. 1. p. 337 ff. (Praef.)
Die Jahrbücher von Fulda und Xanten. Nach der Ausg. der Monum.
GeiTu. übers, von Rehdantz. Berlin 1S52. (Geschichtschr. d. deutsch. Vorz.
IX. Jahrh. 9. Bd.) (Einleitung.) — Wattenbach a. a. 0. S. 183 ff.
2) S. Simson, Ueber die Annales Enhardi Fuldenses und Annales
Sithuenses. Jena 1863. — Waitz nimmt das entgegengesetzte Verhältniss
der beiden Annalen an. S. Forschungen zur deutsch. Gesch. Bd. 18,
S. 354 ff.
3) S. oben S. 332 f.
4) Die Begünstigung Ludwigs des Deutschen zeigt Rudolf sogleich im
Eingang beim J. 839, indem er den Rückzug desselben vor dem Heere
seines Vaters aus kindlichem Pflichtgefühl erklärt.
5) So i. J. 844 die Uebersendung des Buchs De s. cruce an den Papst;
so i. J. 850 die Speisung der Armen auf Rabans Gut, Winkel.
Annales Fuldenses: Rudolf. 369
nicht Deutschland zu ihnen in eine unmittelbare, meist feind-
selige Beziehung tritt, sehr wenig in Betracht gezogen; das-
selbe gilt in noch höherem Grade von den allgemeinen kirch-
lichen Interessen, so wird der Schicksale Gottschalks und
seiner Lehre in Westfrancien gar nicht gedacht. Aus alle dem
erklärt sich leicht, dass diese Jahrbücher weit kürzer als die
Hincmars sind. — Dass Rudolf dem Hofe nahe gestanden hat,
ergibt sich mit Sicherheit aus seinem Werke; es ist sogar nicht
unwahrscheinlich, dass er zu den Rathgebern Ludwigs gehörte. ')
Koch ist bemerkenswerth, dass unter allen Orten Mainz, auch
in rein localer Rücksicht, in seinen Annalen bei weitem am
meisten genannt wird, der Art, dass man, auch bei Berück-
sichtigung des freundschaftlichen Verkehrs Rudolfs mit Raban,
doch an einen zeitweiligen längeren Aufenthalt desselben dort
denken könnte. Stilistisch erheben sich diese Jahrbücher über
alle andern jener Zeit — wieder ein Zeugniss der erfolgreichen
Pflege der klassischen Studien in Deutschland.
Eine weitere Fortsetzung bis zum Jahre SS2 erhielten die
Fuldaer Annalen in unserer Periode noch von einem unbe-
kannten Kleriker, der jedenfalls ein Franke, wahrscheinlich
wohl auch ein Fuldaer Mönch war, so wenig auch von ihm
dieses Klosters gedacht wird. Er erzählt zum Theil weit aus-
führlicher als sein Vorgänger, obzwar nicht iu ganz ebenso
gutem Latein, und berücksichtigt auch etwas mehr das karo-
liugische Ausland. Seine Erzählung hat aber weit weniger
den Charakter ruhiger Objectivität. Nameotlich mag er nir-
gends seinen Hass gegen Karl den Kahlen verbergen: nicht
bloss, dass er seine Habsucht und Feigheit offen brandmarkt-j,
er betitelt ihn auch sonst öfters „ Tyrann Galliens •' statt König,
namentlich nachdem er der Kaiserkrone sich bemächtigt, was
besonders den Zorn unsers Autors erregt zu haben scheint.
1) Hierfür scheint die Stelle namentlich zu sprechen, -worin weitläufig
die Bedenken und Erwägungen Ludwigs erörtert werden, welche i. J. S5S
seinem Entschluss Karl den Kahlen zu entsetzen vorausgingen, da heisst
es denn schliesslich: quod longe aliter esse quam se vulgi fert opinio,
cuncti consiliorum regis conscii veraci sermone testantur. 1. 1.
p. 371, Zeile 34 f.
2) So sagt er von ihm ST5: est enim lepore timidior; und ST": Quod
cum Karolus comperisset, illico iuxta consuetudinem suam fugam
iniit.
Ebert, Literatur des Mittelalters II. 24
370 Nithard.
Eine gewisse Verwandtscliaft mit der Annalistik zeigt eine
pragmatische Geschichte der Gegenwart, wie sie in dem Werke
eines Laien, der an den von ihm erzählten Begebenheiten einen
thatkräftigen Antheil genommen, schon damals uns entgegen-
tritt — ein Werk, das ohne Frage den Höhepunkt der Historio-
graphie in dieser Periode bezeichnet. Es sind die Libri quat-
tuor Instoriurum des Nithaed. '}
Nithard, wie er in seinem Werke selbst sagt'-), ein Sohn
des Angilbert und der Tochter Karls des Grossen, Bertha, war,
wie sein Vater, Laienabt-') von St. Riquier, das ihm wohl als
Erbgut zugefallen. Seinem Neffen Karl dem Kahlen diente er
als Soldat und Diplomat in hervorragender Weise, und hing
ihm aufs treueste an, wie er ihm denn offenbar persönlich sehr
zugethan war: vergeblich suchte ihn Kaiser Lothar auf seine
Seite zu ziehen. Bei Fontanetum hat er zum Siege Karls
als geschickter und tapferer Führer wesentlich beigetragen;
andrerseits gehörte er auch zu denen, welche 842 mit der
Theilung des Reichs Lothars von Karl bevollmächtigt wurden.
Dass der Sohn eines Angilbert, auch ohne zum Geistlichen be-
1) Mthardi historiarum libri IV ed. Pertz in: Monum. German. histor.,
Script. Tom. II, p. 649 ff, — *Iii usum scholar. Ed. altera. Hannover 1870.
Meyer von Knonau, Ueber Nithards vier Bücher Geschichten. Leip-
zig 1866. 4°. — Patz, De vita et fide Mthardi. Haller Dissert. 1865. —
Kuntzemüller, Nithard und sein Geschichtswerk. Jen. Dissert. Guben 1873.
— AA'^attenbach, Deutschi. Geschichtsq. 4. Aufl. I, S. 171 ff.
2) Ende des 5. Kap. des 4. Buchs.
3) Ganz dem entsprechend heisst es in Hariulfs Chronic. Centulense,
lib. III am Schlüsse des Angilbert gewidmeten cap. 7 : post eins sanctum
transitum filius eins Nithardus, quem de regis filia Berta susceperat, Cen-
tulensibus iure Abbaticio i^raelatus; und wenn der Verfasser dann
fortfährt: paucisque diebus in regimine expletis, interemptus
praelio, so wird meines Erachtens damit gesagt, dass Nithard nur kurze
Zeit die Abtei selbst leitete, nachdem er nicht lange vor seinem Tode dort-
hin sich zurückgezogen und in den geistlichen Stand selbst eingetreten
war: so besagt ja auch die Grabschrift: Nomen rectoris qui modico
tenuit, und wieder das Chronic. Centul. 1. III, c. 5: Is ipse Nithardus,
domni Angilberti filius, coenobio huic praefuisse asseveratur post decessum
patris, quique cum paucissimis diebus ministrasset, beUo interfectus,
iuxta patrem sepulturam meruit. Die nach Angilberts Tod bis auf den
Eintritt Nithards in das Kloster in der Chronik als Aebte Bezeichneten
haben nur das geistliche Kegiment geführt.
Historiarum libri IV. 371.
stimmt zu sein, eine wissenschaftliehe Ausbildung erhalten,
versteht sich von selbst.
So erklärt es sich wohl, dass Karl ihn berufen glaubte,
die Begebenheiten seiner Zeit der Nachwelt zu überliefern,
und ihm hierzu mitten in dem Bürgerkriege im Mai d, J. 841
den Auftrag gab, wie uns Nithard in dem an Karl gerichteten
Vorwort des ersten Buches mittheilt. Der Auftrag war schön,
meint Nithard, wenn nur auch die Müsse zur Ausführung einer
so bedeutenden Arbeit gegeben wäre: er nimmt deshalb die
Nachsicht des Königs und der Leser überhaupt in Anspruch.
Indessen vollendete unser Autor die beiden ersten Bücher schon
im Herbst desselben Jahres, denen er dann die zwei anderen
allmählich folgen Hess bis zum Frühjahre 843, wo er die Arbeit
abbrach. Die eigenthümliche Bedeutung des "Werks lässt schon
das erste Buch erkennen, das als historische Einleitung einen
Ueberblick über die Geschichte Ludwigs des Frommen gibt,
und zwar zu dem Zwecke, dass der wahre Sachverhalt der
Streitigkeiten Karls (mit Lotharj jedem Leser leichter offenbar
werde und derselbe erfahre, weshalb nach dem Tode des Vaters
Lothar seinen Bruder zu verfolgen beschloss. So beginnt Nit-
hard sogleich mit der Motivirung der Ereignisse, welche er
erzählen will. Der Rückblick ist klar, in prägnanter Kürze
gegeben und durchaus in den Grenzen der ausgesprochenen
Absicht, indem vornehmlich der Keichstheilungen und ihrer
Folgen gedacht wird, in welchen unser Autor mit Recht die
Anfänge der Streitigkeiten seiner Zeit sieht. Vom zweiten
Buch an beginnt Nithard ihre Geschichte, indem er nunmehr
darstellen will, wie er in der Vorrede dieses Buches sagt, mit
welcher Tüchtigkeit und Geschicklichkeit Lothar die Verfol-
gung seines Bruders Karl ausgeführt habe. Er erzählt hier
aus dem Gedächtniss'j die Ereignisse von dem Tode Kaiser
Ludwigs bis zur Schlacht von Fontanetum (Juni 841).
Mit dieser Schlacht, die wie ein Zweikampf als ein Gottes-
urtheil aufgefasst wurde, sollte eigentlich der Streit für immer
entschieden sein; aber es war nur das erste Certamen^ mit
dessen Ende, wie Nithard sagt, er sein zweites Buch schliesst.
Gern hätte er damit seine Arbeit ganz geendet, wie er im Ein-
gänge des dritten bemerkt, denn, schäme er sich schon,
1) Prout memoria viresque suppleverint. Praef. libri U.
24-
372 Nithard.
■wenn er etwas schlimmes von seinem Volke höre, so müsse
ihn noch mehr verdriesseu es zu berichten; nur damit nicht
ein andrer die Ereignisse anders als sie sich begeben, zu er-
zählen sich herausnehme, habe er sich bequemt, von dem, bei
welchem er selbst dabei war, ein drittes Buch hinzuzufügen.
Und so erzählt er denn hier den zweiten Feldzug Karls gegen
Lothar, welcher nach dem durch den Strassburger Vertrag neu
besiegelten Bündniss Karls mit Ludwig') vor den alliirten
Heeren nach dem Süden bis zur Rhone entweicht (März 842).
Von diesem Buche an folgte der Autor gewiss mit der Feder
den Ereignissen, und so finden sich denn hier mehrere kleinere
oder grössere Episoden, die mit der Haupthandlung in einer
nur geringen Verbindung stehen; unter ihnen ist (c. 6) von
besonderem Interesse die Schilderung des Zusammenlebens der
verbündeten Könige in Worms und der Kampfspiele ihrer aus
den verschiedensten Nationen aufgeboteneu Truppen — so
werden hier Sachsen, Basken, Austrasier und Britten genannt.
In dem letzten Buche, welches die Zeit bis zum Früh-
jahre 843, also ein Jahr umfasst, und namentlich also die Ver-
handlungen begreift, welche dem Vertrage von Verdun voraus-
gingen, nimmt Nithards Werk, zumal gegen Ende, immer mehr
den Jahrbuchscharakter an, indem Notizen von Begebenheiten
eingeschaltet werden, die gar keinen Bezug zu dem Bürger-
kriege haben und auch an sich von keiner Wichtigkeit sind,
wie eine Plünderung der Normannen (c. 3), die Translation
Angilberts (c. 5), die Eroberung von Beneveut durch die Mau-
ren (c. 6) u. dgl. Auch mancherlei Naturereiguisse finden sich
hier aufgezeichnet. Ja mit einer Betrachtung, welche dieselben
veranlassen, schliesst der Verfasser das Buch. Der harte Win-
ter, der tief in den März hineinreicht, den Früchten wie dem
Vieh verderblich, erscheint ihm als eine Strafe des Himmels
für den Egoismus der Menschen, die das öffentliche Wohl um
ihres Eigennutzes willen vernachlässigen, so dass überall Zwie-
spalt und Streit sich zeigt. Wie ganz anders war alles zu Karls
des Grossen Zeiten, wo Friede und Eintracht herrschte, und
auch die Natur ihren reichen Segen spendete!
1) Hier, c. 5, theüt denn Nithard bekamitlicli die Eide in romanischer
und deutscher Sprache mit, mit -welchen die Könige und ihre Völker das
Bündniss beschworen.
Historiariim libri lY. 373
Diese traurige Schlussbetraehtuug entspricht ganz dem
Vorwort dieses Buches, wo Nithard nicht allein den Wunsch
wiederholt, die Arbeit aufzugeben, sondern auch den andern
ausdrückt, sich vom öffentlichen Leben ganz zurückzuziehen.
Aber weil er, noch auf stürmischem Meere herumgetrieben,
nicht wisse, in welchen Hafen er getragen werde, so stehe
nichts im Wege, wenn er etwas Müsse finde, das Werk fort-
zusetzen. „So will ich denn," schliesst er dort, „mit einem
vierten Buche mich beschäftigen, und wenn ich sonst in Zu-
kunft nichts werde nützen können, wenigstens hierin den Xebel
desirrthums den Nachkommen durch meine Arbeit zerstreuen."')
Aus diesem Vorwort des letzten Buches, das vor der Ab-
fassung desselben geschrieben ist, geht hervor, dass Xithard
seiner Theilnahme an den Staatsangelegenheiten müde war,
wohl auch deshalb, weil der König auf seinen Rath weniger
hörte-); den Hafen fand er, vielleicht noch vor Beendigung des
Buchs, in seinem Kloster, wo er, wie ich glaube 'j, jetzt wirk-
lich geistlicher Abt wurde ; und bald danach, vor dem Sommer
des Jahres S44, fiel er, noch einmal zum Schwerte greifend^),
vielleicht bei einem Augriffe der Normannen auf das Kloster.
Die Bedeutung seines Werks liegt in der Pragmatik, der
Schwerpunkt in dem ersten Buche: es ist seiner Anlage nach
die erste politische Geschichte, und dieser Anlage ent-
sprechen auch die beiden ersten Bücher, während die andern,
im Laufe der Begebenheiten aufgeschrieben, bei dem Mangel
historischer Perspective in eine annalistische Darstellung mehr
und mehr sich verlieren. Nithard nimmt einen Parteistand-
punkt ein, wie jeder politische Historiker der „Gegenwart";
wie dies an und für sich selbstverständlich, so gibt dies auch
Nithard offen zu erkennen. Nur in so weit aber erscheint in
dem grössten Theile des Werks die Darstellung eine subjective,
— vom Memoirenstil hat sie da nichts — natürlich von den
1) Ergo huic rerum operi quarto assistam, et si in ceteris rebus futuris
prodesse neqiiivero, saltem in bis erroris nubeculam proprio labore poste-
ris detergam.
2) Darauf scheint mir die in der vorigen Amnerk. citirte Stelle si in
ceteris etc. hinzudeuten; wie dies schon Pätz annahm 1. 1. p. 7.
3) S. oben S. 370 Anm. 3.
4) So besagt auch das Epitaphium; dasselbe tindet sich auch bei
Wattenbach S. 174.
374 Gesta Pontificum Romanoriim.
Prologen abgesehen; diese aber, wie der Schluss, erwecken
die lebendigste Tbeilnahme an dem Autor, und erhöhen da-
durch das allgemeine menschliche Interesse an den von ihm
erzählten Begebenheiten. Auch in dem Stile besitzt das Werk
einen Reiz, denn er hat einen sehr individuellen Charakter;
es ist unschwer zu erkennen, dass ein zwar literarisch gebil-
deter, aber ganz und gar nicht gelehrter Soldat und Staats-
mann die Feder führt: er fasst sich kurz, er liebt keine langen
Perioden ; viele und schöne Worte machen zu wollen, fällt ihm
nicht ein, und dies um so weniger, als sein Wortschatz ein
dürftiger ist; wie oft kehren dieselben Worte und Wendungen
wieder! Auch vergreift er sich in den Ausdrücken und wird
selbst zuweilen durch Incorrectheit dunkel.
ZWEIÜNDZWANZIGSTES KAPITEL.
GESCHICHTEN VON BISTHÜMERN UND KLÖSTERN.
Die chronistischen Werke, die einzelnen Gebieten gewid-
met sind, betreffen in dieser Periode nur geistliche : Bisthümer
oder Klöster, indem sich die Darstellung unter geringerer oder
grösserer Einmischung des biographischen Elements, an die
leitenden Persönlichkeiten reiht, die Bischöfe und Aebte. Das
älteste und wichtigste dieser Werke, das den andern zum Vor-
bilde gedient hat, ist der Liher pontißcalis oder Gesta, auch
Vitae pontißcum Romanorum betitelt.') Es enthält zunächst
die Geschichte der einzelnen Päpste bis Stephan VI. (incl.), der
von 885 bis 891 den römischen Stuhl einnahm. Zwei Theile
lassen sich aber in dieser ersten Hauptpartie — dem Grund-
werk, das später eine Fortsetzung fand — unterscheiden, von
1) Ed. Bianchhii. Rom 1718. 4 Tom. fol., danach in: Muratori, Rerum
italicar. Scriptores T. III. Piper, Einleitung in die monumentale
Theologie. Gotha 1867. S. 315 ff. — Duchesne, Etüde sur le libre ponti-
ficalis. Paris 1877. — Waitz, Ueber die verschiedenen Texte des über
pontif. im N. Archiv Bd. IV. — S. über den heutigen Stand der Frage
nach dem Alter und dem Verhältniss der verschiedenen Texte: Waitz in
der Histor. Zeitschr. 1880. S. 1^5 ff'.
Agiiellus. Liber pontif. eccles. Ravennatis. 375
welchen der erste mit Conon (6S6 bis 6S7) abschliesst. Dieser
ist auf Grimd eines Papstcatalogs aus der Mitte des vierten
Jahrhunderts, und unter Benutzung der Aufzeichnungen des
päpstlichen Archivs, der Inschriften und mündlicher Tradition
ausgeführt. Die Vitae sind kurz, annalistisch in der Darstellung,
obwohl meist nur ganz allgemeine Zeitangaben — abgesehen
von der Dauer des Pontiticats — sich finden; annalistisch
auch in der Art der Auswahl des Stoffes: kurze persönliche
Angaben, die wichtigsten politischen Ereignisse, die das Papst-
thum und Rom betreffen, Häresien, Naturereignisse; eine
ganz besondere Berücksichtigung aber wird den ausgeführten
Bauten und erworbenen Kirchengeräthen zu Theil. Der zweite
Theil ist das Werk verschiedener Verfasser, die den ersten
successive fortsetzten, zum Theil selbst als Zeitgenossen. Die
Vitae sind hier umfangreicher, manche, wie die Hadrians,
Leo's III. und Leo's IV., selbst sehr ausführlich, indem jetzt
auch auswärtige Begebenheiten, die in keiner näheren Be-
ziehung zu dem Papstthum stehen, berichtet werden. Die
Darstellung gewinnt zugleich an Lebendigkeit und individueller
Färbung. ^)
Wie schon dem Paulus Diaconus bei seinen Gesta pon-
tificum Mettensium das römische Pontificalbuch Vorbild war,
so ist dies ingleichen der Fall gewesen bei einem weit be-
deutenderen Werke Italiens, dem Über pontißcalis ecclesnie
Ravennali.s des Agnellus.-) Agnellus, der auch Andreas hiess,
stammte aus einer edlen und reichen Familie Ravenna's und
war um d. J. 805 geboren. Schon als Kind zum geistlichen
Stande bestimmt, kam er früh für Geld und durch Erbschaft
in den Besitz von ein paar Klöstern und wurde Presbj^ter der
Kirche seiner Vaterstadt. Durch seine Gelehrsamkeit angesehn,
wurde er von seinen geistlichen Brüdern (den andern Pres-
bytern) um Abfassung des Werkes gebeten, das er vor d. J, 838
1) Früher nahm man irrthümlich als Verfasser des ganzen oben be-
trachteten Grundwerks den römischen „Bibliothekar" Anastasius an
(der um 8S6 starb und verschiedene Werke aus dem Griechischen über-
setzt hat), ihm ist aber höchstens die Tita Nicolaus' I. beizulegen.
2) Ed. Holdei'-Egger in: Mommi. German. histor., Script, rer. Lango-
bard. saec. YI-IX. p. 265 ff. (Praef.) Piper a. a. 0. S. 349 ff.
376 AgneUus.
begann und allmählich es fortführend'), erst nach 846 etwa
beendete, da er mit dem Erzbischof Georgius schliesst.-)
Bei der Ausführung seiner Aufgabe die Wirksamkeit der
einzelnen Bischöfe von Ravenua zu schildern, verfährt Agnellus
zwar in ähnlicher Weise, als das römische Pontificalbuch , in-
dem er in chronologischer Reihenfolge einen Bischof nach dem
andern vorführend, die Handlungen derselben berichtet und
dabei namentlich auch der Bauten und des Schmuckes wie der
Geräthe der Kirchen gedenkt, aber er unterscheidet sich schon
in dieser Beziehung von semem Vorbilde insofern er nicht auf
blosse Angaben jener sich beschränkt, sondern die Gebäulich-
keiten und Kunstwerke beschreibt, wo nicht selbst, doch durch
Mittheilung schildernder Gedichte, die sich, wie es ja schon
lange Sitte war, als Inschriften daran fanden ; ja er geht noch
weiter und benutzt, wohl der erste, die Werke der monumen-
talen Kunst als Geschichtsquelle, wie er dies auch selbst sagt.^)
So gibt er auch nicht selten nach Portraits ein Bild des Aeussern
der Bischöfe. Auch ist die mündliche Tradition, auf die er
sich häufig beruft^), in weit ausgedehnterer Weise seine Quelle
gewesen, wie er denn gern selbst ganz lange fromme Sagen
und Anekdoten seiner Darstellung einflicht. Ja er scheut sich
sogar nicht (was er offen eingesteht) da, wo das Material ihm
ganz fehlt, ein Charakterbild aus der Phantasie zu entwerfen.^)
1) Indem er es stückweis den Brüdern, die ihn fortwährend um die
Fortsetzung drängten, vorlas, s. z. B. c. 38 u. 39, c. 62.
2) Von dem man annimmt, dass er um d. J. 846 gestorben ist.
3) S. unten Anm. 5 die im Druck hervorgehobenen Worte.
4) Allerdings mitunter auch unwahrer Weise , da wo eine schriftliche
Quelle ihm vorlag, wie dies in Betreff der Kavennater Annalen von Holder-
Egger nachgewiesen ist.
5) S. De s. Exuperantio (p. 297), wo er sich zugleich gelegentlich über
seine Quellen äussert: Et ubi inveni quid illi (fratres) certius fece-
runt, vestris (legentium) aspectibus allata sunt, et quod per seniores et
longaevos audivi, vestris oculis non defraudavi; et ubi istoriam non inveni
aut qualiter eorum vita fuisset, nee per annosos et vetustos homines, ne-
que per haedifi cationem, neque per quamlibet auctoritatem, ne intervallum
sanctorum pontiticum fieret, secundum ordinem, quomodo unus post alium
hanc sedem optinuerunt, vestris orationibus me Deo adiuvante, illorum vi-
tarn composui, et credo non mentitum esse, quia et horatores fuerunt casti-
que et eleemosinarü et Deo animarum hominum acquisitores. De vero
illorum effigie si forte cogitatio fuerit inter vos, quomodo scire potui:
Liber pontif. eccl. Ravennatis. 377
Von Büchern hat er nur wenige benutzt; dagegen hat er vieles
aus den Urkunden des Raveunatisehen Archivs geschöpft.
Wie er selbst einen regen Sinn für Kunst und Poesie be-
sass, so theilt er auch Inschriften in Versen mit, wo sie auch
nicht zur Beschreibung dienen, wie auf Gräbern und auch sonst.
Hierdurch erhält sein Werk noch ein besonderes literarhisto-
risches Interesse. Er selbst hat auch zwei eigene Gedichte in
dem Werke gegeben. Das eine, an der Spitze desselben, ent-
hält ein Gespräch in Hexametern zwischen dem Dichter und
seinen Mitpresbyteru , worin sich jener nach einigem Sträuben
bereit erklärt, ihre Bitte zu erfüllen und das Werk zu ver-
fassen ; es schliesst mit einigen adonischen Versen. Das andre
Gedicht, das dem Vorworte folgt, wie das erste ihm voraus-
geht, ist ein Acrostichon von zehn Distichen auf den heiligen
„ Apolinaris ", mit welchem, als einem Schüler des Apostels
Petrus, die Reihe der Bischöfe Ravenna's sich eröffnet. — Wie
die ganze Darstellung des Agnellus einen recht subjectiven
Charakter hat, indem er manches persönliche einmischt und
von Parteilichkeit sich durchaus nicht frei hält, so auch sein
Stil; er ist ungleich, in der Erzählung im Ganzen einfach
und natürlich, zuweilen aber durch poetische Ausdrücke und
Phrasen, die namentlich dem Virgil entlehnt sind, schwül-
stig und geziert. Daneben finden sich auch episodisch Be-
trachtungen im salbungsvollen Kanzelstil. Bei der sehr schlech-
ten Ueberlieferung lässt sich über die Sprache kaum ein Ur-
theil fällen.
Um dieselbe Zeit wurde nach demselben Vorbilde in
Westfrancien auch die Geschichte eines Klosters geschrieben
in den Gesla abbatum Fontanellensium^)\ es ist das Kloster
Fontanelle oder St. Vandrille. Der Verfasser, dessen Namen
unbekannt, war ein Mönch desselben und führt sein Werk bis
zum Tode des Ansegis 833. Bei dem Leben dieses wie bei
dem des Stifters verweilt er am längsten. Das Kloster wurde
von Wandregisil, einem Vetter des älteren Pippin, der zuerst
sciatis, me pictura docuit, quia semper tiebant imagines suis tempori-
bus ad ülorum similitudinem.
1) In: Monum. German. histor. , Script. T. 11, p. 270 ff. Ed. Pertz.
(Praef.). —
378 Gesta abbat. Fontanellensium.
Laie, Pfalzgraf und Herzog-, war, dann sich dem asketischen
Leben weihte, in der Nähe von Ronen gegründet (645). Die
Geschichte dieser Aebte, die auch einiger merkwürdiger Mönche
besonders gedenkt'), gibt ein anschauliches Bild von den
Schicksalen eines Klosters im Frankenreiche im siebenten und
achten Jahrhundert. Merkwürdig ist, wie oft Fontanelle von
Bischöfen (von Ronen und von Reims) und Aebten anderer
Klöster regiert wurde. Auch Laien fehlten unter seinen Rec-
toren nicht. Den Hauptinhalt dieser Gesta bildet die Mit-
theilung der Erwerbungen des Klosters an Grundbesitz und
andrerseits ihrer Verluste vornehmlich in Folge von Säculari-
sation^), ferner der von den Aebten geschenkten und vererbten
Kirchengeräthe , Gewänder und auch Bücher, sowie ihrer
Bauten. In beiden Beziehungen zeichnete sich namentlich der
sehr reiche und hochgebildete Ansegis aus, der seit 823 dem
Kloster vorstand , und zugleich noch ein paar andre besass.
Wie er unter Einhards Oberleitung die königlichen Bauten in
Achen ausgeführt hatte, so restaurirte er und errichtete auch
neu manche Gebäude des Klosters und Hess sie auch mit
Wand- und Deckengemälden schmücken ; andrerseits verbesserte
er den Landbau und stellte die Regel Benedicts wieder her;
er schenkte auch diesem Kloster, wie einem andern, eine nicht
geringe Zahl Bücher^), namentlich Werke des Augustin, Am-
brosius, Hieronymus und Beda, welche im Verein mit einer
frühereu Schenkung, des Abtes Wando in den vierziger Jahren
des achten Jahrhunderts^), eine stattliche Büchersammlung schon
bildeten. Dazu kamen noch eine Anzahl Bände, welche unter
dem Vorgänger des Ansegis ein Mönch des Klosters, der in
1) Leider ist sie nur rait einer Lücke überliefert, indem die Gesta der
drei auf den Stifter folgenden Aebte, sowie der Schluss des Lebens des
Wandregisil in der Handschrift fehlen.
2) Vgl. Roth, Die Säcularisation des Kirchengutes, im Münchener hi-
stor. Jahrbuch für 1865.
3) Er muss eine bedeutende Bibliothek gehabt haben, wie man sieht,
wenn man die nicht eimnal vollständige Liste der dem Kloster Flaviacum
geschenkten Bücher (p. 295) mit den Fontanell gegebenen verbindet.
4) S. c. 13 (p. 287). Unter diesen Büchern, die selbstverständlich
grösstentheüs theologische waren, werden doch auch genannt die „Historia
Jordani, episcopi Ravennatis ecclesiae, de origine Getarum" und, was noch
interessanter, die „Historia Apollonii regis Tyri."
Constructio Fai-fensis. 379
einer Cella desselben einsiedlerisch lebte, der Presbyter Harduiu
selbst geschrieben hatte. Dieser machte sich auch durch seinen
Unterricht in der Arithmetik und in der Schreibkunst verdient
zu derselben Zeit, wo sein Abt Gervold die Klosterschule für
die ganz ungebildeten Mönche gründete, und selbst recht musi-
kalisch, sie im Gesang unterrichtete (c. 16, p, 292). Politische
Nachrichten finden sich wenige und diese sind — von solchen
abgesehen, die das Kloster unmittelbar berührten — fast alle
bekannten Werken, wie Fredegar, den Reichsannalen u. s. w.
entlehnt. Die Hauptquellen, aus denen der Verfasser schöpfte,
sind Klosterurkunden und mündliche Tradition"), wozu dann
noch die alte Vita des Stifters kommt.-)
Auch eine kurze Chronik dieses Klosters vom Jahre 841
bis 859 hat sich erhalten. -^
Noch ist aus dieser Periode die Geschichte eines Klosters
Italiens zu erwähnen, des im Sabinerlande zwischen Rom
und Reate gelegenen, der heil. Jungfrau gewidmeten Farfa —
so genannt nach einem Flusse in seiner Nähe. Diese Geschichte
von Farfa geht bis zum Jahre 857, und ist wohl nicht lange
danach verfasst worden. Den grössteu Raum nimmt in ihr die
ausführliche Erzählung von der Gründung des Klosters und
dem ersten Abte Thomas ein; daher ist denn die Schrift Con-
structio Farfensis betitelt worden.^) Thomas (starb 720), ein
Presbyter Galliens, hatte eine Pilgerfahrt nach Jerusalem unter-
nommen: dort wird ihm, während er am heil. Grabe Gott an-
fleht, ihm den Weg des Heiles zu zeigen, eine Erscheinung
der Jungfrau, die einen Ort im Sabinerlande bezeichnet, wo
mitten im Walde bei drei hohen Cypressen eine ihr geweihte
Basilika steht; dort solle er leben, um seinen Wunsch erfüllt
zu sehen. Nach manchem vergeblichen Versuche gelingt es
1) Dieser wird lunständlich gedacht bei der Erzählung von einem
Einsiedler W\o (aus dem Anfang des achten Jahrhunderts), wo es heisst:
Audivi nempe narrantem quendam venerabilem senem, qui ab eo didicit.
qui ipsum Müonem multo tempore vidit c. 4 (p. 278).
2) Herausgeg. von Arndt in : lüeine Denkmäler aus der Merovingerzeit.
Hannover 1875.
3) Monum. Germ. bist. 1. 1. p. 301 ff.
4) Ed. Bethmann in Monum. Gennan. histor.. Script. T. XI, p. 519 ff.
(Praef.)-
380 Frechulf.
Thomas auch eleu Ort zu fiuden, wo er denn, unterstützt von
dem Herzog von Spoleto, ein Kloster gründet. Noch wird von
ihm eine Cella desselben am Vulturnus zunächst für drei edle
junge Beneventer, die sich der Askese weihen, errichtet. —
Der andern Aebte bis zum vierzehnten, der 857 starb, wird
meist nur in wenigen Zeilen gedacht, in kurzer Charakteristik,
ähnlich wie in den libri pontificales. Sie waren fast alle
Franken. Einer, Alanus (759— 69) war ein Gelehrter, der viele
Jahre als Eremit lebend mit Abschriften von Codices sich be-
schäftigte, die er „wundervoll" ausführte; aber er war kein
Menschenkenner, denn zu seinem Nachfolger erwählte er einen
Angelsachsen Wigbert, der bei seinen rohen Sitten die Mönche
so tyrannisirte , dass sie die weltliche Macht zu Hülfe riefen,
ihn zu vertreiben.
DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
WELTCHRONIK; FRECHULF, ADO.
Auch die Weltchronik fand in diesem Zeitraum eine,
und sogar doppelte Bearbeitung: einmal von Fkechulf i), dem
Bischof von Lisieux, der, wie wir sahen, Kaban zur Abfassung
seines Commentars zum Pentateuch aufgefordert hatte. Er war
ein Schüler des Presbyter Helisachar, des einflussreichen Kanz-
lers Ludwigs des Frommen. Dank seiner Gelehrsamkeit und
der Gunst dieses Fürsten, dem er auf das treueste anhing,
wurde er um 824 in der Angelegenheit der Bilderverehrung an
den Papst nach Rom gesandt. Bald danach mag er sein Werk
in Angriff genommen haben, das er vor 830 beendete. 2) Die
1) Freculfi, episcopi Lixoviensis, Chronicorum Tomi II. Coloiiiae 1530.
In: Biblioth. patrum u. in Migne's Patrol. lat. T. 106. Grünauer,
De fontibus Historiae Frechulfi. Dissert. Zürich 1864. (Gibt zugleich Er-
gänzungen des ersten Buchs aus dem S. Galler Cod.) — Histoire litter.
de la France T. V, p. 77 ff. — Wattenbach, Deutschi. Geschichtsq. 4. Aufl.
S. 177 ff.
2) Das letztere ergibt sich aus der Widmung des zweiten Theils, nicht
bloss weil er hier Judith felicissima nennt, sondern viel sicherer noch
aus dem Prädicat invictus, das er dort dem Kaiser Ludwig gibt: das war
Welt Chronik. 381
Aufforderung zu demselben war ihm von Helisachar gekommen,
der r unersättlich in seiner Liebe zur Weisheit" war. Freehulf,
dessen Namen noch manche Synodalverhandlungen zeigen,
lebte bis um die Mitte des Jahrhunderts.
Sein "Werk besteht aus zwei Theilen, die selbständig
edirt sind. Der erste ist dem Helisachar gewidmet und be-
handelt die Weltgeschichte bis zu Christi Geburt, und nur so
weit hatte der Kanzler das Werk verlangt, wie die Widmung
besagt; der zweite Theil führt dasselbe bis zum Tode Gregors
des Grossen, indem jedoch am Schluss noch anhangsweise be-
richtet wird, wie Bonifaz (IV.) das Pantheon vom Kaiser
Phocas erhielt.') Dieser Theil ist aber der Kaiserin Judith,
welche der Verfasser mit galantem Lob überschüttet, gewid-
met; er soll zur Unterweisung ihres Sohnes Karl dienen. Der
erste Theil begreift sieben, der zweite fünf Bücher; jedes Buch
aber wieder eine grössere Zahl Kapitel. Wie sich schon
hieraus ergibt, ist diese Weltchronik eine Weltgeschichte in
zusammenhängender Erzählung.
Die Gliederung des Stoffes ist die folgende, zunächst des
ersten Theils. Wie Orosius, und mit der aus ihm wörtlich
entlehnten Motivirung, beginnt Frechulf seine Geschichte, statt
mit Xinus, wie Eusebius, vielmehr mit Adam und führt sie
im ersten Buche bis Abraham , von dem indessen hier schon
ausführlich gehandelt wird. Das zweite Buch beginnt mit
Ninus, bei dem und dessen Nachfolgern Abrahams von neuem
gedacht wird, und geht bis auf David, insbesondere die Vor-
nach S3(i auch emem Schmeichler nicht mehr möglich zu sagen. Dass er
das "SVerk erst nach der italienischen Reise begonnen, ist wahrscheinlich,
Tveü ihm auf dieser Avohl, yrie auch Wattenbach meint, die Gelegenheit ge-
boten ward , dem Büchermangel abzuhelfen , über den er gegen Raban —
mindestens nach 822. in welchem Jahre Raban Abt wurde — klagt. Vgl.
oben S. 130.
1) Frechulf sagfe selbst gegen Ende des letzten Kapitels: Igitur a na-
tivitate Domini Jesu Christi ob amorem dominae meae Augustae Judith
aggressus sum opus quod usque ad Gregorii, eximii doctoris.
ob i tum perduxi. De gestis etiam Bonifatii ])apae quaedam deinceps
praeUbando perstrinxi Er identiticirt aber da Bonifaz lY. mit Boni-
faz III., indem er von demselben Papst zugleich noch berichtet, dass Phocas
den römischen Bischofssitz als omntwn ecclesiarum fo/;?// anerkannt habe;
Bonifaz III. hatte dies, aber auch nicht als Papst, sondern als Gesandter
Gregors durchgesetzt.
382 Frechulf.
bereitungen zum Bau des Tempels von Jerusalem. Von hier
an erstreckt sich das dritte Buch bis zur zweiten Wieder-
herstellung desselben unter Darius. Das vierte reicht bis auf
die vollständige Unterwerfung Italiens unter Kom nach dem
Tode des Pyrrhus; das fünfte bis zur Verwüstung des Tem-
pels durch Antiochus und den Untergang des macedonischen
und carthagischen Reiches; das sechste geht bis auf Pom-
peius, das siebente endlich bis zu Christi Geburt.
Wie sich unschwer erkennen lässt, geht diese Gliederung
des Stoffes in der Hauptsache theils auf das in der Civitas
dei aufgestellte System der Weltalter'), theils auf das der Welt-
reiche'-), die Eintheilung des Werks des Orosius^), zurück:
das erste Buch soll nämlich die zwei ersten Weltalter umfassen,
nur geht der Verfasser hier, indem er in der Weise der Civi-
tas dei da weniger erzählt, als vielmehr einzelne Fragen, wozu
der biblische Text auffordert, behandelt, schon auf Abraham
ein, obgleich er das zweite Buch von dessen Geburt an rechnet ;
dieses entspricht dem dritten Weltalter; das dritte Buch ist
durch den Verfasser ganz selbständig abgegrenzt, das vierte
dagegen geht bis zum Anfang des vierten Buchs des Orosius,
indem das letztere in seiner Ausdehnung ganz dem fünften des
Frechulf entspricht: mit dem Kriege Roms gegen Pyrrhus be-
ginnend, endigt es auch mit der Zerstörung Carthago's ; dasselbe
Verhältniss ist bei den beiden folgenden Büchern: das sechste
des Frechulf ist in seiner Begrenzung dem fünften des Orosius
gleich, nur dass im letzten Kapitel noch der Anfang des fol-
genden Buchs des Orosius behandelt wird, letzteres geht dann
auch bis auf Augustus und Christi Geburt.
Bei der Eintheilung des zweiten Theils ist Frechulf
dagegen selbständig verfahren, da hier weder das System der
Weltalter noch Orosius den Weg weisen konnte, weil ja der
ganze Theil wie einem Weltalter, so auch nur einem Buche
des Orosius entspricht. Das erste Buch geht hier bis zur Zer-
1) S. Bd. I, S. 224 ff.
2) Dass sich dessen Frechulf bewusst ist, zeigt recht der Schluss des
fünften Buchs: Nunc vero ubi contaminationem atque vastationem templi
ostendimus, duoque regna potentissima, Macedonicum scilicet
atque Carthaginiense defecisse, finem etiam huius vohiminis im-
ponere decrevimus.
3) S. Bd. I, S. 326 ff.
Weltchronik. 383
Störung von Jerusalem, das zweite bis auf Caracalla und die
unter ihm und seinem Vater eingetretene Verfolgung der Chri-
sten, das dritte von Elagabal bis auf Constantin den Grossen
und die Schliessung der heidnischen Tempel durch ihn, das
vierte von dessen Söhnen bis auf Theodosius den Grossen
und die Zerstörung der Götter und ihrer Tempel, das fünfte
endlich von Arcadius und Honorius bis auf Gregor, die
Invasion der Langobarden und den Uebertritt Reccareds zum
Katholicismus. Es ist offenbar, dass diese Eiutheilung des
zweiten Theils durch die Geschichte der christlichen Kirche
bedingt worden ist, und so vom Standpunkt jener Zeit be-
trachtet, sogleich (vom zweiten Buche abgesehen) vollständig
motivirt erscheint. Dies gilt auch von dem Schlüsse des Werks :
durch Gregor den Grossen ist die römische Kirche erst unab-
hängig von Byzanz geworden, und bald darauf, wie der Autor
noch hinzufügt, selbst vom Kaiser als das Haupt aller Kirchen
anerkannt. Dazu kommt, nach der Widmung des zweiten
Theils wenigstens, auch noch ein verwandtes weltliches Motiv
des Abschlusses, worauf Wattenbach mit Recht hingewiesen,
das Ende der römischen — jetzt nur noch byzantinischen —
Kaiserherrschaft im Abendland, da ihre Gewalten, wie Frechulf
sagt'), in Gallien wie Italien verschwinden.
Die Anlage des ganzen Werkes aber zeigt schon, wie
auch in dieser Universalgeschichte die doppelte Strömung fort-
dauernd sich kundgibt, eine geistliche und eine weltliche, die
Geschichte der Kirche und des auserwählten Volkes und die
der irdischen Weltreiche neben einander geht. Augustins Ci-
vitas dei und Orosius' Geschichte, die diese ergänzen sollte,
sind die Werke, welche auf die Anlage und Ausführung dieser
Weltchronik den grössten Einfluss gehabt haben. Ihrem Inhalt
nach ist sie aber eine wörtliche Compilation aus den verschie-
densten Büchern, eine wahre Mosaikarbeit, indem in demselben
Kapitel aus drei, vier, ja noch mehr Büchern die einzelnen
Sätze entlehnt sein können-), hier und da mit geringer Ver-
1) Die Stelle der Widmung lautet: Igitur ab Octaviano Augusto et
Domini nativitate Salvatoris nostri aggressus sum scribendo opus, quod
peregi usque ad regna Francorum et Langobardorum, deficientibus Roma-
norum imperatoribus seu iudicibus ab Italia et Gallia, Gotorum quoque
regibus, qui successerant, ab iis etiam depulsis.
2) Wie dies Grünauer durch das ganze Werk hin nachgewiesen hat.
384 Ado.
änderiiug-'), wobei es denn auch wolil gescliieht, dass dasselbe
an anderer Stelle noch einmal erzählt wird. Die Hauptqiiellen
Frechulfs sind ausser den beiden schon genannten Werken Eu-
sebius-Hieronymus' Weltchronik , Eusebius' Kirchengeschichte
mit der Fortsetzung des Kufin, die Historia tripartita, Isidors
und Beda's Weltchronikeu , Josephus' und Jordanis' Werke,
Aurelius Victor, Florus, die Historia miscella und Hieronymus'
De viris illustribus, welches Werk zum grössten Theil excerpirt
ist, indem der Verfasser also, was Anerkennung verdient, der
christlichen Literatur eine besondere Berücksichtigung schenkt.
Ein Hauptmangel besteht darin, dass chronologische Angaben
bei den einzelnen Begebenheiten in der Regel ganz fehlen,
nur Berechnungen von Zeiträumen am Ende der Bücher sich
finden, sowie die Zahl der Regierungsjahre der Könige. Nur
durch ganz allgemeine Zeitbestimmungen, wie Quo tempore,
timc, intereu und dergleichen, oder auch durch ein blosses igitw^
— das unserm nun entspricht — werden gewöhnlich die ein-
zelnen Erzählungen lose mit einander verbunden.
Den formalen Charakter der Weltchronik bewahrt reiner
das andre Werk, das auch weit weniger originell in der An-
lage wie umfangreich ist. Es hat den auch sonst literarisch
bemerkenswerthen Erzbischof von Vienne, Ado'-) zum Verfasser.
Dieser, einer alten edlen Familie Westfranciens entsprossen,
war in dem durch seine humanistischen Studien, wie wir sahen,
1) Dass aber auch mitunter bedeutungsvolle Abänderungen sich finden
können, worauf eine erneute Untersuchung des Werks ihr Augenmerk zu
richten hätte, mag ein Beispiel lehren. Cap. 4 des 1. Buchs des 2. Theils,
welches Kapitel von Octavian handelt, ist zuerst aus Orosius, dann aus
Aurel. Victor entlehnt, darauf folgt eine kleine Stelle unbekannter Her-
kunft, dann wieder eine Stelle aus Aurel. Victor Epit. c. 1 Ende, welche
lautet: Imperavit annos quinquaginta et sex etc., qui certe numquam aut
reipublicae ad se potentiam traxisset, aut tamdiu ea potiretur, nisi magnis
nalurae et sludiorum bonis abundasset. An die Stelle der durch cursiven
Druck hervorgehobenen Worte hat aber Frechulf gesetzt: nisi pro causa
nativitatis Domini hoc fieret.
2) S. Adonis opera ad fidem editionum Rosweidi, Mabillonii etc. re-
cognita et expressa, accur. Migne. (Patrol. lat. T. 12.3). — Auszüge der
Chronik und von 814 an vollständig in: Monum. German. histor., Scriptor.
Tom. II, p. 315 ff. ed. Pertz. (Praef.) Histoire litter. de la France
T. V, p. 461 ff. — Wattenbach a. a. 0. S. 179.
Leben. Weltchronik. 385
sich auszeichnenden Kloster Ferneres erzogen und dort Mönch
geworden. Er wirkte dann eine Zeitlang in Prüm, welches
Kloster unter Marcward mit Ferrieres in nahen Beziehungen
stand, und besuchte danach Italien, wo er in Rom fünf Jahre
verweilte. Auf dieser Reise hat er namentlich das Material zu
seinem Martyrologium gesammelt. Nach der Heimath zurück-
gekehrt, erhielt er eine Pfarrstelle in Lyon. Seine Tüchtigkeit
und Gelehrsamkeit, welche letztere er auch durch die Abfassung
seines Martyrologium jener Zeit bewies, empfahlen ihn dann
i. J. 860 für den erledigten wichtigen erzbischöflichen Sitz von
Vienne. Hochangesehen wirkte er hier bis zu seinem Tode 874.
Seiner, nach den sechs Weltaltern eingetheilten Chronik
liegt das Werk Beda's unmittelbar zu Grunde, das er, so weit
es reicht, nur ergänzt oder modificirt, indem er hierzu na-
mentlich aus Isidors Chronik und Orosius, dann auch aus den
Gestü regum Fruncoi^mn^) das Material entlehnt und meist
wörtlich einverleibt; dann als Beda's Werk aufhört, nimmt er
seinen Stoff aus Kloster- und Reichsannalen vornehmlich, bis
er zur Gegenwart gelangt, die aber gar dürftig behandelt ist;
denn er hat seine Chronik bis zum Ende der sechziger Jahre des
neunten Jahrhunderts fortgeführt.'-) Auch wo ihn Beda verlässt,
behält er als Leitfaden die Reihenfolge der Kaiser bei, nur
dass er mit Karl dem Grossen vom Orient zum Occident hiu-
überspringt. In dem letzten Weltalter sind einige Vienne be-
treffende Nachrichten von Werth. So wenig originell hier-
nach das Werk in stofflicher wie formeller Beziehung erscheint,
so hat es doch eine bisher gar nicht beachtete Eigenthümlich-
keit, auf die doch der Verfasser selbst im Eingange hinzeigt, s)
Jedem der vier ersten Weltalter nämlich ist eine allegorische
Deutung der wichtigsten biblischen Handlungen und Persön-
lichkeiten, welche letztere als Typen, vorzugsweise von Chri-
stus, aufgewiesen werden, hinzugefügt, eine „ Präfiguration ",
die aber „unbeschadet der historischen Wahrheit", wie der
Verfasser sagt, statthat.
1) S. Bd. I, S. 573.
2) Sie erhält später von andern ein paar unbedeutende Fortsetzungen.
3) Darauf geht meines Erachtens die Stelle: Quaedam etiam ex di-
vinis libris ad eruditionem legentium, ubi opportunum duximus, sub-
notantes, ut ex brevi lector plura colligere possit.
Ebebt, Literatur des Mittelalters II. 2o
386 Ado, Martyrologium etc.
Das Martyrologium Ado's, ein weit umfangreicheres
Werk als die älteren, wurde, wie er in der Vorrede bemerkt,
auf Bitten frommer Männer von ihm unternommen, und zwar
in der doppelten Absicht, erstens die Tage, welche Florus leer
gelassen, auszufüllen und zweitens von den gefeierten Heiligen
genauere Nachricht zu geben, und so werden denn, namentlich
in der zweiten Hälfte, die Passionen recht ausführlich mit-
getheilt, dank den Codices, die der Verfasser in Italien ge-
sammelt. Er hat sich aber mit diesen Erweiterungen des
Beda-Florusschen Werkes nicht begnügt, sondern seinem Mar-
tyrologium noch zwei besondere Stücke einleitungsweise vor-
ausgeschickt : einmal ein sehr altes aus Rom stammendes Mar-
tyrologium, das er in Ravenna abgeschrieben, um durch dessen
Autorität die früher öfters unrichtig gegebenen Daten der Fest-
tage sicher festzustellen, dann ein Büchlein über die Feste der
Apostel und ihrer Schüler imd einiger auserwählten Märtyrer
sowie der h. Jungfrau, welches nicht die Zeitordnung beobachtet,
mit der h. Jungfrau endet und mit den Hauptaposteln Petrus
und Paulus beginnt.
Das Martyrologium Ado's wurde aber bald in den Hinter-
grund gedrängt durch ein anderes, das mit seiner Benutzung
noch vor der Mitte der siebziger Jähret verfasst war, eine noch
grössere Vollständigkeit in den Namen der Heiligen zeigte,
und andrerseits die Weitläufigkeit ausführlicher Märtyrerge-
schichten vermied; so war es für den kirchlichen Gebrauch
zugleich praktischer angelegt. Es ist dies das Martyrologium
jenes Mönchs von St. Germain in Paris, Usuardus, dessen
wir früher bei der Translation des Georgius und Aurelius ge-
dachten.'^) Seine Arbeit, zu welcher ihn laut der Vorrede Karl
der Kahle aufgefordert, wurde allmählich in den Kirchen des
ganzen Abendlandes eingeführt und von Rom selbst adoptirt,
so dass sie, wenn sie auch Zusätze von andern erfuhr, das
Grundbuch für alle Zukunft wurde.
Ado aber hat als Erzbischof im Interesse seiner Kirche
noch die Passlo des Bischofs von Vienne, Desiderius — die
1) Denn Karl der Kahle wird von dem Verfasser bloss als König be-
zeichnet.
2) S. oben S. 355 f. Das Martyrologium findet sich auch bei Migne, Pa-
trol. lat. T. 123, p. 453 ff u. T. 124, „ex recensione SoUertü et ad edition.
Benedictin. collatum."
Nennius, Historia Britonum. 387
er als Gegner der Bruuliilde erlitt — auf Grund der Acta des-
selben, und das Leben des heil. Theuderius, der bei Vienne
im sechsten Jahrhundert Klöster gründete, verfasst.
VIERUNDZWANZiaSTES KAPITEL.
NATIONALGESCHICHTE: NENNIUS, ERCHANBERT.
Die vierte Hauptgattung der Historiographie in dieser
Periode, die Nationalgeschichte ist auch nur durch zwei Werke
vertreten, von welchen eins allein von einer gewissen Bedeu-
tung, selbst für die Geschichte der Nationalliteraturen des
Mittelalters, und von noch grösserem Rufe ist. Es ist die unter
dem Autornamen des Nennius bekannte Historia Brito?ium^),
welche, wie sich aus dem Inhalt selbst ergibt, im Jahre 822
verfasst ist.-) Dies Buch, das uns nur in einer mehrmals inter-
polirten Gestalt überliefert ist, enthält in Handschriften späterer
Zeit^) zwei offenbar von Abschreibern hinzugefügte Prologe,
von welchen der zweite ein Excerpt des ersten ist. In ihnen
nennt sich als Verfasser des Werks Nennius, ein Geistlicher,
Schüler des heil. Elbod (welcher letztere 809 als Bischof von
Venedotia in Wales starb). Der Autor bittet hier in der
schwülstig blumigen Sprache, die seiner Nation eigen, gar
demüthig um Nachsicht für seinen Stil, indem er zugleich die
Quellen, aus denen er seine Geschichte compilirt habe, und
das Motiv, das ihn zur Abfassung derselben bewog, anzeigt.
So wenig durch diese fingirten Prologe die Autorschaft des
Nennius beglaubigt wird, wie denn das Werk in andern Hand-
schriften Andern, namentlich auch dem älteren Historiker der
1) *Nennü lüstoria Britonum, ad fid. codic. mss. recens. J. Steven-
son. London 1S3S. Abdruck davon in: Nennius und Gildas, herausgeg.
V. San-Marte. Berlin 1844. — Femer in: Moniun. historica Britannica.
Ed. Petrie. T. I. London 1848. p. 47 fF. SchöU, De ecclesiasticae
Britonum Scotorumque historiae fontibus. Berlin 1851.
2) S. SchöU S. 35.
3) Von denen die älteste aus dem Ende des 12. Jahrb. ist; in einigen
Mss. ist auch nur der zweite Prolog gegeben.
388 Nennius.
Britten, Gildas') beigelegt wird, so enthalten doch die An-
gaben über die Quellen und das Motiv der Abfassung wahres
und treffendes; der Verfasser des ersten Prologs hatte das
"Werk offenbar gründlich studirt. Wie er den Autor, der ohne
Zweifel ein Waliser war, in dem Prolog sagen lässt, hat den-
selben nur eine „ innere Herzenswunde " bewogen die Geschichte
zu schreiben, der Kummer, „den einst berühmten imd ausge-
zeichneten Namen seines Volkes von der Vergessenheit zer-
nagt in Dunst aufgehen" zu sehen.'-) Es ist also derselbe
patriotische Grund, der auch einen andern, noch berühmteren
walisischen Autor des Mittelalters, den Gottfried von Monmouth
zur Abfassung der Geschichte seines Volkes bestimmte und
zwar, um dasselbe weltgeschichtlich gross erscheinen zu lassen,
in einer ganz phantastischen Gestalt auf Kosten aller histo-
rischen Wahrheit.
Das Werk, so wie es vorliegt, beginnt mit einer kurzen
allgemeinen Chronologie nach den Weltaltern, die manches
eigenthümliche enthält, aber dem Werk ursprünglich nicht an-
gehörte, s) Es folgt dann (§. 7) eine kurze Beschreibung von
Britannien, welche offenbar den eigentlichen Anfang bildet. An
sie schliesst sich (§. 10) die Erzählung von dem Ursprung des
brittischen Volkes, der nach dem Vorgang der Trojanersage der
Franken^) auch von den Trojanern hergeleitet wird, die im Ge-
folge des Urenkels des Aeneas, Brutus nach Britannien kamen,
das nach diesem selbst seinen Namen erhalten hat.^) Brutus
hatte seinen Vater Silvius, den Sohn des Ascanius, durch Zu-
1) S. über ihn Bd. I, S. 536 ff.
2) Attamen internum vulnus circum praecordia volvens aegre ferebam,
si propriae gentis nomen, quondam famosiun et insigne, oblivioue corrosuni
fumatim evanesceret. Prol. I, §. 1.
3) Diese Chronologie enthält auch Widersprüche. Eigenthümlich ist,
dass statt bis zur Geburt Christi, vielmehr zu seiner Passion (§. 5) oder
auch (§. 6) bis zu Johannes dem Täufer gerechnet wird.
4) Vielleicht auf eine Anmerkung des Ethicus hin. S. Bd. I, S. 575,
Anm. 1.
5) Obgleich dies §. 10 ausdrücklich gesagt wird, so heisst es doch
§. 7: Britannia insula a quodam Bruto consule romano vocatur. Es
ist dies bezeichnend für die Art der Abfassung des Buchs, denn als Inter-
polation kann diese Stelle, womit das Buch erst in der That begann, nicht
anscesehen werden.
Historia Britonum. 389
fall im Spiel mit einem Pfeilschuss getödtet, und war deshalb
aus Italien verbannt worden, und erst nach manchen Aben-
teuern schliesslich nach England gelangt. — Der Verfasser
gedenkt dann auch (§. 13 ff.) ausführlich der Herkunft der
Schotten, die nach Irland aus Spanien eingewandert sein sollen,
wohin ihre Vorfahren aus Aegypten gekommen waren I So
will er von sehr kundigen Männern dieses Volkes gehört haben.
— Nachdem dann (§. 17 f.) der Autor noch einen andern
Stammbaum der Britten aus alten Büchern derselben mit-
getheilt, wonach sie von Britto, einem Enkel des Alanus, eines
Abkömmlings des Japhet, abstammen 0, gibt er in sehr abge-
rissener und fehlerhafter Weise Nachricht von der römischen
Herrschaft seit Caesar in Brittanieu (§. 19 — 31).
Darauf folgt die interessanteste Partie des Buches, die
sagenhafte Geschichte des Königs Guorthigirn, der von den
Picten und Scoten bedrängt und in Furcht vor den Römern
die Sachsen unter Hors und Hengist aufnimmt. Hier ergeht
sich der Verfasser in ausführlicherer Erzählung, indem er be-
richtet, wie der brittische König in die Tochter des Hengist,
die bei einem von diesem gegebenen Gastmahle aufwartet,
sich verliebt und sie um den Preis der Landschaft Kent zur
Ehe erkauft (§. 37 f.). Von ihm wird insbesondere noch er-
zählt, wie er mit der eigenen Tochter einen Sohn erzeugte
und dieser dem heil. Germanus-j übergeben ward ($. 39), so-
wie ganz ausführlich die Sage von einem merkwürdigen Burg-
bau (§. 40 ff.). Nach der Weisung seiner Magier will der
König nämlich am Ende seines Reichs diese Burg als letzte
Zuflucht bauen, aber der Grund weicht, und sie stürzt ein;
die Magier verkünden nun, dass nur durch Besprengung mit
1) Hisitio (Sohn des Alanus) habuit filios quatuor: Francus, Roma-
nus, Britto, Alemannus (al. Albanus). Ab Hisitione autem ortae sunt
quatuor gentes, Franci, Latini, Alemanni (al. Albani) et Britti.
2) Von dessen "Wundern schon §. 32 — 35 erzählt wird — eine Partie
die weder mit dem Vorausgehenden noch mit dem Folgenden in äusserer
oder innerer Verbindung steht, und daher mir auch interpolirt scheint, und
um so eher, als die dort erzählte Geschichte, wie der Heilige vergeblich
den Tyrannen Beiüi zu sprechen sich bemüht, und dann die Burg des-
selben durch Feuer vom Himmel zerstört wird, sich in ihren Hauptzügen
§. 47 wiederholt, wo ganz ähnliches in Bezug auf Vortigim von dem Hei-
ligen erzählt wird.
390 Nennius.
dem Blut eines vaterlosen Kindes der Bau sich erhalten werde ;
ein solches Kind, ein Knabe, wird gefunden, aber er erweist
sich als ein besserer Kenner des Verborgenen als die Magier,
er zeigt, dass ein Sumpf unter dem Baugrund ist: dort finden
sich auch zwei Drachen, von denen der eine roth, der andre
weiss ist, sie bekämpfen sich und der weisse vertreibt den
rothen; jener bedeutet aber die Sachsen, dieser die Britten.
Doch sollen in späterer Zeit die letzteren wieder die andern
über das Meer verjagen (§. 42). Man sieht leicht, dass Gott-
fried von Monmouth hier seine Prophezeiung des Merlin im
siebenten Buche geschöpft hat, wie er denn im sechsten die
Erzählung des Nennius zum Theil selbst wörtlich aufgenommen.
Im weiteren Verlauf der Geschichte des Guorthigirn wird
dann auch wieder der Legende des h. Germanus gedacht und
darauf die des heil. Patricius eingeschaltet (§. 50 ff.), der selbst
mit Moses verglichen wird (§. 55). — Zum Schluss gedenkt
dann noch der Verfasser ganz kurz (§. 56) der späteren Kämpfe
der Britten mit den Sachsen, in welchen Arthur als Feldherr')
sich auszeichnete; es sind nicht weniger als zwölf Treffen,
das letzte auf dem Berge Badon, worin er allein 960 Feinde
an dem einen^ Tage niederwarf. 2) Die also besiegten Sachsen
aber riefen aus Germanien Hülfstruppen und Könige, die über
sie herrschten bis zur Zeit des Ida, welcher der erste König
von Bernicia war. — Hiermit endete das Werk, dem spätere
Abschreiber Genealogien der Dynastien der sächsischen Reiche
hinzugefügt haben, welche alle ihre Abstammung auf Wodan
zurückführen. Andre spätere Anhänge sind ein Büchlein von
den Wundern Britanniens und ein Namensverzeichniss seiner
Städte.
Die Hauptquellen, aus denen der Autor schöpfte, sind
ausser brittischen und irischen Traditionen Hieronymus' Welt-
chronik mit der Fortsetzung des Prosper, Beda's Kirch en-
1) Der hier nicht als König erscheint; es heisst viehnehr : Tunc Arthur
pugnabat contra illos (sc. Saxones) in illis diebus cum regibus Brittonum,
sed ipse dux erat bellorum. Indem die im Druck hervorgehobenen
Worte im Gegensatz zu den i-eyibns Brittonum durch das sed stehn, wird
ausdrücklich angezeigt, dass Arthur kein König war.
2) Duodecimiun fuit bellum in monte Badonis , in quo corruerunt in
uno die nongenti sexaginta viri de uno impetu Arthur ; et nemo prostravit
eos nisi ipse solus, et in omnibus beUis victor exstitit.
Historia Britonum. 391
geschichte, Orosius und ein „Buch vom heil. Germanus", das so
von dem Verfasser selbst (§. 47) citirt wird. Nur durch seinen
sagenhaften nationalen Inhalt, der auch in formalen Zügen
sich kundgibt 0, ist das Buch wichtig, ein Inhalt der in Gott-
frieds von Monmouth Werk aufgenommen, auch von literar-
historischer Bedeutung wurde. Auch in der Behandlung des
Stoffes verläugnet sich der keltische Nationalcharakter nicht.
Der geringe Sinn für die Wahrheit, den schon Gildas als ein
Nationallaster seines Volkes bezeichnete, und eine Prahlsucht,
um die ganz in den Hintergrund gedrängte Nation wenigstens
in der Vergangenheit gewaltig erscheinen zu lassen, zeigen,
dass der Verfasser über sein Volk, wie es damals war, sich
nicht erhob, das bei starker Sinnlichkeit mehr von der Phan-
tasie und dem Gefühl, als von dem Verstand geleitet erscheint.
Das andre Werk dieser Gattung der Historiographie ist
ein äusserst unbedeutendes und werthloses. Es ist eine 826
verfasste Nationalgeschiehte der Franken, welche nach einer
handschriftlichen Notiz einem Erchaxbert"-) beigelegt wird.
Sie ist bis zum Jahr 720 durchaus auf Grund der Gesta Fran-
corum^), von ein paar Zusätzen abgesehen, geschrieben; da-
nach gibt sie nur wenige und dürftige Nachrichten, in welchen
selbst die wichtigsten Ereignisse nicht erwähnt werden: mü-
der Absetzung der merowiugischen Dynastie wird ausführlicher
nach der sagenhaften Ueberlieferung gedacht.
1) So in der Rolle, -welche die Dreizahl in Zahlenangaben spielt. S.
San-Marte S. 16.
2) Erchanberti Breviariiim in : üssennann. Prodromus Germaniae sacrae,
Sangall. 1790. T. I, p. XXXIX ff. — Auszüglich mit dem letzten Abschnitt
in: Monum. German. histor., Script. II, p. 327 f. S. über die Handschr.
Hänel in den Berichten d. k. sächs. Ges. d. Wiss. 1S65. S. Iff. , insbe-
sondere S. 12.
3) S. darüber Bd. I, S. 573.
392 Dicuil.
FUNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL.
GEOGRAPHIE: DICUIL, BERNARD.
Zum Schluss habe ich noch als Anhang zur Historio-
graphie zweier geographischen Schriften dieses Zeitalters zu
gedenken. Die ältere ist das Buch De mensin^a orhis terrae
des Iren Dicuil'), welches, wie der Autor selbst am Ende
sagt, i. J. 825 verfasst ist.-) Dicuil schrieb es, allem Anschein
nach, im höheren Alter. 3) In seiner Heimath gebildet, war
auch er nach dem Frankenreiche gezogen, um dort als Lehrer
zu wirken: als Grammatiker und namentlich als Metriker gibt
er sich auch in dieser Schrift zu erkennen.^) Als Magister
bekunden ihn offenbar die Hexameter, welche er einem für
Anfänger bestimmten metrischen und grammatischen Schulbuch
des Priscian, das er in ihnen selbst als solches bezeichnet, hin-
zufügte.'^} Ausserdem verfasste er in den Jahren 814 bis 816
ein noch ungedrucktes astronomisches Werk, eine Art Com-
putus, das aber auch in das Gebiet der Metrik hinüberstreift,
1) *Diciüli über de mensura orbis terrae a G. Parthey recognitus.
Berlin 1870. (Praef.) — Letronne , Recherches geogi'apbiques et critiques
sur le livre De mensura orbis terrae comp, par Dicuil, suivies du texte re-
stitue. Paris 1814. Dümmler, N. A. S. 256 ff.
2) Dass das Buch nach Karls des Grossen Zeit geschrieben, zeigt
auch schon c. 7, §. 3.5 eine Stelle, welche auch aus andern Rücksichten
erwähnenswerth ist: Sed idem Julius (Solinus) nuntiando de Gennania in-
sulisque eins unum de elephantibus , mentiens falso loquitur, dicens ele-
phantem numquam iacere, dum ille sicut bos certissime iacet, ut populi
communiter regni Francorum elephantem in tempore imperatoris Karoli
viderunt. Sed forsitan ideo hoc de elephante ficte aestimando scriptum
est, eo quod genua et suffragines sui, nisi quando iacet, non palam appa-
rent. Aus dieser Stelle ergibt sich meines Erachtens auch sicher, dass
Dicuil schon zu Karls Zeit in Frankreich, wenigstens nach 802, wo der
der Elephant dorthin kam, weilte, denn er spricht offenbar aus eigener
Anschauung.
3) S. darüber Letronne p. 22 ft".
4) S. den Eingang und c. 5, ed. Parthey p. 20.
5) S. diese zu den Purtiüones duodechn versuum Aeneidos principalium
hinzugefügten Verse bei Keil, Grammatici lat. Tom. III, p. 390.
De meiisura orbis terrae. 393
aus Prosa und Versen gemischt 0, dessen Bücher er einzeln
nach ihrer Vollendung dem Kaiser Ludwig in jenem Zeitraum
als jährliche Lehnsgabe darbrachte.-) Hiernach möchte man
fast vermuthen, dass Dicuil an der Hofschule eine Stellung;
eingenommen.
Das geographische Buch Dicuils ist eine, grossen Theils
wörtliche Compilation aus verschiedenen Werken des Alter-
thums, aber mit einigen interessanten Zusätzen, die der Ver-
fasser Reisenden seiner Zeit verdankte. Die Grundlage bildet
eine wohl gleich betitelte Schrift, der Bericht der von Kaiser
Theodosius zur Ausmessung des Reichs abgeordneten Missi'-^)-,
dazu hat der Verfasser dann Auszüge aus „einer unter dem
Consulat des Julius Caesar und Marcus Antonius verfassten
Cosmographie"^), sowie aus Soliu Plinius, Isidors Etymologien
und der Periegesis des Priscian hinzugefügt: die Zusätze aus
diesen Autoren wie die oben erwähnten aus mündlicher Ueber-
lieferung sind meist erdbeschreibender Natur.
Zuerst wird nur, der Anlage des Buchs entsprechend, von
den Massen, der Länge und Breite der Hauptländer der Erde,
bei einzelnen auch ihrer Provinzen gehandelt, indem bei der
Massbestimmung auch die Begrenzung in grossen Zügen ge-
geben wird. Es folgt dann ein Abschnitt über die fünf Haupt-
flüsse und einige andre; die ersteren sind der Nil — bei dem
der Autor am längsten verweilt — der Euphrat, Tigris, Ganges
1) ^Yie Dümmler sagt a. a. 0. S. 256. — Unter den dort von Dümm-
1er auszugsweise mitgetheilten Versen befinden sich auch , was unbemerkt
gebUeben, rythmische von eigenthümlicher Bildung, Langzeilen aus zwei
jambischen Dimetern gebUdet. also sechzehnsilbige Verse mit einer Cäsur
nach der achten mit vorherrschend iambischen Rythmus, die Langzeilen
erscheinen als Reimpaare, zuweüen auch mit Binnenreim, welcher dann
die beiden Hemistichen verbindet, z. B. :
Ac duodena vitia, quae sunt in prosa turpia.
In metro cum peritia absque ulla stultitia,
Sed cum vere invenerit quod debet reprehendere,
More frateiTio corrigat, ut me possit defendere.
Auch hier sind die rjthmischen Verse in scherzhafter Absicht angewandt.
Vgl. oben S. 322.
2) Also, wie der Hibemicus esul Karl d. Gr. Gedichte, s. oben S. 57.
3) T^^ovon wir sonst keine Nachricht haben, es ist wohl Theodosius L
zu verstehen. S. Parthey, Praef. Xllf.
4) S. c. S, ed. Parthey p. 2S.
394 Bernardus.
und die Donau: bei ihnen beschränkt sich der Verfasser nicht
auf die blossen Massangaben, sondern gedenkt auch ihrer
Inseln und des Landes, dem sie angehören, namentlich auch
seiner merkwürdigen wilden Thiere'); hier schöpft er vor-
nehmlich aus Solin, aber beim Nil macht er auch von der Er-
zählung eines irischen Mönches (c. 6) Mittheilung, der von
Jerusalem nach Aegypten segelnd, diesen Fluss befuhr, die
sieben „Scheunen" welche Josef in den Jahren der Frucht-
barkeit baute — die Pyramiden — bewunderte, und durch
einen Kanal bis zum rothen Meere schiffte. — Hierauf ist ein
längerer Abschnitt den Inseln des Meeres gewidmet; auch da
wird über Thule — Island — und die Faröerinseln der Mit-
theilungen irischer Kleriker gedacht, die sie besuchten.-) Dann
wird von den Dimensionen des Tyrrhenischen , d. h. hier des
ganzen mittelländischen Meeres, und von dessen Inseln gehan-
delt. Den Schluss bildet eine Nachricht von den sechs höch-
sten Bergen ; es sind der Olymp, der Athos, Atlas, Pelion, die
Alpen und die Pyrenäen — welchen Abschnitt und das Buch
selbst der Verfasser mit 41 Hexametern beendet.
Die kurze Inhaltsanalyse zeigt schon, wie mangelhaft die
ganze Anlage dieser rohen Compilation ist, die auch im ein-
zelnen sehr ungeordnet erscheint. Bemerkenswerth aber ist,
dass der Verfasser nicht ohne alle Kritik verfährt: er gibt
seinem Zweifel an „unglaublichen" Angaben des Solinus Aus-
druck, ja er unterdrückt wohl sogar deshalb eine desselben,
und berichtigt eine andre. ^)
Die andre Schrift ist ein kurzes Itinerarium^) eines frän-
kischen Mönches, der aber vielleicht einem Kloster Italiens
angehörte^), Bernaedus, über eine Reise von Rom nach Jeru-
1) Aber auch andrer, wie des Phönix, der nach Isidor und Solin aus-
führlicher behandelt wird. ed. Parthey p. 59 f.
2) C. 7. ed. Parthey p. 42 ff. — Die Nachi'iehten über Thule waren
Dicuil vor 30 Jahren geworden, von Klerikern, die sich ein Halbjahr dort
aufgehalten.
3) S. oben S. 392 Anm. 2 u. vgl. ferner ed. Parthey p. 5.5 unten u.
p. 56, sowie p. SO f.
4) In: Descriptiones Terrae sanctae ex saec. VIII, IX etc. nach Hand-
und Druckschriften herausg. v. T. Tobler. Leipzig 1874. p. 85 ff. u. 393 ff.
5) Im Eingang sagt er von den Brüdern die ihn begleiten: ex quibus
Itinerarium. 395
salem. Dieser Keiseberieht enthält manches interessante und
ist schon als einer der ältesten von dem heiligen Lande von
Wichtigkeit. Bernard machte die Fahrt in Begleitung eines
Beneventer und eines spanischen Mönches. Nachdem sie von
Papst Nicolaus ') die Erlaubniss und den Segen erhalten, zogen
sie zunächst zu dem Berge Garganus und besuchten seine
wunderbare Kirche, die kurz beschrieben wird-); von dort
begaben sie sich nach dem damals saracenischen Bari. Hier
verschafften sie sich von dem „Suldan dieser Stadt" Pässe in
aller Form 3) für die Reise in das Kalifenreich; wie wenig sie
ihnen nützten, sollten sie freilich bald erfahren. In Tarent,
wo gerade 9000 gefangene Beneventer Christen nach Afrika
eingeschifft werden, finden sie auf einem dieser Fahrzeuge die
Gelegenheit zur Ueberfahrt nach Alexandrien. Hier (c. 6) ge-
denkt der Verfasser des Raubs des Leibs des h. Marcus durch
die Venezianer. Auf dem Nil fahren die Pilger dann nach
Kairo; dort aber werden sie trotz ihrer Pässe ins Gefängniss
geworfen, bis sie endlich, nachdem jeder 13 Denare gezahlt
— die sie auch schon in Alexandrien hatten entrichten müssen
— neue, nun gültige Pässe erhalten, welche aber in den
Städten, die sie passirteu, zu visireu waren, was wieder Kosten
machte.^)
iinus erat ex monasterio beati Innocentü Beneventani. alter Hispauus, und
fügt dann hinzu: Francia vero est nativitatis meae locus; hiernach
möchte man glauben, dass er nicht einem Kloster Frauciens angehörte,
das er wohl sonst hier genannt hätte. Nach einer Bemerkung in c. 9
scheint seine Heimath die Champagne gewesen zu sein.
1) Es kann niu: Nicolaus I. gemeint sein, der von 858 — 867 Papst war,
hiermit ist schon die Zeit der Reise im allgemeinen bestimmt. Die Er-
wähnung des Theodosius als Patriarchen von Jerusalem (c. 10) zeigt aber,
dass sie nicht vor S64 unternoumien sein kann, da derselbe erst in diesem
Jahre Patriarch wurde (s. Tobler p. 396). — Des Itinerars gedenkt auch
Wilhelm von Malmesbury, De reb. gest. regum Anglor. 1. IV, c. 2, u. setzt
die Reise ungenau in d. J. 870, welche Angabe auch ein paar Hand-
schriften haben, indem Wühelm wohl diesen folgt.
2) Vgl. oben S. 358.
3) Quarum textus epistolarum notitiam vultus nostri vel intineris ex-
ponebat. c. 3.
4) Postquam vero inferius nominatas civitates ingi-essi sumus, non
prius permissi sumus exii-e quam chartam aut sigilli impressionem accipe-
remus, quod uno vel duobus denariis impetrabamus. c. 7. Man sieht, die
Polizei des Kalifenreichs gab der modernen nichts nach.
396 Bernardus, Itinerarium.
Von Kairo wenden sie sich wieder nach Norden und über
Damiette und das an Christen reiche Thanis reisen sie nach Fa-
rama, von wo sie dann die Wüste durchwandern. Ueber Gaza,
Kamleh, Emmaus gelangen sie nach Jerusalem. Hier gedenkt
denn der Verfasser kurz der heiligen Stätten und der auf ihnen
gegründeten Kirchen, ausführlicher der des heil. Grabes, welche
den Mittelpunkt der Welt in sich schliesst (c. 10). Auch rühmt
er das Hospital für Pilger lateinischer Zunge, welches, dank
der Freigebigkeit Karls des Grossen, nicht bloss reichen Grund-
besitz, sondern auch eine Bibliothek besitzt. Natürlich werden
von dem Verfasser auch die heiligen Orte der näheren und
ferneren Umgegend besucht, wie Gethsemane und das Thal
Josaphat, der Oelberg, Bethanien, Bethlehem und dabei manche
einzelne interessante Bemerkungen gemacht.')
Von der Rückreise Bernards wird nur dreier Stationen ge-
dacht, des Mons Aureus und seiner Crypta bei Rom, Roms
selbst, wo der Verfasser von seinen Reisegefährten sich ver-
abschiedet, und der Kirche des heil. Michael ad duas tumbas,
von der ein Naturwunder erzählt wird"-) ; hier endet der Reise-
bericht. Es folgen dann noch einige einzelne Notizen, die
offenbar später hinzugefügt sind. 3)
1) Z. B. c. 12: In ipso etiam loco est ecclesia in quo Dominus tradi-
tus est; habet ibi quatuor mensas rotundas coenae ipsius. Dies ist
beachtenswertli im Hinblick auf die Tafelrunde.
2) Welche Kirche hier gemeint sein kann, darüber fehlt jede An-
deutung.
3) Ob sie aber von dem Verfasser selbst herrühren, bleibt um so mehr
fraglich, als sie sich nicht in allen Handschriften finden.
E e g i s t e r.
V. bedeutet Vita. Durch * Trilrd auf die Anmerkungen der angeführten Seite verwiesen.
Abbo, Möncli v. St. Germain, 3.53.
Abecedarieii 324.
Abendmahlslehre 232 ff. 245 f. 253.
26S *.
Aberglauben Ki. 141. 211 f. 250*.
Adalhard, Abt v. Corbie, V. 236 ff.,
Charakter 242, De ord. palatii
254. —215. 231 f. 240*. 293 ff.
337. 342.
Adam v. Bremen 341*.
Adelperga v. Benevent 37. 39. 53 f.
Adhemar, Mönch, 303.
Ado, Erzb. v. Yienne , Leben 3S4,
Weltchronik 3s5, Martyrolog. 385f.,
Passio Desiderii 3S0, V. Theu-
derii 3'!>7.
Aelbert, Erzb. v. York, 13 f. 26.
Agius 294 ff., V. Hathumodae 294 ff"..
Elegie 290 f.
Agnellus, Leben 375, Liber pontif.
eccles. Eavenn. 370 ff'.
Agobard, Leben und Charakter
210 f., Contra ins. opin. de gran-
dine etc. 211 ff'., Contra eoriim
superstit. qui picturis etc. 212 f.,
Adversus legem Gundobaldi 213 f..
De divin. sententiis 214, Schriften
gegen die Juden 215 ff"., De divi-
sione imperü 21S, Lib. apologet.
pro filiis Ludovici 21S f., Schriften
gegen Felix 220, Fredegis 221,
Amalar 221 f.. De correctione An-
tiphon. 222. — 160. 26S. 272.
Aimoin v. St. Germain, Leben
352 f. , Transl. Vincentü 353 f.,
Transl. Georgii et Aurelii 355 f.,
De miracuUs S. Germani 356 f.
Aiulf, Erzb. v. Bourges, 82.
Alanus, Mönch v. Farfa, 3S0.
Alcuiu, Leben 13fi". . Grammatik
16 f., Rhetorik 18, Dialektik 19,
De orthogr. 19, Disputat. Pippini
20, astronom. Äbhandl. 21, Bibel-
commentare 21, De fide trinitat.
21, De nrtut. et vitiis 22, De ra-
tione animae 22, Heiligenleben
23 ö'.. De jjatribus, reg. et sanctis
Eubor. 25 t.. De clade Lindisfam.
27, Epigramme 28. Epistelpoesie
29 f., Elegien 30 f., Lyrik 31, Acro-
sticha 32, Räthsel, Fabel 32. Briefe
32 ff. — V. 344 f. — 4 f. 62 f. 65 f.
72. 80. 87*. 89. 91. 121 f. 128 f.
133. Ulf. 143 f. 147. 181 f. 185.
203. 277. 321. 339 f.
Aldhelm 16. 22*. 28. 301.
Aldrich, Abt von Ferrieres, 203.
344.
Alexander der Grosse, rythm.
Ged. auf, 321. 323 f.
Alexander S., Transl. 335.
Allegorie 182. 184. 197. 274 ff.
Alliteration 154*. 280. 292.
Altfrid, B. v. Münster, 338, Leben
des Liudger 338 ff'.
Alvarus, Leben 305, V. Eulogii
300 ff'., Indiculus luminos. 306 ff'.,
Charakteristik 3us f.. Confessio 309,
Briefe 309, Gedichte 310 f.
Anialarius 221 f.
Aniandus S. V. 278 ff".
Ambrosius 21. 207. 229. 237. 252.
• 378.
Anastasi US, Kirchengesch. 40.
Anastasius Bibliothecar. 375*.
Angelbert 312.
398
Register.
Angelsachsen 3 ff. 12. 20. 26. 33.
85. 380.
Angers. Abt v. , rythm. Ged. auf,
317. 324.
Angllbert, Leben 62 f., Ep. Ged.
auf Karl 5'J ff. , a. Gedichte 63 f.
— 6. 23. 30. 65 f.
Angilram, Bisch, v. Metz, 41*. 56.
Annalen 97 ff". 329.
Annales Bertiniani 364 ff.
Annales Fuldenses 368 ff'.
Annales Laurissenses 98.
Ansegis, Abt v. Fontanelle, 377 f.
Anselm S, 235.
Ansgar, Leben 341 ff., V. WiUehadi
340, Virtutes et mirac. WiUehadi
341.
Antichrist 307.
Anticlaudianiis 182*.
Apollinaris S., Ged. auf, 377.
Apollonius V. Tyrus 37S*.
Aquileia, rythm. Ged. auf, 88. 326.
— Rythm. Ged. gegen, 314 f. 322.
Arabische Poesie 307 f.
Arator 71*. 133.
Ardo gen. Smaragdus, Abtv. Ani-
ane, 346, Leben des Benedict v.
An. 346 ff'.
Arichis, Herzog v. Benevent, 37.
52 f.
Arno, Erzbisch, v. Salzburg, 6. 28.
30. 34 f. 89.
Arnulf 41.
Arthursage 389 f. 396*.
Astronom, Leben Ludwigs d. Fr.
361 ff.
Andald, Mönch v. Conkittas, 353.
Audrad gen. Modicus, Liber re-
velation. 273 f. , De fönte vitae
274 ft\, Passio Juliani 276.
Auetor, Bisch, v. Metz, 41.
Augustinus 21. 124 f. 134. 141. 213.
229. 235. 252. 262. 265*. 286. 378.
— Civit. dei 4. 6. 301. 383.
Aurelius S., Transl. 355.
Ausonius 184.
Avaren 79. 86 f. 89.
Avienus 301.
Avitus 71*. 133. 214.
Baugulf, Abt V. Fulda, 92. 121 f.
Basilissa S. 276.
Basilius der Grosse 90*.
Beda 19. 21. 128. 183*. 229. 286.
378. — Hist. eccles. 26. 42. 257.
391. — Martyrol. 128. 186. 268.
386. — Weltchronik 40. 45 f. 98.
384 f.
Benedict v. Aniaue V. 346 ff. —
30. 72. 81. 116. 172. 344. rJ
Benedict v. JVursia 43. 55. 119.
122. 298.
Beonrad, Erzb. v. Sens, 24. 30.
Bernardus, Itinerarium 394 ff.
Bernhard, Herzog, 243 f.
Bernold, Bisch, v. Strassburg, 170.
177.
Bertha, Tochter Karls d. Gr., 60.
62. 64.
Bertha, Tochter Lothars, Aebt. v.
Avenay, 194.
Bertharius, Abt v. Montecasino,
Ged. auf Benedict 298.
Bibliothelien der Klöster 378.
Bildergedichte 32. 142 f.
Bilderverehrnng 11. 14. 213. 223ff.
380.
Blaitniaic S. V. 153.
Bodo, Presbyter, 309.
Boetius 19. 128. 155. 198.
Bonifatius 3 f. 105 ff\ 257. 331. 333.
338 ff.
Brunn gen. Candidus, M. v. Fulda,
Leben 230, V. EigiUs 330 ff\
Calpurnius 65 ff".
Candidus s. Bruun u. Wizo.
Capella, Marcianus, 265. 286.
Cassianus 22.
Cassiodorius 134. 136. 384.
Christus, jüdische Sage. 217, Typen
385.
Chrodegang v. Metz 41.
Cicero 19. 205*. 209*. 231. 302.
Claudius v. Turin , Leben 222 f.,
Bibelcommentare 223, Apologeti-
cum 223. — 115*. 226 f.
Clemens, Grammatiker, 80. 116.
Columban S. 312.
Columella 159.
Computus 127. 392.
Contlictus veris et hiemis 68 ff.
Consentius, Grammatiker, 183*.
Constantius, V. Germani 288. 292.
Constructio Farfensis 379 f.
Cosmographia Jul. Caes. 393.
Cvpi'ii^n 272, Pseudocyprian. Schrift
*254.
Dante 149.
Demosthenes 302.
Denis S. s. Dionysius.
Desiderius S., Passio 386.
Deutsche Predigt und Beredsam-
keit 177. 239. 241.
Kegister.
399
Dicnil, Leben 392, Computus 392f.,
De mensura orb. terrae 393 ff.
Didactische Dichtunsen 73 ff. 15S.
2S1 fi'.
Dionysias Areopagita V. 34Sfi.
— 256. 2.59 f. 262.
Dodo 31. 6S.
Douatiis 15. Tl. lOSf. 1S3.
DrosfO, Sohn Karls d. Kahlen, 277.
Diiiigalu», Leben 224, Contra per-
vers. Claudii sententias 224 f. —
223.
Eanbald I., Erzb. v. York, 13.
Eanbald II.. Erzb. v. York, 34.
Ebbo. Erzb.' V. Keims, 167*. 173.
256. 360.
Eberhard, Markgraf v. Friaul, 125.
195.
Ebroio, Bisch, v. Poitiers, 356.
Ecloga diiaruni sanctinionialium
293 f.
Egbert. Erzb. v. York, 13.
Egilo. Erzb. v. Sens, 367*.
Eisil.' Abt V. Fulda , Leben 330 ff.,
Y. Sturmi 104 fl'. — 121 f.* 144.
Einbard, Leben 92 fi'., V. Caroli
94 ö". 165. 336, Annalen 9S, Transl.
Petri und Marceil. 99 fi'. .' (Passio
102. 323), Briefe 103 f., De ador.
cruce 104. — 29. 66. SO. 144. 157.
204 f. 329 f. 3.59. 378.
Eklogeii 31. 63 fi". 293.
Elbod, Bisch, v. Yenedotia. 3S7.
Elias. Bisch, v. Angouleme. 2S6.
Elipaud V. Toledo 299.
Eitgeluiodus. Panegvricus auf Ead-
bert 232.
Enhard. Mönch v. Fulda. Annalen
36S.
Epische Dichtongen 25. 56 fi".
171 fl'.
Erchaiibald, Kanzler, 80.
Erchanbert, Breviarium 391.
Erigena, Leben 257 fi".. Uebersetzung
des Dionys. Areop. 259, des Maxi-
mus 260. De divisione naturae
261 fi'.. De praedestin. 264 f., a.
theol. NYerke 265. Gedichte 265 f.
— 267 ff. 2'56. 290.
Erich, Markgraf, Ged. auf, 87. 326.
— 90.
Erlebald, Abt v. Reichenau, 146.
14Sf.
Ermeiirich 179. Y. Soli 179, Y.
Hariulfi ISO f., Epist. ad Grimal-
dum ISlff".
Ernientarius, Transl. S. Filiberti
350 f.
Eriuoldus Migelliis, Leben 170,
De gestis Ludovici 171 fi'., Elegien
176 fi'.
Esther, rvthm. Ged. auf, 3 IS, 326.
Ethehviilf, Gedicht 85.
Eugeiiiiis V. Toledo 310.
Eulogius, Leben 3o0 fi'., Memoriale
302 fi'., Docum. martjT. 304, Apo-
logeticum 3o4 f. , Briefe 305 *. —
Charakter 308. Hymnus auf 311.
— 355*.
Eusebius, Hist. eccles. 3S4, s. auch
Hieronj-mus.
Enstachius S., rythm. Ged. auf,
319 f. 327 f.
Eiitropius 39 f.
Eutjches, Grammatiker, 202.
Fabeln 32. 54.
Fastrade, Gemalin Karls d. Gr., 83.
Fegefeuer. Schilderung. 150 fi'. 256.
Felix. Bisch, v. l'rgel, 89. 220 fi'.
224.
Festus 38*.
Filibert S., Transl. 350 f.
Flavianus. Grammatiker, 37.
Flora S. 303 f.
Florentius S. 315.
Floriis 3S4.
Florus V. Lyon, Leben 268, De
actione missar. 268, Martvrol. 128.
268. 386, De praedestin. 26S f.,
Gedichte 269 fi'., Querela de divis.
imperii 269 f. . an Modoin 270 f.,
geistliche Gedichte 271 f. — 128.
16U. 186. 245*.
Fontanetuni. rvthm. Ged. auf, 312 f.
Fortunatiis 7. '28 f. 32. 4 5. 52. 59.
71*. 79. 133. 142. 144. 225. 294.
298*.
Frauco, B. v. Lüttich, 192. 195.
Frecliiiif. Leben 380. "SYeltchronik
381 fi'. — 130.
Fredegar 41. 234. 379.
Fürsteuspiegel HO. 198. 227. 250.
Gallus S., Y. 164, Y. 184.
Gaudulf V. Cilanfeuil 351.
Gauzlin, Abt v. Glanfeuil, 352.
Georgius v. C'ordoba S., Transl.
355 f.
Gerberg, Aebtissin v. Gandersheim,
297.
Gerhoh 127*. 144.
Gernianus S., Y. 287 ff.. Miracula
356 f. — 389 fi'.
Gerold, Archidiac, 13o.
400
Register.
Gerold. Bruder der K. Hildegard,
152.
Gervold, Abt v. Fontanelle, 379.
Gesta abbatuin Foiitanellens.
:5TT f.
Gesta episcop. Antissiodor. 287.
Gesta pontinc. Roinanor. 346 f.
— 41. 46.
Gesta reg'uin Fraiicoruui 255.
385. 391.
Gildas 33. 388. 391.
Gisela, Karls d. Gr. Schwester, 6.
21. 64. 80.
Gloiina, Kloster, rythm. Ged. auf,
315. 327.
Goal- S.. V. 190 f.
Gottfried v. Moiimoutli 388.
Gottsclialk 124 f. 138 f. 147. 160.
166 tf., pros. Schriften 167, Epist.
ad Ratramn. 167 f. , rythm. Ge-
dichte 169. 325 f. — 205. 208 f.
245. 249 f. 257. 264 f.
Gozbaid. Bisch, v. Würzburg, 180.
Gozbert, Abt v. St. GaUen, 164.
Gozbert, Diacon, 164.
Gozliii, Abt V. St. Germain, 356.
Gregor d. Gr., V. 42 , Cura past.
134, Dial. 55. 150. 201. 257. 298,
Homil. 21, Moral. 252. 307, Ep.
ad Reccared. 252. — 46. HO. 229.
Gregor v. IVaziaiiz 260. 262.
Gregor v. Utrecht V. 107 f. 339.
Griechische Sprachkeiintniss 49.
184. 192. 259. 267. 287. 289.
Grimald, Erzcapellan, 119. 128.
147 0'. 157 f. 179. 181. 183 f.
Günther, Erzb. v. Köln, 169*.
Giiiidrad. Base Karls d. Gr., 6. 22 f.
58.
Giiiidraiii, Neffe Rabans, 179 f.
Haiiuin, Mönch v. Sf. Vaast, 277 f.
Haimo, Lehrer Heirics, 285.
llaito, Abt V. Reichenau, 146, Vi-
sion. Wettini 152.
Ilardiiiii, Mönch v. Fontanelle, 379.
Ilarioir. Bisch, v. Langres, V. 180 f.
Ilartgar, Bisch, v. Lüttich, 191 ff.
Ilathiiiiiod . Aebtissin v. Ganders-
heim, V. 295 f. — 296 ff.
Ilatto, Abt V. Fulda, 121. 123. 137.
143 f.
Ilavelok, Sage v., isl*.
Heiligenleben in Prosa 23 f. 42.
104 ff. 164 f. 179 ff'. 190 f. 206 ff.
229 f. 236 ff'. 255. 292. 294 f. 302 ft".
330 ff'. 338 ff. 344 ff". 356 f.
Heiligenleben in Versen 24. 153 f.
184. 276. 278 ff. 285 ff".
Heiric. Leben 285 ff'., Vita Germani
2s7 ff. . Mirac. Germani 292. Pre-
digt 292, Hymne 292*.
Heistulf, Erzb. v. Mainz. 129. 131.
144.
Helisachar, Kanzler, 215. 380 f.
Helniengald, Pfalzgraf, 83.
Heraklius 142*.
Hesiod 183*.
Hibernicus exul, Episches Ged.
57 f.. a. Gedichte 58. — 325. 393*.
Hieronymiis, De vii'is illustr. 384,
Epitaph. 237. 239 f., Weltchronik
39. 384. 390. — 133*. 207. 229.
244. 286. — Ged. auf, 310.
Higbald, Abt v. Lindisfarne, 27 f.
Hildebald, Primicerius, 64.
Hildebert, M. v. Conliittas, 353.
Hildebold, B. v. Auxerre, 285 f.
Hildegard. Gemalin Karls d. Gr.,
41. 52. 333.
Hildiiin v. St. Denis 100. 102. 131.
147. 156. 216. 248. 337. 350. —
V. S. Dionysü 348 ff.
Hincniar, Leben 247 ff". , De prae-
destin. 249. De regis persona 25011'.,
De divortio Lotharii 250*, De ani-
mae ratione 250*. De cavendis vi-
tiis 252 f.. De ordine palatii 253 f.,
V. S. Remigii 255 f. , Visio Ber-
noldi 256 f., Verse 257*, Annalen
367 1". — 166. 205. 244. 257. 260.
273 f.
Historia misccila 40. 384.
Historiographie. Hauptgattungen,
328 ff".
Histrionen 63.
Hölle, Schilderung, 150.
Horschule 5. 18. 20. 34. 116. 119.
258. 261. 346*. 393.
Homer 183*.
Horatiiis 231. 301.
Horologium 189.
Hiicbald 277. 281. 287.
Hugbert S., V. 229 f.
Hugo, Abt V. St. Quentin, rythm.
Ged. auf, 314. 326.
Humbert, Bisch, v. Wüi'zburg, 137.
Hymnen 55 f. 84. 91. 145. 161 f.
163 f. 180. 272. 311. 357,
Jeremias, Erzb. v. Sens, 225.
Hdericus von 8alerno, eleg. Ged.
298.
luima, Einhards Gattin, 93 f.
Ingelbert, Abt v. St. Pierre des
Fosses, 352.
Jonas, Leben 225 f.. De cultu imagi-
Register.
4ai
num 226 f.. De institutione laicali
227 S, . De institut. regia 227 f.,
V. Hugberti 229 f. — 168. 205. 223.
Irische Rytbmen 324 f.
Jordan is '39 f. 47. 388 f. 378*.
Joseplnis 131. 3S4.
Irmiiidriid. Gemalin Karls d. Kah-
len, 266.
Iriinugard, Gemalin Kaiser Lothars.
194.
Isidorus, Etymol. IS f. 125. 135.
189. 393. — 46. 70. 136. 229. 309.
385.
Islam 299 f. 307 f.
Jadith. r^-thm. Ged. auf, 318.323.
Judith, Kaiserin. 130. 147. 156. 15S.
160. 204. 219 f. 243 f. 381.
Jalianus S. 276.
Jaliauus v. Toledo 286.
Jiistiiius 131.
Jiivenalis 301.
Jnvencas 71*. 133.
Karl der Grosse 3 ff. 14 ff'. 18.23.
29 f. 32. 34. 37 f. 41. 4S. 57 ff.
63 f. 66 ff. 72. 79 ff. S9. 94 ff. 99.
106. 108. 117. 151. 17S. 191. 237 f.
333. 339 f. 342. 347. — Planctus
auf, ."^11 f. 327.
Karl, Karls d. Gr. Sohn, 64. 81.
Karl der Kahle 118. 147. 156. 185.
194. 204 f. 20S f. 226. 233. 246.
24S. 250 f. 256 ff. 265 f. 273 f. 277.
2S1 ff. 292. 315. 356. 366 ff^ 381.
3S6.
KarluiauD, Karls des Kahlen Sohn,
251.
Karlmann, Karls des Kahlen Enkel.
252.
Karlsage 174. 363.
Konrad, Graf, 160.
Krenz 142 f, Verse auf das 310.
Laudolfns 8agax 40.
Lactantias 22. 229.
Laster 22. 74. 252. 282.
Lazarus, rythm. Ged. auf, 319.323.
Leidrad, Erzb. v. Lyon, 76. 210.
Leo. Sermonen 141.
Leodi'rid, Herzog, 196*.
Leoninische Hexameter 167 f.
311*.
Leovigild 355 f.
Leovigild, Presbyter, 310.
Leupichis 44.
Lioba, S. V. 332 ff.
Liudger, B. v. Münster, Leben 338 f.,
Vita des Gregor v. Utrecht 107 f.
Liudolf, Graf. 294 f. 297.
Ebert, Literatur des Mittelalters U.
Liutgard, Gemalin Karls d. Gr., 80 f.
Livius 207. 302.
Lothar, Kaiser, 93. 103. 117 f. 123.
130. 140 ff. 156. 160. 187. 194 f.
205. 210. 224. 243. 250*. 313. 315.
336. 361. 371.
Lothar II. 136. 198.
Ludwig der Deutsche 118. 124,
130 ff. 14S. 156. 194. 243*. 273.
343. 356. 361. 36S. 372.
Ludwig der Fromme 73. 81. 84.
93 f. 102 fi'. 111 ff'. 139 ff". 155 ff.
171 ff". 210. 218 ff. 238. 243. 248.
273. 314. 331. 342 ff. 359 ff. 371.
Ludwig IL. König v. Italien und
Kaiser, 273. 313. 316.
Ludwig der Stammler 251.
Lupus, Leben 203 f.. Briefe 205,
Kaisergesch. 206, V. AVigberti 206,
V. Maximini 20S, De tribus quae-
stion. 208 f. — 104. 115*. 122.
168. 185. 245. 285. 314.
Macer Floridus 158*.
Mailand, rythm. Ged. auf, 86*.
Mammes S., V. 153 f.
Maria, Prädicate 283.
Malmesbury, Wühelm v., 395*.
Marcellinus S.. Passio 102. Transl.
99 ff.
Marcus S. 395.
Marcward, Abt v. Prüm. 168. 185.
190. 205. 385.
Martin S. 273.
Martvrologien 128. 185 ff. 268.
Matfrid, Graf v. Orleans, 227 f.
Maurus S., Transl. 351 f.
Maximiuus, S., V. 208.
Meginhard, Transl. Alexandri 335.
Metrik. Kenntniss der antiken,
186 ff'.' 287. 289. — DiscipUn 17.
Michael, Erzengel. De apparitione,
358.
Mico V. St. Riquier 188.
Milo, Leben 277 f, V. Amandi 278 ff"..
De sobrietate 281 ff.
Modestus. Presbyter, 331.
Modoin, Bisch, v. Autun, 78. 82 f.
160. 270 f.
Mohamed. sagenhaftes Leben, 305
307.
Monate, Gedicht auf, 189.
^aso, Leben 65, Ekloge 65 ff. —
31. 70. 82*. 184.
Tifennius, Histor. Britonum 387 ff.
\ibridius. Bisch, v. Verona. 125.
26
402
Register.
Xitliard. Leben 370, Histor. 1. IV.
371 ff. — 63. 364.
Nomiiioi, Herzog d. Bretagne, 3t^.
IVoriiiaiiiieii, Einfälle, 350 ff. 35t; f.
IVotiiig, Bisch. V. Verona, 125.
Odilard, Mönch v. St. Germain,
Odo, Abt V. Glanfeuil , ^ Transl. S.
Mauri 351 f.
Origeues 262.
Origo genUs Laiigobaid. 46.
Origo gentis rouianae 39.
Orosius 39 f. 381 ff'. 385. 391.
Otfrid 122. 129.
Otgar, Erzb. v. Mainz, 124. 144.
Otlimar S., V. 165.
Ovidins, Metam. 67. 71. 159, Trist.
52. I7f.. — 7. 66. 178. 227.
Pantakoii S. 272.
Parabel, ryttm. Ged., 317, 327.
Paradies, Schilderung, 152.!
Passionen 102. 244. 276.
Pafricius S. 390.
Paulinns v. Aquileia, Leben 89,
Lib. exhortat. 90, De regula fidei
90, Hymnen 91, rythm. weltl. Ged.
87 ff". — 30. 35.
Paulinns \on Xola 71. 133. 225.
Paulus, Apostel, 274.
Paulus Diaconus, Leben 36 ff.,
Histor. romana 39 f. 45*, Fort-
setzungen ders. 40, Gesta episc.
Mettens. 47, V. Gregors 42, Histor.
Langob. 42 ff'.. Homiliensammlung
47. ^, Erklär, d. Regel Bened. 47,
Homilien 48, poet. Correspondenz
mit Petrus 48 ff., Epitaphien 52 f.,
Elegie auf d. Comersee 54, Fa-
beln 54, geistl. Ged. 55 f. — 5.
298. 323.
Petrus, Apostel, 274.
Petrus V. Pisa 5. 38. 48 ff.
Petrus S., Passio 102. Transl. 99 ff.
Philipp V. Thaiin 189*.
Physiologl 200*.
Pilatussage 200*.
Pippin, Karls d. Gr. Sohn, 20. 60.
63. 238, rythm. Ged. auf, 86 f.
322 f.
Pippin, Karls d. Kahlen Sohn, 277.
Pippin, Ludwigs d. Fr. Sohn, 170.
173. 176 ff. 227. 243. 314.
Placidas s. Eustachius.
Plinius d. altere 393.
Pomerius 90.
Ponipeius, Grammatiker, 71. 183*.
Porphyrius, Dichter, 142. 301.
Prädestinationslehre 124. 167 f.
208 f. 246 f. 249. 260. 264 f. 2b7 ff.
Priscianus 18. 183*. 184. 392 f. p,
Prosper 40. 143*. 229. 390.
Prudentius 22. 26. 71. 133. 162.
187 f. 199. 289. — Psychom. 75.
152*.
Prudentius v. Troyes, Leben 267,
De praedest. 267 f., Annalen 366.
— 205. 245*. 257*.
Quintilianus 302.
Raban, Leben 120 ff.. Grammatische
Schriften 126, Glossen u. deutsch.
Sprachinteresse 127, De computo
127 f., Martyrolog. 1 28, Bibelcom-
mentare 129 ff., De clericor. instit.
1 31ff., De universo 1 34 ff., De anima
136, theol. Flugschriften 137 ff.,
De oblat. puerorum 138, De re-
verentia filiorum 139, Predigten
140 ff.. De laud. s. crucis 142 f.,
Gelegenheitspoesie 144, Inschriften
ib., Secessio ib.. rythm. Ged. 145.
327. Hymnen 145. — 32. 82. 118.
160. 204 f. 330. 332. 334 f. 368.
Badbert, Leben 230 ff'., De corp. et
sang. Dei 232 ff., Epist. ad Frude-
gardum 234 f.. De partu virginis
235, De fide etc. 235, Bibelcom-
mentare 235 f., V. Adalhardi 236 ff.,
V. Walae 239 ff., Passio Ruiini et
Val. 244. — 205. 245 f. 253. 268*.
293* f.
Rado, Abt v. St. Vaast, 23. 28.
Rälhsel 14. 20. 32. 51.
Ratchis 37.
Ratgar, Abt v. Fulda. 121. 144.
330 f.
Ratleik 94. lOOfi'. 128. 144.
Ratraninus, Leben 244 f., De corp.
et sang. Dei 245 f. , De eo quod
Chr. ex virgine natus 246, De prae-
dest. 247 , Contra Graec. oppos.
247. — 167.
Reginbert v. Reichenau 162.
Reniigius S., V. 255. |
Reuiigius v. Auxerre 287.
Reim im Hexam. 16b* f., in Prosa
292 *. 31 1 *, in Rythmen 323. 325 ff.
Richarius S.. V. 23f.
Richer 367*.
Rimbert, Leben Ansgars 341 ff'.
Roman des eles 182*.
Ronceval 363.
Rorigo. Graf, 352.
Rotrud, Karls d. Gr. Tochter, 6.
21. 37. 64.
Register.
403
Rudolf V. Fulda. Charakteristik
332, Y. Liobae 332 ff., sogen. V.
Eabani 334 f. , Transl. Alexandri
335 f., Annalen 368 f. — 179.
Rufinns 384.
Rntiuus S., Passio 244.
Rutilus -1*.
RythniisiLe Dichtung 86 ff. 91.
102. 169. 180*. 196. 300. 311 ff.,
Yerfasser 321 f.. Kategorien d. Ged.
322. Yersarten. trochäische 322 ff'.,
iamb. 326 ff". — 357. 393*.
Sallustiu.s 207.
Samuel, Bisch, v. Worms. 121. 127*.
144.
Scliolastica 8.. Ged. auf. 56.
Schreibkunst 71. 85. 379 1.
Schulen 9 f. 26. 72. 119. 126 f. 379.
Scolen, sagenhafte Herkunft, 389.
^ecundus v. Trient 46.
8eduliu^. d. ältere, 71. 133. 143*.
Sedulius'Scotus. Leben 191 ff.. Ge-
dichte 193fl\, Elegien 193 f.. pa-
negyr. Gedichte 194 f.. Oden 195 f.,
an Robert 190. De verbece 196,
Allegorie 197, Certamen 197 f.. De
rectoribus christianis 1 98 S. , Ge-
dichte darin 199. Comment. in Eu-
tych. 202. — 325.
Seele, ^^atur der, 22 f. 136. 182.
Servius Honoratus 183.
Severu!*, Sulpicius, 181. 239 f.
Sigulf, Äbt V. Ferneres, 5. 344.
Smaragdus Ardo s. Ardo.
Sniaragdu!^, Abt v. S. Mihiel, Le-
ben 108 f., Commentar zumDonat
108 f., Diadema monach. 109 f.,
Yia regia 1 10 ff'., Liber comitis 112,
Comment. zur Benedict. Regel 112.
Hvmne 112. — 202.
Solinus 286. 393 f.
Speraiudeo, Abt, 300. 309.
Speratus S. 272.
Streitgedithte 68. 197 f.
SUirmi, Abt v. Fulda, Y. 104 ff.
Sualo S.,Y. 179 f., Hymn. auf 180.
Suetonius 95 f. 286.
Suuderolt, Erzb. v. Mainz, 336.
Synipliosius 20*.
TacHu)^, Germania 336.
Tado, Erzb. v. Mailand, 193. 196*.
Ta8>silo 57.
Tatto V. Reichenan 147. 160.
Terentius 231.
Tetberga. Königin. 250*.
Tetta. Aebtissin Y. Winbrunn, 333 f.
Thegan, Leben 358 f. V. Ludovici
359 ff'. — 160.
Theodemir, Abt, 223. 226* f.
TLeodoricb 155 f. 201.
Theodulf, Leben 70 ff'., Charakteri-
stik 73, theol. Schriften 72, di-
dact. Dichtungen 73 fi^, Paraenesis
ad iud. 75 ff"., moralis. beschreib.
Gedichte 78 f., Epistelpoesie 79 ft".,
Epigramme 83, L^Tik 84. — 6.S*.
66. 176. 184.
Theokrit 183*.
Tbeotger, Mönch. 354 f.
Theuderius S. Y. 387.
Thomas, Abt v. Farfa. 379.
Tiburtius S. 100 f.
Translationen 99 ff'. 334 ft\ 350 ff'.
Trojanersage 58. 388.
Tugenden 19. 22. 74 f.
Typen 385.
lltan, ;Mönch v. Lindisfame, 85.
l'suard. M. v. St. Germain. 355 f.,
Martyrol. 386.
Valerius ]*iaximus 286.
Valerius 8., Passio 244.
Vedastus 8., Y. 23.
Vegetius 136. 195.
Veit 8.. Transl. 336 f.
Verona, rythm. Ged. auf, 86*.
Victor, Aurelius 39. 384.
Victor, Julius 19.
Vlnceiitius, Transl. 353 f.
Virsilius, Aen. 26. 59. 176.
Eclog. 6. 51. 63 ff. 275*.
Geors?. 159. 183*. — 71. 91.
301,
294,
178.
r83. l92. 208*. 227. 231.345.377.
Visionen 149 ff.
342. 345.
256. 273 f. 296.
Wala Y. 239 ff., Charakter 242. —
215 f. 231. 337.
Walahfrid, Leben 146 ff'., Charak-
teristik 148. 165, De vision. Wet-
tini 149 0"., Yita Blaitmaici 153,
Y. Mammae 153 f.. De imag. Te-
trici 154 ff'., Hortulus 158 f., poet.
Episteln 15'9. Epigramme u. Lyrik
161. Hymnen 161 f.. De eccles. re-
rum exord. 162 ff'., Glossa ordin.
164, Yita S. Galli 164, Othmari
165. Ausg. Einhards 165. — 115*.
122: 127. 144. 167. 179. 184. 207*.
359 ff'.
Walcaud, Bisch, v. Lüttich, 229.
Waldo, Abt v. Maximin, 208.
SValdo^ Abt v. Reichenau, 151.
Waltbrabt. Graf. 335 f.
Wandalbert. Leben 185, MartyroL
185 ff'.. Y. Goaris 190 f.
40-i
Register.
Wando, Abt v. Fontanelle, 378.
Waudregisil, Abt v. Fontanelle,
377 f.
Wariii, Abt v. Corvey, 232 f.
Weise, Aussprüche ders., 201 f.
Weltalter 382. 385. 388.
Weltchioiiik 380 ff.
Weltgeschichte, Epochen 53*.
Weltreiche 382.
Weltwunder 201.
Weiiilo, Erzb. v. Sens, 267.
Wcttiii V. Reichenau 146 f. 149 ft.
256.
Farfa, 380.
Fritzlar, V. 206 f.
Wido, Graf, 22.
Wigbert, Abt v.
Wigbert, Abt v.
— 105.
Wilhelm, Graf v. Toulouse, 174.
347*.
Willehad, Bisch, v. Bremen, 340 f.
Willerich, Bisch, v. Bremen, 340.
Willibrord S., V. 23 ff. - 338.
Wizo (CancUdus) 5 f. 21. 30.
Wulfad, Erzb. v. Bourges, 261.
Wulfin, Grammatiker, 81*. 271.
Wursing 33S.
Druckfehler.
Seite 56, Zeile 8 von unten lies Meurisse.
., 160, „ 7 von oben lies jungen.
.. 287, „ 9 von oben tilge h.
Druck Ton J. B. Hirschfeld in Leipzig-.